Verschwörungsfragen 35: Karl Popper und George Soros zwischen Liberalismus und Verschwörungsglauben

Auch bei mir hat das Podcasten ein Vorurteil zertrümmert: Lange hatte ich mir einreden lassen, “die Deutschen” würden sich überhaupt nicht mehr für Philosophie interessieren, man(n) solle es besser einfach halten. Aber sowohl zum Podcast “Verschwörungsfragen” wie auch zum Buch “Verschwörungsmythen” gab es die meisten konstruktiven Reaktionen – Lob wie auch kritische Anfragen -, sobald die Folgen auch etwas tiefer gingen. Und auch die aktuelle Folge des Podcasts zu dem Erkenntnistheoretiker Karl Popper und dessen bekanntestem Schüler George Soros fand schon Zuspruch, bevor ich den Text hier überhaupt bloggen konnte!

 

Tweet & Retweet zur neuen Podcast-Folge. Screenshot: Michael Blume

Hier finden Sie nun also wieder den Link zur Podcast-Folge auf podigee, abrufbar auch wieder via Spotify, Deezer usw. Das Text-pdf zu Folge 35 von “Verschwörungsfragen” finden Sie per Klick hier.

Vor wenigen Tagen sprach der Virologe und KlarText-Preisträger Christian Drosten im Deutschlandradio davon, dass „Verschwörungstheorie“ das „falsche Wort“ für jene Erzählungen sei, die besser als „Verschwörungsmythen“ bezeichnet werden müssten. Als erfahrenem Wissenschaftler stelle sich ihm – Zitat – „diese Frage gar nicht, woran man das erkennen kann.“ – Zitat Ende –

Diese überaus erfreuliche Interview-Minute auf dem Instagram-Account vom Deutschlandfunk vom 11. Dezember erinnerte mich an Fragen von Leserinnen und Hörern zu Karl Popper. Einigen war – zu Recht – aufgefallen, dass ich immer wieder in den höchsten Tönen von diesem Erkenntnistheoretiker sprach, ausgerechnet aber in meiner Kritik am Platonismus nicht Poppers „Offene Gesellschaft“, sondern Blumenberg angeführt hatte. Ich hatte damals versprochen, einmal eine Podcast-Folge speziell zu Popper zu machen – und dieses Versprechen löse ich hiermit ein.

Denn ich halte den großen Liberalen persönlich für den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts – und beobachte, dass jeder Liberalismus ohne Popper in Dualismus, Verschwörungsglauben und schließlich Antisemitismus zurückzufallen droht. Ich habe jedoch auch gelernt, dass wir Popper nur dann ernstnehmen, wenn wir auch ihn an sich selbst messen.

Karl Popper wurde 1902 in einer jüdischen Familie in Wien geboren, die zum Christentum konvertierte. Als jugendlicher Vielleser brach er die Schule ab und hörte Vorlesungen an der Universität. Zeitweise schloss er sich einer marxistischen Gruppe an, erkannte aber nach blutigen Konflikten die Menschenverachtung autoritärer Ideologien. Er kehrte an die Schule zurück, machte sein Abitur – die Matura – und absolvierte eine Tischlerlehre. 1928 promovierte der junge Popper in Psychologie, lehrte und begründete die Grundlagen des Falsifikationsprinzips zur Unterscheidung von empirischer Wissenschaft und Metaphysik. Er arbeitete als Hauptschullehrer und wurde von einer Kollegin, Josefinne Anna Henninger, genannt „Hennie“, geheiratet. Als liberaler Demokrat stellte er sich an die Seite der empirischen Wissenschaften wie der Physik sowohl gegen rechten wie linken Extremismus und arbeitete mit lebenslangen Freunden wie Friedrich August von Hayek (1899 – 1992) zusammen. Gemeinsam mit Hennie gelang auch ihm 1937 im letzten Moment die Flucht nach Neuseeland vor den Nationalsozialisten, die 16 seiner Angehörigen aus antisemitischen Motiven ermordeten.

Als Universitätsdozent in Christchurch verfasste Popper das monumentale, zweibändige „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Ab 1949 wurde Popper Professor für Logik und Wissenschaftliche Methodik an der London School of Economics. Zu seinen bekanntesten Schülern gehörte der Holocaust-Überlebende und spätere Milliardär George Soros, der seine Stiftung nach Poppers Werk „Open-Society-Foundation“ nannte. Ein erheblicher Teil des heutigen Antisemitismus wendet sich direkt gegen Soros und die Entdeckungen Poppers. Dieser wurde 1965 von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen und starb 1994 neun Jahre nach seiner Frau im Alter von 92 Jahren in England. Lady und Sir Popper teilen sich ein Ehrengrab auf dem Lainzer Friedhof in Wien.

Die wohl größte und wirksamste Leistung Poppers lag in der Formulierung des Falsifikationsprinzips: Eine wissenschaftliche Theorie ist nur dann eine wissenschaftliche Theorie, solange sie überprüfbar und dadurch auch widerlegbar gehalten wird. Genau dadurch lässt sich empirische Wissenschaft von anderen Erzählformen abgrenzen. Und aus genau diesen Gründen konnte Popper bereits direkt nach dem zweiten Weltkrieg vor der Gefahr sogenannter „Verschwörungstheorien“ warnen, die er als „Aberglaube“ erkannte. Weil er auch hierbei Recht bekam, kämpfe ich mit immer mehr anderen um den präziseren Begriff der „Verschwörungsmythen“, englisch „Conspiracy myths“. Wer beispielsweise von „antisemitischen Verschwörungstheorien“ spricht, hebt bizarre, judenfeindliche Verschwörungsvorwürfe leichtfertig auf eine Stufe mit ernsthaften Forschungen etwa in den Bereichen der physikalischen Relativitätstheorien oder der Evolutionstheorie.

Entsprechend lieben es Verschwörungsgläubige, sich selbst als „Verschwörungstheoretiker“ zu adeln und unwahr zu verbreiten, dieser Begriff sei nach der Ermordung von US-Präsident Kennedy durch die CIA auch den deutschen Medien vorgeschrieben worden. In Folge 10 dieses Podcasts wurde dieser Verschwörungsmythos bereits aufgeklärt.

Doch Popper war auch alles andere als ein stumpfer Reduktionist oder Körper-Geist-Dualist. Stattdessen entwickelte er eine 3-Welten-Theorie, nach der wir als Menschen 1. In der physischen Welt leben, darüber aber 2. eine eigene Welt, individueller, bewusster Wahrnehmungen aufspannen die wiederum mit der 3. Welt geistiger und kultureller Entdeckungen wie Symbolen, Schriften, Theorien und Formeln interagiert. Als Beispiel nannte Popper hierzu die Primzahlen, die sich gerade nicht nach menschlichen Wünschen richten, sondern entdeckt wurden und werden.

„Die Welt ist nicht rational.“, schrieb Popper und fuhr fort: „Es ist aber die Aufgabe der Wissenschaft, sie zu rationalisieren. […] Denn ein unkritischer Rationalismus kann behaupten, dass die Welt rational sei und daß es die Aufgabe der Wissenschaft sei, diese Rationalität zu entdecken, während ein Irrationalist geltend machen wird, daß die Welt, die im Kern irrational ist, erfahren und ausgeschöpft werden sollte durch unsere Gefühle und Leidenschaften (oder durch unsere intellektuelle Intuition), nicht aber durch wissenschaftliche Methoden. Im Gegensatz dazu wird der pragmatische Rationalismus anerkennen, daß die Welt nicht rational ist, er wird aber verlangen, daß wir sie so weit wie möglich der Vernunft unterwerfen.“ Dazu zitierte Popper Rudolf Carnap (1891 – 1970): „Es ist die Gesinnung, die überall auf Klarheit geht und doch dabei die nie durchschaubare Verflechtung des Lebens anerkennt.“ (Popper 1945,1992, Band II, S. 482)

Nach meiner Erfahrung sind viele Kolleginnen und Kollegen völlig verschiedener Disziplinen beeindruckt, wenn sie diese Definition Poppers das erste Mal lesen oder hören. Für mich persönlich kann ich sagen: Nirgendwo habe ich meine täglichen Erfahrungen und Herausforderungen als Religionswissenschaftler am Beginn des 21. Jahrhunderts besser wiedergefunden als in dieser Definition des „pragmatischen Rationalismus“.

In Poppers umfangreichem Werk finden sich darüber hinaus viele weitere Schätze wie seine liberale Betrachtung der Philosophie. Darin wandte er sich scharf gegen eine abgehobene „Berufsphilosophie“ und betonte wörtlich: „dass alle Menschen Philosophen sind, wenn auch manche mehr als andere.“ (Popper 1987/2014, S. 194)

Nach seiner Auffassung bildete die „Erkenntnistheorie“ das „Kernstück der Philosophie, und zwar der unkritischen populären Philosophie des Alltagsverstandes wie auch der akademischen Philosophie.“ (ebd. S. 204) Hier entscheide sich für alle Menschen, welche „Haltung gegenüber dem Leben und dem Tod“ sie „einnehmen.“ (ebd. S. 210)

So rühmte Popper Sokrates, wies aber Platon scharf zurück, stellte sich zum Liberalismus, aber gegen Nationalsozialismus und Marxismus. Für Popper gibt es nicht nur „gutes“, sondern auch gefährliches Philosophieren samt Abstürzen in den Antisemitismus wie etwa bei dem im Podcast ebenfalls bereits thematisierten Martin Heidegger.

In „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ wandte sich Karl Popper in Band 1 gegen Platonismus und Nationalsozialismus, in Band 2 gegen die „falschen Propheten“ Hegel und Marx.

Und ich teile die Auffassung von Bruno Heidlberger, dass die „Studien der Frankfurter Schule und Karl Poppers Die offene Gesellschaft“ bei der Überwindung von Verschwörungsmythen im 20. Jahrhundert „eine große Rolle gespielt“ haben (In: Aufklärung & Kritik 2/2021, S. 204). Allerdings teile ich auch die Kritik von Thomas Schölderle, dass Popper gerade in seinem Platon-Band „die selbstgelegte Messlatte deutlich gerissen“ habe.

Um Hitler zu treffen wählte Popper den alten Griechen Platon. Und er erkannte meines Erachtens zu Recht, dass der Platonismus immer wieder anfällig war für Varianten vermeintlich ewiger und verborgener Wahrheiten, für Gnosis und Wissenschaftsfeindlichkeit, für Verschwörungsmythen, Rassismus und dann auch Antisemitismus. Allerdings beging Popper dabei genau den Fehler, den er Platon vorwarf: Er entwarf einen vermeintlich ewigen, gar nicht anders auslegbaren, sozusagen „platonischen Platon“. Dazu zitierte Popper oft einseitig aus Platons Dialogen, projizierte neuzeitliche Begriffe wie „Rasse“ oder sogar „Konzentrationslager“ in die antiken Schriften zurück und überging ausgerechnet Platons erkenntnistheoretisches Hauptstück, das Höhlengleichnis.

Noch einmal: Auch ich halte den Platonismus für anfällig und habe ihn auch öffentlich in der viel beachteten KAS-Studie „Für Freiheit – und Antisemitismus?“ als die problematische Grundströmung hinter Teilen der Anthroposophie und Abspaltungen des Pietismus identifiziert, aus denen die zunächst süddeutsche Verschwörungsbewegung der sogenannten „Querdenker“ entstand.

Allerdings ist es eine Sache, festzustellen, dass die Auslegungen des Platonismus für Verschwörungsmythen missbraucht werden – oder zu behaupten, dass dies notwendig so sein müsste.

Als Zeugin einer fairen Verteidigung rufe ich zum Beispiel die große Schweizer Philosophin Jeanne Hersch (1910 – 2000) auf, die in „Das philosophische Staunen“ von 1981 einen ganz anderen Platon vorstellte. So rühmte sie, Platons Höhlengleichnis sei „der berühmteste und schönste“ seiner „Mythen“. Auch wenn ich ihr im Verschweigen von Platons „Gauklern“ im Höhlengleichnis nicht folgen würde, konnte Hersch zu Recht auf die erkenntnistheoretische Demut des Philosophen verweisen: Platon schreibt das Gleichnis seinem Lehrer Sokrates zu, der darin wiederum einräumt, dazu selbst noch kein gesichertes Wissen zu besitzen. So wird der Philosoph bei Hersch ganz anders als bei Popper zu einem großen Wegbereiter der offenen Erkenntnissuche, ja der „Naturwissenschaft“ selbst.

Hier ist zu beobachten, dass es bei jedem Text notwendig zu völlig unterschiedlichen Lesarten kommt. Platon lässt sich ebenso vielschichtig lesen und deuten wie andere religiöse und philosophische Werke der oft so genannten „Achsenzeit“, des ersten Jahrtausends vor Christus. Die in Folge 33 gewürdigte Auslegungskunst – die Hermeneutik – basiert auf Vielfalt und bringt Vielfalt hervor. Und niemals, wirklich niemals sollten wir Extremisten den Gefallen tun, sie als die einzigen, legitimen Erben eines antiken Textes der Religion oder Philosophie anzuerkennen.

Wir verstehen Poppers Platon-Buch besser, wenn wir auch die Umstände seiner Entstehung betrachten. Es entstand, wie Popper 1942 selbst aus Neuseeland an den bereits erwähnten Carnap schrieb, als „Kriegsbeitrag“ zum „besseren Verständnis des Faschismus und seiner Gefahren“. Gemeinsam mit seiner ihn unterstützenden Frau ging Popper an die finanziellen und auch körperlichen Grenzen, um diese Abrechnung fertig zu stellen. Mit dem Angriff Japans auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 drohte auch noch der Post- und Telegramverkehr zwischen Neuseeland, den USA und Großbritannien abzureißen, der ohnehin einen großen Teil seines Dozentenlohnes verschlang.

Am 29. Juni 1943 schrieb Popper einem Freund: „Ich habe so viel für Telegramme ausgegeben, daß wir unsere Schulden nicht mehr bezahlen können. Ich wage es nicht, in der Universitätskantine zu essen, und wir wagen es nicht, ein Feuer anzumachen.“ Einem anderen Freund berichtete er von Depressionen und Zahnausfall. Seine Frau Hennie schrieb im Juli 1943: „In den letzten drei oder vier Monaten befand er sich in einem Zustand fast völliger Erschöpfung; er wollte nicht ins Bett gehen, weil er nicht schlafen konnte. Einige Male bekam ich furchtbare Angst, weil er plötzlich auf einem Auge nichts mehr sehen konnte. Aber er saß da und schrieb immer weiter, und ich tippte und tippte es immer wieder, mehrere hundert Mal.“ Als das Buch dann endlich fertig war, „gingen wir an die See und aßen soviel Eis, wie wir wollten.“ (Popper 1945,1992, Band I, S. 448 – 455)

Ich zitiere dies so ausführlich, um zu zeigen, dass auch geistige Arbeit nicht immer das leichte Geschäft ist, als dass es von Ignoranten oft hingestellt wird. Popper war ein großer, in meinen Augen sogar der bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts – aber auch er war ein Mensch in seiner Zeit, auch er kannte Emotionen und schrieb ein Buch als „Kriegsbeitrag“, das immer noch bedeutend, aber nicht fehlerfrei zu nennen ist.

Erst Hans Blumenberg (1920 – 1996) sollte es im „Arbeit am Mythos“ von 1979, im „Höhlenausgänge“ von 1989 und im erst 2020, lange nach seinem Tod erschienenen „Realität und Realismus“ gelingen, die Tiefe, Vielfalt und auch Gefahr von Platons Höhlenmythos und Erkenntnistheorie auszuloten. Deswegen habe ich mich in der Kritik am Platonismus auf ihn statt auf Popper gestützt – und deswegen bin immer noch dankbar und bewegt, dass dies mehreren aufmerksamen Leserinnen und Hörern aufgefallen ist.

Denn neben all dem Geschrei von QAnon-Qultisten, Antisemiten und anderen Verschwörungsgläubigen gibt es offensichtlich auch sehr viel mehr ehrlich philosophisch Interessierte. Dass wir alle Philosophen sind, sein müssten – diese Aussage Poppers finde ich bei vielen von Ihnen immer wieder bestätigt.

Warum also sollte uns Popper zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch interessieren? Nun, ich habe leider fast täglich mit Menschen zu tun, die sich als „liberal“, „freiheitlich“ oder „libertär“ verstehen, aber Popper ignoriert und sich zu Verschwörungsgläubigen zurückentwickelt haben. Sie sind der völlig unhistorischen Auffassung, dass es in einer nicht näher bestimmten, paradiesischen Vorzeit einmal einen absoluten Markt und ein absolutes Geld gegeben habe, die dann durch eine staatlich-religiöse Verschwörung korrumpiert worden seien.

So erhob der Finanzverwalter Max Otte schon im Mai bei der inzwischen vom Verfassungsschutz beobachteten Querdenken-Gruppe in Stuttgart den Vorwurf, Zitat: „Corona und Bargeldabschaffung sind zwei Seiten einer Medaille. Das sind Geschäftsmodelle. […] Da stehen finanzstarke Lobbys dahinter. Da stehen auch leider viele Politiker dahinter. Da steht eine ganz starke… Kräfte dahinter.“ – Zitat Ende – Ich halte diesen geldbezogenen Verschwörungsvorwurf in Verbindung mit einer Pandemie für verantwortungslos und habe dies unter anderem im ZDF-Morgenmagazin auch so angesprochen.

Auch der Degussa-Mitarbeiter und libertäre Intellektuelle Thorsten Polleit formulierte noch 2019 in „Mit Geld zur Weltherrschaft“ gegen jede historische Erkenntnis: „Das Geld ist spontan im freien Markt, ohne Dazutun eines Staates, entstanden.“ (S. 18)

Dagegen richte sich, so Polleit, aber eine Weltverschwörung des „Kulturmarxismus“ und „politischen Globalismus“, die „nicht nur von der politischen Linken“ betrieben werde. (S. 82 – 83) Laut Polleit hätten sich hinter diese Weltverschwörung, – Zitat -: „viele Interessen versammelt, die teilweise ganz unterschiedliche Zwecke zu verfolgen scheinen: Befürworter des Wohlfahrtsstaates, soziale Marktwirtschaftler, Interventionisten, Antikapitalisten, christliche Sozialisten, Staatssozialisten, Syndikalisten, Kulturmarxisten, Umweltaktivisten und Ökologisten, politische Globalisten, Keynesianer und wie sie alle heißen.“

Schon sind wir mitten im dualistischen Mythos des ewigen Kampfes zwischen Gut = Markt und Böse = Staat. In den Worten Polleits: „Es handelt sich hier im Grunde um nichts anderes als um das Bestreben, eine Einheitszivilisation zu schaffen, bei der sich sogleich das biblische Bild des Turmbaus zu Babel einstellt (Gen. 11, 1-9). Die Menschen versuchten schon einmal, die eine Welt zu schaffen durch die Macht des eigenen Könnens. Doch Gott verhinderte das…“ (S. 12 – 14) Mit empirisch überprüfbarer Ökonomie haben diese Ausführungen nicht mehr viel zu tun.

Und bei Polleits Degussa-Kollegen Markus Krall ist dann über die vermeintliche Weltverschwörung hinaus schon die deutsch-jüdische „Frankfurter Schule“ von Deutschland beherrschendem Einfluss und – wörtlich – „böser Essenz.“ Dabei will ich Polleit und Krall durchaus noch glauben, dass sie nicht wussten oder wahrhaben wollen, woher der antisemitische Verschwörungsmythos des sogenannten „Kulturmarxismus“ eigentlich stammt. Bei belltower-news habe ich dazu einen Gastbeitrag geschrieben. Die tieferen Abgründe des libertären Antisemitismus konnten Sie in diesem Podcast aber auch bereits in Folge 9 kennenlernen: Der aus Baden-Württemberg stammende Tilman Knechtel verkündet nicht weniger als die Herbeiführung eines dritten Weltkrieges durch das chassidische Judentum, durch Israel und eine angebliche, marxistisch-rothschildsche Weltverschwörung.

Der Erkenntnisstand der Wissenschaft ist dagegen ganz klar, dass sich die Medien Schrift und Geld in den Tempel- und Staatsverwaltungen von Mesopotamien, dem Zweistromland, entwickelt haben. Babylonische Priester wiesen Gold der Sonne und Silber dem Mond zu, so dass diese als gegenseitige Abgaben verwendet werden konnten. Es gab nie einen absoluten Markt mit absolutem Geld. Die Praxis vom sozialen Gabentausch im Unterschied zum unverbindlichen Warenkauf kennen wir auch heute noch: Glückliche Familien basieren auf sozialen Beziehungen inklusive dem Austausch symbolischer Gaben, zu den Geschenken an religiösen Feiertagen stellen wir uns gegenseitig keine Rechnungen aus, Hochzeitsringe werden nicht als Waren verrechnet und zu Freunden bringen wir – hoffentlich wieder bald nach der Pandemie – etwa Süßigkeiten und Wein zum gemeinsamen Verzehr mit, keinesfalls aber Beutel abgezählter Münzen. Im Gabentausch geht es sozial darum, was wir einander „schuldig sind“ – erst im Warenkauf, was wir einander abstrakt „schulden“.

