Verschwörungsfragen Folge 3 – Die Macht der Sprache und Verschwörungsmythen vs. Verschwörungstheorien

In dieser Folge des neuen Podcasts “Verschwörungsfragen” geht es darum, warum Antisemiten und Rassistinnen ihren Griff nach der Macht immer – ausnahmslos immer – mit einer Vergiftung von Sprache(n) eröffnen. Beispiele dafür sind die Begriffe “Volksgemeinschaft”, “Semiten” als vermeintliche “Rasse” (vgl. Folge 2) und auch der Anspruch “Verschwörungstheorien” zu vertreten. Zudem werden Igor Levit, Leonard Cohen, Emil Gumbel und die biblische Esther gewürdigt.

Und erfreulich: Alle Verschwörungsfragen-Folgen werden nun auch über podigee gehostet, sind auf immer mehr Portalen wie #Spotify abrufbar und können auch über YouTube abgerufen werden.

Der Podcast “Verschwörungsfragen” hier als mp3 auf Podigee.

Wer lieber oder auch lesen mag, hier der Text von Folge 3 als pdf-Dokument.

Und hier als Blog-Fließtext:

Herzlich willkommen zur dritten Folge des Podcasts „Verschwörungsfragen“. Vor zwei Wochen, am 15. März 2020 sandte der AfD-Funktionär und einstige Bundestags-kandidat Jürgen Sprick per Twitter eine öffentliche Botschaft an den deutsch-jüdischen Pianisten Igor Levit und an mich. Gerade war die berüchtigte „Ausschwitzen“-Aussage des AfD-Anführers Björn Höcke bekannt geworden. Ich hatte das angeprangert, aber auch dafür geworben, nicht nur dem Hass nachzugehen, sondern auch das Gute in unserem Land zu sehen: Angesichts der Absage von Konzerten wegen Covid19 bot Igor Levit kostenfrei beeindruckende Hauskonzerte mit bald Hunderttausenden Abrufen.

Aber der gelernte Elektrotechniker Sprick empörte sich nicht etwa über Björn Höcke und er erfreute sich auch nicht an der kostenfrei dargebotenen Musik des Pianisten. Nein, er erregte sich darüber, dass ich wegen des Coronavirus meine Twitterpause unterbrochen hatte. Und er schrieb, Zitat: „Wer einseitigen Hetzern wie Igorpianist das Wort redet, sollte besser schweigen!“ – Zitat Ende –

Öffentlicher Tweet eines AfD-Funktionärs an mich und den Pianisten Igor Levit. Screenshot: Michael Blume

Nun, so manche Rückmeldung empfinde ich als Auszeichnung. Wenn ich leider auch schon am Spielen der Triangel gescheitert bin, so verbindet mich mit Igor Levit doch nicht nur die Liebe zur Musik, sondern auch der Umstand, dass wir beide für unsere Äußerungen auch Todesdrohungen erhalten haben. Wer sich heute gegen Antisemitismus und Rassismus engagiert, muss leider damit rechnen, vor allem über das Internet Beschimpfungen und auch Drohungen zu erfahren.

Und so bekomme ich gerade heute während der Aufnahme die Information herein, dass die kommunalen Spitzenverbände mit dem Nationalen Zentrum für Kriminalprävention eine Broschüre herausgebracht haben. Diese soll Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker beim – Zitat – „Umgang mit Bedrohungen und Hass“ helfen.

Burkhard Jung, Präsident des deutschen Städtetages und Oberbürgermeister von Leipzig erklärte dazu, Zitat: „Immer mehr Menschen, die sich kommunalpolitisch engagieren oder in den Stadtverwaltungen arbeiten, werden bedroht, mit Hass überzogen oder sogar tätlich angegriffen.“ – Zitat Ende –

Das also ist unsere Realität in Deutschland 2020. Und neu ist daran gar nichts – auch schon vor 100 Jahren, in der Weimarer Republik, wurden Demokratinnen und Demokraten angegriffen. Der badische Lernort Zivilcourage & Widerstand hat unter dem Titel „Eine Kohlrübe als Kriegsdenkmal“ auf YouTube ein sehenswertes Motioncomic zu dem Heidelberger Mathematiker Emil Gumbel eingestellt. Dieser war bereits 1919 von Rechtsextremisten massiv bedroht worden, weil er mit den Mitteln der Statistik auf die Kriegs- und Hungertoten des ersten Weltkrieges und auf die von der Justiz oft heruntergespielte, rechtsextreme Terrorgewalt verwies. Nach massiven Kampagnen vor allem der Nationalsozialisten entzog ihm die Universität schließlich 1932 – also noch vor der NS-Machtergreifung – die Lehrerlaubnis.

Nein, Geschichte wiederholt sich nicht; doch oft reimt sie sich.

Denn damals wie heute wussten Populisten, Rassisten und Antisemitinnen – der Griff nach der Macht beginnt mit der Sprache. Es galt und gilt, für sich selber maximale Meinungsfreiheit einzufordern – und gleichzeitig jeden Widerspruch zu diffamieren und zum Schweigen zu bringen.

Ich wiederhole das gerne noch einmal: Wenn immer Populisten, Rassistinnen, Antisemiten nach der Macht greifen, dann versuchen sie dies immer, ausnahmslos immer durch die Beherrschung der Sprache.

Denn die „bösartigen Eliten“, den „Rassenkrieg“, die „jüdische Weltverschwörung“ gibt es in der Realität ja gar nicht. Also müssen sie sprachlich geschaffen und durchgesetzt werden.

Vor recht genau einhundert Jahren, am 13. Februar 1920 hielt Adolf Hitler im Münchner Hofbräuhaus seine Rede „Warum wir Antisemiten sind“. Darin zitierte er nur ein einziges Buch, die Bibel – und diese bezeichnete er als Fälschung.

Stattdessen präsentierte Hitler einen auch schon damals völlig unwissenschaftlichen Geschichtsmythos, nach dem „die Arier“ als Erfinder des Feuers und aller Kultur vom eisigen Norden gekommen seien, um die „faulen“ und dunklen „Südrassen“ zu unterwerfen. Doch ihnen hätten sich die verschwörerischen „Semiten“ entgegengestellt. Seitdem tobe ein unerbittlicher Kampf zwischen den „Rassen“, in dem es keinen Dialog und keinen Frieden geben könne.

Der selbst gescheiterte Künstler Hitler warf Jüdinnen und Juden in dieser Rede unter anderem vor, nie »eine eigene Kunst besessen« und »keinerlei Kunst als Kulturen hinterlassen« zu lassen. Auch seien sie nur befähigt »Musik anderer gut zu kopieren« und die vielen berühmten »Kapellmeister aus ihren Reihen« seien nur der »bis auf den Pfiff organisierten jüdischen Presse« zu verdanken. Auch der antisemitische Hass auf Musiker ist also keinesfalls neu.

28 Jahre „vor“ der Staatsgründung Israels verknüpfte auch Hitler bereits Antisemitismus und Antizionismus. Der »Zionistenstaat« solle, so tobte er, doch nichts anderes werden, als »die letzte vollendete Hochschule ihrer internationalen Lumpereien«. Und so schloss Hitler die hasserfüllte Rede mit einem Ausruf: »Unsere Sorge muss es sein, das Instinktmäßige gegen das Judentum in unserem Volk zu wecken und aufzupeitschen und aufzuwiegeln. […] Wir wollen auf den Biertisch steigen und die Massen mit uns reißen«, bis »diese Wahrheit siegt, dass endlich der Tag kommt, an dem unsere Worte schweigen und die Tat beginnt.«

Das Protokoll der Rede, das vom Münchner Institut für Zeitgeschichte 1968 veröffentlicht wurde und inzwischen auch im Netz zu finden ist, vermerkt dazu: „Stürmisches Bravo und lange anhaltendes Händeklatschen“

Wort, dann Tat. In „Die Sprachreiniger“ beschreibt Karl-Heinz Göttert, wie die Nationalsozialisten von Anfang an und mit ganzen Verbänden die deutsche Sprache umformten, mit Hass erfüllten und etwa von französischen, jüdischen und liberalen Begriffen zu „reinigen“ versuchten.

