Verschwörungsfragen 11: Warum Antizionismus = Antisemitismus ist

Warum gibt es eigentlich auch sieben Jahrzehnte nach der erfolgreichen Staatsgründung Israels noch immer einen “Antizionismus” mit “Israelkritik” – aber nichts Vergleichbares gegen andere Nationalstaaten wie zum Beispiel Griechenland oder Pakistan? In dieser Folge kläre ich darüber auf, dass der Antizionismus schon Jahrzehnte “vor” der Staatsgründung Israels mörderisch aktiv war und bis heute geblieben ist. Heute leiden auch z.B. der Gaza-Streifen und der Iran unter antisemitischen Regimen, die die Zukunft ihrer eigenen Bürgerinnen und Bürger für den Wahntraum von der Vernichtung Israels opfern. Meine These: Erst die gemeinsame Überwindung von Antisemitismus und Menschenverachtung wird allen Menschen, Religionen und Nationen der Region Frieden und eine bessere Zukunft eröffnen.

Die Folge 11 ist via podigee bereits online und wird auch auf Spotify, Deezer, Itunes sowie heute noch auf YouTube verfügbar sein.

Hier auch wie immer der Text zum pdf-Download.

Und hier der Fließtext:

Heute, am 29. April 2020, begehen der Staat Israel, viele Jüdinnen und Juden sowie Freundinnen und Freunde auf der ganzen Welt den Feiertag Jom haAtzma‘ut zur Unabhängigkeitserklärung vom 14. Mai 1948.

Wie aber kann man im April einen Feiertag von Mitte Mai begehen? Nun, Hörerinnen und Hörer der Podcast-Folge 4 „Zeit und Kalender zwischen Hoffnung und Antisemitismus“ wissen es bereits: Neben dem heute global verwendeten, christlich-gregorianischen Kalender gibt es weitere semitische und also linear aufsteigende Kalender wie den islamischen und eben den jüdischen. Und nach Letzterem war der 14. Mai 1948 eben auch der 5. Ijjar 5708. Daher gibt es jährlich zwei Daten – einen jüdischen und einen gregorianischen – zur Feier der Staatsgründung Israels.

Und dass der Semitismus nicht für eine „Rasse“ steht, sondern für zukunftsorientierte Mythologien auf Basis der Alphabetschrift, wissen Sie aus Folge 2 selbstverständlich auch schon. In der Hymne des Staates Israel wird das besonders deutlich: Sie heißt haTikwa, die Hoffnung.

Ihre Melodie geht auf ein in vielen europäischen Sprachen verbreitetes Volkslied zurück. Der Text entstammt dem Beginn des Gedichtes Tikwatenu – Unsere Hoffnung – von Naphtali Herz Imber aus dem Jahre 1878.

In deutscher Übersetzung heißt der Text der haTikwa:

„Solange noch im Herzen

eine jüdische Seele wohnt

und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Zion blickt,

so lange ist unsere Hoffnung nicht verloren,

die Hoffnung, zweitausend Jahre alt,

zu sein ein freies Volk,

in unserem Land,

im Lande Zion und in Jerusalem.“

Doch für viele Menschen ist die Ausrufung der israelischen Demokratie auch 70 Jahre später immer noch kein Anlass zum Frieden, sondern zum Hass. Sehr häufig bekomme ich zu hören: „Herr Blume, gegen Juden habe ich ja gar nichts, nur gegen Zionisten!“

Oder auch: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Blume. Ich habe nichts gegen Juden, nur gegen Muslime. Und das einzige, was mich an Israel stört, sind die vielen Moscheen!“

Nicht selten werde ich auch gefragt, ob ich etwa selber ein „heimlicher Zionist“ sei. Denn tatsächlich vertrete ich die Auffassung, dass Antizionismus schlicht eine Variante des Antisemitismus ist.

In meinem Bericht für den Landtag von Baden-Württemberg – Drucksache 16/6487 – hatte ich dazu geschrieben, Zitat:

„Die Bekämpfung des sogenannten Antizionismus als israelfeindlichem Antisemitismus dient also nicht nur der Sicherheit der israelischen, sondern auch der deutschen und europäischen Demokratien. Sie dient mittelbar auch jenen israelischen, arabischen und palästinensischen Stimmen, die einen realistischen Frieden anstreben.“ – Zitat Ende –

Gerne lade ich Sie ein, mit mir in die Mythensysteme des semitischen Zionismus und des antisemitischen Antizionismus einzutauchen.

In der biblischen Mythologie symbolisiert Zion den Ort des Jerusalemer Tempels. Schon nach dessen erster Zerstörung um 586 vor Christus durch die Babylonier und der Verschleppung von Jüdinnen und Juden bis in den heutigen Irak wurde in den biblischen Texten eine Sehnsucht nach der Rückkehr formuliert.

Am Berühmtesten und weit über das Judentum hinaus wirkte sicher Psalm 137, „An den Strömen von Babel“, englisch: „On the rivers of Babylon“.

Nach der erneuten Zerstörung Jerusalems und des Zweiten Tempels um 70 nach Christus durch die Römer rückte die Rückkehr nach Zion im rabbinischen Judentum in die Nähe der Endzeit. Diese zionistischen Hoffnungen gingen auch in die Bibel und den Koran ein.

Als sich jedoch im 19. Jahrhundert viele Nationalstaatsbewegungen entwickelten, traf der Traum von einem jüdischen Nationalstaat – der Zionismus – auf ein geteiltes Echo. Auch einige Nichtjuden, vor allem Christen wie der Anglikaner William Hechler, unterstützten die Gründungsidee. Berühmt und legendär wurde der Gruß „Hoch die Juden!“ eines Basler Festumzuges an eine Konferenz der Zionisten im Stadtcasino 1898. Im gleichen Jahr wurde Theodor Herzl auch von Großherzog Friedrich I. von Baden wohlwollend empfangen.

Der evangelisch-badische Pfarrer Hermann Ludwig Maaß hielt auch während der NS-Herrschaft zum Zionismus und zu jüdischen Verfolgten. Er wurde daher vom antisemitischen Regime abgesetzt und zur Zwangsarbeit nach Frankreich deportiert.

Maaß war der erste Deutsche, den Israel nach der erfolgreichen Staatsgründung offiziell einlud und wurde in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt.

Es gab jedoch von Anfang an auch sehr viel Widerstand gegen die Staatsgründungsidee. Viele säkulare Jüdinnen und Juden setzten darauf, sich als Teil ihrer Heimatländer zu assimilieren. Starke religiöse Gruppen beharrten umgekehrt darauf, dass erst der kommende Messias das Recht habe, ein neues, theokratisches Israel auszurufen.

Beide jüdische Strömungen des je assimilativen und religiösen Antizionismus gibt es auch heute noch. So trennt sich beispielsweise – angelehnt an die reale Biografie von Deborah Feldmann – in der Netflix-Serie „Unorthodox“ die Jüdin Esther von den zugleich ultraorthodoxen und antizionistischen Satmaris in New York. Anhänger der bereits 1938 gegründeten, ultraorthodoxen Neturei Karta beteiligen sich auch an den jährlichen, iranisch geprägten Al Quds-Demonstrationen in Berlin.

Die Frage ist also, warum sich auch noch sieben Jahrzehnte nach der erfolgreichen Staatsgründung noch immer weltweit antizionistische und antisemitische Gruppen an Israel – und zwar fast nur an Israel – abarbeiten und warum die Vernichtung dieses Staates sogar noch offizielle Doktrin beispielsweise des Regimes im Iran ist.

Das Problem des tradierten Hasses wird noch deutlicher, wenn wir vergleichend auf andere Nationalstaatsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert sehen.

So gab es selbstverständlich eine europaweite pro- wie auch eine antihellenistische Bewegung, als sich der griechische Nationalstaat im 19. Jahrhundert nach schweren Kämpfen gründete. Aber auch nach den massiven, gegenseitigen Vertreibungen von Griechinnen und Türken im 20. Jahrhundert stellt heute praktisch niemand mehr das Existenzrecht des Staates Griechenland in Frage. Kaum jemand findet es zudem problematisch, dass etwa Deutsche oder Franzosen auch einer griechisch-orthodoxen Kirche angehören, die selbstverständlich enge, religiöse Bindungen an Hellas unterhält.   

Oder nehmen wir die Islamische Republik Pakistan, die 1947, nur wenige Monate vor Israel, ebenfalls aus dem zerfallenden, britischen Empire entstand. Dabei gab es riesige Konflikte und gegenseitige Vertreibungen von Millionen Muslimen, Hindus und Sikhs. Unter Ignorierung von UN-Resolutionen besetzen die heutigen Atommächte Pakistan, Indien und China Gebiete von Kaschmir, in dessen besetzten Gebieten deutlich über 12 Millionen Menschen leben. Obwohl Pakistan eine wackelige Demokratie ist, werden religiöse Minderheiten wie die Christen und die Ahmaddiya teilweise brutal diskriminiert und verfolgt, auch definiert sich das Land selbst qua Verfassung über die vorherrschende Religion, den Islam.

Aber es gibt – und ich sage: erfreulicherweise – keinen weltweiten „Antihellenismus“ und keinen „Antipakistanismus“, keine globale Boykottbewegungen, die das Existenzrecht Griechenlands oder Pakistans in Frage stellen oder diese als die größte Gefahr für den Weltfrieden brandmarken würden. Nur die allerflachsten Rassisten grübeln darüber, ob Griechen ihre Genetik auf Sokrates zurückführen können oder ob muslimische Pakistanis auch tatsächlich im Kernland der alten Indus-Kultur leben dürften.

Ginge es der BDS-Bewegung tatsächlich um Menschenrechte oder die Situation von Muslimen, so müsste sie sich stark in Kaschmir engagieren. Aber global pauschalisierende Boykott- und Gewaltaufrufe und all diese bizarren Obsessionen gibt es als Folge des uralten Antisemitismus nur und ausschließlich gegenüber Jüdinnen und Israelis.

Entsprechend bin ich auch noch nie gefragt worden, wie man denn Griechenland oder Pakistan „richtig kritisiere“. Denn selbstverständlich werden auch griechische und pakistanische Politiken kritisiert, aber es gibt gar keine eigenen Genres der „Griechenlandkritik“ oder „Pakistankritik“.

Was es gibt, ist Religionskritik – etwa als Kirchenkritik, als Islamkritik – oder eben als „Israelkritik“. Die Verschränkungen von nationaler Heimstätte und Religion können Antizionisten bei griechischen Christen oder pakistanischen Musliminnen selbstverständlich hinnehmen, bei Jüdinnen und Juden aber nicht.

Hitler tobte bereits 1920 – fast drei Jahrzehnte vor der Staatsgründung! – verschwörungsmythologisch, der „Zionistenstaat“ sollte nichts anderes werden als – Zitat: „die letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien.“ Auf Betreiben von Hitlers späterem Verbündeten, Großmufti al-Husseini, fand in Hebron bereits 1929 ein antijüdisches Massaker statt. Der gleiche Mufti hetzte auch in Bagdad gegen die Juden, was 1941 zu den Farhud-Pogromen führte. Wie in vielen anderen arabischen Ländern half es dabei auch gar nichts, dass die Mehrheit der irakischen und kurdischen Juden die Gründung des Staates Israel damals noch ablehnte; sie wurden dennoch angegriffen, ermordet und vertrieben. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in Israel geht gerade nicht auf landhungrige „Kolonialisten“ zurück, sondern auf antisemitisch Verfolgte aus Europa einschließlich Russlands und aus der arabischen Welt.

