Verschwörungsfragen 26: Jesus bei Max Liebermann – Vom arischen Weltenherrscher zurück zum jüdischen Arbeiterkind

Gemälde über den zwölfjährigen Jesus im Tempel gehören zu den häufigen Motiven christlicher Kunst. Doch im August 1879 erschütterte ein “Kunstskandal” die bayerische Hauptstadt München bis in den Landtag hinein. Denn der jüdische “Armeleutemaler” Max Liebermann hatte ein ganz neues und sehr realistisches Bild des Handwerkerkindes gemalt, nach dessen Geburt sich die heutige, globale Zeitrechnung richtet. Im Folgenden ein Blogpost & Podcast-Folge zum meiner Meinung nach bedeutendsten Gemälde der deutschen Kunstgeschichte…

Sie finden auch Folge 26 von Verschwörungsfragen wie immer auf podigee, auf iTunes, Spotify, Deezer und (zeitnah) auf YouTube.

Eine pdf-Textversion der Podcast-Folge zum “jüdischen Arbeiterkind Jesus bei Max Liebermann” finden Sie hier – und im Folgenden als Fließtext:

Da wir Heutigen mit – meist bewegten und tönenden – Bildern überschwemmt werden, können wir die Wirkung von Gemälden für vergangene Generationen oft nur noch erahnen.

Heute möchte ich Ihnen jedoch von einem Bild erzählen, dass ich auch in seinen Varianten und seiner immer noch anhaltenden Wirkungsgeschichte für das bedeutsamste Werk der deutschen Malerei halte. Denn an diesem einen Gemälde verdichten sich Höhen und Tiefen der deutschen Sprache und Kultur, Bildung und Rassismus, Semitismus und Antisemitismus, der entstehende Dialog von Judentum und Christentum, mutiger Realismus und die Gefahren des Platonismus. Ich werde versuchen zu zeigen, dass man auch ohne jeden Funken eigener Religiosität oder Spiritualität die westliche Kultur, Zeit und Zukunft wissenschaftlich besser verstehen wird, wenn man dieses eine Bild begriffen hat.

Die Rede ist von „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, veröffentlicht im August 1879 in München durch den jüdischen Kaufmannssohn Max Liebermann (1847 – 1935). Das Bild löste einen solchen antisemitischen Widerstand und Skandal bis in den bayerischen Landtag hinein aus, dass Liebermann es teilweise übermalen musste. Dabei würde man doch auf den ersten Blick vermuten, dass es gerade auch Christen begrüßen würden, wenn sich auch Juden respektvoll mit Jesus beschäftigen. Und tatsächlich fand – und findet – das Gemälde auch großes Interesse und auch Prinzregent Luitpold von Bayern (1821 – 1912) besuchte Liebermanns Atelier in München.

Der zwölfjährige Jesus im Tempel – Max Liebermann 1879, München. Foto: Wikimedia, gemeinfrei

Was also war und ist hier los?

Das Motiv des heranwachsenden Jesus im Tempel gehört zu den viel verbreiteten Motiven des Christentums. Denn die dahinterstehende Erzählung findet sich als einzige Kindheitsgeschichte Jesu nicht nur in außerkanonischen Schriften, sondern direkt bei Lukas (Lk 2, 41ff.).

Demnach war die Familie Jesu als fromme Juden zu Pessach nach Jerusalem gepilgert. Dort verloren die Eltern Maria und Joseph Jesus aus den Augen und fanden ihn nach drei Tagen im Tempel wieder, diskutierend mit den Schriftgelehrten.

Hörerinnen dieses Podcasts und Leser dieses Blogs werden die Episode schon aus Folge 2 als ur-semitisch kennengelernt haben. Denn in keiner anderen Religion und Kultur der damaligen Zeit war es üblich, dass auch der Sohn eines ärmeren „Tekton“, eines Zimmermanns oder Bauhandwerkers,  Lesen und Schreiben lernen konnte. Erst die Einführung des Alphabetes mit maximal 30 Buchstaben zunächst in die hebräische Religion hatte diese Bildungsexplosion möglich gemacht. Die jüdische Tradition verband dabei die erste Gründung eines Lehrhauses, einer Schule, in Alphabetschrift mit dem Noahsohn Shem, mit Sem. Die semitischen Religionen wurzeln also nicht in einer angeblichen „Menschenrasse“, sondern in einem Medium, dem bis heute nach den ersten beiden Buchstaben des Hebräischen benannten Alphabet.

Eine heute gültige, koschere Thorarolle bildet den Mittelpunkt des Kultes und besteht aus genau 304.805 Alphabetbuchstaben. Sie ist, wie auch der erwachsene Jesus später bekräftigte, nur gültig, wenn auch der kleinste Buchstabe – das Jod, „Jota“ – stimmt. Nicht nur eine kleine Schicht, sondern idealerweise alle Heranwachsenden sollten daher das Lesen und Schreiben lernen. So wurde das Judentum zur weltweit ersten Schrift- und Bildungsreligion. Ja, auch der Begriff der „Bildung“ selbst ist aus dem ersten Buch der Thora abgeleitet worden. 1. Mose 1, 27: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“

Doch in den ersten Jahrhunderten nach Christus und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer trennten sich die Wege beider Religionen. Die rabbinischen Ausleger lehnten Jesus als Messias ab, spekulierten über seine Herkunft von einem römischen Besatzer namens Panthera und von seinem Missbrauch des Gottesnamens in der „Toledot Jeschu“.

Zunehmend griechisch- später auch lateinsprachige Christen wiederum beschuldigten Juden des „Gottesmordes“ – vgl. Folge 6 -, deuteten die Zerstörung von Jerusalem als göttliche Strafe und nutzten das Judentum zunehmend als Negativfolie, um Jesus zum Leuchten zu bringen. Unter dem Einfluss des Platonismus wurde der jüdisch-orientalische Handwerkersohn zur absoluten Idee, zur Einwohnung des ewigen Gottes in die dem Satan verfallene Welt des Höhlengleichnisses. Der jüdische Junge mit sicher brauner Haut wurde im platonischen Christentum zum schneeweißen, später gar „arischen“ Pantokrator – Allherrscher -, für den das zerstörte Jerusalem gewissermaßen nur der Trittstein zur künftigen „White Power“ bildete.

Entsprechend dominierte in den christlichen Gemälden zum kindlichen Jesus im Tempel der Kontrast: Hier der weiße, erleuchtete Christus, dort die dunklen, verstockten, jüdischen Schriftgelehrten. Die semitische Alphabetschrift-Bildung ist hier zum Vorwurf der vermeintlich angeborenen Schlauheit und Verschlagenheit geworden. Ein bedrückendes Beispiel dazu fertigte Albrecht Dürer (1471 – 1528) um 1506: Bei ihm sind einige jüdische Schriftgelehrten nicht nur hässlich und nah am Tod, sondern geradezu teuflisch geraten. Jesus hat sich von ihnen bereits ab- und nach innen gewandt. Die ur-semitische Szene war antisemitisch umgedeutet worden. Dass der kleine Jesus drei Tage inmitten dieses Hasses im Tempel geblieben und überlebt haben soll, passt in keiner Weise zur Feindseligkeit, die hier gemalt wurde.

Doch während das Christentum noch platonisch und antisemitisch geprägt blieb, begannen jüdische Gelehrte vorsichtig die negativen Abgrenzungen zu hinterfragen. Niemand Geringeres als der große Maimonides (1135 – 1204) schrieb schon im 12. Jahrhundert, dass Gott selbst Jesus und den Propheten Muhammad des Islam gesandt habe, um den Noahbund des Regenbogens in aller Welt aufzurichten. Christen hielt er dabei durchaus eine Vergötzung des Christus vor, erkannte aber auch ihre Bewahrung der hebräischen Bibel an. Muslime wiederum lehrten nach seiner Einschätzung einen reineren Monotheismus, betrachteten jedoch die Bibel als verfälscht. Hier tauchen Ansätze eines interreligiösen Dialoges auf, der andere Religionen als Heilswege achtet, ohne die jeweiligen Unterschiede zu verleugnen. Es ist bezeichnend, dass diese wegweisende Deutung der nach-jüdischen Religionen in Europa verloren ging und nur in jüdischen Textsammlungen im Jemen überlebte.

Einen späteren Höhepunkt erlebte die jüdische Jesus-Rezeption mit dem norddeutschen Rabbiner Jacob Emden (1697 – 1776), der im 18. Jahrhundert schrieb, dass – Zitat -: „Jesus der Welt eine doppelte Güte zuteil werden liess. Einerseits stärkte er die Torah von Moses in majestätische Art … und keiner unserer Weisen sprach jemals nachdrücklicher über die Unveränderlichkeit der Torah. Andererseits beseitigte er die Götzen der Völker und verpflichtete die Völker auf die sieben Noachidischen Gebote, so dass sie sich nicht wie wilde Tiere des Feldes aufführten, und brachte ihnen grundlegende moralische Eigenschaften bei … Christen sind Gemeinden, die zum himmlischen Wohl wirken und zu Dauerhaftigkeit bestimmt sind. Ihre Bestimmung ist zum himmlischen Wohl und die Belohnung wird ihnen nicht versagt bleiben.“ – Zitat Ende –

Im 19. Jahrhundert waren es dann vor allem Gelehrte des Reformjudentums wie Abraham Geiger (1810 – 1874), der respektvoll über den Koran schrieb und Jesus im Bereich der jüdischen Pharisäer verortete, einer schriftorientierten Laien- und Rabbinerbewegung.

Nun also beginnen wir zu verstehen, in welchem Kraftfeld sich der aufsteigende Max Liebermann bewegte. Religiös auf die bürgerschaftliche Assimilation in die mehrheitlich christliche Gesellschaft orientiert und politisch progressiv galt das junge Talent vielen als „Armeleutemaler“, der einfache Menschen porträtierte. Sein erstes Ölgemälde zeigte Gänserupferinnen, es folgten Gemälde von einer Kartoffelernte und aus einer Schule für Näherinnen.

