Verschwörungsfragen 33: Die Schlümpfe und der Luther – Hermeneutik statt Verdrängung

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

In dieser Folge geht es um den Umgang mit rassistischen, sexistischen und antisemitischen Bild- und Textproduktionen. Und diese finden wir buchstäblich überall – von den Schlümpfen bis zu den antisemitischen Texten Martin Luthers. Dabei stellt sich die Frage, wie eine konstruktive Antwort auf solche “schrecklich gealterten” Text- und Bildproduktionen aussehen kann.

Wie immer ist der Podcast zum Hören bei podigee erschienen und zudem auf Spotify, Deezer, iTunes und (bald) YouTube anhörbar.

Eine pdf-Textversion dieser Verschwörungsfragen-Folge finden Sie per Klick hier.

In meinem Amt als Beauftragter gegen Antisemitismus werde ich häufig um Bewertungen gebeten. Was ich denn zu diesem Text, diesem Bild, dieser Äußerung sagen wolle. Das Spektrum reicht von Aussagen von PolitikerInnen über die kluge Reaktion der evangelischen Kirchengemeinde auf rassistische Skulpturen im Ulmer Münster bis hin zu den Texten religiöser und auch säkularer Autoritäten, die bis heute unser Denken prägen.

Herr Blume, schauen Sie doch mal, was der Rudolf Steiner – der Begründer der Anthroposophie und Waldorfschulen – dort gesagt und geschrieben hat! Was sagen Sie zu „Der große Kampf“ von Ellen White, das der frühere Adventisten-Prediger und Covid19-Verschwörungsmythologe Samuel Eckert bewirbt? Wie bewerten Sie diese Hadith, diesen Vers des Koran im Islam? Wie diesen Brief des Mahatma Ghandi, diese Textstelle von Baha’ullah oder von Giordano Bruno?

Auch die Aufklärung und Religionskritik selbst steht vor genau dem gleichen Problem. Von Karl Marx lesen wir üble, rassistische und antisemitische Ausfälle. Auch Ludwig Feuerbach, Voltaire, Arthur Schopenhauer, sogar Immanuel Kant haben zahlreiche Sätze niedergeschrieben, die heute zu Entsetzen führen. Das, was früher tief in Bibliotheken versteckt war, tritt heute schon durch einfache Internet-Suchen ins Blickfeld.

Als Jugendlicher besuchte ich das Eduard-Spranger-Gymnasium in Filderstadt. Die gleiche Schule heißt heute Elisabeth-Selbert-Gymnasium – weil ein Historiker Texte des Pädagogen Spranger ausfindig gemacht hat, die heute keiner Schule mehr als Leitidee taugen können.

Tatsächlich gibt es keinen Bereich der menschlichen Text- und Bildproduktion, die vor diesem „schrecklichen Altern“ geschützt wären.

In Belgien und Frankreich gab es überaus heftige und hoch emotionale Diskussionen, als bekannt wurde, wie rassistisch, sexistisch und antisemitisch die Ur-Schlümpfe angelegt waren. Ihr Schöpfer Pierre Culliford (1928 – 1992) – liebevoll Peyo genannt – hatte auf ein mythologisch verklärtes, neopaganes Mittelalter gesetzt. Seine Schlümpfe waren ausschließlich männliche Naturgeister – verwandt mit Trollen und Kobolden -, deren Eigenschaften von Natur aus festgelegt sind und die jede Modernisierung fanatisch bekämpfen.

Ihre alphabetisiert-verschwörerischen Gegner sind die hebräisch-jüdisch konnotierten Gargamel und Azrael; letzterer ein hebräisch-islamischer Todesengel. Sie interessieren sich eigentlich gar nicht für die Schlümpfe, sondern werden von reiner Gier getrieben: Gargamel will mit dem Ausschlachten der Schlümpfe den „Stein der Weisen“ erschaffen, um Macht und vor allem Gold zu erringen.

Und auch die erste und lange Zeit einzige Schlumpf-Frau wurde von dem bösen Buchgelehrten geschaffen, um Streit und Unruhe in die einträchtige Männerhorde zu bringen. Gleich das erste, eigene Schlumpf-Comic hieß „Die schwarzen Schlümpfe“ und handelte von gefährlichen Schwarzhäutigen, die andere Blaue durch Beißen in ebenfalls hirnlose, gierige, schwarze Zombie-Schlümpfe verwandelten.

Wie man heute zu sagen pflegt: Das geht halt gar nicht mehr.

Aber was heißt das „geht gar nicht mehr“? Sind die Schlümpfe aus den Kinderzimmern und Programmen zu entfernen? Sollten wir verdrängen, dass es sie jemals gab? Und wer hätte das zu entscheiden?

Um es vorab und deutlich zu sagen: Niemand kann sich wünschen in einem Staat zu leben, in dem Ministerien immer wieder neu die Traditionen der Vergangenheit bewerten und löschen. Selbstverständlich kann es im Einzelfall richtig sein, auf Grundlage neuer Erkenntnisse und nach breiten Debatten beispielsweise eine Umbenennung vorzunehmen oder eine Statue zu entfernen. Aber zum Vergessen und Entfernen gibt es auch eine Alternative: Die sogenannte Hermeneutik.

Dieser Bestandteil der Erkenntnistheorie ist nach dem zwischen Göttern und Menschen vermittelnden Hermes der griechischen Mythologie benannt. Hermeneutik erkundet und gestaltet, wie wir Altes neu verstehen. Das tun nicht nur Gelehrte, sondern wir alle, es ist überhaupt nicht vermeidbar: Wenn wir uns mit einem Text, einem Bild, einem Symbol, einem Mythos befassen, dann nehmen wir sie vor dem Hintergrund unserer heutigen Situation und unseres Vorwissens wahr.

In seinem grandiosen „Arbeit am Mythos“ formulierte Hans Blumenberg (1920 – 1976) sein Plädoyer für eine aktive Hermeneutik, Zitat (S. 71):

„Deshalb kann es den neuen Mythos geben, wenn die poetische Phantasie zu sich selbst kommt und ihr jene eigene Geschichte zum Thema wird.“ – Zitat Ende –

Das klingt schwierig und ist doch beispielsweise inzwischen mit den Schlümpfen geschehen.

Nach einer Zeit des Abstreitens entschieden sich auch die Peyo-Erben für ein aktives Vorgehen. Sie thematisierten von sich aus die Probleme, etwa in Vorworten und Ausstellungen. Sie zogen Folgen, färbten beispielsweise im Ur-Comic die schwarzen in lila Schlümpfe um. Vor allem in den neueren Filmen griffen sie zudem problematische Aspekte wie den Geburts-Namen-Rassismus sowie den Sexismus der Urschlümpfe von sich aus auf. Der tollpatschige Clumsy (deutsch: „ungeschickt“) entdeckte, dass er über seine Veranlagung hinauswachsen und von der tragischen Witzfigur zum schlumpfigen Helden wachsen kann. Die unglückliche Schlumpfine wurde von einem bösen Entwurf des Gargamel zu einer immer selbstbewussteren Frau und von der Außenseiterin zur Wegbereiterin in ein ganzes Dorf weiblicher und sehr kämpferischer Schlümpfe.

Wenn man diese Hintergründe kennt und weiß, können wir die neueren Schlümpfe nicht nur mit unseren Kindern genießen. Es lohnt sich dann auch das bewusste Schauen als Erwachsener. Statt bei der Problematik der Ur-Schlümpfe stehen zu bleiben oder diese zu leugnen, wurde und wird sie durch „poetische Phantasie“ reflektiert und erneuert. Ich hoffe, dass in Zukunft auch noch ein Entschlumpfen des Antisemitismus gelänge.

Noch schärfer stellt sich die Situation mit Bezug auf religiöse und philosophische Traditionen dar. Der demokratische Staat gäbe seine Freiheitlichkeit auf, wenn er anfinge, alte Texte zu zensieren. Doch die betroffenen religiösen, weltanschaulichen, philosophischen Traditionen sind selbst sehr gut beraten, von sich aus eine aktive Hermeneutik nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern in der digitalen Öffentlichkeit zu betreiben.

Auch die evangelisch-lutherische Landeskirche, der ich als junger Erwachsener beitrat, ist davon direkt betroffen. Der gleiche Martin Luther, der sich als Reformator, Bibelübersetzer und Erneuerer in die deutsche und globale Geschichte einschrieb und sich lange auch vergleichsweise positiv zum Judentum verhielt, stürzte ab etwa 1538 in einen bodenlosen Antisemitismus ab. Am bekanntesten ist seine Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ von 1543. Kaum zwei Monate danach setzte Luther mit dem „Schem Hamphoras“ zur Schmähplastik der sogenannten „Judensau von Wittenberg“ nach, die zu den übelsten Texten der deutschen Sprache gehört.