Ebenso lehnten linksextreme Gruppen wie Kommunistische Parteien Israel schon lange vor dessen Gründung ab. Stalin bot Jüdinnen und Juden sogar Birobidschan an der russisch-chinesischen Grenze als „Jüdische Autonome Oblast“ an. Wer sich aber für Israel einsetzte, konnte noch bis zum Untergang des Warschauer Pakts auch zum Beispiel in der DDR wegen „Zionismus“ diskriminiert und verfolgt werden.

Antisemiten haben unter dem Deckmantel des Antizionismus bereits gehasst, verfolgt und getötet, bevor es den Staat Israel gab. Und sie haben auch nach der Staatsgründung nie damit aufgehört – völlig unabhängig davon, ob Israel gerade linke, rechte oder mittige Regierungen hatte.

Wenn Sie starke Nerven haben, empfehle ich Ihnen Folge 9 dieses Podcasts: Inzwischen behaupten rechte und libertäre Antisemiten auch in Deutschland und der Schweiz, die beiden Weltkriege, die Kommunisten, das Nazi-Regime und die Schoah seien von der jüdischen Bankiersfamilie Rothschild selbst herbeigeführt worden, um die Gründung des Staates Israel zu erzwingen! Hier wird der Holocaust also gar nicht mehr geleugnet, sondern der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung zugeschlagen.

„Israel ist unser Unglück“ plakatierte eine rechtsextreme Partei auch noch bei der letzten Europawahl auch in Baden-Württemberg. Das ist ein direktes Zitat von „Die Juden sind unser Unglück“ von Heinrich von Treitschke im 19. Jahrhundert.

Welche furchtbaren Konsequenzen der Antisemitismus aber nicht nur für Jüdinnen und Juden, sondern auch für die Antisemiten selbst hat, können Sie auch im Gaza-Streifen sehen: 2005 räumte Israel das gesamte Gebiet und löste dazu auch alle jüdischen Siedlungen in Gaza auf. Die Palästinenser erhielten nicht nur volle Autonomie, sondern konnten 2007 auch ihre Regierung wählen – ein einziges Mal.

Denn es gewann die radikale und antisemitische Hamas, die erst einmal daranging, jede Art von Opposition – auch von anderen palästinensischen Gruppen wie der Fatah – blutig zu unterdrücken. Und anstatt die Ressourcen etwa in Schulen und Wirtschaft zu investieren und aus Gaza ein Singapur am Mittelmeer zu machen, setzte die Hamas mit internationaler Unterstützung weiterhin auf antisemitische Vernichtungsträume, Verschwörungsmythen wie die Fälschung der „Protokolle der Weisen von Zion“, auf Raketen und Terror.

Heute ist der Gaza-Streifen ein verarmtes Freiluft-Gefängnis, in dem Palästinenserinnen und Palästinenser von einer antisemitischen Terrormiliz als Geiseln gehalten werden und von vor allem internationalen, auch deutschen Geldzuweisungen abhängig bleiben.

Und stellen wir uns nur einen Moment vor, die Hamas würde morgen dem Terror abschwören, Israel als Partner anerkennen und der eigenen Bevölkerung wieder freie Wahlen zugestehen. Es gäbe Freudenfeste nicht nur in Gaza, sondern auch in Israel!

Doch für das antisemitische und völlig unrealistische Ziel der Vernichtung Israels wird stattdessen die Zukunft ganzer Generationen geopfert.

Auch das derzeit antisemitisch regierte Iran droht Israel mit Vernichtung; nicht umgekehrt.

Ebenso gab es Demonstrationen arabischer Israelis gegen den Trump-Teilungsplan, weil viele israelische Muslime, Christen und Drusen auf keinen Fall ihre israelische Staatsangehörigkeit gegen jene eines Palästinenserstaates eintauschen wollen. Es stimmt schon, dass jüdische und nichtjüdische Israelis in den vergangenen Jahren oft wählen mussten und die Unabhängigkeit ihrer Medien und Gerichte weiterhin verteidigen müssen. Wahr ist aber auch, dass Palästinenserinnen und Araber in der ganzen Region von vergleichbaren staatsbürgerlichen Rechten, von demokratischen Wahlen, Pressefreiheit und Gewaltenteilung noch immer nur träumen können.

Wer es also wirklich gut meint mit Palästinensern, Araberinnen und Persern, erkennt, dass sie nicht von Israel um ihre Zukunft gebracht werden, sondern vom Antisemitismus ihrer derzeitigen Anführer.

Aber wie Saba Nur Cheema und Meron Mendel in ihrem brillanten Essay in der taz zur „Leerstelle Antisemitismus“ aufgezeigt haben, wollen auch sehr viele vermeintlich Progressive weiterhin nur in Juden und Israelis rassistische Unterdrücker erkennen. Und auch Parteien der Mitte haben sich viel zu lange daran gewöhnt, sogar gemeinsam mit diktatorischen Staaten wie Nordkorea, Iran und Saudi-Arabien zynische UN-Resolutionen gegen das immerhin demokratische Israel zu beschließen.

Auf der politischen Rechten vor allem in Europa und den USA haben sich zudem wieder Entwürfe des Ethnonationalismus etabliert, mit Ausstrahlung bis in die Ränder der jüdischen Gemeinden hinein.

Ethnonationalisten gerieren sich gerne als besonders eifrige Freunde Israels und sind gerne mit Israelfahnen unterwegs. Doch tatsächlich unterscheiden sie nur zwischen vermeintlich „rassereinen“, nationalistischen Juden, die gerne in einem fantasierten, semitischen Ethno-Staat Israel gegen den Islam kämpfen sollen und verschwörerischen „Kulturmarxisten“, „Soros-“ und „Merkeljuden“ andererseits, denen sie vermeintliche Weltverschwörungen der „Umvolkung“ und „Islamisierung“ vorwerfen.

Der Terrorist Anders Breivik, der vor allem junge Sozialdemokraten auf Utoya in Norwegen ermordete wie auch der Attentäter auf die Moscheen in Christchurch stützten sich ebenso wie inzwischen einige rechtsgerichtete Parteien auf die rassistische und antisemitische Verschwörungsideologie des Ethnonationalismus im vermeintlichen Abwehrkampf gegen einen imaginären, jüdisch bestimmten „Kulturmarxismus“.

Wie man es also dreht und wendet: Wer Israel auch über 70 Jahre nach der Gründung nicht ebenso selbstverständlich wie Griechenland, Pakistan oder sonst einen demokratischen Nationalstaat anerkennen kann, sondern weiterhin vernichten oder in eine Ethno-Theokratie umwandeln möchte, steht bewusst oder unbewusst in uralten Traditionen des Antisemitismus.

Deswegen bekenne ich mich als „Zionist“ in der gleichen Weise, wie ich mich auch als „Hellenist“ oder „Pakistanist“ verstehe: Ich halte es unabhängig von Kritik an der jeweiligen Regierungspolitik für selbstverständlich, bestehende Nationalstaaten anzuerkennen. Wer dagegen einen Staat, eine Religion oder ein Volk vernichten will, vor dem und der sind kein Staat, keine Religion und kein Volk sicher. Antizionismus ist israelbezogener Antisemitismus, pure and simple – und zudem ein ideologischer Missbrauch der palästinensischen, arabischen und muslimischen Menschen, deren Leben und Zukunft er opfert.

Entsprechend teile ich auch die Antisemitismus-Definition der IHRA, der International Holocaust Remembrance Alliance, und habe sie Landtag und Landesregierung von Baden-Württemberg zur Annahme und Anwendung empfohlen.

Die Definition lautet, Zitat:

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“ – Zitat Ende –

Religiöse Auffassungen können Menschen ermutigen und stärken, solange sie sich an Vernunft, Wissenschaft und Frieden orientieren. Es steht uns also frei, neben unseren eigenen Heimatländern zum Beispiel Griechenland heftig zu lieben, „wie Gott in Frankreich leben“ zu wollen, über die Aussagen des Konfuzius zu sinnieren, US-amerikanische und türkische Feiertage zu ehren oder auch nach Israel zu pilgern. Für Liebe zwischen Völkern, Religionen und Nationen gibt es keinen Deckel.

Und sinnigerweise warten ja nicht nur religiöse Jüdinnen und Juden auf einen jüdischen Messias, sondern auch die christlichen Kirchen und die meisten islamischen Gemeinden. Sowohl die Kreuzzüge im Namen Christi wie auch die Gewalt des sogenannten „Islamischen Staates“, der ernsthaft die Wiederkehr des Messias Jesus bei Dabiq, Syrien, erhoffte, unterstreichen jedoch eine Erkenntnis der Religionsgeschichte: Wo immer sich Messianismus mit Gewalt verband, ging und geht es gewaltig schief. Wer sich Israel und seine Nachbarn nicht als vielfältige Demokratien und zukünftige Friedenspartner vorstellen mag, sondern auf ein jüdisch-arabisches Armageddon hinarbeitet, ist kein wissenschaftlich seriöser Kenner von Bibel und Koran und schon gar keine echte Freundin des Judentums und des Staates Israel.

Nach einem berühmten, aber historisch nicht belegten Zitat habe die israelische Premierministerin Golda Meir einmal gesagt: „Frieden wird es geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie unsere hassen.“

Ich würde sagen: Frieden und eine bessere Zukunft für alle Kinder und Nationen der Region wird es dann geben, wenn wir gemeinsam dualistischen, antisemitischen Verschwörungsglauben samt der begleitenden Menschenverachtung überwinden. Wenn wir gemeinsam entdecken, dass alle großen Religionen, Kulturen und humanistischen Weltanschauungen mehr als genug Ansatzpunkte für eine gemeinsame Zukunft bieten. Wenn wir realisieren, dass hasserfüllte Regime immer wieder nur Leid, Tod und Schande gebracht haben und echter Fortschritt nicht auf Gewalt, sondern auf Dialog und Bildung basiert. Dass wir das erkennen können ist meine Tikwa, meine Hoffnung.

Die in Bayern geborene, inzwischen 91jährige Ruth Westheimer hat diesen nicht geschichtsvergessenen, aber entschlossenen Blick in die Zukunft in einem Interview auf den Punkt gebracht. Auf S. 14 der heutigen Stuttgarter Zeitung antwortete sie auf die Frage, ob Hitler angesichts der Ermordung der „meisten ihrer Familienmitglieder“ nicht „gewonnen“ habe mit einem ebenso knappen wie klaren: „Nein! Hitler ist tot, und meine vier Enkel sind fantastisch.“

Ich erinnere auch seligen Angedenkens an Meinhard Mordechai Tenné, in dem mir und vielen Engagierten der Christlich-Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart die menschenfreundlichste Variante des Judentums und des deutsch-israelischen Zionismus eindrucksvoll begegnet ist. Denn am Ende des Tages, jedes echten Tages, besteht der Sinn des Lebens in Begegnungen.