Entsprechend zeigt uns Liebermanns erste Version von „Jesus im Tempel“ realistisch den armen, barfüßigen  Sohn eines Handwerkers mit dunklerer Haut und angedeuteten Schläfenlocken. Den Bildhintergrund bilden Elemente einer Synagoge, wie sie Liebermann in Venedig und Amsterdam besichtigt hatte. Der arme, aber offensichtlich sehr kluge Jesus argumentiert, eindrücklich den Menschen zugewandt, von der Schrift her, das mit Alphabetschriften überladene Lesepult im Rücken. Der Zwölfjährige selbst, das Pult und die ihn umgebenden Schriftgelehrten – historisch zutreffend einfache Leute mit meist weltlichen Berufen – sind freundlich in Licht getaucht. Sie sind gegenüber Jesus nicht feindselig, sondern fasziniert und interessiert an einem aufgeweckten, jüdischen Jungen, der ganz jüdisch-rabbinisch aus dem Schatz der Schriften „Altes und Neues hervorträgt“, wie es der erwachsene Jesus später als klassisch-rabbinisches Ideal verkündigen wird. Einige der Zuhörer überprüfen die Aussagen des Jungen an Büchern. Schrift und Sprache, geschriebene und mündliche Thora – Weisheit werden hier als dynamische Synthese dargestellt.

Und in der oberen Bildmitte finden wir nicht Gottvater oder den Heiligen Geist, sondern Maria – hebräisch Miriam -, die sorgenvoll eine Wendeltreppe hinunter zum wiedergefundenen Jesus eilt. Ihr Mann Joseph ist vorangeschritten und wendet ihr den Blick zu. Hier steigt die griechisch-platonisch als „Theotokos“ – „Gottesgebärerin“ – Bezeichnete buchstäblich vom jenseitigen Himmel hinab und wird wieder Mensch – eine jüdisch-religiöse Mutter, Mittelpunkt ihrer Familie und voller Liebe für jedes ihrer Kinder.

Kurz gesagt: Ich finde es völlig überzeugend, dass Rabbiner Walter Homolka sein neues Buch „Der Jude Jesus – Eine Heimholung“ mit einer Besprechung dieses Liebermann-Bildes eröffnet. Denn der junge Maler erschloss hier tatsächlich einen neuen Blick auf Judentum „und“ Christentum als verwandte Religionen – verwurzelt nicht in „Rassen“, sondern in Alphabetschriften, nicht in Reichtum oder Gewalt, sondern in Bildung und Dialog, nicht in unveränderlichen, platonischen Ideen, sondern im Forschen, im Ja zu jedem Kind als Brücke in eine hoffentlich bessere Zukunft. Und war diese Debatte bisher nur den modernen Schriftgelehrten offen gestanden, so wurde sie mit dem Gemälde zur Münchner Kunstausstellung buchstäblich für Menschen aller Schichten öffentlich.

Klar also, dass sich Antisemiten über die Darstellung Jesu als vermeintlich „hässlichen, naseweisen Judenjungen“ empörten. Liebermann hatte mit einem einzigen Gemälde den Antisemitismus, Rassismus und Platonismus bis tief in christliche Kreise hinein bloßgelegt. Entsprechend laut wurde er als „Herrgottschänder“ verunglimpft und der Abgeordnete, Professor, Ritter und Priester Balthasar von Daller (1835 – 1911) bestritt im Parlament Juden sogar das Recht, Jesus darzustellen.

Erschrocken über diese massive Feindseligkeit überarbeitete Liebermann sein Meisterwerk – Jesus wurde mit längeren, blonden Haaren, hellerer Kleidung und Teint sowie Sandalen weißgewaschen und „arisiert“. Doch obwohl der außerordentliche Maler gemeinsam mit anderen Künstlern Berlin in den kommenden Jahrzehnten zu einer Kulturhauptstadt erhob und auch freiwillig als Sanitäter im Deutsch-Französischen Krieg diente, diskriminierte ihn Wilhelm II. (1859 – 1941) bis zum Untergang des Kaiserreiches. Erst 1920 konnte Liebermann zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste werden.

Doch die Antisemiten ruhten leider nicht. 1922 ermordeten sie in Berlin einen Verwandten Liebermanns, den Reichsaußenminister Walter Rathenau (1867 – 1922). Auch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und damit das Scheitern der eigenen, bürgerlichen Assimilation musste der große, deutsch-jüdische Künstler noch 1933 erleben. Aus dieser Zeit stammt Max Liebermanns vielleicht berühmtestes Zitat, das zum Sprichwort wurde: „Icke kann jar nich soviel fressen wie ick kotzen möchte.“ Der große Künstler und Bürger starb zu Unrecht verfemt und isoliert 1935. Viele jüdische, aber nur noch wenige nichtjüdische Freunde wagten sich zu seiner Beerdigung.

Nach dem Verbot der Ausreise und der anstehenden Deportation ins KZ Theresienstadt nahm Max Liebermanns Witwe Martha eine Überdosis Veronal und starb am 10. März 1943 im Jüdischen Krankenhaus von Berlin.

Die Gestapo beschlagnahmte seine Privatsammlung, der Palais Liebermann am Pariser Platz wurde im letztlich verlorenen Krieg zerstört.

Und eigentlich hätte an dieser Stelle alles aufhören müssen. Doch es endete nicht. Auch die Kunst erwies sich als stärker als der Vernichtungswille der Nationalsozialisten. Viele von Liebermanns Gemälden überlebten, darunter auch „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ in Hamburg.

Und nach dem auch religiösen und moralischen Desaster der beiden Weltkriege und der Schoah begannen auch die Kirchen, ihr Verhältnis zu ihren semitischen Wurzeln zu klären. In den Worten eines feinen, im Dialog engagierten Freundes, Rabbi Julian-Chaim Soussan, fiel nun immer mehr Menschen zur hebräischen Bibel auf: „Juden und Christen lesen völlig unterschiedliche Bücher, die zufällig den gleichen Text haben.“

Gleichzeitig konnten sich jüdische Gelehrte wie zum Beispiel der Religionswissenschaftler Joseph Klausner (1874 – 1958), der gebürtige Münchner Schalom Ben-Chorin (1913 – 1999) und der Schriftsteller Amos Oz (1938 – 2018) von Israel aus erstmals sicher mit Jesus, aber auch mit weiteren biblisch-christlichen Charakteren wie Paulus und Judas befassen. Moshe Hoffmann ließ 1967 einen SS-Mann den Juden Jesus vom Kreuz ins Gas führen. Ilana Lewitan präsentierte 2020 einen leeren Häftlingsanzug an einem Stahlkruzifix unter dem Titel der ersten Gottesfrage: „Adam, wo bist Du?“

Doch weitere, große Würfe etwa über die Familie Noahs sowie über jüdisch-christliche Frauen wie eben Miriam / Maria stehen noch immer aus. Immerhin gibt es über die Familie Noahs inzwischen einen großen Kinofilm eines jüdischen Regisseurs (Darren Aronofsky) mit Emma Watson in einer Hauptrolle.
Juden, Christen, Anders- und Nichtglaubende fingen an, einander über verbindende Personen zu entdecken.

Längst bekennen auch Konzilien und Päpste die jüdischen Wurzeln Jesu. Brad H. Young veröffentlichte 2007 „Meet the Rabbis“, in dem Jesus im Kontext der anderen Rabbiner seiner Zeit vorgestellt, neu und frisch verstanden wird. Auch ein deutsch-evangelischer Theologe wie Guido Baltes kann heute ein bemerkenswertes Buch „Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen“ nennen, gefolgt von „Paulus – Jude mit Mission. Alter Glaube in einer veränderten Kultur“. Das zu Zeiten Liebermanns Unterdrückte ist Erkenntnis, Wissenschaft, teilweise schon Lehre und Praxis geworden.

In gleich drei internationalen Erklärungen zum christlich-jüdischen Dialog haben zugleich jüdische Schriftgelehrte große Schritte zu einer Anerkennung des semitisch reformierten Christentums und zu einem Miteinander der Religionen getan. Als herausragend dabei gilt die orthodox-rabbinische Erklärung zum Christentum „Den Willen unseres Vaters im Himmel tun“ von 2015. Maßgeblich geprägt durch den deutschen Rabbiner Jehoschua (!) Ahrens hat diese auf Maimonides und Jakob von Emden aufbauende Erklärung zur jüdischen und noachidischen Sendung Jesu nicht nur internationale, rabbinische Anerkennung gefunden. Sie hat darüber hinaus ganz neue Kapitel der interreligiösen Partnerschaft, gegenseitigen Akzeptanz und wissenschaftlichen Forschungen aufgeschlagen.

Ich bin mir sicher: Würde sich jede und jeder Religionsgelehrte unserer Zeit auch nur einmal ernsthaft mit diesem Text befassen, das Verständnis und Verhältnis der Religionen auf unserem kleinen, blauen Planeten würde sich schlagartig verbessern.

Als ermutigendes Beispiel aus neuester Zeit möchte ich den katholischen Theologen Norbert Reck nennen, der in seinem neuen Buch „Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums“ über den Platonismus hinausweist, um den „Riss zwischen Dogma und Bibel“ zu heilen.

Aber auch für religiös völlig unmusikalische Menschen bietet Liebermanns Gemälde den Einblick in ein tieferes, cross-mediales Verständnis unserer Zivilisation:

Wir sehen im gemalten, semitisch-jüdischen Handwerkersohn Jesus die Auswirkungen durch eine überaus effiziente Informationstechnologie, das auf dem Sinai entstandene Alphabet. Durch diese Medienrevolution konnte die Teilnehmerzahl am Informationsaustausch enorm erhöht, dessen Inhalte gleichzeitig stabilisiert und dynamisiert, damit unfassbare Netzwerkeffekte erzielt werden. Zukunft konnte mehr und mehr über Herkunft triumphieren.

Innerhalb von je fast zwei Jahrtausenden vor und nach der im Bild dargestellten Szene wurde die Hälfte der gesamten Menschheit alphabetisiert, mit weiterhin schnell wachsender Tendenz. Nicht zufällig heißt einer der weltweit größten Digitalkonzerne heute – „Alphabet Inc.“.

Auch unsere heute globale, lineare Zeitrechnung ist nicht etwa an einem Herrscher oder Multimilliardär orientiert, sondern an eben jenem jüdischen Arbeiterkind, den und dessen Medienumfeld Max Liebermann so treffend gemalt hat. Gemälde mögen vielen als ein veraltetes Medium erscheinen – doch dieses hier bleibt für alle Zukunft „fresh“.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Bitte bleiben Sie gesund.

