Welche Bildung hilft gegen Antisemitismus? Verschwörungsfragen 37

Auch wenn ich die Wahlniederlage von Donald Trump, den Zerfall von QAnon und den Konflikt zwischen einem gewaltbereiten oder friedlichen Abgang in “Verschwörungsmythen” bereits prognostiziert hatte, so überraschte mich doch die Vielzahl an Anfragen dazu. Möglicherweise hatte es auch damit zu tun, dass mit dem (inzwischen verhafteten) Q-Schamanen im Kapitol von Washington vielen klargeworden war, dass es hier tatsächlich längst nicht nicht mehr um wissenschaftliche Theorien, sondern um religiöse & zivilreligiöse Mythologien ging. Jake Angeli – eigentlich Jacob Anthony Chansley – ließ sich auch bei maximaler Interpretationsbreite kaum mehr als “Verschwörungstheoretiker” verharmlosen.

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Tweet zum #CapitolRiot von @kampsabine, mit freundlicher Genehmigung

Wiederholt wurde mir dabei auch die Frage gestellt, die schon im letzten Jahr von vielen HörerInnen und LeserInnen vorgebracht worden war: Wie können aber auch formal hochgebildete Menschen – z.B. MedizinerInnen, Professoren der Finanzwissenschaft, Anwälte, ehemalige Bürgermeister usw. – auf so erkennbar absurde Verschwörungsmythen hereinfallen? Schützt Bildung doch nicht vor Verschwörungsglauben und Antisemitismus?

Mein Team und ich haben daher Planungen umgestellt und die erste Podcast-Folge des Jahres 2021 mit einem Beitrag aus einem Sammelband eröffnet. Wir hoffen, Sie finden für sich Interessantes beim Hören oder Lesen!

Sammelband von 2020 des ZdJ, erschienen bei Hentrich & Hentrich

Auch die Podcast-Folge 37 finden Sie selbstverständlich wieder zum Hören auf Podigee, auf Spotify, Deezer, iTunes etc. – sowie im Folgenden als Text:

Gerne möchte ich Sie zum Jahr 2021 auch auf dem Podcast „Verschwörungsfragen“ begrüßen. Geplant war, dass ich direkt mit dem so wichtigen Jubiläum 1.700 Jahre jüdisches Leben in deutschen Landen einsteige, das wir in diesem Jahr begehen. Auch eine Folge über den Iran und über die Verfolgung der Bahai steht an.

Aber der Fortschritt der COVID19-Pandemie, der israelbezogene Antisemitismus und die Eskalation von QAnon-Verschwörungsmythen  in den USA drängen sich in unser aller Wahrnehmung. Zu den häufigsten Fragen, die uns erreichen, gehören Fragen zur Bildung. Schützt formale Bildung vor Verschwörungsglauben? Ist der Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus einfach ein Unterthema von Demokratiebildung? Und wie ist das, danach wurde ich jetzt auch beim Weltethos Institut intensiv gefragt, mit den Auswirkungen der neuen Medien auf die zwischenmenschliche Bildung?

Dazu ist im letzten Jahr beim Verlag Hentrich&Hentrich mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland ein Sammelband erschienen. Der Titel lautet: „Du Jude! Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konzepte“. Ich danke Doron Kiesel, dem Verlag und dem Zentralrat für ihr Einverständnis, dass ich Ihnen meinen Beitrag dazu hier vorlesen kann.

Welche Bildung hilft gegen Antisemitismus?

Wenn über die Bekämpfung von Antisemitismus gesprochen oder geschrieben wird, erscheint „Bildung“ als Allheilmittel. Schon die Kinder müssten eben besser „gebildet“ werden, niemand werde schließlich als Antisemit oder Rassistin geboren. Wichtig sei der Besuch von Gedenkstätten, die Wissensvermittlung und – in zunehmender Ermangelung von Zeitzeuginnen der Schoah – auch die Begegnung mit lebendigen Jüdinnen und Juden.

Als Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und als Religionswissenschaftler kann ich mich jedoch mit diesen an sich gut begründeten Ansätzen nicht begnügen.

Schon die Geschichte des Nationalsozialismus zeigt, dass formale Bildung alleine nicht vor mörderischem Antisemitismus schützen konnte: Die Mehrzahl der Teilnehmenden an der Wannseekonferenz, die die Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden plante, trug – meist juristische – Doktortitel. An deutschen Universitäten und Forschungsinstituten gab es quer durch die Fakultäten keinen Mangel an Akademikern, die sich der NS-Ideologie andienten und dazu gerne auch die Plätze vertriebener Kollegen einnahmen. Albert Einstein wurde lange vor 1933 auch aus formal gebildeten Mündern und Federn als Vertreter einer vermeintlich „jüdischen Physik“ diffamiert – ein Verschwörungsmythos, der als so genannte „Relativitätskritik“ derzeit auch im deutschsprachigen Internet wieder aufblüht. Die neuere Forschung weist sogar darauf hin, dass gerade auch Neid und Ängste von Bildungsaufsteigern gegenüber jüdischen Konkurrenten und zunehmend auch Konkurrentinnen in Wissenschaften, Kunst und Kultur die Verbreitung und Popularisierung antisemitischer Überzeugungen quer durch Europa befeuerten und fast überall zu Schul-, Studien- und Berufungsbeschränkungen führte. Die Gründung der Hebräischen Universität Jerusalem ab 1918 war auch eine Reaktion auf die vielfachen Diskriminierungen und Verfolgungen jüdischer Wissenschaftler, die beispielsweise den Mitgründer und späteren israelischen Staatspräsidenten Chaim Weizmann (1874 – 1952) von Weißrussland nach Deutschland getrieben hatten.[1] Die hoffnungsvolle Idee der Aufklärung, dass akademisch Gebildete ganz von alleine und frei von Antisemitismus und Rassismus eine übernationale Republik Gleichberechtigter begründen würden, hat der historischen Wirklichkeit nicht standgehalten.

Bedrückende Beispiele aus Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg wurde diese Idee sogar geradezu ad absurdum geführt: Der vielgerühmte Freiburger Philosoph Martin Heidegger (1889 – 1976) hatte nicht nur geschätzte jüdische Lehrer, Kollegen und Studierende, sondern unterhielt zeitweise auch eine Beziehung mit der jüngeren Hannah Arendt (1906 – 1975). Das alles hinderte ihn jedoch nicht daran, antisemitische Gedankengänge auszubrüten, sich eilfertig dem NS-Regime anzudienen und selbst nach dessen Untergang gegenüber der ihm intellektuell und menschlich längst entwachsenen Schülerin Arendt sowie gegenüber dem wegen seiner Arbeiten und seiner Ehe mit einer Jüdin verfolgten Karl Jaspers (1883 – 1969) jede echte Reue zu verweigern und sich weiterhin selbst als Opfer zu fantasieren.[2]

Und seit 2016 gehört mit Dr. Wolfgang Gedeon der derzeit bundesweit vielleicht bekannteste Antisemit dem baden-württembergischen Landtag an. Auch dieser Mann ist formal gebildet – ein promovierter Mediziner – und hat dennoch aus früher linksextremen Kreisen wesentliche Feindbilder in seine heutige Weltanschauung übernommen.

So vollendete Gedeon bereits 2009 sein dreibändiges Werk der „Christlich-Europäischen Leitkultur“, das eine uralte Weltverschwörung von Juden und Nichtjuden verkündet. Darin heißt es schon Jahre vor der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Rückgriff auf klassisch antisemitische Verschwörungs- und „Durchrassungs“-Vorwürfe bei ihm:

„Die Zionisten brauchen den Islamismus als Massenwaffe zur Auflösung der christlichen (Rest)-Fundamente, die es in den westlichen Gesellschaften noch gibt; und die politischen Islamisten brauchen die hochentwickelten Beziehungen und Verbindungen, welche die Zionisten sich in den westlichen Gesellschaften geschaffen haben, um in Politik und Administration Widerstände gegen islamische Masseneinwanderung von innen her paralysieren zu können. Deshalb kann man bei uns gegen Islamisierung nur etwas ausrichten, wenn man auch antizionistisch vorgeht.“

Über jüdische Selbstorganisationen heißt es im gleichen Band:

„Institutionen wie der Zentralrat der Juden haben in Deutschland eine parastaatliche Funktion und genießen mit anderen entsprechenden Organisationen, wie dem Jüdischen Weltkongress (WJC) oder dem Simon-Wiesenthal-Zentrum, innerhalb der politischen Klasse Deutschlands eine höhere Autorität als der Bundespräsident – soviel zur Handschrift des Zionismus in der deutschen Politik.“

Aber nicht nur der deutsche Staat unterläge also jüdischem Einfluss. Da auch die christlichen Kirchen jüdisch unterwandert seien, könne er bei keiner Mitglied sein. Der Herr Doktor glaubt jedoch zu wissen, wer eigentlich immer wen verfolgte:

„Schon im Jahr 100 hatte die Synagoge offiziell das Christentum verflucht. Bei zahlreichen römischen Christenverfolgungen waren es Juden, die Christen denunzierten. Zahlreiche Juden hatten später, sowohl in Nahost als auch in Spanien, mit muslimischen Aggressoren gegen die Christen kollaboriert. Immer wieder gab es auch jüdische Terrorakte gegen kirchliche und andere christliche Würdenträger; zum Beispiel den Mordanschlag auf den spanischen Großinquisitor [ca. 1560] – und schließlich: Wer hat wen ans Kreuz geschlagen?“[3]

Dass die Kreuzigung keine jüdische, sondern eine römische Strafe war, der hingerichtete Jesus mitsamt seiner gesamten, frühen Anhängerschaft dagegen dem Judentum angehörte; dass Muslime und Juden in Kreuzzügen „in Nahost“ und der Reconquista „in Spanien“ gemeinsam angegriffen wurden – all dies wird hier umgedreht. Auch dass die spanische Inquisition im Namen Christi Abertausende, oft seit Generationen christlich getaufte Nachfahren von Jüdinnen und Muslimen als vermeintlich verschwörerische „Kinder Sems“ verfolgte und dabei die Wirksamkeit der Taufe aufgrund der Herkunft (razza, aus arabisch raz = Kopf, Herkunft, vgl. hebräisch rosch) bestritt[4] – all dies kann Antisemiten in ihrem antijüdischen Verschwörungsglauben nicht irritieren, sondern wird vielmehr intellektuell so umgedeutet, dass nur Juden zu Tätern und nur Christen zu Opfern gemacht werden.