Nur zwei Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes und des Holocaust schrieb der überlebende Victor Klemperer das Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“ über die planmäßige und im Ergebnis mörderische Sprachmacht der Nationalsozialisten. Das Kürzel “LTI” stand dabei für “Lingua Tertii Imperii”, also: “Sprache des Dritten Reiches”.

Darin beobachtete Klemperer, dass zum Beispiel der Begriff „Volksgemeinschaft“ gezielt mit der Bedeutung von „Gefolgschaft“ verknüpft worden war: Wer nicht „dem Führer“ folgte, schloss sich selbst aus der vermeintlichen Gemeinschaft aus. Als „Heldentat“ galt nun das Töten vieler Menschen, aber nicht zum Beispiel die Tapferkeit von Klemperers evangelischer Ehefrau Eva, einer Pianistin, die trotz aller Verfolgungen zu ihm gehalten hatte.

Ebenso beschrieb Viktor, wie angesichts zunehmender Niederlagen der vom Deutschen Reich begonnene Angriffs- und Eroberungskrieg ab 1943 zunehmend als „Krieg der Juden“ wiederum der vermeintlichen Weltverschwörung angedichtet wurde; wie es dann auch Hitler in seinem „Testament“ kurz vor dem Suizid tat. Aus heutiger Sicht leider zu Recht warnte Klemperer: “Die Sprache des Dritten Reiches scheint in manchen charakteristischen Ausdrücken überleben zu sollen; sie [Begriffe, Anm. Blume] haben sich so tief eingefressen, dass sie ein dauernder Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen.”  

Mit einem ganz konkreten Beispiel habe ich heute noch zu kämpfen: Bereits 1934 griffen die Nazis brutal und ohne jede öffentliche Diskussion in die deutsche Buchstabiertafel ein und entfernten alle deutsch-hebräischen Namen. Bis heute buchstabieren wir zum Beispiel D wie Dora – dabei war es ursprünglich D wie David. Aus S wie Samuel wurde S wie Siegfried und aus N wie Nathan wurde N wie Nordpol.

Nathan – der Prophet, der dem König die Stirn bot und der Name der Hauptfigur in Lessings berühmtesten Werk „Nathan der Weise“! Und stattdessen also „Nordpol“, das ja nicht einmal ein Name ist – aber nach Hitler eben der Ursprung der angeblichen, weißen Ur-Rasse der „Arier“. Und so steht es bis heute und wird Kindern gelehrt.

Auf meinen Vorschlag hin hat das Deutsche Institut für Normung (DIN) für 2020 eine Reformkommission einberufen; wir sollen eine Neufassung der Buchstabiertafel beraten. Und noch bevor wir die Arbeit aufgenommen haben, gibt es dazu wütenden Widerstand, den Sie auch auf meinem Blog nachlesen können. Denn sehr viele Menschen haben überhaupt kein Problem damit, dass die Nazis die deutsche Buchstabiertafel ohne Diskussion verändert haben. Aber dass wiederum Demokratinnen und Demokraten offen und transparent die NS-Maßnahmen widerrufen könnten, bringt sie schon jetzt um den Schlaf – oder versetzt sie gar in Wut.

Antisemitinnen und Rassisten wussten damals, was sie tun – und sie wissen es auch heute ganz genau. Auf das Wort folgt die Tat, auf die Sprache des Hasses folgt die Gewalt. Die Amadeu Antonio Stiftung zählte alleine in Deutschland seit der Wiedervereinigung um 1990 bereits über 200 Opfer rechtsextremer Morde. Die streitbare Stiftungs-Vorsitzende Anetta Kahane widersetzt sich – wie damals Gumbel – Beschwichtigungsversuchen aus Justiz und Behörden. Denn sicher ist: Umso mehr Raum Zivilgesellschaft und Staat dem antisemitischen und rassistischen Hass geben, umso mehr Menschen werden auch in Zukunft durch Terror sterben.

Viel schlimmer als der Umstand, dass Björn Höcke in Sachsen-Anhalt fast auf den Tag einhundert Jahre nach Hitlers Antisemitismus-Rede feixend vom „Ausschwitzen“ sprach, finde ich persönlich, dass er dafür von seinen Anhängern mit „Höcke – Höcke“-Rufen gefeiert wurde. Nicht nur der Geschichtslehrer aus Hessen, sondern auch ein großer Teil seiner inzwischen vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppierung berauscht sich längst im Bereich der sprachlichen Radikalisierung.

Interessanterweise finden wir die gleiche Fixierung auf die Feindesrede vor dem Mordanschlag auch bereits in den ältesten Texten zum antijüdischen Vernichtungshass, in der auch von Hitler geschmähten Bibel. So wird der ägyptische Pharao im 2. Buch Mose, der den Massenmord an den Hebräern befiehlt, in Vers 1, 8 bis 10 wie folgt eingeführt: „In Ägypten kam ein neuer König an die Macht, der Josef nicht gekannt hatte. Er sagte zu seinem Volk: „Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen sie tun können, damit sie sich nicht weiter vermehren. Wenn ein Krieg ausbricht, können sie sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und sich des Landes bemächtigen.“

Eine Feindesrede, ein Verschwörungsvorwurf, dann die Morde. Das Gleiche auch noch einmal im Buch Ester, das nicht nur eines der interessantesten Bücher der Heiligen Schrift und Grundlage des beliebten Purim-Festes ist, sondern sich auch auf die Autorenschaft einer Frau beruft. Auch schon nach diesem Bericht flüstert der „Feind der Juden“ Haman dem persischen König ein (Est 3, 8 – 9): „Es gibt ein Volk, das über alle Provinzen deines Reiches verstreut lebt, aber sich von den anderen Völkern absondert. Seine Gesetze sind von denen aller anderen Völker verschieden; auch die Gesetze des Königs befolgen sie nicht. Es ist nicht richtig, dass der König ihnen das durchgehen lässt. Wenn der König einverstanden ist, dann soll ein schriftlicher Erlass herausgegeben werden, sie auszurotten. Dann kann ich den Schatzmeistern zehntausend Talente Silber übergeben und in die königlichen Schatzkammern bringen lassen.“

Auch der christliche Antisemitismus funktionierte von Anfang an über sprachliche Konstruktionen wie dem absurden Vorwurf des „Gottesmordes“ nicht etwa gegenüber Rom, sondern gegenüber Jüdinnen und Juden. Dem islamischen Propheten Muhammad wurden nach seinem Tod reihenweise buchstäblich mörderische, antijüdische Aussagen – Hadithe – in den Mund gelegt. Auf diese sowie auf einige späte Koranverse berufen sich sunnitische und schiitische Antisemiten etwa der Hamas und der Hisbollah bis heute.

Auch bei religionskritischen Philosophen wie Voltaire und Schopenhauer finden wir dann die polemische Gegenüberstellung der indisch-hochkastigen Arier einerseits mit den vermeintlich betrügerischen Semiten andererseits. Rassistische und esoterische Antisemiten wie Adolf Hitler konnten all diese Sprachbilder und Verschwörungsmythen dann aufgreifen und zu einem mörderischen Verschwörungsglauben zusammenbinden. Dieser funktionierte nie durch überprüfbare Logik, sondern immer nur durch das laute, brüllende Beschwören des absolut gesetzten Feindbildes.