Von den antiken Großreichen aus evolvieren die Medien Schrift und Geld. Nach dem babylonischen Exil finden wir den religiösen Schekel hakodesch auch in der semitisch-aphabetisierten Bibel mit Verweis auf den Tempel in Jerusalem. Um Tempel des noch griechisch („japhetitisch“) geprägten Kleinasien tauchen dagegen Obolei-(wörtlich: „Bratspieß“)Münzen auf, wegen denen wir heute noch vom Obolus als Pflichtabgabe sprechen. Der Stier wird zum obersten Gabentauschgut und Münz-Standard, weswegen bis heute zwei Hörner-Striche die Euro-, Dollar-, Pfund-, Yuan- und viele weitere Währungen zieren und der mit ihnen aufwärts stoßende Stier den „Bullenmarkt“ verkörpert. Daneben treten griechische und römische Herrschermünzen, weswegen der Rabbi Jesus mit dem Hochhalten einer Münze sagen kann: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist.“ (Mt 22, 21 & Mk 12,17)

Wer Freude an heutiger Theologie und Numismatik – Münzkunde – hat, schaue sich unter diesen Aspekten gerne einmal die Evolution der Euromünzen des Vatikanstaates seit der Euro-Einführung an!

Die Geschichte des Geldes und die späte Entstehung von Warenkauf-Märkten mit zuletzt papiernem und zunehmend digitalem Geld ist heute also gut erforscht und benötigt keine Verschwörungsmythen. Selbstverständlich kann und soll man jeden Aspekt der historischen Forschung hinterfragen, kritisieren und verbessern. Doch wer sich gegen alle Erkenntnisse hinter dem Mythos eines absoluten Ur-Marktes und Ur-Geldes verschanzt, steigt ins gleiche Boot wie antiwissenschaftliche Kreationisten und andere Verschwörungsgläubige.

Ich kann für mich in Anspruch nehmen, es länger in der Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft ausgehalten zu haben als Christian Lindner. Aber wenn zum Beispiel Oliver Janich für sein bizarres Verschwörungsbuch „Das Kapitalismus-Komplott“ noch eine Empfehlung der Gesellschaftsspitze erhält, endet auch bei mir jedes liberale Verständnis. Schon hier formulierte der inzwischen völlig in den Antisemitismus abgestürzte, frühere Finanzjournalist Janich zum Beispiel, Zitat: „Unser Zentralbanksystem ist das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.“ (S. 41) – Zitat Ende – Wem dazu nichts auf- oder einfällt, will aus der realen Geschichte der Menschheit offensichtlich gar nichts mehr lernen.

Entsprechend betonte auch Sir Popper im schon biblischen Alter von 90 Jahren im Vorwort zur siebten, aktuellen Auflage seiner „offenen Gesellschaft“, dass das „Problem des Rechtsstaats […] das Allerwichtigste“ sei. Denn: „Der freie Markt benötigt den Schutz eines rechtlichen Rahmens.“ Auch dort, wo „Geld einmal eingeführt ist,“ spiele der Rechtsstaat „eine wichtige Rolle (da er das Geld in den Verkehr bringt)“. (Popper 1945,1992, Band I, S. IX – XI)

Auch sein Schüler George Soros warnte davor, dass sich weite Teile der vermeintlich liberalen Lehrbuch-Ökonomie weit von den Standards empirischer Forschung entfernt hätten, Zitat: „Die Theorie der rationalen Entscheidung und die Effizienzmarkthypothese sind genauso pseudowissenschaftlich wie die Theorien von Marx und Freud.“ (S. 91) – Zitat Ende –

An den Finanzmärkten habe er, Soros, mit dem auf dem popperschen Ansatz der Falsifikation aufbauenden Konzept der „Reflexivität“ viel mehr Erfolg gehabt als mit den schon damals überholten Gleichgewichtsmodellen marktfundamentalistischer Ökonomen. Einen Teil der oft antisemitischen Wut, die der Holocaust-Überlebende und Milliardär George Soros bis heute auf sich zieht, führte er augenzwinkernd auf den Umstand zurück, dass der poppersche Ansatz auch bei ihm eben viel erfolgreicher war als die gängigen Lehrbuch-Modelle. (S. 155 ff.)

Auch Untersuchungen in deutschen Medien zu den Renditen sogenannter „Crashpropheten“, die Edelmetalle und Finanzanlagen anpreisen, kamen immer wieder zu dem gleichen Ergebnis: Reale Märkte versteht man ohne Weltverschwörungserzählungen besser. Dass sich eine ganze Reihe Popper ignorierende Ökonomen und Finanzwissenschaftler an der Gründung rechtspopulistischer Parteien betätigten oder gar auf Querdenken-Demonstrationen Verschwörungsvorwürfe erhoben, vermag da nicht mehr sonderlich zu überraschen.

Und so wirkt es schon beinahe prophetisch auch im Hinblick auf die heutige Covid19-Pandemie, wenn Ludwig von Mises schon 1927 in seinem großen „Liberalismus“-Buch warnt, Zitat: „Wenn jemand seinem Arzte, der ihm vernünftige – d.h. hygienische – Lebensweise empfiehlt, zur Antwort gibt: Ich weiß, daß Ihre Ratschläge vernünftig sind; meine Gefühle verbieten es mir aber, sie zu befolgen; ich will eben – mag es auch unvernünftig sein – gerade das tun, was meiner Gesundheit schädlich ist“, dann wird es wohl kaum jemand geben, der dem Lob spenden wird.“ (S. 5) – Zitat Ende –

Von Mises wusste vor dem Hintergrund der sogenannten Spanischen Grippe noch gut, was manche selbsternannten „Querdenker“ und auch manche selbsternannten „Freiheitlichen“ heute nicht wahrhaben wollen: Dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse und Krankheitserreger nicht wegleugnen lassen. Von Mises hätte sich wohl kaum träumen lassen, dass heute auch sein Name dafür missbraucht würde, um Verschwörungsmythen zu verbreiten und schlechte Finanzanlagen anzupreisen.  

Verstehen wir uns also nicht falsch: Uns allen steht es nicht nur frei, wir sind sogar dazu aufgefordert, auch klassische Liberale wie Karl Popper, Von Mises, Von Hayek ebenso wie heutige Geld- und Finanzmarktforschende wie Christina von Braun, Elisa Klapheck, Israel Kirzner, Detlef Fetchenhauer, Eske Bockelmann, Walter Ötsch, Eugen Drewermann oder George Soros inhaltlich zu kritisieren. Auch ich selbst habe ja gerade trotz aller Bewunderung für Popper deutliche Kritik an dessen Platon-Band der „Offenen Gesellschaft“ geübt. Wirklich liberale Denkerinnen und Denker erheben eben keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, sondern fordern immer wieder zum Hinterfragen und Weiterforschen auf. Genau damit sichern sie die Balance aus Freiheit und Verantwortung.

Wer sich also noch heute grundsätzlich der Falsifikation der eigenen Thesen verweigert und an unhistorischen Markt-und-Geld-Mythologien festhält, wer gar Akteure wie George Soros nicht sachlich kritisiert, sondern als Teil einer angeblichen Kulturmarxismus-Weltverschwörung anprangert, stürzt in illiberalen Verschwörungsglauben und Antisemitismus. Die liberale Idee der Freiheit und Vielfalt ist mit einem Verleugnen historisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse ebenso wenig vereinbar wie mit einem starren Markt-Staat-Dualismus. Es braucht auch in der Ökonomie mehr Wissenschaft und weniger Marktfundamentalismus, mehr historisches Wissen und die klare Zurückweisung von Verschwörungsmythen. Denn es geht um viel.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Zu Weihnachten soll auf diesem Podcast noch ein Vertreter einer Kirche zu Wort kommen. Ich wünsche Ihnen daher schon jetzt trotz Lockdown schöne Feiertage und einen „guten Rosch“ ins neue Jahr.

Quellen:

Von Mises (1927): Liberalismus. Gustav Fischer

Popper, Karl (1945/1992): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons. Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. Mohr Siebeck

Popper, Karl (1984/2014): Auf der Suche nach einer besseren Welt. Piper

Von Hayek, Friedrich August (1988 / 1996): Die Anmaßung von Wissen. Mohr Siebeck

Kirzner, Israel (2001): Ludwig von Mises. ISI Books

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

119 Kommentare

  1. Sie werden immer armseliger, wenn Sie jetzt von allen Denkern ausgerechnet Mises heranziehen, um Kritiker der hygienisch nutzlosen und wirtschaftlich ruinösen Lockdowns kollektiv als “Leugner” von Krankheitserregern zu bezeichnen. Wie dreckig muss man eigentlich sein, um damit Mises indirekt zu einem Unterstützer totalitärer Zwangsmassnahmen zu verklären?

    Und warum haben Sie kürzlich angefangen, Kommentare zu zensieren? Ist es Ihnen unangenehm, wenn jemand auf Ihre Nähe zur ehemaligen Stasi-Informantin Kahane eingeht?

    • Vielen Dank für die erfreuliche Rückmeldung, @Lars! Es freut mich, dass meine Hinweise zum Marktdualismus und Verschwörungsglauben im libertären Gewand voll getroffen haben! Und, ja, große Liberale wie von Mises, von Hayek und auch Ayn Rand werden von Verschwörungsgläubigen gezielt missbraucht. Darauf weise ich gerne wieder und wieder hin – auch in der ggf. Sonntag erscheinenden Folge von Hoaxilla zum GreatReset-Verschwörungsmythos! 🙂📚💁‍♂️

      Frau Kahane konnte ich bisher leider noch nicht persönlich kennenlernen. Aber die antisemitischen Kulturmarxismus-Verschwörungsmythen habe ich gerne aufgedeckt – nett, dass Sie darauf verweisen!

      https://www.belltower.news/gastbeitrag-warum-der-verschwoerungsmythos-vom-kulturmarxismus-so-gefaehrlich-ist-108001/

      Grüßen Sie Ihre Verschwörungsblase – und steigen Sie dann am Besten aus. Ihre Verschwörungsfantasien schaden Ihnen selbst, anderen Menschen und auch den Werten von Freiheit und Würde.

      • Danke, Herr Blume für ihre hervorragende Arbeit!
        Wie im Lichte der demokratischen naturwissenschaftlichen Bildung auf Basis der Menschenrechte hasserfüllter, agressiver, dreckiger, armseliger, nutzloser, ruinöser und verklärter Kultur- Pessimismus seine dunklen Schatten wirft, macht offensichtlich wie diese sich so ausdrückende Lebenseinstellung im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen geht.

        Wenn das Vertrauen in die Gesellschaft verloren gegangen ist, oder nie da war, ist es oft sehr schwer Fakten und Fiktionen auseinander zuhalten.
        Diese Hilflosigkeit schreit nach Führung und ist dementsprechend manipulierbar.

    • Das wird doch ausführlich besprochen, @Donald Müller. Von der „Mutter aller Verschwörungsmythen“ bis zum frühen Pfad zu den Naturwissenschaften (so bei Jeanne Hersch) sind viele Deutungen möglich und auch vorgenommen worden. Das Höhlengleichnis ist ein Symbol, um das sich viele Mythologien gebildet haben und weiter bilden.

  2. Glückwunsch zur Abnabelung von der Hayek-Gesellschaft 😉

    Auf dem Klappentext des Buches “Das Ich und sein Gehirn”, in dem Popper und Eccles die 3-Welten-Theorie entfalten, steht, das Buch sei bei Spaziergängen in Gesprächen entstanden, “vor allem über Probleme, bei denen wir nicht gleicher Meinung waren.” Die Kunst, solche Gespräche zu führen und beim Spaziergang beieinander zu bleiben, müsste vielleicht wieder mehr gepflegt werden.

    Ob die egomanische Rechthaberei mancher Leute auch durch den neoliberalen Kult des Sichdurchsetzens, des Gewinnens, der Dichotomisierung von Gemeinschaften in Gewinner und Verlierer befördert wurde?

    • Danke, @Joseph Kuhn – die „Abnabelung“ hat ja schon länger stattgefunden, siehe z.B. meine Absage an „eigentümlich frei“ von 2015:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-gift-terrors-mein-artikel/

      Aber mir war lange unklar, warum und wie ausgerechnet bürgerliche, im Selbstverständnis liberale Menschen reihenweise in Verschwörungsmythos und Rechtspopulismus fallen konnten. Da kam ich erst dieses Jahr so richtig weiter.

      Und, ja: Das Menschenbild des Marktfundamentalismus ist der gnadenlos-kalkulierende Einzelgänger auf dem absoluten Markt, der dann seiner ihm ergebenen Gattin und den bewundernden Kindern einen Teil der Beute abgibt – solange sie spuren. Kein Wunder, dass sich diese Ichlinge – ganz im Gegensatz z.B. zu von Mises – gegen sinnvolle Auflagen wehren… 🤦‍♂️💁‍♂️🖖

  3. Wir hatten diese Diskussion in den Achtzigern zwischen dem Liberalismus und Kommunitarismus.
    Die Auflösung des Eisernen Vorhangs hat aber zu sehr den Blick auf Märkte gelegt.
    Vielen wird momentan erst die ambivalente Bedeutung von Kooperation in beiden Denkweisen anhand der Realitäten bewusst und kommt auch in den Gesellschaften an.
    Was mich irritiert ist,das kommunitaristische Gedanken,die auch und gerade mit der Offenen Gesellschaften zusammenstehen,in Form des Illiberalismus auftauchen.
    Können gewisse Typen Kooperation nur denken,in dem man sie beherrscht?
    Freiheit heisst,auch frei sozial agieren,sprich kooperieren, zu können.Wir erleben aber gerade auch alle,das der Umsatzzwang= Kauf/Tausch= Kooperationszwang den Neoliberalismus ad absurdum führt.

  4. Bundespräsident Steinmeier schrieb in seinem FAZ-Artikel vom 08.11.2020 über die Zukunft Deutschlands von der ‘LOGIK der KOOPERATION’.
    Machen wir uns doch nochmal,nach Dekaden des Belehren über Konkurrenz und Wettbewerb, Gedanken darüber wann wir warum wie womit und wofür frei oder unter Zwang koperieren können oder müssen.

  5. Nur weil George Soros sich so benimmt wie man es fälschlicherweise allen Juden zuschreibt heißt das weder dass alle Juden schuldig sind, noch dass George Soros unschuldig ist.

    • An was sollte George Soros denn „schuldig“ sein, @Mr. Dengele? Dass er ein erfolgreicher Finanzinvestor wie Warren Buffett mit besserer Performance als all die „Crashpropheten“ war? Dass er eine wirklich liberale Stiftung gründete?

      Wenn „Freiheitliche“ doch sonst so auf den Markterfolg setzen, aber gegenüber Milliardären „kritisch“ sein wollen, warum dann nicht z.B. gegenüber dem Erben August von Finck, dessen Vater mit dem NS-Regime paktierte und der weiterhin Rechtspopulismus fördert sowie die Degussa-Bürokratie finanziert?
      https://de.m.wikipedia.org/wiki/August_von_Finck_junior

      George Soros wird gerade auch von libertären Antisemiten nur deshalb gehasst, weil er Jude, Holocaust-Überlebender und erfolgreich ist. Nur deswegen halten sie ihn für einen Weltverschwörer…

        • Nö, @Mr. Dengele – ich wüßte gar nicht, wogegen ich George Soros „verteidigen“ müsste. Ich verteidige ja auch keinen Harvey Weinstein – es gilt gleiches Recht für alle.

          George Soros steht nicht unter Anklage. Seine Erfolge gönne ich ihm und seine Stiftung für Bildung und liberale Werte finde ich gut, in der – nicht kritiklosen – Bewunderung für Popper stimme ich ihm zu. Der Mann braucht meine Verteidigung gar nicht, der übliche Antisemitismus hat ja keinerlei Substanz. 💁‍♂️

      • “nur deshalb gehasst, weil er Jude”
        Da mag sicher was dran sein. Auf der anderen Seite gibt es die Weißwasch Fraktion weil er Jude ist.

        Ein Großteil seiner Gegner stört einfach seine politische Einflussnahme in andere Staaten. Dabei verbindet er diese mit Währungspekulationen. Das läuft quasi auf Erpressung und Bereicherung hinaus. Laut Wikipedia ist er wegen Insiderhandel rechtskräftig verurteilt,was vom EGMR nochmal bestätigt wurde.
        Wenn das der Vorzeigeheld sein soll dann gute Nacht.

        • Nö, @Matthias – „ein Großteil seiner Gegner“ hat überhaupt kein Problem z.B. mit den Geldern der Gebrüder Koch oder jenen von August von Finck, auch die Kampagnen z.B. von Putin in den USA oder in Syrien stören sie nicht. Stattdessen erheben Antisemiten „Weißwasch“-Vorwürfe nur gegen Soros – womit sie ihn von vornherein als „schmutzig“ zu framen versuchen. Für Nichtjuden gilt ihnen die Unschulds-, für Juden die Schuldvermutung (so formulieren Sie selbst auch!).

          Wenn Sie es schaffen würden, Soros genauso zu bewerten wie andere Milliardäre, gäbe es gar kein Problem. Es stört Antisemiten jedoch, dass Soros Jude ist, den Holocaust überlebte und erfolgreicher ist als sie selbst.

        • Ich weiß nicht, welchen Einfluß George Soros weltweit hat. In Deutschland ist er ziemlich gering, verglichen nur mal mit dem der Bertelsmann-Stiftung oder auch Friede Springer. Wie dieser Mann hierzulande dämonisiert wird, das ist ziemlich lachhaft.

          • Volle Zustimmung, @Alubehüteter. Dass George Soros ein interessanter Popper-Schüler ist und dass Wissen über ihn den antisemitischen Verschwörungsmythen entgegenwirken sind also schon zwei gute Gründe, seine eigenen Schriften hier öfter mal anzuführen.

  6. @Michael Hauptartikel

    Sie zitieren Popper:

    „Im Gegensatz dazu wird der pragmatische Rationalismus anerkennen, daß die Welt nicht rational ist, er wird aber verlangen, daß wir sie so weit wie möglich der Vernunft unterwerfen.“

    Hört sich wirklich sehr erhellend an. Aber was meint hier Popper genau mit nicht rational?

    Ich denke da einmal an Überkomplexität, die sich einer Erschließung verwehrt, z.B. bei der Wetter- und Klimavorhersage. Hier begrenzt auch schlicht die Leistungsfähigkeit der benutzten Großrechner die Qualität und die Reichweite der Simulationen.

    Oder auch geistig-übernatürliche Effekte, die von verschiedenen Menschen ganz verschieden erlebt werden, und die so zu ganz verschiedenen Ansichten über die Natur der menschlichen Seele kommen.

    Wie sieht das Popper? Was ist die Irrationalität?

    Unabhängig davon, volle Zustimmung, „daß wir sie so weit wie möglich der Vernunft unterwerfen.“

    • Mal ein einfaches Gedankenexperiment:

      Delfinen sagt man nach, sie seien durchaus so intelligent wie Menschen. Wenn sie Philosophie und Wissenschaft betrieben, wie sähen diese aus? Mutmaßlich ganz anders als bei Menschen. Wir sind visuell orientiert, wir bilden uns Welt-Anschauungen. Delfine sind sehr viel auditiver, Ohren sind weitaus wichtigere Wahrnehmungsorgane. Ihr Zeitbegriff wird ein anderer sein, da sich Schall im Wasser träger ausbreitet.

      Wissen wir, daß die Welt wirklich so ist, wie wir sie sehen und wissenschaftlich erschließen? Sind nicht alle Fragestellungen aus unserer alltäglichen Weltwahrnehmung abgeleitet? Wie sieht die Welt unabhängig vom Menschen aus? Menschen werden das nicht in Erfahrung bringen – Definitionsgemäß.

      Vielleicht ist Rationalität wirklich nur ein Raster unserer Weltwahrnehmung, ein Netz, mit dem wir die Welt überwerfen. Und die Welt aus sich heraus ist gar nicht, wie wir unterstellen, rational; gar von einer Hyperrationalität, wie wir sie gar nicht erfassen können. Chaosmathematik war ja in den 90ern so ein Ding: Endlich konnten Computer hyperkomplizierte Formeln berechnen, mit denen uns doch geordnet wurde, was vorher als chaotisches Rauschen erscheinen mußte. Aber ist die Welt wirklich so?

      • Um das noch ein wenig auszuführen:

        Delfine sind sehr viel auditiver, Ohren sind weitaus wichtigere Wahrnehmungsorgane. Ihr Zeitbegriff wird ein anderer sein, da sich Schall im Wasser träger ausbreitet.

        Wir Menschen leben in einer Kette von präsenten Augenblicken, wir leben im jetzt – jetzt – jetzt – jetzt. Delfine haben die Vergangenheit präsenter. Vor mehreren Sekunden, hört ein Delfin, war da Nord-Nord-Ost eine Schiffsschraube langgetuckert Richtung Nord-Nord-Süd, die sollte jetzt aber schon weiter sein. Solche Diskrepanz nehmen wir Menschen höchstens bei Blitz und Donner wahr. Ein Delfin würde Sein und Zeit ganz anders schreiben als ein Mensch, weil sein Zeitbegriff, seine Zeitwahrnehmung tatsächlich eine andere ist.

    • Wenn wir über Karl Popper reden, dann reden wir immer auch über Kant. Ich hatte das schon mal hier eingebracht: Nach Kant nehmen wir alles, was wir wahrnehmen, in den Kategorien wahr von Zeit, Raum und Kausalität. (Raum mit Einschränkung, Liebe, Gedanken stehen nicht im Raum.) Was jenseits ist von Zeit, Raum und Kausalität, entzieht sich unserer Erkenntnis: Gott, unsterbliche Seele, Freiheit. Wissenschaft kann dazu exakt nichts sagen.