Stellen Sie sich einen entgleisten YouTube-Kommentar eines alten, hasserfüllten Antisemiten vor – und Sie ahnen, womit wir es zu tun haben.

Wie also sollten die evangelisch-lutherischen Kirchen mit diesem schrecklichen Erbe umgehen? Lange Zeit wurden die „unangenehmen“ Texte eher versteckt und kleingeredet, wenn nicht sogar gerechtfertigt. Doch nach der Katastrophe der Schoah begannen immer mehr jüngere Theologinnen und Theologen auch durch das christlich-jüdische Gespräch in schmerzhaften Prozessen, die noch lange nicht abgeschlossen sind, auf mehr Ehrlichkeit zu drängen.

Und als im Jahr 2017 das 500. Jahres-Jubiläum der lutherschen Reformation anstand, entschieden sich die Gremien zu Recht für eine aktive Hermeneutik: Anstatt die antisemitischen, dualistischen und generell menschenverachtenden Aussagen Luthers zu verschweigen, wurden sie in zahlreichen Publikationen und Veranstaltungen direkt angesprochen. Aus der eigenen, reformatorischen Theologie heraus wurde verdeutlicht, dass ein Mensch auch nach der Taufe Sünder bleibe und niemand das Recht habe, den eigenen Verstand abzugeben – auch nicht an den Namensgeber der eigenen Kirche. Über die Frage, ob die Schandplastik der sogenannten „Judensau von Wittenberg“ tatsächlich an einer Kirchenmauer bleiben darf, wird bis heute kontrovers gestritten. Gerade auch als evangelisch-lutherischer Christ wünsche ich mir, dass die Kirchengemeinde hier nicht auf ein Eingreifen der Justiz oder Politik wartet, sondern von sich aus und in eigener Freiheit dieses Schandmal in ein Museum gibt, in dem es historisch-hermeneutisch eingeordnet werden kann.

Entsprechend habe ich auch in Gesprächen mit Anthroposophinnen, mit Adventisten, mit Marxistinnen und Mitgliedern der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung immer wieder dafür plädiert, nicht länger zu versuchen, überholte Texte und Zitate zu verstecken. Dies war schon immer problematisch und ist im Zeitalter des Internets schlichtweg eine Dummheit.

Tag für Tag breitet sich das digitale Archiv mitsamt neuer Suchfunktionen aus und macht nicht nur Äußerungen historischer Personen, sondern auch von uns selbst sichtbar. Wie werden spätere Generationen wohl unsere aktuellen Erzeugnisse bewerten – zumal mit den bis dahin verfügbaren Suchalgorithmen?

Wie hat Opa denn eigentlich 2015 diesen Facebook-Kommentar gemeint? Mit welchem Frauenbild und welchen Hashtags hat sich die Uroma damals eigentlich auf Instagram präsentiert? Was ist von diesem Mail, ja von diesem Chat in diesem Spiel zu halten? Und zeigt dieses Foodie etwa tatsächlich noch Fleisch aus Massentierhaltung? Obwohl doch damals schon alle von der Klimakrise wussten?

Es ist also ziemlich egal, wie aufgeklärt und „woke“ wir Heutigen uns verstehen – kommende Generationen werden auf uns schauen, so wie wir auf vergangene Generationen. Schon vor zehn Jahren gab Martha Nussbaum mit Saul Levmore einen Sammelband über das aggressive Internet – „The Offensive Internet“ und die Verrohung der Sprache heraus, das sich heute geradezu prophetisch liest.

Bewährt haben sich dagegen poetische Phantasie und Hermeneutik, die eigene Geschichte zum Thema zu machen, statt sich von ihr bestimmen zu lassen. Und auch das ist selbstverständlich keine neue Erkenntnis, sondern Jahrtausende alt. An keinem Text der Erde hat sich die heute so genannte Hermeneutik so lange und so fruchtbar abgearbeitet wie an der Bibel.

Vielleicht kennen Sie ja den berühmten Brief an die Radiomoderatorin Dr. Laura Schlessinger, die mit Berufung auf einen Bibelvers Homosexualität abgelehnt hatte. Im inzwischen in zahlreichen Sprachen und Varianten verbreiteten „Brief an Dr. Laura“ wird mit einer Berufung auf eine entsprechend wörtliche Lesart der Heiligen Schrift sarkastisch gefragt, von welchen Nachbarländern man nach 3. Mose (25,44) Sklavinnen und Sklaven halten dürfe und ob man den am Samstag arbeitenden Nachbarn denn nun wirklich eigenhändig töten müsse, wie es im 2. Mose (35,2) stehe.

Und immer mal wieder findet es jemand witzig, Jüdinnen und Christen zu fragen, ob sie denn noch Ehebrecherinnen steinigen, wie es im 5. Buch Mose, Vers 22, 22-24 geboten wird. Denn das sei doch wohl nach ihrem Glauben Gottes Wort und Gebot.

Schon die frühen Rabbiner hielten dagegen fest, dass Moses auf dem Sinai keinesfalls nur die schriftliche, sondern auch die mündliche Thora – die ständige Auslegung – erhalten habe. Wer Moses also wirklich ernst nehmen wolle, der und die dürfe ihn niemals nur wörtlich nehmen. Entsprechend wurden beispielsweise schon in frührabbinischer Zeit die im Urtext reichlich zu findenden Todesstrafen immer weiter eingeschränkt, wenn nicht gar faktisch abgeschafft.

Lord Rabbi Jonathan Sacks (1948 – 2020), den ich für den bedeutendsten Religionsgelehrten unserer Tage halte und der uns in diesen Tagen in die kommende Welt vorangegangen ist, hat diese Tradition in einem seiner stärksten Vorträge erläutert: „The World we make with Words“. Er hat sie gelebt, die ständige Arbeit am Mythos, die lebendige Hermeneutik alter Texte von Moses bis Nietzsche, von den biblischen Schöpfungsberichten bis zur modernsten Evolutionsforschung.

Baruch Dayan Haemet – Gesegnet sei der wahrhaftige Richter.

Schon in einer der weisesten Geschichten des Talmud – der frühen, rabbinischen Bibelauslegung – wird geschildert, wie Moses über Jahrtausende hinweg zu Rabbi Akiba ben Josef (50 – 135) in das 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung gereist sei. Zitat:

„Als Mose zum Himmel fuhr, fand er den Allmächtigen damit beschäftigt, jeden einzelnen Buchstaben der Torah mit Blümchen und Zeichnungen zu zieren. Mose fragte Gott, was er da tue, und Gott antwortete, dass in einer der künftigen Generationen ein Mann sein werde, der aus jedem einzelnen Zug der Feder Haufen von Regeln herleiten werde: Akiba ben Josef. Da wünschte sich Mose, den Mann zu sehen, was ihm auch versprochen wurde. Die Tage des Akiba kamen und Mose besuchte dessen Schule, setzte sich in die hinteren Reihen und hörte zu. Er verstand aber die gelehrten Argumentationen nicht und wurde mehr und mehr bestürzt. Als sich ein schwieriges Problem stellte und ein mutiger Schüler Akiba fragte, woher er die Autorität nehme, um seine Regel herzuleiten, antwortete der Rabbi: ‚Es ist eine Vorschrift des Moses, aus dem Sinai.‘ Da wurde Mose wieder stolz und munter.“

Diese buchstäblich poetische Geschichte macht nicht nur die eigene Auslegung zum Thema, sondern rühmt auch einen Gelehrten, der durchaus auch irrte: Rabbi Akiba erkannte im Aufständischen Ben Kosiba fälschlicherweise den Messias, verlieh ihm den Ehrennamen „Bar Kochba“ und wurde von den Römern hingerichtet. Doch die Weisen verwarfen ihn nicht, sondern erkannten bereits vor bald zwei Jahrtausenden, dass auch die größte Auslegung nicht fehlerlos sein kann – und also wiederum neue Auslegungen benötigt.

In ihrem Buch „Überlegungen zur Frage des Antisemitismus“ kehrte die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur sogar an die Wurzeln der Debatte zurück. So hätten einige Ausleger gemeint, Moses habe am Sinai alle Texte der Thora und Auslegungen tatsächlich erhalten. Andere meinten, es sei nur um die „Zehn Worte“ – die zehn Gebote – gegangen. Einige aber meinten, Moses habe einen einzigen Laut erfahren, den Beginn des Alphabetes und aller semitischen Schriftauslegung: Das Aleph, das A.

Und wenn Ihnen all das jetzt zu religiös-poetisch, zu spirituell oder mystisch erschien, empfehle ich das großartige „Juden und Worte“ der bekennend nichtreligiösen Amos Oz (1939 – 2018) und Fania Oz-Salzberger.