Und der Hass der Antisemiten lebt noch immer in unserer Sprache weiter. Auch heute noch denken sich die wenigsten Deutschen etwas dabei, wenn sie „N wie Nordpol“ buchstabieren – wir haben es ja so gelernt. Können wir es überhaupt schaffen, den Nathan wieder zu bekommen? Oder wird es den Rassistinnen und Antisemiten gerade auch über das Internet gelingen, einerseits so zu tun, als sei Sprache doch harmlos und nicht der Beachtung und Reform wert; und sie andererseits weiter zu besetzen und zu vergiften?

In der letzten Podcast-Folge ging es um den zentralen Begriff des „Semitismus“, der in jeder Erwähnung vom Antisemitismus mitschwingt. Wer immer noch glaubt, bei Semiten handele es sich um eine „Rasse“ aus Juden und Arabern, wird bereits mitten in den Sumpf von Rassismus und Antisemitismus geführt. Erst wer verstanden hat, dass der Semitismus eine Mythentradition auf Basis der Alphabetschrift bildet, kann den Kultur- und Bildungserfolg von Jüdinnen und Juden auch wissenschaftlich verstehen – und ohne Angst daran wachsen.

Eine zweite, noch immer alltägliche Sprachverwirrung besteht um Verschwörungsvorwürfe.

Antisemiten und Rassistinnen lieben den Begriff „Verschwörungstheorie“, weil er ihren Verschwörungsvorwürfen eine höhere Würde verleiht und gleichzeitig Widersprechende in die Falle verstrickt, sie würden wohl die Existenz aller Verschwörungen bestreiten.

Theorie, das klingt nach einer wissenschaftlichen Vermutung oder doch zumindest nach einem interessanten Gedankenexperiment und bewegt sich sprachlich im gleichen Rahmen wie Darwins Evolutionstheorie oder Einsteins Relativitätstheorien.

Zudem kursiert nicht nur in rechtsextremen Kreisen die Fiktion, der Begriff „Verschwörungstheorie“ sei von der CIA gezielt entwickelt worden, um Kritiker mundtot zu machen. Kurz: Wer von „antisemitischen und rassistischen Verschwörungstheorien“ spricht oder schreibt, ist den Verschwörungsgläubigen bereits auf den sprachlichen Leim gegangen.

So fragte auch ein Blog-Kommentator zu diesem Podcast: „Ich hätte da mal eine Verschwörungsfrage an den Experten. Wo sind denn nun eigentlich Saddams Massenvernichtungswaffen abgeblieben? Im Irak wurde sie nicht gefunden aber irgendwo müssen sie ja sein, denn der Kriegsgrund der “Koalition der Willigen” kann ja unmöglich eine Verschwörungstheorie gewesen sein.“

Die Antwort darauf ist: Doch, selbstverständlich konnte man theoretisch bezweifeln, dass es diese Massenvernichtungswaffen überhaupt gab. Genau deswegen gilt in freiheitlichen Demokratien die Gewaltenteilung: Die Exekutive (Regierung), die Legislative (das vom Volk gewählte Parlament), die Judikative (Justiz) und die Publikative (das Mediensystem) sollen einander hinterfragen und Falschdarstellungen aufdecken. Deswegen flog das Fehlen der irakischen Massenvernichtungswaffen auch auf; wogegen zum Beispiel in China eine öffentliche Erinnerung oder gar Diskussion zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht möglich ist.

Demokratien leugnen nicht, dass es zwischen Menschen auch Verschwörungen gibt. Sie bestehen jedoch darauf, dass Verschwörungsvorwürfe rechtsstaatlich und individuell überprüft werden können. Im Begriff „Verschwörungstheorien“ verschwindet dieser zentrale Unterschied.

Dass es Antisemiten und Rassisten gerade nicht um wissenschaftlich überprüfbare Theorien geht, erlebe ich bereits seit 2011 am eigenen Leib. Damals wurde ich auf die rechtsextreme Pranger- und Todesliste „Nürnberg 2.0“ aufgenommen, auf der auch der vor wenigen Monaten ermordete Kollege Walter Lübcke aus Hessen zu finden war. Als „Anklage“ für den angedrohten „Prozess“ gegen mich trugen die Extremisten die – Zitat – „Leugnung des Geburtendschihad“ ein.

Denn ich hatte in wissenschaftlichen Publikationen aufgezeigt, dass es keine islamische, jüdische, christliche oder hinduistische Demografie gab, sondern nur eine religiöse: Quer durch die Weltreligionen breiteten sich jene religiösen Traditionen erfolgreicher aus, die es schafften, ihre Anhängerinnen und Anhänger zu mehr Kindern zu motivieren.

Außerordentlich kinderreiche Religionsgemeinschaften wie die christlichen Hutterer, die Old Order Amish und die Mormonen sowie die jüdischen Haredim – oft „Ultraorthodoxe“ genannt – hatten sich in der islamischen Welt mangels Religionsfreiheit aber kaum bilden können.

Stattdessen sind auch in islamisch geprägten Staaten wie der Türkei, dem Iran oder den Vereinigten Arabischen Emiraten die Geburtenraten längst unter zwei Kinder pro Frau gefallen.

Erkenntnisoffene Menschen hätten sich nun also darüber freuen können, dass ihre Ängste vor einer vermeintlichen „Islamisierung“, „Umvolkung“ oder gar „Durchrassung“ Europas widerlegt worden sind. Aber den Machern von „Nürnberg 2.0“ ging und geht es gerade nicht um wissenschaftliche Theorien, sondern um den rassistischen Verschwörungsmythos vom „Geburtendschihad“, nach dem Muslime – und nur Muslime – die geplante Eroberung der Welt durch viele Babys betrieben.

Machen wir uns bewusst: Verschwörungsgläubige „wollen“ sich vor einer vermeintlichen Weltverschwörung fürchten. Erst die Erzählung von einem absoluten und bedrohlichen Feind gibt ihrer individuellen und gemeinschaftlichen Identität eine Struktur. Dass es gar keine „islamische“ oder „jüdische Demografie“, sondern nur eine komplexe, religiöse Demografie gibt, war für bereits Radikalisierte also keine Erleichterung, sondern eine Bedrohung ihres Feind- und Weltbildes.

Und genau in dieser Logik fühlte sich der Angreifer auf die Synagoge von Halle in Deutschland laut seinem eigenen Geständnis inspiriert vom Angreifer auf zwei Moscheen in Christchurch in Neuseeland.

Verschwörungsglauben, Antisemitismus und Rassismus basieren nicht auf haltbaren, wissenschaftlichen Theorien. Sie basieren auf einer anderen Kategorie von Erzählungen, die noch älter und auch für moderne Menschen unverzichtbar sind: Auf Mythen.


Mythen sind symbolisch verdichtete Erzählungen, mit denen wir Menschen uns die Welt deuten. Wenn wir zum Beispiel sagen: „Menschen haben Würde und Rechte.“, dann wissen wir selbstverständlich, dass wir das nicht im Labor nachweisen und auch zum Beispiel die Menschenrechte nicht wiegen oder zählen können. Stattdessen legen wir die im Zeitalter der Druckerpressen formulierte, symbolische Verdichtung der „Pressefreiheit“ heute auch zum Beispiel für Filme und das Internet aus. Wir arbeiten mit guten Mythen des Rechts.

Auch wenn wir sagen „Baden-Württemberg hat sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben.“ dann behaupten wir nicht, dass sich Berge, Wälder, Flüsse und alle Menschen und Tiere daran beteiligt hätten. Wir verstehen vielmehr, dass mit „Baden-Württemberg“ das gewählte Parlament gemeint ist. Dieses beschloss am 7. März 2018 tatsächlich mit den Stimmen aller Fraktionen außer einer einen Beschlussantrag gegen Antisemitismus. Und forderten die Regierung auf, das Amt zu schaffen, dessen Podcast Sie gerade hören.

