Verschwörungsfragen Folge 2: Warum immer die Juden? Warum immer Israel? #Antisemitismus

In der zweiten Folge des Podcasts “Verschwörungsfragen” geht es um die Frage, warum bei Krisen immer wieder Juden wie aktuell George Soros sowie der Staat Israel (9 Mio. Einwohner) einer vermeintlichen “Weltverschwörung” beschuldigt werden. Warum nicht andere, viel größere Völker und Staaten wie z.B. das kurz vor Israel gegründete Pakistan (216 Mio. Einwohner)? Oder viel größere Religionen? – Diese Folge erklärt, dass sich alle Befunde wissenschaftlich mit Kenntnis von Sem / Semitismus, Alphabet / Alphabetisierung und Bildung sehr viel besser erklären lassen als mit antisemitischen Verschwörungsmythen.

Inzwischen hat der Podcast auch ein offizielles Cover & Farbschema:

Weil einige Browser bzw. Buffer mit dem Download von mp3-Dateien Schwierigkeiten haben, wird jede Verschwörungsfragen-Folge auch gleich via YouTube veröffentlicht. Auch arbeiten wir auf vielfachen Wunsch daran, den Podcast auch über den Blog hinaus zu hosten und zeitnah über die üblichen Provider wie Spotify, ITunes, Deezer & Co. zugänglich zu machen. Für das überwältigend große Interesse auch hier noch einmal herzlichen Dank!

Als MP3-File können Sie die Podcast-Folge hier selbstverständlich kostenfrei herunterladen.

Als Textdokument (pdf) finden Sie die Podcast-Folge selbstverständlich kostenfrei hier.

Auch hier auf dem Blog kann – wie schon bei Folge 1 rege genutzt – gerne gefragt und diskutiert werden.

Und hier der Fließtext von Folge 2:

Herzlich willkommen zur zweiten Folge des Podcasts „Verschwörungsfragen“. Vielen Dank für die vielen tollen und ermutigenden Rückmeldungen, die mein Team und ich zu unserem ersten Aufschlag bekommen haben – wie auch zu den vielen Fragen, Anregungen und Verbesserungsvorschlägen. Ein besonderer Dank geht an die üblichen, antisemitischen und rassistischen Trolle, deren Haterei uns ganz besonders anspornt und motiviert. Wir wollen uns weiter anstrengen und immer besser werden!

Mein Name ist Michael Blume, ich bin Schwabe mit ostdeutschen Wurzeln sowie Religionswissenschaftler. Mit Humor ist also in diesem Podcast auf gar keinen Fall zu rechnen. Denn wie Kenner des gepflegten Verschwörungsglaubens wissen: Die globale Weltregierung der Neuen Weltordnung (NWO) hat den deutschsprachigen Frohsinn eher dem Rheinland als dem Schwabenland zugewiesen. Und hat für die Geburt von Oliver Welke sogar die Existenz von Bielefeld simuliert.

Sie hören oder sehen: Unser Denken und Wissen sind von Klischees, Vorurteilen und mehr oder weniger bekannten Verschwörungserzählungen durchzogen. Viele davon sind liebenswürdig, viele harmlos, manche haben – wie die sogenannte Bielefeld-Verschwörung – sogar als digitaler Witz, als Prank, begonnen. In Filmen wie „Iron Sky“ und „Men in Black“ wurden zudem einige angeblich geheime und unterdrückte Verschwörungsmythen über Nazi-Reichsflugscheiben auf dem Mond und Alien-Agenten ironisch aufgegriffen, entlarvt und damit auch entschärft. Doch vor allem im Netz wachsen neue Varianten immer wieder nach.

Warum ist aber ausgerechnet die Judenfeindlichkeit so weit verbreitet und so gefährlich? Warum schwadronieren sowohl iranische, arabische wie russische Stimmen über eine vermeintlich jüdisch geprägte Weltverschwörung; ebenso wie auch deutsche wie der Identitäre Martin Sellner, die frühere Fernseh-Nachrichtensprecherin Eva Herman oder der Schweizer Sektengründer Ivo Sasek?

Warum erscheint es aktuell Millionen Verschwörungs-gläubigen rund um den Globus sofort als intuitiv einsichtig, dass angeblich der Holocaust-Überlebende George Soros, die USA und Virologen hinter dem Coronavirus-Ausbruch in Wuhan stecke? Warum käme dagegen kaum jemand auf die ebenso absurde Idee, dahinter eine Verschwörung aus den benachbarten Riesenländern Indien oder Pakistan zu vermuten, die doch immerhin wie auch China jeweils Teile von Kaschmir militärisch besetzt halten?

Warum wird der kleine Staat Israel mit rund 9 Millionen Einwohnern überhaupt von so vielen, auch im Selbstverständnis linksgerichteten Menschen als die größte Gefahr für den Weltfrieden wahrgenommen und boykottiert; das kurz vor der israelischen Staatsgründung inmitten brutaler Konflikte und Vertreibungen entstandene Pakistan mit über 216 Millionen Bürgerinnen und Bürgern aber nicht? Warum gibt es neben der Religions-, Kirchen- und Islamkritik eine vermeintlich pro-palästinensische „Israelkritik“, aber trotz der Verfolgung von Ahmadiyya, Rohingya und Uiguren keine globale Pakistan-, Myanmar- oder Chinakritik?

Kurz: Warum fixieren sich Verschwörungsgläubige quer durch die Kulturen bei jedem Konflikt und jeder Krise immer wieder auf Jüdinnen und vor allem Juden? Und warum kommen sie mit jedem anderen Nationalstaat samt dessen Konflikten klar, aber nicht mit Israel?

Tatsächlich sind die antisemitischen Verschwörungs-mythen von der Antike bis heute geradezu zwanghaft fixiert, nur einzelne Begriffe und Namen werden hin und wieder ausgetauscht: So werden aus Hebräern Juden und aus diesen Zionisten und aus den vermeintlich mitverschwörerischen Freimaurern Illuminaten und „Globalisten“. Auch der Mannheimer Xavier Naidoo reimte und raunte aus den Rothschilds pseudo-kreativ die „Totschilds“. „Die Juden sind unser Unglück!“ fasste Heinrich von Treitschke das Glaubensbekenntnis des Antisemitismus im 19. Jahrhundert zusammen. „Israel ist unser Unglück!“ plakatierte eine antisemitische Partei zur Europawahl zuletzt auch wieder in Deutschland.

Und auch die AfD hätte kaum jahrelang für einen Parteiausschluss gebraucht, wenn ihr Abgeordneter Wolfgang Gedeon das im 19. Jahrhundert gefälschte „Testament Zar Peters des Großen“ angepriesen hätte. Denn absurde Verschwörungsmythen gegen Putin sind in diesen Kreisen tabu. Dagegen fanden viele jahrelang, auf die Anfang des 20. Jahrhunderts nachweislich gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ werde man sich ja wohl noch berufen dürfen.

Nun wenden Antisemiten und Rassistinnen freilich ein, dass das Judentum nun einmal besonders verdächtig, weil besonders wirksam sei: Aus dem Judentum seien mit dem Christentum und dem Islam gleich die zwei größten „semitischen“ und „abrahamitischen“ Weltreligionen der Erde entstanden.

Und auf gerade einmal 0,2% von Jüdinnen und Juden an der gesamten Weltbevölkerung entfielen nun einmal rund 20% aller jeweils verliehenen Nobelpreise! Da liege doch die Position von zum Beispiel Thilo Sarrazin nahe, der in „Deutschland schafft sich ab“ raunte, Jüdinnen und Juden hätten sich eben zu besonderer Intelligenz emporgepaart.

So bekomme ich als Beauftragter gegen Antisemitismus regelmäßig zu hören: „Semiten“, dass wisse man doch, seien eine eigene „Rasse“ aus Juden und Arabern. Entsprechend könnten „geborene Semiten“ wie Mahmud Abbas oder Abraham Melzer doch eigentlich gar keinen Antisemitismus vertreten. Beliebt ist auch der Versuch, durch eine Schein-Identifikation mit Juden und Israel die eigenen Verschwörungsmythen rein zu waschen. Da heißt es dann: „Dr. Blume, machen Sie sich bitte bei mir keine Sorgen. Gegen Juden habe ich gar nichts, solange sie nicht mit Arabern, Muslimen und Flüchtlingen sympathisieren. An Israel stören mich eigentlich nur die vielen Moscheen.“

Wenn Sie aus diesem Dschungel aus Antisemitismus und Rassismus herausfinden wollen, dann haben die Wissenschaften für all diese Fragen und Befunde eine sehr viel einfachere Erklärung als alle Verschwörungsmythen zu bieten. Wir müssen dazu einfach nur drei Begriffe auf dem Stand des heutigen Wissens neu verstehen: Sem, Alphabet und Bildung.

Fangen wir mit Sem an, der uns in der hebräischen Bibel und auch im Koran als Schem, einer der Söhne Noahs, begegnet. Schem ist dabei nicht nur irgendein Name, sondern im Hebräischen eben „Name“ an sich. Namen haben im Judentum eine besondere Bedeutung, weswegen Gott auch als „HaSchem“ (der Name) bezeichnet wird. Auch die Holocaust-Gedenkstätte heißt nach einem biblischen Zitat „Yad va Schem“ – Denkmal und Name -, um an die Würde und die Namen der Ermordeten zu gedenken.

In der jüdischen Auslegung seit den Zeiten des Talmud ist Schem also bedeutend, galt aber nie als Begründer einer „Rasse“: Es gibt keine Menschenrassen und auch zum Judentum konnte und kann man übertreten. Entsprechend gab und gibt es Jüdinnen und Juden aller Herkunft und Hautfarben.

Die frühen Schriftgelehrten des Judentums schrieben Schem eine ganz andere, ausdrücklich nicht-rassistische und viel tiefere Bedeutung zu: Er sei der erste Mensch gewesen, der ein Lehrhaus – eine Schule und Gericht – in Alphabetschrift begründet habe. Dort habe er schon lange vor dem Entstehen des Judentums alle Menschen, die es lernen wollten, im noachidischen Bund unter dem Symbol des Regenbogens unterrichtet. Dazu gehörten auch, aber nicht nur seine Nachfahren Ever – der erste Hebräer – sowie Avraham und dessen Sklave Eliezer.

Historisch finden wir das erste, sogenannte „proto-semitische Alphabet“ um etwa 1700 vor Christus tatsächlich im Gebiet des heutigen Sinai. Daraus entwickelten sich über die phönizische Schrift die Konsonanten-Alphabete des Hebräischen, Aramäischen und Arabischen ebenso wie die vokalisierten Alphabete des Griechischen und Lateinischen.

So wurzelt der Begriff Alphabet selbst noch im Hebräischen: Aleph heißt Rind und Beth heißt Haus. Im griechischen Alpha und Beta verweisen die Laute dagegen schon nicht mehr auf Gegenstände. Aber selbst dem lateinischen, englischen und deutschen A kann man den gehörnten Stierkopf noch ansehen, wenn man es einfach mal umdreht.

All dies verweist auch bereits auf die Besonderheit von Alphabetschriften gegenüber anderen und teilweise älteren Schriftsystemen wie den mesopotamischen Keilschriften, den chinesischen Zeichen oder ägyptischen Hieroglyphen aus denen – über den Umweg einer vereinfachten Form – das Alphabet dann entstand: Mit nur wenigen Buchstaben lassen sich alle Texte darstellen.

War das Lesen und Schreiben bis dahin eine Angelegenheit kleiner, spezialisierter Eliten mit jahrelanger Ausbildung, so beginnt mit den Alphabeten eine Demokratisierung der Schrift.

Das Judentum wurde so zur ersten, buchstäblich semitischen Religion, in der eine Alphabetschrift die Mitte des Kultes und Rechtes bildet. Eine heutige, koschere Thorarolle besteht aus genau 304.805 von Hand geschriebenen Buchstaben – und eine Synagoge wird zur Synagoge nicht durch eine Weihehandlung oder ein Opfer, sondern durch die Einbringung der Thora mit Jubel und Tanz.

Man betrachte auch das außerordentliche Initiationsritual: In jeder Bar Mitzwa (für Jungen) oder Bat Mitzwa (für Mädchen) wird das Kind zum Erwachsenen, indem es – liest. Und dann wird gejubelt und es regnet Süßigkeiten. Auf einer solchen Feier erfahren und verstehen Sie mehr vom Judentum als in aller antisemitischen Schwurbelei.

Auch viele Nichtjuden werden sicherlich die Geschichte des 12jährigen Jesus kennen, der laut den Evangelien seinen Eltern in Jerusalem verlorenging. Sie fanden ihn demnach im Tempel, wo er mit den Schriftgelehrten diskutierte. Was für uns Heutige wie die Geschichte eines vielleicht Hochbegabten klingt, hatte für die Antike einen ganz anderen Klang: Das Judentum war die erste & lange auch einzige Religion, die gebot, dass auch das Kind eines Zimmermanns Lesen und Schreiben lernte.

Ganz ohne Pseudo-Genetik und Verschwörungsmythen können wir also sehr gut erklären, warum Jüdinnen und Juden zur Religions-, Kultur- und auch Wissensgeschichte der Menschheit so enorm viel beigetragen haben und beitragen; und warum sich dann auch Christentum, Islam und Bahai ebenso wie viele nichtreligiöse Weltanschauungen und fast das gesamte, verschriftete Recht auf Alphabet-Texte berufen.

Schem und Alphabetisierung führen zum dritten und letzten Schlüsselwort: Zur Bildung.

„Wir wollen einen Menschen machen nach unserem Bilde“, heißt es im ersten Buch Moses, 1, 26. Und der große Gelehrte und Arzt Mosche ben Maimon, im Judentum als Rambam und in Europa als Maimonides bekannt, leitete aus dieser Bibelstelle im 12. Jahrhundert mit übrigens arabischen Schriftzeichen und dem Rückgriff auch auf den Griechen Aristoteles das unermessliche und also aus-zu-bildende Potential jedes einzelnen Menschen ab.

Von ihm übertrug wiederum der christliche Theologe und Mystiker Meister Eckhardt den Begriff in die deutsche Sprache. Bis heute sprechen wir daher von „Bildung“ und ahnen sogar noch, dass damit ursprünglich weit mehr als Titel zur Einkommensmaximierung gemeint waren. Wir fordern „Allgemeinbildung“ und „Ausbildung“ für alle, werfen Arroganten „Einbildung“ vor, wünschen uns stattdessen auch „Charakter- und Herzensbildung“. Kurz: Wir bewegen uns im Medien- und Mythensystem des Semitismus.

Also nicht etwa chinesische oder europäische Gene, sondern allein die kleinere Zahl von Alphabet-Buchstaben ermöglichten zunächst arabischen und dann europäischen Schreibern die schnelle Übernahme von Papier aus China und damit die Ausweitung städtischer Bildung, die Renaissance.

Ebenso konnte der Mainzer Johannes Gutenberg ab 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern deswegen ent-wickeln, weil Alphabete wenige Buchstaben haben. Als dagegen schon im 9. Jahrhundert der chinesische Mäzen Wang Chien zu Ehren seiner Eltern eine buddhistische Diamant-Sutra drucken ließ, – heute die älteste, erhaltene Druckschrift der Welt -, musste er die ganze Seite schnitzen lassen. Denn die Tausenden chinesischen Schriftzeichen ließen sich nicht auf wenige, bewegliche Lettern reduzieren.

Deswegen konnte die Schriftbildung in Europa explodieren und regiert heute in China eine Partei, die sich auf den Zeitungs- und Buchautoren Karl Marx beruft. Rassismus oder Weltverschwörungsmythen führen dagegen in die Irre.