      Bei der Freiheit macht Kant eine Ausnahme: Wir können sie zwar empirisch nicht unmittelbar erfahren. Wir wissen aber, daß es sie gibt, geben muß: Wir erfahren empirisch nämlich eine Folge, das schlechte Gewissen. Rational können wir uns wunderbar erklären, daß wir gar nicht anders hätten handeln können, als wir es taten; es wäre doch unvernünftig gewesen, es hätte doch nichts gebracht, die anderen haben ja auch. Das schlechte Gewissen mahnt: Wir hätten anders können, denn wir hätten anders handeln sollen.

      Die individuelle Freiheit aber entzieht sich jeder Beobachtung, jeder Berechnung. Ich kann massenpsychologisch analysieren, was weiß ich: Bei einer breiten Verunsicherung wie den 11. September oder einer weltweiten Pandemie wird es vermehrt zur Bildung Verschwörungsmythen kommen. Man wird vielleicht auch Risikogruppen angeben können, etwa: Menschen, die in der Kindheit kein Grundvertrauen in die Welt entwickeln konnten. Man wird aber niemals auf jemanden zeigen können und sagen: Den wird es erwischen. Da haben Sie einen nachweisbaren Moment der Irrationalität. Mit weitreichenden, auch fatalen Folgen etwa für die politische Philosophie.

    • Klar, @Peter Enis – nichtjüdische Milliardäre sind okay, aber ein jüdischer Holocaust-Überlebender, der auch wirtschaftlich mehr erreicht hat als Sie – da entzünden sich Neid und Antisemitismus…

    • Weil? Ihm sind ja verschiedene Prozesse gemacht worden. Wegen Insiderhandel hat man ihn tatsächlich drangekriegt. Aber das britische Pfund hat er nicht zum Absturz gebracht. Er hat darauf gewettet, daß der abstürzen würde, und so ist es gekommen; wäre es aber auch ohne sein Dazutun.

  7. Soros und der Rest der Welt.
    Soros hat nur das getan, was der Globale Markt verlangt. Der verlangt Führung und Einflussnahme. Soros hat Einfluss genommen auf die Aktienkurse und er hat sogar die Devisenkurse beinflusst. Und er hat damit sein Vermögen gemacht.
    Der globale Markt fragt nicht nach Moral und Unmoral solchen Handelns, der ist eher ein Schauplatz der Interessenkämpfe zwischen internationalen Konzernen, Staaten und der Weltpolitik.

    Auf der anderen Seite hat Soros mit seinen Stiftungen die Welt ein wenig besser gemacht. Er hat humanistisch gehandelt.

    Was ist dazu zu sagen ? Der Volksmund sagt es treffend: Zu viel und zu wing(wing=wenig) ist ein Ding.
    Rupert Murdoch war einflussreich auf dem Mediensektor, Berlusconi hat das gleiche gemacht in Italien und hat die Politik beeinflusst, DT hat sich dabei weniger geschickt angestellt.

    Es wird gefährlich, wenn ein Mensch zu viel Einfluss hat, bei Soros gilt das genauso wie für alle Tycoons dieser Welt.

  8. Ein unkritischer Rationalismus kann behaupten, dass die Welt rational sei und daß es die Aufgabe der Wissenschaft sei, diese Rationalität zu entdecken.

    Genau so hat man übrigens noch im Mittelalter gedacht. Und genau dieses Denken hat Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede verteidigt gegen alle moderne Philosophie und Wissenschaft. Die voluntaristische Revolution des späteren Mittelalters, verbunden mit Duns Scotus, war er nicht bereit, mitzumachen – Anders als sein Vorgänger, der ein begnadeter Phänomenologe vor dem Herrn war; also das, was auch Popper ja wohl abqualifizierend meint, wenn er fortfährt

    während ein Irrationalist geltend machen wird, daß die Welt, die im Kern irrational ist, erfahren und ausgeschöpft werden sollte durch unsere Gefühle und Leidenschaften (oder durch unsere intellektuelle Intuition)

  9. @ to whom it may concern:

    In manchen Kreisen scheint es eine große Wachsamkeit zu geben, damit nur ja kein Jude zu Unrecht einen Vorteil hat. Gerade in Deutschland sollten wir in der Hinsicht eigentlich nicht so auf der Lauer liegen.

    @ Alubehüteter:

    Was die Stelle mit der Rationalität bei Popper angeht: Ich weiß nicht, in welchem Kontext er das schreibt. Vielleicht bezieht er sich dabei gar nicht auf die Natur, sondern auf die gesellschaftliche Ordnung? Dass die nicht gerade “rational” im Sinne einer gut begründbaren Ordnung ist, wird man kaum bezweifeln können.

    Ob die Natur “rational” ist, und ob Delphine ihre Kategorien der Anschauung nicht auch denkend überwinden würden, wenn sie es könnten, darüber wird man noch in 1000 Jahren diskutieren. Die Wette gehe ich jedenfalls mal ganz mutig ein 😉

  10. “Die Welt ist nicht rational”, sagt Popper und ich verstehe diesen Satz nicht so recht. (Vermutlich verstehe ich ihn auch deswegen nicht, weil ich von Popper ehrlich gesagt [und peinlich genug] nur das Toleranz-Paradoxon kenne.)
    Ich vereinfache ja immer gerne (manchmal wahrscheinlich auch etwas zu viel 😉 ):
    Für mich bedeutet Rationalität immer ein Denken und Handeln, das auf Erkenntnis der Welt ausgerichtet ist, also darauf, ein richtiges Abbild der objektiven Realität zu erlangen, letztlich die Wahrheit zu finden. Wahrheit ist dabei nichts anderes als Wirklichkeit. So kann also weder ein Mensch oder ein Gegenstand an sich wahr oder falsch sein, auch nicht die “Welt” – sie existieren einfach. Wahr oder falsch kann nur das Abbild über die objektive Realität in unserem menschlichen Bewusstsein sein. Wahrheit ist damit die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Erkenntnisgegenstand.
    Um also Wahrheit zu erlangen, brauchen wir die Wissenschaft. Rationalität und Wissenschaft sind für mich im weitesten Sinne synonym – und somit auch das einzige Mittel gegen Verschwörungsmythen & Co.
    Hier ein schönes Zitat:
    “Die wissenschaftliche Auseinandersetzung ist nach meinen Erfahrungen und meinem Dafürhalten auch der einzige Weg, um Schreckbilder und illusionäre Wunschbilder zu überwinden und der Wirklichkeit entsprechend zu denken und zu handeln.” (Lieselotte Welskopf-Henrich, Zwei Freunde II. Das Ende und ein Anfang, Halle 1967, S. 180)

  11. Ist es nicht so dass auch all die Länder die Deutschland den Krieg erklärten selber antisemitistisch waren und mit ihren Gefangenen nicht gerade zimperlich umgingen? Je tiefer ich mich mit der Materie beschäftige, umso mehr komme ich zu dem Schluss dass man Hitler aus ganz anderen Gründen loswerden wollte als jene die man offiziell angibt

    • Das ist leider nicht weiter überraschend, @Siegfried Heiland. Sie stecken bereits tief im Verschwörungsglauben des Antisemitismus und wählen also nur noch jene Informationen und Verschwörungsmythen aus, die Sie darin bestärken. Falls nicht bereits geschehen, werden Sie bald in einer geschlossen antisemitischen & rechtsextremen Verschwörungsideologie leben, sich damit selbst und anderen schaden. Wie z.B. Tilman Knechtel:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-9-adolf-hitler-als-rothschild-verschwoerer-der-libertaere-antisemitismus/

      Ich kann Ihnen nur empfehlen, noch den Ausstieg zu versuchen und nicht Ihr Leben an den Hass zu vergeuden.

      • Deshalb wende ich mich ja an Sie, denn um den Ausstieg zu schaffen benötige ich Argumente die meine Informationen entkräften. Wussten Sie z.B. dass Hitler gar nicht der ganzen Welt den Krieg erklärt hat, sondern nur einen kleinen privaten Krieg gegen Polen führen wollte, woraufhin ihm dann die Engländer, Franzosen und Russen in den Rücken gefallen sind? Als ich davon erfuhr war ich entsetzt, war ich doch bisher der Meinung dass Hitler mit dem Versprechen ein Reich des Bösen zu errichten und die Welt zu vernichten kandidiert hat, doch wie sich nun herausstellt waren das gar nicht seine richtigen Motive. Ich denke die Schulbildung hat hier versagt, da man uns zwar beibrachte dass Deutschland gegen die halbe Welt Krieg geführt hat, aber nicht wer wem den Krieg erklärt hat. Können Sie mir erklären worin genau die Kriegsschuld Hitlers lag, meine bisherigen Annahmen dazu haben sich leider als unhaltbar herausgestellt, so dass ich nun nicht mehr weiß was richtig oder falsch ist. Was wenn die Medien über Hitler genau so lügen wie über Trump und Putin? Dies sind die Argumente die mich zum Zweifeln gebracht haben, doch hoffe ich dass Sie die Kompetenz besitzen diese zu entkräften. Mit freundlichsten Grüßen, Siegfried Heiland

        • Ach, @Siegfried Heiland – es lässt sich historisch doch gar nicht bestreiten, dass Hitler selbst den Hitler-Stalin-Pakt brach, um das Riesenreich zu erobern. Und dabei ebenso scheiterte wie z.B. Napoleon vor ihm.

          Wer auch immer Ihnen einreden möchte, Hitler sei gar nicht der Aggressor, sondern das „Opfer“ gewesen, will Sie belügen und manipulieren. Und indem Sie diese Lügen hier weiterverbreiten, unterstreichen Sie vor allem eines: Wie gefährlich Antisemitismus auch heute noch ist.

          Ihnen alles Gute & hoffentlich gelingt Ihnen noch der Ausstieg…

          • Auf Metapedia steht aber dass Russland zuvor den Pakt brach indem es in Norwegen einmarschierte und zudem noch große Mengen an Angriffsbattailonen an der Grenze zu Deutschland aufmarschieren ließ

          • Das ist schlicht gelogen, @Siegfried Heiland: Stalin rechnete nicht mit einem Krieg gegen Deutschland. Hitler war auch hier Aggressor, nicht „Opfer“. Auch das Appeasement bei seinen vorherigen Expansionen hatte ihn nicht gezügelt.

            Erfreulich: Langsam kosten Lügen. Aktuell gibt es eine heftige Niederlage für #QAnon- & #GreatReset-#Verschwörungsmythen inklusive #Antisemitismus. Nachdem vom Lager #Trump der Verschwörung mit #GeorgeSoros beschuldigte Unternehmen mit Klagen drohten, stellten US-Medien wie #Newsmax klar, dass keine Belege vorliegen.

            https://www.businessinsider.com.au/newsmax-airs-election-fraud-correction-video-lawsuit-dominion-smartmatic-2020-12

            Ob Sie sich an wissenschaftlich überprüfbaren Wahrheiten oder verschwörungsmythologischen Lügen orientieren wollen, bleibt Ihre Wahl – jeden Tag neu…

        • Siegfried Heiland: “Wussten Sie z.B. dass Hitler gar nicht der ganzen Welt den Krieg erklärt hat, sondern nur einen kleinen privaten Krieg gegen Polen führen wollte, woraufhin ihm dann die Engländer, Franzosen und Russen in den Rücken gefallen sind?”

          Was ist denn das für eine geschichtsklitternde Umdeutung? Ein “kleiner Privatkrieg”?

          Welches Recht hatte Hitler für den Angriff auf Polen?

          Keines

          Privatkriege sind seit 1495 durch den ewigen Landfrieden in Deutschland verboten.

          Zu Ihrem Pseudonym: Haben Sie zu viel Wagner gelesen?

          https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Wibelungen

  12. @ Sandy:

    Zu Begriffen wie “Abbild”, “wahr”, “falsch”, “Erkenntnis”, “Übereinstimmung” gibt es lange und differenzierte Diskussionen in der Philosophie.

    Ihr Satz “Wahrheit ist damit die Übereinstimmung … mit dem Erkenntnisgegenstand” gibt eine spezielle Wahrheitstheorie mit langer Tradition wieder (die Korrespondenztheorie der Wahrheit).

    In vielen philosophischen Denkrichtungen sind “wahr” und “falsch” Eigenschaften von Sätzen. In diesem Sinne kann, genau wie Sie schreiben, ein Mensch nicht “wahr” oder “falsch” sein, nur Sätze über den Menschen. Dazu, ob man feststellen kann, ob sie wahr oder falsch sind, hat Popper in der “Logik der Forschung” viel geschrieben.

    Wenn die Frage nach der “Rationalität” der Welt mehr sein soll als die nach der Wahrheit von Sätzen, könnte sie vielleicht so konkretisieren: “Kann die Welt vollständig in Sätzen beschrieben werden”, oder, etwas anders, so: “Sind alle Sätze über die Welt widerspruchsfrei zu begründen”, oder …

    So gefragt, bleibt wohl ein “irrationaler” Rest – und daran anschließend die Frage, ob bzw. was wir darüber überhaupt aussagen können. Ein anregendes Buch dazu: Gerhard Gamm, Flucht aus der Kategorie.

    Ich hoffe, das kam nicht zu belehrend rüber, so war’s nicht gemeint. 😉

    • Ne, danke, Joseph Kuhn, ich freue mich über jede Anregung, bin in meinem pragmatischen Brotberuf doch schon lange weit entfernt von einem ernsthaften Philosophieren … 🙁 … und lege da gar nichts auf die Goldwaage.
      Entscheidend ist doch, um die Frage nach der Rationalität der “Welt” überhaupt seriös stellen zu können, die vorab zu klärende Frage, wer oder was überhaupt gemeint ist – mit der “Welt”.
      Dazu müsste man natürlich Popper erst einmal im Original lesen. (Er steht leider nicht in meinem eher belletristisch ausgerichteten Bücherregal und ich gebe zu, mich hier mit Sekundärliteratur begnügen zu müssen. Sollte Corona einst überwunden sein, besorge ich mir vielleicht mal ein Werk; einstweilen bleibe ich – ja, auch ich will die mir etwa noch verbleibende Lebenszeit [etwas Egoismus sei jedem gegönnt] nach meinen persönlichen Vorlieben nutzen – bei schöngeistiger Prosa und ziehe mir den einen oder anderen Klassiker der Weltliteratur gerne auch zum x-ten Mal rein.
      Ausserdem sind ja die Beschaffungsmöglichkeiten für Bücher derzeit eher gering und ich werde einen Teufel tun und etwa die Dienste von Amazon in Anspruch nehmen.)
      Meint man aber, und da würde ich Ihnen folgen, mit der Welt die ausserhalb des menschlichen Bewusstseins existierenden Naturgesetze, so wird es doch schwierig, sie nach rein menschlichen Rationalitäts- und Vernunftskriterien zu beurteilen. So war etwa vor einigen Jahrzehnten die fossile Energiegewinnung für den Menschen noch sinnvoll und also rational, für die Pflanzen- und Tierwelt in ihrer Artenvielfalt dagegen spätestens in jüngerer Zeit eher nicht. Aber mit zunehmender wissenschaftler Erkenntnis, also mit wachsendem Wahrheitsgewinn wird uns mehr und mehr bewusst, dass Rationalität selbst dann, wenn sie über den Tellerrand menschlicher Bedürfnisse hinausschaut, den menschlichen Bedürfnissen nicht zuwiderläuft, sondern im Gegenteil: Der Mensch kann auf dieser Erde auf längere Sicht nur gut und sinnerfüllt weiterexistieren, wenn er die Naturgesetze erkennt, sie akzeptiert, damit nachhaltig – die Ressourcen der Erde schonend – wirtschaftet und auf diesem Weg die Tier- und Pflanzenwelt erhält, Klimakatastrophen und Pandemien vermeidet, aber auch – last but alles andere als least – in einer globalisierten Welt nicht auf Kosten der Menschen im ärmeren Süden lebt. Dann scheinen die Naturgesetze (und also die Welt), wenn man sie also richtig erkennt und dann auch vernünftig – nach humanistischen Kriterien- behandelt/ anwendet, durchaus rational. Und ich denke, da sind wir mit den Delfinen durchaus einer Meinung 🦈🌝👍❣

      • Liebe Sandy,

        entschuldigen Sie bitte, dass ich mich einmische. Aber es ist überhaupt kein Problem, jedes verfügbare Buch direkt in Ihre bevorzugte Buchhandlung liefern zu lassen. Und vorab telefonisch zu bestellen. Buchhandlungen haben zur Abholung geöffnet.

        Herzliche Grüße,
        Thomas

        • Oje, @Thomas Fechner, kalt erwischt. 🙈
          Natürlich haben sie recht, wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…📚.
          Aber ich habe ja den Kampf mit meinem inneren Schweinehund schon angedeutet.
          Und in Zeiten gewalttätiger Tyrannophiler (s. die jüngsten Ereignisse in den USA) sucht man nach jedem hoffnungsfroh-schönen, nach jedem humanistischen Strohhalm.
          Und ich habe zu Weihnachten erst einmal genügend Lesestoff geschenkt bekommen. Neben der Neuauflage des “Palandt”😏, dessen Namen ich aufgrund seiner Rolle im “Dritten Reich” zugegebenermaßen nur widerwillig zitiere, habe ich ein mir besonders am Herzen liegendes Buch bekommen, das absolute Priorität hat: Thomas Samhaber (Hrsg.), Begegnung an der Grenze, Gmünd/ Weitra, 2020.🤩
          Aber weiter unten bekennen Sie sich ja zu Popper (auch wenn ich Ihre Übertragung seiner Gedanken auf die Gegenwart nicht ganz nachvollziehen kann) und ich habe ihn nicht aus den Augen verloren.
          Doch vorläufig bleibe ich für mich bei der Präferenz eines dialektischen Ansatzes. Zu einer These wird die Antithese aufgestellt und in einer konstruktiven Abwägung eine Synthese gesucht. Diese wiederum kann dann bei Zweifeln an ihrer Gültigkeit aufgrund neuer Erfahrung als neue These gelten, und das beschriebene Procedere beginnt von neuem.
          Eine Theorie nur dann als wissenschaftlich zu erkennen, wenn sie falsifizierbar ist, hat für mich auch irgendwie einen agnostischen Zug (agnostisch i.S.v. “nicht erkenntnisfähig”). Und das kann zum einen dazu führen, dass Freud’s Psychoanalyse als pseudowissenschaftlich, die Homöopathie wiederum als wissenschaftlich eingestuft wird, weil letztere schon ‘zigmal widerlegt wurde.
          Auch kann ein solcher Ansatz aktuell m. E. zu gefährlichen Schlussfolgerungen verleiten.
          Ein Beispiel ist das von Michael Blume in der Podcast-Folge zum Jahreswechsel verlinkte Interview mit Maja Göpel. So behauptet doch dort ernsthaft der Interviewer unter Berufung auf den Virologen Drosten, die Erkenntnisse zur Corona-Pandemie seien nur vorläufig, auch die Klimaforschung könne nach diesen Maßstäben ja nur ein (jederzeit falsifizierbares) Trugbild sein und man könne daher durchaus –
          nichts Genaues wisse man ja nicht – vorläufig weiter wirtschaften wie bisher. (So der nicht wörtliche, aber von mir verstandene Tenor des Interviewers)… .
          Aber ich bleibe – erst recht, so lange ich mir mangels ausreichenden Wissens noch kein seriöses Urteil über Popper bilden kann – natürlich offen. – Und neugierig: Denn soweit ich Michael Blume verstanden habe, arbeitet er gerade an einem fiktiven Dialog zwischen dem “Frauenversteher” Nietzsche und Popper. Ich bin mir sicher, ich werde Popper danach lieben💃, auch wenn der Wettbewerb nach vorläufiger Einschätzung nicht ganz fair zu sein scheint 🤓😉🤦‍♀️…
          Einstweilen übe ich mich trotzdem schon einmal in der Umsetzung seiner Methodik und erwische mich immer wieder dabei, alles, was nicht “bei Drei auf dem Baum” ist, zu falsifizieren. So hatte ich gestern in einer Erwiderung auf einen richterlichen Hinweis meine Einleitung schon mit einem großen “W” nach dem Motto: “Was wissen denn Sie schon …?” begonnen, mich dann aber doch für eine etwas diplomatischere Formulierung entschieden😉, dabei aber festgestellt, dass ich eigentlich schon immer einen “popperschen” Zug an mir hatte. Wenn auch manchmal ziemlich naiv, versuche ich doch regelmäßig, meinen eigenen Kopf zu behalten und die Dinge zu hinterfragen.
          Ihnen ein gutes, in erster Linie gesundes Neues 🍀!

          • @Liebe Sandy,

            seit ich vorgestern auf dieser Seite gelandet bin, habe ich einige Ihrer Kommentare gelesen. Und ich musste feststellen, dass Ihre Beiträge so ganz anders sind, als die der anderen Kommentatoren. Ihre Kommentare sind so richtig herzerfrischend. So ganz ohne Gemeinheit, ohne Hinterlist und vollkommen ohne Absicht andere herabzusetzen. Ehrlich und klar. Ihre Kommentare sind eine wohltuende Abgrenzung von vielen anderen Kommentaren, die heute üblicherweise in Foren oder Blogs abgesetzt werden. Vielen Dank für Ihre Menschlichkeit.