 

Quellen:

Ben-Chorin, Schalom (1988): Weil wir Brüder sind. Zum christlich-jüdischen Dialog heute. Bleicher Verlag

Young, Brad (2007): Meet the Rabbis. Rabbinic Thought and the Teachings of Jesus. Hendrickson

Von zur Mühlen, Irmgard (2015): Max Liebermann – Klassiker von heute – Revolutionär von gestern. (Film) YouTube-Kanal „chronoshistory“

Baltes, Guido (2013): Jesus, der Jude und die Missverständnisse der Christen. francke

Baltes, Guido (2016): Paulus – Jude mit Mission. Alter Glaube in einer veränderten Kultur. francke

Ahrens‚ Jehoschua, Blickle‚ Karl-Hermann, Bollag‚ David, Heil‚ Johannes (2017): Hin zu einer Partnerschaft zwischen Juden und Christen – Die Erklärung orthodoxer Rabbiner zum Christentum. Metropol

Reck, Norbert (2020): Der Jude Jesus und die Zukunft des Christentums. Grünewald

Homolka, Walter (2020): Der Jude Jesus – Eine Heimholung. Herder

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

74 Kommentare

  1. Sicherlich zu erwähnen nur vergessen haben Sie die sensationelle Erklärung Nostra aetate des Zweiten Vatikanischen Konzils.

    Beschämt über den Holocaust begann man in der Katholischen Kirche, das Verhältnis zum Judentum neu zu überdenken. Was natürlich die Antijudaisten in der Kirche auf den Plan rief: Wie jetzt, jetzt kriegen die Juden wieder eine Extrawurst gebraten! Die Progressiven antworteten: Guter Einwand, wir sollten überhaupt mal unser Verhältnis zu Nichtkatholiken neu denken.

    Ergebnis: Bis dahin galt extra ecclesiam nullam salus est, außerhalb der Katholischen Kirche gibt es kein Heil. Nun aber ist denkbar, daß selbst Atheisten in den Himmel kommen!

    • Zustimmung, @Alubehüteter – wobei wir bei aller Begeisterung über das bahnbrechende „Nostra Aetate“ zur Heilsfrage noch gewichtiger „Lumen Gentium“ erwähnen sollten: Jene dogmatische Konstitution des 2. Vatikanums die das „Gottesvolk“ einschließlich der Nichtchristen post-platonisch und dynamisch-inklusiv auf einem universalen „Pilgerweg“ sieht. Ganz groß!
      https://de.m.wikipedia.org/wiki/Lumen_gentium

    • Das gibt es vieles was auf einmal nicht mehr so gemeint war … “perfide Juden” uvm.
      Ich finde das eher peinlich, das wirkt wie ein Etikettenschwindel.
      Fast 2000 Jahre lang Judenhass predigen und dann hat man das ganz plötzlich nicht mehr so gemeint nachdem man die Früchte dieser Indoktrination geerntet hatte.

      Hat man aus den Papieren von Papst Pius XII schon interessantes extrahieren können?

      • Das hatten wir nun doch schon öfter, @einer: Jeder Mythos ist solange lebendig, wie er in jeder Generation neu ausgelegt wird. Das gilt für alle Kulturen, Völker, Religionen, Weltanschauungen. Auch die Wissenschaftstraditionen, in denen Sie sich beweg(t)en, haben vor 100 Jahren noch teilweise Positionen vertreten, die heute auf Entsetzen stoßen würden. Wer ehrlich zu seinen kulturellen Traditionen – ob religiöser oder nichtreligiöser Art – ist, erkennt sich als Teil des Prozesses und der ständigen Erneuerung. Das Verleugnen der Geschichte bringt keine Weltanschauung oder Religion weiter.

      • das wirkt wie ein Etikettenschwindel

        Auf mich wirkt das wie eines der größten Revolutionen, die unser Erdball je gesehen hat. Vielleicht hätte man deutlicher über die eigene Schuld reden können und sollen. Aber das Wichtigste ist doch, daß man das ein für alle Male für die Zukunft abgestellt hat. Und nicht nur gegenüber dem Judentum, sondern gleich auch mal Anti-Islam-Bashing ausgetrocknet.

        • Zustimmung, @Alubehüteter. Auch hier wird wieder der Unterschied zwischen einem statisch-platonischen und einem semitisch-dynamischen Wissensverständnis erlebbar. Für den Platoniker ist jede Veränderung an einmal bekundeten Lehren “Etikettenschwindel”, für die Semitin ist der Fluß des Wissens durch immer neue Erkenntnisse und Auslegungen genau die Leistung, auf die es ankommt…

          • Wobei die Katholische Kirche ja zuerst einmal sehr fest platonisch verankert ist. Was einmal lang und ausgiebig ausdiskutiert und schließlich mehrheitlich dogmatisch entschieden ist, das steht fest, dahinter kann man nicht mehr zurück. (Seit 1871 ist noch nicht einmal mehr das Mehrheitsprinzip eines Konzils erforderlich.) In den Ostkirchen ist das heute noch so.

            Allerdings standen die Westkirchen stets im Sturm sich wandelnder Zeiten, konnten sich nicht leisten, in einem starren caesaropapistischen System zu verharren.

            Karl Rahner wird das dann so auflösen: Dogmen sind nicht hinterfragbare Gegebenheiten, so wie experimentelle Daten es sind für den Naturwissenschaftler. Allerdings sind sie zur Interpretation nach vorne hin offen.

            Die Transsubstination, also Wandel von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu Christi in der Eucharestie ist gesetzt. Allerdings kann ich sie nicht mehr deuten mit einem mittelalterlich-vulgäraristotelischen Substanz-Akzidenz-Dualismus im Zeitalter der Quantenmechanik.

            Hier: Wenn weiterhin gilt, daß ausserhalb der Kirche kein Heil ist, dann muß der Begriff der „Kirche“ so erweitert werden, daß er auch Nichtkatholiken mit einschliessen kann. (So sie unschuldig Nichtkatholiken verblieben sind 😁)

          • Es ist ein Etikettenschwindel, wenn man die Aussagen von Gestern nur zurücknimmt, weil sie unmodern sind aber ansonsten noch dasselbe predigt / macht.
            Und wirkliche Veränderungen sind bei ber katholischen Kirche sehr selten und u.U. auch unmöglich.
            Ganz plötzlich war die katholische Kirche Opfer, aber ein paar Wochen war sie noch beteiligt / Täter – dazu hat die RKK bedenklich wenig gesagt.

          • Ein „Etikettenschwindel“ ist es nur im Platonismus, in dem nichts je mehr sein kann als die ursprüngliche, ewige Idee. So wird im Klassismus und Rassismus die Qualität eines Kindes schon bei der Geburt 🤰 definiert – und wenn es seinen „Stand“ verlässt, dann sei das gegen die Natur.

            In der Evolution und im Semitismus ist dagegen die Neu-Schöpfung in jeder Generation der Normalzustand. Dass Sie als Säugetier-Nachkomme von einfachen Reptilien 🦎 heute gelehrte Sätze ins Netz hauen wäre demnach genauso wenig „Etikettenschwindel“ wie die neue Interpretation und Erweiterung eines alten Textes (lies: DNA).

            Hier haben Sie den Grundunterschied zwischen Semitismus und Republikanismus einerseits, Antisemitismus und Platonismus andererseits. Und falls Sie sich in Zukunft einmal richtig entscheiden, wird das kein „Etikettenschwindel“ sein… 🤓📚🙏

  2. Denn in keiner anderen Religion und Kultur der damaligen Zeit war es üblich, dass auch der Sohn eines ärmeren „Tekton“, eines Zimmermanns oder Bauhandwerkers, Lesen und Schreiben lernen konnte.

    Es ist nicht klar, ob Josef arm war oder nicht, immerhin stammt er aus der Familie König Davids (sagt die Bibel und von Armut von Maria und Josef liest man in der Bibel nicht … eher ist die Reise nach Bethlehem zur Schätzung eher ein Hinweis auf Reichtum an Länderein)

    Ich sprach es auch schon einmal an, dass die Fähigkeit zu Lesen und zu Schreiben im alten Meopotamien auch deutlich breiter in der Bevölkerung verteilt war als in anderen Kulturen damals und das schon lange vor der Jesusgeschichte.

    Wer einen persönlichen Brief schreiben wollte brauchte halte eben keinen Schreiber dafür, da man die mesopotamische Keilschrift auf sehr verschiedenen Schwierigkeitsgraden verwenden konnte.
    Sicher wird der größte Teil der Bevölkerung keine Dichtung vollbracht haben können, wie bei uns halt auch.

    … that cuneiform writing was not a matter for specialists, but was widely available in the households of common people …
    the results are striking … In the Old Babylonian period (for which the best evidence is available) the majority of houses in Nippur and Isin yielded texts, including school texts. Several other sites seem to confirm that picture. …
    … from the Ur III period, written in Sumerian, which exhibit frequent deviations from the ortho-graphic norm. These documents record private transactions of merchants and demonstrate the availability of cuneiform literacy among people not directly involved with the state bureaucracy.
    Literacy remained in the hands of citizens for most of the rest of cuneiform history. The only period in which one may suspect a near monopoly on cuneiform literacy on the side of the state is the Neo-Assyrian period. In the Neo-Assyrian period the diff er-ence between monumental and documentary hands all but disappears again. At the same time, this is the first period in which alphabetic (Aramaic) literacy gained wide-spread currency.

    (*)

    Nicht umsonst findet man die ältesten schriftlichen Spuren des semitischen Alphabets in Ugarit in Keilschift. Das von dort ausgehend mit dem Wechsel des Medium von Ton auf Papyrus, Leder etc. ein passendere Schrift entwickelt wurde ist naheliegend.
    Wie auch Vieles in ihren Mythen haben die Juden möglicherweise auch die breite Bildung aus Mesopotamien übernommen und haben so zweifelsfrei die Alphabetisierung großer Teile der Menschheit befördert – aber die erste Kultur mit Lesen / Schreiben in der Breite der Bevölkerung waren sie nicht.

    (*) so Niek Veldhuis Professor of Assyriology Department of Near Eastern Studies · University of California, Berkeley
    und andere

    • Oh ja, @einer – Babylon bzw. konkret Nippur dürfte eine große Rolle in der Entstehung des Judentums als schriftbasierter, alphabetisierter Religion gespielt haben, wie ja auch an den biblischen Texten bis hinein in die Psalmen zu ersehen ist. Allerdings machen Sie wieder den – hoffentlich bereits halb-bewußten – Fehler, “den Juden” vorzuwerfen, sie hätten ihre Errungenschaften nur aus anderen Kulturen “übernommen”. Sie haben auch von anderen gelernt, aufgenommen, adaptiert, transformiert – denken wir nur an die Verwandlung der Ziusudra- und Uta-napishti-Mythen in die reiche Noah-Mythologie und den Noahbund. Das ist keine passive “Übernahme”, sondern eine große kreative, normative und religiöse Transformation, die seit Jahrtausenden weiterwirkt. Solange Sie die Dynamiken der Vergangenheit hartnäckig verleugnen, wird Ihnen auch der Blick auf die Dynamiken der Gegenwart und Zukunft nicht wirklich gelingen. Sie hätten m.E. das Wissen, um über Ihre inneren Schatten zu springen, längst…

      • Nein “nur” übernommen meinte ich nicht. Ich wollte vor allem Ihr “die Juden waren die ersten die…” korrigieren, das das historisch falsch und auch gut erklärbar ist.