Die Macht der Medien zeigte sich auch in der Entwicklung der islamischen Hochkulturen: Ab 1485 setzte sich vom osmanischen Herrscherhaus aus dem frisch eroberten Konstantinopel / Istanbul die Auffassung durch, arabische Lettern dürften nicht gedruckt werden. Die meisten Sprachen in der von Muslimen beherrschten Welt wurden jedoch mit arabischen Buchstaben geschrieben.

Als Folge aus dem bis ins 18. Jahrhundert geltenden Druckverbot wurden die Lebenswelten von Muslimen, aber auch von arabischen und afrikanischen Christen und Juden stabilisiert, aber auch die Bildungsentwicklung dieser Regionen verzögert – mit Folgen bis heute.

Wer dagegen zum Beispiel die Schrift-, Bildungs- und Nationalgeschichte von Europa einschließlich Albaniens, des gesamten Balkans, von Russland und der Türkei bis nach Kasachstan verstehen möchte, kommt nicht um die Geschichte von Bitola und Saloniki herum. Letztere war aufgrund ihrer großen, jüdischen Gemeinden bis zur Neugründung Israels sogar die einzige Stadt am Mittelmeer, die am Schabbat ihren Hafen schloss. Hier wurden mit dem Kirchenvater Cyril und dem Republikgründer Kemal Atatürk gleich zwei der bedeutendsten Alphabet- und Bildungsreformer geboren.

Wundert es da noch irgendjemanden, dass zum Beispiel islamische und osmanisch-nationalistische Antisemiten auch in deutscher Sprache behaupten, auch Atatürk sei ein heimlicher Jude, ein „Dönme“, gewesen? Anders können sie sich seine Erfolge, seine entschiedene Orientierung an Bildung und an Europa sowie auch seine Absage an den damaligen Antisemitismus nicht erklären.

Es hat aber rein gar nichts mit einer Weltverschwörung zu tun, wenn heute der Kleinstaat Israel pro Jahr weit mehr wissenschaftliche und technologische Patente anmeldet als die gesamte arabische Welt.

Und es ist auch nicht die Schuld von Israel, dass zum Beispiel die Hamas nach dem Abzug Israels aus Gaza nicht etwa auf Frieden, Handel und Bildung setzte. Stattdessen verübt sie bis heute Gewalt auch gegen andersdenkende Palästinenser, schwelgt in antisemitischen Vernichtungsfantasien und finanziert Terror und Raketen. Sie verurteilt damit auch das von ihr beherrschte Volk zu Isolation, Verzweiflung und Leid und verhindert selbstverständlich auch Neuwahlen.

Antisemitismus bot nie und nirgendwo Antworten auf reale Probleme, sondern zerstörte Leben und Lebenschancen; nicht zuletzt auch jene der Antisemiten selbst. Wer da immer noch rassistisch behauptet, auch Araber könnten als „geborene Semiten“ keine Antisemiten sein, wird auch das antisemitische und mörderische Bündnis etwa zwischen Adolf Hitler und dem damaligen Jerusalemer Großmufti Mohammed Amin al-Husseini verleugnen.

Wer es dagegen wirklich gut auch mit den Palästinenserinnen und Palästinensern meint und ihnen für die Zukunft Frieden, Freiheit und Entwicklung wünscht, stellt sich der Geschichte und kämpft gleichermaßen gegen westlichen „und“ arabischen Antisemitismus an.   

Zum Fazit: Der Semitismus hat genau gar nichts mit Rassismus und Pseudo-Genetik zu tun, sondern alles mit den Möglichkeiten der Alphabetschrift, mit Religion und Bildung, mit verschriftetem Recht und Menschenwürde und schließlich mit der Hoffnung auf eine bessere, gemeinsame, friedliche Zukunft für Menschen verschiedener und auch keiner Religion. Nicht zufällig führen daher auch alle semitischen Religionen und Weltanschauungen seit dem Judentum lineare, aufsteigende Kalender: Am Ende soll es gut werden; und wenn es noch nicht gut ist, so ist es noch nicht das Ende.

Der Antisemitismus hat dagegen genau gar nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern speist sich seit der Antike aus Gefühlen des Bildungsneides, der Angstlust am vermeintlich drohenden Niedergang und schließlich am wahnhaften und rassistischen Verschwörungsglauben gegenüber Jüdinnen und Juden sowie vermeintlichen Mitverschwörern.

Und so schwadronieren Antisemiten und Rassistinnen heute auch im Internet über eine vermeintlich jüdisch-amerikanisch-chinesische Weltverschwörung und teilen die eine Menschheit in vermeintliche „Rassen“ ein, die sich im Kriegszustand befänden. Bis hin zur physikalischen Relativitätstheorie von Albert Einstein bezweifeln sie jeden Beitrag von Juden für Bildung, Wissenschaft und Fortschritt.

Vernünftige Menschen blicken dagegen mit Respekt und Dankbarkeit auf die Vielfalt der Religionen und Kulturen. Sie danken zum Beispiel Israel, Griechenland und Rom für bedeutende Traditionen auf Basis von Alphabet-schriften, Indien und Arabien für die Ziffern und reiche Erzählungen, China für Papier und Buchdruck und Johannes Gutenberg für deren Kombination.

Sie setzen sich mit Vorurteilen, die wir alle in uns tragen, kritisch auseinander und ehren wissenschaftliche und kulturelle Leistungen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit. Sie treten dafür ein, dass möglichst viele, ja einmal alle Menschen Bildung und Freiheit erlangen mögen.

In diesen Tagen des Coronavirus Covid19 gehört so auch international das deutsche Paul-Ehrlich-Institut zu den gemeinsamen Hoffnungsträgern für eine Überwindung der Krise. Der Namensgeber, deutscher Jude und Medizin-Nobelpreisträger Paul Ehrlich stand in der geistigen und medizinischen Tradition des Schem, Moses und Maimonides. Und nur deswegen wurde er von Antisemiten umso stärker angefeindet, umso größere Erfolge er mit Kollegen und Kolleginnen verschiedenster Herkunft für die Menschheit erzielte. Wer heute Ärztinnen und Virologen zu Beteiligten einer vermeintlich internationalen Pandemie-Weltverschwörung erklärt, stellt sich wiederum in diese unsägliche und schädliche Tradition des Antisemitismus.

Und all das müssen Sie selbstverständlich nicht alleine mir glauben oder innerlich erfühlen, wie es Ihnen Antisemiten und Esoterikerinnen abverlangen. Ernsthafte Aussagen lassen sich nachlesen & überprüfen.

An Religion Interessierten empfehle ich dafür zum Beispiel „The Great Partnership“ von Rabbi Lord Jonathan Sacks; wie auch dessen großartige, auf YouTube zu findende Rede „The World We Make with Words“. Auch Religionskritiker können im wundervollen Werk „Juden und Worte“ der bekennend atheistischen Israelis Fania Oz-Salzberger und Amos Oz fündig werden. Einen aktuellen, agnostisch-wissenschaftlichen Blick auf die Mythologie der Bibel bieten auch Carel van Schaik und Kai Michel in „Das Tagebuch der Menschheit“.

An Bildungs- und Wissensgeschichte Interessierte finden Schätze in gleich mehreren Büchern von Götz Aly und in „A Chosen Calling“ von Noah Efron. Wer in der Tradition von Karl Jaspers tiefer und auch praktischer über Sinn und Zukunft nachsinnen möchte sollte sich „Erlebte Zeit“ der Schweizer Philosophin Jeanne Hersch gönnen.

Mit den tiefen Folgen der langen Bild- und Druckverbote in der islamischen Welt befasst sich Dan Diner in „Versiegelte Zeit“. In meinem Buch „Islam in der Krise“ habe ich weitere Auswirkungen der osmanischen Dekrete von 1485 und 1515 aufgezeigt, etwa auf Bildung, Politik, Wirtschaft und Antisemitismus.

Als Beauftragter bat ich schließlich unseren Landtag und unsere Landesregierung darum, die vergriffenen, deutschsprachigen Werke des Holocaust-Überlebenden und Friedensnobelpreisträgers Ellie Wiesel wieder allgemein zugänglich zu machen, deren Rechte in Freiburg liegen. Dazu gehört Wiesels tiefgründiges Buch über Noah und sein Buch über die Weisheit des Talmud.

Mein Amtskollege in der Bundesregierung, Felix Klein, hat außerdem ein Vorwort zu der bemerkenswerten Sammlung „222 Juden verändern die Welt“ des Physikers Mario Markus beigesteuert. Zu den dort Vorgestellten gehören zum Beispiel Hannah Arendt, Paul Ehrlich, Nadine Gordimer und Jesus von Nazareth.

Wer also wissen will, kann wissen.

Und falls Sie noch mehr hören oder lesen wollen: In noch vielen weiteren, angedachten Folgen von „Verschwörungsfragen“ werden wir auch die Mythen und Wissenschaften rund um die beiden anderen Noahsöhne Japeth und Ham sowie die unterschätzte Rolle der Frauen betrachten, von Hirn-, Medien- und Klimawissenschaften hören sowie Tieferes über die Geschichte des Rassismus und des antiken, des christlichen, islamischen, linken, rechten und esoterischen Antisemitismus erfahren.

Ich hoffe, es ist aber auch deutlich geworden, warum ich diesen Podcast nicht nur schwätzen oder babbeln, sondern auch lesen mag. Die Rede hat ihren wichtigen Ort in der politischen Kultur; ebenso das Radio, der Film und das Internet. Aber wer über die semitischen Medien und Mythen informieren, wer für Bildung, Wissenschaft, das Miteinander der Kulturen und für Fortschritt eintreten will, kommt dabei nicht ohne das zugleich alltägliche und wundervolle Medium der Alphabetschrift aus.

Es bildet nicht weniger als die Grundlage unserer Kultur, unserer Religionen und Weltanschauungen, unserer parlamentarischen Demokratie und – man denke auch an unser Grundgesetz und die Menschenrechtserklärungen – unseres Rechtssystems. Entsprechend habe ich bei einem Vortrag im Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe die dortigen Juristinnen und Juristen darauf aufmerksam gemacht, dass sie in einer direkten Tradition mit dem Lehr- und Gerichtshaus des Schem stünden.

Wenn wir gegen den Antisemitismus erfolgreich sein wollen, dann müssen wir also reden, hören, schauen, zeigen, ja – aber wir müssen vor allem immer wieder auch Gutes, Historisches, Zukunftsweisendes, Wissenschaft-liches lesen. Ohne Ruhepausen für das Lesen ist kein echter Fortschritt zu haben. Der Name des Vaters von Schem – Noah – verweist genau darauf.

Zwischen wirklicher, reflektierter Bildung einerseits oder angst- und hasserfülltem Antisemitismus andererseits entscheiden wir uns alle; jeden Tag aufs Neue. Und deswegen ist es auch keine Floskel, wenn ich Ihnen an dieser Stelle für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit ganz herzlich danke.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

85 Kommentare

  1. Der arabisch-israelische Krieg von 1947 bis 1949 führte zu einer Vertreibung von rund 750.000 palästinensischen Arabern.
    Das war der erste Sympathieverlust in Israels Geschichte.
    Die Siedlungspolitik Israels im Westjordanland und in Ostjerusalem führt zu einem weiteren kontinuierlichen Sympathieverlust von Israel.
    Dass die palästinensischen Araber die Vertreibung und Unterdrückung erzürnt, das ist leicht verstehbar.
    —–
    Schriften mit Buchstaben für die Selbstlaute sind leichter lesbar, als solche ohne diese.
    Warum hat man so lange auf die Buchstaben für die Selbstlaute verzichtet?

    • Danke, @Karl Bednarik.

      Wobei Antisemiten wie Adolf Hitler, Grossmufti al-Husseini, die deutsche KPD u.v.m. die Neugründung Israels schon lange „vor“ der Staatsgründung bekämpften.

      Der Podcast „Verschwörungsfragen“ ist ab heute auch auf Spotify zu finden:

      https://open.spotify.com/episode/1sziDouqJRA3DdfwEfFlCS?si=3-BgCsCvSTCdCdfFVYkZJw&nd=1

      Der Übergang zu Laut- und Alphabetschrift aus Bild- und Zählzeichen war nicht nur kognitiv mühsam, sondern traf auch auf Widerstände der bisherigen Schreiber-Spezialisten. Thomas Mann kontrastiert dies in seinen Joseph-Romanen als Ringen zwischen hoheitlich verwalteter „Gottessprache“ (Hieroglyphen) und egalisierender „Menschensprache“ (Demotisch, Alphabet).

      Daher konnten sich frühe Alphabete besser außerhalb der imperialen Zentren durchsetzen. Sie erwuchsen, soweit wir wissen, von den Macht-Rändern der Gesellschaft.

      • Hallo Herr Prof. Dr. Blume,
        Ich verfolge hier auf Zypern ihren Podcast als auch Schriften von Ihnen.
        Ich finde es gut, dass Sie auch Ihre Thesen dem Diskurs öffnen, denn Antisemitismus können wir nur im demokratischen und wissenschaftlichen Diskurs bekämpfen.

        Ich teile bei vielen Aussagen nicht Ihre Meinung, was auch völlig in Ordnung ist, jedoch würde ich mich schon freuen, wenn man Antisemitismus und „Antizionismus“ nicht pauschalisiert.
        Genug jüdische Akademiker als auch die historische Entwicklung beginnend mit Theodor Herzl differenzieren da eindeutig.

        Egal ob Moshe Zuckermann, Felicia Langer, Schlomo Sand, Norman Finkelstein, etc…
        Zionismus und Judentum sind verschiedene Dinge, dass wusste auch Theodor Herzl und auch in der israelischen Gesellschaft.

        Yitzhak Rabin wurde 1993 von einem radikalen,rassistischen,israelischen Fundamentalisten ermordet, weil er die Gleichberechtigung als Verrat am jüdischen Volk gesehen hat.

        Ich finde auch so etwas wie eine Lobby zu negieren falsch, es gibt Lobbyisten, ob für Chinesen, Russen, Türken, gewisse Konzerne aber auch für Israel und diese haben eben mehr Einfluss, als andere Interessengruppen.

        John J. Mearsheimer als auch Steven M. Walt haben das in ihrem Buch „ gut dargestellt.

        Auch die formale Gleichsetzung von „rechten und linken Antisemitismus“ finde ich falsch, da Marx in seinen Schriften, sehr explizit dargestellt hat.
        Ich rede jetzt nicht davon dass Marx Ferdinand Lasalle als „Judenneger“ bezeichnet und deswegen der Marxismus tendenziell antisemitisch ist.
        In der KPD gab es in der Tat antisemitische Tendenzen vorallem um Ruth Fischer herum, die einen „Schulterschluss mit den Arbeitern die der NSDAP nahe stehen min diese für sich zu gewinnen“ Jedoch hieraus zu schließen, dass die Linken antisemitisch sind ist pauschalisierend und tendenziell falsch.

        Es gab genug linke, kommunistische Juden, die gerade für ein sekuläres Israel gekämpft haben. Heute werden genau diese Menschen als „Self-hating Jews“ bezeichnet.

        Sie haben vollkommen Recht, dass Israel, nicht anders unterdrückend mit israelischen Arabern, sekulären Israelis,ChristenInnen, schwarze Juden/JüdInnen und eben auch Palästinenserlnnen so umgeht, wie in China mit Uiguren und in vielen Ländern Regierungen mit religiösen Minderheiten. Der Unterschied ist jedoch der, dass weder China, noch Russland oder irgendein anderes Land so eine Politik vollziehen kann und trotzdem in der Opferrolle verharrt.

        1967 ist ein Beweis dafür, diese Gebiete bis heute besetzt zu behalten. Judentum und die Rolle von Israel sind eben zwei Paar Schuhe. Heute wird aggressive Besatzungspolitik unter dem Deckmantel „Eretz Israel“ betrieben. Eine Hybris beim Staat Israel der als einziger Staat im Nahen Osten die Atombombe besitzt.