Christen können neu auf die einzige Szene in allen Evangelien schauen, in denen der Rabbiner Jesus schreibt: In den Sand, die Steinigung einer Ehebrecherin verhindernd. So kann klarer werden, warum viele Texte „über“ Jesus, aber kein einziger „von“ ihm überliefert wurden – ebenso wie übrigens von Sokrates und dem Gautama Buddha. Wie es Eckhard Nordhofen in einer der tiefsten Auslegungen dieser Szene schreibt, Zitat (S. 222): „Dass einzige Mal, dass Jesus schreibt, zerschreibt er die Schrift.“ – Zitat Ende –

Vergleichbares gilt für die Ausleger der hinduistischen Schrift der Bhagavad Gita. Wörtlich gelesen berichtet sie davon, dass der Wagenlenker Krischna den Krieger Arjuna auffordert, auch gegen eigene Angehörige in den Krieg zu ziehen. Doch in den Auslegungen führender Swamis wurde genau daraus der göttliche Auftrag, das eigene Ego zu überwinden. Darin werden wiederum Gelehrte des Islam unschwer die Unterscheidung des „kleinen“ und des „großen Dschihad“ erkennen, wie er auch in der islamischen Mystik – dem Sufismus – vorgenommen wurde.

Ich würde also keiner religiösen, weltanschaulichen, philosophischen oder künstlerischen Bewegung den Versuch empfehlen, die eigenen Traditionen zu verdrängen. Was wir jedoch erwarten können und erwarten dürfen ist eine aktive Hermeneutik – ein offenes Umgehen mit Problemen, ein immer wieder neues Ringen und Auslegen dessen, was uns mitgegeben wurde. Wer eine Schrift für bedeutend oder gar heilig hält, nimmt sie nicht passiv hin, sondern ringt unter dem Einsatz aller Erfahrungen und Wissenschaften mit ihr.

Wenn wir das einmal gelernt und verstanden haben, dann brauchen wir vor keiner Person, keinem Text und keinem Gegenstand der Geschichte mehr Angst haben – und auch nicht mehr vor dem Internet, das uns nun alles in die digitale Gegenwart drückt. Denn in der gemeinsamen, auch kritischen Auseinandersetzung mit dem uns Gegebenen liegt eine große, eine hermeneutische, eine poetische Freiheit – für jede und jeden von uns. In dieser Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft liegt unsere vielleicht größte Chance für eine gemeinsame, vielfältige – für eine bessere Welt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

 

Quellen:

Swami Prabhupada (1987): Bhagavad-Gita wie sie ist. Bhaktivedanta Book Trust

Blumenberg, Hans (2006/2017): Arbeit am Mythos. Suhrkamp

Oz, Amos & Oz-Salzberger, Fania (2013): Juden und Worte. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Nordhofen, Eckhard (2019): Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus. Herder

Blume, Michael (2019): Warum der Antisemitismus uns alle bedroht. Patmos

Horvilleur, Delphine (2020): Überlegungen zur Frage des Antisemitismus. Hanser

Sacks, Jonathan (2020): Morality. Restoring the Common Good in Divided Times. Hodder & Stoughton

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

67 Kommentare

  1. Sehr gut, sehr gut, was Sie da über Hermeneutik, über die Pflicht zur Hermeneutik schreiben.
    Sie ist immer unvollständig , immer verbesserungsfähig, wenn wir aufrichtig bleiben.
    Auch das Beispiel Luther ist ,gut gewählt. Luther war kein Prophet, er war nur Mensch, ein Kirchenreformer à la Erasmus von Rotterdam.
    Und wenn man dann noch Richard Wagner hinzuzählt, dann werden die Deutschen immer weniger, auf die man stolz sein kann.

    Was bleibt ? Die Macht des Wortes , die Unergründbarkeit des Worte, „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. So beten die Christen und sie vertrauen dabei auf Gott.

  2. Liegt in einer ständigen Hermeneutik “alter Texte” nicht auch die Gefahr der zu einfachen Möglichkeit der Relativierung der Aussagen?

    So wie:
    – das war halt der Zeitgeist
    – das meinte er nicht so
    – er war halt verbittert
    etc.

    Und man vergisst dabei u.U. die Wirkung die die “alten Texte” ggf. über eine lange Zeit hatten?

    Macht es wirklich einen Unterschied, ob die bösen Schlümpfe schwarz oder lila sind? Am Ende ist es eben doch die Hautfarbe, die als Unterscheidungskriterium genommen wird.

    • Danke, dass Sie sich diese Fragen stellen, @einer!

      Und ja, die Gefahren der Relativierung einerseits und des Fundamentalismus andererseits stehen sich immer gegenüber. Es gilt, diese beiden Extreme immer wieder zu vermeiden.

      Und klar sind Unterscheidungen nach Hautfarbe immer problematisch. Bei schwarzen Schlümpfen war die Übertragung auf echte Menschen direkter gegeben. Für die Zukunft möchte ich auch einmal die entsprechenden Mythen über Elfen – von „Goldelfen“ bis „Drow“ – thematisieren.

  3. Nun haben Sie auch Giordano-Bruno und seinen angeblicher Antisemitismus zum Thema gemacht. Das sieht die nach ihm benannte Stiftung aber anders, wie in diesem Text dargelegt. Meinte Sie etwa folgendes

    Zudem unterläuft Brumlik ein hermeneutischer Grundfehler, der einem Forscher seines Formats ebenfalls nicht unterlaufen darf: Er missinterpretiert einen Satz, der in einem satirischen Dialog von der Göttin Sophia vorgetragen wird, als Aussage Brunos. Nach dem gleichen Denkmuster könnte man Steven Spielberg wegen der antisemitischen Äußerungen des Nazischlächters Amon Göth in „Schindlers Liste“ des Antisemitismus bezichtigen!

    Oder haben SIe auch andere Belege für den Antisemitismus von Giordano Bruno?

    Gruß
    Rudi Knoth

    • Lieber @Rudi Knoth,

      Danke für die wirklich wundervolle Ironie, dass Sie mir hermeneutisch eine Position zu Giordano Bruno unterstellen, die ich gar nicht eingenommen haben – um dann auf genau die Debatte zu verweisen, die ich befürwortet habe. 😊

      Wie respektvoll ein solcher Dialog auch verlaufen kann, durfte ich gerade beim heilig.Berlin-Podcast der Siebenten-Tags-Adventisten erleben:

      https://heilig.berlin/2020/11/16/verschwoerungsglaube/

      Wer weiß, vielleicht wird die Giordano-Bruno-Stiftung gerade auch in Sachen Antisemitismus ja auch einmal so mutig & selbstreflexiv? Sie hat doch tolle Leute – wenn auch leider ein sehr unausgeglichenes Geschlechterverhältnis.

      Ihnen Dank für Ihr lebendiges Interesse!

    • Eigentlich gibt es ja jetzt eine übergeordnete Weltreligion: Es ist die Anbetung der Blechkiste auf 4 Rädern. Da werden sogar noch Menschenopfer gebracht. Man bedenke die “Fahrerassistenzsysteme” gegenüber der aus “wirtschaftlichen” Gründen nicht möglichen schnellen Einführung von Abbiegeassistenten bei LKW.

      • Eigentlich gibt es ja jetzt eine übergeordnete Weltreligion: Es ist die Anbetung der Blechkiste auf 4 Rädern.

        Nun manchmal können diese Dinger auch Menschenleben retten (Feuerwehr, Rettungsdienst). Und momentan ist es für die Überwindung längerer Strecken auch ein guter Infektionsschutz.

        Gruß
        Rudi Knoth

  4. Wenn sie die moralische-ethischen Wertvorstellungen der Gegenwart wie eine Blaupause auf die Menschheitsgeschichte legen, so werden sie eine leere Erde vorfinden. Menschen irren ,haben immer geirrt und Religionen haben Kriege geführt und Ideologien haben Massenmorde begangen und Propheten waren so blind und haben das alles nicht gesehen weil sie auch nur Menschen sind die -vielleicht- irgendwelche Wahnvorstellungen und Paranoia hatten. Martin Luther war zwiespältig, widersprüchlich, leicht überheblich, verfressen, heldenmutig in Worms, reaktionär (Wider den räuberischen Rotten der Bauern) usw…Aber in diesem damaligen Sündenbabel Roms (die größte Hure) ,die katholische Kirche, war er ein Aufklärer, ein “Prophet”. Ohne ihm hätte es nicht die Bauernkriege gegeben, den ersten Angriff auf den Feudaladel ,auf Leibeigentum /Frohn ( Freiheit eines Christenmenschen der niemandem Untertan ist ) Die Welt war und ist immer voller Doppelmoral und Heuchelei .Und wer sich heute über Sexismus erzürnt, vergisst das Deutschland wohl das größte Bordell Europas ist, was niemandem stört.

