Mein neues Buch “Islam in der Krise” (bei Patmos) erscheint im August 2017, ist ab jetzt vorbestellbar…

“Sag mal, Du hast doch schon so viele Bücher geschrieben – warum bisher nie eines zum Islam?” – Diese Frage ist mir oft gestellt worden, auch hier auf dem Blog.

Und tatsächlich war ja die Beschäftigung mit der Integration von Muslimen, dem Islam und den Fragen des Verstehens schon als Jugendlicher mein Ausgangspunkt für das Interesse und spätere Studium von Religion(en) (genauer: von Religions- und Politikwissenschaft) gewesen. Auch meine Magisterarbeit von 2003 befasste sich mit der Auffächerung der Identitäten junger Menschen muslimischer Herkunft, von säkular über liberal, konservativ und orthodox bis islamistisch.

Doch gerade weil ich in all den knapp über 20 intensiven Jahren sehr viel über den real existierenden Islam las, Abertausende Beobachtungen und Gespräche in immer mehr Ländern führte, auch unzählige Vorträge hielt und Artikel veröffentlichte, entschied ich mich, erst dann ein Buch dazu zu schreiben, wenn ich wirklich tiefer verstanden und wissenschaftlich Neues beizusteuern hätte. Ich wollte hinter die Allgemeinplätze a la “Das hat nichts mit dem Islam zu tun.” – “Der Islam ist böse.” gelangen und interdisziplinäre Antworten finden, die sowohl Nichtmuslimen wie auch Muslimen neue Perspektiven und Begriffe erschließen, anregen, aber sicher auch wehtun würden. Ich wollte nicht “noch ein Islambuch” schreiben, sondern das eine – und vielleicht einzige – Werk meines Forscherlebens dazu. Die Erfahrungen mit dem selbsternannten “Islamischen Staat” im zerfallenden Irak in 2015/2016 gaben dabei noch einmal einen massiven Erkenntnisschub.

“Islam in der Krise – Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug” ist nun im Druck, erscheint im August und kann bei Patmos, Amazon oder auch jeder Buchhandlung bereits vorbestellt werden.

Das Cover meines neuen Buches “Islam in der Krise”, Patmos 2017 (mit freundlicher Genehmigung)

Inhaltlich steige ich noch einmal vertieft hinter den oft geäußerten Allgemeinplatz, dass es “den Islam” so gar nicht gebe. Ich zeige auf, dass es tatsächlich unklar ist, wie viele “Muslime” noch Muslime sind, dass ein großer und schnell wachsender Teil der Menschen muslimischer Herkunft Säkularisierung und Glaubenszweifel erlebt, sich still – zunehmend aber auch laut – aus der Religion verabschiedet. Absurde Fehler auch offizieller Statistiken weltweit, auch in Deutschland und Europa, wie wir sie bei Christen und Kirchen nie zulassen würden, überdecken diesen Prozess (noch).

Ich gehe der lange tabuisierten Frage nach, wie die einstige (und lange Europa zivilisatorisch und wissenschaftlich überlegene!) Hochkultur der islamischen Welt so erstarren und zerfallen konnte – und zeige auf, was das Verbot des Buchdrucks ab 1485 im gesamten Osmanischen Reich (später für die islamische Welt bestätigt durch den ersten osmanischen Kalifen) bewirkte und anrichtete. Während sich Europa durch Reformation, Konfessionskriege und schließlich Aufklärung und Humanismus arbeitete, erstarrte die islamische Wissensproduktion samt der Bildungseinrichtungen – und als Folge davon Wirtschaft, Technologien und schließlich Militär. Weitere, bis heute wirksame Folgen betrafen zum Beispiel die arabische Sprache und das Verhältnis von Autoritäten und Geschlechtern, sogar die eingeübten Denkmuster.

Als der Niedergang der islamischen Zivilisation(en) nicht mehr zu übersehen war, reagierten islamische Gesellschaften verstört, dann panisch und mit Verschwörungsglauben – so zerstörte ein Mob eine Druckerpresse, die Napoleon Bonaparte (neben zahlreichen Wissenschaftlern!) mit ins eroberte Ägypten gebracht hatte. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass muslimische Verschwörungsmythen fast nie um “koranisch denkbare” Verschwörungsakteure wie zum Beispiel Dschinn kreisen – stattdessen aber um europäisch entstandene Motive wie Freimaurer, Geheimdienste und die gefälschten “Protokolle der Weisen von Zion”? Auch dies ist ein Zeichen der “Krise” des islamischen Denkens, in dem inzwischen häufiger dualistisch als monotheistisch argumentiert wird.

