Abtreibung: Bin #ProChoice weil ich monistisch, religiös und rechtlich #ProLife bin

In den letzten Tagen haben mich zahlreiche Anfragen erreicht, wie ich “denn selbst” zur Frage des Abtreibungsrechtes stehen würde – als Religionswissenschaftler (“Steht das nicht so in der Bibel?”), als Christ (“Müssen Sie nicht Abtreibung als Mord verstehen?”), als Ehemann in einer interreligiösen Ehe, als Vater dreier Kinder und als Demokrat (“Was sagt denn das Grundgesetz?”). Auch auf Twitter gab es Interesse und so diskutierte ich heute morgen auch noch einmal mit Zehra das Thema.

Also, hier gerne meine Position jeweils weltanschaulich-philosophisch, christlich-religiös und demokratisch-rechtlich dargestellt.

Weltanschaulich-Philosophisch: Freiheit, um Leben zu schützen

Eine ganz einfache Definition des Monismus lautet, dass alles mit allem in erforschbarer Weise zusammenhängt. Und das bedeutet eben auch: Wer diese Komplexität durch irgendeinen Gut-Böse-Dualismus reduziert, richtet Schaden an. Hier konkret: Wer Abtreibung als “absolut böse”, ja als “Mord” definiert, muss andere Güter – wie die körperliche und seelische Gesundheit der Mutter, Traumata durch Vergewaltigungen u.a. – hintanstellen. Wir sehen das auch darin, dass viele selbsternannte “Lebensschützer” wenig gegen Armut, fehlende Kranken- und Sozialversicherung für Mütter, privaten Waffenbesitz usw. einzuwenden haben. Echter Lebensschutz lässt sich aber nicht auf eine Dimension reduzieren.

Auch diese dualistische Komplexitätsreduktion führt zu brutalen, ja menschenverachtenden Widersprüchen – beispielsweise dem, dass Mütter gemeinsam mit ihren ungeborenen Kindern sterben, Väter ihre Sexualpartnerinnen mit der Schwangerschaft alleine lassen oder ein minderjähriges Opfer von Vergewaltigung mehrfach und schwerer “bestraft” wird als ein erwachsener Täter. Und die historische Erfahrung zeigt entsprechend: Wo Abtreibungen strafbewehrt verboten wurden – wie in der frühen Bundesrepublik Deutschland, in Irland oder auch in den USA vor Roe vs. Wade (1973), starben unzählige Mütter und Kinder bei der Geburt oder auch bei illegalen Abtreibungen, kam es zu Korruption, Heuchelei und sog. “Abtreibungstourismus”. Wären Regierungen von US-Staaten wie Texas tatsächlich “proLife”, dann würden sie nicht hohe Müttersterblichkeit, Armuts- und Mordraten, Gewalt und Rassismus hinnehmen.

Absolute, dualistische Verbote weisen also nicht nur weltanschaulich-philosophische Widersprüche auf, sondern scheiterten auch historisch-empirisch – und werden dies, etwa im erwähnten Texas, auch wieder tun.

 Ob Religion, Weltanschauung oder Philosophie: Jeder Gut-Böse-Dualismus reduziert m.E. die reale Komplexität dermaßen, dass Leben am Ende nicht gefördert, sondern bedroht wird. Link zum Deutschlandfunk-Radiointerview. Screenshot: Michael Blume

Christlich-Religiös: Was sagt die Bibel?

Im dualistischen Denken gibt “die Religion” eine Antwort, die dann nur als gut oder böse entweder unbedingt angenommen oder strikt abgelehnt werden kann. Doch für Monist:innen ist klar, dass dies Quatsch ist, weil sich jede religiöse Tradition aus immer neuen Auslegungen speist und schon deswegen gar nicht die einzige Quelle für weltliches Recht sein kann.

Selbst wenn in der Bibel also ein völliges Abtreibungsverbot stünde, müsste sich die Auslegung damit immer wieder auseinandersetzen. Tatsächlich findet sich ein solches Verbot im Text der hebräischen Bibel aber auch gar nicht. Es gibt keinen biblischen Satz wie “Abtreibung ist Mord” – im Gegenteil. Die meisten jüdischen Gelehrten verweisen auf die Thora, 2. Moses 21, 22, wo es heißt:

“Wenn Männer miteinander raufen und dabei eine schwangere Frau treffen, sodass ihre Kinder abgehen, ohne dass ein weiterer Schaden entsteht, dann muss der Täter eine Buße zahlen, die ihm der Ehemann der Frau auferlegt; er muss die Zahlung nach dem Urteil von Schiedsrichtern leisten.”

Hier wird also der “Abgang” ungeborener Kinder ausdrücklich nicht als Mord definiert, auch nicht als fahrlässige Tötung – sondern als ein Schaden am Besitz des Mannes (!), der mit einer Geldbuße (!) abgegolten werden solle.

Die Tötung eines bereits geborenen Kindes oder gar einer Mutter wäre dagegen laut biblischem Text durchaus Mord und wie übrigens auch Vergewaltigung grundsätzlich mit dem Tode zu bestrafen.

Fast alle jüdischen Religionsgelehrten – nicht nur liberaler, sondern auch konservativer und orthodoxer Tradition – erkennen daher ein Recht auf Entscheidungsfreiheit (pro Choice) an, einige sprechen gar von einer Pflicht zur Abtreibung, wenn das Leben der Mutter in Gefahr sei. Das geborene Leben sei biblisch-halachisch deutlich höher gewichtet als das ungeborene. Und auch schon der traditionelle Islam kennt eine Fristenlösung (40 Tage).

Auch das evangelische Christentum betrachtete Fragen der Sexualethik lange als private Entscheidungen der Eltern – viele Dualisten (wie Martin Luther) betrachteten es freilich als Pflicht der Frauen, auch auf Kosten der eigenen Gesundheit viele Kinder zu gebären.