Alle sogenannten juristischen Personen wie die Staaten Deutschland, Frankreich, Ungarn, China, aber auch Unternehmen wie Daimler, Apple und Siemens oder die Städte Stuttgart, Jerusalem und Mexiko sind solche mythologischen Verdichtungen, die daher ihre soziale Existenz mit Ritualen, Reden, Fahnen, Festen und hammerschlagenden Richterinnen immer wieder bekräftigen müssen. In Mythen fassen wir Prozesse und Sachverhalte zusammen, die unser Alltagsverständnis – unseren Mesokosmos – übersteigen.

Gute und leider auch schlechte Mythen bieten keine wissenschaftlichen Erklärungen, sondern sie bieten Spannung, Orientierung und Sinn. In ihrer bemerkenswerten „Reise durch ein paranoides Land“ fassen Christian Alt und Christian Schiffer den ungleichen Kampf zwischen Theorien und Verschwörungsmythen so zusammen, Zitat (S. 79): „Während in unserer Welt alles immer total dröge, lahmarschig und rational ist, gibt’s da noch eine andere Welt. Ein Wunderland, wo nicht der bekittelte Wissenschaftler mit der besten Theorie recht hat, sondern der mit der besten Geschichte. Ein Land der grenzenlosen Fantasie, in der Politiker Echsenmenschen sind, Kondensstreifen gefährliche Chemtrails und Merkel Hitlers Tochter.“ – Zitat Ende –

Ohne wissenschaftliche Theorien können moderne Gesellschaften nicht überleben; ohne gute Mythen aber auch nicht. Deswegen erkannte und forderte Leonard Cohen bereits 1956 als Titel seines ersten Gedichtbandes: „Let us compare Mythologies“ – Lasst uns Mythologien vergleichen.

Die meisten Zuhörerinnen und Zuhörer werden sicher Cohens großes Mythenlied „Hallelujah“ kennen; einige auch sein berührendes Abschiedslied „You want it darker“. Dieses kreist um den zentralsten Anspruch der semitischen Mythologie, die Übernahme von Verantwortung für sich selbst und für andere trotz aller Zweifel, verdichtet in der Aussage Abrahams und später Moses: „Hineni – Hier bin ich“.

Falls Sie noch tiefer – also etwa auf Nerd-Boss-Level – in die Mythenforschung einsteigen wollen, empfehle ich das Buch „Schwellenzeiten“ meines Kollegen David Atwood. Er definiert dort auf S. 26 ebenso sachrichtig wie schwer verständlich: „Unter einem Mythos werden diejenigen Erzählungen verstanden, die durch die Imagination einer paradigmatischen, d.h. bedeutsamen Geschichte, die Welt raum-zeitlich ordnen und damit Handlungsanweisungen für Individuen wie für Kollektive anbieten.“

Keine Sorge: Ich werde das nicht wiederholen. Gerade in der Wissenschaft gibt es viele Sätze, die man alleine durch Hören kaum verstehen kann. Es reicht erst einmal zu verstehen, dass es für das Leben gute und schlechte Theorien ebenso wie auch gute und schlechte Mythen gibt.

Verschwörungsmythen sind ausnehmend schlechte Mythen, die sich auch noch als wissenschaftliche Theorien ausgeben. Es sind Erzählungen, die alle positive Verantwortung leugnen und alle Übel der Welt einer anderen Menschengruppe aufladen. Ihre „Handlungsanweisungen“ laufen auf den Rückzug in die eigene, vermeintlich „erwachte“ Gruppe einerseits und Misstrauen und Gewalt andererseits hinaus.

Oft habe ich Verschwörungsgläubigen zum Beispiel zu erklären versucht, dass „die Illuminaten“ kein Teil der Weltverschwörung sein könnten, da dieser Geheimbund in Bayern verboten und aufgelöst wurde und es seit 1800 keinen einzigen wissenschaftlichen Beleg mehr für eine Zusammenkunft von Illuminaten gibt. Doch die Antwort darauf lautete stets: „Da sehen Sie mal, wie gut die sind!“

Verschwörungsmythen sind nicht mehr von außen überprüfbar; weder durch Justiz noch durch Medien, nicht durch parlamentarische Ausschüsse und auch nicht mehr durch Wissenschaft. Nach einer aktuellen Umfrage aus Budapest bejahen inzwischen 44 Prozent der Ungarinnen und Ungarn den antisemitischen Mythos „Die Juden wollen die Welt beherrschen.“ – nur noch 24 Prozent widersprechen dem.

Sogenannte „Relativitätskritiker“ halten auch über 100 Jahre nach ihrer spektakulären, wissenschaftlichen Bestätigung durch britische Forscher daran fest, die Relativitätstheorien des deutschen Juden Albert Einstein könnten nur das Ergebnis einer weltweiten Physiker-Verschwörung sein. Kein Zweifel: Ohne zugleich seriöse wie auch mutige Wissenschaftserklärer wie Harald Lesch wäre das deutsche Internet auch für die Physik ein sehr finsterer Ort.

Und weil ihnen der reale Donald Trump noch nicht radikal genug ist, steigern sich derzeit Abertausende Anhängerinnen und Anhänger des QAnon-Verschwörungsmythos um einen anonymen Twitterer in eine wahnhafte Verschwörungswelt hinein. Auch hierbei wird George Soros als Verschwörer diffamiert und mit ihm Demokratinnen und Demokraten wie Hillary Clinton, Barack Obama und Angela Merkel. Obwohl inzwischen zahlreiche Voraussagen von „Q“ fehlgeschlagen sind, folgen immer noch Zehntausende ergriffen der vermeintlichen Spur. Sie verkünden unter anderem, dass auch das Coronavirus Covid19 und das NATO-Manöver „Defender 2020“ auf die „baldige“ Verhaftung der europäischen Verschwörer durch siegreiche Trump-Kader hinausliefen. Wer sich für diese digital formierte Verschwörungssekte interessiert: Der Politikwissenschaftler Josef Holnburger veröffentlicht immer wieder Einblicke in diese längst auch deutschsprachige Verschwörungs- und Parallelwelt.

Und auch wenn der österreichische Identitäre Martin Sellner den QAnon-Schwindel ebenfalls als bedenkenswerte „Theorie“ anpreist: Es ist keine, sondern ein gefährlicher Verschwörungsmythos.

Entsprechend habe ich zum Beispiel im Antisemitismusbericht an den Landtag von Baden-Württemberg – Drucksache 16/6487 – auch die Politik darum gebeten, endlich den sachlich falschen und verwirrenden Begriff der „Verschwörungstheorie“ durch den besseren und präziseren Begriff des „Verschwörungsmythos“ zu ersetzen. Um das Gleiche bitte ich auch Sie.

Denn wenn wir die Antisemiten und Rassistinnen aufhalten wollen, dann dadurch, dass wir unsere Sprachen mehr und tiefer lieben, als sie es tun.

Wir besiegen den Hass nicht, indem wir von oben herab Sprache „reinigen“, sondern indem wir als freie Bürgerinnen und Bürger Worte und Sprachbilder immer wieder betrachten, prüfen, miteinander diskutieren und weiterentwickeln. Das ist oft schwer und mühsam, ja. Doch wir können dazu Bücher lesen, statt sie zu verbrennen. Wir können auf andere zugehen, statt sie zu bedrohen. Wir können uns über Kunst, Musik und Bildung freuen, statt einander zu beneiden. Wir können Demokratie und Wissenschaften feiern, ohne ihre Grenzen zu leugnen. Wir können all das, wenn wir erkennen: Falsche, irreführende, hasserfüllte Sprache war und ist die Basis jedes Rassismus und Antisemitismus.