            Zu Karl Popper. Ich muss leider zugeben, dass ich gar keine große Ahnung von Karl Popper habe. Ich bin vor einigen Jahrzehnten auf ihn gestoßen, weil Helmut Schmidt sich sehr oft auf ihn bezogen hat und ihn persönlich auch gut kannte. Fasziniert hat mich dann vor allem folgendes Zitat Poppers, und an dieses wiederum, musste ich denken, als Sie kürzlich über „verschwurbelte Texte“ anderer Philosophen schrieben (ich hoffe, ich darf hier zitieren):

            „Aus meiner sozialistischen Jugendzeit habe ich viele Ideen und Ideale ins Alter gerettet. Insbesondere: Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann. […] Was ich oben (Punkt 1) die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so ‚tiefen‘ Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat.“[38]

            Hinzu kommen seine 12 Regeln der, so wie es bezeichne, respektvollen Kommunikation. Vor allem Regel 1 und 2 halte ich in einer kontroversen, verbalen Auseinandersetzung für überragend wichtig. Insbesondere mit Blick auf die heutzutage üblich gewordene inflationäre Nutzung der Begriffe „Antisemit“ “Rassist” und „Nazi“. Jedem, der heute versucht, die Motive der Menschen für ihre teilweise schwer verständlichen, abstrusen Aktionen, zumindest in Teilen zu verstehen, dem werden genau diese beiden Begriffe zum Vorwurf gemacht. Und zwar nicht etwa, weil man glaubt, dass sein gegenüber tatsächlich ein Antisemit, Rassist oder Nazi wäre. Nein, man nutzt diese Bezeichnungen quasi als ultimativen Gegenschlag, der keine Erwiderung zulässt! Wer will schon in unserer Gesellschaft mit „Anitsemiten“, “Rassisten” und „Nazis“ diskutieren. Die Absicht ist der „atomare“ Gegenschlag. Die völlige Vernichtung des Gegners!
            Und das widerspricht in eklatanter Weise diesen 12 Regeln von Karl Popper. Wer also behauptet Karl Popper zu verstehen, und zu mögen, der darf diese Bezeichnung eigentlich nicht gegen jedermann verwenden, nur weil dieser oder jener mit seinen Aussagen einen empfindlichen Nerv getroffen hat.

            Ich hoffe, dass meine Ausführung nicht zu deftig war. Aber ich drücke mich gerne unmissverständlich aus.

            Ihnen wünsche ich alles Gute! Bleiben Sie wie Sie sind – großartig!

          • Danke, @Thomas Fechner, man (frau) freut sich natürlich immer über jedes ehrlich gemeinte Kompliment, das frei von jeglichem Hintergedanken ausgesprochen wird.
            Ja, eine klare, unprätentiöse Sprache (quasi im Bauhaus-Stil), ohne die Verständlichkeit durch Füllwörter und Floskeln zu mindern, mag ich ebenfalls, lese deshalb gerne den jüdischen Schriftsteller Franz Kafka und freue mich, dass Popper – und offenbar auch Sie – eine solche wertschätzen.
            Daher vielen Dank für das schöne Zitat.

            Andererseits habe ich – soweit Sie meinen, die Begriffe Antisemitismus, Rassismus und Nazismus würden hier in den Kommentaren “inflationär verwendet” – eher eine umgekehrte Wahrnehmung.
            Wenn auf einer Demo der “Querdenker” Transparente mit Slogans wie “Impfen macht frei” (wohl nicht ganz unbewusst assoziierend zu Toraufschriften nationalsozialistischer Konzentrationslager), wenn sich dort ein dem David-Stern nachgebildetes Symbol mit der Aufschrift “Imfgegner” angeheftet wird, wenn Soros und “die Rothschilds” für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht werden, wenn Wissenschaftler und demokratische Politikerinnen in Häftlingskleidung und hinter Gittern auf Transparente gezeichnet werden, wenn man in Kauf nimmt, es gar begrüßt, dass rechtsradikale Kameradschaften den Weg freiprügeln, dann bleibt nur Eines übrig:
            Mit klaren, einfachen und unprätentiösen Worten festzustellen: Hier sind (auch) `ne ganze Menge Antisemiten unterwegs!
            Und wenn sich eine Jana aus Kassel mit Sophie Scholl vergleicht und Eltern sich nicht entblöden, ihr Kind anzustacheln, sich (wegen eines aufgrund der Covid-19-Ausbreitungsgefahr nur in familiärem Rahmen gefeierten Geburtstages) mit Anne Frank zu vergleichen, dann muss man die Dinge beim Namen nennen!
            Und nichts Anderes tut hier Michael Blume und jeder, der nur ein halbwegs humanistisches Weltbild und aus der Geschichte gelernt hat – und ich bin mir sicher, dazu zählen auch Sie – , sollte ihn dabei unterstützen.
            Ihnen noch ein schönes Wochenende!

  13. Es geht hier ganz konkret um George Soros. Ist er geeignet das Phänomen Verschwörung zu untermauern ?
    Um einmal die Verhältnisse klar zustellen. Soros steht an 266. Stelle der reichsten Männer mit 7 Mrd. $ Vermögen noch nach Armani an 251. Stelle mit 7,3 Mrd. $.
    Armani wollen wir keine Verschwörungsgelüste unterstellen.

    Auf jeden Fall ist er geeignet die Rolle der Wirtschaft, des Globalen Marktes , im Verhältnis zur internationalen Politik anzureißen.
    Er hat aus dem Nichts ein Vermögen gemacht. Das ist der amerikanische Traum und damit vergleichbar mit Dagobert Duck. Der hat allerdings keine Stiftungen gemacht.

    Enis,
    Sie fällen hier ein moralisches Urteil. Das erinnert mich an Jurj Andropov, der sinngemäß meinte, “der Spekulant ist die Krebsgeschwulst der Gesellschaft “.

    • @Sandy @Joseph Kuhn

      Irre, dieses Internet, Google und so. Vor 20 Jahren hätte man noch einen halben Nachmittag in der Unibibliothek verbringen müssen, um das hier herauszufischen:

      Die klassische Formulierung ist von Thomas von Aquin, dem katholischen Meisterdenker des Mittelalters, ein Jahrtausendphilosoph.

      Ich antworte, es sei zu sagen, dass Wahrheit in der Übereinstimmung von Verstand und Sache besteht. Wenn daher die Sachen Maß und Richtschnur des Verstandes sind, besteht Wahrheit darin, dass sich der Verstand der Sache angleicht, wie das bei uns der Fall ist; aufgrund dessen nämlich, dass die Sache ist oder nicht ist, ist unsere Meinung und unsere Rede davon wahr oder falsch. Wenn aber der Verstand Richtschnur und Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand; so sagt man, der Künstler verfertige ein wahres Kunstwerk, wenn es seiner Kunstvorstellung entspricht.

      Lateinisch:

      Respondeo dicendum quod veritas consistit in adaequatione intellectus et rei. Quando igitur res sunt mensura et regula intellectus, veritas consistit in hoc, quod intellectus adaequatur rei, ut in nobis accidit, ex eo enim quod res est vel non est, opinio nostra et oratio vera vel falsa est. Sed quando intellectus est regula vel mensura rerum, veritas consistit in hoc, quod res adaequantur intellectui, sicut dicitur artifex facere verum opus, quando concordat arti.

      Glückwunsch @Sandy 🙂 Sie haben für sich eines der wichtigsten Sätze der Philosophiegeschichte neu erfunden 😉

  14. @Sandy @Joseph Kuhn:

    Wow, Internet, Google und so, schon eine tolle Sache 😊 Mit wenigen Klicks hat man, wo man sich vor 20 Jahren noch einen ganzen Nachmittag stöbernd in der Unibibliothek hätte bewegen müssen.

    Die klassische Formulierung der Korrespondenztheorie der Wahrheit stammt von Thomas von Aquin, dem katholischen Meisterdenker des Mittelalters, einem Jahrtausendphilosophen:

    Ich antworte, es sei zu sagen, Wahrheit besteht in der Übereinstimmung von Verstand und Sache. Wenn daher die Sachen Maß und Richtschnur des Verstandes sind, besteht Wahrheit darin, dass sich der Verstand der Sache angleicht, wie das bei uns der Fall ist; aufgrund dessen nämlich, dass die Sache ist oder nicht ist, ist unsere Meinung und unsere Rede davon wahr oder falsch. Wenn aber der Verstand Richtschnur und Maß der Dinge ist, besteht Wahrheit in der Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand; so sagt man, der Künstler verfertige ein wahres Kunstwerk, wenn es seiner Kunstvorstellung entspricht.

    Im lateinischen Original:

    Respondeo dicendum quod veritas consistit in adaequatione intellectus et rei. Quando igitur res sunt mensura et regula intellectus, veritas consistit in hoc, quod intellectus adaequatur rei, ut in nobis accidit, ex eo enim quod res est vel non est, opinio nostra et oratio vera vel falsa est. Sed quando intellectus est regula vel mensura rerum, veritas consistit in hoc, quod res adaequantur intellectui, sicut dicitur artifex facere verum opus, quando concordat arti.

    Glückwunsch @Sandy, für sich selbst haben Sie einen der Fundamentalsätze der Erkenntnistheorie neu erfunden 😊🤗

    • Das aber ist ein „unkritischer Rationalismus“.

      Man stellt sich das im Prinzip ganz einfach vor. Eines der vielschillerndsten Sätze der Bibel ist ja das auch schon von Herrn Blume vorgestellte „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild“. Im Mittelalter dachte man das ineins mit dem Gedanken der spätantiken Stoia: Der wichtigste Wesenszug, den Gott und die Menschen gemeinsam haben, ist der Verstand, der Intellekt.

      Gott hat die Welt erschaffen. Und da er vernünftig ist, so hat er die Welt auch vernünftig erschaffen. Dazu hat er sich quasi wie ein Architekt vorher im Geiste einen Bauplan gemacht und sich ausgerechnet, wie er denn die Welt in sich stimmig und widerspruchsfrei mit allem, was da kreucht und fleucht, vernünftig erschaffen könnte, und so hat er das dann umgesetzt.

      Der Mensch aber ist auch vernünftig, von der selben Vernunft wie Gott. Also ist er in der Lage, den Bauplan, nach dem Gott der HErr die Welt erschaffen hat, auch einigermaßen vernünftig, zumindest grob durch Vernunft zu rekonstruieren.

      Klingt so weit erst einmal einleuchtend, wir merken aber bald, daß da etwas nicht stimmen kann: Um herauszukriegen, wie der liebe Gott etwas erschaffen und aufgebaut hat, sagen wir mal, ein Atom, reicht es dem mittelalterlichen Forscher, vernünftig zu überlegen, wie der liebe Gott das vernünftigerweise hätte erschaffen können. Und kann dann sicher sein, daß Gott das im Prinzip so vernünftigerweise auch erschaffen haben wird. Es sei denn, ihm, dem Forscher, kommt einer drauf, daß es noch eine vernünftigere Lösung gibt. (Z.B. mit Hilfe von Ockhams Rasiermesser, [auch wenn Ockham das schon differenzierter sieht]: Wenn es für ein Problem eine komplizierte Erklärung gibt, und jemand findet eine einfachere, dann wird die einfachere Lösung die wahrere, richtigere sein, weil sie vernünftiger ist.)

      Auftritt des Voluntarismus. Der Voluntarismus betont nicht so sehr die Vernunft Gottes, sondern die Allmacht. Gott erschafft die Welt und die Dinge in ihr, wie er will. Er erschafft ein Atom, wie er will. Und wenn er ein Atom erschaffen will, wie er will, dann muß er nicht vorher irgendwelche schlauen Gelehrten an den Universitäten in Paris oder Köln vorher um Erlaubnis fragen, ob er das Atom so, wie er es erschaffen will, nach den rationalen, logischen Gesetzen überhaupt so erschaffen darf. Er erschafft es eben, wie er es erschaffen will. Und wenn wir wissen wollen, wie er das nun tatsächlich erschaffen hat, dann hilft die Überlegung, wie er es denn nun erschaffen haben könnte (oder hätte sollen), allenfalls als Vorüberlegung, als empirisch zu überprüfende Theorie. Es hilft nichts. Wir müssen das Atom aufmachen und nachgucken.

      Und dabei hoffen, daß es innendrin vernünftig zugeht. Oder anders: Mit einer Vernunft, die wir noch begreifen. Denn Gottes Vernunft, etwa schon seine Mathematik, kann ja die uns zugängliche um ein vielfaches überlegen sein.

      Und hier sind wir immer noch in einer spätmittelalterlichen philosophischen Erkenntnistheorie, die selbstverständlich voraussetzt, die gar nicht auf die Idee kommt, in Frage zu stellen, daß es einen Gott gibt. Bis hin zu Popper ist noch ein weiter Weg, aber hier haben wir mal einen Einstieg.

      (Vorweg: Wenn wir hier tiefer gehen wollen, muß ich dazu angeben, daß meine Terminologie hier genau genommen falsch ist, aus einer philosophischen Fach- in Alltagssprache übersetzt. Das kann zu Mißverständnissen führen.)

      Anmerkung: Papst Benedikt legt in seiner oben schon angeführten Regensburger Rede nahe, daß der Voluntarismus entwickelt worden sei in der islamischen Theologie, die ja den Gedanken der Allmacht Gottes viel schärfer denkt und betont als den seiner Rationalität. Ich finde das stimmig, habe aber vom Mittelalter auch nicht sonderlich viel Ahnung und habe das noch nicht überprüft.

    • Erst einmal herzlichen Dank für die freundliche Nachhilfe, die mir bislang leider noch immer nicht die Frage beantwortet hat, welche “Welt” Popper meint, wenn er behauptet, sie sei nicht “rational”, und welchen Maßstab (rein menschlich?, irgendwie universell?) er an seine “Rationalität” anlegt.

      Und wenn es solch ein Fundamentalsatz der Erkenntnistheorie ist, den ich (für mich als philosophischen Laien, aber immerhin Interessierte) so zu veranschaulichen suche, dass die Naturgesetze – die unabhängig vom menschlichen Bewusstsein und, ja, auch unabhängig von einem wie auch immer gearteten höheren Wesen existieren – bei richtiger Erkenntnis und humanistischer Umsetzung durchaus rational sind, so frage ich mich, weshalb dann unsere erlebte “Welt” des 21. Jahrhunderts trotz eines hohen wissenschaftlichen Erkenntnisstandes eine so “irre” (anderes Wort für “irrationale”) ist.

      Und ich frage mich, wie es vor wenigen Jahrzehnten – bei diesem ja so alten und bewährten Erkenntnisstand der Philosophie – zu einem Rosenberg, einem Heidegger, einem Gadamer (vgl. nur “Aktion Ritterbusch”) etc. kommen konnte.

      Und solange dieser Fundamentalgrundsatz der Erkenntnistheorie, wenn ich ihn denn in meiner Naivität tatsächlich halbwegs zutreffend formuliert habe, nicht ernst genommen wird – offenbar nicht einmal konsequent in unserem Bildungssystem, jedenfalls nicht, so lange wir anthroposophische Privat-Schulen fördern, was dann zu derart “wahrhaftigen” und “konstruktiven” Auswüchsen wie die Wissenschaftsfeindlichkeit von “Querdenkern”, “Flat-Earthlern”, Esotherikern und Co. führt, – so lange kann man diesen Grundsatz wohl nicht oft genug reklamieren!

      Und ich verstehe auch nicht, inwieweit Poppers “Falsifikationsprinzip” sich in der Konsequenz vom weit vorher “erfundenen” dialektischen Dreiklang: These/ Antithese/ Synthese unterscheidet. M.E. geht sie sogar wieder einen Schritt zurück und Wissenschaftler der Praxis können deshalb erklärtermaßen nur wenig mit ihr anfangen.
      Anmaßend finde ich es i.Ü. auch, wenn die Dialektik vor diesem Hintergrund als “Pseudowissenschaft” disqualifiziert wird.
      Zudem halte ich es schon für recht “sportlich”, Freud`s Psychoanalyse zur “Pseudowissenschaft” zu degradieren, ohne sich selbst auf diesem Gebiet hinreichend qualifiziert zu haben. Gerade hier offenbart sich ein Alleinvertretungsanspruch auf die Wahrheit und ein metaphysischer Determinismus, den man doch eigentlich abzulehnen vorgibt.

      Aber ich merke schon, innerhalb dieses Rahmens lassen sich nicht alle Fragen beantworten und man muss sich mit den Aussagen Poppers im Kontext und im Original beschäftigen.
      Hoffentlich hat er nicht einen so verschwurbelten Stil wie Heidegger 😉 …. Denn zu dem fehlt mir – ja, ich gebe es selbstkritisch zu – nicht nur der intellektuelle, sondern auch jeglicher menschlich-emotionale Zugang (und das macht mich nicht einmal traurig).

      Und jetzt muss ich mich aber wirklich verabschieden. Gestern habe ich von gleich drei Fällen von Covid-19 in meiner Familie erfahren – meine Nichte hat übrigens trotz ihrer jungen Jahre schwere Symptome. 🙁
      Und wieder zeigt sich, wie gefährlich Wissenschaftsfeindlichkeit i.V.m. einer Après-moi-le-déluge-Mentalität ist, die – trotz langer und ach so philosophisch- fundamentaler Erkenntnis – heute derart weit verbreitet ist.
      Klar: Fördern wir weiter mit Waffenlieferungen Kriege, mit manipulierten Autos und neu eröffneten oder exportierten Braunkohleabbau-Techniken den CO2-Ausstoß und letztlich den Klimawandel, fördern wir überdies weiter mit Massentierhaltung und der Umgestaltung ganzer Ökosysteme Zoonosen!
      Wir sind ja sooo vorbildlich, dass mir zuweilen der Würgereiz das Atmen erschwert – selbst ohne Corona.

      Ihnen allen alles erdenklich Gute, v.a. Gesundheit!

      • @Sandy

        Sie stellen viele Fragen, gut so 😉

        Und jetzt muss ich mich aber wirklich verabschieden. Gestern habe ich von gleich drei Fällen von Covid-19 in meiner Familie erfahren – meine Nichte hat übrigens trotz ihrer jungen Jahre schwere Symptome. 🙁

        Dann wünsche ich erst einmal Ihnen und Ihren Lieben besinnliche, ruhige Feiertage. Auch meine Mutter ist in Corona-Quarantäne 🙄🤒, mutmaßlich zu Unrecht, sie scheint es jedenfalls gut zu überstehen.

        • @Alubehüteter
          Ihnen, Ihrer Familie – besonders Ihrer Mom – die besten Weihnachtswünsche in Eile und auch alles erdenklich Gute 🍀👍!

        • @ Alubehüteter
          “Sie stellen viele Fragen, gut so 🙂 ”

          Jaja, das mag ja sein, doch bin ich dem Sesam-Straßen-Alter doch schon das eine oder andere Jahrzehnt entwachsen und sehne mich (nein, auch an mir sind viele Jahre bayerischer Kultur nicht spurlos vorüber gegangen) nach a Stückerl heiler (m.a.W. verifizierbarer) Welt… ;-)…

      • Klar: Fördern wir weiter mit Waffenlieferungen Kriege, mit manipulierten Autos und neu eröffneten oder exportierten Braunkohleabbau-Techniken den CO2-Ausstoß und letztlich den Klimawandel, fördern wir überdies weiter mit Massentierhaltung und der Umgestaltung ganzer Ökosysteme Zoonosen!

        Das schreiben Sie aber mal einiges Falsches.

        1. Die “manipulierten Autos” produzierten zu viel Stickoxide. Eigentlich ist der Dieselmotor sogar in der CO2 Bilanz wegen des höheren Wirkungsgrades besser.

        2. Zoonosen haben wenig mit der Massentierhaltung zu tun. Bei der Vogelgrippe mussten sogar die Hühner eingesperrt bleiben, um nicht mit de Wildvögeln in Kontakt zu kommen. Corona soll auch von Wildtieren auf den Menschen übertragen worden sein.

        Gruß
        Rudi Knoth

        • @Rudi Knoth

          Für die Massentierhaltung produzieren wir Unmengen an Futtermitteln, roden Wälder & Wildnis für Anbauflächen und schaffen – über die Verschwendung von Energie, Wasser, Flächen und den Ausstoß von CO2, Methan & Gülle hinaus – riesige Möglichkeiten zur Mutation & Ausbreitung von Krankheitserregern. Die Verwendung von Antibiotika und folgenden Resistenzen sei ebenfalls erwähnt.

        • @Rudi Knoth
          Sie müssen die manipulierten Autos nicht mehr in Anführungszeichen setzen; die Manipulation ist inzwischen auch von BGH (inzwischen selbst vom EuGH) erkannt und bestätigt sowie lehrbuchhaft unter § 826 BGB subsumiert worden. (Leider erst zu einer Zeit, in der bereits viele Ansprüche verjährt sein dürften.)
          Freilich ging es bei der illegalen Abschaltvorrichtung zunächst um die beschönigte Vorspiegelung tatsächlich im regulären Fahrbetrieb (nicht auf dem Emissions-Prüfstand) verursachter NOx-Werte. Doch behaupten die Hersteller nach wie vor, mit dem inzwischen aufgespielten Software-Update sei nun alles gut.
          Leider hat das Software-Update zur Folge, dass die Abgasluft nicht ausgestoßen, sondern erneut für die Verbrennung genutzt wird. Zwar führt diese Abgasrückführung zu einer Verringerung des Ausstoßes von Stickoxiden. Sie führt aber gleichzeitig zu einer erhöhten Bildung von Rußpartikeln während der Kraftstoffverbrennung.
          Das Software-Update führt zu einer Verschlechterung im Kraftstoffverbrauch, einen Anstieg der CO2-Emissionen und einer geringeren Motorleistung….