        Ich leugne da gar nichts. Ich bin mir echt nicht sicher warum ich von Ihnen mal Platoniker, mal Antisemit genannt werde … man könnte das schon fast persönlich nehmen.

        • Klar, @einer – Sie spielen hier auch unermüdlich & bei jedem Thema auf hohem, akademischen Niveau die ganze Liturgie der „indogermanischen“, platonisch-antisemitischen Positionen durch. Mit Betonung auf „Anti“, zu nahezu jedem Text. Ich bin froh, dass Sie das nicht unter Ihrem Klarnamen machen und kann nur hoffen, dass es Sie – und Mitlesende – weiterbringt. Immerhin bewegt & treibt Sie die Thematik ja offensichtlich ungemein…

          • Unanbhängig von Ihrer Meinung über mich, bin ich hier WEIL mir der wachsende Antisemitismus und das mehr an Populismus ernsthaft Sorgen macht.

          • Das freut mich ehrlich zu lesen, @einer! Und es ist ja auch der völlig richtige & überzeugende Weg, nicht nur über die Wahrnehmungen anderer zu sprechen / zu schreiben.

            Seien und bleiben Sie willkommen!

    • Zur Armut Joesphs

      “Nach einem von Eusebius von Caesarea überlieferten Zitat des Hegesippus ließ Kaiser Domitian bei seiner Christenverfolgung (um 90) die noch lebenden Großneffen Jesu verhaften und verhörte sie. Dabei hätten sie die Frage nach ihrer davidischen Abstammung bejaht, vom Kaiser deshalb vermutete politische Ambitionen aber verneint und ihre bäuerliche Armut betont. Sie seien freigelassen worden und danach zu Kirchenführern aufgestiegen. Dass Jesu Angehörige sich als Nachfahren von König David sahen, gilt daher als wahrscheinlich.[39]”

      https://de.wikipedia.org/wiki/Jesus_von_Nazaret#cite_ref-39

      • Danke, @Paul Stefan. Auch das ist ein feiner Hieb gegen den platonischen Elitarismus, wonach Herrscher und Philosophen schon als „goldene“ Kinder geboren sein mussten. Daher rührt auch ein Teil der Bewunderung von Verschwörungsgläubigen für im Reichtum aufgewachsene Tyrannen.

        Hier wird dagegen das semitische Ideal deutlich, nach dem Herkunft, Reichtum und Macht nicht zusammenfallen müssen, im Grundsatz allen die Hoffnungen offenstehen.

        • Diesen Elitarismus schürt auch die Bibel, da sie Jesus ja zu einem Königssohn (Urururenkel) Davids macht.
          Auch wenn sich das u.U. mit der Zeugung durch den heiligen Geist beisst.

          • Nein, @einer – denn bewusst werden auch konvertierte AhnInnen aufgezählt, sind zudem gerade auch die David-Mythen prophetisch gebrochen. Hier geht es noch um die Erfüllung messianischer Prophezeiungen, nicht um die Behauptung „rassischer“ Überlegenheit.

        • Auch das ist ein feiner Hieb gegen den platonischen Elitarismus, wonach Herrscher und Philosophen schon als „goldene“ Kinder geboren sein mussten.

          Die Theorie der Reinkarnation macht da natürlich vieles möglich. Jeder hat das Leben, das er sich im vergangenen verdient/verschuldet/verursacht hat.

  3. Warum hat Max Liebermann dieses Bild gemalt. Gibt es dazu eine Aussage von ihm ?
    Jeder, der das Bild bejubelt oder kritisiert, dem sollte klar sein, dass wir “nur so tun als ob “.
    Herr Blume, sie haben doch sicher das Bild ausgewählt um den Wandel zwischen Christen und Juden zu thematisieren ?

    Ich persönlich halte es mit dem Dekalog ” Du sollst dir kein Bild von Gott machen”.
    Denn durch solche Diskussionen wir der Gottesglaube auf Religion reduziert.

    • Nun, @h.wied – auf diesem Blog & Podcast geht es ja nicht um Theologie, sondern um Religionswissenschaft.

      Freilich ist schon auffällig, dass Christen gerade auch Jesus in Kirchen und Städten in Bildern, Statuen und Gemälden seit fast zwei Jahrtausenden darstellten, oft auch anbeteten. Nun aber, wo dies ein deutsch-jüdischer Maler 👨‍🎨 wie Max Liebermann tat, sollte plötzlich das „Bilderverbot“ greifen?

      Zudem malte doch gerade Liebermann Jesus und Maria nicht als Gottheiten bzw. Aspekte der Gottheit, sondern als die jüdischen, eher armen Menschen, die sie waren. Gerade diese bis an die Hautfarbe reichende „Säkularisierung“ der lange Vergotteten empörte ja die Antisemiten!

      Inhaltlich hatte Liebermann zuvor bereits eindrucksvolle Bilder über vermeintlich „einfache Leute“ gemalt. Zumal Abraham Geiger & Co. die Tür zu einem neuen, auch jüdischen Verständnis des bedeutendsten Arbeiterkindes der Menschheitsgeschichte geöffnet hatten, lag das Sujet geradezu nahe. Über die folgenden, antisemitischen Beschimpfungen war Liebermann ebenso bestürzt wie später über die Machtergreifung Hitlers. Es ist m.E. interessant, dass sein Ausruf „Ich kann gar nicht soviel Essen wie ich kotzen möchte!“ heute (wieder) weit verbreitet ist…

      Knapp gesagt: Platonisch-christliche Kunst hatte Jesus und Maria lange gegen das Bilderverbot „vergottet“. Liebermann gehörte zu jenen, die die beiden wieder historisch und lebensweltlich „erdeten“.

    • Das Bilderverbot ist eher eine jüdische Sache.
      In den christlichen Kirchen sieht man sehr viele Bilder. Selbst in einer aher nüchternen evangelischen Kirche hängt häufig ein Jesus am Kreuz. Bei anderen Varianten wir man geradezu von Bildern erschlagen.

      Ergo das Bilderverbot ist sicher keine Eigenschaft des Christentums der großen Kirchen.

  4. Max Liebermanns Der zwölfjährige Jesus im Tempel“ kann als frühe Form einer künstlerischen Aneignung (Appropriation Art: „ Im weiteren Sinne kann Appropriation Art jede Kunst sein, die sich mit vorgefundenem ästhetischem Material beschäftigt,“) gesehen werden, wobei Liebermann das Motiv in den jüdisch/„morgenländischen“ Kulturraum verschoben hat. Und das löste dann den Skandal und die antisemitischen Reaktionen aus, denn für die Deutschen und Europäer war das Christentum europäisch und weiss und damit musste auch Jesus weiss und ein Europäer sein.

    Aber eigentlich sind es ja die Europäer, die das Jesus/Christenbild sich angeeignet haben und die das Motiv aus der Herkunftskultur in die europäische Kultur transportiert haben.

    Jedenfalls zeigt sich an diesem Kunst- und Kulturskandal etwas was bis heute zu beobachten ist: Religion und Kultur sind oft eng miteinander verbunden und grenzen sich bewusst gegenseitig und nach aussen ab. Das gilt bis in die Konfessionen hinein, wo man eine evangelische Kultur von einer katholischen unterscheiden kann oder eine Schiitische von einer Sunnitischen. Wer die Grenzen überschreitet wie Max Liebermann muss mit harschen Reaktionen rechnen, denn solche Grenzüberschreitung stellen die Identität eines Christen, Muslims oder Hindus in Frage.

    Heute gibt es wiederum Identitätsansprüche (Identitäres Denken sowohl rechts als auch links) verschiedener Gruppen und dadurch eine regelrechte Tribalisierung unserer Gesellschaft mit ähnlichen Abgrenzungen zwischen den Gruppen wie früher zwischen unterschiedlichen religiösen Gruppen. Es scheint, dass vieles was wir bei den Religionen beobachten, sich auch in säkularen Gesellschaften materialisieren kann.

    • @Martin Holzherr
      In der Tat, der idenditäre Wahn ist tief pseudoreligiös, es geht um nicht-aufgeklärten Glauben, weswegen man mit den meisten auch nicht diskutieren kann. Wir brauchen einen westfälischen Idenditäts-Frieden…

    • Dabei ist es doch so einfach, Jesus muss ein Jude gewesen sein.
      Aus diesem quasi einen “Arier” zu machen .. ist absurd.
      Leider hat die “Europäisierung” der Bibel aber schon der früh angefangen. Ich habe mich schon als Kind gewundert, was an dem Judas so schlimme gewesen sein soll, wenn die Römer doch die eigentlichen “Gottemörder” waren.
      Aber im Kontext einer römischen Staatsreligion war das wohl zu heftig.

      • Ja, @einer – die sog. „Deutschen Christen“ verursachten später ernsthaft, aus der galiläischen Herkunft Jesu eine „arische“ zu machen. Und mit dem Abschneiden der semitisch-jüdischen Wurzeln ging eine Umwandlung vom Monotheismus in den antisemitischen Dualismus einher.

      • Leider hat die “Europäisierung” der Bibel aber schon der früh angefangen.

        Wobei für die Äthiopier Jesus genau so selbstverständlich ein Schwarzer ist.

  5. “Die semitischen Religionen wurzeln also nicht in einer angeblichen „Menschenrasse“, sondern in einem Medium, dem bis heute nach den ersten beiden Buchstaben des Hebräischen benannten Alphabet.”
    Vielleicht schon ein erster und sehr früher Auslöser einer Variante des Antisemitismus, die ziemlich häufig vorkommt und der meist recht aggressiv auftritt- der Verbindung von Antisemitismus und Anti-Intellektualismus.

    Ziemlich subversiv, die Forderung nach Schrift für alle, eigentlich bis heute…

    • Exakt, @DH, so ist es. Die Alphabetisierung löst (später auch in Griechenland und Rom) Demokratisierungsschübe aus, gegen die sich die Vertreter der alten Ordnungen wehren. Das immer wieder wirksame Mittel dazu ist der Verschwörungsvorwurf gegen die Schriftgelehrten / Intellektuellen, die also gar nicht Lehrende & Entwickelnde seien, sondern Zerstörende.

      • Ist schon ein wenig schwieriger.

        Na fein. Ich komm dann mal raus und lege Karten auf den Tisch.