Mut machen können dabei Menschen wie Igor Levit und auch Leonard Cohen. Dieser widmete sein erwähntes Mythologie-Buch übrigens nicht dem pseudo-arisch verbrämten Nordpol, sondern seinem Vater namens: Nathan.

Und wie immer müssen Sie all das Gesagte nicht alleine mir glauben, sondern können es an vielen Stellen nachhören oder -lesen. Einen großartigen Vortrag über digitalen Antisemitismus in der Gegenwart von Alexa und Alexander Waschkau – den Podcastern von „Hoaxilla“ – finden Sie auf dem YouTube-Kanal von „Skeptics in the Pub Köln“.

Die Rhetorik und Gefahr der Feindes- und Verschwörungsrede zeigt Reinhard Olschanski in „Der Wille zum Feind“. Wie sich gerade auch Rechtsextremisten digital und global vernetzen beschreibt Karolin Schwarz in ihrem Werk „Hasskrieger“.

Und einen Einblick in die sprachlichen und symbolischen Auseinandersetzungen zwischen semitischen und antisemitischen Mythen schon in der Bibel bietet Gabriel Strenger in seinem Buch „Jüdische Spiritualität in der Tora und den jüdischen Feiertagen“. Einen umfassenden Einblick in die Judaistik, die wissenschaftliche Forschung zum Judentum, bietet das „Handbuch Jüdische Studien“, herausgegeben von Christina von Braun und Micha Brumlik.

Ihnen allen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und also Ihr „Hineni“, oder wie man im Netz sagt: #Ichbinhier.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

28 Kommentare

  1. Wer nicht hören will, darf lesen … Und möchte aber doch nicht dabei auf die zahlreichen sonst üblichen Verlinkungen verzichten 😉

    Vielleicht wäre es für die Zuhörer wiederum interessant, die Links nicht, wie sonst, im Fließtext einzubauen, sondern auch für sie leichter auffindbar gesondert aufzuführen nach alter Väter Sitte der Fußnoten?

    • Vielen Dank für die Anregungen, @Alubehüteter. Nach meiner Erfahrung “veralten” aber Links in Fließtexten schnell und führen dann nicht mehr weiter. Deswegen habe ich bislang im Rahmen des Podcasts darauf verzichtet. Für leichtere Lesbarkeit gibt es ja oben eine pdf-Ausgabe, sogar extra mit Rand für eigene Anmerkungen. #Service für #MitDenkendeLesende (Und, ja, ich habe dabei auch an Sie gedacht sowie an einige Diskutanten auf Twitter gedacht. 🙂 )

      Zu bedenken bitte ich, dass das Schreiben, Korrigieren, Aufnehmen von zunächst zwei Folgen pro Woche schon eine Menge Arbeit ist…

  2. Eins zu Ihrer oder Anderer Aussagen: Wir haben nur ein Wohnzimmer, und dieses Wohnzimmer heißt Erde. Wenn Sie oder Andere sagen, Sie haben das Recht und die Ethik dieses Wohnzimmer zu bewohnen; dann haben Sie auch die Pflicht alle die darinnen wohnen, den Schutz zu gewähren der ihrer Lebenserhaltung dient.
    Und wenn wir dieses Wohnzimmer verkleinern auf Deutschland, dann hat Konrad Adenauer mitgeholfen das die Faschisten von Adolf Hitler (Gefolge), weder verfolgt noch angeklagt oder sonstwie in die Mitverantwortung der Judentötung genommen worden.
    Nein; Sie wurden in den Ministerien (Staatssekretäre/mit Ruhegehalt) oder andere einflussreiche Posten (mit noch mehr Ruhegehalt ) übernommen.
    Also wo fängt Ihre Ansprache eigenlich an?
    Ich glaube Ihre Definiton von der Vergewaltigung des menschlichen Wesens (meine Meinung) als solches ist mehr als heuchlerisch. Semitismus ist ein Glaubensbekenntnis; aber sich selbst zu erhöhen und seiner moralischen Welt (Wohnzimmer) mehr zu geben, als die Evolution vorgesehen hat, ist nicht das beste aller Mittel.
    Religion ist kein Allheilmittel, und führt immer nur zum Krieg.

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar, @Reinhard Schulz.

      Wenn ich Sie richtig verstehe, vergrößern Sie erst eine Metapher (Wohnzimmer) auf die ganze Erde, um es dann wieder auf einen Nationalstaat (Deutschland) zu verkleinern. Zu Konrad Adenauer hatte ich mich hier noch gar nicht geäußert und eine “Definition von der Vergewaltigung des menschlichen Wesens” ist mir auch nicht zugänglich. Wer soll da genau wessen Wesen vergewaltigt haben?

      Konkreter wird es dann, wenn Sie definieren “Semitismus ist ein Glaubensbekenntnis” und dieses dann wiederum als “Religion” auslegen. Das können Sie für sich natürlich so definieren, es unterscheidet sich dann aber sehr von meiner Definition von Semitismus als Mythentradition auf Basis der Alphabetschrift. Auf dieser Basis sind tatsächlich viele Religionen entstanden (Judentum, Christentum, Islam etc.), aber auch säkulare und sogar religionskritische Weltanschauungen wie Humanismus, Liberalismus, Nationalismus, Sozialismus usw. Die Auseinandersetzung zwischen semitischen und antisemitischen Traditionen findet dabei m.E. immer wieder “innerhalb” der Religionen und Weltanschauungen statt.

      Auch der unter sog. “neuen Atheisten” wiederkehrende Versuch, “die Juden” als Begründer “der Religion” dafür verantwortlich zu machen, dass es “immer nur zum Krieg” komme, ist leider uralt und gleich aus mehreren Gründen nicht überzeugend. Gerne bringe ich dazu mal eine eigene Folge.

  3. Michael Blume,
    dieser dritte Teil ist ihr bester. Sie haben es geschafft, den Bogen von den Semiten bis in unsere Sprache zu schlagen und das Unheil , das die Rechten wieder heraufbeschwören klar herauszuarbeiten.
    Bleiben wir optimistisch. Die Corana Krise schweißt die Menschen wieder zusammen. Der Rückgang der AfD ist ein beredtes Zeichen.

    • Vielen Dank für die ermutigende Rückmeldung, @H.Wied!

      Ich hatte ja befürchtet, diese dritte Folge war zu lang und etwas zu schwer…

      Umso mehr freue ich mich, dass sie doch angekommen ist! Danke! 🙂

  4. Lieber Herr Blume,

    Verständnisfrage:

    Ich war schon früher gestolpert über

    „In Ägypten kam ein neuer König an die Macht, der Josef nicht gekannt hatte. Er sagte zu seinem Volk: „Seht nur, das Volk der Israeliten ist größer und stärker als wir. Gebt acht! Wir müssen überlegen, was wir gegen sie tun können, damit sie sich nicht weiter vermehren. Wenn ein Krieg ausbricht, können sie sich unseren Feinden anschließen, gegen uns kämpfen und sich des Landes bemächtigen.“

    Eine Feindesrede, ein Verschwörungsvorwurf, dann die Morde.

    Jetzt ergänzen Sie auch das Buch Ester:

    Auch nach diesem Bericht flüstert der „Feind der Juden“ Haman dem persischen König ein: „Es gibt ein Volk, das über alle Provinzen deines Reiches verstreut lebt, aber sich von den anderen Völkern absondert. Seine Gesetze sind von denen aller anderen Völker verschieden; auch die Gesetze des Königs befolgen sie nicht. Es ist nicht richtig, dass der König ihnen das durchgehen lässt. Wenn der König einverstanden ist, dann soll ein schriftlicher Erlass herausgegeben werden, sie auszurotten.“

    Nun sind ja beides mythische, keine historische, vielmehr fiktionale Texte. „Die“ Juden sind nie in Ägypten gewesen. Und zum Buch Ester schreibt Wikipedia über die Perser:

    Haman soll den Juden vorgeworfen haben, dass die Juden, zerstreut und abgesondert, ihr eigenes Gesetz hätten, das von denen aller anderen Völker verschieden sei. Mit dieser Begründung hätte ihm Ahasveros niemals ein Judenpogrom erlaubt: Einzelvölker innerhalb des persischen Großreiches durften ihre partikularen Gesetze behalten und wurden deswegen eben nicht mit Ausrottung bedroht.

