Namenspolitik: Martin Buber, Paula Buber, Otto Hirsch im Twitter-Space-Podcast

Es könnte der Einstieg zu einem beliebten Witz sein, war aber durchaus dialogisch und ernst gemeint: Trafen sich ein Muslim, ein Humanist, ein Protestant, ein Katholik und ein Jude, – drei aus Deutschland, zwei aus Israel – um miteinander über Otto Hirsch, Martin und Paula Buber zu sprechen.

Der Treffpunkt unserer spontanen Fünf-Männer-Runde (sorry, noch nicht gegendert!) war aber kein Stammtisch in einem Lokal, sondern ein Twitter-Space. Und an diesem nahmen nicht nur Hunderte Hörerinnen und Hörer teil, sondern anderthalb Tausend (!) haben die Runde auch bereits abgerufen. Entsprechend entschieden die Einladenden Halil Topcuk (@Goethe) und Michael Jahn (@FvSchiller), die Aufzeichnung nicht verfallen zu lassen, sondern in die erste Folge eines neuen Podcasts umzuwandeln. Und, voila, hier ist er:

Podcast-Aufnahme von Goethe und Schiller: “Mit Michael Blume über Martin Buber”. Screenshot: Michael Blume 

Namenspolitik – Die Geschichte hinter dem Buber-Twitter-Space

Die Vorgeschichte zu diesem Twitter-Space begann im Februar 2022, als Elon Musk in einem üblen Tweet den liberalen, kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau mit Adolf Hitler gleichsetzte. Ich protestierte öffentlich und machte mir weitere Gedanken, wie Namen im Internet gezielt angegriffen und missbraucht werden. Zwar löschte der rechtslibertäre Musk den üblen Tweet wieder, kündigte aber bald darauf an, Twitter übernehmen und Donald Trump wieder einlassen zu wollen. Die Folge war rechtspopulistischer Jubel und eine massive Zunahme an Troll-Accounts und Hass-Postings.

Viel erinnerte mich an die Strategie, die der rechtsextreme Trump-Berater Steve Bannon bereits 2018 formuliert hatte. Damals hatte er Michael Lewis gesagt, (deutsche Übersetzung):

“…die echte Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen fertig zu werden, besteht darin, die Zone mit Scheiße zu fluten.”

Im englischen Original:

“…the real opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit.”

Das heißt: Freund-Feind-Dualisten, vor allem rechts-dualistische Angreifer:innen müssen Liberale gar nicht mehr mit Argumenten konfrontieren! Es reicht völlig aus, den Diskurs – die gemeinsam erlebte Realität – mit so viel Lügen und Hass zu fluten, dass sich die Demokrat:innen schließlich zurückziehen. Begriffe und Namen müssten dabei “nur” mit soviel Schmutz beworfen werden, bis jedes Vertrauen ineinander zerstört sei.

Ich hatte diese dualistisch-zerstörerische Namenspolitik auch am eigenen Leib oft erlebt und mich aus Facebook komplett, aus Twitter und Instagram zeitweise zurückgezogen:

Und so sprach ich nach dem Tod von Dr. Lisa-Maria Kellermayr und dem Twitter-Rückzug von Anwalt Chan-jo Jun (s. unten) auch mit Katrin Aue und Michael Meyer beim Saarländischen Rundfunk über das “Schlachtfeld Twitter – User verlassen das Netzwerk”. Neben dringend notwendigen, gesetzlichen Verschärfungen, um endlich auch die Internet-Konzerne zum Handeln zu zwingen, plädierte ich dabei auch für ein Standhalten: Wir Demokratinnen und Demokraten müssten einerseits Angriffe auf Begriffe und Namen (wie “Great Reset” oder “Simon Wiesenthal“) erkennen und zurückweisen, aber auch selbst positive, konstruktive Beiträge leisten. “Flood the Zone with Light”, sozusagen.

Eine Kachel zu Ehren des Stuttgarter Ministerialrates, Kanalbauers, jüdischen Gewählten und Menschenretters Dr. Otto Hirsch (1885 – 1941). Aus: Otto-Hirsch-Auszeichnung 2022

Entsprechend reichte es mir nicht, zu Martin und Paula Buber zu bloggen und ihre Texte zu empfehlen: Ich nahm gerne die Einladung von Halil-Goethe und Michael-Schiller an, in einem Twitter-Space von ihnen und von Otto und Martha Hirsch zu erzählen. Und ich danke den beiden für die klasse Vor- und auch Nachbereitung! Ihr leistet und ermöglicht digitalen Dialog!