    • Oh ja, @Goltower. Im Judentum und Islam wird dieser Aspekt unseres Menschseins als „böser Trieb“ und „Ego“ gedeutet, im Christentum als „Sünde“, in der Evolutionstheorie als Unangepasstheit.

      Und erst wenn wir unser Menschsein – auch das von uns selbst – entsprechen realistisch annehmen, können wir uns selbst, unsere Kulturen und Institutionen schrittweise weiterentwickeln. Und schon z.B. der Anstieg an Wissen und Lebenserwartung zeigt ja, dass dieses Bemühen nicht umsonst ist…

      • “böser Trieb” als Ursache von Sünde .. ok das ist verständlich.
        Aber wo hat die Evolutionstheorie etwas mit Dingen wie “gut” oder “böse” zu tun?

        Zu schlecht angepasst ist ja nicht irgendwie “böse” in der Evolutionstheorie, sondern führt ggf. halt zum Aussterben einer Art.

        “böser Trieb” etc. ist ja eher Moral, ich dachte so etwas gäbe es in der Evolutionstheorie nicht. Oder geht es hier eher um eine spezielle Art der Evolutionstheorie?

        • Nein, @einer – die Unterscheidung normativer und deskriptiver Begriffe haben Sie richtig erfasst und sie war auch hier als Aufzeigen verschiedener Perspektiven gemeint. Eine Theologin oder ein Philosoph werden z.B. Gewalt in der Familie anders beschreiben und bewerten als ein Evolutionspsychologe. Wenn Letzterer daraus freilich ableiten würde, das Prügeln sei schon okay, denn es „gäbe“ ja „kein Gut und Böse“, so würde auch er metaphysisch argumentieren. Auch das wäre dann eine – unter Reduktionisten leider nicht seltene – „spezielle (Les-)Art der Evolutionstheorie“…

          • “prügeln sei doch ok” oder nicht ergibt sich aber doch nicht aus “Unangepasstheit”.

            DAS war mein Punkt dazu.

          • Das freut mich, @einer, weil sich daraus m.E. auch sehr gut ergibt: Die verschiedenen Perspektiven lassen sich nicht aufeinander reduzieren. Empirisch überprüfbare Theorien und normativ bewertende Mythologien haben jeweils ihre eigenen Funktionen und Logiken. Sie sollten im klärenden Dialog zueinander stehen, aber Übergriffe wie Kreationismus oder Reduktionismus gehen fehl.

            Vielen herzlichen Dank!

  5. @Michael 17.11. 12:43

    „Und schon z.B. der Anstieg an Wissen und Lebenserwartung zeigt ja, dass dieses Bemühen nicht umsonst ist…“

    War das so gemeint, dass wir mit einem höheren Anteil an älteren Menschen auch mit mehr Weisheit rechnen können?

    Was den Kampf mit den Mythen angeht, so kann zunächst einmal jede Glaubensgemeinschaft sich selber immer wieder mit den neuen gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaften auseinander setzten. Und so die alten Mythen neu einordnen.

    Mit etwa Glück fördert dies auch, dass die verschiedenen Glaubensgemeinschaften dann auch mehr über den eigenen Tellerrand gucken, und auch untereinander ins Gespräch kommen.

    Eine grundsätzliche Dualität mit der Vorstellung einer bösen Weltregierung, ob jetzt eine mit oder ohne magische Kräfte, ist vermutlich etwas resistenter. Das verlässlichste Gegenargument dazu ist, dass man mit solchen Vorstellungen eben schlecht leben kann, und es sich mit der Idee von einer positiven Weltordnung besser lebt. Das funktioniert aber nur, wenn man dies im Bereich des Mythos einordnet.

    Wem es als gesicherte Erkenntnis erscheint, wird sich nicht davon beeindrucken lassen, dass es sich ohne den Glauben an Verschwörungen besser lebt. Die als real eingestufte Verschwörung muss man dann eben so ernst nehmen, wie Eine, die wirklich real ist, da muss man sich ja vorsehen, und sich ggf. dagegen wehren.

    • Vielen Dank @Tobias Jeckenburger. Zu Ihrer Nachfrage: Mit der höheren Lebenserwartung war hier lediglich eine empirische Messgröße für die je individuelle Fortsetzung menschlichen Lebens benannt. Dazu tragen nicht nur eine bessere Gesundheit von RentnerInnen, sondern auch z.B. eine geringere Kindersterblichkeit sowie weniger Verkehrsunfälle, Suizide etc. bei.

  6. T. Jeckenburger
    …mehr Weisheit….
    Optimismus ist angesagt. Mit der steigenden Lebenserwartung steigt auch das Durchschnittsalter in den Parlamenten dieser Welt. Ältere Menschen sind umsichtiger (manchmal aber auch starrsinniger).
    Und der Mammon zeigt sich hier von seiner positiven Seite. Wer riskiert gern sein Vermögen eines Krieges willen.

  7. Empirisch überprüfbare Theorien und normativ bewertende Mythologien haben jeweils ihre eigenen Funktionen und Logiken. Sie sollten im klärenden Dialog zueinander stehen, aber Übergriffe wie Kreationismus oder Reduktionismus gehen fehl.

    Ja – unbedingt!
    Probleme entstehen immer dann, wenn man die jeweiligen Grenzen überschreitet und einen Dialog verweigert.

    Wenn man z.B. jeden einzelnen Vers der Bibel “wissenschaftlich” überprüft (wegen pi=3 und ähnlichen Dingen) und den Text deswegen verwirft, auch wenn es für die Bedeutung des Textes völlig unerheblich ist. Genauso ist es natürlich nur dumm, wenn man die Erde real zu einer Scheibe erklärt, weil es in der Bibel so steht.

  8. Die Grenze der Hermeneutik sollte nicht unerwähnt bleiben. Sie liegt dort, wo eine Aussage eindeutig ist. “Du sollst nicht töten”. Das ist so eine Ansage. Wer immer daran herumfeilt, der erntet Fürchterliches. Die Nazis haben dieses Gebot umgangen, indem sie die Juden für Untermenschen erklärt haben.

    Bei den Gleichnissen wird es schon schwieriger. Dazu eine Episode, die ich selbst erlebt habe. Während eines Gottesdienstes in der Osterzeit erzählte die Pfarrerin ein Gleichnis, das ziemlich unverständlich ist.
    Sie sagte wörtlich zur Gemeinde: “Ich verstehe dieses Gleichnis auch nicht, aber es ist gut , wenn wir uns daran halten “.

    In diesem Augenblick hatte ich zum ersten Male verstanden, was “Glauben” bedeutet. Glauben bedeutet nicht verstehen, sondern Glauben bedeutet vertrauen. Und deshalb ist die Bibel das Buch der Bücher. Man muss nicht alles verstehen, was darin steht, man kann ihr einfach nur vertrauen.

    • @hwied

      „Während eines Gottesdienstes in der Osterzeit erzählte die Pfarrerin ein Gleichnis, das ziemlich unverständlich ist.
      Sie sagte wörtlich zur Gemeinde: “Ich verstehe dieses Gleichnis auch nicht, aber es ist gut , wenn wir uns daran halten “.“

      Können Sie sich noch an das Gleichnis erinnern? Ein Gleichnis soll doch zur Veranschaulichung eines Sachverhalts dienen, deshalb kann ich mir kaum vorstellen, dass es in der Bibel unverständliche Gleichnisse gibt. Außer vielleicht wenn veraltete Gebräuche oder ähnliches erwähnt werden, zu denen in der heutigen Zeit der Bezug fehlt. Aber warum soll man sich dann daran halten? Bei den Katholiken gilt, dass nur die Kirche die Bibel richtig auslegen kann. Deshalb haben die Pfarrer in der Regel auf alles eine Antwort parat. Im Gegensatz dazu glauben die Protestanten, alle Gläubigen seien dazu befähigt die Botschaft der Bibel zu verstehen – was offensichtlich nicht immer der Fall ist. Allerdings kann ich nicht sagen, ob ein besseres Verständnis der Bibel den Glauben stärkt. Zumal Sie der Ansicht sind: „Glauben bedeutet nicht verstehen, sondern Glauben bedeutet Vertrauen.“ Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ein Muslim sagte mal in einem Interview, er würde sich in seinem Glauben geborgen fühlen, womit er wohl etwas Ähnliches zum Ausdruck bringen wollte. In einer immer komplizierter werdenden Welt ist es sicher wichtig sich eine ökologische Nische zu suchen, wo man sich aufgehoben fühlt. Allerdings darf man die Augen nicht vor jenen verschließen, die das Vertrauen der Gläubigen ausnutzen und die „heiligen Bücher“ in ihrem Sinne auslegen. Die Geschichte ist voll von Gewalttaten, die im Namen einer Religion begangen wurden.