    Welche Erfahrung bringt die Juden dazu, angeblichen „Feinden“ inzwischen klassischen Antisemitismus anzudichten; was ist die mythische Wahrheit dahinter?

    • @Alubehüteter

      Die Bibel bietet zunächst mündlich, dann schriftlich überlieferte Mythen, die teilweise über Jahrtausende hinweg tradiert und überarbeitet wurden (wie schön und eindrucksvoll im Gilgamesch-Atrahasis-Noah-Mythenzyklus, lebendig bis heute). Reale Erfahrungen wurden dabei verdichtet und immer wieder auch zeitlich und räumlich lokalisiert (vgl. den Paradiesgarten in Bereschit / Genesis / 1. Mose als mythologischen Übergangsort vom Wildbeuter- zum Agrarleben). Inwiefern dabei z.B. die biblischen Ägypten- oder Persienerzählung auch oder gar nur Erfahrungen in Babylon verarbeitet, ist Gegenstand komplexer, religionshistorischer Fachdebatten.

      Grundsätzlich stehe ich auch für solche sehr fachlichen Diskussionen gerne zur Verfügung, aber: So sehr ich Wikipedia schätze – und es auch als zahlendes Mitglied von Wikimedia Deutschland bewusst fördere – wäre ich Ihnen dankbar, wenn wir solche dann doch sehr speziellen Fachfragen nicht auf Basis von notwendig verkürzten Wiki-Zitaten diskutieren müssten. Wenn ich auf jedes “Was-sagen-Sie-denn-dazu”-Snippet ernsthaft fachlich reagieren wollte, käme ich zu nichts Anderem mehr. Das ist schon zeitlich nicht zu leisten (zumal Sie ja selbst neulich auf eine freundliche Frage zu indischen Schriften nicht recherchieren wollten… 😉 )

      Ihnen Dank für Ihr tiefes Interesse!

      • Das Buch Ester war mir selber überhaupt nicht mehr präsent, darum ein erster Blick in die (in solchen Bereichen meist sehr gute) Wikipedia. (Dieser Artikel speziell schien mir allerdings auch überraschend unfertig.) Auch, weil ich in Erinnerung hatte, daß die Juden, anders als die Griechen, eigentlich sehr positive Erfahrungen mit den Persern gemacht hatten; schließlich haben sie die Endzeit-Erwartungen von Zarathustra sich sogar zueigen gemacht.

        Vorbild meiner Frage war tatsächlich die untenstehende nach dem „Christusmord“. Christen haben tatsächliche Erfahrungen in einer Erzählung verdichtet, wo die schlicht historische Wahrheit – die Römer, und sie alleine haben Jesus verurteilt und hingerichtet – dem krass entgegensteht. Meine Frage wäre gewesen, wo bei den Juden die reale Erfahrung von Antisemitismus verankert war, die sie dann in solchen Geschichten anschaulich werden lassen. Aber mir selber ist klar, daß das Alte Testament eine Wissenschaft für sich ist, ein eigener Studiengang – umfaßt immerhin einen geschichtlichen Zeitraum von mindestens 1000 Jahren, greift zudem zurück auf Geschichten der Bronzezeit und anscheinend in der Erzählung von Paradies sogar an Erinnerungen von vor der Neolithischen Revolution.

        Zumal Sie mit diesem Podcast sehr viel Arbeit haben, die nächsten schon in Vorbereitung. Jetzt ist die Zeit, wo viele sich aus Langeweile auf YouTube übles Verschwörungsgift reinpfeifen. Wo aber andere die Zeit nehmen oder finden, sich endlich mal in Ihre Thesen online zu vertiefen. Ich bin ja nun schon längere Zeit an Bord und werde es auch noch ein Weilchen bleiben; bestimmt kommen wir in ruhigeren Zeiten auf die eine oder andere Frage auch wieder zurück.

        • Aber mir selber ist klar, daß das Alte Testament eine Wissenschaft für sich ist, ein eigener Studiengang – umfaßt immerhin einen geschichtlichen Zeitraum von mindestens 1000 Jahren, greift zudem zurück auf Geschichten der Bronzezeit und anscheinend in der Erzählung von Paradies sogar an Erinnerungen von vor der Neolithischen Revolution.

          Ich vergaß, zu erwähnen: Weshalb ich auch immer einen großen Bogen gemacht habe um das Alte Testament. Ich habe mir da zwar eine gesunde Allgemeinbildung angefuttert, mich in das eine oder andere Problem auch tiefer eingegraben, aber im Großen und Ganzen ist das eben eine Wissenschaft für sich.

  5. Was mir hingegen anders als im Deuteronomium und dem Buch Ester vollkommen einleuchtet, ist, was Sie „absurd“ nennen:

    Auch der christliche Antisemitismus funktionierte von Anfang an über sprachliche Konstruktionen wie dem absurden Vorwurf des „Gottesmordes“ nicht etwa gegenüber Rom, sondern gegenüber Jüdinnen und Juden.

    Das finde ich überhaupt nicht absurd, weil auch das Neue Testament eben nicht historisch, sondern theologisch zu lesen ist. Es richtet sich an die früh-/urchristlichen Gemeinden, und diese machen ja, vor den ersten Christenverfolgungen durch die Römer, tatsächlich die Erfahrung: Nicht die Römer, die Juden sind unser Unglück; sie sind die, die unsere judenchristlichen Glaubensbrüder eliminatorisch verfolgen, töten; die theologische Aussage ist: Und schon unserem Herrn erging es nicht anders.

  6. @Wer sonst

    Wenn ich auf der Suche nach einem Verschwörungsmythos bin, der Weltweit die Strippen zieht und sich auf allen Ebenen betätigt, bietet sich zuerst die USA an, weil sie die stärkste militärische Macht auf der Welt ist. Als nächstes kommen dann schnell die Juden dazu, weil sie eben schon seit 2000 Jahren eine international verbreitete Gemeinschaft sind, und gleichzeitig modern und erfolgreich unterwegs ist.

    In Israel kommt beides zusammen, die militärische Zusammenarbeit Israels mit der USA ist ja offensichtlich sehr eng. Aus Sicht der muslimischen Welt sind beide zusammen ein reales Problem. Die USA nutzt jede Gelegenheit im nahen Osten zu destabilisieren, und das kleine Israel setzt sich militärisch gegen eine sehr große zahlenmäßige Übermacht zur Wehr, und verteidigt sich bisher erfolgreich. Das mag neben der bloßen militärischen Niederlage sogar an der Ehre kratzen.

    Ich kann hier uns in Europa nur empfehlen, eben uns weiterhin an keiner Destabilisierung zu beteiligen, und wenn möglich die Wirtschaft in den muslimischen Ländern zu fördern. Auch wenn dort eine Demokratie kaum möglich ist, weil die religiöse Mehrheit da eben prinzipiell wenig von hält. Denen reicht offenbar die Scharia. Aber eine funktionierende Diktatur ist immer noch besser als ständige Bürgerkriege. Ich sehe hier keine andere Möglichkeit, als die Menschen dort zu fördern, wenn sie wenigstens keine Kriege und Bürgerkriege mehr führen.

    Wenn man damit Erfolg hätte, würde sich auch unser Flüchtlingsproblem entschärfen.