Bücher zu lesen bleibt meine Leidenschaft, doch ich habe gelernt: Wir müssen dann auch über das Gelesene digital sprechen. Foto: Zehra Blume

Nachdem ein erster Versuch mit der liberalen Christin Karoline Preisler (@PreislerKa) noch technisch gescheitert war, unternahmen wir also einen zweiten Versuch, zu dem Karoline leider nicht konnte. Dafür aber “fanden” sich Pater Nikodemus und Eliyah Havemann aus Israel unter den Zuhörenden, so dass wir die Gesprächsrunde spontan erweiterten. Meine persönliche Regel, an keinem Podium teilzunehmen, an dem mehr als drei nur männliche Diskutanten teilnehmen, wurde dadurch zwar digital unterlaufen – aber für den ersten gelingenden Twitter-Space war ich dann doch sehr glücklich.

Ja, es ist denkbar, dass Twitter völlig bannonesk umkippen sollte – etwa dann, wenn das Gericht in Delaware, USA, Elon Musk doch noch zum Kauf zwingen sollte. Aber bis dahin lohnt m.E. jeder auch digitale Kampf um jeden Begriff und jeden Namen. Bitte lassen Sie uns Namenspolitik ernst nehmen, sie ist mächtig!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

16 Kommentare

  1. Zum Thema Martin Buber einige Zitate aus den Seiten 381- 382 eines klugen Buches:

    a) Aus S.381:
    Martin Buber……war hingegen konsequent und kühn in seinem völkischen Denken. Der existenzialistische Religionsphilosoph, der später in die Friedensbewegung eintreten und sich für einen jüdisch- palästinensischen Staat aussprechen sollte, begann seinen Weg als einer der Schöpfer der jüdischen „Blutsgemeinschaft“……………In kabbalistischer Verklausulierung formulierte er: …………………dass die Abstammung……….etwas in uns gelegt hat, was uns zu keiner Zeit unseres Lebens verlässt,was jeden Ton und jede Farbe in unserem Leben ……….bestimmt: das Blut als die tiefste Machtschicht der Seele. (Aus Anmerkung 480 dazu:
    …Später versuchte Buber allerdings recht erfolglos, sich von
    den Beschuldigungen, er sei ein Verfechter einer völkischen Ideologie gewesen, reinzuwaschen.)

    b) Aus S.382:
    Buber blieb immer ein umsichtiger , gemäßigter Zionist, sein religiöser Humanismus übertraf am Ende den „ethnischen Ruf des Blutes“.
    Wladimir Jabotinsky hingegen, der Führer der revisionistischen Zionisten strebte stets nach Macht und hatte für Kompromisse nur Verachtung übrig. Doch von diesem wichtigen Unterschied abgesehen vertraten die beiden Zionisten………….dieselbe ideologische These von der Herkunft der Juden: In ihren Adern floss ein besonderes Blut, das sie von anderen unterschied. ……………Jabotinsky……………formulierte ohne Zögern: ……….Das Gefühl für die nationale Identität liegt im Blute des Menschen, in seinem physisch – rassischen Typus, nur in ihm allein………..Es ist physisch unmöglich,, dass ein Jude, der aus mehreren Generationen jüdischen Blutes hervorgegangen ist, sich die Seelenvorgänge der Deutschen oder Franzosen aneignet, ebenso wie es unmöglich ist,dass ein Neger aufhört, ein Neger zu sein…….kam er zu der Schlussfolgerung:……….Wenn man schließlich alle alle möglichen Schalen………….wegnimmt und die äußeren Einflüsse ausschaltet, dann bleibt nur mehr der rassische Kern der Nation……

    (Ende der Zitationen)

    Aus dem Werk:

    Shlomo Sand . „Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand .
    Propyläen. 3. Auflage, 2010Meine Anmerkung dazu:

    Auch wenn Buber selbst wohl (immer?) ein Wanderer zwischen religiös -sozialistischem Humanismus und Zionismus gewesen sein mag , so kann doch kaum geleugnet werden, dass der Zionismus von Anfang an AUCH eine (biologistisch-) nationalistische (manche sagen auch „Blut- und Boden-“) Ideologie war. Und vermutlich immer noch ist.