          Aber ich halte meine Ausführungen nun bewusst sehr knapp, um Ihnen den Aufwand, zwischen möglichst wenigen Zeilen das sprichwörtliche Haar in der Suppe zu finden, zu minimieren. Michael Blume hat Ihnen bereits zutreffend zu den übrigen Punkten geantwortet.

          Auch Sie haben sich zwischen den Jahren sicherlich einmal eine Auszeit – selbst vom Kräfte zehrenden Herumstochern und -Sticheln 😉 – verdient und somit bleibt mir nur, Ihnen einen guten Rutsch in ein gesundes und reflexives neues Jahr zu wünschen!

          • Ach jetzt sind Sie also noch Expertin für Dieselmotoren. Nun zu Ihren Ausführungen:

            Freilich ging es bei der illegalen Abschaltvorrichtung zunächst um die beschönigte Vorspiegelung tatsächlich im regulären Fahrbetrieb (nicht auf dem Emissions-Prüfstand) verursachter NOx-Werte.

            Soweit ich weiß, war die Anschaltvorrichtung dazu da, beim Prüfstand “bessere” NOx-Werte zu bekommen als im realen Fahrbetrieb erzielt wurden.

            Leider hat das Software-Update zur Folge, dass die Abgasluft nicht ausgestoßen, sondern erneut für die Verbrennung genutzt wird. Zwar führt diese Abgasrückführung zu einer Verringerung des Ausstoßes von Stickoxiden. Sie führt aber gleichzeitig zu einer erhöhten Bildung von Rußpartikeln während der Kraftstoffverbrennung.

            Daran stimmt eine Menge nicht:

            1. Nach WIKIPEDIA gab es die Abgasrückfühung schon früher. Damit konnte man das Problem erstmal beseitigen, daß entweder NOx oder Ruß entsteht.

            2. Ruß war vor etwa 30 Jahren in der Tat das größere Problem, weil er als krebserrregend gilt.

            3. Neben dem Software-Update mußte man noch mit Ad-Blue und einem entsprechenden Tank die Abgase besser reinigen. Übrigens kann man heute Ad-Blue an einer Tankstelle und sogar manchmal bei LIDL kaufen. Dies ist die teure Nachrüstung, von der geschrieben wird. Die Abgasrückfuhrung gab es schon früher.

            Guten Rutsch
            Rudi Knoth

          • Liebe @Sandy, der @Rudi Knoth mag nicht so gerne Widerspruch. Schon gar nicht von Frauen… 😉💁‍♂️

            Danke, dass Sie sich von einigen Herren hier nicht wegmobbben lassen. Ich lese Ihre Kommentare immer wieder gerne.

            Allen Leserinnen und Lesern einen guten Rosch in ein hoffentlich besseres 2021!

          • Danke, @Micha Blume, ich kann damit umgehen😉. Ich selbst übernehme zu dieser Thematik immer wieder gerne Terminsvertretungen für Kolleginnen und Kollegen von größeren Kanzleien, die sich in den Dieselskandal-Angelegenheiten spezialisiert haben, weiß also durchaus, wovon ich rede. Und die Gerichte folgen auch mehrheitlich unserer Argumentation. Und, ja, ich gebe es zu, die Resonanz der Gerichte ist mir dann doch wichtiger als jene von @Rudi Knoth.

            Kommen auch Sie und Ihre Lieben gut in ein gesundes und für uns alle hoffentlich bald besseres neues Jahr! 🍀🍾 🎇
            Und immer wieder Danke für Ihr unermüdliches Engagement gegen Hass, Hetze und Faktenverweigerung!📚

  15. @ Alubehüteter:

    “Mittelalter … Gott hat die Welt erschaffen. Und da er vernünftig ist, so hat er die Welt auch vernünftig erschaffen.”

    Eigentlich komisch, dass erst mit dem Erdbeben von Lissabon ein tiefer Riss in solchen Ansichten entstand. Es gab ja schon immer genug Anlässe dazu. Danach kam der aufklärerische Glaube an die Überlegenheit der menschlichen Vernunft, dann die unsichtbare Hand, die die unübersehbare Unvernunft der Menschen hinter ihrem Rücken wieder zu einer höheren Vernunft zusammengeführt hat, gefolgt von der Dialektik der Aufklärung und vielleicht als Höhepunkt dieser Entwicklung: Donald Trump? 😉

    • Tatsächlich sehe ich hier einen Grundkonflikt, ausbuchstabiert von Nietzsche bis Trump: Umso stärker sich Vernunft und Wissenschaft verbinden, umso mehr irrationale „Freiheitsräume“ grenzen sie ein. Wer beispielsweise die #Klimakrise anerkennt, wird immer schwerer Überkonsum von fossilen Rohstoffen und Fleisch rechtfertigen können. Kein Wunder also, dass die Leugner-Szenen von Antisemitismus, Anti-Covid19, Anti-Klimawissenschaft usw. immer stärker verschmelzen.

      Ehrliche Frage in die Runde: Wie gehen wir mit dem Schrumpfen „vernünftiger“ Optionen und Rollenbilder durch die Fortschritte der Wissenschaften um? Verstehen wir die „Ängste um Freiheiten“? 🤔

    • @Joseph Kuhn

      Eigentlich komisch, dass erst mit dem Erdbeben von Lissabon ein tiefer Riss in solchen Ansichten entstand.

      Die Theodizeefrage Warum läßt Gott das Böse zu? stellt sich immer wieder neu, Erdbeben von Lissabon, Auschwitz … ist ja aber schon sehr alt und Thema schon im Buch Hiob.

  16. Alubehüteter,
    Du sollst dir kein Abbild von Gott machen, so steht es im Alten Testament.
    Die Denker des Mittelalters und auch die röm.kath. Kirche die hat das vergessen, und Gott mit menschlichen Eigenschaften überschüttet.
    Das führt natürlich zu einem Widerspruch, wenn man Gott mit der Unvollkommenheit der uns umgebenden Welt betrachtet. Ich denke, es ist kein Widerspruch, das Werkzeug Gottes ist die Evolution, und…..nicht zu vergessen…..wir leben nicht mehr im Paradies.

    Jetzt, 2 Tage vor Weihnachten, sollten wir uns daran erinnern, dass Gott seinen Sohn in diese Welt geschickt hat um sie zu erneuern. Wie haben das die Menschen gedankt, sie haben den Gottessohn gekreuzigt.

  17. @Michael 22.12. 10:55

    „Wie gehen wir mit dem Schrumpfen „vernünftiger“ Optionen und Rollenbilder durch die Fortschritte der Wissenschaften um? Verstehen wir die „Ängste um Freiheiten“?“

    Sie zitieren Popper:
    „Denn ein unkritischer Rationalismus kann behaupten, dass die Welt rational sei und daß es die Aufgabe der Wissenschaft sei, diese Rationalität zu entdecken, während ein Irrationalist geltend machen wird, daß die Welt, die im Kern irrational ist, erfahren und ausgeschöpft werden sollte durch unsere Gefühle und Leidenschaften (oder durch unsere intellektuelle Intuition), nicht aber durch wissenschaftliche Methoden.„

    Das ist doch genau das, was hier gerade passiert. Der wissenschaftliche Mainstream ignoriert jegliche Geisteswelten, und ist dabei, übers Ziel hinauszuschießen. Geistig orientierte Menschen teilen das nicht. Und wenn mal wieder versucht wird, z.B. die Homöopathie wegen Unrealismus zu verbieten, dann steht man dem ziemlich kritisch gegenüber.

    Hier können Ängste um Freiheiten aufkommen.

    In der Gegenreaktion auf diesen übergriffigen Rationalismus geraten dann auch noch andere Sachverhalte in die Schusslinie. Die Klimawissenschaft selbst ist nicht übergriffig, gerät aber doch bei einer wissenschaftsfeindlichen Grundhaltung mit in die Kritik. Und hier mag auch manch einer in der Industrie dieses ausnutzen, um seine Kohlekraftwerke einfach noch ein paar Jahre länger zu betreiben und noch ein paar Millionen Benziner zu verkaufen. Und eben diese Irrationalistengegenreaktion noch zu fördern.

    Die Freiheit, Auto zu fahren und Fleisch zu essen darf man hier nicht unterschätzen. Es gibt technische Lösungen für Beides, aber die Menschen sind hier sehr misstrauisch. Wenn nicht sogar paraniod aus Erfahrung. Wenn ich an die unselige EEG-Umlage denke, die zur Hälfte eine versteckte Industriestrom-Subventionierung war, und eben auch die sozial Schwächsten so maximal wie möglich betroffen hat, und mir vorstelle, dass man so die Klimawende schaffen will, dann vergeht mir auch die Lust daran.

    Wieso sind nicht längst die Städte fahrradfreundlich ausgebaut? Das würde auch gerade sozial Schwächeren sehr entgegenkommen, so mancher könnte aufs Auto verzichten, und andere auf die Monatskarte für die Öffis.

    Nochmal Popper:

    “im Gegensatz dazu wird der pragmatische Rationalismus anerkennen, daß die Welt nicht rational ist, er wird aber verlangen, daß wir sie so weit wie möglich der Vernunft unterwerfen.“

    Nur so gehts. Wir müssen ernst nehmen, wenn die Menschen meinen, dass sie auch in Geisteswelten leben. Und wir müssen bei aller weltanschaulichen Vielfalt auf die wirklich wichtigen Probleme eingehen, und sie vernünftig lösen. Auch in der Pandemie können wir nicht einfach den Medizinern die Politik überlassen, hier müssen die Interessen aller berücksichtigt und politisch vernünftig abgewogen werden. Nicht jeder teilt hier die Panik, und nicht jeder ist ein Freund der Schulmedizin.

    • So sehr ich mit Ihnen fühlen kann, @Tobias Jeckenburger, so ringe ich doch mit Fragen. Denn wer in Covid19-Zeiten „die Schulmedizin“ auf der Basis von „Geisteswelten“ ignoriert, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Wer weiter subventioniertes Fleisch aus Massentierhaltung verzehrt, schädigt nicht nur sich, sondern auch das Klima, u.a. die Zukunft unserer Kinder.

      Es scheint, als ob @JosephKuhn und Sie geradezu konträre Begriffe von Freiheit „spüren“. Popper sieht m.E. diese Fragen bereits aufkommen… 🤔

      • Wirklich gute „Alternativmediziner“ sind nach meiner Erfahrung von Haus aus „Schulmediziner“ und wenden diese auch zuerst an, Alternativmedizin wie z.B. chinesische Akupunktur aufgrund einer Zusatzqualifikation nur als Ergänzung. Wer das wirklich als „Alternative“ anbietet, steht bei mir im Generalverdacht der Quacksalberei.

  18. @ Michael Blume:

    “Verstehen wir die „Ängste um Freiheiten“?

    Vermutlich nicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Ausgangsthese stimmt und die Wissenschaft Freiheitsräume einschränkt. Haben wir nicht eher eine lange Entwicklung der Freisetzung aus traditionalen Verhaltensnormen hinter uns? Noch vor 100 Jahren galten Frauen als verrückt, die studieren wollten, oder wurden Evangelische in katholischen Regionen schräg angesehen und umgekehrt. An der Befreiung aus solchen Beschränkungen hatte die Wissenschaft erheblichen Anteil.

    Müsste man statt dessen über eine konsumistische Verengung des Freiheitsgedankens nachdenken (“freie Fahrt für freie Bürger” usw.)?

    Aber vielleicht habe ich auch einfach Ihre Frage nicht verstanden.

    • Doch, @Joseph Kuhn – es geht mir genau um das Freiheits-Paradox. Einerseits habe ich soviel Auswahl im Supermarkt wie keine Generation zuvor. Doch andererseits bewegen mich die Erkenntnisse der Wissenschaft, auf den Konsum von Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten.

      Einerseits schwärme ich meinen Kindern von ihren Chancen in einer freiheitlichen Gesellschaft vor. Andererseits setze ich sie damit dem Leistungsdruck durch Selbstoptimierung aus.

      „Sei doch vernünftig!“ heißt doch immer auch, Optionen vor dem Hintergrund wachsenden Wissens auszuschließen – oder? 🤔

  19. @Blume: Grundkonflikt
    Sehr gute Frage!
    Ich habe sie mit materiellem Minimalismus und Abkehr vom Wachstumsgedanken der Ökonomen für mich beantwortet.

  20. Zu hwied:
    “Das Werkzeug Gottes ist die Evolution….”
    Wenn dem so ist, so würde alles mit dem Urknall beginnen und in Milliarden Galaxien gäbe es Milliarden Zivilisationen und Gottes Evolution würde nur den Zivilisationen dieses Universums eine Chance geben sich nicht selbst auszulöschen bzw. die sein Anliegen, seinen Geist, begriffen haben – Worunter nicht unbedingt diese ewig kriegführende Menschheit fallen würde. Von uns Menschen möchte ich jedenfalls als fremde Zivilisation nicht entdeckt werden…

  21. Golzower,
    die Bibel ist so geschrieben, wie sie die Menschen vor 2500 Jahren verstehen konnten. Sie ist aber auch so geschrieben, dass die Menschen der Neuzeit sie verstehen können.
    Und,,,,,,wir selbst, unsere Fähigkeiten zu verstehen, die unterliegen der Evolution.
    Angenommen, die Menschheit löscht sich nicht vorzeitig aus, dann werden die Menschen mit den größten geistigen Fähigkeiten ein Gehirngewicht von 2 Kg haben. Und dieser Menschentypus, der wird noch mehr aus der Bibel herauslesen.
    Think big ! kann ich nur sagen, wir sind nicht die Einzigen im Weltraum.
    Anmerkung: Der Urknall, das ist eine Theorie. In 500 Jahren werden wir auch wieder anders über den Urknall denken.
    Was jetzt die ewig kriegsführende Menschheit betrifft, die befindet sich erst am Angang ihrer Entwicklung. Bildhaft gesprochen befindet sie sich im Stadium der Pubertät.
    In 5000 Jahren wird alles viel friedlicher ablaufen.

  22. @ Michael Blume:

    Dass die gesellschaftliche Entwicklung mit der Entwicklung neuer Widersprüche einhergeht, sehe ich auch so. Aber geht sie und geht speziell der wissenschaftliche Fortschritt mit einer Einschränkung von Freiheit einher?

    Woran könnte man das messen? Wie könnte man abwägen, was überwiegt: Befreiung von überkommenen Normen durch Wissenschaft versus neue Normen durch eine Verwissenschaftlichung des Alltags?

    • Danke, @Joseph Kuhn. Es sind genau diese Fragen, mit denen ich ringe. Nach meiner Intuition geht es dabei auch um die Dimension der Zeit: Wer heute von der Freiheit zu Überkonsum Gebrauch macht, schränkt spätere Freiheiten für sich selbst und andere ein. Wissenschaftliche Erkenntnisse macht diese Kausalitäten einsichtig und „zwingend“. Was bedeutet das, was muss es (nicht) bedeuten? 💁‍♂️

  23. @Michael 23.12. 12:28

    „Denn wer in Covid19-Zeiten „die Schulmedizin“ auf der Basis von „Geisteswelten“ ignoriert, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere.“

    Da kommt es doch überhaupt nicht drauf an. Die wenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, weil sie eher esoterisch unterwegs sind, die brauchen wir für eine Herdenimmunität nicht. Die wenigen, die aus den selben Gründen die Empfehlung von Kontaktbeschränkungen nicht mittragen, auch nicht. Die Gefahr, die ich hier sehe, ist einfach, dass man aus persönlicher Erfahrung immer wieder erlebt, dass Mediziner einem Behandlungen aufdrängen wollen, nur weil sie Geld damit verdienen.

    Eine gewisse Vorsicht vor Empfehlungen von Medizinern ist generell lebenspraktisch hilfreich. Die scheinbare Oberrationalität von Ärzten und Pharmaindustrie ist eben öfter auch mal geschäftsmäßig frisiert. Die Notlage der Pandemie hebt dieses Misstrauen gegenüber der Schulmedizin nicht einfach auf.

    Was nicht heißt, dass hier alle Gegenmaßnahmen sinnlos sind. Das glauben vor allem ganz esoterisch orientierte, davon gibt es nicht viele. Aber misstrauisch mit dennoch zustimmender Tendenz sind wirklich Viele. Ich auch.

    „Wer weiter subventioniertes Fleisch aus Massentierhaltung verzehrt, schädigt nicht nur sich, sondern auch das Klima, u.a. die Zukunft unserer Kinder.“

    Was die Klimawirkung des Fleischkonsums angeht, so wird es auf die Dauer genug sein, wenn diese hinreichend eingepreist würde, was ich sehr begrüßen würde. Dann werden andere Anteile der verschiedenen Nutztiere, andere Haltungsbedingungen und auch angepasste Futtermittel schon mal einen Teil des Problem lösen. Wenn dann wegen höherer Preise weniger weggeworfen und auch mal öfter hochwertiges Pflanzliches in der Küche Verwendung findet, löst sich ein weiterer Teil des Problems. Das was noch an Fleischkonsum übrig bleibt, sorgt für Klimagas-Steuereinnahmen, die man anderweitig in Klimaschutzmaßnahmen stecken kann. Und damit kommt man ganz klar zur Nullklimawirkung, ohne dass wir wirklich auf Fleisch verzichten müssten.

    Weniger Fleischkonsum wäre hier die Folge. Und was die Leiden der Tiere angeht, so gibt es hier auch Lösungen für, die nebenbei die Fleischqualität sehr verbessern kann, was auch für Futtermittel aus biologischem Anbau gilt. Bei der Qualität, die dieses Fleisch haben kann, kann man auch nochmal deutlich weniger in der Küche verwenden, einfach weil das doppelt so viel Geschmack hat. Meine Eltern hatten noch allerlei Kleinvieh gehalten, also Karnickel, Enten, Gänse, Tauben und Fasane, und mein Onkel hat jeden Sommer Jahr 300 Hühner groß gezogen, von denen wir gegen Karnikel gerne eingetauscht haben. Ich weiß, wie lecker vernünftig gehaltenes Vieh schmecken kann.

    Wer hier propagiert, dass wir aus Klimagründen kein Fleisch mehr essen können, der stößt hier mit Recht auf Ablehnung, egal wie gut das wissenschaftlich verpackt wird. Weniger, aber dafür wesentlich Besseres, da würden wohl die meisten zustimmen, vor allem wenn sie mal probiert haben, wie lecker das sein kann. Ich leiste mir auch jetzt schon Bioeier und öfter auch mal Biohackfleisch aus dem Aldi, für mehr reicht mein Geld z.Z. nicht.

    Die astronomischen Fleischpreise im Biosupermarkt sind eher die Folge der Fleischverarbeitung und der Vertriebsstruktur bzw. weil es derzeit Nischenprodukte sind. Solche Preise kann ich mir nun wirklich nicht mehr leisten. Deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn hier mal Bioanbau generell zur Pflicht würde, ebenso wie eine Tierhaltung, mit der es den Tieren gut geht.

    Auto fahren und Flugreisen machen kommt für mich auch aus Klimaschutzgründen schon lange nicht mehr in Frage. Hier ist Fahrradfahren eine wirkliche Alternative, zumal ich sportlich geübt bin und sehr gute Ortskenntnis habe und die Schleichwege alle kenne, auf denen man in dieser auf Autos optimierten Stadt Dortmund noch halbwegs sicher unterwegs sein kann. Das kann ich selber umsetzten.

    Aber Eier, Käse und Fleisch muss sein, ich kann es auch schwer nachvollziehen, wie manche Veganer das hinbekommen. Ich würde da richtig leiden, und hätte ständig Heißhunger auf Tierisches. Eine Lösung würde durch die Einpreisung der dadurch verursachten Emissionen angestoßen, ohne dem wird das nicht funktionieren. Wer es sich leisten kann, im Biosupermarkt sein Fleisch zu kaufen, der hat hier eigenen Spielraum. Ich habe den nicht.

    • Danke – ich sehe da Entsprechungen wie auch Widersprüche. Wenn Tierisches ehrlich bepreist würde – wofür ich wäre – wäre es sicherlich teurer als heute. Aber egal: Haben Sie ggf. Lust und Zeit, auf meine Antworten bzw. Fragen ggü. Joseph Kuhn einzugehen? Da Sie beide sehr unterschiedliche Perspektiven vertreten, erhoffe ich mir mehr Klarheit.

  24. Der wissenschaftliche Fortschritt macht auch vor dem Menschen nicht halt. In absehbarer Zeit wird die DNA von jedem Säugling gescannt werden. Um frühzeitig Erbkrankheiten zu erkennen. Das ist lobenswert.
    Auf der anderen Seite , wenn es um die Bezahlbarkeit von Erbkrankheiten geht, dann werden entweder die Versicherungsleistungen bei Erbkranken eingeschränkt. oder die Risikofälle werden gar nicht mehr aufgenommen.

    Was jetzt den wissenschaftlichen Fortschritt bei den Informationswissenschaften betrifft, der wird in absehbarer Zeit zum “Gläsernen Menschen” führen. Das können wir nicht aufhalten.

    Der wissenschaftliche Fortschritt wird uns hoffentlich bei der Tierhaltung entlasten. Die Qualtierzucht hat ja ihre Grundlage in dem gnadenlosen Wettbewerb unter den Lebensmittelerzeugern. Hier kann man nur hoffen, das synthetische Lebensmittel bald tierisches Eiweiß ersetzen wird.