Ab dem 20. Jahrhundert haben wir dann den Aufstieg des Öl- und Gasverbrauchs und damit der autoritären und gewaltaffinen Rentierstaaten gerade auch (aber nicht nur!) in der arabischen Welt. Wenn heute zum Beispiel ein Donald Trump einerseits antimuslimische Stimmungen bedient, andererseits aber mit seinem halben Kabinett und den saudisch-wahhabitischen Regenten zum Säbeltanz antritt, dann wird es höchste Zeit, auch diese Zusammenhänge zu verstehen.

Last but not least beschreibe ich auch die Geburtenentwicklung unter Musliminnen weltweit – und gleiche sie mit den Thesen beispielsweise von Thilo Sarrazin (SPD) und Michel Houellebecq ab. Das dessen DuMont-Verlag uns keine Freigabe zur Verwendung von Originalzitaten erteilte, lässt mich auf inhaltlich wie auch literarisch spannende Debatten hoffen…

Eine Vielzahl von Einladungen zu Lesungen und auch zur Frankfurter Buchmesse am 12.10.2017 lässt mich hoffen, dass “Islam in der Krise” einige Aha-Momente und eine breitere Debatte anstoßen könnte. Auch hier auf dem Blog möchte ich ab September eine ganze Diskussionsreihe für die Leserinnen und Leser des Buches starten. Dabei ist mir völlig klar: Ob das Buch ein Erfolg wird und die Debatten rund um den Islam – und auch innerhalb der muslimischen Kreise – vertieft und bewegt, liegt jetzt nicht mehr an mir. Die Druckmaschinen laufen, ab jetzt darf und will ich nur noch auf Sie hoffen…

Gestern sandte mir der Patmos-Verlag Buchflyer zu, das Buchprojekt wird “greifbar”… Foto: Michael Blume

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Der Islam wirkt jedenfalls im gleichen Kulturraum, den auch Christen und Juden teilen. Es gab und gibt viele gegenseitige Einflüsse und mir scheint, dass eine jihadistische Islamauffassung, in der der Kampf gegen Ungläubige und ihre fremde Kultur wichtig ist, im islamischen Kulturraum über die letzten Jahrzehnte stäker und einflussreicher geworden ist und zunehmend auch Muslime beeinflusst, die nicht streng religiös sind. Der Islam kann nicht allein über den Koran verstanden werden und die islamische Gläubigkeit und Lebenspraxis ist sogar noch weniger durch den Koran allein bestimmt und geprägt als die christlichen Formen der Relgionsausübung. Statistisch aufgeschlüsselt sind die religiösen Einflüsse auf den islamischen Kulturraum auf der Website: Den Islam statistisch betrachten. Dort werden innerislamische Kräfte und Einflüsse in Kuchendiagrammen abgebildet und beispielsweise zwischen einem medinischen und mekkanischen Islam unterschieden oder dargestellt, dass die Hadithe weit grösseren Anteil an den religiösen Texten haben als der Koran. Allerdings ist diese Website für allem auf religiöse/weltanschauliche Aspekte des Islams fokussiert. Die geschichtliche Entwicklung in den 3 benachbarten Kulturräumen Islam, Judentum und Christentum wird dagegen auf dieser Website überhaupt nicht angesprochen. Dabei sind es gerade auch die Auswirkungen von historischen Entwicklungen und Separatwegen der 3 monotheistischen Religionen/Kulturräumen, die die jetztige Situation erkären können.

    • Noch eine Bemerkung zur oben verlinkten Seite: Ich halte sie wie viele ähnliche sich aufklärerisch gebende Islam-Informationsseiten für zu islamophob, zu reisserisch – auch wenn sie explizit die islamischen Texte als Referenz nimmt und nichts explizit falsch darstellt. Ein wichtiger Einwand scheint mir, dass die meisten Muslime ihre religiösen Texte gar nicht so genau kennen und nur wenige eine Message darin suchen, die ihnen sagt, wie sie mit der kulturellen Aussenwelt umgehen sollen.
      Das heisst aber auch, dass ein Muslim/eine Muslima durchaus eine kritische bis feindliche Aussenbeziehung zu seiner/ihrer nicht-muslimischen Umgebung entwickeln kann. Dazu muss diese Gläubige nicht lange suchen, sondern nur “ihre” religiösen Texte entsprechend interpretieren. Bei Bedarf kann sich also der Islam in seinen Aussenbeziehungen stark wandeln – alles was es dazu braucht ist schon in den “Büchern” vorhanden und muss nur etwas stärker ins Scheinwerferlicht gestellt werden – etwas das Prediger oder andere Vertrauensmänner/-frauen übernehmen können.