Er fehlt: Meinhard Mordechai Tenne (1923 - 2015)

In diesem Sinne wünsche ich Botschafter Jeremy Issacharoff (Berlin), Generalkonsulin Sandra Simovich (München), allen Bürgerinnen und Bürgern von Israel und allen Menschen, die es begehen, ein gesegnetes und friedvolles Jom haAtzma’ut und ebensolchen 14. Mai!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Bitte bleiben Sie gesund!

Quellen:

Heumann, Pierre (1997): Israel entstand in Basel. Die phantastische Geschichte einer Vision. Weltwoche

Schnabel, Nikodemus OSB & Saphir-Schmid, Kathy (2010): Um Zions Willen. Top Touch

Tenné, Meinhard (2014): Aus meinem Leben. Schriftenreihe des Stuttgarter Lehrhauses

Harari, Yuval Noah (2018): 21 Lessons for the 21st Century. Jonathan Cape

Murtaza, Muhammad Sameer (2018): Schalom und Salam. Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus. Info3 Verlag

Schneider, Richard (2018): Ausnahmezustand. Mein Blick auf Israel. Deutsche Verlags-Anstalt

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

81 Kommentare

  1. Sehr guter Beitrag. Kann jeder Aussage zustimmen. So klar wurde selten gesagt, dass Antizionismus letztlich auch Antisemitismus ist.

    • Martin Holzherr
      So klar wurde selten gesagt, dass Antizionismus letztlich auch Antisemitismus ist.
      ——
      Wenn das so einfach ist, Herr Holzherr, wie erklären Sie sich denn die Tatsache, dass bibeltreue Juden, und sog. ‘Reform Rabbis’ gegen den Zionismus und den Staat Israel sind!

      Jews Against Zionism: The American Council for Judaism

      https://www.jstor.org/stable/j.ctt14bsxdg

      Wie erklärt die ‘Jüdische Stimme’den Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus?

      Auch hier möchte ich eine kurze Antwort geben: Antisemitismus ist Rassismus. Es bedeutet Menschen hassen, nur weil sie anders sind, in diesem Fall Juden. Darüber gibt es keine Diskussion. Die Diskussionen, die dennoch geführt werden, sind nicht über Antisemitismus, sondern über Anti-Zionismus. Und das ist etwas ganz anderes.
      Zionismus ist eine kolonialistische Ideologie aus dem 19. Jahrhundert, die die Rechte eines anderen Volkes auf sein Land ignoriert und mit Gewalt unterdrückt. Dagegen kann man sein, dagegen muss man sein.

      Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit den anderen Vereinigungen Europa weit und warum?

      Die Jüdische Stimme ist in ganz Europa vertreten. Wir sind sehr stark in England, wir sind vertreten in Frankreich, Belgien, Holland, Schweden, Italien. Es ist für uns besonders wichtig gemeinsam auftreten zu können, um demonstrieren zu können, dass es uns gibt. Nur gemeinsam haben wir eine Chance von der EU gesehen und anerkannt zu werden. Davon ist auch eine notwendige Unterstützung abhängig. Wir haben dazu die ersten Schritte schon gemacht und hoffen bald eine ständige Vertretung in Brüssel zu haben, die unsere Interessen gegenüber der EU vertreten wird.

      Das Interview mit Abraham Melzer vom Verein „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost e.V.“ führte Dr. Milena Rampoldi von ProMosaik e.V.

  2. In Wikipedia kann man nachlesen: “Der Zionismus ist eine nationalistische Ideologie”.

    Über Nationalismus weis die Bundeszentrale für politische Bildung folgendes zu berichten: “Übersteigertes Bewusstsein vom Wert und der Bedeutung der eigenen Nation. Im Gegensatz zum Nationalbewusstsein und zum Patriotismus (Vaterlandsliebe) glorifiziert der Nationalismus die eigene Nation und setzt andere Nationen herab.”

    In Deutschland hat der Nationalismus deshalb keinen guten Ruf, im Gegenteil. Nationalistische Ideologien gelten deshalb als völkisch und /oder rechtsextrem. Gegen solche Ideologien zu sein, zählt hierzulande zum guten Ton. Befürworter werden gerne als Nazis abgestempelt.

    Warum soll das in Bezug auf Israel nun alles genau andersherum sein?

    • Weil aufgeklärter Patriotismus und Nationalismus nicht das gleiche sind, @Peter Müller. Auch ich bin ein deutscher Patriot und habe unserer Republik auch als Soldat gerne und aus Überzeugung gedient. Aber ich bin kein Nationalist, der andere Staaten und Völker verachten würde. Und bei den allermeisten Zionistinnen und Zionisten, die ich kenne, ist das ganz genauso. Völlig unabhängig davon, was Wikipedia dazu schreibt.

      Versuchen Sie einfach einmal, auch Israel ohne Ihre antisemitischen Fixierungen – über die wir uns ja schon ein paar mal ausgetauscht haben – wahrzunehmen. Sie werden feststellen, wie das Ihren Horizont erweitert. Und auch Ihnen ggf. helfen kann, vom Nationalismus zum Patriotismus zu wechseln.

      • @Michael Blume:

        “Und bei den allermeisten Zionistinnen und Zionisten, die ich kenne, ist das ganz genauso”

        Und wieviele kennen Sie? Meinen Sie wirklich daraus auf die Gesamtmenge schließen zu können? Das Argument gibt es bei deutschen Rechtsextremen ja auch: “Bei meinen Kammeraden ist das nicht so, die sind alle ganz nett”. Oder anders herum “Die Ausländer die ich so sehe machen alle dies und das, also sind alle so”

        • Nun, @Peter Müller, ich arbeite praktisch täglich mit deutsch-jüdischen Gemeinden, war dort sogar auch schon Konfliktschlichter, war schon oft zu ganz verschiedenen Themen auch in Israel und habe auch weltweit immer wieder mit jüdischen und israelischen Freundinnen und Freunden zu tun. Es waren und sind überwiegend wunderbare Menschen. Und auch negative Einzelerfahrungen habe ich nicht verschwiegen:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/medienethik-eine-negative-erfahrung-mit-der-jerusalem-post/

          Reicht das? Oder sind Sie etwa enttäuscht, dass es sich um überwiegend sympathische Menschen und nicht um weltverschwörerische Satanisten handelt?

          • Benennen Sie doch bitte eine ungefähre Anzahl. Und bitte nur echte und keine Facebook-Freunde.

            Und dann noch eine weitere Frage: Warum haben rechte bis ultrarechte Parteien in Israel so einen großen Zulauf, wenn dort nur wunderbare, sympathische Menschen leben?

          • @Peter Müller

            Eine Anzahl? Mehrere Hundert.

            Und wenn Deutschland durch Terroristen zigfach angegriffen und wiederholt mit Vernichtung bedroht worden wäre, wären auch bei uns rechtsgerichtete Parteien stärker – zumal unter Zugewanderten aus autoritären Gesellschaften wie z.B. Russland, die ja sowohl in Deutschland wie in Israel häufiger rechts wählen.

            Mich überrascht Ihre Annahme, in Israel müssten „nur wunderbare, sympathische Menschen leben“. Warum ist es für Sie nicht ausreichend, dass Jüdinnen und Juden Menschen sind wie andere auch? Warum sollten Israelis besser sein müssen als zum Beispiel Franzosen? Reicht Ihnen das gemeinsame Mensch-Sein nicht, @Peter Müller? 🤔

      • @Michael Blume

        “Und auch Ihnen ggf. helfen kann, vom Nationalismus zum Patriotismus zu wechseln.”

        Lol, ich werde in diesem Leben sicher kein Patriot mehr, allerdings komme ich auch nicht vom Nationalismus. 😉

        • Das stimmt, @Peter Müller. Rechte Antisemiten werfen Jüdinnen und Juden ja gerne vor, vaterlandslose Gesellen und Multikulturalisten zu sein, linke Antizionisten unterstellen ihnen Nationalismus und Rassismus. Sie einfach als vielfältige Mit-Menschen zu akzeptieren und zu respektieren – ich unterstelle Ihnen, dass Sie das schaffen könnten… 😉

          Was meinen Sie? Wäre das hinzukriegen? ✅🇩🇪🇮🇱🌍🌷

        • @Michale Blume

          “Mehrere Hundert”

          Und mit jedem dieser mehere hundert Menschenhaben Sie darüber geprochen, was für ihn/sie Zionismus bedeutet?

          “Und wenn Deutschland durch Terroristen zigfach angegriffen und wiederholt mit Vernichtung bedroht worden wäre, wären auch bei uns rechtsgerichtete Parteien stärker”

          Interessante Theorie, die äußeren Umstände machen die Menschen als zu Rechtsextremen, soso.
          Dabei hätte es Israel, als absolut überlegene Partei in diesem Konflikt, ja jederzeit in der Hand, die militärische Besatzung der Palästinenser zu beenden und einen gerechten Frieden mit ihnen und seinen anderen Nachbarn zu schließen.
          Dummerweise wählen die Israelis nun aber mit Netanjahu jemanden, der bereits klar erklärt hat, dass es mit ihm keinen Palästinenserstaat geben wird. Statdessen hat er angekünigt, große Teile diese Gebiete völkerrechtswidrig annektieren zu wollen.

          • Es ist Ihre Wahl, @Peter Müller, ob Sie die Israelis als einfaches Feindbild benutzen, oder zum Beispiel anerkennen, dass es auch unter langjährigen, linken Regierungen nicht zu einer Einstellung der antisemitischen Angriffe kam.

            Entsprechend löste – wie oben ebenfalls beschrieben – der Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen durch den Likud-Premier Scharon leider keine Friedensbewegung aus, sondern eine Machtübernahme der Hamas und bis heute andauernde Raketen- und Terrorangriffe. Ich kann jede/n Israeli verstehen, der dies im Westjordanland nicht wiederholen möchte. Umso länger der antisemitische Terror andauert, umso geringer wird die Chance auf eine Zwei-Staaten-Lösung.

            Und wenn Sie das tatsächlich nur dem Verhalten der Israelis zuschreiben können, dann liegt eben keine faire Konfliktanalyse vor, sondern eine offenkundige Einseitigkeit.

          • “Und wenn Deutschland durch Terroristen zigfach angegriffen und wiederholt mit Vernichtung bedroht worden wäre, wären auch bei uns rechtsgerichtete Parteien stärker”

            Interessante Theorie, die äußeren Umstände machen die Menschen als zu Rechtsextremen, soso.

            Was ist denn daran Theorie? Silvester Köln/Hbf hat die Stimmung in Deutschland in der Flüchtlingsfrage aber sowas von gedreht!? Und jetzt stellen Sie sich das vor als 70jähriges Szenario!

            Wir Älteren erinnern uns noch an die Stimmung im RAF-Herbst 1977. Und da ging es nicht einmal gezielt auf die Zivilbevölkerung. (Landshut abgesehen.)

      • Wo ist eigentlich das Problem, wenn man Antisemit ist? Ich fühle mich auch als Antichrist, das heißt noch lange nicht, dass ich alle Christen in KZs stecken will.
        Sind in Deutschland wieder gewisse Religionen gleicher auf Grund der Erbschuld?
        Die Römer haben ihre Staatsreligion den Germanen mit dem Schwert aufgedrückt, daran war nichts “christlich”.

    • OK. Erstmal teile Ich die Unterscheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus nicht. Chauvinismus ist natürlich schlecht. Aber den können auch “Internationalisten” (um es mal so auszudrücken). Bei denen ist es nur statt “am deutschen Wesen soll die Welt genesen” dann “am Wesen der westlichen Wertegemeinschaft soll die Welt genesen” und Ähnliches.