    Joseph Kuhn
    woran denken Sie bei der Befreiung von überkommenen Normen. Die ist längst vollzogen.
    Wir bekommen eine Consumergesellschaft ohne Kultur. Zur 7 Tage-Woche ist es nicht mehr weit.
    Wir werden eine Spaltung der Gesellschaft erleben. Diejenigen, die vom wissenschaftlich und ökonomischen Fortschritt profitieren und denen , die zu den Sklaven dieser Unkultur werden.
    Unser Grundgesetz ist dann endgültig ausgehöhlt.

    • @wissenschaftlicher Fortschritt lässt sich nicht aufhalten & DNA-Auslesung, gläserner Bürger und Tierhaltung:
      Ich möchte hier eine differenzierte Sichtweise anregen. Zum Einen ist es völlig richtig, dass man sich dem Fortschritt nicht entziehen kann. Zum Anderen heißt das aber nicht, dass man sich ihm völlig hingeben und ausliefern soll. Ich ziehe hierzu den Vergleich mit der letzten großen technischen Revolution, nämlich der industriellen.

      Betrachten wir die Industrielle Revolution in Deutschland im 19. Jahrhundert, so stellen wir fest, dass sie in den einzelnen Ländern höchst unterschiedlich ablief. Vorreiter war Preußen, wohingegen Bayern zu den Schlusslichtern gehörte (heute kaum noch vorstellbar, ich weiß).

      Die Preußen waren vor Napoleon Großmacht gewesen und wollten es bleiben bzw. wieder werden, waren aber vom revolutionären Frankreich mit Leichtigkeit besiegt worden (mehrmals sogar). Die Preußen erkannten, dass sie ihr Land grundlegend ändern mussten, um weiter “vorne mitspielen” zu können, und nahmen sich als Vorbild England, welches Frankreich ja gewachsen, letztlich sogar überlegen war. Zum Erfolgsrezept Englands gehörte auch die neue Industrie, und so beschloss die preuß. Regierung, jene auch in ihrem Land einzuführen, rücksichtslos von oben herab mit dem “Dampfhammer”. Man feierte die “Bauernbefreiung”, die in Wirklichkeit vor allem zu massiver wirtschaftlicher Abhängigkeit des Proletariats und zum Pauperismus führte, der als Gegenreaktion wiederum den Kommunismus beförderte. Dennoch funktionierte die Industrialisierung, denn sie tat das, was sie sollte: Sie machte Preußen (später das 2. dt. Reich) zu einer der führenden Weltmächte (bis es dann in 2 Weltkriegen unterging, aber das ist eine andere Geschichte).

      Die gesellschaftlichen und sozialen Kollateralschäden dieses Erfolgs dürfen wir zum Teil heute noch aufräumen, womit ich ihn aber auch nicht schlechtreden will, denn beispielsweise die Medizin ist seither erheblich besser geworden und der Lebensstandard auch der breiten Masse ist heute viel höher als vor der Industrialisierung. Das liegt aber zu einem guten Teil auch daran, dass man der Industrialisierung nach und nach “Ketten anlegte”, beispielsweise durch das Versicherungswesen.

      Bayern hingegen war damals keine Großmacht und würde auch mit Industrialisierung keine werden, also hatte hier der Staat deutlich weniger Not, die neue Lebensweise von oben herab zu erzwingen, wie das in Preußen geschehen war. Stattdessen versuchte man sogar eine Weile, sich dagegen zu stemmen und z.B. die alten Zünfte zu stärken, v.a. auch weil man den Pauperismus (und Kommunismus) in den Industriezentren sah und ihn für Bayern vermeiden wollte.

      Dies musste fruchtlos bleiben, weil durch die Konkurrenz der preuß. (und englischen und sonstwelchen) Fabriken das bay. Handwerk trotzdem die gleichen Probleme bekam wie in allen anderen Ländern auch – das war eben der Zug der Zeit. Sich gegen die Industrialisierung zu stemmen hatte den Bayern also letzten Endes nichts eingebracht, sondern ihnen geschadet: Ihr altes System konnten sie auf lange Sicht trotzdem nicht retten und nun, wo es weg war, hatten sie auch noch einen Entwicklungsrückstand auf die Länder, die nicht so lange gezögert hatten. Erst nach dem 2. Weltkrieg (als Preußen von den Alliierten zerschlagen wurde) begann die Industrialisierung in Bayern so richtig.

      Versucht man jetzt, die Erfahrungen von damals auf unsere heutige Situation, die Digitalisierung, anzuwenden, so bleibt die Erkenntnis, dass es unmöglich und folglich auch völlig sinnlos ist, sie verhindern zu wollen. Selbst wenn man dies könnte, würde man sich am Ende selbst schaden damit. Die derzeitige deutsche Politik in dieser Sache erscheint mir deshalb fehlerhaft, sie erinnert an die bayrische des 19. Jahrhunderts (und nicht umsonst hat das unionsgeführte Bayern ja in den vergangenen Jahrzehnten großen Einfluss in Deutschland ausgeübt, war die CSU an vielen Bundesregierungen beteiligt – wenn man möchte, kann man hier eine Wiederholung alter Fehler sehen, was wohl zu stark vereinfacht, aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen ist), erkennbar am schleppenden Ausbau des Glasfasernetzes, den Hackerangriffen auf den Bundestag (bzw. dem zu geringen Schutz dagegen), aber auch und gerade in der Coronakrise, beispielsweise beim problematischen “Homeschooling” oder auch nur der Übermittlung von Infiziertenzahlen durch die Gesundheitsämter (von der Organisation der Intensivbettenkapazitäten ganz zu schweigen). Die jahrzehntelange “Vogel-Strauss-Politik” in Sachen Digitalisierung fällt uns nun auf die Füße.

      Nun folgt jedoch das große ABER: Sofern man nicht, wie damals Preußen, den Anspruch hat, eine der führenden Großmächte der Welt sein zu wollen (etwas, wovon die Deutschen, denke ich, nach zwei Weltkriegen ganz gut kuriert sind), gibt es keinen Grund, die Digitalisierung völlig ungehemmt und unkontrolliert wild wuchern zu lassen, wie es die Hohenzollern damals mit der Industrialisierung taten. Stattdessen sollte man versuchen, Dinge wie damals die Versicherungen gleich von vorneherein mit einzuplanen, um einen Daten-Pauperismus gar nicht erst entstehen zu lassen. Deshalb schließe ich mich beispielsweise auch nicht der Kritik an der dt. Corona-Warn-App an, die angeblich wegen des zu hohen Datenschutzes zu wenige Daten übermittle und deshalb nutzlos sei – das ist sie nicht. Dass sie zu wenig genutzt wird, zeigt, wie viel (hier unberechtigte, in vielen anderen Situationen aber berechtigte – ich erinnere nur an die massenweise Benutzung von Restaurant-Coronadaten durch die Polizei, natürlich ohne richterlichen Beschluss) Angst die Leute um ihre Daten haben. Deshalb trauen sie auch soliden Produkten nicht. Bei der anstehenden Impfung wird das auch noch ein Problem werden.

      Deshalb ist es zum Beispiel trotz Digitalisierung auch ausdrücklich nötig, eine “Verglasung” der Bürger von vorne herein gesetzlich einzuschränken, ohne die Digitalisierung an sich dabei zu verhindern. Dafür braucht es Parteien, die sich des Themas als Kernanliegen annehmen (wie damals die Sozialdemokraten), und es braucht Organisationen der Betroffenen (wie damals die Gewerkschaften), um dem immensen wirtschaftlichen (Internetriesen und Datenkraken) und politischen (Überwachungsstaat) Kapital etwas entgegen zu setzen (ausdrücklich nicht: um es abzuschaffen!). Sozialdemokraten und Gewerkschaften wollten die Industrie nicht abschaffen und zurück in die alte Zeit, sie wollten lediglich die Misstände beheben. Aus jener Epoche lernen würde heute bedeuten, Misstände, die jeder sehen kann (Beispiel gläserner Bürger) gar nicht erst so groß werden zu lassen, ohne dabei die Digitalisierung an sich (beispielsweise die Übermittlung von Daten der Gesundheitsämter durch ein bundes- oder noch besser europaweit einheitliches System) zu blockieren.

      Den gläsernen Menschen nicht aufhalten zu wollen, weil man meint, es ohnehin nicht zu können (oder zu sollen), könnte deshalb DER kapitale Fehler des 21. Jahrhunderts sein.

  25. @ Michael Blume:

    “Was bedeutet das”

    Tja. Ich für meinen Teil bin leider noch nicht altersstarrköpfig genug, um darauf eine klare und einfache Antwort zu haben. Aber ich arbeite daran (erst mal nur am Altern) 🙂

    Frohe Weinnachten und ein hoffentlich besseres Jahr 2021!

  26. Herr Blume, schämen Sie sich eigentlich nicht? Ich bin jederzeit zu einer Diskussion bereit. Max Otte, Ph.D., Princeton University, 1996, Assistant Professor, Boston University, 1998-2000, C-3-Professor, Hochschule Worms, 2001-2018, Professor, Universität Granz, 2011 – 2016, Lehrbeauftragter, Universität Erfurt, 2012 – 2014

    • Nein, Herr Otte, warum sollte ich mich schämen? Wohl nur dafür, Ihnen nicht schon im Mai entgegengetreten zu sein, als Sie auf einer sog. Querdenken-Demonstration in Stuttgart absurde und unverantwortliche Verschwörungsmythen über die Covid19-Pandemie verbreitet haben. Aber ich nahm mir die Zeit, Ihre Texte, Finanzprodukte und Kooperationen erst näher in Augenschein zu nehmen.

      Hier auf dem Blog tobte auch schon Oliver Janich. Ich wünschte, Sie hätten mehr Distanz (auch) zu ihm. So aber wird es mir eine Ehre bleiben, über die Gefahr der Verschwörungsmythen aufzuklären, die Sie beide gegen unsere Demokratie und gegen das Zusammenleben verbreiten – um damit auch noch Geld zu verdienen.

      Ihnen frohe Weihnachten! 🎄 Nutzen Sie doch die Chance, sich bei jenen zu entschuldigen, die Sie zu Unrecht z.B. der „Bargeldabschaffung“ beschuldigt haben…

      • Max Otte hat Ihnen eine Diskussion angeboten. Sie sprechen doch andauernd von Wissenschaft. Dann sollten Sie sich doch endlich mal einer Debatte mit den Leuten stellen, die Sie hier pausenlos denunzieren. Oder haben Sie etwa Angst vor dem Gedanken, Max Otte oder Thorsten Polleit auf einem Podium gegenüber zu sitzen?

        Biff Tannen würde Sie Chicken nennen. Und da Sie kein Marty McFly sind, werden Sie weiterhin davonlaufen. 😉

        • Ach, lieber @Lars, seitdem Ihnen erst die Wahlniederlage von Trump und dann auch noch der Missbrauch von Mises durch Covid19-Leugner klarwurde, pumpen Sie sich arg verzweifelt auf. ☺️

          Zu Diskussionen mit Thorsten Polleit und Max Otte lasse ich mich gerne einladen. Vielleicht gibt es bei diesen ja sogar noch eine Chance, dass sie aus dem Verschwörungsgeraune herausfinden. Wenn sie mit der Irreführung Leichtgläubiger – wie Sie es sind – auch Geld verdienen.

          Melden Sie sich gerne wieder, wenn Sie vom Alphamännchen-Adrenalin in den Zustand des Nachdenkens gefunden haben. Davon würde nicht nur Ihr Herz, sondern auch Ihr Geldbeutel profitieren. Lassen Sie sich nicht länger von mehrfach gescheiterten Crashpropheten täuschen.

          Frohe Weihnachten und einen guten Rosch, lieber @Lars!

          • Zu Diskussionen mit Thorsten Polleit und Max Otte lasse ich mich gerne einladen.

            Sie werden absagen, mit den typischen Ausreden. Sie werden Polleit oder Otte als unseriöse “Schwurbler” abkanzeln, damit Sie sich auf dem Podium die öffentliche Erniedrigung ersparen. So hat es auch James Cameron getan, als er kurzfristig eine Debatte mit Marc Morano cancelte.

            Ihnen auch schöne Weihnachten!

            PS: Ich bin bei keinem der beiden oben genannten “Crash-Propheten” investiert.

          • Nun, @Lars, Sie hatten konkret Otte und Pollweit erwähnt. Und zwischen diesen und zum Beispiel Markus Krall, Samuel Eckert, Oliver Janich, W. Gedeon und Tilman Knechtel sehe ich schon Unterschiede. Nicht jeden möchte ich aufwerten.

            Aber wir sind ein freies Land – und Max Otte und Thorsten Pollweit könnten doch ebenso wie ich z.B. per Blog, Podcast oder Buch argumentieren. Die Evolution des Geldes oder die Performance ihrer Anlageprodukte sind doch überprüfbar. Warum also nicht?

            Michael Ballweg & Querdenken711 haben mir gleich zwei Pressemitteilungen gewidmet. Gut, die waren so schräg, dass sie es in die Böhmermann-Show geschafft haben. Aber Diskutieren kann man(n) ja auch klüger… 😉💁‍♂️🇩🇪🇪🇺🌈

  27. @Michael 23.12. 16:59

    „Wenn Tierisches ehrlich bepreist würde – wofür ich wäre – wäre es sicherlich teurer als heute.“

    Hier habe ich eben Grund zur Hoffnung, dass gleichzeitig die Qualität besser wird, wenn man die ganze Landwirtschaft auf Öko umstellt. Ich esse ganz gerne aus Bioanbau, auch Fleisch, wenn ich es mir leisten kann. Soviel teurer wie die Preise im Biosupermarkt wird das doch gar nicht werden, wenn hier in der Masse nur noch biologisch produziert wird.

    @Joseph Kuhn 23.12. 14:37

    „Woran könnte man das messen? Wie könnte man abwägen, was überwiegt: Befreiung von überkommenen Normen durch Wissenschaft versus neue Normen durch eine Verwissenschaftlichung des Alltags?“

    Die Befreiung von den Normen unserer christlichen Vergangenheit begrüße ich schon, z.B. den Sex außerhalb der Ehe. Und neue Normen, die durch die Erkenntnisse der Wissenschaft initiiert sind, begrüße ich im Prinzip auch. Wenn die Wissenschaft feststellt, dass Asbest gesundheitsschädlich ist, dann ist das gut, dass das nicht mehr hergestellt werden darf.

    Aber hier muss man auch gut aufpassen, ob wir hier nur eine Modeerscheinung haben, und die Erkenntnisse doch auch mal voreilig sein können. Und wenn irgendein Produkt gesundheitsschädlich ist, muss man auch den Nutzen des Produkts mit der davon ausgehenden Gefahr abwägen.

    Die Tabaksteuer ist ein gutes Beispiel, wie schwierig der Umgang mit Süchten werden kann. Einerseits kassiert man Steuern ab, anderseits sind Nikotinkaugummis teurer als Tabak, weil sie aus recht rätselhaften Gründen Apothekenpflichtig sind. Hier können wir nicht einfach nur die Wissenschaften bzw. Ärzte fragen, wie man mit Tabakkonsum umgehen soll.

    Wissenschaftliche Argumente sollten in vielen Fragen gehört werden, aber dennoch ist das meistens nur eine Seite der Geschichte. Wie die Menschen ihr Leben verstehen, ist eine andere Sache. Vorschriften aus rein paternalistischen Motiven brauchen wir nicht. Die Lebensangelegenheiten, mit denen wir als Menschen zu tun haben, entziehen sich in großen Teilen den Erkenntnissen der Wissenschaftler. Die Frage, wie wir wissenschaftliche Erkenntnisse in unser Leben integrieren wollen, das müssen wir Menschen im Zweifelsfall selbst entscheiden.

    Ein gutes Beispiel ist hier der Umgang mit psychisch Kranken. Die Psychiatrien verstehen ihre Patienten im Wesentlichem kaum, was wenig stört, wenn die Patienten sich ohnehin per Gerichtsbeschluss behandeln lassen müssen. Dass wir in der Selbsthilfe uns untereinander unterstützen ist auch ziemlich wirksam. Wir haben wenig wissenschaftliche Expertise, aber aus eigener Erfahrung wissen wir ganz gut, wie wir ticken, und was wir brauchen und was uns hilft, und was jetzt wirklich nicht hilft.

    Das Hauptproblem mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ist, dass sie eher punktuelle Fragen klären, aber einen Großteil der wirklichen Probleme gar nicht erfassen. Und deshalb können punktuelle wissenschaftlich motivierte Vorschriften eben schnell ziemlich destruktiv werden.

    Ein gutes Beispiel hier kann Haschisch sein. Man kennt gar nicht alle Wirkungen von Cannabiskonsum auf den Menschen. Man kennt nur einige wenige Aspekte, welche Folgen der Konsum hat. Wenn z.B. Kiffer weniger Alkohol konsumieren, dann können die vermiedenen Schäden durch weniger Alkohol die Schäden des Cannabiskonsums übersteigen. Das ist eben so eine schwierige Frage, da sollte allein aufgrund der Unsicherheit der Faktenlage schon das letzte Wort beim Nutzer sein.

  28. Tobias Jeckenburger,
    Die christlichen Normen der Vergangenheit sind die Grundlage unserer Rechtsprechung. Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten, du sollst nicht die Ehe brechen.
    usw. usw.
    Bei den Normen, die die Kirchen im Laufe ihrer Geschichte geschaffen haben, da stimme ich ihnen zu, die sind zu überprüfen und auch zu ändern.
    Es ist nicht mehr zeitgemäß Frauen innerhalb der röm.kath. Kirche zu benachteiligen. Es ist unmenschlich, geschiedene Frauen von der Eucharistie auszuschließen. und es ist nicht mehr zeitgemäß wenn der Papst die Deutungshoheit über die Bibel hat.

  29. Bevor ich auch noch den Kommentarthread lese, aus zeitlichen Gründen nur kurz zuvor das Folgende:

    Mag sein, dass M.Blume bezüglich der Anarcho- bzw. Ego-Liberalen in Vielem recht hat. Allerdings ist auch er selbst nicht frei von (augenzwinkernd-) einseitigen Hermeneutisierungen. Z.B. blendet er gekonnt Poppers durchaus sehr „differenzierte“ Einstellung zu „Judenfrage“ aus, die dieser im Band „Ausgangspunkte – meine intellektuelle Entwicklung „ (zwar kurz , aber einigermaßen tabufrei) darstellt.
    Ich bemühe mal nur ein kurzes Zitat aus S. 147:

    „………………..Dennoch glaube ich, dass Juden so gut behandelt wurden, wie man es vernünftigerweise erwarten konnte.( Sie hatten mehr Rechte als Araber in Israel heute) …………….“

    Na so was! –
    Da auch Michael Blume der (falschen) Definition anhängt, nach der auch Israelkritik dann als Antisemitismus betrachtet werden muss, wenn NICHT gleichzeitig (!) auch alle gleichen oder ähnlichen (kritikwürdigen)Verhaltensweisen aller anderen Staaten (kritisch) erwähnt werden, – DANN……

    ………..muss Michael Blume konsequenterweise auch dem größten Philosophen seit Kant zumindest einen Hang zum Antisemitismus bescheinigen.

    Denn zumindest in Poppers Kapitel „Der drohende Zweite Weltkrieg und die „Judenfrage“ „ lese ich nichts von solcherlei, von Blume immer wieder geforderten „Relativierungen“ bezüglich der Kritik der israelischen Behandlung der „Palästinenserfrage“.

    Offenbar ist dasselbe halt dann doch irgendwie wieder was anderes . Getreu nach seinem Prinzip der geschmeidigen Hermeneutisierung zwar generell liebsamer, bei manchen Themen aber doch nicht so ganz passender großer Denker. (-:

    Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!

    • Danke, @little louis. Sie machen Fortschritte und haben meine Position schon fast (!) verstanden.

      Denn wo genau hätte ich denn je behauptet, dass Popper oder sonst irgendein moderner Mensch (mich selbst eingeschlossen) völlig frei von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und sonstigen Vorurteilen wäre – oder auch nur sein könnte? Wo behauptet das Popper? Auch in dieser Podcast-Folge beschreibe ich doch das glatte Gegenteil von der Haltung, die Sie mir (und ihm?) offenbar andichten… 💁‍♂️

      Dennoch: Ihnen Dank für Ihr großes Engagement und einen schönen Tag!

  30. Was halten Sie von der Person des schändlichen Jud Süss, wie er den Adeligen ihre Orgien finanzierte um sie dann in seiner Schuld stehen zu haben und zur Unterdrückung ihres Volkes zu erpressen? Auf Wikipedia steht zwar dass der Film übertrieben sei und Jud Süss in Wahrheit unschuldig sei, doch wenn man dann genauer nachgräbt stellt sich doch heraus dass es sich tatsächlich so zugetragen hat. Läuft es nicht heute immer noch genau so wie damals?

    • Ach, @Aktuar Karl Faber – in der wissenschaftlichen Forschung ist längst unstrittig, dass Joseph Süß Oppenheimer Opfer eines Justizmordes wurde. Der “Prozess” gegen ihn erfüllte nicht einmal die damaligen Standards von Rechtsstaatlichkeit. Und da ist es auch völlig egal, wie man den Lebenswandel des Herrn beurteilt – in einem Rechtsstaat gehört vor die Strafe ein fairer Prozess. Und die Reformen Oppenheimers wurden ja dann auch tatsächlich nicht rückgängig gemacht.