Auch die hoffnungsvolle Vorstellung, dass „nur“ juristisch, naturwissenschaftlich oder technisch Gebildete anfällig wären für Antisemitismus, wogegen etwa geisteswissenschaftliche oder humanmedizinische Bildung gegen solche Verirrungen schütze, kann ich also schon aus der Geschichte und Gegenwart meines Bundeslandes nicht bestätigen. Wir haben es durchaus auch mit formal hochgebildeten Menschen zu tun, die auch noch in voller Kenntnis der europäischen Geschichte und der NS-Verbrechen an ihrem antijüdischen Verschwörungsglauben festhalten.

Ein vertiefter Blick auf „Bildung“

Sollten wir also jeden Bildungsansatz in der Arbeit gegen Antisemitismus aufgeben, weil es doch nicht helfe?

Ich plädiere ganz im Gegensatz dazu, den Bildungsbegriff wieder von den Ursprüngen her zu vertiefen. Denn dieser stammt im Deutschen direkt aus dem 1. Buch Mose, das berichtet, dass Gott den Menschen „in Seinem Bilde“ (hebräisch zelem) geschaffen habe. Diese Stelle legte Rabbi Moses ben Maimon (1135 – 1204), in der jüdischen Tradition als Rambam und weltweit als Maimonides erinnert, in seinem „Führer der Unschlüssigen“ als Auftrag an alle Menschen aus:

„Wir sagen nun vom Menschen wegen dieses Umstandes, nämlich wegen der göttlichen Vernunft, die ihm anhaftet, daß er im Bilde Gottes und in der Ähnlichkeit mit Gott geschaffen ist, nicht aber weil Gott ein Körper mit Gestalt ist.“[5]

Es seien also alle Menschen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Wohlstand oder auch Religion – gerade auch in ihrer äußerlichen Verschiedenheit mit dem göttlichen Potential zur Vernunfterkenntnis geboren!

Und unmittelbar auf diese Auslegung folgt dann auch die konkrete Anwendung dieses Bildungsbegriffes, indem Maimonides einen „Gelehrten“ (!) scharf dafür rügt, dass er die Heilige Schrift wie „ein Geschichtsbuch oder irgend eine beliebige Dichtung durchliest.“ So bringe er, wie Adam und Eva zuvor im „Sündenfall“ Fragen der Vernunft und Wahrheit mit jenen der „Häßlichkeit oder Schönheit“ durcheinander.[6] In heutiger Sprache formuliert warnte der Rambam bereits im 12. Jahrhundert davor, dass unreife, uneingestandene Emotionen auch intellektuelle Gelehrsamkeit (formale Bildung) in den Abgrund führen könnten.

Wir dürfen bei dieser harten Schelte durchaus auch an heutige Personen denken, die selbst in Gedenkstätten und also in der direkten Konfrontation mit dem antisemitischen Hass der Nationalsozialisten und der Hässlichkeit ihrer Verbrechen emotional versagen und statt der ehrlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte und den eigenen Vorurteilen pseudo-intellektuell in Lügen und Leugnung flüchten. Eine nur formale und nicht auch emotionale Bildung kann menschliche Niedertracht also nicht aufhalten, sondern sogar befördern – so auch gerade wieder im KZ Sachsenhausen geschehen, wiederum durch einen 69jährigen aus Baden-Württemberg.[7]

Auf die baldige, lateinische Übersetzung des „Führers der Unschlüssigen“ bezogen sich dann bedeutende, christliche Theologen wie Albertus Magnus (1200 – 1280) und Thomas von Aquin (1225 – 1274). Für den deutschsprachigen Raum besonders prägend wurde der Theologe, Mystiker und in Volkssprache predigende Meister Eckhart (1260 – 1328), der „Rabbi Moyses“ also Maimonides intensiv rezipierte.[8] Er prägte und verbreitete den bis heute im Deutschen dominierenden Begriff der „Bildung“ als Auftrag an alle Menschen, die von Gott angelegten Potentiale durch Loslassen falscher Vorstellungen und Emotionen zu entfalten und also „Gelassenheit“ als Gottvertrauen zu entwickeln. Dies sei allen Menschen unabhängig von ihrem Stand und also sowohl der einfachen Hausmutter wie der lesekundigen Nonne grundsätzlich möglich. Mit diesen Aussagen, die an die Maimonides-Kritik am einseitigem Gelehrtentum unmittelbar anknüpfen, widersprach Meister Eckhart der bis dahin im Christentum dominierenden Unterscheidung von Geistlichkeit und Weltvolk sehr direkt und wurde auch deswegen von späteren Mystikern und Reformatoren vielfach aufgegriffen.[9]

Über weitere christliche Theologen und schließlich Stimmen der säkularen Aufklärung und Autonomie der Hochschulen wie Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835), der noch für „Allgemeinbildung“ plädierte, ist der Bildungsbegriff bis heute erhalten geblieben. Allerdings ist das Verständnis von „Bildung“ zunehmend religiös entwurzelt und im Alltagsgebrauch verflacht worden. Oft gilt sie nur noch als Ansammlung von Wissensfetzen und Titeln zur Einkommenserzielung im vermeintlich gnadenlosen Wettbewerb.

Mit einigem Recht lässt sich also zusammenfassen, dass ein nur formaler oder gar nur auf Titel und Einkommen gerichteter Bildungsbegriff dem ursprünglich religiösen, auf jeden einzelnen Menschen bezogenen und „ganzheitlichen“ Verständnis von „Bildung“ in keiner Weise gerecht wird. Nicht zufällig plädieren daher längst auch international beachtete, jüdisch-europäische Denker wie Jonathan Sacks[10] und Alain de Botton[11] wieder für eine Öffnung und Vertiefung der Wissensvermittlung auf die Bedeutung von Traditionen, Mythen und Emotionen.

In den deutschsprachigen Bildungsdebatten knüpft beispielsweise Herbert Renz-Polster mit starker Empirie an frühere Arbeiten der Frankfurter Schule zur repressiven und autoritären Erziehungsstilen an und unterstreicht die Bedeutung der frühen Lebensjahre für die folgende, je stärker zu Weltvertrauen oder aber zu Rassismus und Verschwörungsglauben neigenden Weltsicht von Erwachsenen. Eine nur kognitiv orientierte Vermittlung von Faktenwissen hält er ausdrücklich auch in der Bekämpfung von Antisemitismus für weitgehend unwirksam und plädiert für Begegnungen mit dem lebendigen Judentum und Emotionen einbeziehende Lerninhalte.[12]

Semitismus und Bildung

In diesem Zusammenhang mache ich immer wieder sehr gute Erfahrungen damit, auch den Begriff des „Antisemitismus“ aus der Perspektive jüdischer Überlieferungen heraus zu dekonstruieren. Denn noch immer überwiegen hier hauptsächlich abwertende Fremdzuschreibungen „des Semiten“ als Gottes- und Wahrheitsmörder (Marcion), als ökonomischer Kapitalist (Marx), als von den Indern („Ariern“) Weisheiten Stehlender (Voltaire), als Begründer einer vermeintlich erstarrten Sprachgruppe (Renan) und schließlich als vermeintlicher „Rasse“ aus Juden und Arabern (De Gobineau).

Schon der Talmud versteht Sem – hebräisch schem = Name! – dagegen als ersten Begründer eines Lehrhauses, der in Alphabetschriften Religion und Recht des Noachidischen Bundes – und damit nicht weniger als ein alle Menschen umfassendes Gott- und Weltvertrauen samt dem Gebot von Rechtsstaatlichkeit gelehrt habe.[13]

Und tatsächlich entwickeln sich aus dem sogenannten „proto-semitischen Alphabet“, das vor fast 4.000 Jahren auf dem Sinai auftauchte, verschiedenste heutige Alphabete, die konsequent auch weiterhin nach den ersten, noch mit Bedeutung verknüpften Buchstaben des hebräischen Alphabetes benannt bleiben: Aus Aleph (Rind) und Beth (Haus) wurden Alpha und Beta. Ebenso wurde das Judentum zur ersten Schrift- und Bildungsreligion, in deren Zentrum nicht mehr ein Kultbild, sondern eine Schriftrolle stand und die darum auch ohne Tempel bestehen kann. Christina von Braun formulierte dazu prägnant:

„Nicht durch Zufall entstand mit diesem Schriftsystem, das im semitischen Alphabet seine früheste Ausgestaltung fand, auch zum ersten Mal ein Gott, der jenseits der physischen Welt verortet wird und der sich einzig in den Buchstaben der Schrift offenbart.“[14]

Die unterschiedliche Gestalt und Wirkungsgeschichte vokalarmer, „semitischer“ Alphabete – v.a. Hebräisch und Arabisch – und vollvokalisierter, „japhetitischer“ Alphabete – wie Griechisch und Latein -, beziehen unsere menschlichen Gehirne unterschiedlich ein. Sie führten damit zu unterschiedlichen Schriftrichtungen, Leseerfahrungen und Schüler-Lehrerverhältnissen, als Gemeinsamkeiten aber auch zu frühen Schulsysteme und lineare Kalendern. Entsprechend brachte die jüdische Wurzel mit dem griechisch-lateinisch alphabetisierten Christentum, dem arabisch alphabetisierten Islam und dem arabisch-persisch alphabetisierten Bahaitum vielfältige „Zweige“ hervor, die sich je teilweise ihrer jüdischen Bezüge bewusst sind, diese aber auch oft verleugnen, ja bekämpfen.[15]

In Vorträgen vor überwiegend christlich, islamisch oder humanistisch geprägtem Publikum verweise ich zum Beispiel auf die Diskussion des 12jährigen Juden Jesus mit Schriftgelehrten im Jerusalemer Tempel (Lukas 2, 41 ff.). Was heute bisweilen als eine recht banale Hochbegabten-Erzählung erscheinen mag, war vor zwei Jahrtausenden und bis in die Neuzeit eine reine Sensation: In keiner anderen damaligen Kultur als der jüdischen war es geboten, dass auch der Sohn einfacher Handwerker das Lesen und Schreiben erlernen sollte! Bis heute wird das Erwachsenwerden in der jüdischen Religion durch die Bar Mitzwa bzw. Bat Mitzwa, also das jugendliche Lesen aus der Thora, beglaubigt und gefeiert.