        Es gibt in der Tat eine Dimension vor 1948, vor der Shoa und der Pogrome, nur ist niemanden geholfen von Hizbollah und Hamas zu sprechen, wenn man nicht von Irgun, Gruppe Stern, Hagali, etc… nicht anspricht.

        Es sind zwei Seiten einer Medaille beides bedroht Frieden und schürrt nur mehr Hass.

        Ich hoffe Sie machen weiter und nehmen auch die Kritik zu Herzen.

        Liebe Grüße

        Timur

    • Der arabisch-israelische Krieg von 1947 bis 1949 führte zu einer Vertreibung von rund 750.000 palästinensischen Arabern.
      Das war der erste Sympathieverlust in Israels Geschichte.

      Das sehe ich eigentlich anders. Der Wendepunkt im Ansehen Israels bei den europäischen Linken war nach dem 6-Tage Krieg. Da änderte sich das Bild in der Weise, daß nicht die umgebenden arabischen Staaten das kleine Israel bekämpften sondern Israel die Palästinenser unterdrückte.

      Gruss
      Rudi Knoth

      • Wie geschrieben gab es den antisemitischen „Antizionismus“ von rechts und links schon Jahrzehnte vor der Staatsgründung Israels, insbesondere in der Weimarer Republik. Gäbe es dazu Interesse an einer eigenen „Verschwörungsfragen“-Folge, @Rudi Knoth? 🤔🌍 🇩🇪 🇮🇱

        • Was sind denn so die gängigen Verschwörungstheorien in Fernost (China und Japan) und was haben/hatten die mit Juden zu tun? Sonst kann ich lch leider wenig dazu sagen. Ich weiß, daß die Chemtrail-Theorie Unsinn ist und ich war vor 25 Jahren selber beruflich in Bielefeld.

          Gruss
          Rudi Knoth

          • Vielen Dank, die Fragen nehme ich gerne für die Zukunft auf. 👍

            Und ggf. können Sie ja mal gedanklich üben, wie Sie Bielefeld-Verschwörungsgläubige von der Existenz der Stadt überzeugen würden. Da wird einem vieles klar, auch im Bezug auf die sog. „Relativitätskritik“ und deren geglaubte Einstein-Physiker-Verschwörung…

    • “Der arabisch-israelische Krieg von 1947 bis 1949 führte zu einer Vertreibung von rund 750.000 palästinensischen Arabern.”

      Das entspricht nicht den Tatsachen. Es gab Araber, die auf Anweisung ihrer Anführer geflohen sind. Es gab auch Araber, die freiwillig gingen. Hinzu kommt, dass die arabischen Staaten 800.000 Juden vertrieben haben. Natürlich nachdem sie die Juden von Hab & Gut befreit hatten. Nebenbei: die “Palästinenser” wurden erst später “erfunden”.

      “Die Siedlungspolitik Israels im Westjordanland und in Ostjerusalem führt zu einem weiteren kontinuierlichen Sympathieverlust von Israel.”

      Sympathieverlust. Bei wem? Bei nur bei den Eliten des Iraks, Syriens, Ägyptens, Libyens, Saudi Arabiens, Jemens, etc die ihrer Bevölkerung en unterdrücken und sie zwingen in Diktaturen & autokratischen Systemen zu leben.

      Die Juden haben ein verbrieftes Recht sich in Judäa und Samaria niederzulassen. Dass diese Gebiete “judenrein” sein sollen, ist der feuchte Traum der Araber. Nebenbei: Das von Jordanien völkerrechtswidrig besetzte “Ostjerusalem” wurde von Israel befreit.

      “Dass die palästinensischen Araber die Vertreibung und Unterdrückung erzürnt, das ist leicht verstehbar.”

      Mit der Unterdrückung meinen Sie sicherlich die klerikal faschistische Terrorgruppe der Hamas bzw. die mafiöse Gruppierung der PA, deren Anführer “Präsident” Abbas ist.

      Noch was: In Israel haben die Araber die gleichen Rechte wie die Juden. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten in dem Araber in einer Demokratie leben können.

      Kein weiterer Text.

      • Zum Kommentar von @MIchael würde ich nur noch ergänzen wollen, dass es nach Bekannterden des Trump-Teilungsplans auch zu Demonstrationen arabischer Israelis kam – die auf keinen Fall ihre israelische Staatsangehörigkeit verlieren und stattdessen zu BürgerInnen eines palästinensischen Staates werden wollen.

        Die Situation vor Ort ist viel komplexer und vielschichtiger, als es aus der Ferne scheint.

        • Der Begriff “Araber” oder “Palästinenser” verdeckt die Religionszugehörigkeit. Ist das gewollt?

          Wie war die religiöse Verteilung 1947/48 (Nakba) der Geflüchteten 700.000? Nur Nichtjuden?

          • Nein, @WalterF, da wird nix „verdeckt“: So gab und gibt es arabische Muslime, Christen, Drusen usw. sowie arabisch-sprachige Gruppen, die sich selbst nicht als „Palästinenser“ verstehen, mir ggü. beispielsweise Beduinen vom Negev.

            Beginnend mit den Farhud-Pogromen von Bagdad 1941 wurden auch rund 900.000 Jüdinnen und Juden aus den arabischen Ländern vertrieben, in denen sie teilweise seit Jahrtausenden gelebt hatten, z.B. Irak.

    • @ Karl Bednarik
      27.03.2020, 04:31 Uhr

      Schriften mit Buchstaben für die Selbstlaute sind leichter lesbar, als solche ohne diese.
      Warum hat man so lange auf die Buchstaben für die Selbstlaute verzichtet?

      Die Frage ist interessant, aber nicht präzise genug gestellt.

      Die ursprünglichen semitischen Alphabetschriften sind keine Konsonanten-, sondern Silbenschriften. Für die Zeitgenossen waren sie absolut flüssig lesbar. (Auf den Reflexionsschritt, Silben noch einmal weiter aufzusplittern in Konsonanten und Vokale, muß man ja auch erst einmal kommen.)

      Das Problem ist, daß Sprache sich verändert, und daß sich eine Silbenschrift nicht ohne weiteres diesen Veränderungen anpassen kann. Das fällt Ihnen aber erst auf, wenn Sie schon über Schriften verfügen, die einige hundert Jahre alt sind, und die Sie nicht mehr ohne weiteres verstehen. Dann passiert auf einmal der Riesenunfall, daß heute niemand mehr mit Sicherheit rekonstruieren kann, wie eigentlich der heiligste Name ausgesprochen wurde: JHWH – Und was er bedeutete. Selbst die Zeugen Jehovas, die sich nun wirklich am meisten den Kopf zerbrochen haben über diese Frage, geben inzwischen zu, daß nicht einmal sie es wissen. Jahwe? Jehova? Jahu(w)? Man lernte mit der Zeit, sich dann mit einem komplizierten System diakritischer Zeichen zu behelfen (die ganzen Pünktchen).

      Den Griechen allerdings stellt sich dieses Problem unmittelbar, weil sie eine ungeheuer vokalreiche Sprache haben. In meiner Schulzeit war ich verblüfft, daß die Griechen so ein wunderschönes Wort bilden konnten wie Hendiadyoin. Da wurde es unumgänglich, weitgehend auch die Vokale auszuschreiben. (Auch nicht durchgehend. Herakles und Heraklit schreiben sie noch „Hrakles“und „Hraklit“, da lesen sie das fehlende „e“ noch automatisch mit.) Das ist dann eine Innovation, die die Lateiner übernommen haben.

      • @Alubehüteter

        Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie gerne ermutigen, ein paar Ausführungen zur Entwicklung der sog. Silbenalphabete in und um Indien beizusteuern. Das ist zwar etwas außerhalb des Podcast-Themas, aber würde sicherlich einige Leserinnen und Leser interessieren! 👍📚

        • Nur allzugerne möchte ich mich von Ihnen motivieren lassen, etwas über die Entwicklung der indischen Schrift(en) beizutragen. Ich habe allerdings überhaupt keine Ahnung davon. 🤔🙄

          Freut mich aber, daß es mir erfolgreich gelingt, mich hier weitaus schlauer zu geben, als ich in Wirklichkeit bin 😂

      • @ Alubehüteter: Bei Herakles und Heraklit liegen Sie leider falsch. Das “H” ist erst viel später in der lateinischen Sprache hinzugekommen. Im Altgriechischen sind es “Ἡρακλῆς” bzw. “Ἡράκλειτος ὁ Ἐφέσιος”, der erste Buchstabe ist nicht der lateinische Konsonant “H” sondern der griechische Vokal “Η” Ita / Eta, der siebte Buchstabe im griechischen Alfabet. Im Neugriechischen wird es heute noch “Ηρακλής” bzw. “Ηράκλειτος” geschrieben und Iraklís bzw. Iráklitos (Betonung auf der Silbe des Tonos / Akut) ausgesprochen. Das gehauchte deutsche “H” hat es im weder im Altgriechischen noch im Neugriechischen jemals gegeben, was zur Unmöglichkeit führt, den Namen Rehhagel als Grieche jemals richtig aussprechen zu können. Im Deutschen müsste es also Iraklis, Irakles oder Erakles bzw. Irakleitos / Erakleitos / Iraklitos ausgesprochen werden (je nachdem ob man Erasmus von Rotterdam folgt oder nicht). Dass daraus insbesondere das massakrierte Heraklit herausgekommen ist über die Jahrtausende lässt jede*n Griech*in nur erschauern.

    • Wie ist bei Ihnen das Verhältnis “Antisemitismus” zu “Rassismus”?

      [Bei anderen ist es häufig 99 zu 1, was ich mir nicht erklären kann. Denn “Rassismus” (Oberbegriff) ist doch umfassender als Antisemitismus (Unterbegriff)?]

  2. Ja, diese Sündenbockfunktion ist schon in ihrer thematischen Ansprache geradezu OBSZÖN, wo es doch offensichtlich ist, dass es besonders auf der Seite der Nichtjuden schon immer sehr viel mehr Drecksäcke gibt, die systemrational-wettbewerbsbedingt nur ihren egoistischen Profit aus dieser Welt- und “Werteordnung” ziehen und faule Ausreden generieren.

    • Danke, @hto. Nach meiner – doch schon reichlichen – Erfahrung im Umgang mit Menschen verschiedenster Völker, Religionen und Kulturen sehe ich das schwäbische Sprichwort bestätigt: „Es gibt überall sodde und sodde!“ – Also solche und solche. Ein israelischer Freund bat mich einmal darum, bei jedem Vortrag zu erwähnen, dass Staatsanwälte in Israel ebenso zu tun hätten wie in jeder anderen Demokratie.

      Es geht also nicht darum, ob Juden oder Nichtjuden bessere Menschen wären. Es geht darum, dass wir alle Menschen mit Würde sind. Und dass also jeder pauschalisierte Verschwörungsvorwurf gegen ein Volk oder eine Religionsgemeinschaft absurd, falsch und gefährlich ist. Wenn das angekommen ist, wäre ich dankbar und froh.

  3. Ja @Blume, es gibt Menschen die mit der Wahrheit des Gemeinschaftseigentums “wie im Himmel all so auf Erden” leben wollen, und leider eine Mehrheit (vor allem Nichtjuden) die sich in der Unwahrheit eingerichtet hat und alles mit in den Dreck ihrer faulen/heuchlerischen Ausreden ziehen.

    • Nun, @hto – wie würden Sie dann das weitgehende Scheitern gerade auch der israelisch-sozialistischen Kibbuzim bewerten? Hat es für Sie erkenntnishaften Wert oder vermuten Sie auch dahinter nur „faule/heuchlerische Ausreden“? 🤔

  4. Karl Bednarik, Rudi Knoth,
    Sympathieverlust……was soll das denn ?
    Israel steht mit dem Rücken zur Wand. Iran hat offen damit gedroht, die Israelis ins Meer zurückzutreiben. Das ist doch eine nicht ausgesprochene “Kriegserklärung”.
    Nur den USA und dem beharrlichen Bestreben der israelischen Führung ist es zu verdanken, dass es diesen Staat noch gibt.

    • Das war nicht meine Einschätzung von Israel, sondern die von anderen Deutschen vor allem aus einem bestimmten politischen Lager. Diese Leute sympathisieren mit den Palästinensern und zum Teil auch mit dem Regime im Iran. Die Vertreibungs- und Vernichtungsphantasien etwa von Nasser “vergisst” Bednarik.

      Gruss
      Rudi Knoth

  5. eine technische Frage: ich möchte diesen Podcast abonnieren.
    Gibts da schon entsprechende Schnittstellen?

    • Ja, @donald mueller – dieser Podcast steht ab heute auch auf Spotify zur Verfügung. Weitere Portale auch mit Abo-Funktionen sollen folgen.

      Vielen Dank für Ihr Interesse! ✊📚✅

  6. Einer der größten Unfälle in der Geistesgeschichte war wohl die Eroberung Konstantinopels durch westlich-katholische Kreuzfahrer anno 1204.
    Die haben Texte in fremden Buchstaben (griechisch, überwiegend) als ‘ketzerisch’ zerstört.
    Zum Glück gab es Übersetzungen des Aristoteles in Arabisch.

    • Oh ja, @wereatheist. Tatsächlich wurde das in Europa vorherrschende Pergament aus Tierhäuten hergestellt, war entsprechend teuer, selten und oft in ländlichen Klöstern verfügbar. Viele Kreuzritter waren illiterate „Barbaren“ (griechisch für Nicht-Hochsprache-Sprechende Br-Br-Sager).

      Erst die Übernahme der Papierherstellung zunächst aus Textilfasern verbilligte das Schreibmaterial und verlegte es in die Städte, wo mehr Lumpen zu finden waren.

      Also auch hier: Nix mit „Rasse“. Es schadet nicht, wenn sich gerade auch Europäer daran erinnern, wie kostbar und Medien-abhängig Bildungsfortschritt war und ist.

      • Ich wollte eigentlich nur sagen, dass vor dem Spätmittelalter/ der Renaissance Christen das antike Kulturerbe verkommen ließen, oder sogar vorsätzlich zerstörten, während im arabischen Kulturraum anfangs auch pagane Texte häufig genug abgeschrieben wurden, so dass die eher kurze Haltbarkeit von Papyri (sofern sie nicht geröstet werden) nicht zu (großen) Kulturverlusten führte.
        Das wird wohl daran gelegen haben, dass
        a)Die Araber keine “alten Rechnungen” mit der paganen Antike begleichen wollten, im Gegensatz zu den Christen, die sich gern Verfolgungen ausgedacht haben, die es nicht gegeben hat (es hat welche gegeben, aber nicht in dem Ausmaß, das katholische/orthodoxe Legenden behaupten)
        β)Die arabische Schrift eine Art “Steno” ist, so dass Texte gleichen Informationsgehalts leichter vervielfältigt werden konnten als mit Buchmalerei von einzelnen Lettern
        3) Die Araber mit Papyrus (und danach früher als die Europäer, Papier) billigeres Material hatten, was das Kopieren von nicht-so-heiligen Texten verschmerzbar macht.

  7. Überlegen wir uns vorerst einige weitere Fragen:
    Haben die heutigen Juden einen rechtlichen Anspruch auf die Landfläche von Israel?
    Sollen wir die Landverteilung nach dem Muster des Jahres Null organisieren?
    Damals gehörte Wien zum Römischen Imperium, und Israel auch.
    Und die USA war in der Hand der amerikanischen Ureinwohner.
    Offenbar wird die Landverteilung mit roher Gewalt organisiert.
    Auch die Israeliten der noch ferneren Vergangenheit haben ihr Land anderen Völkern weg genommen.