  2. Zur folgenden Unterstellung:
    Möge es Ihnen – wie dann auch Buber – gelingen, über völkisch-rassistisches Gedankengut sowie über Pseudowissenschaft hinaus zu wachsen! (Zitatende)

    1. Ich bin weder in dem einen , noch in dem Anderen verwurzelt, sondern versuche nur, den Phänomenen der realen Welt halbwegs vorurteilsfrei auf den Grund zu gehen oder wenigsten für alles offen zu sein.
    Der Spruch: “Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht” stammt vermutlich entweder von jemandem, der selbst nicht ganz dicht ist (-: (-; , oder der eine Begabung für rhetorische Propagandasprüche hat.

    2. Möge Ihnen -zumindest als Privatmensch – eine ähnlich offene Einstellung zunehmend öfter gelingen. Das gilt ganz besonders zu Shlomo Sands Buch , das ja auch nur uralte Diskussionen aus dem liberalen und/oder dem “nicht- zionistischen” Judentum aufgreift und erweitert.
    Möge Sie dann bzw. dabei die (hoffentlich) vorübergehende “Eigenentfremdung” nicht allzu sehr aus der Bahn werfen. Denn eine ständige Diskrepanz zwischen offiziell erwünschten bzw geforderten Positionen und der eigenen intellektuellen Redlichkeit ist auf Dauer (!) ziemlich schwer zu verkraften. In jüngeren Lebensdekaden unterschätzt man so etwas meistens.Außer vielleicht man ist durch und durch (zumindest monotheistisch – bzw kirchlich) theologisch “durchtrainiert”. Stichwort : Double- Think – oder so ähnlich- das sollen ja nicht wenige Intellektuelle bzw. (selbst Natur-) Wissenschaftler ziemlich perfekt beherrschen. Zumindest für die Außendarstellung.
    (-:

    Es grüßt
    Little Louis

    • Wie bereits mehrfach und ausführlich geschrieben, lieber @little Louis.

      1. Bitte hören Sie auf, einerseits immer wieder Rassismus und Antisemitismus zu promoten und sich andererseits passiv-aggressiv als Opfer von Unterdrückung und „Unterstellungen“ zu präsentieren. Ihr Problem ist nicht intellektueller, sondern psychologischer Natur.

      Und Sie haben doch sicher bereits mitbekommen, wieviel Schaden der paläst. Präsident Abbas durch seinen antisemitischen Ausbruch in Berlin auch für sein eigenes, korruptes Rentiersregime international angerichtet hat:

      https://www.swp.de/politik/abbas-holocaust-vorwurf-gegen-israel-kanzler-olaf-scholz-in-der-kritik-66051003.html

      2. Wer das besagte Buch von Shlomo Sand für seriöse & aktuelle Wissenschaft hält, ist nicht auf dem Stand wissenschaftlicher Erkenntnistheorie. Da Sie auch meine freundlichen, inhaltlichen Hinweise eisern ignorieren, erlaube ich mir den Hinweis, dass Sie antisemitische Narrative offensichtlich glauben „wollen“.

      Werden Sie endlich groß, @Louis. Es würde viele(s) weiterbringen und liegt alleine an Ihnen.

      • Entschuldigen Sie @Michael Blume, wenn ich mich in die Diskussion mit qlittle louis einmische. Dennoch, denke ich, habe ich etwas beizutragen.
        Ich erinnere mich, dass dieses Thema Mitte der 1980er im Hebräischunterricht “aufploppte”. Unser Hebräischlehrer hatte schon damals philologische Bedenken gegen Köstlers These, die Sand ja nur breitwalzt. Wenn das Judentum über die Chasaren verbreitet worden wäre, müsste sich in irgendeinem der vielen Dialekte der “Judensprachen”, z.B. jiddisch, sefardische Dialekte etc. auffallend viele türkisch-tartarische Wurzeln finden.
        Tatsächlich gibt es nur einen solchen Dialekt- das karaimische- das aber ausschließlich von Karäern gesprochen wird, die keine Talmudjuden sind. Genetische Untersuchungen haben gezeigt, dass auch diese Gruppe wenig mit den türkischen Gruppen auf der Krim zu tun haben.
        Sands Buch ist ähnlich überholt wie Athanasius Kirchners Deutung der Hieroglyphen. https://de.wikipedia.org/wiki/Athanasius_Kircher#%C3%84gyptologie
        Wir müssen spätestens im Hellenismus (ca. 300 v.Chr.) von einem festgefügten Judentum ausgehen, das aber kein monolithischer Block war, sondern durchaus auch missionierte. (Beispielsweise in Äthiopien). Große Übertritte zum Judentum gab es auch im 19 Jahrhundert in Siebenbürgen. https://de.wikipedia.org/wiki/Sabbatarier_(Siebenb%C3%BCrgen) Dabei wurden auch Gruppen wie die Samaritaner ausgeschieden .