Dass also auf gerade einmal 0,2 Prozent des jüdischen Weltbevölkerungsanteils über 20 Prozent aller bisher verliehenen Nobelpreise entfielen, lässt sich sehr einfach und gut durch die tiefe und lange Schrift- und Bildungsorientierung der jüdischen Religionskulturen erklären. Rassistische und verschwörungsmythologische Sem-Definitionen widersprechen dagegen nicht nur den jüdischen Überlieferungen, sondern auch dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand.

Und: Auch die Verfassungen etwa der Französischen Republik und der USA, die allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die Gründungsurkunden Israels und das Grundgesetz der Bundesrepublik stehen jeweils in bester, noachidisch-semitischer Tradition – und das habe ich bei Vorträgen beim Bundesverfassungsgericht sowie bei der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe auch so betont.

Fazit: Reflektiert „semitische“ Bildung gegen Antisemitismus

So komme ich also zum Gesamtergebnis, dass nicht jede Form formaler Bildung vor dem Antisemitismus schützen kann – sondern dass wir einen Bildungsbegriff brauchen, der sich seiner im besten Sinne semitischen, biblischen und jüdischen Wurzeln bewusst ist.

Der Semitismus behauptet die von Gott ausgehende Würde jedes einzelnen Kindes; völlig unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe oder Religion. Der Antisemitismus beharrt dagegen darauf, dass Kinder vom Moment ihrer Zeugung an durch Herkunft („Rasse“) bestimmt und verschieden wertig seien.

Der Semitismus vermittelt den Auftrag, die kognitiven und emotionalen Potentiale aller Kinder auch durch Alphabetisierung zu entfalten. Entsprechend hat das Lesen und Bilden schon von Kindern erstmalig im Judentum allgemeine und vorrangige Bedeutung gefunden. Der Antisemitismus beharrt dagegen auf der Zuweisung körperlicher Arbeit an Sklaven und führt wiederum die Bildungs-, Kultur-, Wirtschafts- und Wissenschaftsbeiträge von Jüdinnen und Juden voller Hass und Neid auf „Rasse“ und Verschwörungsmythen zurück.

Der Semitismus betont die Verknüpfung kognitiver und emotionaler Bildung, wie sie in Fortschrittsorientierung, Zukunftshoffnung und schon im linearen Kalender ihren Niederschlag findet: Am Ende wird es gut – und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Der Antisemitismus behauptet dagegen ein historisch unhaltbares, mythisch verklärtes „Früher“, dass es gegen eine von den Juden ausgehende Modernisierung, Verschwörung und Bedrohung zu verteidigen gelte.

Der Semitismus avisiert – im Bundessymbol des Regenbogens und im Buch, das Moses direkt vor dem Empfang der Thora auf dem Sinai verliest – eine Welt, in der Menschen auf rechtsstaatlicher Basis friedvoll, gleichberechtigt und vielfältig miteinander leben und forschen können. Der Antisemitismus behauptet dagegen einen ewigen Kampf und leugnet sogar die Einsteinschen Relativitätstheorien als vermeintlich verschwörerische „jüdische Physik“.

Dem Semitismus kann die Zukunft gehören – wenn wir Bildung wieder von den tiefen und guten, biblisch-jüdischen Wurzeln her verstehen.

[1] Aly, Götz: Europa gegen die Juden: 1880 – 1945, S. Fischer 2017.

[2] Lilla, Mark: Der hemmungslose Geist: Die Tyrannophilie der Intellektuellen, Kösel 2015.

[3] Diese und weitere Zitate finden Sie in: Blume, Michael: Der antisemitische Verschwörungsglauben des Dr. Wolfgang Gedeon. ruhrbarone.de vom 23.06.2016, online unter: https://www.ruhrbarone.de/antisemitische-gedeon-afd/129332

[4] Soyer, Francois: Popularizing Anti-Semitism in Early Modern Spain and its Empire. Brill 2014.

[5] Ben Maimon, Moses: Der Führer der Unschlüssigen, Felix Meiner Verlag 1995, S. 30.

[6] Ebd., S. 32

[7] Weih, Ulrich: Mitglied einer AfD-Gruppe leugnet Holocaust in KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Frankfurter Rundschau, 16.10.2019, online unter: https://www.fr.de/politik/sachsenhausen-afd-besucher-leugnet-holocaust-kz-gedenkstaette-13117367.html

[8] Schwartz, Yossef: Meister Eckhart and Moses Maimonides: From Judaeo-Arabic Rationalism to Christian Mysticism. In: Hacket, Jeremiah (2013): A Companion to Meister Eckhart. Brill 2013, 389-414.

[9] Wehr, Gerhard: Meister Eckhart: Texte und Kommentar, marix 2015.

[10] Sacks, Jonathan: The Great Partnership. God, Science and the Search for Meaning, Hodder & Stoughton 2012.

[11] De Botton, Alain: The School of Life. An Emotional Education, Penguin Books 2019.

[12] Renz-Polster, Herbert: Erziehung prägt Gesinnung. Wie der weltweite Rechtsruck entstehen konnte – und wie wir ihn aufhalten können, Kösel 2019, 240-243.

[13] Vgl. Portnoy, Elischa: Das erste Lehrhaus, Jüdische Allgemeine vom 11.06.2018, online unter: https://www.juedische-allgemeine.de/religion/das-erste-lehrhaus/

[14] von Braun, Christina & Brumlik, Micha: Handbuch Jüdische Studien, utb 2018, 17.

[15] Blume, Michael: Warum der Antisemitismus uns alle bedroht, Patmos 2019, 110-126.

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

64 Kommentare

  1. Was genau ist mit ‘Semitismus’ gemeint, Herr Dr. Blume?
    Kritisch angemerkt fiel mir noch auf, dass politisch linker Antisemitismus, die Wurzel ‘links’ im Artikel nur einmal vorkam und islamischer, muslimischer Antisemitismus gar nicht.
    Bildung schützt m.E. gegen Antisemitismus, wenn sie humanistisch angelegt ist,
    MFG + weiterhin viel Erfolg in Ihrem Amt als Antisemitismusbeauftragter!
    Dr. Webbaer

    • Lieber @Webbaer,

      Semitismus bezeichnet die zunächst biblischen Medien- und Mythentraditionen auf Basis von Alphabetschriften. Begriff und Konzept von “Bildung” selbst sind ein zentraler Bestandteil davon.

      Zum linken Antisemitismus, konkret BDS, Initiative “Weltoffenheit” und der Debatte um Achille Mbembe ist just ein Interview mit mir bei der RNZ erschienen:
      https://www.rnz.de/politik/hintergrund_artikel,-heidelberg-der-antisemitismusbeauftragte-michael-blume-zum-fall-mbembe-und-dem-bds-_arid,609733.html

      Ihnen Dank für Ihr Interesse, bleiben Sie gerne dran!

      • Lieber Herr Dr. Michael Blume, ich habe halt viele Bekannt- und Freundschaften mit Juden gehabt, meist, also die Vergangenheitsform meinend, ich bin retiriert, und finde schon, dass Bildung ein aufklärerisches Konzept ist, auch wenn sie im Judentum seit langer Zeit verbreitet ist, wollte nur ein wenig “nagen”, Sie wissen schon.
        MFG + weiterhin viel Erfolg
        Dr. Webbaer

      • Wer Humanismus als “linken Antisemitismus” verunglimpft, bereitet nur dem nächsten Hitler den Weg. Es gibt auch in Israel mehr als die rechtsextreme Regierung. Ich denke, der hier demonstrierte Philosemitismus ist nur ein sehr peinliches, quasi gewendetes Nazitum.

        • Danke für den Einblick in Ihre Schuldkomplexe und Verschwörungsmythen, @Emil.

          Falls Sie doch einmal die Kraft finden sollten, in die eigenen Abgründe zu blicken, helfen Ihnen ggf. drei Fragen:

          1. Warum finden Sie es angebracht, anderen „Philosemitismus“ als „gewendetes Nazitum“ vorzuwerfen? Meinen Sie ernsthaft, eine Wertschätzung auch des Judentums sei mit millionenfachem Mord gleichzusetzen?

          2. Warum finden Sie es wichtig, israelische Regierungen mit Adolf Hitler zu identifizieren? Was geht dabei in Ihnen vor?

          3. Wo wurde hier „linker Humanismus“ mit Antisemitismus gleichgesetzt? M.E. ist Antisemitismus nicht-, sogar ausdrücklich anti-humanistisch.

          Vielleicht nutzen Sie ja einmal die Chance, aus Schuldabwehr und Hass herauszufinden. Ihnen alles Gute!

    • Ja, @Maisegen – der Text war ja schon lange publiziert, bevor Sie auf das Buch verwiesen haben. Können wir Zufall oder Koinzidenz nennen. Es ist auf jeden Fall ein gutes Buch! 🙂

  2. Ihr Ansatz, @Michael Blume, stellt eine halsbrecherische Gratwanderung dar, da die Prämisse nicht lauten darf, die semitische Bildung als Schutz vor Antisemitismus zu fördern sondern aufgrund des monumentalen, normativen Charakters für alle, mit Vorteilen für alle. Sofern dem nicht so sei werden sich diejenigen, die eine jüdische Weltverschwörung wittern erst recht bestätigt fühlen und im Umkehrschluss wird der dedizierte Antisemitismus drastisch zunehmen.

    Was die Ausrichtung einer a-priori semitischen Bildung anbelangt habe ich höchste Zweifel ob deren Integrität, sofern sie sich auf den religiösen und mythischen Kontext beschränkt, da zur (ganzheitlichen) semitischen Bildung auch die Einsicht gehört, Völker anderen Glaubens ausrotten zu dürfen, d. h. es muss nach einem “Konzil” (Nürtingen statt Nicäa?) festgelegt werden, was zu einer semitischen Bildung gehört und was nicht.

    Es ist leider so, dass religiöse und mythische (semitische) Bildung der historischen teilweise widerspricht oder von dieser nicht anerkannt wird. Oder wird die semitische Bildung berücksichtigen, dass Menschenrechte eine persische Erfindung (Kyros-Zylinder) war?