Auch in den letzten Tagen las ich immer wieder schräge Verallgemeinerungen wie “christliche Ayatollahs” oder “amerikanische Taliban”, die die komplexe Realität ihrerseits auf simple anti-islamische Feindbilder reduzieren. Aber: Alle fünf Anti-Abortion-Judges des Supreme Court of the United States (SCOTUS) waren katholisch; ebenso wie übrigens auch US-Präsident (POTUS) Joe Biden, der für das Recht auf Abtreibung eintritt. Selbst den Begriff “konservative Richter” finde ich allzu unpräzise, denn diese Mehrheit änderte ja teilweise gegen ihre eigenen Worte bei den Senatsanhörungen eine jahrzehntealte Rechtspraxis, die von breiten Mehrheiten der Bürger:innen befürwortet wird. Das ist nicht konservativ – das ist schlichtweg dualistisch und frauenfeindlich.

Denn selbst fundamentalistische Strömungen wie die Southern Baptists in den USA interessierten sich lange kaum für Sexualethik, sondern kämpften beispielsweise gegen “Rassenvermischung”. Erst Jahre nach Roe v. Wade begannen – wie etwa Annika Brockschmidt aufgezeigt hat – katholische und evangelische Dualisten angesichts der Pille, des säkularen Geburtenrückgangs und der Angst vor dem Verlust der “weißen Mehrheit” rassistische und frauenfeindliche Feindbilder zunehmend zu verknüpfen: Erst ab jetzt wurde zunehmend gemeinsam behauptet, Abtreibungen wären ein Teil der angeblichen satanischen, feministischen und oft auch jüdischen Weltverschwörung, um das weiße, US-amerikanische Christentum zu schwächen. Heute firmieren ebendiese längst globalisierten Verschwörungsmythen unter Begriffen wie #GreatReplacement oder #WhiteGenocide, die auch immer wieder von Terroristen angeführt werden (zuletzt auch in Ulm). Und, ja, auch im Jubel über die Aufhebung von Roe v. Wade wurde Donald Trump von begeisterten Anhänger:innen rassistisch dafür gefeiert, #WhiteLife – weißes Leben – geschützt zu haben.

Ja, darum geht es leider: ProLife-Dualist:innen vertreten regelmäßig auch rassistische und antisemitische Verschwörungsmythen. Von wegen “Lebensschutz”… Screenshot mfG: Michael Blume

Auch historisch-empirisch ergibt sich daher ein klares Bild: Wer Anti-Abtreibungs-Dualist ist wird öfter und stärker auch zu rassistischen, islamfeindlichen und antisemitischen Dualismen tendieren. Anstatt etwa die Gründe von Säkularisierung und Geburtenrückgang ernsthaft und dialogisch zu erforschen und beispielsweise mit lebensförderlicher Familienpolitik wie in Frankreich oder Schweden tätig zu werden, werden “bequeme”, dualistische Feindbilder konstruiert und Migranten, Feministinnen, Juden, “Kulturmarxisten” der “Verschwörung” bezichtigt.

Das schützt kein Leben – es gefährdet, ja vernichtet Leben.

Auch die Vorstellung einer einheitlichen Haltung “der Bibel” oder gar “der Religion” ist entsprechend dualistischer Blödsinn: Tatsächlich werden Texte und Traditionen immer wieder neu ausgelegt und gab es in der ganzen Religionsgeschichte keinen Moment, in dem Gelehrte “der Bibel” oder auch nur Christ:innen einheitlich Abtreibung als Mord gelesen hätten. Das steht im Text auch einfach nicht. Dieser Anti-Abtreibungs-Dualismus wird vielmehr in die Bibel und die Religionsgeschichte hineingelesen – um Feindbilder und Verschwörungsmythen stark zu machen.

Rechtlich-politisch: Was sagt die Verfassung?

Schließlich gibt es Menschen, die das Thema gar nicht religiös, sondern von der jeweiligen Verfassung her diskutieren. Und, ja, es lässt sich durchaus trefflich streiten, ob die Founding Fathers / Gründungsväter der USA solche Entscheidungen nicht eher den Bundesstaaten als dem SCOTUS von 1973 überlassen hätten oder wie die Väter und Mütter des Grundgesetzes nach dem Schrecken des NS-Staates (samt Zwangsabtreibungen und Massenmorden) über Abtreibung dachten.

Nur: Auch das kann nur eine Quelle der Rechtsfindung sein, denn ganz genau so wie religiöse müssen auch politische (zivilreligiöse) Texte immer wieder neu gelesen werden. Als das “Recht auf Waffentragen” im Rahmen einer “gut-regulierten Miliz” in die US-Verfassung aufgenommen wurde, gab es noch keine automatischen Schnellfeuergewehre – und schon gar keine atomaren, biologischen oder chemischen Kampfstoffe.

Und auch der – dann auch ins deutsche Grundgesetz übernommene – Begriff der “Pressefreiheit”, “freedom of the Press” geht ausdrücklich auf die Verbreitung der Druckerpresse zurück. (Politik- und Religionsgeschichte: Joseph Smith, der Gründer der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tagen – Mormonen – wurde während seiner US-Präsidentschaftskandidatur am 27. Juni 1844 nach einem Streit über eine oppositionelle Druckerpresse von einem Mob erschlagen.) Ich kenne keine einzige Juristin und keinen Juristen, die behaupten würden, dass Pressefreiheit auf elektronische Medien wie Radio und Film bzw. auf das Internet nicht anwendbar sei, weil dabei doch gar keine Druckerpressen mehr zur Anwendung kämen.

Recht lebt interdisziplinär. Mit Professorin Maren Urner bei den 22. Karlsruher Verfassungstagen am 24. Mai 2022 im Bundesverfassungsgericht vor einem Porträt von BVG-Richter Roman Herzog (1934 – 2017). Foto: Michael Blume

Also auch hier: Gesetzestexte werden ganz genau so wie religiöse Schriften immer wieder neu gelesen und idealerweise monistisch gedeutet. Die Alternative wären dualistische Deutungen, die die Geschichte und Gegenwart absurd verzerren: Recht auf Biowaffen-Besitz? Keine Pressefreiheit für Medien im Internet?