  3. @Michael Blume
    Buber war sicherlich – wie viele Juden in Deutschland und Östereich-Ungarn – deutschnational eingestellt. Da befand er sich in guter Gesellschaft, Th. Herzl war es auch und aus der eigenen Familiengeschichte weiß ich, daß die Nationalliberalen sogar für die eigentlich pazifistischen Mennoniten attraktiv waren. Ich vermute, viele Minderheiten fühlten sich hier gut geschützt und aufgehoben, sofern sie denn nicht katholisch waren. (Für die gab es das Zentrum)
    Zu Nietzsche: ich weiß, Sie sind skeptisch gegenüber Nietzsche. Ich bin es weniger, weil er a) psychologische Überlegungen in die Philosophie hereingetragen hat hat, und b) ausgerechnet Viktor Frankl http://webspace.ship.edu/cgboer/frankl.html#:~:text=Viktor%20Frankl%E2%80%99s%20theory%20and%20therapy%20grew%20out%20of,live%20for%20can%20bear%20with%20almost%20any%20how. auf Nietzsche aufbaut; möglicherweise auch Antonowsky mit der Salutogenese .
    Nietzsche ist vielschichtiger als seine Schwester und die Nazis uns weismachen wollten.

    • Danke, @Joachim Fischer, und auch in Sachen Nietzsche bin ich durchaus bei Ihnen: Er war intellektuell, mythologisch und philosophisch sehr viel größer als seine Umdeutungen durch seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche („Der Wille zur Macht“) und die Nationalsozialisten bis hin zu Nietzsches Spazierstock an Hitler. Gleichwohl bot (und bietet!) Nietzsches Verschwörungsmythologie und Sprachmagie mehr als genug Ansatzpunkte für Relativismus, Antifeminismus, antijüdische und antichristliche Ressentiments.

  4. @Michael Blume
    Wir sind uns möglicherweise in einigen Punkten uneinig, Nietzsche betreffend:
    – ich möchte Nietzsche, der unbestreitbar Ansatzpunkte bietet, verteidigen gegen echte “Vollnazis” wie Heidegger, Cioran oder Eliade. Gerade im Vergleich mit den letztgenannten rumänischen Autoren ist Nietzsche viel offener für andere Deutungen.
    – Nietzsches Relativismus ist Programm und er hat es ja immer auch ganz offen zugegeben. Darin liegt für mich seine eigentliche Stärke- Cioran hat das genau gewußt und ihn dafür kritisiert, Heidegger äußert sich in Bezug auf Nietzsche weniger deutlich. Aber Nietzsches Relativismus bedingt genau seine Distanz zum Faschismus.
    – die antijüdischen Ressentiments: hier möchte ich prüfen, ob Nietzsche nicht an vielen Stellen, wo er auf “Juden” schimpft, nicht den Pietismus seiner sächsischen Tradition meint. Der hält sich nämlich bis heute gerne (im Sinne einer unbiblischen Ablösungstheologie) für das “wahre Israel” und inszeniert sich gerne als die “wirklich verfolgten Juden”. (die Sachsen werden in der BRD ja so benachteiligt- Sarkasmus aus). Das ist meiner Beobachtung nach eine sächsische Besonderheit, der pommersche Pietismus (bekanntester Vertreter Bismarck) ist da viel offener, auf den württembergischen habe ich keinen klaren Blick, weil ich zu tief darin stecke.
    – die antichristlichen Ressentiments: persönlich bin ich Nietzsche hier für die Schärfung des Blicks dankbar. Die Lehre vom “Tod Gottes” ist beispielsweise altkirchliche Lehre aus Alexandria und formuliert gegen Platos Definition eines Gottes.