    Ich finde den Ansatz einen semitischen Bildung monumental und normativ, halte ihn jedoch nicht für realistisch, da der Kairos hierfür (nicht mehr) gegeben ist. Es sei denn, man macht eine politische Doktrin daraus.

    • Das sehe ich tatsächlich anders, @Martin Schmidt: Die semitisch-alphabetisierte Bildungstradition ist ja nicht einfach ein normatives Projekt, sondern geschichtliche Tatsache – auch wir beide kommunizieren gerade auf genau dieser Basis! Die Frage ist m.E. also längst nicht mehr, ob wir diese oder eine andere Bildungstradition wählen, sondern ob wir sie verstehen, vertiefen und fortentwickeln. Und dazu gehört dann selbstverständlich durchaus auch Kritik und Selbstkritik, die aber etwa an Grundeinstellungen wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und die Akzeptanz von Vielfalt gebunden wären. Um Ihr Wort aufzugreifen: Der “Kairos” zur semitischen, andere Bildungstraditionen aufnehmenden “Bildung” wurde bereits vor Jahrtausenden überschritten – dagegen gerichtete Gegenbewegungen etwa des Antisemitismus hatten jeweils furchtbare Konsequenzen.

      Ihnen herzlichen Dank für Ihr konstruktives Interesse!

  3. @Geschichte und wirkliche Bildung

    Ich habe die christlich-mittelalterlichen Entwicklung eher als Rückschritt auf dem Schirm. Die vorherige keltische Kultur, wenn auch schriftlos, hatte doch in ihren Konsequenzen eine wesentlich freiere Lebensführung anzubieten. Die Christianisierung führte zur Versklavung von Mehrheiten, Verlust von medizinischer Versorgung durch die vormaligen Heilkundigen und selbst die römischen Errungenschaften gingen im Zuge der Christianisierung wieder verloren.

    Da ging es den Menschen in El-Andalus noch viel besser, aber selbst das ist zwischendurch verloren gegangen.

    Eine bessere frühere Zeit scheint es tatsächlich gegeben zu haben.

    Nun gut, inzwischen haben wir uns mehr als erholt, Bildung und Freiheit ist heute so hoch wie nie in Europa. Ein zurück zu keltischen Wurzeln macht keinen Sinn. Wobei allerdings generell schamanistische Praktiken beachtenswert sein können. Einmal im Sinne von naturverträglichen Grundeinstellungen, und auch bezüglich medizinischer Praktiken, in Fällen wo unsere Schulmedizin nicht gut hilft, und als Beispiel für eine mit Brimborium gut angereicherte Placebo-Medizin. Da kann moderne Psychotherapie wohl noch Einiges von lernen.

    Die derzeitige Leistungsbildung in Schulen und Universitäten erscheint mir in der Tat als nicht so wirksam, was Lebenspraxis und emotionale Bildung angeht. Man lernt nur auf die nächste Klausur, kaum einer findet hier Bildung für sein eigenes Leben. Insbesondere ist hier Notenerfolg grundlegend, um entsprechenden beruflichen Status zu erlangen. Und dann geht es auch noch weniger um die Leistung selbst, sondern um den Vorteil im Leistungsrennen, den das eigene Elternhaus bieten kann. Das Wichtigste dabei scheint zu sein, dass die Kinder von bildungsmäßig Bessergestellten den Status leichter erben können.

    Dabei kommt nicht nur die Herzensbildung zu kurz, auch das Interesse an wirklicher Wissenschaft und darüber hinausgehenden Inhalten leidet. Viele müssen sich im Leistungsrennen so verausgaben, dass sie einer eigenen Linie kaum noch folgen können.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger. Tatsächlich verdanken wir nicht nur die – leider dünne – Kenntnis der vorchristlichen Kulturen, sondern auch das Überleben des antiken Erbes in und durch Europa jüdischen, christlichen und (v.a. spanisch-)muslimischen Schriftgelehrten. Gerade auch die Rolle der Klöster etwa in den Zerstörungen der Völkerwanderungen wurde in Titeln wie “How the Irish saved Civilization” gefeiert.

      Was die emotionale Seite von Bildung – Herzensbildung, Charakterbildung – angeht, stimme ich Ihnen sehr zu.

    • Schulmedizin ist ein zuerst von Homoöpathen erfundener Kampfbegriff, der im Dritten Reich als marxistisch-verjudete Schulmedizin auf die Spitze getrieben wurde. Sinnlos ohnehin, da auch Homöopathie in Schulen gelehrt wird.
      Präziser ist evidenzbasierte Medizin oder wissenschaftliche Medizin.
      Bei Belltower News ist aktuell ein sehr aufschlußreicher Artikel zu Rudolf Steiner seiner Anthrophosophischen Medizin.

      Wissenschaftsbasierte Medizin ist integrativ, wenn schamanische Praktiken nachweislich wirken, über den Placeboeffekt hinaus, werden sie doch wohl Teil dieser evidenzbasierten Medizin. So wie zu erwarten bei den psylocibinhaltigen Pilzen, die durch die Medizinfrau Maria Sabina erst der Welt bekannt wurden. Ansonsten, auf welcher Grundlage ist einem Schamanen und seinen Methoden zu vertrauen?
      Der von mir oben verlinkte Gabor Mate arbeitete wohl auch mal mit Ayahuasca, was auch nicht unproblematisch ist, und auch für fiese Geschäftspraktiken missbraucht wird. (siehe Psiram)

      Ich finde unsere nicht auf wissenschaft basierende Drogenpolitik sowieso verantwortungslos.
      Mit der Prohibition gibt der Staat die Kontrolle über Reinheit und Verfügbarkeit von Drogen auf.

      Das Problem bei dem was als Schamanismus auf dem Markt gehandelt wird ist ja eben fehlende Evidenz, was so unendlich viel mehr Raum für Schwurbeleien und Verschwörungsmythen birgt.
      Ich glaube, die Seite Psiram ist wichtiger als ich dachte.

      Wegen so einem Schwurbler wie dem Wolf Dieter Storl, habe ich bei Borrelliose nicht auf meinen Arzt gehört, und bin auch noch selbst verantwortlich so einem meinen Glauben geschenkt zu haben.

      Beim zweiten Teil: Volle Zustimmung. Über die Lebenqualität der Kelten wissen wir nicht viel oder?

  4. @Maisegen 17.01. 18:49

    „Wissenschaftsbasierte Medizin ist integrativ, wenn schamanische Praktiken nachweislich wirken, über den Placeboeffekt hinaus, werden sie doch wohl Teil dieser evidenzbasierten Medizin.“

    Ok, evidenzbasierte Medizin würde es wohl besser beschreiben als „Schulmedizin“.

    Aber so weit ich weiß, sind die Nadeln bei der Akupunktur doch besser als Placebos, hauptsächlich wenn man sie auch an die richtigen Stellen setzt.

    Und Homöopathie wirkt auch nachgewiesenermaßen. Man muss hier bedenken, das die gründlichen Gespräche mit dem Homöopathen vermutlich wesentlich zur Wirkung der wirkstofffreien Medikamente beitragen. Man kann hier nicht so einfach mit reinen Placebos vergleichen, weil hier das Brimborium der Arztgespräche die Placebowirkung entscheidend verstärkt, und zur Heilwirkung beiträgt.

    Deshalb zahlt auch die Krankenkasse für Homöopathie und Akupunktur. Aber ich fürchte, dass sich die meisten Mediziner doch etwas sträuben, dies als Wissenschaftsbasiert einzustufen. Bestenfalls als auch mal hilfreiche Alternativmedizin. Oder bin ich da nicht auf dem neuesten Stand?

    Was die Schamanen so machen, hat für mich eine gute psychologische Grundlage, neben Kräutern mit tatsächlichen Wirkstoffen. Je schwerer die Krankheit, desto mehr Brimborium wird verordnet. Ich hatte mal einen Bericht über einen Schamanen in Chile gesehen, da musste der Schamane selbst mit dem Patienten und mit der ganzen Verwandtschaft auf den nachbarlichen Vulkan steigen, um entweder endlich den Tod, oder eben eine Heilung der Krankheit zu finden. Diese Bergbesteigung war das letzte Mittel bei den schlimmsten Krankheiten. Das erinnert mich an die Chemotherapie bei gefährlichen Krebserkrankungen, die unsere evidenzbasierte Medizin im Angebot hat.

    Aber egal wie gut das Bergsteigen wirkt, man kann hier kaum eine Doppelblindstudie machen, weil es eben kein Bergsteigerplacebo gibt, das man der Kontrollgruppe geben könnte. Wenn ich die Wirksamkeit derartiger Maßnahmen untersuchen will, muss ich sie zwangsweise als Ganzes untersuchen.

    Mir als Patienten wäre es auch egal, ob eine Maßnahme zu 50 % Verumeffekt plus 20 % Placeboeffekt wirkt oder andersrum zu 20 % Verumeffekt plus 50 % Placeboeffekt wirkt. Die Heilungschancen sind in beiden Fällen 70 %, was der wichtigste Wert dafür ist, wie sinnvoll eine Maßnahme ist.

    Ich fürchte, dass man auf eine Integration schamanistischer Praktiken in die wissenschaftsbasierte Medizin wohl noch länger warten muss. Klar ist aber auch, dass wohl so manche sich auf schamanistische Praktiken berufen, ohne ausgebildete Schamanen zu sein. Immerhin ist deren Ausbildung in entsprechenden indigenen Gemeinschaften ziemlich gründlich, und die braucht auch die persönliche Unterweisung eines „Meisters“, wobei wohl auch noch der Kontakt zu den hilfreichen Geistern hergestellt werden muss.

    • Also echte Schamanen gibt es nur in Sibirien und der Mongolei.
      Wenn sich jemand in Chile so nennt, ist es ein so genannter Plastik Schamane.
      Mit diesem Ausdruck wehren sich diese Kulturen gegen den Missbrauch ihres kulturellen Erbes.

      Leider ist es irrelevant wo die Nadeln gesetzt werden, in der Begründung für die – oft zur Glaubwürdigkeit der TCM beitragenden – Kostenübernahme der KK – ausschließlich bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und des Kniegelenks – ist ausdrücklich erwähnt, dass eine echte gegenüber einer Scheinakupunktur keinerlei zusätzlichen Nutzen bringt.
      Ich finde es traurig, dass so etwas bezahlt wird, aber sich der Kostenübernahme von Cannabis auf Rezept zu oft verweigert wird, Israel ist uns da weit voraus.