Ob wir uns also als tief religiös oder völlig religionslos verstehen – wir werden immer wieder auf die Frage zurückgeworfen, ob wir alte Texte, Traditionen und letztlich die Geschichte monistisch, relativistisch oder dualistisch lesen. Es gibt kein Entkommen aus der Frage nach unserer je eigenen Weltanschauung.

Fazit

Wer Ihnen gegenüber behauptet, “nur die Bibel” oder “nur die Verfassung” zu vertreten, ist entweder ignorant oder lügt bewusst. Jeder Text und jede Tradition müssen immer wieder neu ausgelegt (Fachwort: “kontextualisiert”) werden. Und das passiert auch ständig. Dass jede Abtreibung ohne Fristen = Mord sei war niemals einheitliche, religiöse oder “konservative” Deutung und wird auch heute noch fast ausschließlich von christlichen, v.a. katholischen Dualist:innen vertreten. Die US-amerikanische ProLife-Lebensschützer-Bewegung bezog sich nie auf gemeinsame, religiöse Traditionen, sondern stets auf das Feindbild angeblicher linker, feministischer, satanistischer und oft jüdischer Superverschwörer. Entsprechend kämpften diese Leute auch kaum für Mutterschaftsurlaub, Krankheits- und Sozialversicherungen, bessere Beratungsangebote, gegen Armut und die Verbreitung von Waffen – sondern stets nur gegen das Recht von Frauen auf ihre eigenen Entscheidungen.

Deswegen ist für mich ganz klar: Wer – wie ich – Leben wirklich bewahren und schützen möchte, muss sich monistisch und demokratisch gegen jeden Dualismus an die Seite der werdenden Mütter stellen, ihnen Unterstützung – wie Mutterschaftsurlaub, Kranken- und Sozialversicherung, Beratung, Kindergeld – anbieten und ihre Entscheidungen über ihren Körper und das werdende Leben darin durch großzügige Fristenlösungen und medizinische Indikation respektieren. Es bedeutet umgekehrt übrigens auch, dass werdende Mütter über Abtreibungen informiert, aber nicht dazu gedrängt werden dürfen.

Pro Choice, für das Recht auf Abtreibung, weil ich monistisch für das Leben bin. Tweet von heute, Screenshot: Michael Blume

Zu meinen Vorbildern als Christ, als Demokrat und Monist gehört Dr. George Tiller (1941 – 2009). Der Arzt führte auch Spätabtreibungen nach Beratungen durch, um das Leben der Mütter zu schützen. Er wurde am 31. Mai 2009 ermordet – am Sonntagmorgen in der reformiert-lutherischen Kirche, in der er auch ehrenamtlich tätig war.

Dr. Tiller war ein Kämpfer für das Leben. Er hat nicht gemordet, er wurde ermordet. Ich meine, er hat das Christentum monistisch verstanden und gelebt – und damit besser als all diejenigen, die es zur Rechtfertigung von Verschwörungsmythen, Hass und Gewalt heranziehen. Ich meine, Tiller hatte Recht.

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

38 Kommentare

  1. Insbesondere beim Grundgesetz ist aber das genaue hinhören auf ihre Mütter und Väter, wegen ihrer Erfahrung sehr wichtig. Beispielsweise ist das Asylrecht durch “Rechtsfindung” an die Fremdenfeindlichkeit der Gegenwart verunstaltet worden und bedarf einer Korrektur. Grundrechte sollten halt unmittelbar geltendes Recht sein.
    Wir sollten halt aufpassen, dass wir mit dem Grundgesetz auch nicht in anderen Bereichen solche Fehler machen.

    • Grund- und Menschenrechte gelten nie absolut, @Anonym. Sie müssen immer gegeneinander abgewogen werden. Aus der Religionsfreiheit lässt sich beispielsweise kein Recht auf Menschenopfer ableiten. Und ein schrankenloses Asylrecht ist kein Ersatz für kluge Einwanderungsgesetze und humanitäre Aufnahneprogramme wie das Sonderkontingent Nordirak BW. Wenn wir Menschen an unseren Grenzen alle Rechte gäben, so schlössen wir die Ärmeren, Schwächeren, vor allem auch Frauen und Kinder von der Hilfe aus.

      Ihnen Dank für Ihr Interesse!

      • Jep, das gilt nur für die Würde des Menschen.
        “Wenn wir Menschen an unseren Grenzen alle Rechte gäben, so schlössen wir die Ärmeren, Schwächeren, vor allem auch Frauen und Kinder von der Hilfe aus.”
        Weil wir dafür nicht die Kapazitäten hätten? Im Grundgesetz geht es aber eher um die Ziele und nicht die Kapazitäten. Das Grundgesetz sollte halt nicht eine Verordnung in Abhängigkeit von den Kapazitäten sein, die dann durch die Regierenden bestimmt werden, sondern Leitbild, zur Schaffung von Kapazitäten.

        • Danke, @Anonym. Mir gefällt, dass Sie das Grundgesetz als verheißungsvollen, ja zivilreligiösen Text lesen. Das wird z.B. Querdenker, die es abschaffen wollten, nicht freuen. Mich aber schon.

          Ihnen eine gute Nacht! 🌙🖖

    • In Deutschland kann nicht auf Grund des Grundgesetzes geklagt werden. Aus gutem Grunde. Zu jedem Gesetz, man nennt es dann positives Recht, gehören Ausführungsbestimmungen für die Gerichte.
      Erst wenn die erlassen sind, kann ein Richter auf Grund dieses Gesetzes ein Urteil sprechen.

      Das Recht auf Leben ist so allgemein gehalten, dass im Einzelfall abgewägt werden muss, welches Leben höher zu bewerten ist, das des ungeborenen Kindes und das der Schwangeren.

      Interessant ist auch die Beurteilung von Leben im germanischen Recht. Das war noch ohne Einfluss des Christentums.
      In der lex salica wurde z.B. das Töten eines Römers mit einer materiellen Strafe belegt. Wer einen Römer getötet hatte, der musste 100 Rinder bezahlen. 1/3 davon ging an den Kaiser, die restlichen 2/3 an die Hinterbliebenen des Toten. Wer dagegen einen Franken getötet hatte, der musste 200 Rinder bezahlen.
      Interessant, denn nicht die moralische Schuld wurde bestraft, sondern es wurde auf Wiedergutmachung gesetzt, indem man den Hinterbliebenen eine Buße bezahlen musste.
      Leben war also gar nicht so hoch geachtet.
      Bei den Unfreien und Sklaven, die die Strafe nicht bezahlen konnten gab es die Todesstrafe.