      • Nachtrag Mona,
        Das Gleichnis wurde am 27. November 2011 in einer evangelischen Kirche erzählt. Wahrscheinlich war es Mt. 20, das Gleichnis vom gerechten Lohn. Es könnte aber auch ein anderes schwer verständliches Gleichnis gewesen sein.

        Ich dachte bei mir: “Bin ich jetzt doof ?” Und als die Pfarrerin sagte: “Ich verstehe das Gleichnis auch nicht…..” das, war wie eine Befreiung.

    • Eigentlich steht da

      Du sollst nicht morden.

      und das ist nicht dasselbe!

      Für alle, die mit dem hebräischen Originaltext der Bibel vertraut sind, herrscht kein Mangel an Gelegenheiten, Ungenauigkeiten und mißverständliche Ausdrücke in den von Nichtjuden verwendeten Übersetzungen zu beklagen.

      Einer der ärgerlichsten Fälle war für mich immer die Übersetzung des Sechsten Gebotes: »Du sollst nicht töten«.

      Das Verb jedoch, das in der Tora für das Gebot verwendet wird, ist ein ganz anderes, nämlich »ratsah«, das mit »morden« übersetzt werden sollte. Diese Wurzel bezieht sich nur auf verbrecherische Tötungshandlungen.

      https://www.juedische-allgemeine.de/allgemein/du-sollst-nicht-morden/

      • einer,
        das ist ein echtes Dilemma. Du sollst nicht morden.
        Genau deswegen gibt es Kriege. Damit entbindet man den Soldaten von der eigenen Verantwortung.
        Aber gut , das Recht zur Selbstverteidigung hat man.

  9. @hwied 19.11. 11:47

    „“Du sollst nicht töten”. Das ist so eine Ansage. Wer immer daran herumfeilt, der erntet Fürchterliches.“

    Im Prinzip stimme ich dem zu. Aber die Wirklichkeit ist auch komplexer. Wenn es bewaffnete Kriminelle gibt, muss auch die Polizei Waffen tragen, wenn sie ihren Auftrag erfüllen will. Natürlich gibt es zumindest in Deutschland eine gründliche Ausbildung der Polizisten, wie man sich in kritischen Situationen deeskalierend bewegt.

    „Und deshalb ist die Bibel das Buch der Bücher. Man muss nicht alles verstehen, was darin steht, man kann ihr einfach nur vertrauen.“

    Das hört sich für mich auf den ersten Blick nach Bequemlichkeit an. Andererseits ist die Bibel entsprechend auch so umfangreich, dass man allein der Menge wegen schon Schwierigkeiten hat, das alles zu prüfen und ggf. auch zu verstehen. Selbst als Student der Theologie, vermutlich.

    Ich habe genau deswegen auch nur hier und da ein paar Seiten in der Bibel gelesen. Und ich kann mich dem Christlichen Glauben nicht anschließen, weil mir viele Grundaussagen als nicht sinnvoll erscheinen, aber auch aufgrund der großen Menge an Material, dass die Bibel liefert. In der Praxis ist das eben so viel, dass man damit gar nicht wirklich fertig werden kann.

    Ist dieses Etwas, dass da Glauben genannt wird, gerade ein speziell Abrahamitisches, dass eben auch was mit der überwältigenden Fülle der heiligen Schriften zu tun hat, vor denen man dann einfach kapituliert?

    Ganz im Gegenteil dazu habe ich mal was von Laotse gelesen, das war sehr kurz und knapp. Und auch sonst für mein Gefühl recht nachvollziehbar. Und in diesem Zusammenhang gibt es gar keinen Glauben, sondern nur Weisheit, die nur ihren Wert hat, wenn sie wirklich verstanden wird.

    Auch die Naturreligionen bedienen in ihren Ritualen und Feierlichkeiten ihre Ahnen und ihre Naturgeister, weil sie sie für maßgeblich halten. Sowas wie Glauben gibt es dort auch nicht. Dort geht es eher um konkrete Beziehungen in recht lokalen Zusammenhängen. So haben auch die Römer von den Christen gefordert, dass sie neben ihrem Gott auch den römischen Göttern opfern sollen. Um Glauben ging es den Römern dabei nicht, nur darum, sich mit ihren Göttern gut zu stellen.

    • Herr Jeckenburger,
      Glaube und Weisheit schließen sich nicht gegenseitig aus.
      Weisheit ergibt sich als Synthese von analytischem Denken und viel Erfahrung einerseits und aus dem guten Willen ! etwas gut machen zu wollen. Und der Weise berücksichtigt auch die Schwächen der Menschen und nimmt sie ins Kalkül.
      Gerade Letzteres ist ein Merkmal von Glauben, dem Glauben an das Gute im Menschen. Und dann sind wir nicht mehr weit von Gott entfernt. Man muss nicht an Gott glauben um alles Richtig zu machen. Und das ist das, was sie über Laotse meinen.
      Darum ist mit Glauben nicht nur die Eingottreligion gemeint, sondern ganz allgemein die Annahme einer höheren Instanz der wir uns verpflichtet fühlen.

  10. Hallo Herr Blume,

    ich hätte noch einen Tipp für Sie, wo Sie gerade beim Entlarven sind. Entlarven Sie doch mal das Märchen “Des Kaisers neue Kleider” als ein Frühwerk des Verschwörungsglaubens. Angeblich traut sich dort nur ein Kind, die unangenehme Wahrheit auszusprechen, dass der Kaiser angeblich nackt sei, obwohl doch alle Experten seine neuen Gewänder gelobt haben. Laut Wikipedia geht es in dem Märchen “…um Leichtgläubigkeit und die unkritische Akzeptanz angeblicher Autoritäten und Experten zu kritisieren.Aus Furcht um seine Stellung und seinen Ruf spricht wider besseres Wissen niemand, nicht einmal der treueste Minister des Kaisers, die offensichtliche Wahrheit aus.”
    Das ist natürlich alles Unsinn. Das Kind ist offensichtlich ein Verschwörungsmystiker, der die Komplexität der Welt nicht versteht und nur nach einfach Anworten sucht. Der Kaiser ist natürlich nicht nackt sondern trägt wunderschöne Gewänder.

    • Aber nicht doch, @Peter Müller – das Kind akzeptiert und verkündet die empirisch überprüfbare Welt, wogegen sich die feigen Erwachsenen der Wahnwelt eines Möchtegern-Tyrannen unterwerfen.

      Heute gehörte das Kind z.B. zu den „Fridays for Future“ und weiß um die empirische Wahrheit der Klimakrise. Doch viele verschwörungsgläubige Erwachsene wollen lieber weiter glauben, Möchtegern-Tyrann Trump habe noch die Kleider eines Präsidenten an… 😉💁‍♂️

      Lassen Sie uns raten, auf welcher Seite der Geschichte Sie stehen, @Peter Müller? 🤦‍♂️📚🌈

      • “Die empirische Wahrheit der Klimakrise” wird eines Tages neben anderen Märchen in den Geschichtsbüchern landen. Aber ich hab gelernt, dass es ziemlich rational sein kann, mit dem Strom zu schwimmen. Der Strom kann zwar vor Irrationalität strotzen, aber es ist und bleibt ein mächtiger Strom. Nehmen Sie die Finanzmärkte als Beispiel. Jeder halbwegs gescheite Mensch wusste, dass die Bewertungen von Tech-Aktien vor 20 Jahren nicht gerechtfertigt waren. Aber hätten Sie deswegen Aktien wie Cisco Systems 1999 geshortet? Vielleicht. Aber das wär der finanzielle Ruin gewesen, lange bevor Sie richtig gelegen hätten.

        Und aus demselben Grund kann es durchaus rational sein, bei Massenbewegungen wie Fridays for Future mitzuschwimmen. Das weiß jeder, der schon einmal Gustave Le Bon gelesen hat. Investment-Banken wie Goldman Sachs wissen das auch und investieren lieber in die “grüne” Bewegung statt auf den destruktiven Antikapitalismus dahinter hinzuweisen. Die Investoren, die hinter der PR-Marionette Greta stecken sind ja auch nicht dumm. Und selbst ich als Libertärer halte seit Jahren Tesla-Aktien. 😉

        • Ihr Denkfehler, lieber @Lars, liegt darin, dass Sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimakrise leugnen, weil Sie Ihnen nicht in die Ideologie passen (vgl. „Blunting“). Daher erscheint Ihnen „Fridays for Future“ als von bösen Mächten manipulierte Bewegung. Dass jüngere Menschen – und dann auch noch Mädchen – Ihnen gegenüber Recht haben sollten, erscheint Ihnen unannehmbar.

          Übrigens haben Sie sich auch noch nicht zur Wahlniederlage von Trump geäußert, auch hier vertraten wir ja unterschiedliche Prognosen.