      Es ist mittlerweile allgemein bekannt:
      Die Homöopathie wirkt nicht über den Plazeboeffekt hinaus!
      So eine Anamnese ist auch kein heilsames Gespräch wie eine anerkannte Psychotherapie. Ich spreche aus Erfahrung, weil ich es schon gemacht habe.

      Die Integration in wissenschaftsbasierte Medizin findet nach Evidenz statt, die wird immer besser. Homöopathie ist also zweihundert Jahre urveraltet.

      Was die angeblichen Kontakte zu Geistern angeht, so sind deren Ursprünge vielleicht auf Interpretationen christlicher Missionare zurückzuführen.

      Der kolumbianische Anthropologe und Biologe César Enrique Giraldo Herrera legt nahe, dass jene Wesen, mit denen Schamanen im Tiefland Südamerikas interagieren, weitaus mehr mit mikrobieller Ökologie gemein haben als mit den Begriffen „Geister“ und „Seelen“, die von christlichen Missionaren während der Kolonialisierung eingeführt wurden.
      aus Dlf Klangkunst The Forest Within – Within the Forest

    • Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen versteht sich nicht einmal selbst als „rechtsprechende Institution“. Mehrere dort vertretene Staaten wollen sich auch selbst keiner internationalen Gerichtsbarkeit unterstellen.

      Im Westjordanland gibt es einen klassischen Territorialkonflikt wie in Kaschmir und weniger krass als in Tibet, Myanmar usw. Und wäre ich israelischer Politiker, dann würde auch ich mir kritisch anschauen, wie sich der Gaza-Streifen und dessen Regime nach Abzug Israels entwickelt haben…

      Klar wünsche ich mir eine abschließende Friedenslösung, die den Konflikt beendet und eine gute Zukunft für alle Seiten eröffnet. Dass man jedoch mit einseitigen Lesarten des Konfliktes die Spannungen und den Antisemitismus nur weiter anheizt, werde ich nie akzeptieren. Die meisten selbsternannten „Israelkritiker“ interessieren sich genau null z.B. für die Menschenrechtsbilanz im Gaza-Streifen, die Korruption im Westjordanland oder das Schicksal der PalästinenserInnen in Syrien, Libanon und Jordanien. Es geht ihnen nur um Israel als Feindbild.

      Wem es wirklich um Frieden und Zukunft aller Menschen der Region geht, unterstützt z.B. die gegenseitigen Anerkennungen zwischen Israel und arabischen Staaten – und lässt den Antisemitismus hinter sich…

  5. In keiner anderen damaligen Kultur als der jüdischen war es geboten, dass auch der Sohn einfacher Handwerker das Lesen und Schreiben erlernen sollte!

    Das hatten wir schon, oder?
    In Mesopotamien war ein breite Lese- und Schreibfähigkeit in der Bevölkerung schon sehr lange vor der hebräischen Schrift üblich – für einfache Briefe scheint es immerhin gereicht zu haben.

    Was die Leistung der Juden bei der Verbreitung der Schrift und Bildung in der Breite nicht schmälern soll, aber “keine andere Kultur” ist da ein wenig zu eng gefasst und sieht ein wenig nach Geschichtsumschreibung aus.

    • Nein, @einer – der Panbabylonismus des späten Kaiserreichs in Ehren und die Auseinanderentwicklung von Sprachen & Keilschriftsystemen nur erwähnt: Vor zwei Jahrtausenden gab es tatsächlich eine religiös begründete „Schulpflicht“ nur in Israel. Das ist wie bei der Noah-Geschichte auch: Ursprünge in Mesopotamien, Globalisierung im Semitismus. Achten wir doch einfach beides, statt ungesunde Neidgefühle zu schüren – okay? 💁‍♂️✅

      • Ok – das mit der Schulplicht wusste ich nicht. Das ging dann eindeutig weiter. DAS war also der Punkt, ich dachte eher es ginge nur um die recht breite Lese- Schreibfähigkeit in der Bevölkerung.

        • Danke, @einer: Die Schulpflicht im Judentum entwickelte sich sogar doppelt. Einerseits wurde von Eltern verlangt, Kinder in Schulen zu entsenden. Andererseits wurden Gemeinden verpflichtet, Schulen (Lehrhäuser) für Kinder und Erwachsene zu betreiben.

          Wer das verstanden hat, braucht z.B. für die Erklärung der jüdischen Wissensbeiträge bis hin zu Nobelpreisen keine Verschwörungsmythen oder Pseudo-Genetik mehr.

  6. Jeder halbwegs gebildete (???) Mensch müsste wissen, dass alle Menschen den gleichen Wert besitzen und alle Menschen einfach als Mensch gewollt sind und ein Leben in Würde genießen dürfen.
    Wer aber bestimmt was Bildung ist?

    Ich denke, dass wichtigste ist der Umgang. Das Umfeld, in dem wir uns bewegen und in dem wir aufwachsen. Meine Mutter sagte immer: “Sage mir, mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist.”

    Wie einleitend beschrieben, wird kein Mensch als Antisemit geboren. Selbst Adolf Hitler war kein geborener Antisemit. Aber er wurde in eine Zeit hineingeboren, in der der Antisemitismus Teil der Gesellschaft war. Nicht nur in Österreich, sondern z.B. auch im damaligen russischen Zarenreich. Die Juden waren ein “dankbares” Opfer und jeder Jude war quasi Schuldbeauftragter für den ganzen Mist der damaligen Zeit.

    Und was haben wir heute? Klima-, Flüchtlings-, Finanz- Coronakrise. Viele Deutsche weinen immer noch ihrem Deutschen Reich von 1871 bis 1945 hinterher (niemand fällt offensichtlich auf, dass es 1871 Jahre – und länger – vorher auch kein deutsches Reich gab…). Die Palästinenser schauen neidisch auf Israel und den immensen Errungenschaften der Israelis der letzten 100 Jahre. Sie, die Palästinenser, haben nichts Ähnliches vorzuweisen – trotz der Billionen USD-Vermögen ihrer Glaubensbrüder in den arabischen Ölstaaten. Natürlich fällt es da leichter, wie Adolf Nazi und seine Zeitgenossen, nach Schuldigen zu suchen, anstatt sich selber zu hinterfragen und die aktuellen Probleme lösungsorientiert in Angriff zu nehmen.

    Wie bereits erwähnt. Das hat nichts mit Bildung zu tun. Natürlich kann man einen ungebildeten, naiven Menschen leichter konditionieren und beeinflussen. Aber wenn sich akademisch gebildete Menschen gehen lassen, und ihre Bildung für menschenfeindliche Zwecke missbrauchen, dann sind sie sogar gefährlicher als die “Ungebildeten” (siehe Wannsee-Konferenz).

  7. Mal wieder “gemischte Platte”
    zur Schriftkultur des Judentums: die Lachisch-Ostraka zeigen deutlich, dass Lesen und Schreiben in Juda 587 v. u.Z. weit verbreitet war: auch die einfachen Soldaten konnten lesen und schreiben. Das hängt an der Buchstabenschrift, die deutlicher einfacher ist als die Silbenschrift Mesopotamiens. (Dafür ist die Datensicherheit von Tontafeln größer)
    Zum “semitischen” Bildungsbegriff:
    a) Menschenwürde ist ein ziemlich abstraktes Konzept. Ich behandele es deshalb nur in der Sekundarstufe II am Ende.
    b) Muslime haben große Probleme mit dem Begriff “Ebenbild Gottes”. Man muss ihnen im Unterricht klar machen, dass die Bezeichnung “Kalif Gottes” für alle Menschen die gleiche Funktion hat. Das sind die Mühen der Ebene.
    c) den ausgefeiltetesten Begriff der Menschenwürde hat m.E.aktuell Levinas in “Die Spur des Anderen” (Darüber fluchen meine Schüler immer).
    Zur keltischen Kultur: ein Problem dieser Kultur waren sicher die Menschenopfer der Kelten. Sie sind bei Cäsar bezeugt und archäologisch belegt.

    • Danke, @j.

      Bei Ihnen darf ich als bekannt voraussetzen, dass z.B. Sokrates die Schrift noch kritisierte, während sie im entstehenden Judentum bereits religiös normativ wurde. Ohne Aleph-Beth kein Alpha-Beta. Japheth wird nicht kleiner, wenn wir die Leistung im Namen von S(h)em anerkennen… 💁‍♂️

  8. @Michael Blume gern geschehen.
    Ich habe meine Zweifel, ob es wirklich Sokrates war, der die Schrift kritisierte. Xenophon berichtet m.W. nichts davon. Es ist wohl eher Plato, der diese Kritik Sokrates in den Mund legt und passt gut in die platonische Erkenntnistheorie hinein.
    Plato hat dafür gute, diskussionswürdige Gründe, die zwar letzendlich nicht durchgehen, aber in Zeiten eines neuen Mediums wieder neu diskutiert werden müssen. Der Medienbruch zwischen Gutenberg und Internet ist wohl ähnlich tief, wie der zwischen mündlicher Sprache und (Buchstaben)- Schrift.

    • Da bin ich bei Ihnen, @j. Zwar halte ich es für wahrscheinlich, dass auch Sokrates selbst die Schrift kritisierte – er hinterließ keine Texte, sein Ansatz war dialogisch, er berief sich auch auf Philosophinnen etc. -, aber überliefert ist nur der „platonistische Sokrates“. Schrift war und ist eben mächtig.

      Danke fürs kritisch-konstruktive Mitdiskutieren! 💁‍♂️

      • @Michael Blume
        “aber überliefert ist nur der „platonistische Sokrates“.” das stimmt so nicht.
        Es gab noch andere Sokratesbiografien und Reden.
        Davon erhalten geblieben sind Xenophons Darstellungen des Sokrates und die Wolken des Aristophanes. Die anderen sind unsicher.
        Der platonistische Sokrates ist in seiner sprachlichen Eleganz faszinierend. Nicht umsonst spricht Popper vom “Zauber Platos”. Auffallend ist ja bei Plato seine Verehrung für Sappho.
        Aber jetzt genug der Nebenthemen!