        Wir sprechen über die Achsenzeit. Die Achsenzeit ist geprägt durch einen enormen Globalisierungsschub, ausgelöst durch die Reiternomaden der Eurasischen Steppe und ihrem neuen Verkehrsmittel, dem Reitpferd. Ablesbar ist dieser Globalisierungsschub, die Intensivierung des Welthandels, an der gleichzeitigen Einführung des Münzgeldes am Mittelmeerraum, in Indien und in China; mindestens in China unabhänig von Indien/Europa („Messergeld“, „Beilgeld“ funktionieren völlig anders). Wenn Münzgeld zur gleichen Zeit unabhängig voneinander erfunden wird, legt das nahe, daß es Notwendigkeiten gibt, es zu erfinden, also grosse gesellschaftliche Umbrüche.

        Wir sprechen also (ausserhalb des Judentums, wo die Verhältnisse tatsächlich noch einmal anders liegen) nicht nur von „den“ Wissenden/Schriftkundigen im Gegensatz zu den Analphabeten. Wir haben es mit rivalisierenden Kulturträgern zu tun: Eine neue Klasse betritt die Bühne der Weltgeschichte; das Bürgertum in Gestalt der Kaufleute. Und diese bedürfen eines völlig neuen Wissens, nämlich eines möglichst umfangreichen Tatsachenwissens. Nautik, Mechanik von Schiffen, aber auch Landeskunde. Die „Historien“ des Herodot sind ein Baedeker, ein Reiseführer. Land und Leute, was gibt es zu handeln, was ist kulturell zu beachten, wie ticken die so, schließlich: Wo kommen sie geschichtlich her. Simpel gesagt: Man versuche einmal, sich mit der Odyssee durch das Mittelmeer zu navigieren.

        Und schon damals die Florian-Geyer-Frage:

        Als Adam grub und Eva spann
        Wo war denn da der Edelmann?

        Wozu brauchen wir den Adel noch?

        Der Adel hat das also zu überbieten: All euer Wissen ist doch nur Nützlichkeitswissen, dient immer noch nur der bloßen Lebenserhaltung, der Ernährung, wenngleich auch auf hohem, meinetwegen verfeinerten Niveau. Vielwissen aber ist nicht Weisheit, so Heraklit. Das Wissen, die Weisheit des Adels ist um vieles tiefer und gründlicher, weil sie eben nicht nur Nützlichkeitswissenschaft ist, das zieht sich durch bis Heideggers Frage nach der Technik. Sie hat nicht zuerst zu etwas nütze zu sein. Grundlagenwissenschaften, Fundamentalforschung mag was Nützliches abwerfen, das ist dann aber unbeabsichtigter Kollateralnutzen.

        Das letztlich immer noch der bloßen Existenz, der Lebenserhaltung dienende Wissen der Kaufleute und Handwerker läßt den Menschen immer noch nur im Tierischen verhaftet bleiben. Erst das wahre, tiefe Wissen, die nutzlose Weisheit schafft den Menschen frei, den Göttern ähnlicher, bestimmt sein Menschsein.

        Während das Bürgertum tendenziell progressiv ist: Neugierig, innovativ, aber auch auf Fortkommen und soziale Gleichstellung bedacht, ist der Adel tendenziell reaktionär, dem Vergangenen verhaftet, elitär. (O.k., das ist jetzt eine sehr griechische Sicht. Bei den Indern mit der starken Stellung der Brahmanen sieht es noch einmal anders aus. Hier verbünden sich Kaufleute mit dem Adel; die Brahmanen müssen zusehen, wie sie den durch Kaufleute eingebrachten Glauben der vorindoeuropäischen Bevölkerung an die Wiedergeburt eingefangen kriegen. Darum ist die Bhagavad Gita Teil eines Kriegerepos.)
        Und nein, das ist nicht Marxismus. Es bedient sich allerdings aus Marxens Werkzeugkoffer, aber hoffentlich von seiner Ideologie weitgehend bereinigt.

        • Ach so, vorwegzuschicken: Grundlegend ist der Gedanke: Die Achsenzeit ist ein Phänomen der Seidenstraße, denn an dieser findet sie statt. Sie findet nicht nur vorher und nacher nicht statt. Sie findet auch nirgendwo anders statt. Es handelt sich nicht nur um eine zeitliche, sondern auch geographische Achse.

          • Vielen Dank, @Alubehüteter. Auch weil Sie selbst den klassischen Begriff der „Achse“ und „Achsenzeit“ bis zur Erschöpfung problematisiert haben, schreibe ich inzwischen gerne vom „eurasischen Gürtel“.

        • Lieber @Alubehüteter, ich wünschte, ich hätte etwas mehr Zeit, ebenso ausführlich und tiefgründig zu antworten, wie es Ihre Denkansätze verdienten – aber der Job lässt es leider nicht ganz zu.
          Danke zunächst für Ihre wissenswerten Ausflüge in die Philosophie, die ich ebenfalls gerne mochte, von der ich mich aber in meinem juristischem Beruf, der im Alltagsgeschäft überwiegend die Findung schneller, pragmatischer Lösungen fordert, leider ziemlich weit entfernen musste.
          Umso interessierter (manchmal auch im positiven Sinne amüsiert 😉 ) verfolge ich Ihren – wenn auch oftmals auf fast schon antagonistischen Ansichten und trotzdem auf gegenseitigem Respekt und Sympathie beruhenden – Disput mit Michael Blume. Weiter so, wenn es Ihrer beider Zeit halbwegs zulässt!
          Hier schnell Folgendes: Ich erkenne nicht endgültig, ob Sie sich bei der Definition Ihres utilitaristischen Wissenschaftsbegriffs (wenn Sie denn einen solchen überhaupt selbst vertreten) vom Nutzen(“benefit”) als Maßstab oder eher von der Nützlichkeit (“utility”) leiten lassen. Ich denke, hoffe und bin mir eigentlich sicher, dass es Ihnen um die zweite Alternative geht, also nicht um die bloße Vermehrung der Vorteile einer einzelnen Interessengruppe, sondern um die Maximierung des Allgemeinwohls (die hedonistische Ausprägung des Utilitarismus lasse ich hier einfach mal außen vor 😉 ; ich komme bezeichnenderweise gerade aus einem Urlaub aus “Swine”-münde und erinnere an den entsprechenden Verweis von Stuart Mill, der weniger mit dem Fluss als der Kreatur zu tun zu haben scheint 😉 ).
          Ob nun ausgerechnet der Adel, der in erster Linie damit beschäftigt war, seine Macht über andere Menschen auszuleben, Privilegien zu beanspruchen, Etikette, Zeremonielle und Standesvor(ur)teile zu pflegen, und der glücklicherweise seit Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung doch wenigstens de jure abgeschafft ist, in der Lage war, die Wissenschaft aus dem Bereich des Animalischen und Teleologischen, rein Zweckgebundenen zu erheben und zu bereichern, wage ich jedenfalls zu bezweifeln und halte es vielmehr mit Oscar Wilde:
          “…in der Aristokratie ist es immer so, dass man mehr die Stirn zeigt als etwas dahinter.” (Oscar Wilde, Vera oder Die Nihilisten, in: Sämtliche Dramen, Leipzig 1975, S. 460).
          Auch bezüglich einer Rangordnung der Wissenschaften (etwa Naturwissenschaften vs. Kunst-, Literatur- und Kulturwissenschaften) möchte ich mit Alexander Block entgegnen:
          “Der Popularisierung, der Einteilung der Wissenschaften in höhere und niedere, verdanken wir jenes trübe Halbdunkel, jenes Dämmerlicht, das schlimmer ist als völlige Finsternis.”
          (Alexander Block, Der Zusammenbruch des Humanismus, in: Stücke, Essays, Reden , Berlin 1978, Ausgewählte Werke Bd. II, S. 305).

      • Der Vorwurf der Zerstoerung kam ja auch nicht selten zurecht. Es handelt sich bei den sog. Intellektuellen oft um eine Klasse von privilegierten Parasiten, die sich gegen die Besseren auflehnen. Marx und Engels waren wohl die Musterbeispiele dieses Typus. Nicht jeder Denker besitzt die intellektuelle Rechtschaffenheit eines Mises oder Hayek. Haben Sie Roland Baader gelesen zu dem Thema?

        http://www.roland-baader.de/wp-content/uploads/Baader_totgedacht.pdf

        • Klar habe ich von Hayek und Roland Baader zu dem Thema gelesen, @Lars. Schließlich habe ich eine Ausbildung als Finanzassistent absolviert, war jahrelang Mitglied der Hayek-Gesellschaft, habe zu seiner Religionsdemografie publiziert.

          Und bin nicht zuletzt erkenntnistheoretisch immer mehr ernüchtert, umso tiefer ich reinschaue. So predigt von Hayek ja selbst einen elitären Platonismus zu einem überzeitlichen, empirisch nicht belegbaren „Markt-Mythos“, in dem wenige Eingeweihte (z.B. in der Mont Pelerin Society) über vermeintlich passive „second hand dealer“-Intellektuelle die vermeintlich dummen Massen & Politiker „steuern“. Das lief selbstverständlich selbst über Netzwerke, Lobby- und Steuergelder, von Hayek war z.B. steuerfinanzierter Staatsbeamter. Und auch z.B. Ayn Rand beantragte im Alter (zu Recht) Medicaid.

          Sie mögen sich gerne einreden, zu den „Besseren“ zu gehören, @Lars – doch aus platonisch-marktmythologischer Sicht sind Sie bestenfalls selbst ein „Intellektueller“, der als nützlicher Idiot wissenschaftlich nicht überprüfbare Marktmythen glaubt und weitergibt.

          Das ist eben die Tragik: Dass ein Christlich-Liberaler wie ich mehr von Ihnen hält als die Leute, die auch Sie als nützlich-manipulierbaren Idioten betrachten und Sie gegen noch Schwächere ausspielen…

          • Ich wuerde es nicht unbedingt als Marktmythen bezeichnen. In der ‘Austrian School’ von Menger und spaeter Mises geht man ja gerade von der Praxaeologie aus, weil sich aufgrund der vielen Variablen in der Oekonomie Sachverhalte nicht unbedingt empirisch wie in der Physik oder Chemie belegen lassen. Man geht daher vom handelnden Individuum statt von Kollektiven in mathematischen Modellen wie in der Klassischen Oekonomie aus.

            Den Vergleich zwischen den Austrians wie Hayek und einem Elitaeren wie Platon halte ich fuer sehr gewagt (obwohl ich Platon nie komplett gelesen hab). Es ist ja gerade das Anliegen der Austrians, dass die Gesellschaft eben NICHT von einer Elite “gefuehrt” werden sollte.