      Nationalismus ist in begrenzter Form definitiv notwendig um kulturelle Vielfalt zu erhalten. Ohne den Nationalstaat hätte man nur eine Weltgemeinschaft und da sich dann alle einig werden müssten, würde man hier eine Homogenisierung der Welt durchführen müssen, wo die Welt auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner runter gebrochen werden müsste. Dies ist schlecht und gefährlich.

      Durch den Nationalstaat können mehrere unterschiedliche Systeme koexistieren und man schafft erst eine Grundlage dazu, sich tolerieren zu können.

      (Das Liberale Modell des “Jeder darf auf seinem Grundstück tun, was er will, kommt gerade bei Religion an seine Grenzen. Eine Moschee und eine Schweinemetzgerei als Nachbarn werden sich z.B. nur schwer tolerieren können. Deshalb braucht es bei religiösen Aspekten auch den Nationalstaat. Und manche Fragen können auf Individualebene nicht gelöst werden. z.B. die Frage “Kapitalismus oder Kommunismus”. Ein überzeugter Kommunist wird nichts zu Lachen haben, wenn er in einem DOrf voller Ayn Rand ANhänger leben würde. Und umgekehrt.)

      Deshalb sind Linke nicht komplett antinational, sondern haben so etwas wie eine duale Tendenz. Linke begrüßen z.B. bei ehemaligen Kolonien wie Indien, wenn die Nationalbewusstsein zeigen und sich damit vom Westen emanzipieren wollen. Beim Westen selbst sieht man auf linker Seite leider nur die Konflikte, welche das Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert verursacht hat, und nicht die guten Seiten davon.

      (Und die linke Seite sieht nicht, dass deren Supranationale Fantasien wie die EU eigentlich auch nur die Fortsetzung der Nationalidee auf größerem Level sind. Der Rechte Philosoph Alain de Benoist hat mal als Kritik am Nationalstaat gesagt “Es ist auch nicht besser, wenn das Land zentral aus Berlin oder Paris regiert wird, statt aus Brüssel”. Da hat er auf rechter Seite Recht, dass ein nationaler Zentralismus nicht sonderlich viel besser ist, als ein Kontinentaler. Dieses Argument kann man aber auch genau so in umgekehrter Richtung anwenden, und sagen, dass es keine rolle Spielt, ob die Nation nun Deutschland oder die EU ist, und dass dies im Herzen das Selbe bleibt.)

      Natürlich hat Nationalismus auch eine gefährliche Komponente. Und zwar wenn man natürliche Verbindungen zwischen den Menschen auslöschen und durch die Verbindung zur Nation ersetzen will.

      Grob kann man das sehr gut am Symbol des Liktorenbündels/Faszis erklären, was es schon vor Mussolini gab. (Das Lincoln Denkmal ist auch mit dieser “faschistischen Symbolik” verziert.)

      Die natürliche organische Gesellschaft ist wie ein Baum mit Wurzeln, wo jeder Ast quasi seinen Platz und seine Funktion hat, und mit dem Ganzen verbunden ist. Bei der Faszis wird die innere Verbindung der Elemente zueinander jedoch gekappt, sie werden austauschbar und angeglichen, und die verlorengegangene intrinsische Verbindung kann nur noch durch “äußeren Druck” aufrecht erhalten werden. Würde der “äußere Druck” weggenommen, würde alles direkt in sich zusammen fallen.

      Dies ist die Gefahr des Nationalismus. Deshalb finde ich dieses Symbol des Liktorenbündels auch tatsächlich erstaunlich Weise gewählt.

  3. Israel als Zufluchtsort
    Einstein, der Nationalismus zutiefst verabscheute, war in seiner Jugend dem Judentum gegenüber indifferent und eine jüdischen Staat mit verteidigten Grenzen lehnte er ab. Erst der Antisemitismus, mit dem er selbst konfrontiert wurde (der Physiknobelpreisträger Phillip schrieb im “Völkischen Beobachter”: “dass der Relativitätsjude, dessen mathematisch zusammengestoppelte Theorie (…) nun schon allmählich in Stücke zerfällt”, Deutschland endlich verlassen habe.) liess ihn umdenken.

    Und Einstein war keinesfalls allein, er war nicht der einzige Mensch, der gar nicht viel vom Judentum hielt, der aber irgendwann zum Juden abgestempelt wurde und der erkennen musste, dass es für Juden keine sichere Heimstatt gab, dass Israel aber eine bieten konnte.

    Israel ist in der Tat ähnlich wie die USA ein Land von Immigranten, von Immigranten, die oft nur halb freiwillig aus europäischen und arabischen Ländern emigrierten.

    Wenn man etwas über Zionismus wissen will, sollte man die englischsprachige Wikipedia konsultieren, die eine viel grösseres Spektrum von Einschätzungen/Hintergründen abdeckt als der entsprechende deutschsprachige Artikel (auch die Beziehung Antizionismus/Antisemitismus wird dort behandelt). Der Aspekt Israel als Refugium findet sich dort etwa in folgendem Abschnitt (übersetzt von DeepL):

    Bis 1948 waren die Hauptziele des Zionismus die Wiederherstellung der jüdischen Souveränität im Land Israel, die Sammlung der Vertriebenen und die Befreiung der Juden von der antisemitischen Diskriminierung und Verfolgung, die sie während ihrer Diaspora erlebten. Seit der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 setzt sich der Zionismus weiterhin in erster Linie für Israel ein und setzt sich mit den Bedrohungen für seine weitere Existenz und Sicherheit auseinander.

    Kurzgefasst: Israel als Nation hätte es vielleicht nicht gebraucht, einen Zufluchtsort für Juden aber schon. Neben den USA ist ein solcher Zufluchtsort Israel, sicher aber nicht Deutschland – auch heute nicht.

  4. Martin Holzherr,
    Sie haben es anschaulich zum Ausdruck gebracht, Jedes Volk braucht sein Land. Dieses Land gibt Sicherheit. Darum geht es doch.
    Wer den Zionisten das Land verwehrt, der verwehrt den Menschen die Sicherheit. Das versteht jedes Kind, dass im Sandkasten seine Sandburg verteidigt.

  5. @ Martin Holzherr

    Neben den USA ist ein solcher Zufluchtsort Israel, sicher aber nicht Deutschland – auch heute nicht.

    Das ist ein sehr bitterer Gedanke, den ich auch schon hatte. Eine Schande für uns Land, aber leider auch für manch anderen europäischen Staat.

  6. Den Beitrag finde ich relativ gut. Was mir persönlich fehlt ist das Thema “linker jüdischer Antizionismus”, um es mal so zu formulieren. Da denke ich vor Allem an Leute wie Judith Butler, die selbst Juden sind, aber Israel als den großen Unrechtsstaat verunglimpfen und sich als Retter der armen Palästinenser aufspielen.

    Mein EIndruck ist auch, dass so etwas in der Debatte meistens etwas zu kurz kommt.

    • Vielen Dank für die Rückmeldung, @Martin Kumpmann. Tatsächlich habe ich in obiger Folge auch den linken bzw. assimilativen Antizionismus thematisiert. Für die Zukunft schließe ich aber nicht aus, auch explizite Werke dieser Strömung zu besprechen. Wenn ich Sie richtig verstehe, würde Sie das interessieren?

  7. Natürlich muss beim Thema Zionismus auch gesagt werden, dass es wie in jeder Ideologie auch ein paar Leute gibt, die man leider als Geheimgefährlich bezeichnen muss. (Und das sind meistens aber nicht die Juden, sondern eher Leute aus dem Bereich, was man “Christlicher Zionismus” nennt.

    Ein aktuelles Beispiel ist der Youtube Channel EndzeitreporterMCM. Der macht viele Aussagen, die durchaus unterstützenswert ist. Aber wenn der fordert, man solle im Namen von Israel politisch Dinge tun, die wahrscheinlich einen Atomkrieg zur Folge hätten, nur in der Hoffnung, dass sich so Teile der Offenbarung des Johannes erfüllen, dann muss man das leider wirklich als extrem “Problematisch” sehen.

    Zwar steht in der Offenbarung auch, dass Gott eine Art Schutzschild um Israel errichten wird. Jedoch ist es ethisch nicht zu verantworten, genau darauf zu hoffen, und mal eben einen Nuklearkrieg aus zu lösen.

    Sehr viele Zionisten, die Ich kenne, halten EndzeitreporterMCM wegen solchen Aussagen auch für leicht durchgeknallt.)

    • Ja, @Michael Kumpmann – deswegen hatte ich in obiger Podcast-Folge ja auch ethnonationalistische und apokalyptische Deutungen des Zionismus ausdrücklich problematisiert.

      Es ist halt, wie bei Menschen immer, komplex. Vor allem, wenn es dualistisch wird… 😐📚🌍✅

  8. @Elend der Palästinenser

    Das eigentliche Problem der Palästinenser und des weiteren arabischen Umfeldes sind wohl nicht die paar Quadratkilometer Land, dass sich die Israelis angeeignet haben. Das ist eine relativ kleine Fläche, und auch die zugehörigen Wasserressourcen sind recht begrenzt. Und da gibt es nicht mal Erdöl zu fördern.

    Dass die ganze Gegend wirtschaftlich nicht auf die Beine kommt, ist hier das eigentliche Problem, wozu die Kriege und Bürgerkriege in der Region noch einiges beitragen. Da mögen die USA einen verheerenden Beitrag zu leisten, aber Israel dagegen kaum. Israel hat sich bisher darauf beschränkt, sich einfach nur existenziell selbst zu verteidigen.

    Die Verschwörungsmythiker aus allen Richtungen werfen in diesem Zusammenhang die USA und Israel in einen Topf, was wenig Sinn macht, schätze ich. Was soll Israel sonst machen, außer die angebotene militärische Zusammenarbeit mit den USA anzunehmen. In ihrer prekären Situation inmitten einer ziemlich feindseligen Umgebung ist diese Zusammenarbeit wahrscheinlich überlebensnotwendig. Wenn die USA da ringsrum bei jeder Gelegenheit destabilisieren, werden die Israelis vermutlich dem wenig Zustimmung beizutragen haben. Aber danach werden die von Seiten der USA mutmaßlich kaum nach gefragt.

    Israel selbst hätte wohl auch einiges mehr an wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit den Arabern in der Umgebung zu bieten, wenn hier nicht soviel Hass grassieren würde. Das könnte zu einem Weg aus der wirtschaftlichen Krise in der ganzen Region beitragen. Wenn die sich mal auf wirtschaftliches Florieren konzentrieren würden, und nicht nur immer kurzfristige Eroberungen und völlig sinnlose konfessionelle Streitigkeiten im Sinn hätten.

    • Ich vermute auch, dass es einen Unterschied zwischen Israel und der US Amerikanischen “Israellobby” der Republikaner gibt. Israel ist meistens ein Musterbeispiel für ideologiefreie vernunftgetriebene Realpolitik.