  9. Nachtrag
    Ein moderner Beitrag zur Schrift- gerade gefunden: Herta Müller:
    „: „… das, was man nicht aufschreibt, spürt man in dem, was man aufschreibt. Das Gesagte muss behutsam sein mit dem, was nicht gesagt wird./ Ich merke es an den Texten anderer Autoren, ich fühle es aus den Büchern. Das, was mich einkreist, seine Wege geht beim Lesen, ist das, was zwischen den Sätzen fällt und aufschlägt, oder kein Geräusch macht. Es ist das Ausgelassene“, Der Teufel sitzt im Spiegel. Wie Wahrnehmung sich erfindet (1991 )

    • “j”
      Das mit dem ab und an “Off-topic”-Sein kenne ich; doch kann (belletristische) Literatur als “éducation sentimentale” (Gustave Flaubert lässt freundlich grüßen; zu Herta Müller fehlt mir noch etwas der Zugang) nie schaden.
      Insoweit bin selbst ich durchaus bei Ihnen, setze dabei aber hoffnungsvoll voraus, Sie haben Ihre Suche nach dem “besseren, nationaleren Deutschland” (welche sie irgendwo in einem Kommentar zur Folge zum “Reiz” der Uniformen und Burschenschaften thematisierten) inzwischen aufgegeben und achten bei der von Ihnen wiederholt bevorzugten “gemischten Platte” mit dem (von Ihnen in einem Kommentar der vergangenen Folge in der Endung präzisierten) “Schnitzel Zigeunerin” doch wenigstens auf die Tier-Haltungsform (es muss ja nicht die “1” sein)….

      • Ergänzung zu meiner Antwort an @j vom 21.01.21:
        … Jetzt hatte ich mir ja vorgenommen, das neue Jahr taktischer, diplomatischer, ja von mir aus auch opportunistischer anzugehen; jemand sagte mir einmal, man käme damit besser durch die Welt.
        Ich bekomme es aber nicht hin; der Blick in den Spiegel wird geradezu grotesk unerträglich und man greift unwillkürlich zur größten Corona-Maske, die sich im Hause findet, um die durch Selbstbetrug verzerrte Mimik vor sich selbst zu verbergen. Aber der falsche Blick der Augen lässt sich dann doch nicht abdecken.
        Also bleibt man doch lieber beim weiß Gott nicht immer bequemen Anspruch, so natürlich und authentisch durch den Rest seines Lebens zu gehen, wie nur möglich.
        Nein, ein “Zigeunerschnitzel” wird in seiner diskriminierenden Aussage nicht besser, wenn man es in “Schnitzel Zigeunerin” umbenennt, es kumuliert allenfalls hässliche Anti-xxxxx-ismen.
        Und Deutschland hat lange genug gebraucht, um den Porajmos als Völkermord anzuerkennen.
        https://www.fr.de/meinung/gastbeitraege/rassismus-antisemitismus-zigeunerschnitzel-mohrenstrasse-mohrenapotheke-stephan-anpalagan

        Und anders als Sie, @j, sehe ich die “Menschenwürde” nicht als lediglich “abstraktes Konzept”, welches man in der Schule als obiter dictum “nur am Ende” oder am Rande behandeln sollte. Sie ist DAS Grund- und Menschenrecht der Verfassung schlechthin und ist täglich im Alltag und im Umgang mit unseren Mitmenschen konkreter Anspruch, dem wir häufig genug nicht gerecht werden. 🙁
        Also, tut mir leid, @ j, ich revidiere mich, bin dann doch nicht “bei Ihnen”.
        Gleichwohl alle guten Wünsche für ein gesundes Neues!

  10. Zur Bildung gegen Antisemitismus:
    Es könnte lohnend sein, sich einmal mit dem philosemitischen Nazi Börries v. Münchhausen zu befassen. https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%B6rries_von_M%C3%BCnchhausen_(Schriftsteller) Wie kommt jemand, der sensibel eine tragische Talmudlegende bearbeitet zu den Nazis? (Zugegeben, ich mag Münchhausens Balladen, das sind auch Kindheitserinnerungen)
    Ich würde gerne einmal seine Werke “Juda” und “Hesped” (zum Progrom in Chisinau ) lesen, im Netz sind sie nicht zu finden, anscheinend. Über Fernleihe ist es mir gerade zu mühsam die Bücher zu bestellen. Aber vielleicht gibt es hier Leser, die sich dafür interessieren und dazu arbeiten möchten.

    • @sandy
      Erst einmal ein gesundes Neues Jahr!
      Ich glaube, Sie haben mich wegen des Schnitzels völlig falsch verstanden.
      Ich wollte nur darauf hinaus, dass diese Bezeichnung schon immer falsch war und das “mimimi”, der Sprachschützer hier schon immer gelogen.
      Zum Mohren: die schwarzen Burschenschafter – ja, es gibt deutschnationale dunkelhäutige Menschen und ich selbst habe Bundesbrüder, die “persons of colour” sind- lachen über diese Sprachverhunzung.
      Wenn Sie beim Grimm nachschlagen, würden Sie auch sehr schnell merken- der “Neger” ist im Deutschen oft abschätzig- der “Mohr” eben nicht. Den besten Beleg finden Sie in Hoffmanns Struwlpeter schlagen Sie mal dort nach!
      Zur Menschenwürde: ich kann sie in der Schule leben – oder auch nicht. (Ich führe dafür gerne Herta Müller an). Sie erklären und diskutieren kann ich tatsächlich erst in der Oberstufe. (Nipkows Theorie von der unmittelbaren Wirkung der Grundrechte ist unrealistisch.)
      Zur genannten Minderheit: ich beziehe mich hier nur und ausschließlich auf Rumänien. Dort habe ich meine Erfahrungen mit dieser Minderheit gemacht.
      Allerdings: ich halte das Meiste der sprachlichen politischen Korrektheit für vergleichbar mit dem philosophischen Realismus des Mittelalters. Sprache schafft keine Realität- sie bildet sie nur ab.

      • Nö, @j. – wie Rassisten und Antisemitinnen ganz genau wissen, “schafft” Sprache Realität. Genau deswegen beharren sie auf Bezeichnungen wie “Zigeuner”, “Neger”, “Gutmenschen” (Nietzsche), den nur männlichen Anredeformen usw. Und Sie sind auch viel zu gebildet, um das nicht zu wissen. Sprache übt Macht aus und von dieser Macht wollen einige nicht im Hinblick auf eine Gleichberechtigung der Menschen lachen.

        Erfreulicherweise gibt es auch weltoffene und liberale Burschenschaften. Gegen rechtsextreme, antisemitische und rassistische Burschenschaften wie die Heidelberger “Normannia” empfehle ich jedoch ein hartes Vorgehen. Autoritäre Persönlichkeiten verachten “Kuschelpädagogik” – und ich finde – auch als ehemaliger Soldat – damit haben sie Recht. Es wird Zeit, den Intoleranten deutlicher entgegen zu treten – auch, aber nicht nur in Fragen der Sprache.

        https://www.youtube.com/watch?v=XRmRUaMfwdU&t=1s

        Und wie manche so gerne tönen: Das wird man(n) ja wohl noch sagen dürfen… 🙂

      • Vielleicht sollte man sich einfach einmal die Entscheidung des BGH vom 07.01.1956 (Az.: IV ZR 273/55) im Original antun, um das eigene Verhältnis zum Begriff “Zigeuner” i.V.m. jenem der “Menschenwürde” zu überdenken.

        https://dejure.org/dienste/vernetzung/rechtsprechung?Gericht=BGH&Datum=07.01.1956&Aktenzeichen=IV%20ZR%20273/55

        So heißt es dort:
        “Da die Zigeuner sich in weitem Maße einer Seßhaftmachung und damit der Anpassung an die seßhafte Bevölkerung widersetzt haben, gelten sie als asozial. Sie neigen, wie die Erfahrung zeigt, zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und Betrügereien, es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe der Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist (…). Sie wurden deshalb allgemein von der Bevölkerung als Landplage empfunden (…).” (BGH, a.a.O., S. 8)

        Ich denke, hier erübrigt wich jeder weitere Kommentar, mir fehlt hier einfach auch die Kraft, einen derart menschenverachtenden Text weiter zu zitieren.
        Und es hat bis in die 1980erJahre gebraucht, um die Dinge halbwegs wieder zurechtzurücken. 🙁

        Zu den Burschenschaften beziehe ich mich (wie man in meinen beruflichen Kreisen aus Gründen der Bequemlichkeit immer gerne sagt) “zur Vermeidung von Wiederholungen vollinhaltlich auf das bereits Vorgetragene”. (s. Kommentare zur entsprechenden Podcast-Folge)

        Schließlich ist mir aufgefallen, dass sich der oben verlinkte Beitrag aus der “FR” nicht öffnen ließ; ich versuche es daher vorsorglich erneut, da er wirklich lesenswert ist:

        https://www.fr.de/meinung/gastbeitraege/rassismus-antisemitismus-zigeunerschnitzel-mohrenstrasse-mohrenapotheke-stephan-anpalagan-deutschland-90015380.html

        Ansonsten kann ich, @j, Ihre Nähe zu Levinas nachvollziehen, wenn auch nicht so ganz den Spagat, den er irgendwie zwischen F.M. Dostojewski (der auch mir sehr am Herzen liegt) und Heidegger hinbekommt. (Oh shit: “Er ist wieder da.” 😉 …. Gruß an @Alubehüteter 🙂 )

        Interessant fände ich generell eine Diskussion zum Begriff “Menschenwürde” und zwar jenseits aller juristischen und pädagogischen Definitionsvorgaben.
        Sie selbst wollen die Menschenwürde wohl an den radikalen (womöglich auch staatlichen ) Verantwortlichkeitsanspruch Levinas` knüpfen.
        Dies ist sicherlich ein wichtiger Gedanke, doch stellt sich immer wieder die Frage: Wer definiert “Menschenwürde”? Der verantwortliche Staat? Das Individuum selbst? Was, wenn die Definitionen beider nicht deckungsgleich sind? Darf der Staat das Individuum vor sich selbst “schützen”? Darf der durch Art. 1 GG in seiner Würde geschützte Mensch seinen privaten Lebensbereich nach seinem Belieben gestalten und dabei – eben wegen einer ggf. abweichenden Definition – womöglich gar auf die eigene Menschenwürde verzichten?
        Dies sind alles noch immer ungeklärte Fragen, zu denen sich wohl keine differenziert denkende Juristin, kein nicht lediglich deterministisch tickender Jurist eine endgültige, über jeden Zweifel erhabene Meinung bilden kann.