    • Und was soll das bedeuten, @Karl Bednarik? Haben die heutigen Pakistanis „ein Recht“ auf Pakistan, müssen alle mit den Osmanen eingewanderten Türken die Türkei aufgeben, weiße Australier Australien verlassen und alle Nord-, Mittel- und Südamerikaner mit (auch) europäischen Wurzeln den amerikanischen Kontinent?

      Sie stellen die m.E. im Vergleich klar absurde Frage nach einem historischen Wohnrecht über Jahrtausende hinweg nur im Hinblick auf Israel, obwohl andere und viel größere Nationen von den gleichen Überlegungen betroffen wären.

      Und das ist genau das oben geschilderte Problem der antisemitischen Wahrnehmung.

      Fakt ist: Israelis müssen ebensowenig ein „Besitzrecht“ historisch-genetisch herleiten wie Pakistanis, Türkinnen, Australier, weiße Amerikanerinnen u.v.m. Wer wirklich Frieden will, erkennt zunächst alle bereits bestehenden Nationalstaaten an.

    • Um das “Jahr Null”, das es nicht gab, gab es sehr wohl schon eine jüdische Gemeinde in Rom, aber vor allem viele große im gesamten östlichen Mittelmeerraum. So war z.B. in Alexandria, in Ägypten, ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung jüdisch. Das Hasmonäerreich, später Römische Provinz Iudaea, lag etwa auf dem Gebiet der West Bank (inklusive Jerusalem). Und natürlich lebten Juden auf beiden Seiten des Jordans.

  8. Hallo Michael Blume,
    ich habe die Frage nach dem historischen Wohnrecht auch genau so beispielhaft für Wien und die USA gestellt.
    Vermutlich wurde auch das heutige Israel mit Bezug auf die historische Wohngegend lokalisiert.
    Ansonsten hätte man Israel ja auch in den USA ansiedeln können.
    Eine andere Frage ist nun:
    Wie lange dauert es nach einer gewaltsamen Eroberung, bis ein neu gegründeter Staat völlig legal ist?
    Mit freundlichen Grüßen, Karl Bednarik.

    • Auch die Griechen reklamierten ihren Nationalstaat samt Hauptstadt Athen selbstverständlich im historischen Gebiet, @Karl Bednarik. Und zu deren „Freiheitskampf“ gegen die Osmanen gab es breiteste Unterstützung quer durch Europa. Die Italiener forderten sogar vom Vatikanstaat die Hauptstadt Rom zurück! 😳

      Das wussten Sie natürlich. Aber, hey, Griechen, Italiener, Christen, Muslime etc. dürfen das, klar, nur bei Juden sei das ein Problem… #Seufz

      Eine Staatsgründung gilt dann als erfolgreich, wenn sie international anerkannt wurde. Das ist erfreulicherweise für Griechenland, Pakistan, Myanmar und auch Israel der Fall.

      • Eine Frage und zwei Anmerkungen dazu:

        Mich irritieren jetzt die Anführungszeichen bei “Freiheitskampf”, welchen Begriff würden Sie stattdessen verwenden?

        Die griechische Revolution lässt sich in ihrer historischen Analyse nicht vom religiösen Kampf trennen. Bis heute hat es der griechische Staat unter allen Regierungen leider nicht geschafft, die Orthodoxie als Staatsreligion aus der Verfassung zu streichen – eben mit der verheerenden Begründung, dass sie die Griech*innen seit der Revolution auch als Nation eine.

        Es muss uns klar sein, dass historische Gebietsansprüche per se konfliktär sind und sich am Ende politische oder im Eskalationsfall militärische Übermacht in den erfolgten Grenzziehungen manifestiert.

        • Da bin ich ganz bei Ihnen, @Odysseus Chatzidis! 👍📚 Die Gänsefüßchen bei „Freiheitskampf“ zeigen hier den kurzen Wechsel vom Deskriptiven ins Normative an: Wer die Nationalstaatsgründung in einem Fall als Freiheitskampf begrüßt – was ich als Perspektive aufzeige -, kann sie schwerlich nur bei Jüdinnen und Juden moralisch verdammen. Diesen weit verbreiteten Widerspruch möchte ich gerne aufzeigen.

          Und im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten möchte ich auch in Zukunft gerne öfter auf die völlig unterschätzte Bedeutung des europäischen Südens und des Balkan für die regionale und auch globale Geschichte hinweisen. Wer von Denkern wie Sokrates und Aristoteles sowie von Städten wie Athen, Sparta oder Saloniki und Bithola nichts weiß, kann m.E. auch das heutige Eurasien samt seiner diversen Alphabetschriften kaum verstehen.

  9. @Michael Blume 27.03.2020, 17:58 Uhr

    Und ggf. können Sie ja mal gedanklich üben, wie Sie Bielefeld-Verschwörungsgläubige von der Existenz der Stadt überzeugen würden.

    Nun ja nach diesem Link war es wohl ein Studentenulk, den wohl einige Menschen ernst nahmen.

    Meine Standardantwort lautet zu diesem Thema:

    Jetzt schieb ich mir eine Pizza Ristorante (Dr. Oetker) aus dieser nicht vorhandenen Stadt in den Ofen und lass sie mir schmecken, wenn sie fertig ist.

    Die Firma, wo ich beruflich tätig war, gibt es immer noch. Eventuell haben Sie auch einen Kalender der Firma “Brunnen” auf Ihrem Schreibtisch.

    Gruss
    Rudi Knoth

  10. für mich jdnfls steht klar, daß AfD und Konsorten als Vorboten eines ggf kommenden ohne jede Not losgetretenen 3. Weltkrieges fungieren.
    Ich finde, das sollte man so auch noch schreiben dürfen…

  11. Ich muss Herrn Bednarik zustimmen. Schon in der Bibel wird die gewaltsame Besetzung des Landes Kanaan durch jüdische Stämme beschrieben. Dieses gelobte Land wurde also im Rahmen einer Völkerwanderung errichtet ,was vor über 2000 Jahren -auch kriegerisch- geschah. Dass die Juden, nach dem sie danach in aller Welt verstreut lebten, ende des 19.Jahrhunderts wieder in dieses Land, was inzwischen von Arabern besiedelt war, zurück strebten, was man damals auch Zionismus nannte ,ist ein Novum in er Weltgeschichte, da keine andere Ethnie auf dieser Erde solche “genetischen”Ansprüche stellte. Australier und Amerikaner, die als europäische Migranten/Flüchtlinge ihre GastLänder besetzten und die Urvölker ausrotteten, sind eine andere Geschichte .Das “historische Wohnrecht” wurde hier für die europäischen Migranten/Eroberer nie in Frage gestellt sondern oft -auch im Namen des Kreuzes- also der “besseren” Religion determiniert. Steht also die Frage warum Zionisten(Nationalisten) ende des 19.Jahrhunderts ,also nach 2000 Jahren, wieder einen jüdischen Staat wollten, in der Gewissheit, dass sie damit andere Völker ihr Land nehmen würden.Pakistan ist als Land kein historisch gewachsene Einheit sondern ist ein Produkt der Kolonialmacht GB . Man ist kein Antisemit wenn man die historischen Fakten hinterfragt .Die Weltgeschichte ist eine Aneinanderreihung von friedlichen und gewaltsamen Völkerwanderungen :Die Juden eroberten Kanaan, die Goten das Weströmische Reich , die Angelsachsen England, die Europäer Amerika usw…..

    • Selbstverständlich ist es antisemitisch zu leugnen, dass „sowohl“ Pakistan (muslimisch) wie auch Burma / Myanmar (buddhistisch) und eben auch Israel (jüdisch) aus dem Zerfall des britischen Empire entstanden – und darin nur ggü. Juden ein Problem zu erkennen.

      Und es ist sogar zutiefst rassistisch, die Eroberungs- und Vernichtungszüge der Europäer in den Amerikas, Australien etc. dagegen zu rechtfertigen, als würde für unterschiedliche Völker unterschiedliches Recht gelten.

      Sie sind (noch) kein kreativer @Querdenker, der sich beispielsweise mit Fragen von Schuld und Versöhnung global & fair befassen würde. Denn Eroberungszüge wie auch Staatsgründungen stören Sie ausdrücklich nur dann, wenn sie von Jüdinnen und Juden ausgehen.

      Mein Tip: Kommen Sie von der antisemitischen Fixierung contra „Zionisten“ runter und hören Sie auf, gleichzeitig Sonderrechte für weiße Nichtjuden zu reklamieren. Beides kann man heute intellektuell und emotional hinkriegenden, wenn man denn möchte… Sie können das schaffen! 👍✅ 🇩🇪 🇺🇸 🇮🇱 🇪🇺 🇺🇳 🌍

  12. @Kriegsgründe

    Offensichtlich sind alle heutigen Staatsgrenzen irgendwann in Kriegen ausgefochten worden. In der Gegend rund um Israel und den persischen Golf sind zusätzlich von den Kolonialmächten beim Abzug auch noch Staatsgrenzen hinterlassen worden, die mit den Wohnorten der beteiligten Ethnien nur recht schlecht übereinstimmen.

    Hier könnte man auf die Idee kommen, doch ganz normal mittels Krieg die Staatsgrenzen zu verbessern. Israel hat das ja auch in mehreren Schüben tatsächlich gemacht – konnte das aber auch nur durch die waffentechnische Unterstützung der USA erfolgreich durchführen. Dieselbe USA hat dann Saddam Hussein davon abgehalten, Kuwait einzugemeinden.

    Was soll man dazu sagen? In früheren Zeiten ging es oft um Ackerland, Kontrolle über Handelswege oder auch mal um Rohstoffe. In Ländern mit moderner industrieller Wirtschaft fallen eigentlich alle diese Kriegsgründe weg. Hier ist der Aufbau von Fabriken, Investitionen und Infrastruktur von der Größe des Staatsgebietes unabhängig. So hat der Verlust der Ostgebiete in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg wenig geschadet, Im Gegenteil hat sich die Wirtschaft im Westen konzentriert und damit auch die Wege kürzer gemacht, ein nicht unwesentlicher Standortvorteil und eine Ursache für die Stärke unserer Wirtschaft, die inzwischen schon in ihrem Übermaß Probleme macht.

    Also kein Wunder, dass im heutigem gut industrialisiertem Europa niemand auf die Idee kommt, an den Staatsgrenzen herumzukriegen. Bei der Annektion der Golanhöhen durch Israel ging es wohl um strategische Gründe, und auch um Wasser. Allerdings kann Israel auch Wasser durch Entsalzungsanlagen finanzieren, dafür lohnt sich das Kriegführen nicht, das ist viel zu teuer und rechnet sich für Wasser überhaupt nicht.

    Der Balkankrieg und der Ukrainekonflikt sind auch in noch nicht so industrialisierten Regionen ausgebrochen, und sind hier als Ausnahme zu betrachten. Im Balkankrieg ging es um die Posten in der öffentlichen Verwaltung und auch um die Tourismuseinnahmen an der Adria. In der Ukraine ist es der Konflikt um die Orientierung nach Russland oder zur EU: Orientiert sich das Land zur EU, gerät der Osten des Landes an den Rand, andersrum der Westen. Hier erscheint mir notfalls eine Teilung des Landes als irgendwie sinnvoll.

    Die generelle Forderung, keine Kriege um die Staatsgrenzen mehr zu führen, erscheint mir allerdings unterm Strich als angemessen. Wenn man die noch vorhandenen Konflikte vernünftig löst, müsste man eigentlich in jedem Fall besser da stehen. Also genug Autonomie für Minderheiten im Land, und gute Zusammenarbeit mit Nachbarländern, wenn hier Ethnien auf mehrere Länder verteilt sind. Und sich dann um die eigene Wirtschaft kümmern.

    Wo sich die Regierungen hauptsächlich damit Beschäftigen, wie sie sich was von den Einnahmen durch Erdölexporte abzweigen können, und gleichzeitig manche die Vorzüge von Religionsfreiheit noch nicht erkannt haben, führt das eben zu dem, was wir im Nahen Osten seit Jahrzehnten beobachten können. Soweit es geht raushalten, und den Aufbau einer eigenen Wirtschaft im nahen Osten wirklich unterstützen, würde ich uns in Europa hier empfehlen. Wenn zukünftig wegen Klimaschutzmaßnahmen die Erdölpreise sinken, würde das auch vor Ort motivieren, sich um die eigene Wirtschaft zu kümmern.

  13. Eine kleine Klarstellung zum Nahne Osten (Israel etc).

    Die Staaten dort sind aus dem Zerfall des Osmanischen Reichs nach dem ersten Weltkrieg entstanden. Man könnte natürlich das Britische Mandat als Kolonialismus ansehen, wenn man Europäer als “die Schuldigen” sehen will. Andererseits ist es wirklich auffallend, daß der Konflikt der Kurden mit der Türkei in Europa lange kein Thema war. Dies änderte sich mit den Anschlägen auf Touristen in den 90ern. Heute zeugt sich auch, daß die Türkei mit den Kurden ein Problem hat. Trotzdem gibt es kein so grosses Interesse an diesem Thema wie beim Thema Israel. Von einem BDS gegen die Türkei hört man wenig.

    Gruß
    Rudi Knoth

    • @Rudi Knoth

      Lieben Dank. Darf ich nur nachfragen, warum Sie das Osmanische Reich und das ihm in Palästina folgende British Empire – aus dessen Zerfall dann ebenfalls mehrere Nationalstaaten hervorgingen – nicht einfach unter dem Begriff des Imperialismus zusammenfassen? 🤔

  14. Darf ich nur nachfragen, warum Sie das Osmanische Reich und das ihm in Palästina folgende British Empire – aus dessen Zerfall dann ebenfalls mehrere Nationalstaaten hervorgingen – nicht einfach unter dem Begriff des Imperialismus zusammenfassen?

    Das ist eine gute Frage. Genaugenommen haben Sie recht denn Imperialismus ist nicht ein Alleinstellungsmerkmal des “Westens”.

    Gruß
    Rudi Knoth

  15. Hallo Michael Blume,
    in mehreren Resolutionen haben die Vereinten Nationen Israel vergebens aufgefordert, den Siedlungsbau in den besetzten palästinensischen Gebieten einzustellen.
    Sind die Vereinten Nationen jetzt plötzlich antisemitisch?
    —–
    Mordechai Immanuel Noah versuchte im Jahre 1825 vergebens die Juden auf Ararat, einer von ihm käuflich erworbenen Insel im Niagara-Fluss im Bundesstaat New York anzusiedeln.
    Die Juden wollten aber lieber gleich nach Palästina gehen.
    —–
    Der Schwerpunkt dieser Diskussion richtet sich zwar an den Juden aus.
    Das bedeutet aber nicht, dass ich die derzeitige Behandlung der südamerikanischen Ureinwohner ignoriere oder akzeptiere.
    Mit freundlichen Grüßen, Karl Bednarik.