      Die Israellobby der Republikaner hat aber wiederum so eine Dichotomie, die Israel als Paradies auf Erden ansieht, und die Araber als die bösen “barbaren”, die man demokratisieren und zivilisieren müsste. Das nimmt bei denen fast schon Züge einer Ersatzreligion an. (Das fing ja schon mit Leo Strauss an, der den “netten” Spitznamen “jüdischer Nazi” trug. Der hat ja geschrieben, der Prototyp der idealen Zivilisation sei “Jerusalem”. )

      Ein Beleg dafür, dass die “neokonservative Israel Lobby” eine andere Politik vertritt, als Israel selbst, könnte Ägypten sein. Das war eigentlich das muslimische Land, mit dem Israel (trotz 6 Tage Krieg etc.) später eigentlich fast am Besten aus kam. Die USA haben da aber einen Regime Change unterstützt, der die Gefahr brachte, dass in Ägypten radikale Islamisten an die macht kommen.

      Ich glaube, Netanyahu wäre es wahrscheinlich deutlich lieber gewesen, wenn Ägypten stabil geblieben wäre.

  9. Fand diesen und den letzten Podcast sehr sehr gut. Bei einigen anderen, aber das ist großteils der Natur der Sache geschuldet, gab es große Bögen und Zusammenhänge, da geht einem schon mal der Faden verloren.

    Respekt auch dafür, Herr Blume, daß Sie sich nach Diskussionmarathons auch mal Auszeiten nehmen und sich hier auch mal einen Tag gar nichts tut. Muß für einen langen Atem auch sein.

    • Ja, vielen Dank, @Alubehüteter. Es ist natürlich auch ein Voransarbeiten und-tasten. Und all das inmitten eines erfüllten Lebens, das auch sonst nicht langweilig ist…

      Ihnen Dank für das anhaltende, kritisch-konstruktive Interesse

  10. Heute gibt es gleich zwei gute Nachrichten im Kampf gegen den Antisemitismus / Antizionismus: Die Bundesregierung erließ Verbote und Untersuchungen gegen den deutschen Ableger der Hisbollah. Und die Veranstalter sagten die auch im Podcast erwähnte, antisemitische Al-Quds-Demonstration ab:
    https://amp.tagesspiegel.de/berlin/al-quds-marsch-in-berlin-abgesagt-eine-der-widerlichsten-antisemitischen-veranstaltungen-bleibt-uns-erspart/25793056.html

    Beides freut mich – wie Sie sich vorstellen können – sehr. Denn unser Rechtsstaat ist m.E. im Kampf gegen Antisemitismus und dessen konkrete Gefahren noch oft zu wenig wehrhaft. Hier ist ein wichtiger Schritt getan worden, auch zum Schutz der vielen nicht-extremistischen Musliminnen und Muslime.

    • Eigentlich eher ein Armutszeugnis, dass es solange gedauert hat. Denn in Argentinien, Australien, Kanada, Aegypten, Israel, Japan, Neuseeland, Paraguay, Grossbritannien, USA und selbst in Saudi Arabien und den Emiraten ist jedwede Transaktion zur Hezbollah schon lange verboten.

      Dass Figuren wie Heiko Maas den Antisemiten (Antikapitalisten) den Hintern pudern, ist schon lange bekannt. Von Chavez und Maduro wurden ja bekanntermassen Gelder fuer die Hezbollah gewaschen. Und das sozialistische Venezuela hat bei den Klassenkaempfern in Berlin immer einen besonderen Platz im Herzen.

      • Wobei es bei Saudi Arabien ja auch kein Wunder ist. Die Hisbollah hat Verbindungen zum Iran, also dem “Todfeind” Saudi Arabiens. Und Ich sag es mal mit Carl Schmitt

        “Grundlage der Politik ist Bestimmung, wer Freund und wer Feind ist.”

        Deshalb ist ein Hauptinteresse eines jeden Staates, dass die eigenen Bürger kein Geld an den Feind überweisen.

    • Könnte Deutschland nicht auch darauf dringen, das in Israel illegale Siedlungen in den Palästinensergebieten aufgelöst werden oder würde sich das Israel als Einmischung in innere Angelegeneheiten verbitten?

      • Warum fixieren Sie sich wieder nur einseitig auf Israel, @Peter Müller? Wenn es Ihnen doch angeblich um die Palästinenserinnen und Palästinenser geht, so müssten Sie sich doch erst einmal um die Terror- und Folterherrschaft, die Armut und abgebrochenen Wahlen der Hamas interessieren? Nein, das interessiert Sie gar nicht?

        Dann würde ich, wäre ich Israeli, auf Ihre Empfehlungen auch nichts geben. Denn offensichtlich streben Sie ja gar keinen Frieden in der Region an – zumindest keinen, in dem Jüdinnen und Juden überleben würden…

    • Oh, vielen Dank für die freundliche Rückmeldung und Ermutigung, @Aleksi!

      Bitte lassen Sie es uns und mich hier gerne wissen, falls Sie einmal einen spezifischen Themenwunsch haben sollten. Gerne gehe ich darauf ein.

  11. Hallo Herr Blume,

    seit drei, vier Wochen verfolge ich diesen Blog zu Verschwörungsmythen. Anlass war meine Recherche zu einem mir zugesandten QAnon-Video u.a. mit dem Adrenochromkindermythos, den ich schon aus den Medienberichten über Herrn Naidoos letzte Selfi-Videos kannte. So landete ich also bei Folge 5 dieses Blogs.

    Zwischenzeitlich habe ich den gesamten Blog incl. der Kommentare gelesen. In der Sache der historischen Fakten um die Verschwörungsmythen rund um das Judentum oder den (Anti-)Semitismus bin ich nicht anstzweise befähigt, mitzudiskutieren. Die Konsistenz Ihrer Berichte stärkt aber meine Überzeugung, dass wir leider jene tragische Tendenz beobachten können oder müssen, dass die digitale Welt zu einer babylonischen Verwirrung beiträgt: Wörter und deren Sinn werden zunehmend beliebig oder verkehrt und ein ohnehin schwer zu erkennender und manchmal auch schwer zu ertragender Versuch, das Wahre, Schöne und Gute dieser schier unfassbaren Wirklichkeit unseres Da-Seins allen Menschen zugänglich zu machen, wird vor den Augen der Welt auf so profane Weise unterminiert.

    Ich möchte Ihnen einfach nur Dank sagen für all die gute Geistesnahrung, welche Sie hier verschenken. Ich danke auch für die positive und kreative Inspiration, welche ich durch diesen Blog und insbesondere auch Ihren stoisch zugewandten und dennoch deutlichen Umgang mit den eher schwierigen Kommentaren erhalten habe.

    Es ist mir eine große Freude, diesen Blog zu verfolgen und ihn aus tiefster Überzeugung möglichst vielen interessierten oder betroffenen Menschen zu empfehlen. Und so sehe ich mich gleichwohl in der Pflicht, Ihnen auch diese meine Worte des Zuspruchs hier mal zukommen zu lassen.

    Ihnen und Ihrem Team wünsche ich weiterhin viel Kraft und alles Gute. Bleiben auch Sie alle bei bester Gesundheit.

    Herzliche Grüße

    Ralf

  12. Und dass der Semitismus nicht für eine „Rasse“ steht, sondern für zukunftsorientierte Mythologien auf Basis der Alphabetschrift, wissen Sie aus Folge 2 selbstverständlich auch schon…
    —-

    Lieber Herr Blume, wenn Sie Semiten mit Juden gleichsetzen haben wir ein Problem, wobei sich auch die Frage stellt, ob die ‘Kinder Israels’, die lt. biblischer Mythologie 40 Jahre in der Wüste umherwanderten, überhaupt Semiten (Angehöriger einer sprachlich und anthropologisch verwandten Gruppe von Völkern besonders in Vorderasien und Nordafrika) waren.

    Die heutigen Aschkenasischen Juden sind es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, allenfals die sephardischen (orientalischen) Juden, aber auch hier dürfen (durch jahrhundertelange Wanderschaft und Vermischung) Zweifel angemeldet werden.

    Und ob die Juden als Rasse, oder Volk bezeichnet werden ist auch zweitrangig.

    Wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe, eint alle Juden ein bestimmtes oder bestimmte Gene, weshalb die israelische Regierung (Law of Return)und auch das israelischen Rabbinat (von Heiratswilligen) ggfls. Gentests verlangen.

    Guckst Du auch hier:

    Genetic Roots of the Ashkenazi Jews

    Most Ashkenazi Jews, traditionally believed to have descended from the ancient tribes of Israel, may in fact be maternally descended from prehistoric Europeans.

    …”new evidence from mitochondrial DNA, which is passed on exclusively from mother to child, suggests that female ancestors of most modern Ashkenazi Jews converted to Judaism in the north Mediterranean around 2,000 years ago and later in west and central Europe.

    The new findings contradict previous assertions that Ashkenazi mitochondrial lineages originated in the Near East, or from mass conversions to Judaism in the Khazar kingdom, an empire in the north Caucasus region between Europe and Asia lasting from the 7th century to the 11th century whose leaders adopted Judaism.

    “We found that most of the maternal lineages don’t trace to the north Caucasus, which would be a proxy for the Khazarians, or to the Near East, but most of them emanate from Europe,” said coauthor Martin Richards, an archaeogeneticist at the University of Huddersfield in the U.K.
    new evidence from mitochondrial DNA, which is passed on exclusively from mother to child, suggests that female ancestors of most modern Ashkenazi Jews converted to Judaism in the north Mediterranean around 2,000 years ago and later in west and central Europe.

    A substantial prehistoric European ancestry amongst Ashkenazi maternal lineages
    https://www.nature.com/articles/ncomms3543

  13. Sehr geehrter Herr Blume,
    vielen Dank, dass Sie gegen die Hydra Antisemitismus und Verschwörungstheorien kämpfen. Es ist wahrscheinlich ein Sumpf, aus dem immer wieder die Blasen aufsteigen.
    Nun habe ich doch eine Frage: ich habe den Eindruck, dass adventistische Christen besonders anfällig für Verschwörungstheorien sind. (Obwohl sich der lesenswerte advetistische Theologe Amos Yong”In the days of cezar”, leider noch nicht übersetzt, klar dagegenpositioniert). Haben Sie vielleicht noch eine andere Erklärung? (Yong sieht das in der starken Betonung des Dämonischen und verweist auf eine Nähe zum deutschen Staatsrechtler Carl Schmitt)

    • Lieben Dank für Ihre Nachfrage, @j.

      Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass ich ganz bewusst nicht von “Verschwörungstheorien”, sondern von Verschwörungsmythen spreche und schreibe. Eine Erläuterung des m.E. gewichtigen Unterschiedes finden Sie hier:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-3-die-macht-der-sprache-und-verschwoerungsmythen-vs-verschwoerungstheorien/

      Und im Grundsatz kann jede Religion und Weltanschauung in Dualismus und Verschwörungsglauben fallen. Den Eindruck, dass Adventisten davon besonders betroffen wäre – deren Gemeinde z.B. hier in Stuttgart in direkter, guter Nachbarschaft zur Synagoge liegt – kann ich aus eigenen Beobachtungen bislang nicht bestätigen. In einigen Fragen – etwa der Beachtung des Schabbat – nehme ich sogar eine besonders starke Orientierung an den jüdischen Überlieferungen wahr. Dies schließt freilich dualistische und antisemitische Entgleisungen sicher nicht aus.