        Unabhängig von diesen Überlegungen denke ich, dass “Menschenwürde” ein stark individualisierter Begriff ist.
        Schön finde ich den Ansatz von @Thomas Fechner vom 18.01., wonach der Mensch “einfach als Mensch gewollt” sein und ihm dies in einer humanistisch geprägten Gesellschaft auch immer wieder vermittelt werden sollte.
        Und auch wenn der Staat sich “verantwortlich” für die Würde des Einzelnen fühlen sollte:
        Ein Übermaß an autoritärem Gebaren und an Sittlichkeitsvorgaben kann den zerbrechlichen Stolz wohl eines jeden Menschen und damit seine Würde trotz bestem obrigkeitsstaatlichen Willen verletzen.
        Ich denke dabei z.B. an die “präker Beschäftigten”, die oft hart und in Vollzeit arbeiten, am Ende des Tages gleichwohl, da ihr Verdienst für ein würdevolles Leben nicht genügt, “aufstocken” müssen; die am Ende ihres Lebens nun immerhin eine “Grundrente” erhalten, aber immer das wohl wenig würdevolle Gefühl haben müssen, auf Fremdleistungen angewiesen zu sein.

        Und nicht nur an diesem Beispiel, sondern generell stellt sich die Frage: Kann (mehr oder weniger fürsorglich gemeintes) “Wohlwollen” den Menschen in seiner Würde bestärken oder eher verletzten?
        Menschenwürde ist für mich in erster Linie, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Dies setzt allerdings Chancengleichheit für jede/ jeden voraus.

  11. James Hared hat es angesprochen „right sort of education“.
    Wenn man Bildung institutionalisiert in Form der Kindergärten, Schulen Universität , dann muss man sich Gedanken über die Bildungsinhalte machen. Hat man auch, es gibt Bildungspläne es gibt Wertvorstellungen, die in unserem Grundgesetz explizit ausgesprochen werden.

    Man muss die Maxime auch mit Inhalt füllen, ganz konkreten Inhalt, dass jede Schulklasse einmal ein Vernichtungslager gesehen haben muss.
    Ich finde es nicht richtig, dass man die KZ`s heute als Gedenkstätten bezeichnet. Das ist verniedlichend. Dort wurden Menschen zu Tode gequält, es sind Vernichtungslager.

    Antwort: Bildung zum Anfassen, die nicht verniedlicht, die stattdessen beschämt.

    • Da habe ich tatsächlich mal eine andere Auffassung, @hwied: Die nachfolgenden Generationen haben genau “null” Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus und eine Pädagogik, die “beschämt” und beschuldigt, lehne ich ab und halte sie auch für schädlich. Wenn sich Menschen an Gedenkstätten mit Menschheitsverbrechen befassen, so soll dies nicht emotional überwältigen, sondern zur Verantwortung rufen – zur Verantwortung dafür, dass solches nie wieder geschehe und dass Menschen eine gemeinsame Zukunft in rechtsstaatlicher Sicherheit, Frieden und Vielfalt anstreben. Wer z.B. eine Holocaustpädagogik mit dem Anspruch aufladen würde, auch die Bundesrepublik deswegen abzulehnen, weil sie “deutsch” ist, spielt ExtremistInnen nur in die Hände und treibt ihnen Anhängerschaft zu. Die Erinnerung schmerzt, ja – aber sie lehrt uns die Gestaltung einer besseren, gemeinsamen Zukunft. Das halte ich auch für den richtigen Weg, der Ermordeten zu gedenken, statt sie für eine Pädagogik der Schuldgefühle einzuspannen, die ich auch in Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden nie erlebt habe.

      Passend dazu ein schöner SWR-Bericht über den 100jährigen (!) Geburtstag der wundervollen Rachel Dror an diesem Dienstag:
      https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/stuttgart/zum-100-geburtstag-portrait-rachel-dror-19121-100.html

    • @Michael Blume
      die Frage, ob Sprache Realität schafft oder nur beschreibt, ist ja der große Unterschied zwischen den Ingenieurwissenschaften und den Geisteswissenschaften. Mein familiärer Hintergrund sind die Ingenieurwissenschaften, daher ist mir dieser Unterschied vertraut.
      Möglicherweise war hier das Einfallstor für das Abkippen von Teilen des Wirtschaftsliberalismus ins rechtsradikale: Die Wirtschaftswissenschaftler beanspruchten, dass sie natur- oder ingenieurwissenschaftlich an die Wirklichkeit herangingen
      Vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen in Rumänien habe ich tatsächlich große Schwierigkeiten mit unseren deutschen Sprachspielen in dieser Hinsicht. Sie helfen dort nicht weiter.
      Zur “Normannia”: sie hat sich als Auffangbecken für alle die Alten Herren positioniert, die mit dem Austritt ihrer Bünde aus der DB nicht einverstanden waren. Wird sie verboten wird das nächste Auffangbecken die Salamandria in Dresden und die Schlosskellerburschenschaft in Jena sein.

      • Danke, @j. – da sehe ich durchaus Gemeinsamkeiten.

        Nach meiner Auffassung geht es immer schief – und ist eines der großen Probleme heutiger Weltanschauungen -, Erkenntnisse aus einem Wissenschaftsbereich wie Physik oder Biologie unreflektiert in einen anderen Wissenschaftsbereich wie Psychologie oder Soziales zu übertragen. Dann entstehen Weltwahrnehmungen und auch Empfehlungen, die dem realen Leben nicht gerecht werden.

        M.E. ist die Realität sehr klar emergent: Auf physikalischen Prozessen bauen sich immer weitere und höhere Seinsebenen auf, die miteinander interagieren. So können wir weder ignorieren, dass Menschen auch physikalische und biologische Körper sind, können sie aber gleichzeitig auch nicht darauf reduzieren. Hier hatte ich bereits dazu gebloggt:
        https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/harte-vs-weiche-wissenschaften-warum-die-blogosph-re-emergenz-verstehen-sollte/

        Im Bildungsbegriff – dem Ausgangspunkt dieses Blogposts / dieser Podcast-Folge – finde diese Auffaltung des Menschenbildes bereits angelegt, bei Maimonides bereits teilweise vollzogen, in den heutigen Wissenschaften auf Basis der Evolutionstheorie zunehmend besser umfasst. Jede Reduktion verbietet sich dann, wenn Popper Recht hat und jede Wissenschaft – ja, jedes Leben – aus dem Lösen von Problemen besteht. Reduktionistische Lösungsvorschläge werden tatsächlichen, komplexen Problemen dabei kaum je gerecht werden.

    • @sandy
      Sie denken für meinen Geschmack viel zu autoritär, wenn Sie fragen, wer die Menschenwürde definiert. Ich halte sie einfach für gegeben, die Begründung ist aber schwierig. Die Widersprüche, die Sie ansprechen, halte ich für produktiv.

      Ihr Beispiel des BGH zeigt ja, dass die Berufung auf die Menschenwürde nicht zwingend ausreicht. (“Zigeuner sind Menschen – aber keine Leut´” Tiberius Fundel, Landtagsabgeordneter https://de.wikipedia.org/wiki/Tiberius_Fundel).
      Mit der Menschenwürde der Kinder dauerte es sehr lange, bis sie anerkannt wurde und wie schwierig sie vor der Geburt ist, zeigt die Debatte um die Abtreibung.

      Persönlich knüpfe ich die Menschenwürde an ein Gleichnis Jesu: Vom barmherzigen Samariter. Aber das wäre eine eigene Diskussion.
      Levinas steht konstruktiv kritisch zu Heidegger

      • @j
        Ich würde “zu autoritär” denken – wirft mir ausgerechnet vor, wer noch in Folge 29 vom “besseren, nationaleren Deutschland der Kaiserzeit” träumte …. .
        Das finde ich derart amüsant, dass ich seitdem einen Ohrwurm von Falco nicht mehr aus dem Kopf bekomme… 🙂

        https://www.youtube.com/watch?v=RNxwkX4zwow

        “Monarchy now, alive
        (…)
        Kaiser, Fürsten, Könige, all beliebte Monarchen
        Erfreut erneut, wohin heut der Zug der Zeit sie fährt
        Gebt dem Lande tollkühneste Parade-Patriarchen
        Gebt dem Volk die Heiligen, die es so begehrt…”

        Cooles Lied, hab lange nicht mehr singend und tanzend so abgefeiert.. 🙂
        Daher danke natürlich auch Ihnen für diese Inspiration!

        Das Kompliment autoritären Denkens müsste ich dann gemäß Ihrer Lesart leider an das Bundesverwaltungsgericht weitergeben.
        Und damit zurück zur Sache: Sie führten in die Diskussion die Menschenwürde als “abstraktes Konzept” ein.
        Ich wollte mit den aufgeworfenen Fragen einfach nur zeigen, dass es hier durchaus praxisnahe und damit anschauliche Beispiele gibt, die belegen, dass die “Hermeneutik” zu diesem Begriff lebendig ist und uns täglich herausfordert.
        Im sog. “Peep-Show”-Urteil hatte sich bspw. das BVerwG mit der Frage zu beschäftigen, wie weit der Staat in die Privatsphäre der/des Einzelnen quasi vormundschaftlich eingreifen darf. Darf er ihr/ihm z.B. eine “an den guten Sitten” ausgerichtete Definition der Menschenwürde vorgeben?

        Wir hatten es ja in diesem Forum bereits häufiger mit dem Freiheitsbegriff zu tun und halbwegs übereinstimmend festgestellt, dass die Freiheit des Einzelnen seine Schranken spätestens dort findet, wo sie andere Individuen in ihren Menschenrechten gefährdet oder gar verletzt.
        Wie steht es aber mit der Autonomie des Einzelnen, über sich selbst, seine eigene Privatsphäre, seine höchstpersönlichen Rechtsgüter selbst entscheiden zu dürfen, ggf. auch gegen allgemeine “Wert- und Sittenvorstellungen”, wenn eben kein/e andere/r hierdurch beeinträchtigt würde?
        Wer darf über die eigene Menschenwürde disponieren, außer dem betroffenen Menschen selbst, der womöglich ein anderes Verständnis, eine andere Definition hierfür hat?