      Ich bin glücklich und stolz, dass unser Landtag von Baden-Württemberg in Stuttgart – gewissermaßen der Urenkel der damaligen Landstände – zu Ehren des Namens von Joseph-Ben-Issacher-Süßkind-Oppenheimer eine Medaille gestiftet hat, die gemeinsam mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs verliehen wird:
      https://www.landtag-bw.de/files/live/sites/LTBW/files/dokumente/Pressemitteilungen/Flyer_Auszeichnung_Oppenheimer.pdf

      Dem Antisemitismus gehört die Zukunft nicht…

        • Das habe ich nicht gesagt, @Aktuar Karl Faber. Ich finde aber, dass alle Menschen zur Feststellung ihrer Schuld oder Unschuld ein faires Verfahren verdienen. Aktuell zum Beispiel auch Steven Bannon wegen Spendenbetrugs. Den vermute ich auch bei sog. „Querdenkern“, das macht sie ggf. haftbar, aber nicht zu Unmenschen…

    • @ Aktuar Karl Faber

      “Die meisten Antisemiten sagen viel mehr über sich selbst aus als über ihren Gegner, den sie nicht kennen.” (Kurt Tucholsky, Sigilla veri, in: Schloß Gripsholm. Auswahl 1930 – 1932, Berlin 1973, Ausgewählte Werke, Bd. 6, S. 421)

      Über Sie sagt es in diesem Sinne `ne Menge aus, dass Sie den Menschen Oppenheimer nach dem antisemitischen, von Goebbels hochgelobten Hetz- und Propagandafilm von Veit Harlan beurteilen.

      Wenn Sie sich tatsächlich vorurteilsfrei mit dem Juden Oppenheimer beschäftigt haben würden, stellt sich die Frage, weshalb Sie nicht die katholischen Regenten in diesem ganzen Geschehen mindestens ebenso “schändlich” nennen. Was war denn Oppenheimer vorzuwerfen? Dass er es vom Ghettojuden bis in höfische Gefilde schaffte, ohne sich von seinem jüdischen Glauben loszusagen? Dass er letztlich dem antisemitischen Volkszorn schutzlos ausgesetzt in einem Schauprozeß als “Jud für Christenschelmen die Zeche bezahlen” musste (so die verbürgte Aussage des Herzogs Carl Rudolf, der seinerzeit das Todesurteil unterzeichnete)?

      Zu empfehlen wäre auch der Roman “Jud Süß” von Lion Feuchtwanger.
      Aber da es sich hier ja um einen jüdischen Schriftsteller handelte, werden Sie wohl kaum dieser Buchempfehlung nachkommen.
      Daher ein Lesebeispiel von ihm wie folgt: Feuchtwangers dunkle Vorahnung eines wenige Jahre später sich grausam realisierenden antisemitischen Hasses beschrieb er an anderer Stelle bereits 1920 so:

      “Türme von hebräischen Büchern verbrannten, und Scheiterhaufen waren aufgerichtet, hoch bis in die Wolken, und Menschen verkohlten, zahllose, und Priesterstimmen sangen dazu: Gloria in excelsis Deo.
      Züge von Männern, Frauen, Kindern schleppten sich über den Platz, von allen Seiten; sie waren nackt oder in Lumpen, und sie hatten nichts mit sich als Leichen und die Fetzen von Bücherrollen, von zerrissenen, geschändeten, mit Kot besudelten Bücherrollen. Und ihnen folgten Männer im Kaftan und Frauen und Kinder in den Kleidern unserer Tage, zahllos, endlos.”
      (Lion Feuchtwanger, Gespräche mit dem Ewigen Juden, in: Hermann Sinsheimer (Hrsg.): An den Wassern von Babylon. Ein fast heiteres Judenbüchlein. Georg Müller, München 1920, S. 52 ff.)

      Und, weil ich es selbst treffender nicht ausdrücken kann, hier noch die Einschätzung eines anderen jüdischen Schriftstellers zu hässlichen Vorurteilen, wie in Ihrem Beitrag offenbart:

      “Ärztlich betrachtet ist der Antisemitismus eine zyklische Psychose, an der manisch depressive Völker von Zeit zu Zeit leiden.” (Franz Werfel, Der Arzt von Wien, Leipzig 1978, S. 237)

  31. @Michael Blume 31.12.2020, 14:05 Uhr

    Nun Ihren Kommentar betrachte ich einfach als Satire. Erfreuen Sie uns auch nächstes Jahr mit solchen Perlen der Unterhaltung.

    Guten Rutsch
    Rudi Knoth

    • Danke, @Rudi Knoth. Seitdem ich Nietzsche neu gelesen habe, habe ich einen ganz neuen Blick darauf gewonnen, wie unterschiedlich Männer mit Altern, Widerspruch und Frauen umgehen…

      Ihnen ein gerne heiteres und freieres 2021!

  32. Ich weiß nicht mehr, aus welchem Podcast Ende vergangenen Jahres ich das habe; ich meine, Linus Neumann im Ohr zu haben:

    Eine ganz einfache Heuristik, ob jemand ein wirklicher Wissenschaftler sei oder nicht, selbst wenn er einen akademischen Mediziner- oder gar Professorentitel habe, sei: Ob er sich irrt. Wenn sich einer irrt, dann ist das ein Wissenschaftler. Der Bhakti zum Beispiel, der irre sich nie. Der erzähle seit Anfang des Jahres immer das selbe. Der forscht nicht, der verkündet.

    Mit denen, die verkünden, einen Janich, extrem einen Hildmann, kann man nicht reden, sollte es jedenfalls nicht öffentlich. Es sind keine wirklichen Gespräche, es sind, von ihrer Seite, Selbstdarstellungen im Kern Unbelehrbarer. Bei Herrn Otte scheint mir der Fall doch sehr anders zu liegen.

    Zumal er ja auch nicht so ideologisch geprägt ist, wie er selber vielleicht glaubt. Wenn er für die Soziale Marktwirtschaft eintritt in dem Sinne, daß auch er glaubt, daß es etwa Infrastruktur gäbe, die besser irgendeiner Form der Gemeinwirtschaft unterliegen solle, statt einem privaten Profitinteresse, weil sie allen zugute käme: Schulen, Autobahnen, Eisenbahn, dann steht er doch der Linie eines Norbert Blüm oder Heiner Geißler in seiner Partei durchaus näher als einem marktfundamentalistischen Friedrich Merz. Ich wäre an einem solchen Dialog interessiert, nicht zuletzt, um mal in das Innere der CDU hineinzuhorchen.

    • Happy New Year, @Alubehüteter! 🙂
      Trotz aller guter Vorsätze für ein besseres 2021 stehe ich einmal mehr “auf der Leitung” und benötige Hilfe in Form von Informationen, die mir bislang nicht zugänglich sind.
      Ausgangspunkt ist eine Podcastfolge, in der es um Popper, Philosophie im Besonderen, aber auch wissenschaftliche Methodik im Allgemeinen geht.
      Und da lese ich am 23.12.20 einen Kommentar von einem Max Otte, der an den Autor die Frage richtet, ob er sich nicht “schäme”.
      Diesem Anderthalbzeiler folgen dann (in einem Umfang von ca. 70 % des Gesamtkommentartextes) Ausführungen zu akademischen Titeln und Funktionen eben dieses Herrn Max Otte.
      Und so lese ich, obwohl ich eigentlich glaube, den Inhalt des Hauptbeitrages noch gut erinnern zu können, den Beitrag von Michael Blume erneut auf der Suche nach einer Aussage, mit welcher er einen Wissenschaftler mit derartig umfangreicher akademischer Biografie in irgendeiner Weise düpiert haben könnte.
      Und – ich habe nicht nur einmal, ich habe zweimal, ja sogar dreimal nachgelesen – ; beim besten Willen bin ich auf nichts dergleichen gestoßen.

      Und ebenso wenig erkenne ich in einer solch marginalen inhaltlichen Aussage – wie in der hier gegenständlichen von Max Otte – auch nur den Ansatz einer Substanz, die einen wissenschaftlichen Diskurs auslösen könnte, oder gar die eigene Aussage als Irrtum, m.a.W. als falsifizierbar erkennen oder auch nur in irgendeiner Form eine sachliche Antithese zulassen würde.
      Daher habe ich – man schmeißt ja nicht so schnell hin 😉 – in den mir zugänglichen Quellen des Internets gesucht. Und da finde ich neben vielen ökonomischen Veröffentlichungen von Herrn Otte, die sicherlich nachlesenswert wären, und in denen sich womöglich auch der eine oder andere Ansatzpunkt einer auch mir verständlichen Vertretbarkeit finden könnte, dann doch neben einem alles andere als verständlichen kaltherzigen Umgang mit Flüchtlingen auch die ebenfalls wenig rational nachvollziehbare Unterstützung der “Querdenker”- (oder inzwischen erkannt als “Querschenker”- ) Bewegung, also eines ökonomisch fragwürdigen Organisationsmodells, das einer finanzwirtschaftlichen Transparenz und also einer Steuergerechtigkeit m.E. nichts anderes als Hohn spricht.
      Und bevor man über die inhaltlichen Thesen von “Querdenken” einen auch nur halbwegs wissenschaftlichen Diskurs eröffnen kann, möchte man doch erst einmal einen auch nur im Ansatz nachvollziehbaren Fachbeitrag lesen, in dem die Realität täglich tausender mit Covid-19 Neuinfizierter und Hunderter daran Sterbender (allein in unserem Land) als unwissenschaftliches “Trugbild” “enttarnt” würde.
      Einen solchen auch nur halbwegs wissenschaftlich überprüfbaren Beitrag von den Vertretern von “Querdenken” als Sammelbecken für Coronaleugner (und nebenbei für Antisemiten) aller Art vermisse ich nach wie vor und bleibe daher diesen kruden Theorien gegenüber einstweilen “ungläubig” (noch zumal ich einen Mediziner, eine Erzieherin und einen ÖPNV-Nutzer in der Familie habe, die definitiv daran erkrankt sind).
      Und mit lediglich irrationalen Behauptungen lässt sich nur schwerlich ein vernünftiger Diskurs führen.
      Gleichwohl immer offen bleibend für alles Mögliche, wäre ich für einen entsprechenden Link/ eine entsprechende Literaturempfehlung natürlich dankbar.

      • Liebe @Sandy, lieber @Alubehüteter,

        vor Max Otte hatte ja auch schon Oliver Janich hier auf dem Blog einen wirren „Kommentar“ hinterlassen.

        Ich nehme an, dass sich Max Otte daran störte, dass ich seinen bizarren Bargeldabschaffung-Covid19-Verschwörungsvorwurf hier und im ZDF-Morgenmagazin thematisierte, hier einsehbar:
        https://mobile.twitter.com/morgenmagazin/status/1334444608579923968?lang=de

        Interessant ist zudem, dass #Querdenken711 zwar betonte, Otte habe für seine Querdenken-Rede kein Honorar erhalten (wonach niemand fragte) – aber bislang keine Auskunft geben wollte, ob Herr Otte wie Thomas Hornauer an die Organisation gezahlt hat… 💁‍♂️

        • @ Michael Blume
          04.01.2021, 13:42 Uhr

          vor Max Otte hatte ja auch schon Oliver Janich hier auf dem Blog einen wirren „Kommentar“ hinterlassen.

          Interessant ist zudem, dass #Querdenken711 zwar betonte, Otte habe für seine Querdenken-Rede kein Honorar erhalten (wonach niemand fragte) – aber bislang keine Auskunft geben wollte, ob Herr Otte wie Thomas Hornauer an die Organisation gezahlt hat…

          Was Jan Böhmermanns Leute im Verbund mit netzpolitik.org da herausgefunden haben an finanziellen Verbindungen der Querdenker, ist natürlich höchst spannend 😁 … insbesondere, daß man sich einen Platz einkaufen kann als Redner auf Querdenkerdemos. Und der ist nicht billig. Und rechnet sich dennoch offensichtlich bei einer solch hohen Reichweite, wie sie die Verquerdenkerdemo-Mitschnitte auf YouTube haben.

          Aber Max Otte ist meiner Wahrnehmung nach nicht in Gefilden tätig, wo ihm Schrägdenker-Verbindungen finanziell nutzen würden – Wo er sie auch nur nötig hätte. Er scheint doch wirtschaftlich selbstständig, anders als etwa ein Oliver Janich nicht auf solche Quellen angewiesen, und selbst, wenn seine Fonds eines Tages nicht mehr so liefen, würde er sich doch jederzeit auf eine gutdotierte Universitätskarierre zurückbesinnen können.

          Zumal er ja auch gar nichts zu verkaufen hätte ausser seinen Büchern. Anders als ein Heiko Schrang mit seinem großen Merch-Fuhrpark, den er bei der Berliner Demo im August auch auffälligst platzierte.

          Bei einem Jürgen Fliege frage ich mich tatsächlich sogar umgekehrt schon, ob er seinen Namen unentgeltlich für die Schrägdenker eingesetzt hat. Da könnte ich mir beinahe schon vorstellen, daß ihm Honorar gezahlt wird dafür, daß er seine Fangemeinde auf diese Spur lenkt.

          Otte hingegen riskiert sogar ein Stück weit seinen Namen in der Werte-Union, wenn er mit solchen Gestalten in Verbindung gebracht wird. Wie weit das seine Position bei der (AfD-nahen) Erasmus- Stiftung wiederum stärken würde, so „mutig“ zu sein, sich mit „Schmuddelkindern“ gemein zu machen … Ich wäre da vorsichtig, ihn in solche Spekulationen miteinzubeziehen.

          Ich kann da nichts zu sagen. Ich beobachte Herrn Otte nicht gar so intensiv; muß ich ja auch nicht, bin ja nicht in derselben Partei wie er. Daß ich entschieden nicht seiner Ansichten bin, ist klar; ich dürfte hier unter den Kommentatoren eindeutig dem linken Flügel zuzuordnen sein (wenn wir nicht gerade über Heidegger reden …🙃). Ich habe mir Querdenker-Reden von ihm angesehen: Er scheint sich hart am Rande zu bewegen – Er wolle Bill Gates nichts unterstellen; wolle sich enthalten, was dazu zu sagen, wie weit dieser an einer Plandemie-Inszenierung beteiligt sei [nicht Ottes Worte], aber er profitiere nun mal wie die gesamte Pharmaindustrie. Otte geht an Grenzen, überschreitet sie aber, so weit ich das mitkriege, nicht.

          Ich sage es mal so: Ich traue mir ein Urteil nicht zu. Würde es aber begrüßen, wenn Herr Blume und Herr Otte zu dem Schluß kämen, miteinander öffentlich reden zu können. Den Zeitpunkt aber finde ich noch verfrüht. Wir sind noch zu sehr im hitzigen Getümmel um Lockdown und Nicht-Lockdown und Teil-Lockdown …

        • Ach so, na eine derartig krude Bemerkung als “verantwortungslos” zu benennen, war ja fast schon beschönigend. Zumal Herr Otte offensichtlich etwas verwechselt, denn die “Geschäftsmodelle” finden sich nicht etwa auf Seiten der Wissenschaftler und Politiker, denen die Gesundheit der Menschen am Herzen liegt, sondern mit “Querschenken” erwiesenermaßen bei jenen das Virus Verharmlosenden oder gar Leugnenden.
          Aber entgegen eindeutiger Fakten rechte Hater und Hetzer in Opfer umzudeuten, darin hat Herr Otte ja schon Übung. Ich erinnere an den Tweet anlässlich des Mordes an Walter Lübcke, wonach laut Herrn Otte der “Mainstream” nun eine “neue NSU-Affäre” habe und “hetzen” könne. Es sehe “so aus, dass der Mörder ein minderbemittelter Einzeltäter war, aber die Medien hetzen schon jetzt gegen die `rechte Szene`, was immer das ist.” Von diesem ebenso geschmacklosen wie zynischen Tweet hat er sich dann unter Druck zwar halbherzig distanziert, jedoch nie entschuldigt.
          Das nenne ich mal einen Grund, sich “schämen” zu müssen!

          • Ja, @Sandy – wir sind uns offensichtlich einig, dass Menschenfeindlichkeit und Verschwörungsmythen gar nicht gehen. Hier haben wir zudem ein Beispiel, wo darauf auch ein (weiteres) Geschäftsmodell aufgebaut wird. Auch hierzu braucht es m.E. Aufklärung, zu der ich ein wenig beizutragen hoffe.

  33. Sehr geehrter Herr Dr. Blume,

    erst einmal vielen Dank für Ihren Podcast. Auf den ich heute per Zufall gestoßen bin. Da Karl Popper in meinem Leben eine sehr große Rolle spielt und ich ihn gerne immer wieder hervorhole, und gar nicht oft genug auf die 12 Regeln seines kritischen Rationalismus hinweisen kann, habe ich mich sehr auf den Inhalt Ihres Textes gefreut.

    Seit ca. 40 Jahren versuche ich uns Menschen und unsere Geschichte zu verstehen. Vor allem warum wir es uns gegenseitig immer wieder so schwer machen, bis hin zur gegenseitigen grausamsten Gewaltanwendung.
    Bevor ich den Text gelesen habe, hoffte ich, von Ihnen lernen und Antworten auf meine Fragen finden zu können.

    Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich etwas falsch verstanden habe.

    Mit Ihrem Podcast möchten Sie belegen, dass Querdenken nichts anderes als eine antisemitische, verschwörungsmystische, in Teilen rechtsradikale Organisation ist. Und dass sich Menschen, die die derzeitige Situation hinterfragen generell „zu Verschwörungsgläubigen zurückentwickelt haben.“
    Dazu habe ich 3 Fragen:

    1) Sie benutzen in Ihrem Text 12-mal das Wort „Antisemitismus“ (so oder in abgewandelter Form). Warum reduzieren Sie die Kritik an staatlichen Maßnahmen und Kritik an dem herrschenden Finanzsystem auf Antisemitismus?

    2) Sie selber betonen, „Wirklich liberale Denkerinnen und Denker erheben eben keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, sondern fordern immer wieder zum Hinterfragen und Weiterforschen auf“. Warum verwehren Sie dann den „Querdenkern“ dieses Recht zu hinterfragen und weiter zu forschen?

    3) Laut OXFAM besitzen die reichsten 8 Männer der Welt so viel (oder so wenig…) wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Sind Sie der Meinung, dass das Zustandekommen dieser doch recht ungleichen Verteilung der Weltvermögens nicht hinterfragt werden darf?

    Wenn alleine die Frage nach dem „Warum“ Ihrer Meinung nach, den Tatbestand der Verschwörungstheorie oder des Antisemitismus erfüllt, dann kann doch irgendetwas nicht stimmen.

    Okay, ich will Ihnen nichts unterstellen, würde mich aber über eine Antwort von Ihnen sehr freuen.

    Zum Abschluss möchte ich Ihnen meine These, warum das Zusammenleben in unserer Weltgesellschaft so unendlich problematisch verläuft, erläutern. Das Grundübel der Menschheit und Ursache für Not und Elend vieler Menschen auf der Welt ist das „Ich-bin-besser-als-Du-Gehabe“ einiger selbsternannter Auserwählten. Dieses Phänomen, der überbordenden Überheblichkeit gegenüber Mitmenschen, zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und manifestiert sich vor allem in allen Religionen. Und ist darüber hinaus die Grundlage des Machtanspruchs dieser „Auserwählten“ bzw. Macht- und Finanzeliten.

    Mit Freuden sehe ich Ihrer Antwort entgegen.
    Herzliche Grüße,
    Thomas Fechner

    • Sehr geehrter Herr Fechner,

      haben Sie herzlichen Dank für Ihr Interesse. Leider scheint meine tatsächliche Position bei Ihnen aber noch gar nicht angekommen zu sein.

      So habe ich auch bei einem heute bei #Cicero erschienenen Interview erneut betont, dass zwar der Glauben an eine Weltverschwörung regelmäßig mit Antisemitismus verbunden ist, aber deswegen keinesfalls jede Querdenkerin als Antisemitin zu bezeichnen wäre. Ebenso sprach ich über berechtigte Kritik und Ängste – Sie nannten beispielhaft die Vermögensverteilung. (Inwiefern aber sog. „Schenkungen“ an die Herren Ballweg, Schiffmann, Eckert oder bizarre Verschwörungsreden von Max Otte zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen sollen, erschließt sich mir nicht. Auch Kritik z.B. am deutschen Degussa-Finanzier und Parteispender, dem Milliardär August von Fincke jun. vernahm ich bei Querdenken bisher nie, stets nur gegen George Soros…)

      Etwas bedauerlich finde ich, dass Ihnen offensichtlich noch nicht einmal bekannt ist, dass ich ausdrücklich NICHT von „Verschwörungstheorien“ spreche und schreibe, sondern präziser von Verschwörungsmythen. Wenn Sie diese – auf Popper aufbauende – Unterscheidung ggf. doch noch erfassen wollten, gerne hier:

      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-3-die-macht-der-sprache-und-verschwoerungsmythen-vs-verschwoerungstheorien/

      Ihnen noch einmal Dank für Ihr Interesse und alles Gute!

      • Sehr geehrter Herr Dr. Blume,

        vielen herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung.

        So ganz erschließt es sich mir nicht, warum Sie es für nötig befinden, meine Person herabzusetzen, um Ihre Positionen zu verdeutlichen, aber das sehe ich Ihnen gerne nach. Auch Sie sind offensichtlich nur ein Mensch, mit allen Stärken und Schwächen. Warum auch nicht?