          Danke, dass Sie Ihr Ringen mit uns teilen. Ich würde Ihnen wirklich gerne helfen, aber letztlich kann uns allen die immer wieder notwendige Akzeptanz der Realität (einschließlich unseres Alterns) niemand abnehmen. Ich verstehe auch, dass es sich psychologisch oft leichter ohne wissenschaftliche Erkenntnisse leben lässt… 💁‍♂️

          • Ganz und gar nicht. “Leugnen” tu ich nichts. Und ich bin seit frühester Kindheit begeistert von den Wissenschaften, insb. der Luft- und Raumfahrttechnik, Nano- und Gentechnologie, Atomkraft etc. Ich hab’s nur nicht so mit Apokalyptikern und Demagogen, die sich als Wissenschaftler verkaufen. Und auch nicht mit Politikern, die Kobalt mit Kobolden verwechseln. Und gegen junge intelligente Mädchen hab ich erst recht nichts. Naomi Seibt ist großartig. 😉

            An böse Maechte glaub ich auch nicht. Deswegen sprach ich ganz bewusst bei dieser Bewegung nicht von “Hintermännern” oder “Strippenziehern”, sondern von Investoren. Denn die Klimabewegung ist vor allem ein Milliarden-Geschäft. Den Glauben an böse Mächte ueberlasse ich den Apokalyptikern, die an eine finstere Verschwörung der Koch Brothers und der Ölindustrie glauben.

            Echte Wissenschaftler wie Richard Lindzen vom MIT verbreiten denn auch keine Weltuntergangsszenarien und benutzen daher auch keine emotional aufgeladenen Begriffe wie “Klimakrise”.

            Tja ich hätte mir einen Trump-Wahlsieg gewünscht. Trump hat immerhin acht Millionen Stimmen mehr als 2016 bekommen und gerade bei Schwarzen, Hispanics, Asiaten, Juden, Moslems und Homosexuellen stark zugelegt. Sind das nicht die Leute, die ihn laut Wahrheitsministerium angeblich alle hassen?

            Einen schönen Sonntag Ihnen!

          • Wow, @Lars – da haben Sie aber mal wieder um sich geschlagen… Naomi Seibt, Klimaforschung leugnen & „Wahrheitsministerium“, da fehlt ja gar nix mehr… 💁‍♂️

            Wollen Sie uns ggf. verraten, wer nach Ihrer Weltanschauung warum ein „Wahrheitsministerium“ errichtet bzw. anstrebt? Oder fühlen Sie sich schon durch die Frage danach entlarvt? 💁‍♂️💭

          • Oh ganz und gar nicht. Ich fühle mich sogar bestätigt, weil ich durch Begriffe wie “Wahrheitsministerium” genau voraussagen kann, welche Antworten kommen werden, und ich diese in meinem Gegenüber bewusst provoziere. Ein Geisteswissenschaftler, der u.a. auf Verschwörungsmythen spezialisiert ist, ist sehr vorhersehbar und handelt wie der Mann mit dem Hammer, für den alles wie ein Nagel aussieht. Der Experte zu Verschwörungsmythen ist so besessen von seiner Detektivarbeit, dass er oft nicht bemerkt, wie er dem Verschwörungstheoretiker in seiner Paranoia ähnelt. Der Verschwörungstheoretiker sieht ueberall Verschwörungen; der Verschwörungsexperte sieht ueberall Verschwörungstheorien. Könnte das Nietzsche mit seinem Aphorismus zum Abgrund gemeint haben?

            Offtopic: Ich weiß, Sie schauen gerne Serien auf Netflix etc. Ich kann Ihnen The Mandalorian empfehlen (falls noch nicht geschaut). Sie sind ja auch Star Wars-Fan.

          • Klar, @Lars – Sie beobachten mit Sorge das Voranschreiten der Wissenschaften und können inzwischen auch erahnen, dass Ihre wirren Verschwörungsmythen zunehmend leicht durchschaut werden. Und nehmen also Zuflucht zu Naomi Seibt & Co., von denen Sie gefühlt keinen Widerspruch zu befürchten haben. Ist echt nicht schwer vorauszusagen… 😉💁‍♂️🤣

            Auf „The Mandalorian“ freue ich mich, ja. Allerdings gibt es das m.W. bisher nur via Disney Channel zu sehen. Oder wissen Sie da schon mehr?

          • Nur auf Disney. Ist aber monatlich kündbar wie bei Netflix. Und es soll ein Prequel zu Game of Thrones rauskommen, oder ist schon raus.

  11. Jeckenburger, Müller , Blume,
    Möglichkeiten und Grenzen beim Textverständnis,

    Als Beispiel sei hier Jonathan Swift genannt, ein irischer Schriftsteller und sein bekanntestes Werk Gullivers Reisen. Irland war zu jener Zeit von den Engländern besetzt und die englischen Landlords unterdrückten die Iren, verlangten von ihnen englische Sitten und Gebräuche zu übernehmen.
    Swift beschrieb in seinem Werk die englischen Sitten und machte sie so richtig lächerlich. Der englische Adel verstand die Anspielungen und reagierte sehr klug, indem Gullivers Reisen zum Kinderbuch erklärt wurde. Damit war Swifts Buch als Kulturkritik tot.
    Des Kaiser neue Kleider kann auch als Kulturkritik gesehen werden. Als leicht verständliches Beispiel für die Eitelkeit des Menschen in der Form eines Kindermärchens verliert es seinen kritischen Charakter.
    Im Neuen Testament finden sich auch kulturkritische Stellen, die man interpretieren kann und die auch interpretiert worden sind. Aber eben nicht nur. Im Wesentlichen ist die Bibel das Handbuch für die Lebensgestaltung. Und zusätzlich hat Gott jedem Menschen Geist und Urteilskraft verliehen , so dass er zu jeder konkreten Situation die Meinung der Bibel als Vergleich heranziehen kann.

  12. Mona,
    “Bei den Katholiken gilt, dass nur die Kirche die Bibel richtig auslegen kann. Deshalb haben die Pfarrer in der Regel auf alles eine Antwort parat.”

    Das war mal so. Ich habe bis vor einem Jahr Kirchentourismus betrieben, ich bin jeden Sonntag in eine andere Gemeinde zu einem anderen Pfarrer oder Pfarrerin gegangen. Zwischen Katholiken und Protestanten habe ich als Ungetaufter keinen Unterschied gemacht.
    Es ist nicht so, dass die Pfarrer eine eindeutige Antwort geben. Ein Pfarrer hat sich sogar dazu verstiegen zu behaupten, das Tötungsverbot gelte für den Staat nicht. Zwischen ihm und mir kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung.

    Was der Muslim fühlt, das fühlt auch der Christ. Er fühlt sich bei Gott geborgen.
    Wenn es einen Gott gibt, dann gibt es nur den einen Gott für alle Menschen , unabhängig davon, was der Mensch denkt, wie der Mensch denkt. !!!!!!!

    • @hwied

      Zum fünften Gebot: Ich weiß nicht wie der (katholische?) Pfarrer damals argumentierte. Ursprünglich wurde das Bibelzitat ja mit „Du sollst nicht morden“ übersetzt. Auf der Website der Erzdiözese Wien wird jedoch von einer Weiterentwicklung berichtet: „Ursprünglich bezieht sich das Gebot ausschließlich auf das Tötungsverbot von Stammes-und Familienmitgliedern und wurde wahrscheinlich formuliert, um das gegenseitige Töten zwischen Angehörigen verschiedener Sippen im Rahmen der Institution Blutrache einzuschränken. Gegenüber älteren Versionen des Verbots, die sich immer auf einen konkreten Fall bezogen, ist das apodiktisch formulierte Verbot „Du sollst nicht töten“ eine Weiterentwicklung, da der Satz kein Objekt enthält.
      ExegetInnen vermuten, dass sich hier bereits eine spätere Entwicklung innerhalb des Alten Testaments andeutet: Das Verbot richtet sich nicht mehr nur an männliche israelitische Vollbürger in bestimmten Situationen, sondern ist grundsätzlich gemeint und richtet sich an alle Menschen. Ursprünglich jedoch war das Verbot nicht so universal gemeint, wie es heute häufig interpretiert wird. Das Töten von Tieren und Pflanzen ist für das Alte Testament grundsätzlich ebenso erlaubt wie auch das Töten im Krieg oder die Tötung als Strafe für einen schuldig gewordenen Menschen. Das fünfte Gebot setzt also, wie alle Gebote, eine bestehende Rechtsordnung voraus.“

      Quelle: https://www.erzdioezese-wien.at/10-gebote/5-gebot

      • Ebenso das achte Gebot. Es geht nicht um das Lügen, sondern um falsche Aussagen gegen einen Anderen vor Gericht.
        Das setzt natürlich auch eine bestehende Rechtsordnung voraus.