      • @ilonoil
        Die Todesstrafe wurde im Mittelalter wesentlich seltener vollstreckt als in der Renaisance oder der frühen Neuzeit. Auch die Hexenverfolgung gab es im Mittelalter nicht.

  2. @Uneinschätzbarkeit

    Ich schätze mal, es ist einfach nicht einschätzbar, ab wann ein ungeborenes Kind Menschenrechte hat. Dem sollte man insofern Rechnung tragen, dass man eine gesetzliche Regelung dann auch möglichst knapp hält. Und der Selbstverantwortung der werdenden Mutter und der beteiligten Mediziner entsprechend mehr Raum gibt.

    Hier kommt jetzt auch eine entsprechende Beratungspflicht zur Wirkung. Neben einer genauen Analyse der aktuellen Situation der Schwangeren brauchen wir nicht nur guten Rat, sondern gepaart mit tatkräftiger Unterstützung kann man noch sehr viel mehr Probleme lösen.

    Ich habe hier einen Einzelfall im Kopf, wo eine junge Frau gegen Ende ihres Studiums ungewollt schwanger wurde. Ihr wichtigstes Anliegen war es, dass sie ihr mit viel Mühe angefangenes Studium fertig machen wollte. Wenn man hier einfach alles in die Wege hätte leiten können, dass sie auch mit dem Kind ihr Studium mit maximal einem halben Jahr Verzögerung abschließen kann, dann hätte sie sich für ihr Kind entschieden.

    Hier müssten einfach die Uni und das Bafögamt mal flexibel sein, und es muss so viel Geld für das Kind geben, dass es nicht zum Armutsfaktor wird. Übrigens eigentlich generell, schließlich ist Kinderaufzucht richtig viel Arbeit an der Gemeinschaft und kein reines Privatvergnügen.

    So muss man daran gehen, Leben zu schützen. Nicht mit rigiden Gesetzen, die dann auch noch unterlaufen werden, wenn man die Abtreibungen einfach im Ausland machen lässt.

    Auch kann eine Freigabe zur Adoption durchaus eine Option sein, aber das muss die Frau selber entscheiden. Weil es ihre Muttergefühle sind, die sich mit der Geburt nun mal einstellen, mit der sie dann klar kommen muss.

    Diese Notlagen sind nun mal unvermeidlich, wenn man Sex außerhalb der Ehe praktiziert, und das mit Männern, die sich für den Fall eines Verhütungsunfalls nicht an der Erziehung beteiligen wollen, oder mit denen die Frau selber schon nicht zusammenleben will.

    • Tobias Jeckenburger,
      Zur Uneinschätzbarkeit
      Man sollte die (ungewollte) Schwangerschaft einschätzbar machen, indem der Mann auch in die Pflicht genommen wird. Und zwar finanziell.
      Grundsätzlich sollte der Mann im Falle einer Schwangerschaft 1/10 des Jahresverdienstes als Bringschuld bezahlen müssen. Diese Bringschuld wird mit einer Hochzeit abgegolten.
      Sie kann nicht von der Frau widerrufen werden, sonst gäbe es eine neue Form von Kriminalität die Schweigegelder erpresst.
      1/3 der Bringschuld geht an die Gesundheitsämter, 2/3 der Bringschuld wird an die Schwangere ausbezahlt.
      Das ist genauso konsequent wie das Abtreibungsverbot.

  3. “Und das bedeutet eben auch: Wer diese Komplexität durch irgendeinen Gut-Böse-Dualismus reduziert, richtet Schaden an.”

    Wenn die Bibel so interpretiert werden würde wie sie interpretiert werden müsste, dann wäre es vorbei mit der Komplexität der wettbewerbsbedingten Konfusion und Populisten wie Du könnten nicht mehr den Zeitgeist des imperialistisch-faschistischen Erbensystems surfen!

    • Nein, @hto – wer meint, über die einzig denkbare Deutung der Bibel zu verfügen, unterschätzt die Komplexität des Glaubens und der Welt, stellt sich anstelle von Gott und Menschen. Politik braucht keine Einheitsparteien, Wissenschaft keine unhinterfragbaren Dogmen und Religionen keine selbsternannten Letztoffenbarer. Jede Erkenntnis muss dialogisch zugänglich, also monistisch und falsizierbar bleiben.

      Ihr persönlicher Dualismus äußert sich daher nicht zufällig immer wieder in Frust, Wut und Beschimpfungen Andersdenkender. Denn er scheitert – wie jeder Dualismus – an der realen Komplexität von Menschheit, Recht und geglaubter Gottheit.

      • “Der Monismus ist eine philosophische bzw. metaphysische Position. Ihre Hauptthese ist, dass sich alle Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen.”

        Demnach bist Du absolut KEIN monistisch Denkender 👋😁

  4. Was mich ja wundert: In den USA haben doch Juden einen relativ grossen Einfluss, politisch, gesellschaftlich, usw., ich verstehe nicht, warum die da nicht mehr auf die Pauke hauen, um das Ganze dann doch ein wenig zu “verlangsamen”… oder es interessiert sie nicht? Oder sie trauen sich nicht? Oder…?

    • Oder wir beginnen zu verstehen, dass jüdische Milieus in den USA genau so vielfältig sind wie christliche. Da gibt es Liberale und Libertäre, Linke und Rechte, Religiöse und Säkulare, Demokrat:innen und Unterstützer von Trump, von BDS u.v.m. „Die Juden“ als einheitliche, feste Größe sind genau so eine Fiktion wie „die Christen“. Wenn Sie das einmal verstanden haben, @Matthias, werden Ihre Analysen zwar komplexer, aber auch zutreffender. Es lohnt sich also!