    Aber die Eignung dieser Gemengelage zum Verschwörungsmythos ist fast alternativlos. Dazu kommt die Jahrhunderte lange Tradition, die Juden als fantasierte Verschwörer zu nutzen. Nur der Anspruch der USA auf eine gewisse Weltherrschaft ist jetzt erst 70 Jahre alt, passt den Mythen dann aber gut ins Bild.

    Egal was man sich für welche Verschwörung auch immer zusammenbastelt, die Juden und die USA sind also fast immer dabei.

    Das Streben der USA nach Dominanz in der Welt ist jetzt aber durchaus real. Hier würde ich sagen, dass es an der Zeit ist, wenigstens den US-Konzernen nachhaltig den Datenhahn zu zudrehen, und den Austritt der EU aus der Nato zu erwägen. Was die da unter Trump gerade mit neuen kleinen aber zielgenauen Mittelstreckenatomraketen anleiern, ist nicht mehr in unserem Sicherheitsinteresse. Die Gefahr, die allein von einem versehentlichem Atomkrieg ausgeht, der durch die kurzen Vorwarnzeiten von unter 10 Minuten vor Mittelstreckenraketen ausbrechen kann, ist m.E. deutlich größer als die Gefahr, dass Putin Osteuropa zu erobern versucht.

    In Putins Interesse sind wohl eher gute Geschäfte mit uns, der scheint mir eben gar nicht auf Eroberungsfeldzug zu sein, auch als demokratischer Fastdiktator nicht. Auf der Krim und in der Ost-Urkraine leben eben hauptsächlich Russen, die in Gefahr geraten sind, im eigenen Land diskriminiert zu werden. Das war Völkerrechtswidrig, ja, aber kein Anfang einer systematischen Expansion, meine ich.

    Man weiß natürlich nicht wer nach Putin kommt, notfalls wäre eine gewisse atomare Bewaffnung der EU aber sicherheitsmäßig günstiger, als mit Trump in der Nato zu bleiben.

    • Oh ja, @Lars – auch das Phänomen gezielter Angriffe und sog. Saalschlachten in der Weimarer Republik fand stark zwischen politischen Extremisten statt. Schließlich zerfleischten sich die Rechtsextremen auch selber, man denke an die Morde zwischen SA und SS. Und wenn ich sehe, dass die o.g. Aussage des Björn Höcke über das “Ausschwitzen” sich v.a. auf Parteigenossen bezog und dass auch Jörg Meuthen schon von “Parteifreunden” als System-“Maulwurf” diffamiert wird, kann ich nur sagen: Wer die digitale Verrohung befeuert, wird auch selbst von ihr be- und getroffen. Und nichts daran ist gut, gar nichts.

      Immerhin gab es nach Hanau zumindest bei wenigen AfD-lern kurzzeitig die Bereitschaft, über den eigenen Beitrag zur nicht nur sprachlichen Verrohung nachzudenken. Im Landesverband BW gibt es derzeit Versuche, nach Wolfgang Gedeon nun auch Stefan Räpple auszuschließen:
      https://www.badische-zeitung.de/stefan-raepple-soll-raus-aus-der-afd-will-aber-nicht–184556180.html

      Ich hoffe ja, Sie hatten den Mut, sich das o.g. Motioncomic zu Emil Gumbel einmal anzusehen, lieber @Lars.

      • Kannte Gumbel noch gar nicht, obwohl er grossen Beitrag in der Extreme Value Theory geleistet hat. Das spielt insb. in den Finanzmaerkten eine Rolle.

        • Ja, war ein vielseitiger, auch wissenschaftlich bzw. mathematisch interessanter & couragierter Typ, der Emil Gumbel – und dann auch noch Heidelberger! 🙂

          Es freut mich, dass für Sie etwas Neues und Interessantes dabei war.

          Alles Gute, einen schönen Abend und bleiben Sie gesund! 🙂

    • Das lasse ich gerne mal so als selbsterklärend stehen, @Schorsch Joros (aka “George Soros”). “Danke”, dass Sie die Beobachtungen zum digitalen Antisemitismus hier und in anderen Foren eindrucksvoll bestätigen…

      In der nächsten Podcast-Folge will ich passend zu Ihrem Kommentar auch erklären, warum sich Bürgerliche und Konservative z.B. in der sogenannten “WerteUnion” niemals zu nützlichen Idioten von Antisemiten machen sollten. Sie und Ihre antisemitischen Gesinnungsgenossen würden auch mit konservativen und bürgerlichen Demokratinnen und Demokraten liebend gerne “abrechnen”, schon klar.

  7. @ Schorsch Joros
    02.04.2020, 12:12 Uhr

    Gegen Leute wie Michael Blume hilft nur die AfD.

    Warum soll man was gegen Leute wie Herrn Blume etwas unternehmen? Wem schadet er denn? So sehr gar, daß man deswegen AfD wählen sollte?

    • @Alubehüteter

      In den einschlägigen, antisemitischen Foren toben sie derzeit wieder – gegen diesen Podcast.

      Ein schöneres Lob kann ich mir gar nicht vorstellen. Offensichtlich erreicht dieser Podcast sogar Antisemiten und Rassistinnen… 🙂

  8. Leider ist es in Deutschland unmöglich sich mit Antisemitismus sinnvoll auseinanderzusetzen. Das zeigt leider auch wieder dieser Artikel. Wo man auf der einen Seite den Antisemitismus findet, findet man auf der anderen den AntiAntisemitismus. Es werden einfach Sachen aufgezählt ohne zu begründen, nach dem Motto wir wissen ja das Antisemitismus falsch ist, also muss ich ja nichts begründen. Doch, sonst ist es schlicht unwissentschaftlich und damit sinnfrei. Wenn man echte Auseinandersetzung zu dem Thema lesen will dann muss man tatsächlich jüdische Autoren lesen.

    Da wird zb gesagt:
    “Ich wiederhole das gerne noch einmal: Wenn immer Populisten, Rassistinnen, Antisemiten nach der Macht greifen, dann versuchen sie dies immer, ausnahmslos immer durch die Beherrschung der Sprache.”
    Da frage ich mich ersteinmal wieso werden Populisten und Antisemiten in einen Topf geworfen? Ein Grossteil aller Politiker ist mehr oder weniger populistisch, die sind jetzt also perse Antisemiten. Und ja Politiker versuchen durch Sprache zu manipulieren. Das machen Rechte, Linke und auch Mitte Politiker.

    Das geht leider so diffus weiter:
    “Die Amadeu Antonio Stiftung zählte alleine in Deutschland seit der Wiedervereinigung um 1990 bereits über 200 Opfer rechtsextremer Morde. ”
    Ja 200 Morde ist eine schlimme Sache. Nur bekannterweise hat zB die NSU in erster Linie islamische Menschen umgebracht. Was soll mir also diese Zahl sagen in Bezug auf Antisemitismus? Klar Rechtsextremismus gleich Antisemitismus, wissen wir ja alle, das passt schon, da muss man ja jetzt nicht so genau hinschauen.

    “Stattdessen präsentierte Hitler einen auch schon damals völlig unwissenschaftlichen Geschichtsmythos, nach dem „die Arier“ als Erfinder des Feuers und aller Kultur vom eisigen Norden gekommen seien, um die „faulen“ und dunklen „Südrassen“ zu unterwerfen.”
    Das Hitler unwissentschaftlichen Unsinn absonderte ist bekannt, nur es fehlt die Ursachenforschung. Wenn man sich mal die Mühe macht die Hitlerbiographie zu lesen – Hitler der damals arbeitslos war und sich dann in Kneipen als Redner versuchte stellte fest, immer wenn er was antisemitisches sagte bekam er grossen Beifall. Wie alle Politiker hat er das dann weiter ausgebaut. Das ist natürlich keine Entschuldigung für sein Handeln, und schon gar nicht für die Massenmorde. Zeigt aber der Antisemitismus war schon damals im deutschen Volk immanent, den hat Hitler nicht erfunden. Wieso und warum das so war, dazu wäre mal ein Artikel sinnvoll. Da kommen dann allerdings sachen ans Licht die man lieber unter der Decke halten möchte.