            Und ich persoenlich wuerde mich auch keineswegs als einen der Besseren bezeichnen. Ich bin mir des Dunning Kruger-Effekts bewusst und daher sehr bescheiden. Die wirklich Besseren sind in meinen Augen die grossen schoepferischen Kraefte der Gesellschaft; Kuenstler wie Michelangelo, Leonardo oder Goethe; und vor allem die grossen Unternehmer wie John Rockefeller, Cornelius Vanderbilt, Andrew Carnegie, Steve Jobs, Enzo Ferrari, die das Ressentiment vieler anti-kapitalistischer Intellektueller auf sich ziehen.

            Ich bin ein absoluter Zwerg verglichen mit diesen Giganten. Aber ich bin definitiv besser als Ralf Stegner, Claudia Roth, Jens Spahn, Anetta Kahane oder Kevin Kuehnert. 😉

            Einen schoenen Sommer-Sonntag!

          • Oh, @Lars – dann habe ich wohl doch mehr Hayek gelesen. Bei allem Respekt: Der Mann war staatlich finanzierter Platoniker samt Verachtung für „second hand dealer“ wie Sie. Aber er hätte sich gefreut, wenn Sie sich immerhin über linke „Intellektuelle“ erhaben gefühlt hätten.

            Von Hayek war schon stärker evolutionär und empirisch als Mises, blieb im Wesentlichen jedoch weiterhin Markt-Mythologe mit einem abgeschwächten Markt-Staat-Dualismus. Aber dazu werde ich gerne einmal etwas extra machen.

  6. Alubehüteter,
    Ihre Meinung zum Adel ist beachtenswert. Verstößt sie doch gegen den demokratischen Grundsatz von der Gleichberechtigung und auch noch gegen den christlichen Grundsatz, dass wer sich erhöht, erniedrigt wird.Pragmatisch stimme ich Ihnen jedoch zu, was wäre, wenn es keinen Adel mehr gäbe. Gibt es eine Alternative zum Adel ? Meine Meinung, noch nicht.

    Michael Blume,
    ich stimme Ihnen zu, dass Sie Neutralität wahren müssen und das geht nur, wenn man keine Theologie zulässt.
    Indem Sie sich gegen Plato entscheiden und seine Sichtweise als überholt ansehen verlassen Sie die philosophische Neutralität und ebnen der aristotelischen Denkweise die Bahn. Das kann man machen aber damit wird dem Idealismus als Erstem und dann den Religionen die Grundlage entzogen.
    Man wird die Streitigkeiten zwischen den Religionen nicht abschaffen, indem man die Religionen abschafft (Meine Vermutung)

    Alubehüteter,
    Karl Rahner war von Dogmen überzeugt und er wollte die Ausbreitung des Christentums.Ganz so falsch ist diese Denkweise nicht. Wir wissen auch um den Staatsbegriff und dass er zu unterscheiden ist vom realen Staat. Die Menschen werden den Staat nicht abschaffen, weil er Kriege führt. Und so wird der Klerus den Papst nicht abschaffen, weil es eben neben dem realen Papst die “Idee des Papstums” gibt. Und das ist das Dogma der röm.kath. Kirche.

    • Oh, @h.wied – hier verstehen wir uns miss. Ich beanspruche und vertrete hier keine „Neutralität“, sondern bekenne mich ganz klar zu Menschenwürde und Menschenrechten einschließlich der Religionsfreiheit, zu Wissenschaft & der Ablehnung von Relativismus. Gerade deswegen achte ich auch die Unterschiede zwischen Theologien und (empirischer, vergleichender) Religionswissenschaft. Meine eigenen religiösen und weltanschaulichen Positionen mache ich transparent.

      Wollen Sie ggf. noch einmal erklären, warum Sie aus der Würdigung einer wertschätzenden Darstellung des Juden Jesus durch einen deutsch-jüdischen Künstler zu der Schlussfolgerung kommen, es ginge irgendwem um die „Abschaffung“ von Religionen? Warum haben Sie kein vergleichbares Problem mit Abertausenden christlichen Jesus-Bildern? 🤔

  7. Michael Blume,
    zuerst einmal das Positive. Heute wird von den Evangelischen der Israel-Sonntag gefeiert. Die Pfarrerin hat darauf abgehoben, dass die Juden unsere ungetauften Brüder und Schwestern sind und dass das Christentum ohne Judentum kein Fundament hat.
    Das ist aktive Werbung für die Juden. Und so finde ich es richtig. Man sollte auch einen Islam-Sonntag einführen , wo für die Moslems geworben wird.
    Mein Begriff von der Neutralität ist im Nachhinein zu vieldeutig und geht in Richtung Beliebigkeit. Ich ziehe ihn zurück.
    Was ich meine, dass man auch Verständnis zwischen den Religionen erreichen kann , indem man aktiv seine Religion lebt und gleichzeitig die andere Religion achtet und auch mit den anderen z.B. bei uns lebenden Immigranten Kontakt hält.
    Was jetzt die Bilddarstellungen betrifft. Da hab ich ein Problem. Deswegen freue ich mich immer wieder in romanischen Kirchen, wo mit Gottesdarstellungen sparsamer umgegangen wird, im Gegensatz zu Barockkirchen. Und ich war/bin am Überlegen, ob ich bei meiner Kirchenseite http://www.kleinekirchen.de nicht eine Bereinigung vornehme und die Barockkirchen ganz herausnehme.
    Was jetzt die Wertschätzung von Max Liebermann bezüglich Jesus betrifft, da hätte ich eben gern sein Motiv gewusst. War er mehr Maler oder war er mehr Gläubiger ?
    Dass mit der Abschaffung der Religionen, das war von mir Polemik um das Problem klarer darzustellen. (kommt nicht wieder vor).
    TiPP: Besuchen Sie mal die Kirchen im Engadin, da wird sogar auf den Altar verzichtet und trotzdem hinterlassen diese Kirchen einen mystischen Eindruck.

  8. @Religionsvielfalt

    Ich hatte die Tage eine kurze Diskussion mit einem alten Kollegen, der in einer Baptistengemeinde untergekommen ist. Die Baptisten vertreten die Auffassung, dass wer ein gottgefälliges Leben führt, von Gott dafür auch mit Wohlstand belohnt wird. Ich meinte dazu, dass das doch eigentlich nicht chirstlich sei. In der europäischen christlichen Tradition ist ja auch tatsächlich ein gewisses Armutsgebot vorhanden.

    Er hat dem entschieden widersprochen, und meint, dass die Baptisten Jesus Rolle darin sehen, dass wir das alte Testament wieder erster nehmen sollen. Und das alte Testament ist voll davon, dass gottgefälliges Verhalten u.a. mit Wohlstand belohnt werden kann.

    Ich selbst halte die Bibel nicht wirklich für Gottes Wort, über die Bibel argumentieren macht bei mir also nicht viel Sinn. Aber nun gut, ich muss anerkennen, das eben auch die christlichen Traditionen im europäischen Mittelalter nur eine Variante christlichen Glaubens waren.

    Wir waren uns aber darüber einig, dass der Umkehrschluss nicht gültig und auch wirklich gefährlich ist: Wenn jemand mit hervorragend geschicktem Betrug reich geworden ist, soll er nicht glauben, dass er von Gott belohnt worden ist, und er soll nicht denken, dass sein Reichtum davon kommt, dass er ein gottgefälliges Leben führt.

    Und wir waren uns darüber einig, dass materieller Wohlstand an sich keine Schande ist, aber in seinem Ausmaß auch deutliche Grenzen an Sinnhaftigkeit hat. Auf heutigem Niveau lohnt es sich nicht mehr, alles mitzumachen, und sich immer noch fettere Autos und sich immer noch mehr Fernreisen und Kreuzfahrten zu leisten. Sich mit dem Leben jenseits von käuflichem Konsum zu beschäftigen macht in moderne Zeiten immer mehr Sinn, einfach weil man immer schneller genug vom Konsum hat.

    • Vielen Dank für Ihre konstruktiven und interessanten Gedanken, @Tobias Jeckenburger. Max Weber sah die Reichtum-Segen-Connex vor allem im Calvinismus verankert, hat aber m.E. vor allem den Einfluss der Alphabetisierung deutlich unterschätzt.

      • @ Michael Blume
        16.08.2020, 17:56 Uhr

        Max Weber sah die Reichtum-Segen-Connex vor allem im Calvinismus verankert

        Au fein, Wuppertal ist meine Wahlheimatstadt, da kann ich mitreden. (Wuppertal war ein Zentrum des Calvinismus wie überhaupt protestantischer Spökenkiecker, und auch darum Zentrum der Frühindustrialisierung.)

        @ Tobias Jeckenburger
        16.08.2020, 13:41 Uhr

        Wenn jemand mit hervorragend geschicktem Betrug reich geworden ist, soll er nicht glauben, dass er von Gott belohnt worden ist, und er soll nicht denken, dass sein Reichtum davon kommt, dass er ein gottgefälliges Leben führt.

        Jein. Zuerst einmal stelle ich in Frage, daß wir kleinen Leute überhaupt ermessen können, was es bedeutet, wirklich reich zu sein. Und ob diese wirklich Reichen nicht doch der Ansicht sein müssen, irgendwie auch dazu auserwählt zu sein. So etwas ist ja meist nicht nur das Verdienst, der richtige Mann zu sein mit den wirklich guten Ideen. Man muß auch zur rechten Zeit am rechten Ort sein, zudem allermeist die richtigen Leute kennen. Bei allem Verdienst, der Mann zu sein, Chancen nutzen zu können, kommt doch das unverdiente Glück oder eben die Erwählung hinzu, diese Chancen überhaupt zu sehen zu kriegen, geboten zu bekommen.

        Aber den Gedanken verschiedener Protestanten, Reichtum und Prädestination (Vorherbestimmung) zum glückseligen Leben gehöre zusammen, sollte man besser in Amerika studieren, wo er sich freier hat entfalten können.

        Im Link habe ich Bill Gates angeführt. Bill Gates als Geschäftsmann war ein Schwein. Ich erinnere nur mal an den legendären Browserkrieg. Der im vorläufigen Endergebnis auch noch völlig blödsinnig ist: Microsofts Windows Standartbrowser ist heute – ein umgebauter Google Chrome. Google wiederum finanziert maßgeblich den von Gates in einem Veenichtungskrieg angegriffenen Konkurrenten Firefox.