  16. Nach Kains Brudermord:
    1. Mose 5,2 “… und gab ihnen den Namen Mensch* …”
    *Hebräisch: Adam

    1. Mose 5,3-5 (Set!!!) “… dass sein Alter ward 930 Jahre und starb.”

    Ob und warum Mensch damals so alt wurde (das, wo es damals sicher auch Epidemien auslösende Viren gab), darüber denk mal nach, dann wird dir vielleicht klar warum es besser ist ohne Wettbewerb und ohne “Individualbewusstsein” im “Privateigentum” zu leben – Mensch, fusioniert in geistig-heilendem Selbst- und Massenbewusstsein … 😏

    • Sie halten also auch die Altersangaben der biblischen Bücher nicht nur für mythologisch, sondern für wortwörtlich wahr, @hto? Sie glauben, die frühen Menschen seien tatsächlich Jahrhundertealt geworden? 🤔

      • Nein @Blume, nicht wortwörtlich 😏 dann wären es die 144000 auf dem Berg Zion (Offenbarung) ja auch, die Mensch bei der Überwindung, seines offenbarten Schicksals / der “göttlichen Sicherung” vor dem Freien Willen, gottgefällig in der Hand hätte 😎

        Es geht um die Wahrhaftigkeit der Möglichkeiten der fusionierten Kraft des Geistes/unseres Ursprungs, für “wie im Himmel all so auf Erden” 😏

    • Ich finde aber, hier muss man die Perspektiven säuberlich unterscheiden: Es ist in der Tat befremdlich, wenn deutsche Foristen sich primär an Völkerrechtsbrüchen Israels aufreiben, während sie andere kalt lassen – obgleich die gleichen Leute häufig kein antiarabisches Klischee auslassen, wenn es um Minderheiten im eigenen Land geht.

      Die Empfindungen von Arabern aber gegenüber Israel sind nicht mit denen antisemitischer Europäer gleichzusetzen. Seit der spanischen Reconquista lebten sephardische Juden im arabischen Raum ungleich sicherer als aschkenasische in Europa.

      Aus arabischer Sicht muss es aber ja nun als Fortsetzung des europäischen Kolonialismus erscheinen, wenn ein europäischer Völkermord an europäischen Juden nicht etwa durch Übergabe eines Teils Bayerns oder Sachsens, also vermittels einer Landforderung gegen die deutschen Verursacher, an die Überlebenden des Holocausts kompensiert wird, sondern, unter britischer Kolonialmacht und durch Unterstützung der USA, die spätestens mit ihrer Haltung in der Krise um den Suezkanal die Erbschaft der vorherigen Kolonialmächte, Großbritannien und Frankreich, antreten, ein arabisches Volk vom eigenen Territorium vertrieben wird und nicht mehr als Einheit bestehen darf.

      Historisch gerecht wäre es ja nun gewesen, die Deutschen in alle Winde zu zerstreuen, oder etwa nicht?

      Zugleich aber erleben die Araber, wie schon nach dem Ersten Weltkrieg, nur im Gewand eines neuen Imperialismus, dass für sie die Fremdbestimmung von außen weitergeht – deutlich erkennbar, z.B., als ein gewählter iranischer Präsident gewaltsam gestürzt wird, nur weil er die persischen Ölvorkommen für den Aufbau eines persischen Wohlfahrtsstaats nutzen will.

      Für die Araber waren die aus Europa kommenden Juden in erster Linie Europäer, also Leute, die aus dem Teil der Welt kommen, der sie besetzt, betrogen und beraubt hat – und von anderen Europäern, darunter denen der neuen Welt, den sie zuvor für den Gegenpol zum imperialen Europa hielten, solidarisch gestützt wurden, um – so wurde das empfunden – ihnen noch einmal zu demonstrieren, dass Europäer ‘spielend leicht’ einen funktionierenden wohlhabenden Staat zustandebringen, wozu sie, die Araber, nicht fähig seien.

      Von daher war – und das ist die Verantwortung Europas – die natürlich muskulär durch die Beziehungen vor allem zu den USA, wirtschaftlich aber auch zu Europa – Israel die Verkörperung einer Perpetuierung kolonialer Demütigung.

      Das mag man unsympathisch finden – aber die Ursache der antiisraelischen Stimmungen, die ja nicht in gleicher Weise gegenüber den orientalischen Juden vorherrschte, ist nicht mit der perversen Widerwärtigkeit des europäischen Antisemitismus gleichzusetzen – zumal diese europäischen Neusiedler ja, auch wenn sie selbst Opfer eines mörderischen europäischen Chauvinismus und der Gleichgültigkeit anderer Europäer gewesen waren, trotzdem in einem Europa großgeworden waren, in dem der Kolonialismus als selbstverständliches Vorrecht erachtet wurde.

      Es war deshalb ja auch lange Primat der westdeutschen Politik, moderierend zu wirken. Nur ist da ja nichts mehr zu moderieren – da ganz offensichtlich, anders als etwa die Regierung unter Yitzhak Rabin, der einem nationalistischen Attentat zum Opfer fiel, Netanyahu beschlossen hat, jede Möglichkeit eines selbstverwalteten palestinensischen Lebens auszuschließen.

      Welche Haltung soll also irgendjemand einnehmen, der der Meinung ist, dass Politik von Staaten sich an internationales Recht halten muss? Dass die Palestinenser jedes Recht verwirkt hätten, als Palestinenser auf ihrem Grund leben zu dürfen, wird niemand vertreten können, wenn er meint, Menschen hätten unveräußerliche Rechte. Somit kann man eigentlich nur der Auffassung sein, dass Netanyahus Regierung Verhältnisse schafft, in denen eine Lösung des Dilemmas nur durch die Einstaatenlösung möglich ist, also durch einen gemeinsamen Staat von Juden und Palestinensern mit gleichen staatsbürgerlichen Rechten.

      Dann aber wäre Israel kein jüdischer Staat mehr, sondern ein jüdisch-arabischer Gemeinschaftsstaat – was natürlich die israelische Rechte auch nicht akzeptieren kann.

      Von daher ist die israelische Palestinenserpolitik natürlich nicht das eine zentrale Problem auf der Welt – aber dass sie für Palestinenser und arabische Anreiner ein gewaltiges Problem ist, ist nicht verwunderlich. Und natürlich war die Politik dieser Regierung nicht alternativlos – was ja nun auch die israelische Opposition so sieht.

      Dass Antisemiten die Politik Israels aufblasen und verzerren, ist durchaus richtig. Aber generell jede Politik einer israelischen Regierung für sakrosankt erklären, wäre auch keine aufgeklärte Haltung gegenüber Israelis. Menschen haben verschiedene Handlungsoptionen. Sie haben Freiheit, sich für hegemoniale oder kooperative Lösungen politischer Probleme zu entscheiden. Irgendein Kollektiv pauschal als Unschuldslämmer zu deklarieren, ist nur die Negativfolie zu ihrer Dämonisierung, nämlich ihrer pauschalen Schwarzfärbung.

      Wer Menschen aber ernst nimmt, der akzeptiert, dass sie die innere Freiheit haben, eine Wahl zu treffen. Und diese Wahl verkörpern in Demokratien Akteure, über deren Machtbefugnis eine Mehrheit entscheiden kann. Zur Zeit Rabins entschied eine anders zusanmmengesetzte israelische Mehrheit noch anders als heute. Auch Israel hat seitdem einen Rechtsruck erlebt – wie so viele andere Länder auch.

  17. Warum immer Israel? Die Antwort ist ganz einfach: Weil es sich seit Jahrtausenden bewährt hat. Und bei Bewährtem erhoffen sich die Leute die größeren Chancen.

    • Ja, @k – leider basiert die Glaubwürdigkeit von Verschwörungsmythen nur auf ihrer Verbreitung. Deswegen haben wir es gerade nicht mit „erkenntnisoffenen“ Denkbewegungen zu tun – für Antisemiten ist immer schon klar, wer angeblich „dahintersteckt“… :-/

  18. Ich möchte fragen, ob Sie etwas zum Thema Qanon sagen werden in einer der kommenden Folgen? Es begegnet mir des Öfteren und hat wohl sowohl mit Mainstream Medien Kritik oder Ablehnung zu tun, als auch mit Verschwörungstheorien, die womöglich auch einen Einfluss auf den amerikanischen Präsidenten haben könnten. Mich würde interessieren, was aus ihrer Sicht/ Kenntnis dahinter steckt. Vielen Dank für Ihre Arbeit! MfG, K. Buhl

  19. hto,
    Bibelangaben…..
    ich versuche mich gerade an hebräisch. Diese Sprache lässt sich weder 1 : 1 in eine indogermanische Sprache übersetzen, noch lässt sie sich 1 : 1 verstehen.
    Yom kann heißen 1 Tag, es bedeutet aber auch Zeitabschnitt. Die 930 Jahre bedeuten wahrscheinlich nur “sehr lange”.

    • hätte @hto aus der Septuaginta zitiert (meines Wissens die älteste Komplettsammlung des Tanach), wären die Zeitangaben noch länger 🙂

  20. Wir Deutschen sollten uns keine Gedanken machen über die Gründung anderer Staaten und revisionistischen Ansprüchen. Weil uns das völlig fremd geworden ist. Wir verstehen es einfach nicht mehr.

    Uns ist Ostpreußen und Schlesien amputiert worden. Urdeutsche Gebiete (naja, nachdem wir die Pruszen erfolgreich ausgerottet oder assimiliert hatten, wir müssen gar nicht auf die amerikanischen Ureinwohner schauen), elementar zur deutschen Kultur gehörig. Daß auch das Baltikum deutscher Kulturraum war (das komplette Werk Immanuel Kants ist dort verlegt worden), ist uns gar nicht mehr geläufig.

    Wir haben gelernt, uns damit abzufinden. Ob nun berechtigt oder unberechtigt, angemessen oder unangemessen; wir haben weitaus schlimmeres Leid verursacht und hätten im Falle eines Sieges noch drastischeres begangen.

    Daß die Ungarn heute noch den Vertrag von Trianon wieder aufwickeln wollen,
    die Türkei den Vertrag von Sevres noch weiter revidieren; Geschichten, die über 100 Jahre her sind, ist uns heute völlig unzugänglich.

  21. Randbemerkung.

    Bis heute sprechen wir daher von „Bildung“ und ahnen sogar noch, dass damit ursprünglich weit mehr als Titel zur Einkommensmaximierung gemeint waren. Wir fordern „Allgemeinbildung“ und „Ausbildung“ für alle, werfen Arroganten „Einbildung“ vor, wünschen uns stattdessen auch „Charakter- und Herzensbildung“. Kurz: Wir bewegen uns im Medien- und Mythensystem des Semitismus.

    Nein, das ist keine semitische, das ist eine abendländische Geschichte. – Ich verstehe, werter Herr Blume, wie Sie vielleicht darauf kommen: Das evangelische Pfarrhaus als Bildungsstätte und Vorbild. Da geht es ja tatsächlich um das eigenständige Lesen der Heiligen Schrift.

    Aber Sie wissen es auch selber, wenn Sie schreiben:

    Und der große Gelehrte und Arzt Mosche ben Maimon, im Judentum als Rambam und in Europa als Maimonides bekannt, leitete aus dieser Bibelstelle im 12. Jahrhundert und dem Rückgriff auch auf den Griechen Aristoteles das unermessliche und also aus-zu-bildende Potential jedes einzelnen Menschen ab.

    Bildung ist eine Abendländische Veranstaltung; vorbildlich die Akademien Platos und Aristoteles’.

    • Nebbich, @Alubehüteter – Bildung entsteht aus der Verschmelzung semitischer & „japhetitischer“ / griechischer Elemente, u.a. sichtbar am Gottesbezug. Kein Entweder – Oder, sondern ein Sowohl-als-Auch. 😏✊📚

  22. Wir sprechen hier nur über Israel, weil Israel das festgelegte Thema dieser Diskussionsseite ist.
    Wenn das Thema dieser Diskussionsseite Brasilien wäre, dann würden wir hier über Brasilien sprechen.
    Die derzeitige Behandlung der Ureinwohner Brasiliens wäre ein gutes Thema.
    —–
    Wohlhabende Juden aus den USA und anderen Ländern unterstützen Israel großzügig.
    Das könnten die palästinensischen Araber als jüdische Weltverschwörung empfinden.
    —–
    Die palästinensischen Araber sehen den israelischen Vorschlag “Land für Frieden” vermutlich so:
    Zuerst nehmen wir euch euer ganzes Land weg, und nur wenn ihr dieses Unrecht akzeptiert, dann geben wir euch einen Teil eures Landes zurück.

    • Sie können es leicht überprüfen, @Karl Bednarik: Es gibt keine globale Bewegung, die das Existenzrecht Brasiliens in Frage stellen würde. Es gibt keine internationale Boykottbewegung „zugunsten“ der brasilianischen Ureinwohner und kein anderer Staat bezweifelt, dass die brasilianische Staatsgründung rechtens war und nennt Brasilien stattdessen ein „kolonialistisches Gebilde“, das bis 2030 zerstört werden müsse.

      All das gibt es nur, wenn es gegen Israel, d.h. gegen Jüdinnen und Juden geht…

        • Oh ja, @Alubehüteter: Und der Früchte-Boykott richtete sich ganz gezielt gegen bestimmte Branchen, keinesfalls z.B. gegen Religionen, Kultur, Wissenschaften etc. Zudem hatte er auch niemals die Vernichtung des Staates Südafrika 🇿🇦 zum Ziel, sondern dessen Reform.

          Als ich dagegen in einer Diskussion einen BDS-Vertreter fragte, ob er auch Tel Aviv zu den von Juden zu räumenden „besetzten Gebieten“ zählte, war seine Antwort: Selbstverständlich…

          Und so kommt es, dass heute in Israel auch arabische Nichtjuden als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger leben, Richter, Parlamentsabgeordnete usw. werden können – wogegen der von Israel geräumte Gaza-Streifen seitdem von Gewalt und Terror regiert sowie antisemitisch „judenrein“ gehalten wird…

  23. @Islamistenwirtschaft

    Abgesehen von den paar Erdölbeduinenstaaten hakt es überall in der islamischen Welt mit der Wirtschaft. Die patriarchalen Strukturen radikaler Religiösität scheinen auch die Korruption in der Politik zu fördern. Anstatt Rahmenbedingung für eine funktionierende Produktion zu schaffen, wird hier nur die eigene Macht ausgebaut und sich nach Möglichkeit in der Staatskasse bedient.

    So haben es die Palästinenser auch nach 70 Jahren Vertreibung bzw. freiwilliger Distanzierung nicht geschafft, sich einfach eine eigene Wirtschaft mit der eigenen Hände Arbeit aufzubauen. Die Not ist konkret, aber eben im wesentlichen selbstverschuldet. In den meisten arabischen Ländern sieht es nicht viel besser aus. Ohne Religionsfreiheit sind sowohl innerer Friede wie Rechtssicherheit als auch wirtschaftsfördernde Strukturen schlecht realisierbar.

    Und warum haben die Zionisten sich gerade mitten in dieses Wespennest der radikalen Religiösität gesetzt, frage ich mich zunächst. Nun, vor 70 Jahren sah das noch besser aus, da sah es so aus, dass die Trennung von Staat und Kirche auch in den islamischen Ländern auf dem Vormarsch ist. Wer sollte das damals wissen, dass sich der Wind diesbezüglich später so drehen wird.

    Die USA fördert offenbar gerne interne Auseinandersetzungen innerhalb der islamischen Welt, aber die Gelegenheiten dazu sind durchaus zahlreich, und dann auch selbstverschuldet.

    Klar gibt es auch einen technologischen Vorsprung durch uns, der nicht einfach aufzuholen ist, aber dennoch ist es möglich, eben vieles selber zu erarbeiten und dadurch langsam aufzuholen. Ein gutes Stück Wohlstand ist machbar, und unser Niveau der Verschwendung ist ja auch in dem Ausmaß gar nicht nötig, um vernünftig leben zu können. Wenn wir Europäer da hilfreicher wären, wäre das eine lohnende Investition in die Zukunft.

    • Und warum haben die Zionisten sich gerade mitten in dieses Wespennest der radikalen Religiösität gesetzt, frage ich mich zunächst. Nun, vor 70 Jahren sah das noch besser aus, da sah es so aus, dass die Trennung von Staat und Kirche auch in den islamischen Ländern auf dem Vormarsch ist.