    • Oh hier gibts noch einen Matthias, da werd ich wohl meinen Namen ändern.
      Der Beitrag letztens zum Thema Ausstellung war zumindest von mir.

      • Herr Blume, hto
        Mit dem Begriff Monismus entgehen Sie elegant den „inneren Widersprüchen“ dieser Gesellschaft.
        Während sich hto dialektisch betrachtet ,noch im Dualismus befindet, dem Kampf zwischen zwei Zielsetzungen, haben sie schon die Synthese gefunden , die Sie dann Emergenz nennen.
        Ich bin auch ein ex-Banker und habe in der Mittagspause bei der Bank gekündigt, weil mir der Umgang mit Geld keine Befriedigung verschafft hat.

  5. Lieber Herr Blume,

    ich finde ihre Argumentation sehr interessant und ausgewogen, auch wenn ich nicht zu den gleichen Schlüssen komme wie Sie. Ich habe Theologie und Sonderpädagogik studiert und stehe der Pro-Choice-Bewegung sowohl aus Sicht der einen wie der anderen Fachrichtung skeptisch gegenüber.
    Dennoch finde ich manches ihrer Agrumente überzeugend. Was für mich allerdings einen schalen Beigeschmack hat, sind Aussagen wie “wer Anti-Abtreibungs-Dualist ist wird öfter und stärker auch zu rassistischen, islamfeindlichen und antisemitischen Dualismen tendieren”. Vielleicht mag das vor dem Hintergrund der aktuellen Entscheidung des SCOTUS ein berechtigter Hinweis sein (wobei ich auch da mein Zweifel habe – die deutsche Perspektive auf den amerikanische Protestantismus ist fast immer eine ziemlich arrogante Ansammlung von Unwissen und Vorurteilen) – aber der Pro-Life-Bewegeung einen latenten Hang zum Antisemitismus zu unterstellen finde ich der Debatte unwürdig. Es geht für mich argumentativ schon fast in die Richtung der “Babycaust”-Wortwahl radikaler Abtreibungsgegner. Ich finde beides dient nur dem Aufbauen von Feindbildern.

    • Vielen Dank, lieber @Frank Bach. Leider besteht der geschilderte Zusammenhang nicht nur in den USA, sondern weltweit – und ist auch logisch nachvollziehbar: Wer für sich das Lebensrecht Ungeborener absolut setzt, nimmt Andersglaubende und Andersdenkende öfter als Bedrohung, wenn nicht gar als Mit-Verschwörer wahr. Sie werden diese dualistische Logik leider bei allen Gruppen häufiger antreffen, die eine bestimmte Position – etwa Herkunft & Demografie, den freien Markt, den Kommunismus, das Tierwohl usw. – auch emotional absolut setzen und von daher einen Gut-Böse-Dualismus konstruieren, damit auch ehrlichen Dialog abblocken.

      Ich glaube Ihnen, dass die Auseinandersetzung damit schwer ist, da sie unser Selbst- und Menschenbild als grundsätzlich rationale und aufgeklärte Menschen in Frage stellt. Ich will Ihnen auch gerne glauben, dass Sie dem entsprechen. Wir dürfen dies jedoch nicht länger verallgemeinern, sondern müssen auch auf die dualistischen Abgeünde quer durch die Milieus und, ja, Menschen schauen.

      Ihnen Dank für Ihr Interesse und alles Gute!

      • Vielen Dank für ihre Antwort @Michael Blume. Ich habe nur ein bisschen den Verdacht, dass Sie in gewissser Weise ebenfalls eine dualistische Weltsicht haben: Hier der böse Dualismus und da der gute Monismus – das ist auch ein Dualismus.
        Natürlich gibt es genug Menschen, die nur eine einzige Sichtweise gelten lassen und für die die Argumente der “Gegenseite” nicht empfänglich sind, da es sich bei “denen” um “das Böse” handelt mit denen man besser gar nicht erst spricht.
        Aber Menschen mit diesem dualistischen Weltbild gibt es bei fast jedem Thema, das auch nur ein bisschen die Emotionen hochkochen lässt: Sie haben einige Themen ja genannt. Die gibt es aber auf beiden Seiten: Dann kann man wahlweise Rassist oder Gutmensch (Migration), Covidiot oder Schlafschaf (Impfung) oder eben Frauenfeind oder Massenmörder (Abtreibung) sein.
        Im Internet macht es keinen Sinn mit solchen Leuten zu diskutieren und im direkten Gespräch ist das auch nur möglich, wenn fernab des Themas ein Vertrauensverhältnis besteht.
        Aber zwischen diesen beiden Polen gibt es ja eine Menge Menschen, die aufgrund guter Argumente zu verschiedenen Sichtweisen kommen. Man kann daher m.E. sehr wohl Abtreibung kritisch sehen ohne in ein dualistisches Schema zu verfallen und keine Offenheit mehr für alle Argumente (seien sie nun dafür oder dagegen) zu haben.
        Es ist nur eine typische Argumentation dualistischer Perspektiven,dem Gegenüber jenseits des eigentlichen Sachverhalts auch noch weiter Bosheiten zu unterstellen eben z.B. Antisemitismus.
        Sicher geht eine dualistische Weltsicht damit einher, dass man den anderen als Bedrohung wahrnimmt. Aber wenn ich ihren Artikel richtig verstanden habe, dann geht es Ihnen darum, ihre eigene Haltung zur Abtreibung zu erläutern. Da sollten ihre eigenen Argumente überzeugen (und sie haben ja gute Argumente). Die (vermeintliche oder tatsächliche) “Bosheit” der argumentativen Gegenposition finde ich da wenig überzeugend – den die gibt es auf jeder Seite eines strittigen Themas.

        • Erneut Danke für Ihr lebendiges Interesse, @Frank Bach. Sie haben es auch bereits fast komplett verstanden!

          Denn, nein, ein reflektierter Monismus ist nicht “selbst dualistisch”, weil er um die eigenen Verstrickungen und Gefährdungen weiß und deswegen etwa auf Gewaltenteilung und regelmäßige Wahlen besteht, auf die Dämonisierung von Gegnern verzichtet usw.