  14. Lieber Herr Blume,

    als ich kurz nach der Wende in Deutschland zu studieren begann begegneten mir einige Studenten, die in Diskussionen immer wieder betonten, dass sie nichts gegen Juden oder Israelis, aber etwas gegen “Zionisten” hätten.
    Diese Studenten waren alle in der DDR sozialisiert worden. Ich kannte diese Unterscheidung so nicht, und es fiel mir damals aufgrund der Uninformiertheit der Äußernden sehr leicht diese Position ad absurdum zu führen.
    Insofern stimme ich Ihnen zu, wenn es um antisemitische, respektive antiisraelische Tendenzen geht die lediglich mit dem Wort “Antizionismus” bemäntelt werden.
    Allerdings hielte ich es für einen Fehler die Geschichte des echten Zionismus nicht ebenfalls genau unter die Lupe zu nehmen. Es gibt durchaus Gründe, weswegen sich beispielsweise Hannah Arendt mit den echten Zionisten nahestehenden intellektuellen bereits früh überworfen hatte.
    Ich teile ihre (Hannah Arendts) Skepsis und auch die Kritik am historischen Zionismus.
    Ein Artikel in der taz nahm diese Art Kritik übrigens kürzlich auf, und ich halte ihn für lesenswert:
    https://taz.de/Debatte-ueber-den-Denker-Achille-Mbembe/!5679420/
    Ich würde mich auch freuen Ihre Meinung zur Mbembe-Debatte zu lesen: ich habe mir noch kein abschließendes Urteil bilden können.
    Ansonsten danke ich Ihnen mal wieder für Ihre wichtige Arbeit, und bitte um Nachsicht, dass sich mein angekündigter Beitrag samt Diskussion verzögert: Corona mit zwei jungen Kindern zuhause erfordert einiges an nicht geplanter innerfamiliärer Umstrukturierung.

    • Lieben Dank, @Alisier. Ja, in der DDR wurde der alte Antisemitismus als “Antizionismus” unter pseudo-humanistischen Vorzeichen recycelt und tradiert. Und ich bestreite mit keiner Silbe, dass es auch unter dem Banner des Zionismus üble Entgleisungen gab und gibt – ebenso wie unter den Bannern des Hellenismus, des Pakistanismus usw. Von den Massenmorden im Namen des deutsch-österreichischen Nationalsozialismus, des sowjetischen Stalinismus, des chinesischen Maoismus usw. ganz zu schweigen!

      Mir ist also nicht klar, warum ein “kritischer Blick” nur auf den Zionismus zu einer Delegitimierung Israels an sich führen soll. Warum wohl werden an Israelis Maßstäbe angelegt, die an die Bürgerinnen und Bürger anderer Nationalstaaten nicht im Ansatz angelegt werden? Übrigens könnten wir das Spiel auch endlos weitertreiben und zum Beispiel schein-empört darauf verweisen, wie sich wiederum Hannah Arendt über orientalische Juden geäußert hat.

      Müssen Jüdinnen und Juden denn wirklich durchweg “bessere Menschen” als zum Beispiel christliche Griechinnen, muslimische Pakistanis oder konfuzianische Chinesen sein, um ebenso wie diese akzeptiert und respektiert zu werden? Oder wäre es nicht langsam Zeit, einander einfach als individuelle Menschen mit Stärken und Schwächen anzuerkennen, nicht von einigen auf alle zu schließen und aufzuhören, doppelte Standards anzulegen? Und das übrigens ganz egal, um welche Hautfarbe, welches Geschlecht, welche Religion, welche Kultur oder welche Nation es dabei geht.

      Dafür setze ich mich ein.

    • als ich kurz nach der Wende in Deutschland zu studieren begann begegneten mir einige Studenten, die in Diskussionen immer wieder betonten, dass sie nichts gegen Juden oder Israelis, aber etwas gegen “Zionisten” hätten.
      Diese Studenten waren alle in der DDR sozialisiert worden. Ich kannte diese Unterscheidung so nicht, und es fiel mir damals aufgrund der Uninformiertheit der Äußernden sehr leicht diese Position ad absurdum zu führen.

      Auch in der BRD gab es diese Haltung. Die “progressiven” Studenten hatten nichts gege Juden aber viel gegen den Staat Israel.

      Gruß
      Rudi Knoth

  15. @ Michael Blume

    Ich stimme Ihnen zu, aber wir reden schon wieder aneinander vorbei 🙂
    Das aufzudröseln wird dauern….
    Einen schönen Abend Ihnen.

  16. @ Michael Blume
    Sich der Frage, warum es gerade Menschen jüdischen Glaubens, respektive jüdischer Herkunft, waren und sind, denen man so dermaßen viel Böses unterstellt hat und unterstellt, zu widmen bleibt wichtig.
    Mir scheinen die vielen Erklärungen immer noch nicht schlüssig zu sein.
    Damit wir uns aber hier nicht wieder missverstehen: dass es nicht an den real existierenden Menschen liegt ist unstrittig.
    Und ein leicht zu entlarvendes Machwerk wie “Die Protokolle….” ist eigentlich in keiner Weise glaubwürdig, aber es wurde (und wird) dennoch zur Stützung von antisemitischen Vorurteilen herangezogen.
    Ich verstehe es einfach nicht, auch wenn es Rassismus und Ähnliches leider überall gibt: die Dimension und die Hartnäckigkeit des Hasses gegen Juden sind recht einmalig, scheint mir.
    Neid oder Ähnliches reicht mir als Erklärung nicht.
    Und das klingt dann fast schon wieder nach Verschwörungsmythos……
    Aber im Ernst: was ist da wirklich passiert? Aus meiner Sicht sollte das Phänomen weiter intensivst untersucht werden.

  17. @ Michael Blume
    Ihre Podcasts enthalten sicher viele wichtige, interessante und richtige Informationen.
    Ich habe Sie bis jetzt , auch in Ihren Büchern, so verstanden, dass es hauptsächlich der Bildungsvorsprung und der Bildungsneid, war, der den Antisemitismus ausgelöst und befeuert hat.
    Ich vermute, dass uns allen bisher irgendwas Entscheidendes entgagangen ist.
    Deswegen mein Wunsch nach weiterer Untersuchung. Denn wenn wir uns zu schnell mit einer Erklärung zufrieden geben, riskieren wir das Phänomen nicht in Gänze zu verstehen.
    Und das bräuchten wir, um es effektiver zu bekämpfen. Aller guten Aufklärung zum Trotz bleibt Antisemitismus ein Schandfleck in vielen Gesellschaften und Gemeinschaften. Für mich ist es auch ein starker Beleg dafür wie gefährlich irrationale Ängste und Vorstellungen werden können.
    Was mich, zumindest glaube ich das, ein wenig stört, ist, dass Sie einen oder mehrere handfeste Gründe nennen, was manche völlig irrationalen Grundlagen des Antisemitismus zu relativieren scheint.
    In der Sache sind wir uns in sehr vielen Punkten einig, in der Interpretation der Ursachen wäre ich viel vorsichtiger, und würde weiter suchen.
    Deswegen mein “Ja, ich stimme zu!”, aber das war noch längst nicht alles. Irgendwas ist uns allen bisher entgangen, und es könnte entscheidend sein, um diesen hartnäckigen und gefährlichen Verschwörungsmythos endlich zu zerschlagen und unattraktiv zu machen.

    • Wenn ich Sie richtig verstehe, @Alisier, bin ich sogar bei Ihnen: Auch wenn Antisemitismus wesentlich durch Bildungsneid und demografische Ängste hervorgerufen wurde, so spielt doch die je individuelle Psychologie eine Rolle – und auch die letztlich irrationale Wahl, die Lust am Hassen und am Bösen. Deswegen dürfen wir auf die Selbstviktimisierung der AntisemitInnen auch nicht hereinfallen: Die meisten haben eine Wahl, sie könnten anders und tragen Verantwortung.

  18. Zitat Michael Blume:

    “…Oder wäre es nicht langsam Zeit, einander einfach als individuelle Menschen mit Stärken und Schwächen anzuerkennen, nicht von einigen auf alle zu schließen und aufzuhören, doppelte Standards anzulegen? ….”
    (Zitatende)
    Dann reden Sie doch ganz einfach mal objektiv und unvoreingenommen über die “Stärken und Schwächen ” der Israelischen Staatsgründung.
    Und falls Ihnen das (persönlich) nicht möglich sein sollte, stellen Sie doch ganz einfach die isralisch – zionistische Position und die der (antizionistischen und sonstigen) Kritiker in einem Artikel durch Originaltexte gegeneinander.

    • Interessant, was Sie da für ein Kollektiv bilden, @little Louis: „Die israelische Staatsführung“. Als gäbe es da z.B. zwischen Golda Meir, Yitzak Rabin, Benjamin Netanyahu und Benny Gantz (um nur wenige zu nennen), nicht riesige Unterschiede…

      Ich plädiere für eine Sicht auf das Individuum – und Sie antworten reflexartig mit einer antijüdischen Kollektivierung… 🤔🇮🇱🤷‍♂️

  19. @Alisier 02.05. 08:17 Weitere Aspekte des Antisemitismus

    „Deswegen mein “Ja, ich stimme zu!”, aber das war noch längst nicht alles. Irgendwas ist uns allen bisher entgangen, und es könnte entscheidend sein, um diesen hartnäckigen und gefährlichen Verschwörungsmythos endlich zu zerschlagen und unattraktiv zu machen.“

    Ein paar Ideen dazu, was hier noch passiert:

    1. Lebensfrust und Abrisslust: Es gibt hier durchaus eine Menge Leute, denen ihr Leben nicht sonderlich gelingt. Neben dem Rat, sich eben noch mehr anzustrengen, sich selbst zu optimieren, und aus sich mehr zu machen, entwickelt sich die alternative Idee, die Lust, einfach mal richtig abzureißen.

    2. Religiöser Dualismus als Grundneigung: Eine einheitliche Geisteswelt, die grundsätzlich gut ist, und daraus folgend alles Schlechte aus des Menschen Unvermögens zu erklären ist, wird nicht von jedem bevorzugt. Eben gerade das eigene und der Mitmenschen Ungute dem Bösem Geist und dessen Anhängern zuzuschieben, und damit die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinen Lieben und Mitstreitern zu vermeiden, gehört zu den möglichen Grundneigungen des Menschen.

    3. Überforderung mit der vielfältigen Kultur unter gleichzeitig starkem Leistungsdruck: Wir leben in dieser offenen Gesellschaft, und haben hier grundsätzlich das Problem, dass wir einerseits einen hohen Leistungsdruck haben, wenn wir beruflich was werden wollen. Und andererseits erfordert die Pluralität und Multikulturalität viel Bildung und Mitdenken, wenn man sich hier ein halbwegs schlüssiges Weltbild machen will. Und beides zugleich ist für ziemlich viele überhaupt nicht mehr zu leisten. Diese Überforderung macht Alternativen verlockend.

    4. Sammelbewegung grundsätzlicher Abneigung der aktuellen Verhältnisse: So gibt es einen Menge Gründe, die derzeitige Kultur abzulehnen, und innerlich aufzugeben. Der Verschwörungsmythos von Umvolkung und satanistischer Weltregierung liefert hier eine Art Abschiedsbrief an die Beziehung zur disziplinierten Vernunft. Die antisemitischen Traditionen können hier problemlos aufgewärmt werden, sobald der Mensch die Vernunft so weit aufgegeben hat, dass er die Katastrophen der Vergangenheit hinreichend ausblenden kann.