      Meines Wissens gab es um Israel säkulare Staaten, deren Führer aber einem panarabischen Nationalismus anhingen. Ein bekannter Vertreter war Nasser von Ägypten. Aber auch für diese Ideologie war Israel ein Problem, weil es zwischen Nordafrika und Asien liegt.

      Gruß
      Rudi Knoth

      • So ist es, @Rudi Knoth. Ich darf hier auch mal an Saddam Hussein erinnern, der sich als beinharter Laizist mit dem Sektglas am Ramadan ablichten ließ – und erst ganz am Ende im Hinblick auf die nahende Übermacht “plötzlich” die Religion entdeckte und den arabischen Gottesnamen in die irakische Flagge nahm…

  24. Gestern Abend gabe es in der “Heute” Sendung vom ZDF eine Meldung über Antisemitismus mit der Aussage, daß nach einem Verschwörungsmythos Corona eine in Israel entwickelte Biowaffe sei.

    Nurt frage ich mich, warum die Epidemie dann ich China ausgebrochen ist. Hat etwa Israel auch diese Forschung “geoutsourced” oder wie soll ich das verstehen. Wie man sieht, treibt dies schon seltsame Blüten.

    Gruß
    Rudi Knoth

  25. Sehr geehrter Herr Blume,

    als Lehrkraft an einem ausgesprochen multikonfessionellem und multikulturellen Gymnasium im Ruhrgebiet, die daran interessiert ist, junge Menschen in unserem Land darin zu stärken, den diesbezüglichen Variationsreichtum gerade in ihrer Generation als kulturellen Gewinn und Reichtum zu erfahren und gegen alle Scharfmacher und Prediger von Segregation und Suprematismus aktiv zu verteidigen, habe ich mich über die Entdeckung Ihres Blogs sehr gefreut – zumal er hochkarätige Argumentations- und Analysehilfen zur Offenlegung der ideologischen Muster von – vor allem, aber nicht nur – antisemitischen Verschwörungsideologien in sehr klarer unpretenziöser Sprache bereithält.

    Dennoch, nach Hören bereits von fünf Ihrer Podcasts, schleicht sich in meine positive Würdigung Ihrer Arbeit hier ein Wehrmutstropfen – und um den zu erklären, muss ich ein wenig ausholen.

    Der Beginn meines Bildungsengagements gegen Antisemitismus, Nazirevisionismus und Rechtsextremismus geht zurück bis zum Beginn meiner Studienzeit in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Damals fürchteten viele Studenten meiner Generation einen Rollback der post 1968 errungenen Liberalisierung und Öffnung der westdeutschen Gesellschaft. Die sozialliberale Koalition war von Helmut Kohl abgelöst worden, der eine “geistig-moralische Wende” deklariert hatte; am rechten Rand war mit den “Republikanern” eine völkisch-rechte Kraft entstanden, die in Bundes- und Landtagswahlen an der 5%-Hürde kratzte und der Historiker Ernst Nolte verbreitete, unterstützt durch die Feuilletonleitung von Welt und FAZ, die – inzwischen doppelt und dreifach widerlegte – Präventivskriegsthese, derzufolge der nazistische Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion als Reaktion auf eine Bedrohung Deutschlands durch den Bolschewismus zu verstehen sei.

    Anstelle der zahlreichen studentischen Veranstaltungsreihen der Fachschaften Deutsch und Geschichte (eine der häufigsten Kombination von Lehramtsstudenten) zum Historikerstreit traten in der Endphase meines Studiums, unmittelbar nach dem Mauerfall, Veranstaltungsreihen zum Thema der osteuropäischen Zwangsarbeiter im Ruhrgebiet, vor allem der sowjetischen Zwangsarbeiter, die relativ und in absoluten Zahlen unter allen vom NS-Regime zu Zwangsarbeit in der deutschen Rüstungsindustrie Gezwungenen die höchste Todesrate aufwiesen – wie es eindrucksvoll auf den beiden größten Bochumer Friedhöfen zu sehen ist.

    Die Motivation der für die furchtbaren deutschen Verbrechen sensibilisierten Studenten, vor allem der aktiven Historiker, war es, nun, nachdem der Kalte Krieg überwunden schien, eine angemessene Anerkennung dieses Unrechts seitens der deutschen Regierung zu bewirken (inklusive einer Entschädigung für die dabei erlittenen gesundheitlichen Schädigungen), solange die alten Menschen, die das überstanden hatten, noch am Leben waren.

    Der Erfolg war äußerst mäßig: Während gut ein Jahrzehnt später, nachdem bereits viele weitere zehntausende ehemalige sowjetische Zwangsarbeiter verstorben waren, erkannte die Bundesregierung ihre Verpflichtung für verschleppte sowjetische Zivilisten so weit an, dass sie ihnen eine – viel zu geringe – einmalige Zahlung zugestand, nicht aber den zur Zwangsarbeit verschleppten sowjetischen Kriegsgefangenen. Und dies, obwohl es inzwischen ein geschichtswissenschaftlicher Konsens ist, dass die Ermordung von zwei Dritteln der sowjetischen Kriegsgefangenen durch absichtliches Aushungern und das zu Tode Hungern von Zivilisten in Leningrad, Charkow und anderen Teilen der Ostkraine, Weißrusslands und Westrusslands, nach dem Völkermord an den europäischen Juden, das zweite Großverbrechen des deutschen Zivilisationsbruchs unter Hitler darstellt, das, vor allem in seiner gesamteuropäischen Dimension leider auch hier in Deutschland nicht entsprechend aufgearbeitet wurde – und deshalb auch weniger in das kollektive Gedächtnis zumindest der Westdeutschen gedrungen ist als der Holocaust – u.a. weil der Kalte Krieg vielen Westdeutschen, die sich selbst schuldig gemacht hatten, ermöglichte, antislawischen, vor allem antirussischen Rassismus in den Antikommunismus der 1950er zu transformieren.

    Dass der falsche Dualismus zwischen einer apologetischen Legitimation der kommunistischen Diktatur und einem für Westdeutsche bequemen und mit antirussischen Ressentiments aufgeladenen schematischen deutschen Antikommunismus, der dazu tendierte, mit Hilfe einer verlogenen Aufrechnungslogik das Ausmaß nazistischer Verbrechen kleinzureden und sich ihrer mit einem “Schlusstrich” entledigen zu wollen, überwunden wurde und sich, zur Zeit des Zusammenbruchs des Warschauer Pakts kein billiger Triumphalismus einstellte, sondern auch innenpolitisch errungen wurde, dass sich Deutschland ohne Wenn und Aber zu seiner schrecklichen Vergangenheit bekannte, sehe ich auch als Verdienst all derer an, die – wie ich an sehr kleiner, unbedeutender Stelle – öffentlich gegen konservative Relativierungsversuche der 80er Jahre aufbegehrt und klar Stellung bezogen hatten.

    Eben aus diesem Grund war für mich die sehr einseitige mediale und politische Dämonisierung Russlands ab 2014, hier in Deutschland, eine wirkliche Erschütterung – in der ich, wie ich durch Umfragen überprüfen konnte, alles andere als einsam sah. Auf dem letzten Petersburger Dialog verwies Heiko Maas in seiner Rede im Beisein seines russischen Kollegen Lawrows darauf, dass die westliche Russlandpolitik in Deutschland alles andere als populär sei, der einseitige Schulterschluss mit den USA und den sehr russlandkritischen Polen und Balten für die Bundesregierung nicht leicht, was eine Umfrage der Körberstiftung zeige, nach der 94-95% der Deutschen eine Wiederannäherung und Versöhnung mit den Russen erhoffe. Und allein diese Zahl zeigt, dass dieser Wunsch wohl kaum mehrheitlich von einer apologetischen Haltung gegenüber der russischen Regierung rühren kann – erst recht nicht primär von der Bejahung eines rechten Autokratismus. Diese Fraktion, die eine Idolatrie um den russischen Präsidenten Putin betreibt, weil sie ihn zu einer Projektionsfigur für eigene autokratische Sehnsüchte stilisiert hat, gibt es zweifellos – aber ihr Potenzial liegt doch eher bei 15 als bei 95%.

    Was in meinen Augen eine Vielzahl der Deutschen, die mehrheitlich als berechtigte Konsequenz aus ihrer Geschichte allergisch auf jedes Säbelrasseln reagiert, beunruhigt hat, ist der scharfe Dualiismus des Russlanddiskurses, der keinen Raum mehr lässt, alle an diesem Konflikt beteiligten Parteien von mehreren Seiten und mit der gleichen Empathie und Aufmerksamkeit zu betrachten. Wenn “Russlandversteher” zum medialen Schimpfwort avanciert und so getan wird, als gäbe es keine andere Form des Verstehens als die blanke Apologie, das volllständige sich Gemeinmachen mit dem Anderen, dann liegt hier die klare Schwarzweißzeichnung eines Kriegsdiskurses vor, in dem es keine Grautöne mehr geben darf. Das ist anti-intellektualistisch – und ein Bruch mit dem gesellschaftlichen Geschichtskonsens, den Richard von Weizsäcker mit seiner berühmten Rede anlässlich des 45jährigen Kriegsendes in – für mich und viele andere – unvergessliche Worte fasste. Wie viele viele andere hätte ich von einer deutschen Regierung gewünscht, dass sie – zur Bewahrung des Friedens in Europa – eine moderierende Kraft, eine Stimme des Brückenbauens, des gleichmäßigen Suchens nach Verständigungslösungen wird und keine Parteigängerin der Konfrontation. Ich hätte mir auch mehr historische Sensibilität gewünscht – zum Beispiel einen Einspruch dagegen, immer genau um die Zeit des Jubiläums des Ende des Zweiten Weltkriegs (zum 70. und zum 75. – das aber der Coronaepedemie zum Opfer fiel) bombastische gegen Russland gerichtete NATO-Manöver abzuhalten, wobei das von 2015 auch noch – geschmackloser Weise – den Namen einer tödlichen Würgeschlange, nämlich Anakonda – erhielt.

    Es ist richtig, die Zunahme von Autoritarismus und Chauvinismus überall als Problem klar und sachlich zu benennen, wo sie auftritt – natürlich auch in Russland. Aber ebenso wie Deutsche gefordert sind, dies mit Respekt für die Menschen und mit der empathischen Anerkennung der ihren Vorfahren in der Vergangenheit zugefügten unermesslichen Leiden, einem Leiden, das sich schmerzhaft auch auf die Folgegenerationen auswirkt, im Falle von Juden, ethnischen Polen und Balten zu tun, so doch bitte auch im Fall der Russen.

    Aber hier erkenne ich einen Unterschied in Bias und Wording des vorherrschenden deutschen Leitmediendiskurses, den ich dirkursanalytisch – als Philologin – sehr wohl gründlich belegen kann und der mir (und zum Glück nicht nur mir) wehtut. Er tut mir weh, wenn ich an meine Begegnungen mit ehemaligen Zwangsarbeitern in den 90ern denke und an gemeinsame geschichtsdidaktische Projekte mit russischen Lehrerkollegen aus unserer Partnerstadt. Er tut mir auch weh, wenn ich verletzte Emails russischer Freunde – übrigens keine Putin-Anhänger – erhalte, die sich um die Milleniumswende eine Annäherung an Westeuropa erhofften und die, da sie unseren Pressediskurs kennen, ihn als generell feindlich empfinden – weil er nur historische Ängste von anderen Osteuropäern vor Russland, aber gar nicht in Betracht zieht, wo umgekehrt berechtigte historische Ängste der Russen herrühren – und die betreffen nicht nur die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Isolations- und Ausgrenzungserfahrung der Zwischenkriegszeit und die daraus resultierende Verletzlichkeit.

    In Bezug zu Russland ist – leider – der Haupttenor unseres medialen Leitdiskurses nicht minder manichäisch und holzschnittartig, wie es jene Verschwörungsdiskurse umgekehrt sind, die just deshalb teilweise Russland als Projektionsfläche für ihre reaktionären Wunschvorstellungen erkoren haben, weil das Land so einseitig dämonisiert wurde. Dass RT diesen Leuten inzwischen großzügig Raum bietet, scheint mir ein Reflex auf ein Diskursschema zu sein, das zunächst von transatlantisch ausgerichteten Leitartiklern angelehnt wurde – u.a. weil sie das – berechtigte – Bedürfnis der deutschen Bevölkerung nach einer deutschen Vermittlerrolle als eine Sehnsucht nach einer “deutschen Sonderrolle” interpretierten, die sie politisch als fatal erachteten. Dies aber ist – in meinen Augen – eine fatale Fehleinschätzung.

    Denn das erkennbare mediale Bemühen, die Deutschen zu einer politischen Unterstützung einer hier ungeliebten konfrontativen Politik zu bekommen, das ausgewiesene Transatlantiker unter deutschen Leitartiklern sich deutlich zu eigen machten, hat zum ersten Mal seit 1968 wieder ein vorherrschend dualistisches Diskursmuster etabliert, das es einer extremen Rechten immens erleichtert hat, ihrerseits mit einem eigenen Schwarzweißdiskurs zu kontern. Die lebendige Pluralität von Standpunkten, die Debatten in den 70er und 80er Jahren kennzeichnete, wich einer Homgenität, die bedenklich an die unmittelbare Nachkriegszeit erinnerte.

    Nicht umsonst fasste diesen Feinddiskurs der Kabarettist Volker Pispers in die sarkastischen Worte: “Wenn man ein Feindbild hat, dann hat der Tag Struktur.”

    Dies ist die Devise aller Verschwörungsnarrative – aber sie hat sich leider auch in unseren leitmedialen Diskurs eingeschlichen, seitdem er erkennbar aufgerüstet hat – gegen einen ‘neuen=alten Feind’.

    Die Medienkritik meiner Schulzeit, damals gepräft von Günter Wallraffs Reportagen über die Bildzeitung und Heinrich Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum”, war eine emanzipatorische – anders als die von Verschwörungsideologen. Methodisch war sie am Kritikbegriff der Frankfurter Schule orientiert, die verlangte, dass jeder, der zu öffentlicher Rede ansetzt, sich erst seiner eigenen unausgesprochenen ideologischen ‘blinden Flecken’ bewusst werden möge – was aber der autoritäre Charakter nicht tut.

    Warum bringe ich das hier an?

    Erstens, weil ich, bei allem Verdienstvollen Ihres Blogs, eine kritische Analyse vermisse, was eventuell der vorherrschende öffentliche Diskurs dazu beigetragen hat, ein Diskursmuster zu etablieren, das irrationale und antiaufklärerische Rattenfänger so gut für sich nutzen können. Ich meine nämlich, im Einklang mit einer Reihe medienwissenschaftlichen Publikationen (ob diese sich nun methodisch an diskurstheoretischen, konstruktivistischen oder klassischen ideologiekritischen Ansätzen orientieren), dass den dualistischen Verschwörungsdiskursen sogenannter ‘alternativer Plattformen’ eine Boulevardisierung des öffentlichen Diskurses voranging, der leider – anders als vor den 1980ern – nicht mehr ausschließlich die ausgesprochenen Boulevardblätter betraf. (Die Bildzeitung verfuhr schließlich noch nie anders.)

    Zweitens aber meine ich im Wording all ihrer Anspielungen auf Russland herauszuhören, dass eine solche, derzeit typische, dualistische Simplifizierung auch in ihrem hier öffentlich werdenden Bild vorliegt – was ich deshalb bedauerlich finde, weil sie ausgerechnet in einem Blog auch erscheint, der ja vor den fatalen Folgen dualistischer Konstruktionen warnt.