          Dies habe ich auch hier als Podcast- und Text-Beispiel an den von Ihnen angeführten “Covidioten” geschildert – einem Ausdruck, den ich ausdrücklich ablehnte:

          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-25-von-wegen-covidioten-verschwoerungsmythen-verstehen-mit-heidegger-und-platon/

          Dass verschiedene Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wie Rassismus, Antisemitismus und Sexismus auch statistisch eng zusammenhängen, bedeutet nicht die Dämonisierung Andersdenkender, sondern verweist – wissenschaftlich gesichert – auf die Schwächen und Folgen dualistischer Sozialpsychologie.

          Bleiben Sie gerne dran, Sie haben die Zusammenhänge und Begriffe bereits fast durchdrungen!

  6. Die Wertschätzung für den menschlichen Keimling/Embryo/Fetus scheint mir damit zusammen zu hängen, ob oder wann eine Beseelung desselben angenommen wird. Frauen aus der UdSSR oder der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien berichteten manchmal völlig emotionslos von mehr als 10 Schwangerschaftsabbrüchen. Für konservative katholische Bischöfe ist ein Schwangerschaftsabbruch dagegen moralisch einem Mord gleich zu setzen. Juden scheinen die Beseelung als langsamen und fließenden Prozess anzusehen und haben daher mit frühen Schwangerschaftsabbrüchen weniger Probleme.
    Dabei gibt es auch Leute wie Peter Singer von den Utilitaristen ( https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Singer ), dem nicht das Genom sondern das menschliche Bewusstsein im Vordergrund steht. Zitat “Der frühe Embryo hat kein Gehirn, ja noch nicht einmal ein Nervensystem. Man kann daher berechtigterweise annehmen, daß er über kein größeres Bewußtsein verfügt als, sagen wir, ein Salatblatt.”
    Dabei sollte man berücksichtigen, dass Frauen sich durch eine schwangerschaftsbedingte Notlage in einer extremen Existenzkrise befinden können. Die gehen auch das Risiko hoher staatlicher Strafen und lebensgefährlicher Gesundheitsrisiken* ein, um diese Existenzkrise durch einen Abbruch weg zu bekommen. Staatliche Strenge ist da kontraproduktiv. Was die Frauen brauchen ist eine Perspektive für sich und ihr Kind. Also eine Wohnung, Geld, eine Ausbildung, Freunde, eine helfende Familie und die Freiheit, sich ggf. auch anders entscheiden zu können

    * Die damit gemeinten früher gefürchteten “septischen Aborte” kamen nach der Reformierung des §218 StGB. plötzlich in den gynaekologischen Notaufnahmen der Krankenhäuser nicht mehr vor.

  7. Vielleicht wäre allen gedient, wenn man sich klar machen würde, dass die Frage nach der Abtreibung nicht in die Ethik, sondern in die Metaphysik gehört. (Metaphysik hier verstanden als Axiomatik der Lehre von den Körpern, oder anders: als Lehre von den Begriffen, die wir verwenden).
    Dann wäre die Frage: wann beginnt menschliches Leben?
    Dazu ein Witz: ein katholischer Priester, ein evangelischer Theologe und ein Rabbi diskutieren, wann das menschliche Leben beginnt.
    Der katholische Priester: “Aus dem Naturrecht wissen wir: menschliches Leben beginnt mit der Zeugung”, der evangelische Pfarrer: “Die Bibel lehrt uns in Ps. 139, 13, dass menschliches Leben beginnt, wenn die Nieren vorhanden sind.”, der Rabbi: ” Ihr habt alle unrecht. das menschliche Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist.”
    Ich denke, die Diskussion muss sein: Wann beginnt menschliches Leben? Mit der Zeugung oder 40 Tage nach der Zeugung, wie Aristoteles, das Judentum und die rk -Kirche (bis 1911 ) es vertreten bzw. vertraten.

    Ich habe aber den Verdacht, im Hintergrund der Abtreibungsdebatte steht (auch) etwas anderes: Die von Aristoteles zuerst beschriebene und weit verbreitete Vorstellung, die Frau sei nur das Reagenzglas, in dem sich der männliche Samen entwickelt. Dann würde eine Frau mit einer Abtreibung fremdes Eigentum beschädigen, weil sie nur Reagenzglas ist, aber nichts eigens zum Embryo beiträgt. Biologisch heute unsinnig, würde es aber sehr gut zu verschiedenen biblischen und muslimischen Aussagen passen. Aber das ist nur ein Verdacht

    • Ihre Frage:”Ich denke, die Diskussion muss sein: Wann beginnt menschliches Leben?” passt eher zur Präimplantationsdiagnostik (PID) als zur Frage des Schwangerschaftsabbruchs aus sozialer Indikation. Die Antworten auf Ihre Frage sind abhängig von der religiösen Sozialisation sehr unterschiedlich. Ich habe das im Zusammenhang mit der gesetzlichen Regelung der PID 2011 zusammengefasst: https://scienceblogs.de/bloodnacid/2011/11/11/eine-zygote-ist-keine-person/#comment-3215 , leider funktionieren manche Links nicht mehr.
      Man sollte persönliche Entscheidungen von Menschen in existenziellen Krisen nicht immer mit dem Strafrecht lösen wollen.
      Zur PID: das ist eine für die Betroffenen teure Verhinderungsregelung mit ethischem Anstrich. Das nötigt die Betroffenen zur “Probeschwangerschaft”.

    • Die Frage, ab wann menschliches Leben beginnt, ist keine metaphysische Frage, sondern sie lässt sich empirisch bzw. materiell messbar beantworten.

      Metaphysisch wäre die Frage, ab wann einem Menschen das Person-Sein zukommt, d.h. ab wann der biologische Mensch eine (Vernunft-)Seele besitzt, die ihn ethisch relevant macht. Hier spielt die Kontroverse um Simultanbeseelung und Sukzessivbeseelung eine Rolle (und nein, die “rk-Kirche” hat nicht bis 1911 vertreten, menschliches Leben beginne 40 Tage nach der Zeugung; Pius IX hat die Unterscheidung zwischen dem beseelten und unbeseelten Fötus 1869 nicht mehr in seine Apostolische Konstitution über die Bestrafung bestimmter Handlungen übernommen, und ab da hat sich de facto eine Diskussion gelöst, die jahrhundertelang ohne formale lehramtliche Entscheidung geblieben war; der CIC 1917 hat die Unterscheidung dann ebenfalls nicht mehr berücksichtigt).