    5. Bildungskatastrophe: Die Leistungsgesellschaft hat sich längst selbst zerstört. Im Bestreben, die jungen Menschen immer leistungsfähiger zu machen, hat man in der Schule und auch an den Universitäten mit durchgreifendem Erfolg eine eindimensionale Ausrichtung zu beruflich verwertbarer Leistungsfähigkeit installiert. Das geht zu Lasten der nötigen Bildung, die es braucht, um seine Lebenswelt außerhalb beruflicher Anforderungen mit einem lebbaren Konzept auszustatten. Das einzige, was man hier lernt, ist einkaufen.

    6. Keine Zukunftsperspektiven: Wer es jetzt nur so gerade geschafft hat, im unterem Bereich der Arbeitswelt einen Platz zum Leben zu finden, muss den möglichen sozialen Abstieg besonders fürchten. Weil er überhaupt kein Konzept dafür hat, wie er leben soll, wenn er doch noch in Harz4 abrutscht. Die Angst davor kann den Verstand kosten. Die sogenannten Harz4-Looser, die von Anfang an nicht hinterherkommen, sind ja gerade Menschen, die eben nicht in die Leistungsgesellschaft mit voller Hingabe eingestiegen sind, die haben sich mehr mit dem Leben jenseits der Arbeitswelt auseinandergesetzt. Wirklich abstürzen tun die, die mit Haut und Haaren versucht haben, hier ausreichend leistungsfähig zu werden, und dann doch durchs Raster fallen – weil sie gesundheitlich nicht mehr hinterherkommen, oder einfach nur einen Beruf gewählt haben, der künftig wegfällt.

    7. Coronapleite: Mitten in diese prekäre Situation unserer Kultur kommt jetzt die große Corona-Pleitewelle. Man kann es als eine gewisse Dekadenz ansehen, wie sensibel hier auf eine verschärfte Grippewelle reagiert wird. Im Versuch, das medizinisch optimale durchsetzen zu können, wird hier offenbar die Gefährlichkeit der Pandemie in der öffentlichen Darstellung um einiges übertrieben. Die Entscheidungsträger leben meist in Verhältnissen, in denen ein vorübergehender Einkommensverlust kaum Auswirkungen hat. Andere wird das mehr betreffen.

  20. @ Tobias Jeckenburger

    Bei manchen Ihrer Punkte finde ich eine Diskussion lohnenswert.
    Bei anderen hingegen gehe ich so gar nicht mit.
    Auf jeden Fall danke ich für die Rückmeldung und für die Anregungen.
    Eventuell kommt morgen noch mehr dazu.

  21. @ Tobias Jeckenburger, Nachtrag

    Bei Punkt 5 stimmen wir überein.
    Über Punkt 7 würde ich mich mit Ihnen streiten wollen, und zwar recht heftig.
    Ansonsten sollten wir für eine Gesellschaft gefährliches Verhalten auch deutlich anprangern und hoch problematischen Positionen nicht zuviel Verständnis entgegenbringen oder sie gar entschuldigen.
    Wie Michael Blume weiter oben bereits schrieb: auf die Selbstviktimisierung der AntisemitInnen hereinzufallen sollte keine Option sein.

  22. @Alisier 03.05. 23:01 Corona-Überreaktion

    Die Einschätzung der Gefährlichkeit von Covid19 in Abwägung zu der Verhältnismäßigkeit der Gegenmaßnahmen kann durchaus recht verschieden ausfallen, meine ich.

    Nach den neuesten Zahlen haben wir in Deutschland 10 mal so viele bisher Infizierte als wie die registrierten Zahlen. Somit kommen wir auf 1,8 mio bisher Infizierte, das sind 2,2% der Bevölkerung. Gegenüber den 70% der Bevölkerung, die infiziert werden müssen, bis sich dass das Virus von selber nicht weiter verbreitet. Wenn man die Gesamtsterblichkeit von 0,37% darauf rechnet, wären dann maximal 210.000 Todesfälle möglich, wenn hier weder Medikamente noch Impfstoffe zur Hilfe kommen.

    Der Lockdown wurde anfangs damit begründet, dass die Infektionskurve so flach gehalten werden muss, dass nicht auch noch die Krankenhäuser überlastet werden. Dieses Ziel hatten wir schon nach 3 Wochen Lockdown mehr als erreicht, und seit dem hört man, dass die Infektionsrate so niedrig wie möglich gedrückt werden soll. Ich halte das für übertrieben. Dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden sollen, finde ich aber angemessen.

    Ebenso waren die veröffentlichten Infizierten- und Todesfallzahlen immer schon bis zu 14 Tage alt, was aber so nicht kommuniziert wurde. Dadurch entstand ein Eindruck vom Ausmaß der Krise, der entschieden übertrieben war.

    Demgegenüber treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemiegegenmaßnahmen die Menschen sehr unterschiedlich, je nach persönlicher Situation. Wer einfach reichlich Geld hat, dem ist hier die Gesundheit auch vergleichsweise wichtiger. Genauso muss einer Arbeitslosigkeit nicht fürchten, wenn er so gut qualifiziert ist, dass er sofort einen neuen Arbeitsplatz findet, falls seiner den Coronagegenmaßnamen zum Opfer fällt.

    Deswegen sieht hier die Einschätzung der Angemessenheit der Maßnahmen angesichts der persönlichen Situation der Entscheidungsträger ganz anders aus, als wie der Menschen, die wirtschaftlich nicht so gut da stehen. Dazu gehören auch die meisten Personen, die zu rechtsradikalen Auffassungen neigen.

    Wir haben hier einen Prioritäten-Konflikt meine ich, mit oder ohne Rechtsradikale.

    • Nö, sie widerlegen Ihre Fixierung, alle Juden und Israelis über einen Kamm zu scheren.

      Es ist echt faszinierend, kein anderes Land scheint Sie so zu „triggern“, @Peter Müller…

  23. Frank Walter Steinmeier hat heute eine antizionistische Rede gehalten. Er warnt vor Nationalismus; das muß man sich mal vorstellen…

    “Der Bundespräsident warnte vor der Versuchung eines neuen Nationalismus, von der Faszination des Autoritären, von Misstrauen, Abschottung und Feindseligkeit zwischen den Nationen. Der damit verbundene Hass, die Hetze und Demokratieverachtung seien “nichts anderes als die bösen alten Geister in neuem Gewand”.

    https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-05/frank-walter-steinmeier-patriotismus-tag-der-befreiung

    • Himmel, @Peter Müller – selbst wenn ein deutscher Präsident redet, fällt Ihnen immer nur „Zionismus“ ein.

      Ich finde diese Fixierung tatsächlich schade, auch für Sie selbst. Wieviel bunter und interessanter wäre die Welt auch für Sie, wenn Sie einmal z.B. die Geschichte des Hellenismus erkundet hätten… 🤷‍♂️

      Ihnen von Herzen gute Besserung und ein schönes Wochenende! 🌷

      • @Michael Blume

        “selbst wenn ein deutscher Präsident redet, fällt Ihnen immer nur „Zionismus“ ein.”

        Nein, “Antizionismus” natürlich. Sie haben mich ja sensibilisiert für die Thematik.
        Der Zionismus ist doch eine nationalistische Ideologie. Und nun ätzt unser geschätzer Bundespräsident gegen den Nationalismus an? Abschottung und Feindseligkeit zwischen den Nationen soll er fördern, sowie Hass und Hetze. Eine ziemliche Anti-Haltung wie ich finde.

        • Wieder falsch, @Peter Müller: Der Zionismus ist zunächst einfach nur ein nationalstaatliches Projekt wie der Hellenismus, der deutsche Wunsch nach Wiedervereinigung usw. auch.

          Und das wissen Sie natürlich auch. Da es aber um bzw. gegen Juden geht, definieren Sie nur den Zionismus vom Nationalismus her. Andere Nationalstaaten stören Sie nicht.

  24. @Alisier 03.05. 23:01 Religiöser Wildwuchs

    „Ansonsten sollten wir für eine Gesellschaft gefährliches Verhalten auch deutlich anprangern und hoch problematischen Positionen nicht zuviel Verständnis entgegenbringen oder sie gar entschuldigen.
    Wie Michael Blume weiter oben bereits schrieb: auf die Selbstviktimisierung der AntisemitInnen hereinzufallen sollte keine Option sein..“

    Im Sinne von immer vielfältigen Mythen kommt der Mensch auf alle möglichen Ideen. Nicht nur die Traditionen sind sehr vielfältig, auch neue Ideen die Realität der Geisteswelt betreffend sind stets in Produktion und in den Medien zu beobachten. Dazu gehören auch problematische Konzepte.

    Aber wie sollen wir das verbieten? Ein erweiterter Radikalenerlaß, eine rechtsverbindliche neue Inquisition? Auf jeden Fall kann z.B. scilogs.spektrum.de so vorgehen, dass sie Beiträge nicht veröffentlicht, wenn der Verlag und seine Autoren das nicht wollen. Da hat ja jetzt niemand Anspruch darauf.

    China löst das Problem mit dem Verbot von Beiträgen, die nicht der Wahrheit entsprechen. Wer Unwahrheiten verbreitet und mehr als 1000 Leser hat, macht sich dort strafbar. Das Problem ist hier, dass die Wahrheit öfter nicht so leicht zu ermitteln ist. Insbesondere bei religiösen Mythen ist das sehr schwierig. Weil eben Mythen genau da genutzt werden, wo eben die Realität nicht mehr eindeutig feststellbar ist. Ich weiß jetzt nicht, wie China mit diesem Problem umgeht. Wenn man hier konsequent wäre, müsste man auch die Bibel nur in zensierter Form veröffentlichen dürfen, mit reichlich geschwärzten Passagen.

    Wenn ich alles verbiete, dessen Wahrheitsgehalt nicht gesichert ist, verbiete ich de facto jegliche Äußerung religiöser Inhalte. Das kanns jetzt echt nicht sein. Und selbst Neuigkeiten auf dem Gebiet der Wissenschaften sind anfangs unsicher, oft umstritten und erweisen sich im Nachhinein als Unfug. Aber die öffentliche Diskussion ist gerade in diesem Fall absolut wesentlich. Wenn wir hier Verbote einführen würden, würde das auch den Fortschritt der Wissenschaften behindern.

    Eine freie öffentliche Diskussion ist richtig wesentlich. Für die Gesellschaft gefährliche Positionen dürfen denn ja auch öffentlich angeprangert werden, und ausdiskutiert werden. Da können sich die Verschwörungsgläubigen auch beschweren so viel sie wollen, wenn sie hier auf öffentlichen Widerstand stoßen, der auch schmerzhaft sein kann.

    Wir müssen hier wohl auf den Kampf mit Argumenten setzen. Von Unfug freihalten kann man nur die Webseiten, die einem selber gehören. So weit man das denn möchte. Immerhin finde ich es hier auf scilogs interessant, auch mal die Schwurbler im Original zu lesen, und die jeweiligen Inhalte dann auch zeitnah diskutieren zu können. Nur zu viel des Unsinns ist dann nicht mehr lesenswert, insbesondere wenn hier Inhalte ständig wiederholt werden, oder ganz klar falsche Fakten vertreten werden.