    Um nur mal ein Beispiel zu nennen: Wenn derzeit die polnische Regierung Duda lokale Initiativen diverser Bürgermeister in Polen, Schwule und Lesben als “unpolnisch” auszugrenzen, nutzt, um sich die Klientel, die das gut findet, als Wähler zu sichern, berichten darüber deutsche Journalisten besorgt, aber sachlich. Niemand würde generalisierende Wendungen benutzen und von “polnischem Despotismus” oder “polnischem Autoritarismus” in diesem Kontext schreiben – weil ein angemessenes Problembewusstsein über den historischen Antipolonismus in Deutschland besteht und ein Gespür dafür, was er angerichtet hat. Auch würde niemand das Wort “Polenversteher” als pejorative Wendung für Deutsche verwenden, die kein konfrontatives Verhältnis zu Polen wünschen. Über Russland habe ich solche Wendungen aber regelmäßig bei straff transatlantisch ausgerichteten Journalisten (wie Klaus-Dieter Frankenberger für die FAZ oder Andrea Backhaus in der ZEIT) gelesen – und Proteste dagegen, die es 2015 zuhauf gab, wurden anlasslos niedergebügelt, als ob sie nur dadurch zu erklären seien, dass es sich bei den Protestierenden um Anhänger rechter politischer Agenden handle.

    Deshalb erscheint es mir befremdlich, wenn Sie bei Ihrer berechtigten Kritik an dualistischer Weltsicht nur Russland und russische Medien, nicht aber auch den Diskurs über Russland ansprechen.

    Wir leben offen erkennbar in einer Krisenzeit. Das derzeitige Zerbröckeln geopolitischer Balance sorgt auch für innenpolitische Ängste. Krisenzeiten aber sind Zeiten, in denen vielen Totalitarismus verlockend erscheint – das müsste geschichtsbewussten Deutschen tief eingeprägt sein. Genau in einer solchen Situation gibt es nur einen einzigen Weg, innen- und außenpolitischen Eskalationen entgegenzuwirken: Sachlichkeit, die Fähigkeit zur selbstkritischen Reflexion und absolut unaufgeregte Klarheit in einer Haltung, die an sich selbst schärfere Maßstäbe anlegt als an alle anderen.

    Ich sehe uns in der Verantwortung, die Tatsache unserer historischen Verfehlungen dafür fruchtbar zu machen, diesmal zu zeigen, dass Besonnenheit, die ja alles andere als Feigheit ist, die einzige Chance bietet, auf allen Ebenen Kooperation einzufordern. Ich meine, wir sehen schon jetzt, dass dem Verlust eines besonnenen und multiperspektivischen Diskurses schon jetzt, auf dem Fuß sozusagen, unseren eigenen rechtsextremen Milieus den Weg gebahnt hat hat, wieder laut mit Ideologien in die Öffentlichkeit zu treten, deren Entäußerung sie sich vorher Jahrzehnte nicht getraut haben.

    Ich wünsche uns die Fähigkeit, kollektiv nachdenklich und wieder so selbstkritische zu werden, wie wir waren, als wir uns das Vertrauen erarbeitet haben, aus dem andere uns die deutsch-deutsche Vereinigung gestattet haben.

    Dafür müssen wir alle Stereotypen und Feindbilder überwinden – und mit einer Sprache der Friedensbewahrung zu einer Politik des Friedens beitragen.

    • Sehr geehrte Frau Böttcher,

      durchaus mit Interesse habe ich Ihr Plädoyer für das russische Regime gelesen. Doch Sie verloren mich, als Sie allen Ernstes „irrationale und antiaufklärerische Rattenfänger“ attackiert haben. Menschen als „Ratten“, die durch manipulative „Rattenfänger“ eingefangen werden – auf diesem Niveau will ich weder denken noch argumentieren.

      M.E. muss Russland-Romantik, die über die Kriegsführung in der Ukraine und in Syrien, über die Besetzung der Krim und die autoritären Strukturen von Moskau bis Tschetschenien hinwegsieht, nicht mein Anliegen sein. Und ich betrachte weder Russinnen noch Deutsche, Israelis oder US-Anerikanerinnen als „Ratten“.

      Stattdessen hoffe ich auf zukünftige, enge und freundschaftliche Beziehungen zwischen Deutschland und Russland auf der Basis von Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Demokratie. In diesem Sinne hatte ich tatsächlich für das zweite Halbjahr eine Einladung zu Gesprächen nach Moskau angenommen und hoffe, dass diese stattfinden können.

      Mit herzlichem Dank für Ihr Interesse und völkerverbindendes Engagement!

      • Sehr geehrter Herr Blume,

        da ich an keiner Stelle meines Beitrags ein Plädoyer für irgendeine Regierungspolitik abgegeben habe, sondern das generalisierend respektlose und menschenverachtende Wording in der medialen Darstellung eines Landes, Russlands, anprangere, das in alarmierender Weise mit Stereotypen auffährt, die sich bereits in den nationalkonservativen Zeitungen in der späten Phase des Kaiserreichs (so z.B. in der sogenannten “Professoreneingabe” von rechtskonservativen Intellektuellen des Alldeutschen Verbands), ist Ihre reflexartig polemische Antwort das beste Beispiel dafür, dass Sie selbst, sobald es um diese Opfergruppe des Nationalsozialismus geht, sich just in den gleichen dualistischen Denkschablonen bewegen, die Sie – mit Recht – bei den antisemitischen Mustern der Verschwörungsideologen anprangern.

        Auch ist es absolut infam, so zu tun, als hätte ich Menschen als Ratten bezeichnet. Ich habe geschrieben, dass durch den Dualismus eines Russlanddiskurses, der darauf ausgerichtet ist, die bei der deutschen Bevölkerung wenig populäre deutsche Partizipation an einer erneuten Aufrüstung gegen Russland zu legitimieren, just jene dualisierenden Feindschemata diskursiv etabliert werden, die dann (verschwörungsideologische) Rattenfänger für sich nutzen und auf andere Diskursgegenstände richten können. Die Figur des Rattenfängers stammt aus der in Hameln angesiedelten gleichnamigen Legende und thematisiert die Lockung von Kindern (nicht von Ratten) aus der Stadt Hameln, deren Bürger zuvor dem Rattenfänger den vereinbarten Lohn für angeforderte Dienste verwehrt hatten.

        Man mag die keineswegs ungeläufige Symbolisierung dessen, was Leute wie Herr Elsässer oder Herr Jebsen vor ihrer Fangemeinde betreiben, mit dem Rattenfänger von Hameln, der Kinder aus ihrer Gemeinschaft mit den Klängen einer Flöte verführte und führte, für verfehlt halten, aber die Unterstellung, ich hätte hier Menschen als Ratten tituliert, ist rhetorische Demagogie – wie weitere Teile Ihres Posts auch.

        Denn es ist schon bemerkenswert, ein seit den 90ern währendes Engagement um Verständigung mit ehemaligen sowjetischen (und anderen osteuropäischen, denn ich bin auch im Austausch mit Polen aktiv) Opfern des Nationalsozialismus zynisch als “Russlandromantik” zu diffamieren. Die Hälfte aller auf deutschem Grund ruhenden Sowjetbürger liegen im Westen – und da vor allem in der großen Industrieregion an Rhein und Ruhr. Alleine in Bochum, wo ich lebe, einer Industriestadt von auch damals über 300 000 Einwohnern, liegen auf den Friedhöfen mehr als 2000 Sowjetbürger, die meisten von ihnen Russen – dagegen noch nicht einmal vier Niederländer und unwesentlich mehr Franzosen. D.h. während sowjetische Zivilisten 60% derjenigen ausmachten, die hier zur mörderischen Zwangsarbeit gezwungen waren, stellen sie mehr als 90% derjenigen dar, die das nicht überlebt haben.

        Nur 1 km im Umkreis des Hauses, in dem ich wohne, befinden sich zwei noch zu großen Teilen erhaltene Barackensiedlung, wo diese Menschen lebten. Sie haben vor den Augen meiner Verwandten väterlicherseits, die als Arbeiter im Bereich Kohle und Stahl nicht im Krieg waren, und vor den Augen älterer Nachbarn unterernährt geschuftet. Und in den 90ern, in denen auch lokalgeschichtlich unter Begegnungen mit ehemaligen jüdischen Mitbewohnern unserer Städte, ihr Schicksal aufgearbeitet wurde, empfand ich auch diese Begegnungen, über die Sie so hämisch kommentieren, als Geschenk.

        Es berührt mich außerordentlich merkwürdig, wenn jemand mit Recht die Inhumanität der Vernichtungspolitik der Nazis gegenüber den europäischen Juden sowie die inhumane Sprache, die sie rechtfertigte und propagierte, als Verpflichtung erkennt, auch heute Kritik an der Politik eines jüdischen Staats sachlich und unter Achtung der Menschenwürde von Israelis zu äußern, nicht die gleiche Sensibilität für den sorgfältig unterscheidenden Umgang mit Russen aufbringen kann.

        Wenn es unangebracht ist, irgendwen mit dem pejorativen gemeinten Ausdruck “Israelversteher” zu titulieren, der sich trotz politischer Kritik an Handlungen der israelischen Regierung rege für Völkerverständigung und Austausch mit Israelis einsetzt und die Begegnung mit ihnen nach dem unsäglichen Verbrechen des Völkermords als Geschenk ansieht, auch niemand, trotz der LGTB-Politik der Duda-Regierung, Organisatoren gemeinschaftlicher Projekte mit Polen als “Polenverstehertum” brandmarkt, wieso gilt dann nicht das gleiche für den Umgang mit Russsland? Allein sie darf man also verbal ungeschminkt einer diskursiv orchestrierten Kollektivverachtung aussetzen, weil sie offenbar der Mühe nicht wert scheinen, dass ihre Regierung in sachlich neutraler Sprache nach den gleichen Maßstäben kritisiert wird wie andere auch und sie da nicht gleich in Gänze mit “reingepackt” werden? Denn “Russlandversteher” zielt auf die Dikreditierung von Land und Leute in Gänze, während bei allen anderen unterschieden wird.

        Nur – mit einer solchen diskursiven Praxis ist Artikel 1 des Grundgesetzes im öffentlichen Diskurs nicht grundsätzlich und umumschränkt durchzusetzen. Die Würde des Menschen ist unantastbar – und das gilt auch für die Menschen in Russland.

        Aber offenbar hält sich in der politischen Institutionskultur Deutschland ein Ressentiment erthalten, das sich, wie mir scheint, aus einer tief verborgenen narzisstischen Kränkung speist. Es scheint schwierig zu sein, ausgerechnet den ‘schäbigen Russen’ den Bärenanteil der Befreiung von dem inhumansten Regime der Menschheitsgeschichte zu verdanken.

        Denn trotz aller diktatorischen Mängel des DDR-Regimes muss man sich nur Heinrich Himmlers unmenschliches Dokument “Zur Behandlung der Fremdvölkischen im Osten”, Backes zynische Kalkulation mit bis zu 30 Millionen sowjetischen Hungertoten oder Hitlers unerträgliche Tischreden im Führerhauptquartier durchlesen, um zu begreifen, dass die Russen uns nie angetan haben oder antun wollten, was Deutsche ihnen angetan hätten, wenn sie diesen Krieg gewonnen hätten.

        • Sehr geehrte Frau Böttcher,

          es bräuchte m.E. keine längliche Psychoanalytik, wenn wir uns auf vier Punkte einigen könnten:

          1. Kritik an der Regierung eines Landes bedeutet keine generelle Ablehnung der Menschen eines Landes.

          2. Die Geschichte des Antisemitismus sollte nicht nachträglich relativiert werden. Antisemitische Verschwörungsmythen sind nicht nur Vorurteile gegenüber den EinwohnerInnen anderer Nationalstaaten wie US-Amerikanerinnen, Russen oder Philippinas. Schon die Gleichsetzung würde Jüdinnen & Juden wiederum als Nichtdeutsche ausgrenzen.

          3. Metaphern, die Menschen als Ratten erscheinen lassen – wie sie die Nazis gezielt antisemitisch einsetzten – sind zu vermeiden.

          4. Es gibt in Deutschland sowohl gegenüber den USA wie gegenüber Russland sowohl romantisierende wie auch dämonisierende Vorstellungen. Extreme sind dabei jeweils abzulehnen.

          Was meinen Sie?

          Freundliche Grüße! 🇩🇪 🇪🇺 🇺🇸 🇷🇺 🇺🇳

  26. Sehr geehrter Herr Blume,

    ich halte Sie für akademisch so gut ausgebildet, dass ich annehme, dass Sie sehr klar bemerken, wann Sie durch Wechsel des Diskursfelds und grobe Versimplizierung der Darlegungen anderer Insinuationen formulieren und wann Sie ernsthaft auf das eingehen, was ein Vorposter faktisch geschrieben hat. Ich

    1. Ich bin nicht nur komplett einverstanden, sondern habe meinerseits explizit die Einhaltung des Prinzips gefordert, dass Kritik an Regierungen grundsätzlich nach gleichen Kriterien und in neutraler und sachlicher Sprache erfolgen sowie so formuliert werden muss, dass ihr Bezug klar nur auf Regierungsakteure und nicht auf Land und Leute generell bezogen werden kann.

    Just dieses Grundprinzip wurde jedoch im leitmedialen Russlanddiskurs seit 2014 grob verletzt, was sich besonders eklatant dadurch zeigt, dass das Wort “Russlandversteher” als pejorative Kampagnenvokabel nicht nur gegen jeden Kritiker der Politik der NATO, sondern auch gegen all jene gewendet wurde, die unermüdlich an einer kooperativen und respektvolllen Beziehung zu Land und Leuten arbeiten. Beispiele solcher Diffamierungsversuche, die u.a. Politiker von Mathias Platzeck über Siegmar Gabriel bis hin zu Günther Verheugen und Helmut Schmidt betreffen, aber auch zahlreiche Kulturschaffende, Wirtschaftsakteure oder Privatpersonen kann ich zahlreiche anführen.

    Zudem müsste es einem um komplexes analytisches Erfassen von Menschenfeindlichkeit bemühten Mann auffallen, wie fatal eine Kampagnenformel ist, die intellektuelle Angeignung zu einem Schimpfwort erhebt und es mit Apologie gleichsetzt. Für aufrichtige Akademiker ist jedes Verstehen die Voraussetzung zu einem fundierten Urteil, ob dieses nun positiv oder negativ ausfallen mag – oder etwa nicht?

    2. Ich halte sie gleichfalls für so gebildet, dass Ihnen klar ist, dass eine ideologiekritische Befassung mit dem Antisemitismus etwas komplett anderes ist, als die Thematisierung der menschlichen Folgen der antisemitischen Praxis konkreter geschichtlicher Akteure in einer spezifischen historischen Phase. Selbst auf die entsprechende historische Phase bezogen, nämlich die des Nationalsozialismus habe ich nicht ansatzweise behauptet, der Antisemitismus habe in den ideologischen Konstruktionen des Nazismus den gleichen Stellenwert gehabt wie der Antislawismus.

    Das, was ich lediglich festgestellt habe, ist das beide historisch nicht von der Ideologie des Nazismus abstrahierbare Konstituenten waren und gleichermaßen zum millionenfachen Massenmord führten, der in den Überlebenden unter den Opfern zu gleichermaßen von uns zu respektierenden Traumata geführt hat – was schlichtweg geschichtswissenschaftlicher Konsens ist.

    Ich zitiere aus ein und demselben Dokument der Unmenschlichkeit zwei Passagen aus Himmlers Posener Reden:

    Zunächst die zum Holocaust:
    „Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet‘, sagt ein jeder Parteigenosse‚ ‚ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.‘ […] Von allen, die so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.”