      • In Ihrem von Ihnen verlinkten Blog fassen Sie Ihre Conclusio wiefolgt zusammen:

        Der materiell messbare Mensch tritt wiederum mit der Befruchtung der Eizelle durch die Samenzelle existenziell ins Dasein. Die konkrete Antwort lautet darum: Menschliches Leben beginnt genau hier.

        Menschliches Leben ja, aber kein Mensch. Eine normale Blutprobe von Ihnen ist menschlich und lebt. Sie ist von Ihnen aber sie sind es nicht selber.
        Die Sicht der Katholischen Kirche ist differenzierter:

        Interview mit Erzbischof Dr. Robert Zollitsch zur PID
        (Dtsch Arztebl 2011; 108(15): A-824 / B-674 / C-674)
        “Aber jetzt ist die katholische Position sehr gefestigt und durchaus in Übereinstimmung mit der Embryologie: Mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle sind alle Anlagen gegeben, die für die menschliche Entwicklung entscheidend sind, und damit ist der Embryo auch als Mensch zu betrachten und zu achten.”

        Er bezieht sich damit auf den Philosophen Robert Spaemann und den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Diese Ansicht beruht aber auf einer unvollständigen und veralteteten Sicht des biologischen Ursprungs eines jeden menschlichen Individuums und aller anderen Höheren Säugetiere. Das fertige Genom der Zygote reicht nicht, einen Menschen daraus wachsen zu lassen, solange der Keimling nur gut genug versorgt wird. Es fehlen die Informationen für oben, unten vorne und hinten. das sind Informationen, die der Keimling erst nach der Einnistung von der Mutter bekommt. Ich zitiere hierzu einen alten Leserbrief von mir:
        ( https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/praeimplantationsdiagnostik-einspruch-im-namen-der-menschenwuerde-16020.html )

        Zusammengefasst in meinem Leserbrief als Antwort auf den o.a. Artikel:”Hier irrt Herr Prof. Dr.jur. Dr.phil. Böckenförde
        Die Feststellung von Herrn Prof. Böckenförde: “Das genetische Programm der Entwicklung ist fertig vorhanden, bedarf keiner Vervollständigung mehr oder eines qualitativen Sprunges, entfaltet sich vielmehr von innen her nach Maßgabe eigener Organisation.” entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft. Seit den Erkenntnissen der Entwicklungsbiologen z. B. von Frau Prof. Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin im Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie und Nobelpreisträgerin für Medizin 1995, die beschrieben haben, wie durch Stoffgradienten in der Eizelle und dem Embryo die Genexpression gesteuert wird, ist klar, dass zur Organisation des embryonalen Wachstums die Wachstumssignale von der Mutter gehören. Weil die Mutter nicht nur “Realisationsfaktoren” (Nahrung, Wasser, Wärme usw.) beisteuert sondern auch auch formbestimmende “Determinationsfaktoren”, ist es eine Tatsache, dass beim Säuger die für den Grundbauplan der Organisation wesentliche Anlage der Körperachsen erst nach der Implantation, beim Menschen um den […] 14. Entwicklungstag, manifest wird. (Nach Prof. Dr. Dr. phil. Dipl.-Biol. Chr. Kummer, SJ, https://www.lrz.de/~christiankummer/publikationen/Bender.pdf ). Deswegen irrt Herr Prof. Böckenförde.”

        Leider sind die Stellungnahmen von Herrn Prof. Kummer zum Thema nicht mehr abrufbar. Dahinter steckt wahrscheinlich ein Maulkorb seitens seiner kirchlichen Vorgesetzten. Die Argumentation ist trotzdem schlüssig, betrifft allerdings nicht das Thema Schwangerschaftsabbruch sondern das Thema PID.

  8. Das Abtreibungsrecht spiegelt die Vielfalt der Meinungen wieder. Und es beweist, dass ein Kompromiss aus extremen Standpunkten möglich ist. „Mein Körper gehört mir“ versus „Du sollst nicht töten“

    Wichtig ist, dass Frauen nicht kriminalisiert werden. Wichtig ist , dass das moralische Empfinden großer Teile der Bevölkerung ernst genommen wird, wichtig ist, dass es eine Institution gibt, die Ethikkommissionen, die solche offenen Fragen begleiten und den Gesetzgeber beraten.
    All das haben wir in Deutschland, und wir sind auf dem richtigen Weg. Dem Monismus gehört die Zukunft.

  9. @Epigonias
    Mit einer Lehrentscheidung des rk sind nur für Katholiken (vielleicht) Fragen gelöst. Die Frage haben Sie allerdings besser formuliert: Wann kommt einem Wesen das Recht zu, als Person zu gelten ? (Hinweis. im Film “Stadt der tausend Planeten” wird das diskutiert, recht eindrücklich, wie ich finde; “Blade runner” ist ein anderes Beispiel.) Im deutschen Zivilrecht gibt es hier eine Lücke: im Erbrecht ist man rechtsfähig ab der Zeugung, im sonstigen Recht ab der Geburt.

  10. @Eier legen

    So praktisch wie eine Plazenta ist, man hat sein Kind immer dabei, es ist gut geschützt und man muss nicht ständig brüten. Aber in Bezug Abtreibung wäre Eier legen viel einfacher. Wer keine Lust zum Brüten hat, kann sein gelegtes Ei ganz einfach zum Adoptionsbrüten abgeben, wenn es denn einer haben will. Und wenn es keiner haben will, dann fängt man einfach gar nicht erst zu brüten an. Ohne die Brutwärme kann sich der Embryo gar nicht erst entwickeln, und kommt über ein ganz frühes Stadium nicht hinaus.