    Das geht zurück auf die Kreuzigung Jesu, das haben sie ja auch im Artikel erwähnt, nur leider, man will ja keinem weh tun, einseitig und ohne zu begründen.
    “Auch der christliche Antisemitismus funktionierte von Anfang an über sprachliche Konstruktionen wie dem absurden Vorwurf des „Gottesmordes“ nicht etwa gegenüber Rom, sondern gegenüber Jüdinnen und Juden. ”
    Erstmal stelle ich mir da die Frage: warum ist der Vorwurf aus christlicher Sicht absurd. Jesus wurde von den den Juden an die Römer veraten. Die Römer hätten möglicherweise so gar nichts gemacht, aber nachdem der Vorwurf offiziell aktenkundig wurde, waren sie spätenstens dann zum handeln gezwungen. Die Juden hatten Jesus den Juden auf dem Kieker weil er sie dem Vorwurf der Geldmacherei ausgesetzt hat. (Übrigens schon damals.) Das die Christen sauer waren kann man durchaus verstehen. Wieso das also absurd ist könnten sie einmal begründen.
    Aus meiner Sicht ist es tatsächlich absurd, da ich Atheist bin, und es damit kein Gottesmord sein kann, aber das ist sicherlich nicht das was sie meinten.
    Letztlich geht ein großer Teil des Antisemitismus auf dieses Ereignis zurück, wäre also durchaus wichtig das zu erwähnen. Den hat die christliche Kirche 2000 Jahre immer schön am köcheln gehalten.

    Israels Politik, ein anderer grosser Teil kommt bei ihnen praktisch nicht vor. Klar damit macht man sich in Israel keine Freunde. Mir gehts hierbei auch nicht um den Staat ansich, das war sinnvoll ein Gebiet auszuweisen, nach den Verbrechen der Nazis. Nur wenn man sich heute die Sache anschaut, wo Stück für Stück des palästinensischen Teritoriums geklaut wird oder auf der anderen Seite die Gleichberechtigung der Araber in Israel nur auf dem Papier steht, dann muss man sich nicht wundern wenn der Antisemitismus weiter zunimmt. Das sehen übrigens jüdische Autoren aus Israel genauso. Das ist demnach wohl eher keine Verschwörungstheorie/mythos.

    • Es freut mich, dass dieser Podcast Ihren Antisemitismus erreicht, @Matthias. Danke, dass Sie uns auch einen Einblick in Ihre Assoziationsketten eröffnen. Ob dieser Podcast Ihnen und anderen helfen kann, antisemitische und rassistische Mythen und Vorstellungen zu überwinden, liegt selbstverständlich ganz bei Ihnen.

      Wenn ich Sie richtig verstanden habe, regen Sie weitere Podcast-Folgen an, zum Thema:

      – Warum der Vorwurf des „Gottesmordes“ an „die Juden“ auch rechtshistorisch absurd ist.

      Hierzu ein Spoiler vorab: Der Jude Jesus wurde gerade nicht „von Juden ermordet“, sondern unter dem Vorwurf, sich als „König der Juden“ bezeichnet zu haben von römischen Soldaten nach römischer Verurteilung mit einer römischen Todesstrafe hingerichtet – wie zahlreiche andere angebliche, jüdische (!) „Aufständische“ auch.

      Weitere von Ihnen angesprochene Fragen wären:

      – Worin sich Demokratinnen von Populisten unterscheiden.

      – Wie Antisemitismus und Rassismus ineinander verwoben sind.

      – Wie und warum Hitler zum Antisemiten wurde. (Sie scheinen da eine ganz eigene Vermutung zu haben?)

      – Ob die Existenz und Politik des Staates Israel den Antisemitismus befördert.

      Haben Sie noch weitere Themenwünsche oder Anmerkungen? Gerne könnten Sie auch noch ein wenig ausführen, worauf sich Ihre Ausführungen zu den Hintergründen des deutschen Antisemitismus und „da kommen dann Sachen ans Licht“ beziehen? Was meinen Sie damit?

      • Danke erstmal für ihre Antwort.
        Ja von mir aus gerne Artikel zur historischen Beleuchtung. Mir gehts einzig um die Frage der historischen Wahrheit.

        “Hierzu ein Spoiler vorab: Der Jude Jesus wurde gerade nicht „von Juden ermordet”
        Ja und das habe ich in meinem Artikel auch nicht bestritten. Die Frage ist aber wer hat ihn an die Römer verraten oder sind die Römer selbst draufgekommen. Unstrittig ist sicher das „König der Juden“ die römische Authorität in Frage stellt. Wobei Jesus sich meines Wissens nicht als selbst „König der Juden“ bezeichnet hat, insofern muss das ja üble Nachrede von jemand gewesen sein.

        “Worin sich Demokratinnen von Populisten unterscheiden.”
        Jeder Politiker wirft immer dem anderen Populismus vor, und selbst ist man der lupenreine Demokrat, da habe ich eher Zweifel das sich die Frage klären lassen kann? Das Leute wie Berlusconi keine Demokraten sind ist klar, aber wie siehts in D aus.

        “Wie Antisemitismus und Rassismus ineinander verwoben sind.”
        Das wird sich mMn schwer trennen lassen, da die Begriffe oft falsch verwendet werden. Rassismus bezieht sich wie der Name sagt auf Rasse. Rassismus wird leider immer gern verwendet, quasi als Kampfbegriff.

        “Wie und warum Hitler zum Antisemiten wurde. (Sie scheinen da eine ganz eigene Vermutung zu haben?)”
        Genaugenommen nicht, ich beziehe meine “Vermutung” aus der Hitlerbiographie. Das Hitler Antisemit war ist unstrittig, aber das Wieso wird nie beleuchtet. Fakt ist nur er wurde nicht als Antisemit geboren. Man macht sichs aus meiner Sicht zu einfach. Wenn man die Biographie liest muss man davon ausgehen das grössere Teile des deutschen Volkes offen oder versteckt antisemitisch waren, zu einem Zeitpunkt vor 1933.

        “da kommen dann Sachen ans Licht“ beziehen? das bezog sich zum Teil darauf (ansonsten allgemein gesagt auf Weglassungen von Geschichte).
        Eine Diskussion zu dem Punkt fände ich recht sinnvoll.

        “Ob die Existenz und Politik des Staates Israel den Antisemitismus befördert.”
        Die Existens ist für mich kein Thema, da daran nicht zu rütteln ist wie die Existens anderer Staaten. Inweiweit man ein Recht auf nachträglich angeeignete Flächen sind allerdings schon. Und generell die Politik – ja.

  9. Vielen Dank für Ihre Podcasts!

    Da ich leider oft genug in die Abgründe der Verschwörungstheoretiker – Verzeihung: Verschwörungsgläubige – schaue, nehme ich Ihre Anregung gerne auf und verwende fortan die Begriffe “Verschwörungsmythos” und “Verschwörungsgläubige(r)”. Insbesondere das Argument, dass eine ernsthafte Theorie eine wissenschaftlich bzw. faktenbasiert widerlegt werden kann, hat mich überzeugt.

    Bleiben Sie – gerade in diesen Zeiten auch seelisch – gesund!

    • Vielen Dank, @Hugh Age! Die begriffliche Klärung vom irreführenden „Verschwörungstheorie“ zum präziseren „Verschwörungsmythos“ halte ich tatsächlich für zentral (ausführlich dazu Folge 3). Wenn das angekommen ist, freue ich mich wirklich sehr! ✊✅

      Mit Dank und herzlichen Grüßen!

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