    • Wie geschrieben, @Joachim Fischer – Nietzsche scheint mir stets in vielfacher Weise “anschlussfähig” zu sein, ohne selbst im Sinne platonisch-ewiger Ideen festgelegt werden zu können. Sie müssen ihn also mir gegenüber nicht verteidigen – insofern wir uns einig sind, dass viele Aussagen von ihm in vielerlei Weise, auch problematisch, ausgelegt werden können.

      Drei Beispiele aus “Ecce Homo”:

      “Man kommt beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er hat keinen: das ist Alles.”

      “Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist — folglich — ein Freund der Bösen.”

      “Endlich — es ist das Furchtbarste — im Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken, Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was zu Grunde gehn soll —, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbürgenden Menschen gemacht — dieser heisst nunmehr der Böse… Und das Alles wurde geglaubt als Moral! — Ecrasez l’infâme! — —”

      Ja, ich weiß, wie süffig und vielfältig sich jeder dieser Sätze lesen lässt und wieviel Kunstfertigkeit gerade auch christliche Theolog:innen entwickelt haben, selbst noch aus Beschimpfungen für sich Honig zu saugen. Doch ich sehe eben auch, dass nicht jeder Nietzsche-Leser ein Joachim Fischer ist – und dass die gröberen Deutungen auch immer wieder Aufnahme fanden und finden.

  5. @Michael 18.08. 13:51

    Drei Beispiele aus “Ecce Homo”:
    „….alles dessen, was zu Grunde gehn soll —, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen,…“

    Ein Sozialdarwinismus greift einfach zu kurz. Die Schwachen gedeihen eben sowieso nicht so gut, dem gibt es nichts hinzuzufügen, und hier dennoch hilfreich zur Seite zu stehen stört die Evolution eben kaum.

    Die Vorteile von Sozialleistungen aller Art sind ganz woanders zu finden. Angefangen mit der Rentenversicherung kann man die soziale Funktion der Großfamilie ersetzen, was zunächst mal dem übermäßigem Kinderzeugen zur Altersversorgung entgegenwirkt und damit mit zur Grundlage des modernem Wohlstandes geworden ist.

    Wenn weiter noch Krankenversicherung, Arbeitslosenunterstützung und Grundsicherung dazu kommt, dann führt das dazu, dass wir gar keine Clanstrukturen der ehemaligen Großfamilie mehr brauchen. Das ist nicht nur viel einfacher, weil eben die interne Organisation von Großfamilie schwierig und auch mühsam ist.

    Auch können wir auf das Patriarchat verzichten, Gleichberechtigung praktizieren und auch Clan-Korruption können wir abbauen. Letztlich ist eine fortgeschrittene demokratische offene Gesellschaft nur ohne diese Clanstrukturen der ehemaligen Großfamilie denkbar.

    Der Preis dafür mag sein, dass die „Schwachen“ nicht ganz so schnell aussortiert werden. Aber wie gesagt, ein wirkliches Problem ist dies eben nicht. Die Fitteren, sprich die Geeigneteren, die bekommen nach wie vor mehr Nachwuchs. Und wir stehen eben weniger im brutalen Wettbewerb mit anderen Gemeinwesen, indem wir uns behaupten müssen, als dass wir nicht umhinkommen auch international sozialer miteinander umzugehen und viel mehr direkte Zusammenarbeit statt Konkurrenz zu suchen.

    Der Mensch ist keineswegs im Kampf um Leistungsfähigkeit unterwegs, sondern muss gerade die zerstörerische Seite seines Leistungsvermögens erkennen und kontrollieren. Nur so können die wirklichen Herausforderungen der Zukunft gemeistert werden. Die zerstörerischen Aspekte menschlichen Wirtschaftens sind wesentlich dringender zu bearbeiten, als dass es irgendwo wirklich an Leistungsfähigkeit fehlen würde.

    So sind dann sogar die Länder besonders unproduktiv, wo Patriarchat und Clanstrukturen noch maßgeblich sind. Zusammenarbeit ist eben fast immer produktiver, als sich gegenseitig über den Leisten zu ziehen.