        Wobei ich Gates’ Geschäftsgebaren als nicht nur methodisch bösartig empfinde. Da könnte man noch sagen: So ist das System. Oder zumindest sah Gates das so, und bekam nicht Unrecht. Sondern vor allem auch im Endergebnis: Der von Microsoft lange Zeit durchgesetzte InternetExplorer war stets objektiv der schlechteste aller Browser. Wie microsoft:word stets das objektiv meßbar schlechteste aller Textverarbeitungsprogramme ist und war. Er nutzte nicht nur bösartig Marktmechanismen, um seine Produkte durchzusetzen. Sie sind auch noch …. ich.meine: aus bösartigem Willen schlecht.

        Aber die Frage ist ja nicht nur, wie einer zu Reichtum kommt, sondern auch, wozu er den hat und was er daraus macht. Gates hat in seinem zweiten Leben viele Milliarden unbestreitbar wohltätig und gut versenkt in Wohltätigkeit und Charity. So richtig zu schätzen lernen wir das erst jetzt in der Corona-Weltkrise: Gates hatte ein Faible (meines Erachtens auch eine gewisse Besessenheit) für das Impfstofthema, und derzeit sieht es so aus, daß er der Welt etliche Wochen, wenn nicht Monate eines Lockdowns mit allen menschlichen wie wirtschaftlichen Folgen ersparen können wird.

        Die europäische Kultur blieb dann doch verhaftet: Um Kultur und Soziales kümmern sich nicht Glückseligkeit erstrebende, auf ein himmliches Welfare-Konto einzahlende Privatmenschen, sondern zuerst die Obrigkeit. Was bedeutet: Dafür knöpfen sie von allen, auch von den Reichen, Steuern ab.

        Wer hierzulande reich ist, der hat seine staatliche Absolution. Er hat seine Steuern bezahlt (oder auch nicht; die zu erheben oder einzufordern aber wäre immer noch Sache des Staates; wenn der das nicht macht oder einfordert, ist das immer noch nicht „Schuld“ des Reichen): Er hat seinen Obulus bezahlt. Was er dann damit macht, ob er es verprasst oder Wohltätigkeit, soziale, kulturelle oder wissenschaftliche Charity betreibt, bleibt gewissermaßen sein Hobby und ihm überlassen.

        In den USA ist die Kultur da vollkommen anders. Der Staat läßt die Reichen weitgehend in Ruhe. Im Gegenzug aber erwartet die Gesellschaft von den Reichen, daß sie von ihrem Reichtum was und wie auch immer abgeben an das Gemeinwohl.

  9. Zitat:
    Michael Blume
    15.08.2020, 14:38 Uhr
    Nun, @h.wied – auf diesem Blog & Podcast geht es ja nicht um Theologie,
    sondern um Religionswissenschaft
    = = =
    Warum – Herr Blume – thematisieren Sie dann dieses Bild, wenn es doch Ihrer
    Meinung nach nicht um Theologie geht?
    Offensichtlich geht es hier mehr um eine philosophische Betrachtung, ähnlich
    wie bei Kollege Schleim vor längerer Zeit mit seinem Bild von
    “Jesus Im Garten Gethsemane“.
    Es ist ja auch nicht verwunderlich, denn die Theologie wurde inzwischen
    von der Philosophie vereinnahmt und fällt somit auch unter
    Religionswissenschaft.
    Ein Unbedarfter würde in dem Bild einen kleinen Jungen sehen, der
    um Hilfe für seine Familie bittet.
    Wenn man dem dann sagt, dass es ein Jude ist, wird er die Nase rümpfen
    und angewidert weiter gehen.
    M. E. wird mit diesem Bericht der Judenhass nur noch gefördert und
    wie mein früherer Lehrer “Nölke“ (dem ich zu Dank verpflichtet bin)
    einmal sagte:
    Die Geschichte ist dazu da, dass man nichts aus ihr lernt.
    Leider vermisse ich am Ende Ihres Artikels die Bibel als authentische
    Quellenangabe.
    Vermutlich zu theologisch?
    Das zitierte Bild beschreibt folgende Begebenheit, Luk. 2, Vers 47:
    Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand
    und seine Antworten.
    In Vers 49 sagt er dann zu seiner Mutter: . . . Wisst ihr nicht, dass ich sein muss
    in dem, was meines Vaters (Schöpfer) ist?
    Viele Jahre später sagt ER dann zu einem Außenstehenden– Mt. 12, Vers 50:
    Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder
    und Schwester und Mutter.

    Eine weltweite, philosophische Einstellung, verdeutlicht durch ein Gleichnis von
    Jesus über sich selbst – Luk 19, 12 u. 14:
    12) . . . Ein Fürst zog in ein fernes Land (Himmelfahrt Jesu), um ein Königreich zu
    erlangen und dann zurückzukommen (Wiederkunft Jesu).
    14) Seine Bürger aber waren ihm feind (Jude) . . .und ließen sagen:
    Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche.
    > Auch eine persönliche Angelegenheit.
    Die logische Folge:
    Eine aktuelle Suche nach einen demokratisch gewählten Weltherrscher,
    (maskierten Diktator), vordergründig Wohltäter der Menschheit.
    Wen wundert das schon?
    Anmerkung:
    Philosophie: Der Erschaffene philosophiert über seinen Schöpfer.
    Theologie: Des Schöpfers Gedanken über Seine Geschöpfe.
    M. f. G.

    • Nun, @W. Bülten – Sie haben das mythologische (!) Problem ja selbst identifiziert, Zitat:

      Ein Unbedarfter würde in dem Bild einen kleinen Jungen sehen, der
      um Hilfe für seine Familie bittet.
      Wenn man dem dann sagt, dass es ein Jude ist, wird er die Nase rümpfen
      und angewidert weiter gehen.

      So verallgemeinert würde ich das nicht sehen, aber zustimmen, dass antisemitische Mythen leider noch weit verbreitet sind. Darüber und dagegen kläre ich auf, auch für Angehörige verschiedener Religionen und Weltanschauungen.

      • @ Michael Blume
        16.08.2020, 17:49 Uhr

        Habe nun eine Weile rumgebrütet: Religionswissenschaft und Theologie, Theologie wiederum und Philosophie, wie unterscheidet sich das jetzt genau – Eigentlich sollten Sie das kurz erklären können ☺

  10. Und ein Servicepost 😉

    Nicht zufällig heißt einer der weltweit größten Digitalkonzerne heute – „Alphabet Inc.“.

    Für die Nicht-Nerds, die sich jetzt denken Hmmmmm! Apple kenne ich, Microsoft, Google auch, Amazon und Facebook, aber Alphabet Inc.?

    Alphabet Inc. ist der ausgegründete Mutterkonzern von Google.

    Womit sie in der Tat ihr Geschäfts- und Stiftungsmodell markieren: Digitales Wissen der Allgemeinheit, und damit kostenlos zur Verfügung stellen. Deshalb auch so wunderbare Produkte wie Google Books (die man sich teilweise allerdings beziehen muß aus den Internet Archives, weil sie der wissensfeindlichen deutschen Politik entzogen sind).

    • Alubehüteter nicht ohne Grund hat Google sein Motto “Don’t be evil” aufgegeben.
      Alphabet Inc. macht keine Milliardengewinne mit “wunderbaren” Produkten.

      Es geht da vor allem um knallharte Geschäftsinteressen.
      Darum kennt man Google und Alphabet Inc. auch im Zusammenhang mit Steuerflucht, Unterstützung von Klimaleugnern, Missbrauch ihrer Monolposition, Datenschutzverletzungen gerade auch im Zusammenhang mit Diktaturen uvm.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Kritik_an_der_Google_LLC

      • Tatsächlich habe ich mich auch ein wenig gewundert, @Alubehüteter – über die scharfe Verdammung von Microsoft einerseits, die Feier von Google bzw. Alphabet Inc. andererseits… Ich erlebe beider Bilanzen als… gemischt… 🤷‍♂️🤔🌎

        • Es sind halt alles große Konzerne von daher gibt es sicher Gutes was diese tun .. allerdings vor allem für die Anteilseigner.
          Das sollte man nicht vergessen, auch wenn man Dinge, die einem Gefallen, ja durchaus nutzen kann – aber Geschenke sind das in der Regel nicht.

          Was Gates jetzt macht gefällt mir auch besser, als die Markteroberung “damals”. Allerdings ist er auch erst das, was er heute ist, geworden, weil er damals den Markt nahezu rücksichtslos erobert hatte.

        • Was Google angeht, sehe ich sie sehr ambivalent. Einerseits sind sie die Superoberdatenschnüffler. Andererseits geben sie das allermeiste auch open-source-frei. Jeder hat also theoretisch die Möglichkeit, Goggle-Tools auch ohne Google-Schnüffelei zu nutzen. Rußland rollt flächendeckend ein solch Google-befreites Android aus.

          Wenn das natürlich jeder machen würde, gäbe es Google nicht mehr. Umsonst ist deren Software in der Regel nicht, sondern nur kostenlos. Wir bezahlen mit unseren Daten.

          Aber daß sie wiederum Firefox maßgeblich finanzieren, das nötigt mir wiederum Respekt ein. Sie bauen in ihren Chromium ja jetzt einen Add-on-Blocker-Blocker ein, und das bedeutet, in alle Derivate. Ich mag das Internet nicht ohne Add-on-Blocker. Zu schrill, zu ablenkend. Natürlich, sie können mir den Luxus nur gönnen, weil die meisten gar nichts davon wissen.

          So, Herr Blume, jetzt interessiert mich aber, wo Sie bei Microsoft etwas Gemischtes abgewinnen können, also auch etwas Positives 😉

          • Die wichtigsten / meisten Google Tools kann niemand frei benutzen selbst wenn er die Sourcen hätte.
            Diese Tools benötigen in der Regel riesige Serveranlagen, ergo das ist völlig aussichtslos ohne viel Geld.
            Darum kann Google die Sourcen auch frei herausgeben, es entsteht keine Gefahr für den Konzern dadurch.

          • Wollte noch anmerken: Google hat Wikipedia groß gemacht. Weil sie freies Wissen und open source fördern. Als ich vor 15 Jahren ins Internet kam, war Wikipedia für mich die komische Seite, die Google immer empfiehlt, und die aber kein Mensch braucht. Bis ich mir die dann genauer angesehen habe. Ich kann deswegen Google nicht durchgehend so schlecht finden, wie ich es bei Microsoft tue.

  11. Der Hass auf Judas war so gross, dass heute noch jemand als Judas beschimpft wird, wenn jemand aus der Sicht des Beschimpfenden etwas verwerfliches macht. Aber wieviele haben in der Corona-Krise jemand schon verpetzt nur weil er keine Maske getragen hat oder weil der Abstand nicht eingehalten worden ist. Am Ende liegt es am Rechtssystem, dass solche Petzen nicht schlimmere Folgen haben. Denn es steht ja keine Todesstrafe auf fehlendes Masken tragen oder fehlendes Abstandhalten. Jedenfalls wenn Leute Angst haben, petzen sie. Und Judas musste damals mehr Angst gehabt haben, als wir unter Corona Angst haben dürften. Wer denkt er würde unter Angst gleich handeln wie unter Normalbedingungen, der überschätzt sich gewaltig.