  25. Die Frage wäre wo ist die Abgrenzung beim Zionismus.
    Ist Zionismus die berechtigte Sache Israel als Land zu erhalten oder beinhaltet es auch die unberechtigte Landnahme nach Festlegung der Grenzen durch die UNO.

    Da kommt man dann auch zur berechtigten Israelkritik. Wenn man Israel nicht kritisiert ist Palästina in 100 Jahren ganz von der Landkarte verschwunden.
    Problem dabei, eigentlich steht man einem demokratischen Israel näher, als einem möglicherweise islamischen Kirchenstaat. Trotzdem ist die Landnahme ein Verbrechen und das muss man auch sagen dürfen. Das wird von einem Teil der Israelis genauso gesehen, von daher verstehe ich auch diese Kritik an der Israelkritik nicht. Ja manchmal versteckt sich hinter Israelkritik auch Antisemitismus, aber nicht perse.

    Hier zieht man oft den Zirkelschluss Israelkritik -> Antizionismus -> Antisemitismus. Dabei ist das meist nicht der Fall, jedenfalls hier im Westen. In einigen Kreisen und islamischen Staaten möchte man Israel ganz weg haben, nur man tut sich in der Sache keinen Gefallen wenn man den westlichen Kritiker damit in einen Sack steckt.

    Ich verfolge die politische Diskussion nun seit Jahrzehnten. Deshalb kann ich mich auch noch gut daran erinnern wie Arafat einen ernsthaften Frieden angeboten hat. Der aber immer von Israel abgelehnt wurde mit fadenscheinigen Argumenten, wie zB mit Terroristen reden wir nicht. Dabei hatte a) Arafat sich bereits davon losgesagt und b) es gab im Vorisrael auch jüdische militärische Untergrundbewegungen, deren Aktivitäten mit zur Gründung von Israel führten.

    • Wie geschrieben, @Matthias: Der UN-Teilungsplan wurde von Israel akzeptiert, aber nicht von seinen arabischen Nachbarn. Der Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen führte nicht zu einem friedlichen, demokratischen Palästinenserstaat, sondern zur Herrschaft einer brutalen und antisemitischen Terrormiliz. Auch ich würde als israelischer Politiker unter diesen Umständen nicht naiv agieren.

      Ebenfalls habe ich im o.g. Post auf den Kaschmir-Konflikt hingewiesen, in dem drei Atommächte UN-Beschlüsse ignorieren und Territorium besetzt halten. Juckt fast niemanden, weil es sich halt nicht gegen Jüdinnen und Juden instrumentalisieren lässt. Vom Schicksal der Uiguren, Tibetaner, Rohingya usw. ganz zu schweigen. Wer als “Friedensfreund” immer wieder nur den Kleinstaat Israel “kritisieren” möchte, sich aber für das Schicksal anderer nicht vergleichbar interessiert, der hilft auch den Palästinenserinnen und Palästinensern nicht – sondern benutzt sie nur. Kann man machen. Ist halt nicht glaubwürdig, nicht ehrlich und auch nicht wirklich an Menschenrechten und Frieden orientiert.

      • Ja das wird von Israel immer behauptet, nur ist das leider nicht richtig. An der Stelle machen sie es sich zu einfach, da genau das der Knackpunkt ist.

        Die vielen Initiativen von UN Abgesandten die im Laufe der Jahrzehnte darauf hingearbeitet haben wurden im entscheidenden Augenblick immer wieder von Israel abgelehnt mit fadenscheinigen Argumenten, wie zB Arafat – mit so einem Terroristen setzen wir uns nicht an einen Tisch. Das zu einem Zeitpunkt als Arrafat jeglicher bewaffneter Auseinadersetzung abgeschworen hatte. Wie gesagt da kann ich mich noch recht gut dran errinnern.

        Israel wendet hier bewusst eine Verzögerungstaktik an, der viele grad hier im Westen nur zu gerne folgen. Man möchte sich nicht eingestehen das man Israel eigentlich kritisieren müsste. Wer das nicht wahrhaben will belügt sich selbst oder andere. Ja so hart muss mans mittlerweile leider sagen.

        Die arabischen Nachbarn haben sich ja schon mit Israel geeinigt, zum Teil sogar auf Kosten der Palästinenser. Iran mal ausgenommen.

        Ja der Kaschmir Konflikt ist übel. Es gibt jede Menge Konflikte, nur der nahe Osten ist numal am dichtesten an uns dran und hat eine gewaltige Strahlkraft auf die ganze Region. Für mich klingt das eher nach Ablenkung.

        “Der Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen führte nicht zu einem friedlichen, demokratischen Palästinenserstaat, sondern zur Herrschaft einer brutalen und antisemitischen Terrormiliz. ”
        Nachdem man dort 1000e Zivilisten umgebracht hatte. Ein Völkerechtsverbrechen ohne gleichen.
        Ja nachdem man Arrafat weggestossen hat, haben sich die Palästinenser radikaleren Organisationen angeschlossen.
        Aber selbst das ist gibt kein Recht zur Annektion.

        Wir könnten uns wie gesagt in 100 Jahren wiedersprechen, was wohl nicht möglich sein wird. Wir würden aber feststellen das Israel bis dahin das meiste oder ganze Territorium eingenommen hat. Aber auch dann würden wieder welche kommen und sagen Israel hat sich doch nur verteidigt.

        Es gibt ja auch in Israel genug Kritiker, was sagen sie denen denn?

        • Eine Anmerkung: man kanns leider nicht editieren hier, streichen wir mal das “ohne gleichen” das bezog sich auf heutzutage in unserer Umgebung Europa. Natürlich ist das kein Vergleich zum Holocaust der ist und bleibt das grösste Verbrechen der letzten 100 Jahre. Sowie auch kein Vergleich was zB bei den Hutu passierte, …

          • @Matthias

            Es ist nett von Ihnen, dass Sie die Fallstricke des Antizionismus und also Antisemitismus hier aufführen.

            So schreiben Sie: “Es gibt jede Menge Konflikte, nur der nahe Osten ist numal am dichtesten an uns dran und hat eine gewaltige Strahlkraft auf die ganze Region. Für mich klingt das eher nach Ablenkung.”

            Das ist natürlich Blödsinn. Syrien ist noch näher an Europa dran – und dort wüten u.a. Truppen von Assad und Putin sowie des Iran brutal gegen die Zivilbevölkerung, das halbe Land liegt in Schutt und Asche. Aber das interessiert und bewegt Sie nicht.

            Und wenn es Ihnen wirklich um die Menschen ginge, so würden Sie den Blick natürlich auch nach Morija richten, wo immer noch Abertausende Flüchtlinge auf europäischem Boden unter erbärmlichen Bedingungen eingesperrt sind.

            So diskutiert beispielsweise Thüringen derzeit über ein eigenes Sonderkontingent zur Aufnahme von 500 schutzbedürftigen Menschen von dort:
            https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-05/migration-thueringen-fluechtlinge-griechenland-aufnahme

            Sie sehen also, es gäbe tatsächlich viel Gutes zu tun – wenn es Ihnen wirklich um auch arabische Menschen ginge. Doch Sie bewegt weder das Schicksal von Syrerinnen und Syrern noch von Flüchtlingen auf europäischem Boden. Sie “solidarisieren” sich nur dann mit arabischen Gruppen, wenn es gegen Israel geht. Sonst interessieren diese Menschen und ihr Schicksal Sie gar nicht.

            Wer hier also “Ablenkung” betreibt ist für jede/n deutlich zu erkennen…

            #Antizionismus #Antisemitismus

  26. Also zumindest Netanjahu scheint unter Zionismus mehr zu verstehen als aufgeklärten Patriotismus.:

    “Zentrales Vorhaben der neuen Regierung ist die Umsetzung des von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagenen Nahost-Friedensplans – der einen eigenständigen palästinensischen Staat vorsieht, gleichzeitig aber auch die Annexion von jüdischen Siedlungen im Westjordanland durch Israel.

    “Es ist Zeit, israelisches Recht anzuwenden und ein weiteres glorreiches Kapitel in der Geschichte des Zionismus aufzuschlagen”, sagte Netanjahu. “Dies ist die Wahrheit: Diese Gebiete sind da, wo das jüdische Volk geboren ist und sich entwickelt hat”, sagte er weiter.”

    https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-05/israel-benjamin-netanjahu-einheitsregierung-benny-gantz?page=2#comments

    • Ja, @Peter Müller – es gibt auch in Griechenland ganz verschiedene Definitionen von Hellenismus. Stört Sie aber null und würde Sie auch nicht zum Glauben an eine griechische Weltverschwörung führen. Merken Sie was? 🤷‍♂️😖📚🇮🇱🇩🇪🙏

      • @Michael Blume:

        Ok verstehe, wenn es um die Frage geht was Zionismus ist, hat der israelische Ministerpräsident nur eine Meinung, die nicht weiter relevant ist. Was Zionismus wirklich ist, definiert Michael Blume in Deutschland.

        • Das muss der Michael Blume gar nicht extra definieren, @Peter Müller. Denn der Michael Blume zeigt Ihnen lediglich auf, dass jede Nationalstaatsbewegung auf diesem Planeten unterschiedlichste Strömungen hat. Das interessiert Sie aber nicht die Bohne – Sie interessiert nur, was sich gegen Jüdinnen und Juden verwenden lässt.

          Und, ja, das definiert der Michael Blume: Als ganz üblichen und ziemlich erbärmlichen Antisemitismus…

          • Ok dann kann man es vielleicht so formulieren:

            Nationalismus in Israel = sehr gut
            Nationalismus in Deutschland = sehr schlecht
            Nationalismus überall sonst = auch eher schlecht

          • Warum nicht einfach Patrotismus in allen Ländern gleichermaßen begrüßen und übersteigerten Nationalismus in allen Ländern problematisieren, @Peter Müller? Warum gelingt es Ihnen nicht, zum Beispiel Deutsche, Griechen, Pakistanis und Israelis an der gleichen Elle zu messen? Warum immer wieder Ihre einseitig antijüdische Fixierung?

  27. Ich mache eben nicht Israel einseitig schlecht sondern Sie machen Israel einseitig gut. Sie wollen mir erzählen, dass etwas, was überall als negativ gesehen wird in Israel ganz toll sein soll. Ich soll also den Patriotismus begrüßen? Ich wüsste nicht was daran so toll sein soll, stolz auf den Umstand zu sein, zufällig in diesem Land geboren worden zu sein.Wenn Sie das toll finden, warum dann Ihre Abneigung gegen die AfD?

    • Sie drehen Ihre eigenen Komplexe einfach immer wieder um, @Peter Müller. Wo genau hätte ich denn jemals geschrieben, “dass etwas, was überall als negativ gesehen wird in Israel ganz toll sein soll.”? Auch im obigen Text fordere ich nicht mehr, als Israel mit der gleichen Fairness zu behandeln wie zum Beispiel Griechenland oder (das fast gleichzeitig gegründete) Pakistan. Der einzige, der sich wieder und wieder – Kommentar um Kommentar – nur auf Israel fixieren will, sind Sie. Auf Ihrer inneren Weltkarte scheint es kaum ein anderes Land zu geben.

      Aber interessant, dass Sie sich nun doch zur AfD bekennen. Aus dieser Partei heraus nehme ich übrigens sehr unterschiedliche Positionen zu Israel wahr. Rechnen Sie sich dort einem bestimmten Flügel zu?

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