        Wie gesagt, ich tendiere hier (entgegen Ihrer Diagnose meiner Gedankengänge) zur maximalen Freiheit des Individuums, auch wenn die Entscheidung nicht immer so leicht fällt, wie sie auf den ersten Blick scheint.

        So stellte sich die Frage in der juristischen Diskussion auch bei (vorsichtig formuliert) recht merkwürdigen, eigentlich alles andere als lustigen Auswüchsen der modernen Spaßgesellschaft, wie bspw. dem “Dwarf-Tossing” oder dem “Paintball-Schießen”.

        Folgend – wenn es irgendjemanden interessiert – die Quelle zur entsprechenden Entscheidung: BVerwG, Urt. v. 15.12.1981, Az.: 1 C 232.79, BVerwGE 64, 274 (mit der Eingabe des Az. auch im Volltext im “www” einfach zu finden).
        Und hier auch eine interessante Kommentierung im “Spiegel” unmittelbar nach Veröffentlichung des nach wie vor umstrittenen Urteils.

        https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14348593.html

        Mich hätten dazu einmal “juristisch unverdorbene” Gedanken interessiert, aber wahrscheinlich verfehlte eine solche Diskussion einmal mehr das eigentliche Thema. 🙁

        Ihnen allen alles erdenklich Gute!

    • @sandy
      Ich kann hier nur einen Schweizer ( C. F. Meyer) zitieren:
      »Das heißt: ich bin kein ausgeklügelt Buch,/Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.«
      Alle andere wäre unlebendig. Perfekte Menschen sind tot. Perfekt bdeutet abgeschlossen.

  12. Michael Blume,
    da hat mich wohl die Wut auf die Rechten geritten.
    Es stimmt und es wundert mich auch immer wieder, dass die Betroffenen, die jüdischen Mitbürger selbst keinen Zorn mehr hegen.
    “Die Rache ist mein spricht der Herr”, das sollte man immer bedenken.

    Aber vielleicht sollte man den Rechten als Strafe auferlegen können für eine Woche Putzdienst in einer Gedenkstätte zu leisten.

    • Aber warum nur „Rechten“, @hwied? Was wäre mit linken und libertären AntisemitInnen?

      Gedenkstätten sind keine Strafanstalten. Sie sollten der würdevollen Erinnerung und damit dem Lernen für eine bessere Zukunft dienen. Autoritäre Fantasien über das Abstrafen Andersdenkender empfehle ich abzulegen.

  13. Michael Blume,
    Es geht nicht um Andersdenkende, es geht um Menschen, die die Nazigräuel gut heißen. Da ist Schluss mit Toleranz.
    Das Böse beginnt beim Denken.
    Anmerkung: Ich bin doppelt so alt wie Sie. Meine Vorstellung über Krieg und seine Folgen ist noch lebendig.

    • Danke, @hwied, für Ihre menschlichen und berührenden Beiträge. Stimmen wie Ihre sind angesichts zunehmender Geschichtsvergessenheit ganz wichtig.
      Ihnen noch ein schönes Wochenende! 📚🕊🌞

  14. Sandy
    Der Link zu den “Höchstrichterlichen Männerphantasien” den sollte man gelesen haben, wenn man über Bildung redet.
    Sehr gut !!

  15. @sandy
    Was sind für Sie “juristisch unverdorbene Gedanken”? Es gibt keinerlei Alternative zum Rechtsstaat. Das “Dritte Reich” war ein Versagen des Rechtsstaates, der immer mehr ausgehöhlt wurde, das gleiche gilt von der DDR. Trump hat diesen Versuch unternommen. Die Begründung des Rechtsstaates geht übrigens ganz wesentlich von Juda und Jerusalem (5. Mose) aus.

    • @j
      Machen Sie sich da mal keine Sorgen, ich bin mit Sicherheit die Letzte, die den Rechtsstaat in Frage stellen würde. Und ich bin nicht nur eine glühende Anhängerin des Rechtsstaats, sondern verdiene sogar mein täglich Brot mit (oder besser: in) ihm. Nicht von ungefähr habe ich Jura studiert und bin seit ca. 20 Jahren als Rechtsanwältin tätig. Und allein darauf spielte ich selbstkritisch an. Man ist ja nach so vielen Jahren vor einer gewissen Berufsblindheit nicht gefeit 🤓 und ich finde den Diskurs mit Menschen, die in anderen Bereichen des Lebens tätig sind, die mir helfen, den Blick über den eigenen Tellerrand zu heben und die Dinge mal aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen, nicht nur spannend, sondern sogar unerlässlich. 📚

  16. @Sandy Danke
    Aber dann habe ich eine Frage an Sie zum Selbstverständnis der Juristen.
    Ich habe Verwandte, denen im Dritten Reich übel von den Behörden mitgespielt wurde (Zwangsweise Entlassung aus dem Beamtenverhältnis ohne Pension, kein jüdischer Hintergrund). Ihre Söhne bzw. Enkel wurden Juristen. Diese -obwohl sie doch selbst gesehn hatten, was dieses Regime auf dem Verwaltungswege zustande brachte – hielten Sie strikt an der Fiktion des “Rechtmässigen Verwaltungshandelns ” in diesem Regime fest.
    Können Sie mir einen Hinweis geben, warum diese Juristen, die ja den Gegenbeweis greifbar vor Augen haben mussten, die Augen so vor der Wirklichkeit verschliessen konnten?

    • Ja, @j, das sind Fragen, die sich jeder Einzelne wohl verantwortungsbewusst vor dem Hintergrund seines eigenen berufsethischen Maßstabes selbst stellen muss.
      Michael Blume spricht es in seinen Beiträgen immer wieder an: Menschenverachtung basierend auf Verschwörungsideen ist nicht unbedingt eine Frage der Bildung. Es gab wohl in nahezu allen akademischen Berufen grausame Misanthropen: Philosophen wie Heidegger, Ärzte wie Mengele, Juristen wie Freisler. Bei den Lehrern spielte da wohl der NSLB eine unrühmliche Rolle.
      Das tut weh, umso wichtiger ist natürlich eine Aufarbeitung, die gerade bei den Juristen lange Zeit verschleppt worden ist. (vgl. nur Ingo Müller, Furchtbare Juristen. Die unbewältigte Vergangenheit der deutschen Justiz). Und die Richter hatten es bei der Beschaffung eines “Persilscheines” natürlich recht leicht, konnten sie sich doch auf den Grundsatz “Dura lex, sed lex” berufen.
      Deshalb suchte der Rechtsphilosoph Gustav Radbruch einen Ausweg und prägte unter dem Eindruck der Verbrechen des Naziregimes im Jahre 1946 die sogenannte Radbruch`sche Formel, wonach das positiv gesetzte Recht (Gesetz) dann als Unrecht anzusehen sei, wenn der Widerspruch dieses Gesetzes zur Gerechtigkeit ein solch unerträgliches Maß erreicht, dass es einer (überpositiven/ “naturrechtlichen”) Gerechtigkeit weichen müsse.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Radbruchsche_Formel

      Erkenntnistheoretisch sind wir (lieben Gruß an Michael Blume 🙂 ) hier wahrscheinlich bei einem Lehrbuchbeispiel der Falsifikation.
      Denn die Radbruch`sche Formel versucht nicht induktiv festzulegen, was gerecht sei, sondern will negativ feststellen, welche Gesetze extrem, m.a.W. “unerträglich” ungerecht sind.
      Nun war es aber den Nationalsozialisten kaum notwendig, neue Gesetze zu erlassen. Es “genügte”, die Grundrechte der WRV außer Kraft zu setzen, rassepolitische Prinzipien in Ansätzen zu installieren, Strafgesetze zu verschärfen und Gerichte zu kreieren, die der Verfolgung und Verurteilung Andersdenkender dienen sollten. Dies und der Grundsatz des “Führerprinzips” sowie des “völkischen Gemeinwohls” genügte den Juristen, v.a. die bestehenden, weitestgehend schon existenten (positiven) Gesetze mittels Auslegung nationalsozialistisch-ideologisch umzuinterpretieren. Warum taten sie dies? Viele Juristen waren streng konservativ, die Demokratie der Weimarer Republik war ihnen zu “lax”, sie waren Verfechter des “Law and Order” und da fühlten sie sich im “Dritten Reich” wohl besser verstanden, endlich wieder “ernst genommen”.

      Aus den genannten Gründen erwies sich die eigentlich gutgemeinte Anwendung der Radbruchschen Formel auf Juristen des “Dritten Reichs” leider weitgehend als “zahnloser Papiertiger”, da die eigentliche Gesetzesfalsifikation (eben mangels wesentlich neuer Gesetzestexte) nur in nicht allzu vielen Fällen gelingen konnte.

      • Ja, unglaublich, Binding lieferte mit Hoche die Steilvorlage für die Euthanasie. Erfreulich, dass Leipzig ihm vor 10 Jahren die Ehrenbürgerwürde wieder aberkannte (hat ja lange genug gedauert…). Mir ist ein Rätsel, wie er sie überhaupt je erhalten konnte. Seine Strafrechtslehre beruht auf archaischen Rache- und Sühnegedanken nach dem Motto “Auge um Auge/ Zahn um Zahn”. Strafrecht sollte reine Vergeltung sein, Prävention oder gar Resozialisierung – wie wir sie heute kennen – lehnte er strikt ab.
        Danke, @j, für Ihr Interesse und noch einen schönen Abend!

  17. Natürlich bewahrt humanistische Bildung (die schließt naturwissenschaftliche ein) vor jeglichem Menschenhaß.
    Sehr wirksam ist auch das Verbringen der antihumanitischen Rädelsführer an den Ort, wo sie hingehören. Da das bei uns in D nicht erfolgt, müssen wir in D mit schlimmerem rechnen.

    • Keine Ahnung, wessen Kurzschlüsse da gerade bei Ihnen passiert sind, @Stephan. Eine weltanschaulich „humanistische“, letztlich aber autoritär dogmatisierte Bildung alleine bietet keinen Schutz vor Verschwörungsglauben, wie z.B. die DDR gezeigt hat. Und auch im o.g. Text ist keine Rede davon, so etwas anzustreben oder einzuführen.

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