    • Judas hat doch nur getan, was Gott wollte.
      Jesus wurde doch als Mensch auf die Erde geschickt, um zu sterben, den Tod zu besiegen etc. Jesus selber wusste doch sogar von diesem Plan, wenigstens erzählt die Bibel das so.

      Die Figur des Judas erscheint höchst ambivalent, wenn man den Kreuzestod Jesu als notwendige Erlösungstat Gottes für die Menschen versteht, wie es der christliche Glaube tut. In dieser Perspektive wird aus Judas’ schändlichem Verrat eine Mittäter- oder Helferschaft an der Erfüllung des Planes Gottes.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_Iskariot

      Leider wurde die Judasfigur schon sehr früh für den Antijudaismus instrumentalisiert.

      Ebenfalls früh begann die antijudaistische Stilisierung des Judas als Prototyp des Judentums: Mit Bezug auf die Tat des Judas verfasste Johannes Chrysostomos (~345) Regeln für den Umgang mit Juden, die im Mittelalter dann wörtlich in Gesetzesform gegossen wurden.

      Als Hintergrund für diese Entwicklung nimmt man heute an, dass sich die Alte Kirche nach 70 vom Judentum abgesetzt habe und die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder nach außen abzusichern suchte. Im christlichen Kult, wie der Eucharistie, bezog man sich daher auf die negativ interpretierte Tat des Juden Judas, um ähnlich wie das Judentum im „Ketzersegen“ des Achtzehngebets (Amidah) die eindeutige Zuordnung der Glaubensbrüder und -schwestern zu fordern.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Judas_Iskariot

      • Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird.

        Mt 26,24

    • @ M. Engel
      17.08.2020, 17:09 Uhr

      Der Hass auf Judas war so gross, dass heute noch jemand als Judas beschimpft wird, wenn jemand aus der Sicht des Beschimpfenden etwas verwerfliches macht. Aber wieviele haben in der Corona-Krise jemand schon verpetzt nur weil er keine Maske getragen hat.

      Nun gilt zwar

      Der größte Lump im ganzen Land,
      das ist und bleibt der Denunziant.

      Wir haben aber auch gelernt, Whistleblower wie Deep Throat in der Watergate-Affäre oder in unseren Tagen Edward Snowden wertzuschätzen.

      Bei Ihrem Beispiel handelt es sich meines Erachtens um noch etwas ganz anderes. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln in diesen Tagen keine Maske trägt, der ist nach allem, was wir wissen, erheblich körperlich übergriffig; zumindest psychisch. Mitfahrende haben mitunter die pure Panik.

      Welche Angst soll Judas gehabt haben?

  12. „Doch obwohl der außerordentliche Maler gemeinsam mit anderen Künstlern Berlin in den kommenden Jahrzehnten zu einer Kulturhauptstadt erhob und auch freiwillig als Sanitäter im ersten Weltkrieg diente, diskriminierte ihn Wilhelm II. (1859 – 1941) bis zum Untergang des Kaiserreiches. Erst 1920 konnte Liebermann zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste werden.“

    Ich fürchte, hier muss man eine kleine Korrektur vornehmen. Liebermann wurde 1847 geboren. Der Erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918. Er wäre zu Beginn also bereits 67 Jahre alt gewesen. Laut seiner Vita diente er im Deutsch-Französischen Krieg 1870 als Sanitäter bei der Belagerung von Metz.

    Wie Du richtig schreibst übermalte Liebermann nach Protesten sein Bild. Bevor er 1920 zum Präsidenten der Berliner Akademie der Künste aufstieg machte er jedoch auch selbst anderen Künstlern das Leben schwer, indem er den aufkommenden Expressionismus bekämpfte. Offensichtlich sah er sich dabei als Bewahrer des Deutschen Impressionismus, der die Kunst seiner Zeit dominierte. Nichtsdestotrotz veränderte sich die Kulturpolitik nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Nach dem Beginn der Gleichschaltung im Sinne der nationalsozialistischen „Deutschen Kunst“, wurden alle Formen von zeitgenössischer „moderner Kunst“ als entartet angesehen. Darunter fielen auch viele Werke von Juden, wie die von Max Liebermann, die nicht mit der nationalsozialistischen Gesinnung vereinbar waren. Dabei scheute die antisemitische Polemik auch nicht davor zurück einen „Jüdischen Bolschewismus“ zu propagieren, der die Begriffe Jude und Bolschewik gleichzusetzen versuchte, um eine pauschale Identitätsgemeinschaft von Juden mit Kommunisten zu implizieren. Dass reiche Juden, wie der Industriellensohn Max Liebermann, mit Kommunisten eher nichts am Hut hatten, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Trotzdem: „Der Verdacht, dass der Bolschewismus jüdischen Ursprungs sei, wurde in ganz Westeuropa und in den Vereinigten Staaten nach dem Ersten Weltkrieg zu einem „Gemeinplatz der konservativen Kultur“ und zu einem festen Topos liberaler und nationalistischer Eliten. Antikommunistische und traditionelle antislawische Ressentiments vermischten sich so mit überkommenen antisemitischen Vorurteilen: „Immer wieder wurde den Juden ein Strick daraus gedreht, dass sie angeblich zu den Wortführern des sozialen und politischen Radikalismus gehörten und in ihrer nationalen Loyalität schwankten.““

    Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCdischer_Bolschewismus

    Wahr hingegen ist, dass zahlreiche Immigranten, die vor Hitler in die USA flüchteten, als entschiedene Antifaschisten der politischen Linken nahestanden. Als sich nach dem zweiten Weltkrieg die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion verschlechterten setzte auch ein Wechsel des Feindbildes ein, weg von Nationalsozialisten oder Faschisten und hin zu den Kommunisten. Sogar Roosevelts New Deal wurde im Wahlkampf zu den Kongresswahlen 1946 von den Republikanern in die Nähe des Kommunismus gerückt. Die Demokratische Partei verlor daraufhin die Wahlen und die Republikaner erlangten die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses. Die Linken wurden nun in der amerikanischen Gesellschaft als Bedrohung wahrgenommen, aber nicht nur sie, während der McCarthy-Ära wurden auch viele Staatsbedienstete, Wissenschaftler und Kunstschaffende, wie Charlie Chaplin, Opfer einer beispiellosen Hexenjagd. Ab 1954 begann McCarthys Macht zu bröckeln, als er begann hochrangige Mitglieder der amerikanischen Armee vorzuladen, um sie kommunistischer Sympathien zu bezichtigen. „Über 20 Millionen Amerikaner wurden im Frühjahr 1954 vor dem Fernseher Zeugen, wie sich US-Senator Joseph McCarthy bei den so genannten Armee-Anhörungen der Regierung durch offenbare Verleumdungen und rüpelhaftes Benehmen entlarvte. Die drei Monate lang dauernden Anhörungen endeten mit einer moralischen und politischen Niederlage von McCarthy, der mit seinem Senatsausschuss zur Untersuchung von angeblicher kommunistischer Subversion in Amerika, unzählige Menschen ohne Beweise beschuldigte und beruflich ruinierte. Sein Vorgehen setzte eine bis heute in der amerikanischen Gesellschaft nachwirkende Verfolgungswelle in Gang, die antikommunistische, nationalistische und antisemitische Vorurteile mobilisierte.“

    Näheres dazu hier: https://www.deutschlandfunk.de/geschichte-aktuell-das-ende-der-hexenjagd.724.de.html?dram:article_id=97809

  13. @Blume
    Was ich faszinierend finde ist, das theologische Mythen aus dem Talmud, der Bibel und dem Koran wiederum mit Mythen belegt/konterkariert werden. Das ist nicht nur paradox,sondern auch real Verschwörung. Wer soll da noch mitkommen?

    • @Mussi

      Nun, jede lebendige Mythologie wird ständig neu gedeutet, erweitert, begrenzt usw. Dies gilt nicht nur für religiöse, sondern auch für weltanschauliche, staatliche und politische Mythologien (z.B. Humanismus, Bundesrepublik Deutschland, FDP). Blumenberg nennt dies “Arbeit am Mythos” – er endet nur dort, wo der Mythos völlig in Vergessenheit gerät. Und da ist nichts relativ – Mythologien können sich erkenntnistheoretisch weiterentwickeln, oder zu dualistischen Verschwörungsmythen verfallen.

      Im nächsten Blogpost stelle ich dazu eine Rede ein, ggf. findet Sie ja Ihr Interesse:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/antisemitismus-semitismus-der-kampf-der-mythologien/

  14. Alubehüteter,
    Das Judasproblem lösen die Evangelischen indem sie dem Menschen die Kompetenz absprechen darüber entscheiden zu können, ob ein Mensch gerechtfertigt ist oder nicht. Das kann nur Gott.

    Und so sollten wir es auch mit dem Denunzianten und dem Whistleblower halten. Wenn ein Mensch aus gutem Gewissen einen anderen verrät (benennt) um eines höhern Gutes willen, dann ist er wahrscheinlich auf der richtigen Seite.
    Wenn er es aber aus eigensüchtigen Motiven tut, dann ist das falsch.

    • Aber wie Gott, stellvertreten durch seinen Sohn, über Judas urteilt, hat dieser sehr deutlich und unmißverständlich kundgetan, siehe oben.

      • Das Video https://youtu.be/VtaK2V7Qglk erinnert mich an das ursprüngliche Bild von Max Liebermann. Das Lied erzählt die Geschichte von Rabbiner Epstein ( https://en.m.wikipedia.org/wiki/Klonimus_Kalman_Epstein ) der der Sohn eines Bäckers war und für seinen Vater Brot verkauft hat. Weil er in der Synagoge die Leute mit seinem Wissen und Verstand so beeindruckt hat, hat jemand seine Ausbildung übernommen und er wurde ein berühmter chassidischer Rabbiner.

        ( bin ich ein großer Fan des Sängers Michoel Schnitzler 🙂 )

  15. Lieber Michael:
    Gratuliere zu diesem sehr informativen und überzeugenden Beitrag. Vieles davon ist mir neu. Aber ich lerne auch mit 80 gerne noch Neues.
    Beste Grüße
    Jürgen vom Scheidt (ex-SciLogs -Autor “Labyrinth-Blog”)

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