  13. @hwied 21.11. 11:08 / 13:53

    „Und zusätzlich hat Gott jedem Menschen Geist und Urteilskraft verliehen , so dass er zu jeder konkreten Situation die Meinung der Bibel als Vergleich heranziehen kann.“

    Die Meinung der Bibel ziehe ich aber trotzdem meistens nicht heran, auch nicht als Vergleich. Mir reicht meine eigene Erfahrung, und auch die Erkenntnisse von Psychologie, Soziologie und Philosophie finde ich inspirierend.

    „Was der Muslim fühlt, das fühlt auch der Christ. Er fühlt sich bei Gott geborgen.“

    Ich fühle mich im kosmischem Geist geborgen, damit Verbunden und davon Inspiriert, ohne dafür Abrahamitischen Glauben bemühen zu müssen. Klar sind diese Traditionen auch eine Grundlage der aktuellen Kultur, aber die modernen Zeiten führen doch weit darüber hinaus, finde ich. Insbesondere belastet die historische Neigung der Kirchen zum Patriarchat und zur Unterstützung von Feudalherrschaft meine Beziehung zu den Traditionen.

    „Wenn es einen Gott gibt, dann gibt es nur den einen Gott für alle Menschen , unabhängig davon, was der Mensch denkt, wie der Mensch denkt. !!!!!!!“

    Ähnlich wie die Naturwissenschaften feststellen, dass ihre entdeckten Naturgesetze auch schon existent und wirksam waren, bevor man sie entdeckt hatte, so vermute ich, dass die tatsächlichen Eigenschaften der Geisteswelten ebenfalls vom Menschen und seiner Kultur unabhängig sind. Wenn es einen „Gott“ gibt, der im Universum wesentlich mitspielt, dann ist der auch von Anfang an dabei.

    Dennoch ist der Glaube des Menschen natürlich wesentlich für seine eigene psychologische Konstitution, und hier wiederum sogar teils unabhängig davon, wie es um die Geisteswelten draußen in der Wirklichkeit bestellt ist.

    Die Idee von dem einen Gott führt dann vielleicht weiter zur Idee von der einen Geisteswelt, die vor uns Menschen schon da war, und uns Menschen einläd, uns auch mitfühlend, denkend, wollend und handelnd an ihrer Agenda in der aktuellen kritischen Lage der Welt zu beteiligen. Das Wie dieser Agenda ist eher eine Frage der Naturwissenschaft, das Warum eher Eine der Geisteswissenschaft, und unser eigenes Leben ist da mittendrin. Das ist eben das Leben, dass als Mensch zu leben möglich ist.

  14. Vorbemerkung:
    Bin leider erst jetzt auf diesen Text aufmerksam geworden und will jetzt nicht den ganzen Kommentarthread durcharbeiten. Falls schon andere dasselbe angemerkt haben sollten, bitte ich um Nachsicht für den folgenden Kommentar:

    Sowohl einen der weltgrößten größten Antijudaisten einschließlich seiner „Judensäue“ als auch diverse „Hitlerglocken„ in heutigen Kirchen darf man mit gutem Gewissen „hermeneutisieren” , der kleine (spät-) pubertierende Hakenkreuzschmierer wird aber strafrechtlich abgeurteilt ?

    Und : Wenn das „Hermeneutisieren“ eine zulässige Praxis zur „Modernisierung“ eigentlich menschenverachtender aber früher gängiger Anschauungen ist, damit man sie nicht ganz aus der Geschichte „verbannen“ muss, dann ergibt sich die peinliche Frage, ob nicht auch heutigen Rechten erlaubt werden muss, diese Praxis zur Hinüberrettung „altfaschistischer „ Naziideologie“ in die „moderne Gegenwart“ anzuwenden.

    Ich verstehe zwar, dass sich protestantische Antisemitismusbeauftragte angesichts der Historie der „Deutschen Christen“ zwangsläufig und fast unrettbar in übergroße Fallstricke verheddern MÜSSEN. Aber könnten es diese nicht wenigstens so elegant anstellen, dass man sich beim Lesen nicht fast schon auf den Arm genommen vorkommt.

    Man könnte das alles als (intellektuelle) Kuriosität abtun. Ist es aber nicht, denn:
    „Die Rechten“ sowieso , aber auch einfach nur kritisch und „nichtschizophren” denkende liberale bis linke „Normalbürger“ werden wohl etwas ins Grübeln kommen. Und zwar auch deswegen:

    Muss man den Rechten eigentlich fahrlässig solche Steilvorlagen zu Füßen legen?

    • Nö, @little Louis, diese Podcast-Folge eignet sich nicht als „Steilvorlage“ für Manipulateure. So ist klar erkennbar, wie schein-clever Sie die Unterschiede zwischen Rechten, Rechtsextremisten & Nationalsozialisten zu verwischen versuchen. Klar, dass Hermeneutik bei diesem Ansatz in den Relativismus führt.

      Wenn Sie sich jedoch auch nur einen Moment gedanklich anstrengen, können Sie erkennen:

      1. Ja, demokratisch-rechte Anliegen wie „Heimat“ und „Familie“ lassen sich hermeneutisch weiterentwickeln – wenn beispielsweise das „Recht auf Heimat“ (wie in der Landesverfassung Baden-Württemberg im Hinblick auf die damaligen Heimatvertriebenen verankert) auch für heutige MigrantInnen anerkannt oder die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften geöffnet wird.

      2. Rechtsextreme und nationalsozialistische Inhalte lassen sich nicht demokratisch integrieren, aber hermeneutisch kontextualisieren. So arbeite und lerne ich viel mit der kritisch kommentierten Edition von Hitlers „Mein Kampf“ durch das Institut für Zeitgeschichte. Hier kann ich die Psychologie, die (Verschwörungs-)Mythologie und auch schlicht die Lügen des #Antisemitismus erfassen, nachvollziehen und mit heutigem Antisemitismus (wie ja auch Sie ihn immer wieder vorbringen) abgleichen.

      Aus der Geschichte zu lernen heißt eben nicht, zu verdrängen & zu vergessen, sondern bewusst & differenziert einzuordnen. Wagen Sie das gerne, es würde auch Ihnen weiterhelfen!

  15. little Louis,

    Was Hermeneutik bedeutet wird erst klar, wenn wir die beiden Extremmeinungen betrachten.
    1. Martin Luthers Meinung: Alles was in der Bibel steht ist aus dem Bibeltext selbsterklärend.
    2. Moderne Meinung: Die hermeneutische Deutung steht im Kontext mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften.
    Wenn man also Hermeneutik bei den Texten, z.B. Hitlers Mein Kampf oder Rosenbergs Mythos des 20 . Jahrhunderts, verwendet , dann besteht nicht die Gefahr der nachträglichen Verherrlichung oder Rechtfertigung oder Bagatellisierung, weil eben die Schriften der Nazis im offenen Widerspruch zu geltendem Recht und auch dem Völkerrecht stehen.

  16. Eine (speziellere!) Art von H. ist als “Rechtfertigungshermeneutik” ein Ur- Ur- Ur- alter Theologen- Trick. Und wird in Bezug auf Christentum und Judentum auch heute noch immer gerne bemüht. Ganz besonders intensiv seit einiger Zeit aber bezüglich des Islam. Und zwar von nahezu allen “Fronten” in diesen Kontroversen.
    Deswegen schrillen bei mir bezüglich des H. – Begriffes immer manche Alarmglocken.Obwohl ich natürlich weiß, dass es auch eine etwas andere – philosophische – bzw. literaturwissenschaftliche Hermeneutik gibt.

  17. little Louis,
    Rechtfertigungshermeneutik ist ein gutes Stichwort. Wir können aber einem Großteil der Menschen zutrauen, dass sie eben nicht nur lesen, was sie lesen wollen, sondern sich eine eigene Meinung bilden, wenn Heilsversprechen nicht mit der Realität übereinstimmen.
    In Weißrussland protestieren ja gerade die Frauen, im Iran protestieren sie auch. Ich denke Frauen sind nicht so anfällig für Ideologien, die denken eher praktisch.

  18. @little Louis 22.11. 17:12

    „Und : Wenn das „Hermeneutisieren“ eine zulässige Praxis zur „Modernisierung“ eigentlich menschenverachtender aber früher gängiger Anschauungen ist, damit man sie nicht ganz aus der Geschichte „verbannen“ muss, dann ergibt sich die peinliche Frage, ob nicht auch heutigen Rechten erlaubt werden muss, diese Praxis zur Hinüberrettung „altfaschistischer „ Naziideologie“ in die „moderne Gegenwart“ anzuwenden.“

    Ich glaube, wir hatten Hermeneutisieren so verstanden, dass man alte Mythen mit modernen Erkenntnissen der Wissenschaften neu in Beziehung setzt und diese Mythen dann so neu einordnet.