    Die Frage ab wann denn nun der Fötus Menschenrechte hat und inwieweit eine Mutter verpflichtet ist, die Mühe einer Schwangerschaft auf sich zu nehmen, auch wenn sie dieses Kind definitiv nicht will, diese Fragen stellen sich beim Eierlegen gar nicht erst.

    Eine Idee wäre es vielleicht, eine ordentliche Prämie zu zahlen, wenn man sein ungewolltes Kind austrägt und dann zur Adoption freigibt. Leihmutterschaft wird ja auch ordentlich entlohnt, bzw. würde es bei uns, wenn es nicht verboten wäre. Und der Dienst das Kind für jemanden anderen auszutragen, der das Kind gerne haben will, der ist ja auch mit reichlichen Umständen und mit dann doch auch mal schmerzhaften Muttergefühlen verbunden. Für 5000 bis 10000 Euro hätte man dann schon in vielen Fällen eine hinreichende Motivation.

    Das Einfachste wäre aber immer noch, insbesondere Alleinerziehende vernünftig zu unterstützen, nicht nur damit wir weniger Abtreibungen haben, sondern vor allem auch als Maßnahme gegen den anhaltenden Kindermangel.

    • Die vielgeschmähten Nazis, die waren konsequent. Nach drei Kindern hatte die Mutter ein Anrecht auf eine lebenslange Rente.

      • Nein, @lioninoil – nicht einmal das. Die Nazis „versprachen“ Renten, lösten diese aber niemals ein. Schon das Schicksal der Veteranen des 1. Weltkrieges und der Kriegstraumatisierten (damals als „Kriegszitterer“ verhöhnt) zeigt, was von den Versprechen der Nationalsozialisten zu halten war…

        • Michael Blume,
          es ging mir nicht um eine Bewertung, das Motiv war “mehr Kinder = mehr Soldaten”.
          Ihr Thema lautet Abtreibung. Und für angehende Mütter ohne Perspektive ist eine Rentengarantie ein handfestes Argument.

          Diese Option war nach dem Debakel der Nationalsozialisten ausgeschlossen.
          Deshalb erinnerte man sich an das Kindergeld. 1954 gab es Kindergeld ab dem 3. Kind und nur für deutsche Familien. Das Bundesverfassungsgericht verbot aber diese Praxis, das Kindergeld musste auch für Ausländer bezahlt werden. Mit der Folge, dass das Kindergeld immer niedrig blieb, denn die „Ausländer“ hatten mehr Kinder und man wollte keine Ausländer ins Land holen.

          Deshalb war das Kindergeld als finanzielle Absicherung für einkommensschwache Familien nicht ausreichend.
          Jetzt , 75 Jahre nach der Hitlerdiktatur, könnte man wieder über die Einführung einer Grundrente für Mütter nachdenken. Das wäre ein guter Grund auf eine Abtreibung zu verzichten.

          • @lioninoil
            Bei einer Notlagenschwangerschaft besteht die gefühlte Notlage nicht aus einem aktuellen Geldmangel. Und ein Rentenversprechen, was dann im Rentenalter eingelöst werden soll, ändert an der gefühlten Notlage gar nichts. Aus meiner Erfahrung: Meistens wurde die Ausweglosigkeit bei einem geplatzten Lebenstraum während der vulnerablen Phase der Frühschwangerschaft als unlösbare Notlage empfunden. Manchmal half es, konkrete Auswege zu finden (mit Hilfe von z.B. ProFamilia, Arbeiterwohlfahrt und z.T. auch konfessionellen Organisationen). Oft half der Rückhalt in der eigenen Familie. Es gibt aber Situationen, da nützt das alles nicht. Die Frauen fühlen sich so von Freund, Familie und Gunst des Schicksals verlassen, dass die Situation ausweglos erscheint. Ein Rentenversprechen hilft da nicht, die Frauen sind in der Situation nicht käuflich.

  11. Ludger,
    volle Zustimmung, materielle Hilfe ist nur ein Puzzlestein zur Lösung des Abtreibungsproblems.
    Wenn eine Frau ihre Zukunftsträume schwinden sieht, dann greift sie eben zur Notlösung. Und dabei darf sie nicht kriminalisiert werden.

    Ein Fall wurde noch nicht besprochen, die Frau will das Kind, der Mann will das Kind nicht. Hier greift jetzt das Rentenversprechen, es macht die Frau unabhängig vom Mann.

  12. Interessant, dass sich ausgerechnet im evangelikalen Kansas zeigt, dass das Volk anders denkt, als die “Eliten” aus der “grand old party” es meinen.
    Im Grunde war die Frage der Abtreibung für viele Evangelikale eine “katholische Frage”. vgl. z.B. hier https://religiondispatches.org/the-evangelical-abortion-myth-an-excerpt-from-bad-faith/
    Vom katholischen Standpunkt war es einleuchtend, gegen die Abtreibung zu sein, diese Wesen wären in die Hölle, bestenfalls in den limbus infantium, gekommen. Nimmt man diese theologische Spekulation als Fakt (was seit 2005 aber nicht mehr römisch-katholische Lehre ist), ist es legitim, die Mütter zum Austragen einer Schwangerschaft zu zwingen, damit die Kinder getauft werden können und so eine Chance haben, nicht in die Hölle zu kommen.
    Protestantische Theologie konnte hier mit der Lehre “allein aus Glauben” (sola fide) viel freier agieren, da der Weg ins Paradies prinzipiell auch ungetauften möglich ist.
    Da aber in der ganzen Debatte diese Theologumena immer nur unter der Hand verhandelt wurden, meine ich, es ging nicht um theologische Wahrhaftigkeit und Rettung der Seelen nach dem Tod, sondern um andere Fragen, die nie offen ausgesprochen wurden. (meinen Hebräischlehrer Blüher ausdrücklich ausgenommen- aber seine Argumentation war damals zu anspruchsvoll für uns Schüler. Er begründete es von Gottes Erbarmen, das nach dem Hebräischen in der Gebärmutter sitzt. רחם )
    Jedenfalls denkt auch hier das “Volk” anders als die “Eliten”.

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