        Wie Sie in meinem bescheidenen Beitrag lesen konnten, ist mir sehr wohl bekannt, dass Sie ausdrücklich von “Verschwörungsmythen” sprechen, was ich ebenfalls wesentlich treffender finde. Wenn sie erlauben, werde Ich Ihre Wortkreation in Zukunft ebenfalls verwenden.

        Im Übrigen habe ich alle Folgen Ihrer “Verschwörungsfragen” ausgedruckt, und werde diese mit Interesse lesen. Ich bin sicher, sehr viel lernen zu können.

        Dankbar bin ich auch für Ihr Popper Zitat in der Folge 34, Seite 5, “Es ist die Gesinnung, die überall auf Klarheit geht und doch dabei die nie durchschaubare Verflechtung des Lebens anerkennt.” Denn diese Worte erklären so einiges, wenn nicht gar alles.

        Gerne würde ich mich für die Zurverfügungstellung des immensen Materials in PDF-Dateien erkenntlich zeigen. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit einer Spende, oder Ähnliches.

        Sollten Sie sich durch meinen Beitrag angegriffen fühlen, so möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich bin lediglich auf der Suche nach Erklärungen, und dabei möchte ich niemanden verletzen. Aber häufig tritt das „Sender-Empfänger-Problem“ zutage, und die persönlichen unterschiedlichen Wahrnehmungen sorgen leider immer wieder für Missverständnisse (vielleicht habe auch ich, empfindlich wie ich bin, Ihre Antwort nur als Abwertung meiner Person empfunden, und Sie meinten es gar nicht so…)

        Die „Querdenken-Bewegung“ ist für mich nur ein zeitgenössisches Phänomen, welches ich als neutraler Beobachter allerdings durchaus interessant finde. Und aus meiner wertfreien Positionen heraus, konnte ich bisher nichts Antisemitisches an dieser „Bewegung“ entdecken. Daher war ich über Ihre Konstruktion „Querdenken = Antisemitismus“ überrascht. Aber das war ja offensichtlich eine fehlerhafte Wahrnehmung meinerseits. Auch hier vielen Dank für Ihre Klarstellung.

        Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute für das neue Jahr 2021 – Salam, Schalom und Friede sei mit Ihnen, auf all Ihren Wegen!

        Herzliche Grüße,
        Thomas Fechner

        • Sehr geehrter Herr Fechner,

          mein Dank für Ihr Interesse war durchaus ernsthaft gemeint. Mich beunruhigt zwar, dass noch ein offensichtlich gebildeter Mensch selbst bei bizarren Querdenker-Auftritten von “Bald-feuere-ich-Cehfredakteure”-Ken Jebsen & Ballweg-QAnon-Slogans in Berlin keinen Antisemitismus erkennen kann – aber angegriffen fühle ich mich dadurch nicht. Aufklärung und Diskussionen gehören ja zu meinem Alltag.

          Und wie Sie ja wissen, gebe ich die Hoffnung nicht auf – um keinen Menschen.

          Ihnen von Herzen alles Gute und ebenfalls herzliche Grüße

          Michael Blume

  34. @Thomas Fechner 06.01. 11:45

    „Das Grundübel der Menschheit und Ursache für Not und Elend vieler Menschen auf der Welt ist das „Ich-bin-besser-als-Du-Gehabe“ einiger selbsternannter Auserwählten. Dieses Phänomen, der überbordenden Überheblichkeit gegenüber Mitmenschen, zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und manifestiert sich vor allem in allen Religionen.“

    Das ist sicherlich ein wesentlicher Aspekt für Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit, dass man sich für wesentlich Erhaben hält. Man meint hier Privilegien zu haben, z.T. direkt von den Göttern verliehen. Das kann durchaus massentauglich sein, und betrifft dann nicht nur einige wenige, die sich hier für Auserwählt halten.

    Weltoffenheit in Verbindung mit wirklichem Selbstbewusstsein scheint mir aber ein wirksames Mittel dagegen zu sein.

    „Und ist darüber hinaus die Grundlage des Machtanspruchs dieser „Auserwählten“ bzw. Macht- und Finanzeliten.“

    Ich glaube, dies ist nochmal ein ganz anderes Problem. Die Milliarden des Milliardärs sind ja nun selbstwirksam. Die Macht des Arbeitgebers gegenüber den eigenen Angestellten ist grundlegend in unserem System. Zusätzlich kann das Kapital bzw. dessen Halter selbst entscheiden, wo es sich niederlässt, und so in gewissem Rahmen mitbestimmen, welche Rahmenbedingungen sich ganze Länder geben, wenn sie sich auf den Wettbewerb um Investoren einlassen. Hinzu kommt die meistens ziemlich kompetente Geschäftstüchtigkeit der ganz großen Kapitalisten.

    Das muss aber gar nicht ein so großes Problem sein. Erstmal müssen ja die ganzen Fabriken, Patente und Immobilien Irgendwem gehören. Und wenn hier die einzelnen Staaten auch nur etwas zusammenhalten, können auch die Milliardäre kaum ausweichen, und haben dann in der Praxis doch nicht so viel Macht.

    Und sowieso müssen das keine Unmenschen sein. Und Träumer, die sich für Auserwählt halten, sind das auch nicht unbedingt. Wer so erfolgreich ist, wird wohl ein Realist sein. Aber die sind effektiv, da müssen wir sogar als EU aufpassen, dass die uns nicht über den Tisch ziehen.

    Wie können wir uns wehren? Mit Unternehmens-, Zins-, Vermögens- und Erbschaftssteuern wohl. Wenn wir hier das Kapitalwachstum begrenzen möchten, zumindest. Antisemitismus ist aber auf jeden Falle sinnlos. Der erklärt nichts, und hilft auch nichts.

    • @Tobias Jeckenburger 07.01.2021, 13:15 Uhr

      Antisemitismus und Rassismus jeglicher Art sind immer sinnlos und tragen zu nichts bei.
      Ich musste persönlich feststellen, dass immer nur geistig sehr beschränkte Menschen, andere Menschen nach Herkunft, Religion oder Geschlecht beurteilen. Erschreckenderweise war das völlig unabhängig der Bildung oder der Machtposition dieser beschränkten Menschen…

      “Zusätzlich kann das Kapital bzw. dessen Halter selbst entscheiden, wo es sich niederlässt, und so in gewissem Rahmen mitbestimmen, welche Rahmenbedingungen sich ganze Länder geben, wenn sie sich auf den Wettbewerb um Investoren einlassen.”

      Hört sich sehr schön an. Ich halte das aber für die Mehrheit der Menschheit im 21. Jahrhundert für kontraproduktiv. Nicht das Kapital bzw. dessen Halter sollte entscheiden dürfen, sondern die Weltgemeinschaft. Eine Art Weltdemokratie, die dafür sorgt, dass alle Menschen am Wohlstand der Menschheit partizipieren. Natürlich ist das eine Illusion. Natürlich ist das utopisch. Aber ich finde, dass es lohnenswert ist, darüber nachzudenken.
      Weiterhin halte ich es für problematisch, dass viele Vermögen, auch heute noch, nur durch Kriege erzielt und vergrößert werden. D.h., dass Privatpersonen mitentscheiden, wo Menschen gezielt ermordet werden müssen, um die persönlichen Vermögen zu vergrößern bzw. für die Zukunft zu erhalten. Die aktuellen Kriege im Irak, in Afghanistan, Syrien, Ukraine etc. sind schlimme Beispiele dafür. Es sollte im 21. Jahrhundert, bei unserer gesellschaftlichen und technologischen Entwicklung nicht mehr möglich sein dürfen, dass Millionen Menschen sterben müssen, damit einige Wenige ihren Reichtum vergrößern können. Auch die unglaubliche Ausbeutung von Menschen durch Menschen ist zwar Realität, aber darf eigentlich nicht als naturgegeben hingenommen werden.
      Man kann und darf das auch heute noch als „kompetente Geschäftstüchtigkeit“ und auch als „erfolgreich“ und „effektiv“ bezeichnen.
      Ja, Sie sind Realist und ich bin ein unverbesserlicher Idealist (Idiot). Natürlich weiß ich, dass Menschen sich nun mal wie Menschen verhalten. Und dass wenig Hoffnung besteht. Aber ich habe vor ca. 40 Jahren darauf gebaut, dass sich etwas ändern könnte. Heute weiß ich, dass gerade die wohlhabenden Menschen lieber die Welt und alle Menschen in den Abgrund bzw. in die totale Zerstörung treiben, bevor sie ihre Milliarden Mitmenschen an ihrem Reichtum teilhaben lassen.

  35. jetzt einmal “gemischte Platte” zum Neuen Jahr
    1. Das Problem bei Poppers Platodeutung scheint mir zu sein:
    a) Popper übersieht, dass nicht Platos Staat sein letztes Wort zur Politik ist, sondern- die zugegegeben schwierigen – Gesetze. Platos Versuch, seine Theorie in die Realität umzusetzen scheiterte in Sizilien. Plato hatte die Größe, seine Theorie zu revidieren. Das sollte man nicht unterschätzen.
    b) Popper geht von einer lateinisch geprägten Deutung Platos aus. Tatsächlich ist das griechische Sein (einai , Parizip o on) dynamisch, ähnlich dem hebräischen haja (vgl. Gen 3, 14). Aristoteles muss deshalb die Begriffe in ihrer Bedeutung “anhalten”, um sie analysieren zu können und weist das (in der Metaphysik, meine ich) auch aus. Ähnlich muß Kant die Begriffe sistieren.
    2. Hayek und Rand halte ich doch für problematisch und im Kern illiberal.
    a) Bei Hayek läuft es für mein Empfinden darauf hinaus, dass die Welt am besten geordnet ist, wenn reiche, weiße Männer die Wirtschaft dominieren. (müsste man ausführlich diskutieren- hier nur als Anreißer)
    b) Problematisch bei Hayek ist seine arrogante Ignoranz von Rawls Gerechtigkeitstheorie. Sie ist in meinen Augen das Schlüsselwerk der Philosophie des 20 Jhds- bedeutender als Popper.
    c) Bei Rand ist die Ablehnung von Kant mehr als problematisch. (wie bei 2a- muss diskutiert werden)
    So viel in aller Kürze

    • Danke, @j. Ich nehme wahr, dass der jüngere Hayek mit der Aufnahme der Evolutionstheorie und evolutionären Erkenntnistheorie in sein Konzept des Liberalismus Dynamik reingebracht hat. Allerdings ging diese später wieder weitgehend verloren, bis hin zum Bündnis mit Pinochet. Im Abwehrkampf gegen den vermeintlich drohenden Sozialismus haben sich m.E. erhebliche Teile des Liberalismus zu einem Markt-Staat-Dualismus bis hin zu Verschwörungsglauben rückentwickelt.

      Ihre Einschätzungen dazu würden mich interessieren! 📚🖖🤓

  36. Wenn nach Popper alle Philosophen sind, jeweils in unterschiedlicher Intensität ausgelebt, dann ist dies bestimmt auch im Sinne von Carl von Linné.
    Ich spiele da auf die oft angezweifelte Sinnhaftigkeit seiner Namensgebung für unsere Art an.

    • Mit “Dynamik” geben Sie das wichtige Stichwort, wobei ich – zugegeben – den jüngeren Hayek weniger kenne. Der späte Hayek ist “versteinert”, beharrt auf der Auffassung: “ich bin im Besitz der Wahrheit”, eine Haltung die er übrigens mit dem Keynesianer avent la lettre, Hjalmar Schacht, gemeinsam hatte.
      Hayeks grundlegender Fehler am Ende war, dass er den “Markt” als einen irdischen Gott ansah und ihn vergötzte. (Luthers Erklärung zum ersten Gebot ist hier sehr treffend.) Er hielt den Markt für ein Biotop, das es zu schützen gilt, ähnlich wie die “Mutter Erde” mancher Esoteriker. Er übersah in meinen Augen, dass auch ein perfekter Markt versagen kann (“Eisverkäufer am Strand”) und unterschätzte die Rolle des Menschen und der Institutionen auf den Markt. Kurz: er sah den Markt zu naturwissenschaftlich und erkannte zu wenig, dass die Wirtschaftswissenschaft eine Geisteswissenschaft ist.
      Dazu kam wohl der Einfluss zweier literarischer Werke:
      – Mandevilles Bienenfabel (z.B. hier https://www.juwiss.de/128-2014/) ohne Kenntnis des zweiten Teils von A. Smiths Doppelwerk. (Über das Wohlwollen)
      – Defoes Robinson Crusoe, der nicht in sozialen Zusammenhängen lebt, sondern auf sich alleine gestellt ist.
      Natürlich ist der “Sozialismus”, wie ihn Hayek verwendet, eine grob unzulässige Verallgemeinerung. Es liegen Welten zwischen der “Fabian Society” https://de.wikipedia.org/wiki/Fabian_Society und der Ideologie Nordkoreas. Alle diese Gruppen pauschal als gefährliche “Sozialisten” zu verunglimpfen ist, unzulässig.

  37. @Thomas Fechner 08.01. 10:21

    „Ja, Sie sind Realist und ich bin ein unverbesserlicher Idealist (Idiot).“

    Ich hatte eigentlich beschrieben, wie es läuft, nicht wie es laufen sollte. Da bin ich fast bei Ihnen.

    „Nicht das Kapital bzw. dessen Halter sollte entscheiden dürfen, sondern die Weltgemeinschaft.“

    Naja, das Recht auf Eigentum ist schon grundlegend. Aber wenn es alles Maß verliert, dann sollte „Eigentum verpflichtet“ auch angewendet werden können. Und man kann sich auch steuerlich beim Kapital wesentlich ausgiebiger bedienen. So kann dann die Allgemeinheit am wirtschaftlichem Erfolg reichlich teilhaben. Lohnsteuern könnte man fast abschaffen, wenn neben Mehrwertsteuern ordentliche Zins-, Vermögens- und Erbschaftssteuern in einem Maß erhoben würden, dass übermäßige Profite und Vermögensansammlungen mit einer breiten Einbeziehung des Gemeinwohls verbunden würden.

    Wenn wir uns nur in Europa wirklich zusammentun würden, und eben nicht übermäßig den Investoren entgegenkommen würden, hätten wir ganz andere Spielräume. Wer hier Waren verkaufen will, der muss auch seine Abgaben zahlen: China macht es uns vor, wie man mit weltweit agierenden Großkonzernen so umgeht, dass man eben nicht über den Tisch gezogen wird.

    „Eine Art Weltdemokratie, die dafür sorgt, dass alle Menschen am Wohlstand der Menschheit partizipieren.“

    Gute Idee, aber ich wäre schon froh, wenn die Demokratie in Europa funktioniert und die Kapitalisten hier ihre Beiträge leisten müssten. Das wäre erstmal das Nächste auf der Agenda. Mehr gerne, aber alles der Reihe nach.

    • @Tobias Jeckenburger 10.01.2021, 13:35 Uhr

      “Ich hatte eigentlich beschrieben, wie es läuft, nicht wie es laufen sollte. Da bin ich fast bei Ihnen.” Dann habe ich Sie falsch verstanden. Danke für die Klärung!

      “Mehr gerne, aber alles der Reihe nach.”
      Nun, das ist meiner bescheidenen Meinung nach, eine grundlegende Frage der philosophischen Ethik, “Was sollen wir tun?”.

      Mich wundert, dass im 21. Jahrhundert, trotz der vielen Denker über die letzten etwa 2500 Jahre, trotz der enormen Erkenntnisgewinnung – vor allem bezüglich des Utilitarismus – immer noch die Gier nach Geld und Macht über Ethik und Moral obsiegt.

      Wen interessiert Kants kategorischer Imperativ? Wen interessieren die 12 Regeln Poppers? Man redet (oder schreibt) gerne darüber. Aber tatsächlich setzt sich immer die Habsucht (Fromm!) und die rücksichtslose Befriedigung deselben durch.

      Insofern bin ich davon überzeugt, dass sich in diesem Jahrhundert die Demokratie, so wie wir sie verstehen, weder in Europa noch in der Welt durchsetzen wird. Ich denke, dass unsere Menschengemeinschaft sich eher zurückentwickelt. Zurück in den Feudalismus (hier gabe es mal eine passende Kreation: Meudalismus), Autokratie und Totalitarismus.

      Und glauben Sie mir, das hat nichts mit Pessimismus zu tun. Das ist meine persönliche Einschätzung der Lage im Januar 2021, unter Berücksichtigung des menschlichen Verhaltens der letzten 5000 Jahre. Trotz aller, sicher sehr bedeutenden, philosophischen Erkenntnisse!

  38. @Thomas Fechner 11.01. 09:04

    „Insofern bin ich davon überzeugt, dass sich in diesem Jahrhundert die Demokratie, so wie wir sie verstehen, weder in Europa noch in der Welt durchsetzen wird. Ich denke, dass unsere Menschengemeinschaft sich eher zurückentwickelt. Zurück in den Feudalismus (hier gabe es mal eine passende Kreation: Meudalismus), Autokratie und Totalitarismus.
    Und glauben Sie mir, das hat nichts mit Pessimismus zu tun.“

    Eine pessimistischere Erwartung wie Ihre ist mir jetzt nicht bekannt. Wenn man zu hohe Ansprüche stellt, erscheint die Welt umso schlechter.

    Die Gier nach Geld gilt als teilweise berechtigt, deshalb wird sie auch durchaus respektiert. Das heißt ja noch lange nicht, dass sie die einzige Motivation bleiben muss. Der Mensch braucht ein gewisses Einkommen, um vernünftig leben zu können. Deshalb wird Raub noch nicht akzeptiert. Und auch ist z.B. ein Klimaschutz trotzdem möglich, eben weil es neben Geld dann doch noch anderer Werte gibt. Dazu gehört eben auch ein erträgliches Weltklima.

    Erst wenn der Kreislauf des Geldes durch die übermäßige Konzentration bei den Kapitalisten ins Stocken gerät, haben wir wirklich ein Problem. Dann muss man da die Steuern auf die Kapitalerträge erhöhen, und das Geld auf diese Weise wieder in Fluss bringen.

    Ansonsten lebt es sich nicht unbedingt schlecht, wenn die Kapitalisten sich um ihre Geschäfte kümmern, und wir genug Arbeit haben, und unseren Teil verdienen.

    Die Frage von Demokratie hat hiermit auch soviel gar nicht zu tun. Das ist vielleicht eher eine Frage der Kultur, wie wir miteinander umgehen, bzw. wie wir mit verschiedenen Meinungen über unser Zusammenleben umgehen.

    In China hat es anscheinend ein kommunistisches System geschafft, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, ohne eine demokratische Staatsform. Ob das jetzt eine gute oder eine schlechte Nachricht ist, das erscheint mir derzeit als noch offen. Die Menschen in China können tatsächlich zunehmend am Wohlstand teilhaben, das ist schon mal eine ganze Menge. Die Chinesen selber sehen die Wirtschaft als maßgeblicher an, und eine demokratische Staatsform als eine Art Luxus, den man nicht unbedingt haben muss.

    Die anderen Diktaturen dieser Welt, insbesondere die, die von Öleinnahmen leben, scheinen sich um das Wohl ihrer Bürger wenig zu kümmern. Ist auch klar, sie brauchen den Bürger gar nicht. China anscheinend doch, hier wird inzwischen effektiv produziert. Vorausgegangen ist wohl auch eine funktionierende Bildungsoffensive, und harte Verhandlungen mit den westlichen Konzernen, die für das Recht in China verkaufen zu dürfen damit bezahlen mussten, dass sie auch in China produzieren. Ohne die damit verbundene Möglichkeit der Wirtschaftsspionage wäre es auch einem so großem Land wie China nicht so leicht gelungen, 40 Jahre technologischen Vorsprung aufzuholen.

    Demokratie in China, vielleicht einfach mal vorsichtige Experimente damit in der Kommunalpolitik, halte ich für die Zukunft nicht mal für ausgeschlossen.

    Und die derzeitige Konjunktur rechtsradikaler Haltungen, die durch die neuen digitalen Medien befeuert werden, gefährden im Westen in der Tat unsere Demokratien. Der Ausgang hier ist wohl offen, gewonnen haben die noch nicht.

  39. @Thomas Fechner
    Einer meiner Professoren (Hildebrand/ Greifswald) sagte einmal: “Als Christ fürchte ich nicht die Macht des Bösen. Gegen das Böse haben wir die Vergebung der Sünden und die Sakramente. – Aber ich fürchte die Macht der Dummheit. Denn gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.” Als Student fand ich das damals blasphemisch- heute als realistisch.
    Noch ein Beispiel: Martin Luther und Lukas Cranach entdeckten den Grenznutzen (konnten ihn aber noch nicht mathematisch beschreiben). Für jeden Konsum gibt es nach Luther eine Grenze. Er konnte aber nicht verstehen, warum die Kaufleute seiner Zeit (Fugger der Reiche z.B. ) immer mehr anhäuften. Luther versteht (in: An die Pfarrherren wider den Wucher zu predigen) nicht, warum die Menschen schon damals immer mehr Besitz aufhäufen.
    (Die Debatte kann man ausbauen)

    • @Dennis Korinth

      Die Zitate von George Soros entstammen dem empfehlenswerten Büchern „Für die Verteidigung der offenen Gesellschaft“ und „Die offene Gesellschaft“. In beiden Büchern erweist sich Soros als begeisterter, aber auch eigenständiger Schüler von Karl Popper.

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