    Die meisten Rechtsnationalen treten aber gerade an, um eben die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Klimawandels oder des Coronavirus ins Reich der Fantasie zu vertreiben. Das ist dann wohl ganz klar das völlige Gegenteil von Hermeneutik, scheint mir. Die Konstanz der neuen Rechten im Vergleich zur historischen NSDAP ist hier offenbar diese riesige Unredlichkeit, und eben eine gewisse kriminelle Energie, die man dahinter vermuten kann.

    Eine ehrliche Hermeneutik angewendet auf Rechtsnationale Gesinnung wäre vielleicht, einfach einen Schwerpunkt auf weniger Ausländer zu setzen, und dies so zu begründen, dass es auch den Wirklichkeiten entspricht. So wäre es m.E. eine akzeptable Maßnahme, verfassungsfeindlichen Asylbewerbern die Migration zu verwehren, soweit das rechtlich praktikabel ist. Pauschal alle Muslime als Demokratiefeindlich zu verurteilen, bleibt dagegen unredlich, weil es eben nicht so ist.

  19. @ hwied und zu:

    “…. Ich denke Frauen sind nicht so anfällig für Ideologien, die denken eher praktisch…..” (Zitatende)

    Wenn es nur so einfach wäre. Beim “Glauben” geht es nur zum kleineren Teil um (rationalere) philosophische Überlegungen über Metaphysik oder Ethik/ Moral. Die allermeisten “Gläubigen” benutzen ihre diesbezügliche Ideologie als eine Art von Psychotherapie oder wenigsten als psychologische Persönlichkeitsstütze. Ahnlich wie andere (verschiedene Arten von ) Kunst” benutzen. Man kann dazu stehen, wei man will.
    Gerade auch (sehr viele ?)Frauen sollen dafür anfällig sein – eine Behauptung/Vermutung, die vermutlich nicht allein auf Vorurteilen bruhen dürfte.
    Und gerade bei diesr “Verwendungsweise” von Religion oder Spirizualität ist man äußerst anfällig für “ideologisches Denken”. Denn da macht es besonders “süchtig”. (-:

    • @little Louis

      Für Österreich gibt es eine Statistik (die Zahlen für Deutschland dürften aber ähnlich ausfallen), die Ihren Kommentar stützt:
      https://www.derstandard.at/story/2000077112169/in-oesterreich-glauben-mehr-menschen-an-esoterik-als-an-gott
      Zusammenfassend könnte man feststellen, dass sich die religiöse Landschaft aktuell in einem Wandel befindet und der Einfluss der etablierten Kirchen immer mehr abnimmt. Viele Menschen praktizieren eine Art spirituellen Synkretismus, der sich aus verschiedenen Glaubensrichtungen, Esoterik und Wunderglauben speist. Frauen sind diesbezüglich etwas anfälliger als Männer. Dies dürfte wohl damit zusammenhängen, dass für Frauen Religion von Hause aus eine größere Bedeutung hat:
      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/715927/umfrage/umfrage-zur-bedeutung-von-religion-und-glauben-nach-geschlecht/

      • @Mona

        “Zusammenfassend könnte man feststellen, dass sich die religiöse Landschaft aktuell in einem Wandel befindet und der Einfluss der etablierten Kirchen immer mehr abnimmt. Viele Menschen praktizieren eine Art spirituellen Synkretismus,…”

        Das war schon immer so, auch in der alten Kirche; aber auch im Alten Testament.
        Die Propheten Elia und Jeremia sind dafür Beispiele; möglicherweise auch schon Hosea.

  20. So, it turns out that most rabbinical exegeses bordering on the Jewish oral law and what not are actually put on leash by the very sentinels of said tradition.
    This is not only the most glaring characteristic of redundancy, but also speaks to the general feeling in published academia that many “scrolls” will yet make less future impacts as the green reeds along the Nile.

  21. Hermeneutics is the biggest turnoff for people who express any amount of religious affiliations because this time they don’t get to own the story.
    One essence in which the recurring thoughts in many societies have been conveyed is bigotry. And this is unavoidable, from the case of Tyndale (exclusive Vatican possession of scriptures/scriptural texts), to that of Imams issuing Fatwas, and ghastly terrorist attacks on alleged infidels.
    Deploying the tools of science and logic to analyze religious scripts has always amounted to irreligion. Such will always be the domain of the secular world.

  22. little Louis
    “Art von Psychotherapie oder wenigsten als psychologische Persönlichkeitsstütze.”
    Erschreckt dich das Wort “psycho” ?
    Religion ist auch eine Persönlichkeitsstütze, was denn sonst ?
    Die geschundene, erniedrigte Frau, die bekommt in der Kirche die Ruhe und die Zuwendung, die sie braucht und auch verdient hat.
    Übrigens, die Mehrzahl der Kirchenbesucher sind Frauen und das kannst du positiv sehen.

    Männer putzen in dieser Zeit ihren Opel Manta oder jetzt den Tesla 3, (Kommentar überflüssig)

    • Männer putzen in dieser Zeit ihren Opel Manta oder jetzt den Tesla 3, (Kommentar überflüssig)

      Der kürzeste Mantawitz lautet:

      steht ein Manta vor der Uni

      Gruß
      Rudi Knoth

    • Nun der Opel Manta galt ja nach den “Manta-Filmen” als Fahrzeug für nicht besonders gebildete junge Männer. Also man schloß damals aus, daß der Fahrer Abitur haben könnte.

      Gruß
      Rudi Knoth

  23. Alubehüteter,
    Esotheriker, Homöopathen, Impfgegner und Rechte in einen Topf zu werfen, dass ist dann die gleiche Methode, die die Nazis anwandten.

    Impfpflicht kann man per Gesetz anordnen, das ist vernünftig und notwendig.
    Esotherik und Homöopathie soll man nicht verdammen, weil sie keinen großen Schaden anrichten.
    Die Rechten , die kann man immer noch ächten, weil sie das Gedankengut der Nazis verbreiten.

    • Es geht nicht darum,

      Esotheriker, Homöopathen, Impfgegner und Rechte in einen Topf zu werfen

      sondern darum, überhaupt erst mal Zusammenhänge zu sehen. Esoteriker nimmt man doch erst einmal eher Hippie-mäßig wahr, also tendenziell eher links. Man fragt sich, wo und ob ihr Denken irgendwie anschlußfähig ist für rechte Positionen, wo sie sich jedenfalls nicht scheuen, mit ihnen zusammen zu demonstrieren.

  24. @Alubehüteter 29.11. 20:12

    „Es geht nicht darum, Esotheriker, Homöopathen, Impfgegner und Rechte in einen Topf zu werfen, sondern darum, überhaupt erst mal Zusammenhänge zu sehen.“

    Naja, wenn die recht spontan zusammen gegen eine Sache sind, da sind die womöglich selbst etwas irritiert, wem sie da auf den Demos über den Weg laufen.

    Ich selbst kann mich an eine Riesendemo in Bonn erinnern, das war wohl ca. 1991 und das ging gegen den Golfkrieg. Da liefen mir auch eine Gruppe Scinhaeds über den Weg mit Anti-Israelischen Bannern. Da kam auch zunächst, wohl aus Überraschung, keiner auf die Idee, sich davon aktiv zu distanzieren und die mal anzupöbeln.

    Und war nicht in Italien vor Jahren eine Koalition aus Linksradikalen und Rechtsradikalen an der Regierung? Vermutlich schon, weil sie einfach mal zusammen eine Mehrheit im Parlament hatten.

    Die aktuellen Anticoronademonstranten jedenfalls sind mutmaßlich eben alles Leute, die die Gefahr von Covid19 gegenüber den Nebenwirkungen der Gegenmaßnahmen ganz anders einschätzen als Medien und Politik, aber das wohl teils aus ganz verschiedenen Gründen.

    Ich finde, hier kann man durchaus recht verschiedener Ansicht drüber sein. Wer hier als Kleinselbstständiger inzwischen mit seinem Lebenstraum Insolvent geworden ist, und man die zugänglichen Informationen so einschätzt, dass die Sterblichkeit an Corona meistens Menschen betrifft, die ohnehin eher nur noch Monate als Jahre vor sich gehabt hätten, der kann sich wirklich die Haare raufen, wie hier eine irrationale Massenpanik alles auf den Kopf stellt.

    Was Esoteriker, Homöopathen, Impfgegner und Rechte verbindet ist sicher auch, dass die alle in den Mainstreammedien und auch von Seiten der Wissenschaften gar nicht gut wegkommen. Diese Ablehnung hat sicher auch gute Gründe, aber das kann dann eben auch verbinden.

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