    • Danke, @Tobias Jeckenburger – Sie haben die Gefahren nietzscheanischer Rohformulierungen m.E. präzise erkannt. Ich erkenne die Verführungskraft seiner grandiosen Sprachmagie an. Doch heute würde man von Relativismus, Sozialdarwinismus und toxischer Männlichkeit sprechen – von seiner Forderung nach Einteilung der Menschen in ein patriarchales Kastensystem ganz zu schweigen. Dass man(n) Nietzsche und der eigenen Lesezeit zuliebe auch viel freundlichere (und auch viel üblere) Deutungen von ihm entwickeln kann, bestreite ich dabei gar nicht. Das geht bei Relativist:innen ja fast immer.

  6. @Michael Blume
    Ich gehe mit Ihnen mit, wenn Sie in Nietzsche einen Vertreter toxischer Männlichkeit sehen. Spannend ist, dass man gerade an ihm auch so gut nachvollziehen kann, wie es dazu kam. (Nicht allgemeingültig, aber an einem für viele gültigen Beispiel) .
    Wo ich aber Probleme habe (oder Sie falsch verstehe) ist bei dem Bedenken, dass man ihn falsch verstehen könnte. Das empfinde ich als paternalistisch. Es erinnert mich zu sehr an den Umgang der DDR-Philosophen mit der Erkenntnistheorie Immanuel Kants. Diese war auch im Giftschrank und durfte nur “ideologisch gefestigten ” Studenten ausgegeben werden. Ich habe diese Zettel noch mit eigenen Augen gesehen.
    Das erinnert mich – ganz weitläufig – an viele religiöse Gruppen, die Kinder vor allem Bösen “schützen” müssen.
    Nietzsche ist der “trickster” der Philosophie, eine Gestalt wie Mephisto in Goethes Faust oder Loki in der nordischen Mythologie (um nur die bekanntesten zu nennen). Es gibt wenige solcher Philosophen, sie sind selten und daher kostbar- auch wenn sie gefährlich sein können.

    • Lieber Herr Fischer,

      nirgendwo habe ich davon gesprochen, Nietzsche nur „ideologisch gefestigten“ Studierenden zugänglich zu machen. Ist es nicht eher übergriffig, auch meine freundliche Kritik an ihm mit einer DDR-Analogie abzuwehren?

      Meine Familie entstammt der damaligen DDR, mein Vater erlitt wegen versuchter Republikflucht Stasi-Haft und Folter.

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/meinem-vater-falko-blume-1950-2012/

      Die Freiheiten der Bundesrepublik schätze ich auch deswegen sehr. Dazu gehört, dass ich Nietzsche sowohl lesen wie auch kritisieren darf – ohne deswegen mit den Folterern meines Vaters identisch zu sein…

  7. @Michael Blume
    Danke für die Klarstellung.
    Auch ich selber habe eine Nachwende-DDR- Prägung. Ich studierte bei H.C. Rauh. Deshalb habe ich ein Problem mit vielem, was nach “betreutem Denken” riecht und im Gespräch mit Kollegen, die in der DDR sozialisiert wurden, merke ich, sie haben dieses Problem auch, wenn sie nicht gleich wie z.B. Uwe Tellkamp oder H.J. Maaz in eine bestimmte Richtung abrutschen.
    Es geht hier um Empfindlichkeiten (“Neurosenpflege”, “Mimosenzucht” ) die dann gerne mit Paralellen aus der DDR begründet werden. Ich bedanke mich, dass man das in Ihrem Blog auch einmal diskutieren kann.

    • Ja, @Joachim Fischer – ich plane im Oktober auch einmal öffentlich darüber zu sprechen, wie schockartig unterschiedlich ich Erfahrungen mit Zeitungen in der BRD und DDR erlebte. Das Phänomen, dass in der DDR sozialisierte Menschen ihre Prägungen und bisweilen traumatischen Erfahrungen nun auch auf die Bundesrepublik übertragen, verdient meines Erachtens tatsächlich mehr Beachtung.

      Vgl. auch die faszinierende, jüdisch-biblische Tradition, nach der die Wüstenwanderung aus Ägypten 40 Jahre gebraucht habe, damit die in der Tyrannei und Sklaverei Sozialisierten ein neues, buchstäblich verantwortliches Selbstverständnis aufbauen konnten… 🤔📚

Schreibe einen Kommentar