    Nun die Sicht Himmlers auf Slawen:

    “„Ein Grundsatz muss für den SS-Mann absolut gelten: ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich haben wir zu Angehörigen unseres eigenen Blutes zu sein und sonst zu niemandem. Wie es den Russen geht, wie es den Tschechen geht, ist mir total gleichgültig. Das, was in den Völkern an gutem Blut unserer Art vorhanden ist, werden wir uns holen, indem wir ihnen, wenn notwendig, die Kinder rauben und sie bei uns großziehen. Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird.“

    Kurzum, Himmler proklamiert hier die programmatische Absicht der Auslöschung aller Menschen, die nach den rasseideologischen Kriterien der Nazis Juden sind, und eine deutsche Berechtigung, millionenfach Menschen, die slawischen Völkern angehören, durch Erschöpfung oder Verhungern umkommen zu lassen, sofern es dem nazistischen Deutschland nützt.

    Jedoch zu kolportieren, ich hätte mit der Feststellung, dass es außer einer aus antisemitischer Fixierung erfolgenden Massenmordpraxis und einer weiteren, die von der Deklarierung von Slawen zu “Untermenschen” herrührt, so getan, als ob Juden nicht dennoch zugleich auch Polen, Russen oder Deutsche sein könnten, ist wohl kaum intellektuell redlich.

    Das, was ich expressiv verbis oben gesagt habe, war etwas anderes: nämlich, dass es für uns gleichermaßen ein Geschenkt ist, wenn uns Überlebende nationalsozialistischer Massenmordpraxis die Hand reichen, unabhängig, ob sie oder ihre Familien Opfer von Deutschen aus antisemitischen oder antislawischen Motiven wurden.

    3. Die Wendung “Rattenfänger”, entlehnt aus der Sage aus Hameln, ist ein geflügeltes Wort für Menschenverführer, die fatale Wirkungen erzeugen und impliziert in keiner Weise, wie ich ausgeführt habe, eine Bezeichnung von Menschen als Ratten. Aber wenn Sie die Wendung für missverständlich halten, werde ich sie hier nicht wieder verwenden.

    4. Selbstverständlich ist die Romantisierung anderer Länder ebenso falsch wie ihre Dämonisierung. Das gilt auch für das eigene Land: Ideologisch verbohrte Antideutsche sind mir ebenso zuwider wie deutsche Nationalisten.

    Freilich hat jeder Mensch eine eigene Erfahrungsgeschichte mit konkreten Begegnungen, die dazu führen mag, dass ihm die Pflege von Beziehungen zu spezifischen Ländern ein persönlich größeres Anliegen ist als zu andern. Solche unterschiedlichen Präferenzen sind sogar wertvoll, da in der Divergenz das Potenzial unseres Landes liegt, in vielen Teilen der Welt Brücken zu bauen.

    Aber keines der großen Probleme, mit denen die Menschheit konfrontiert ist, ob Klimawandel, durch Naturkatastrophen und Staatenauflösung ausgelöste Massenmigration oder durch Naturzerstörung generierte Seuchen, wie die Coronapandemie, können anders als durch Vernetzung und Kooperation gelöst werden. Das gilt für die USA und die NATO insgesamt wie für Russland, Indien oder China: Die Zeit der geopolitischen Hahnenkämpfe im Stil des 19. und 20. Jahrhunderts ist vorbei – oder wir werden einen Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation auf globaler Ebene erleben, von dem Europa im Jahr 1945 schon mal eine Ahnung erhascht hat.

    • Sehr geehrte Frau Böttcher,

      vielen Dank – so ist unsere Diskussion inzwischen doch von einer seltsamen Schieflage in ggf. auch für Dritte ganz interessante Bereiche gekommen. Es ist auch nett von Ihnen, dass Sie mich – womöglich im Kontext Ihres Berufes üblich – als “gebildet” und “gut ausgebildet” bewerten.

      Dass der Mythos über den “Rattenfänger von Hameln” keinesfalls ein harmloses Kindermärchen ist, sondern nach einer verbreiteten Lesart auf die (gegen Muslime und Juden gerichteten) sog. “Kinderkreuzzüge” verweist, wäre vielleicht einmal ein gutes, eigenes Podcast-Thema. Ich kann hier aber wirklich nur empfehlen, auf diese Metapher zum Mythos im Kontext von Debatten zu Rassismus und Antisemitismus zu verzichten. Ich glaube Ihnen, dass es nicht in Ihrer Absicht lag, mit dieser Begrifflichkeit völlig falsche Assoziationen zu wecken.

      Die Entmenschlichung auch von Slawen im Kontext des Sklavenhandels (Sklave stammt von Slawe!) wurde in Folge 14 des Podcasts (“Semiten, Sklaven und Chasaren”) ausführlicher thematisiert und könnte ggf. für Sie interessant sein:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-14-semiten-sklaven-chasaren-die-wurzeln-des-rassismus-im-16-jahrhundert/

      In der Notwendigkeit von Dialog, Kooperation und Vernetzung stimme ich Ihnen ausdrücklich zu und habe ja auch bereits eine Einladung nach Moskau angenommen. Gleichwohl würde mich sehr interessieren, wie Sie über die Empfindungen von Polinnen und Polen dazu denken. Immerhin wurde das Land im Hitler-Stalin-Punkt aufgeteilt, wurden Millionen Bürgerinnen und Bürger – Juden und Christen – ermordet, im besetzten Land dann auch Konzentrations- und Vernichtungslager wie Auschwitz eröffnet.

      Sehen Sie auch hier den Bedarf an mehr Dialog, Wahrnehmung und Mitgefühl? Und können Sie nachvollziehen, dass sich viele Polinnen und Polen über die Zurückhaltung Deutschlands etwa in der russischen Aggression gegen die Ukraine und die Krim sowie über deutsch-russische Vernetzungen wie zum Beispiel die North Stream II-Pipeline sorgen? Halten Sie die Forderungen der polnischen Regierung an Deutschland auf Reparationszahlungen für berechtigt?

      Ihre Einschätzung und Empfehlungen dazu würden mich wirklich interessieren.

      Ihnen noch einmal herzlichen Dank für Ihr Engagement und Interesse.

      • Sehr geehrter Herr Blume,

        ich bin seit dem Jahr 2000 auch in den Austausch meiner Schule mit einem Gymnasium und einem Lyceum, von denen das letzte in einer liberal geprägten Industriestadt, das erste in einem von ihr nicht weit entfernten (konservativen) Dorf involviert. Das dörfliche Gymnasium kam deshalb hinzu, weil wir eher in der Mittelstufe interessierte Schüler hatten (Polnisch ist nun einmal keine abiturrelevante Sprache im Ruhrgebiet) und mein Schulleiter die Schulleiterin persönlich durch die Städtepartnerschaft kannte, da sie in diesem Rahmen übersetzt hatte.

        Da die beiden involvierten Kollegen des polnischen Lyceums ausgesprochen Linksliberale waren, die Kollegin des dörflichen Gymnasiums, eine freundliche, sensible Frau, PSIS-Anhängerin, Mitglied von Opus dei, habe ich persönlich das Ausmaß der innenpolitischen Spannungen in Polen mitbekommen. Ich und die anderen deutschen Kollegen waren mehrfach Mediatoren, wenn das Verhältnis zwischen den polnischen Kollegen zu eskalieren drohte – obgleich uns die beiden städtischen Kollegen (bzw eine Kollegin, ein Kollege) natürlich von den politischen und sonstigen Lebenseinstellung viel näher waren. Einer meiner Kollegen traf sich auch in den Ferien privat mit dem polnischen Kollegen, da beide passionierte Fotografen der Industriekultur (auch ältere verfallene Anlagen) waren und zusammen in Deutschland und Polen Ausstellungen in Kulturkneipen von gemeinsam erstellten Fotos dort und bei uns organisierten.

        Ich habe ungeheuer berührende und warme Erfahrungen gemacht, aber auch solche, die mich und meine anderen deutschen Kollegen betreten gemacht haben, angesichts von Erfahrungen, die wir tunlichst nicht im Beisein der liberalen polnischen Kollegen (die nicht dabei waren) erwähnt haben, weil die vor Scham in den Boden gesunken und explodiert wären. Das hätte unser gesamtes Austauschprogramm, das ja auf dem Kontakt zu zwei Schulen beruhte, gesprengt.

        Ich kann hier nicht ins Detail gehen – nur so viel. Wir wohnten etwa einer Willkommensfeier auch bei einem Auschtauschprogramm bei, bei der eine ethnisch polnische Schülergruppe aus Lithauen ankam und die Bürgermeisterin des polnischen Dorfs eine Rede hielt, bei der sie die Klage über die schlimme (ob wirkliche oder vermeintliche kann ich nicht sagen) Diskriminierung ethnisch-polnischer Minderheiten im Baltikum beklagte und die Hoffnung äußerte, dass dies eines Tages nicht mehr so sei, wenn Polen wieder zu wahrer Größe finde.

        Einige unserer Schüler mit Migrationshintergrund machten dort leider nicht sonderlich herzliche Erfahrungen, wie auch ein Schüler mit Aspergersyndrom, den trotz unermüdlicher Erklärungen, warum er sich so verhielt, wie er sich verhielt (womit seine deutschen Klassenkameraden prima klarkamen) sich bei den polnischen männlichen Teenagern hartnäckig festgesetzt hatte, das sein Verhalten dadurch zu erklären sei, dass der Junge homsexuell sei. (Was auch jeder unserer Schüler natürlich sein darf, aber es war nicht zu vermitteln, dass ein 13jähriger aus einem erklärbaren anderen Grund nicht immer angemessen, die phyische Distanz zu Gleichaltrigen halten kann, mit der die sich komfortabel befinden.)

        Ich habe nicht den geringsten Mangel an Empathie mit Polen, ebenso wenig wie mit Russen. Ich halte all ihre Sicherheitsbedürfnisse für relevant – und bin genau deshalb der Auffassung, dass Deutschland nichts besseres für die Sicherheit der Polen und der Russen tun kann, als unermüdlich, hartnäckig und mit stoischer Geduld Mediation zu betreiben und auf Verständigung zu drängen.

        Ich kenne auch den Unterschied zwischen historischer Forschung und nationalen Mythen – in Polen und in Russland. Ich verkenne weder, was Deutsche Polen noch was sie Russen angetan haben, noch das in beiden Ländern tabuisierte Thema der Nazikollaboration (die in keiner Weise die deutsche Schuld mindert), nicht die Realität der deutschen und der sowjetischen Besatzungspolitik – aber auch nicht den Zustand des von Pielsudski geprägten polnischen Zwischenkriegsstaats und seiner Minderheitenpolitik, von der Alfred Döblin in seinem Buch “Eine Reise nach Polen” erschütternd geschildert, in dem auch der Grund gelegt wurde für die Eskalationen zwischen Polen und Ukrainern unter der NS-Besetzung.

        Die Spannung zwischen liberalen und autokratisch-konservativen Kräften, die Neigung zum Paternalismus, zu aufheizender nationaler Mythenbildung sind in Polen und Russland gar nicht so unähnlich – nur dass der Rassismus in Polen, das eben seine ethnischen Homogenität betont, während ein solcher Pathos im multiethnischen Russland Sprengkraft hätte, stärker ist.

        Eben deshalb halte ich es nicht für konstruktiv, wenn sich Deutschland anders hier verhält, als permanent versachlichend und vermittelnd. Denn es gibt sicher eine Reihe Polen, die Befürchtungen haben (allerdings ist auch dort, wie eine Umfrage der Körber-Stiftung bestätigt hat, die Mehrheit der Polen genau deshalb an einer langfristigen Überwindung von Spannungen interessiert – anders als einige prominente PIS-Politiker), aber es gibt auch das Phänomen des polnischen Nationalismus, der davon träumt, eine große triumphale Position im Verbund mit den USA auf Kosten der gleichermaßen ungeliebten Nachbarn im Westen und Osten zu spielen und – wie einst die Bundesrepublik – als NATO-Frontstaat auch zur imposantesten Wirtschaftsmacht aufzusteigen.

        Ich finde es richtig, dass – anders als noch eine Erika Steinbach in der CDU im polnisch-deutschen Verhältnis zündelte – auf provokante Hiebe die deutsche Politik sehr zurückhaltend und unemotional reagiert – ebenso wie auf die neuerlichen polnischen Reparationsforderungen von hundert Milliarden Euro.

        Falsch fand ich es jedoch, hierauf im September mit Unterstützung einer geschichtspolitischen polnischen Resolution zu reagieren, die ein gemeinsames europäisches “Erinnerungsnarrativ” zu implantieren versucht – das all meinen Historikerkollegen und meinem Mann die Schuhe ausgezogen hat. Denn die dortige Deutung des Hitler-Stalin-Pakts hält unseren geschichtswissenschaftlichen Standards auch nicht stand.

        Ich möchte weder den polnischen noch den russischen Geschichtsunterricht hier kopiert sehen, sondern bin mit unserer Ausrichtung an trockener Quellenkritik und Versachlichung sehr zufrieden – sowie damit, die Deutung der Geschichte den Historikern zu überlassen und als Staat für eine freie Forschung und aus der Sache sich ergebende Forschungsdebatten den Raum und die Infrastruktur bereitzustellen.

        Das Gleiche gilt auch für die Ukraine. Denn an deren Zerrissenheit hat nicht nur die deutsche Besatzungspolitik während der NS-Zeit Anteil, sondern bereits die Ostpolitik sowohl des Auswärtigen Amt unter Paul Rohrbach wie die Eskapaden Ludendorffs im Ersten Weltkrieg einen gehörigen Anteil.

        Die Dinge sind eben nicht schwarzweiß.

        Und was Nordstream II betrifft – ich fand es außerordentlich richtig, dass die Bundesregierung sich des Transfers von Energie durch die Ukraine agenommen hat und keinen unserer östlichen Nachbarn ausklammert. Es geht nicht darum, eine Russlandpolitik gegen irgendeinen benachbarten Staat zu machen.

        Aber ein demokratisches und freies Europa braucht auch eine souveräne nachhaltige und wirtschaftlich zuverlässige Energiepolitik, die zuddem noch klimaverträglich ist. Ein Europa aber, das sich von einer US-zentristischen Politik, die Verbündeten als Vasallen betrachtet, ihnen eine souveräne Entscheidungen über ihre Grundversorgung nicht mehr zugesteht und ohne Rücksicht auf die Rechtssicherheit, die europäische Handelsverträge brauchen, um in der Welt zu bestehen, uns zu Zwangskunden ihres Frackinggases machen wolllen, das an Umweltschädlichkeit der Braunkohle nahekommt, wird weder wirtschaftlich noch politisch bestehen können. Auch Polen und die Ukranine nicht. Und ich denke, dass man das im Kanzleramt korrekt einschätzt.

        • Sehr geehrte Frau Böttcher,

          haben Sie ganz herzlichen Dank – ich habe Ihre Ausführungen mit hohem Interesse und viel Zustimmung gelesen!

          Unterschiede zwischen unseren Positionen kann ich im Detail, aber nicht im Grundsatz erkennen. Eine dialogorientierte, vermittelnde Politik, die sowohl das EU-Mitglied Polen wie die Ukraine und Russland im Blick behält, befürworte ich sehr. Allerdings würde ich es lieber sehen, wir würden den Ausbau erneuerbarer Energien deutlich beschleunigen, um die Kohlendioxid-Emmissionen schneller zu senken und sowohl von russischen wie von US-amerikanischen Rohstofflieferungen unabhängiger zu werden. Einen Artikel dazu auch mit Russland-Bezug hatte ich u.a. hier veröffentlicht:
          https://www.salonkolumnisten.com/oel_antisemitismus/

          Ihnen und Ihren Mit-Engagierten von Herzen meinerseits Dank – es ist klasse und vorbildlich, dass sich Lehrerinnen und Lehrer so sehr für den internationalen und auch interkulturellen Dialog engagieren. Danke dafür von Herzen!

Schreibe einen Kommentar