  2. Hallo!
    Mir hat bei dem Thema ein Buch von Mark Gabriel sehr geholfen: Bestseller beim Online Buchhandel im Bereich Religionswissenschaften, fast nur 5 Sterne Bewertungen, von mir auch – wenn auch nicht tatsächlich auf A. bewertet

    Es hat einen einfachen Ansatz:
    Schaue weniger auf das was einzelne Vertreter einer Glaubensgruppe sagen, sondern was deren Begründer (Jesus, Mohammed) sagen und noch wichtiger, was sie in ihrem Leben getan haben.
    Eine weitere Quelle aus “erster Hand” Bibel, Koran

    Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Bibel hat ja Luther vor 500 Jahren als erster weit verbreitet: Glaube ohne Werke ist Schall und Rauch. Aber nicht unsere Werke (Spenden, Hilfsdienste, etc.) rechtfertigen uns vor Gott, sondern allein seine Gnade (durch die Liebestat Gottes (Opfertod seines Sohnes Jesus) sind unsere Sünden vergeben!

    Daher meine Buchempfehlung: Jesus und Mohammed: Erstaunliche Unterschiede und überraschende Ähnlichkeiten, Taschenbuch von Mark A Gabriel (Autor)
    Aber ich werde auch in das Buch von Herrn Blume schauen.

  3. Eine Welt OHNE “Krisen” ….
    … und ich kann mir auch eine sinnvolle Welt ohne Bücher über “das Leben” vorstellen. 😏

  4. guten tag herr blume,

    der artikel gefällt mir sehr, sie scheinen sich sehr differenziert mit dem islam auseinanderzusetzten, dafür erstmal ganz gesondert einen riesiger respekt an sie. als mensch der aus einem christlich-muslimischen-deutsch-türkischem kulturkreis entstammt (in DE geboren, eltern kommen aus TR, wir sind aleviten) weiss ich, wie viele menschen sich schwer tun, den islam nicht als absolut böse oder absolut gut wahrzunehmen.

    ihr buch wird das erste sein, das ich mir zu diesem thema kaufe. auch wenn ich mich sehr viel online inforrmiere, zu einer breiten lektüre hab ich noch nicht gegriffen, weil ich vermutete, dass vieles schwachsinn war/ist.

    ihr buch scheint nicht so zu sein. ich hoffe sie enttäuschen mich nicht;)

    lg
    oz

    • Vielen Dank, @Oz Parker – Ihr Interesse ehrt mich! Und auch ich hoffe (und bin zuversichtlich darin), Sie nicht zu enttäuschen! 😉

      Bitte lassen Sie uns Ihre Meinung lesen, wenn Sie “Islam in der Krise” gelesen haben! 🙂

  5. @ Seidel

    “… deren Begründer (Jesus, Mohammed) sagen …”

    Der Begründer der christlichen Religion war nicht Jesus, sondern einer seiner Anhänger Paulus. Der Begründer des Islam war nicht Mohammed, der keine historische Figur ist (wie Jesus vielleicht auch), sondern eine Reihe von Schreibern, die 100 bis 200 Jahrhunderte nach dem “Tod” Mohammeds die Hadithe um den “Propheten” schufen.

    Ansonsten gilt: es gibt keinen Gott. Es ist alles Menschenwerk von Leuten, die nur zwei Ziele kennen und diese auch immer erreichen: Macht & Mammon.

    • @Berthold

      Die von Ihnen vorgebrachte, basale Form der “Priesterbetrugshypothese” gehört zur klassischen Religionskritik. Sie entspricht aber ganz und gar nicht mehr dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand, der gerade auch vor dem Hintergrund der Evolutionstheorie empirisch Kosten- und Nutzenfunktionen verschiedener religiöser Formen erkundet.

      Wenn Sie einfach nur mal Ihre persönliche Meinung kundtun wollten, okay. Falls Sie sich aber tatsächlich etwas Tiefergehender mit der Materie auseinandersetzen wollen, kann ich z.B. diesen Auszug aus Quarks & Co. empfehlen:
      https://www.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw

      Mit freundlichen Grüßen!

  6. Hallo Herr Blume,

    Danke für den Link zu Quarks&Co., das ist angenehm anschaulich. Mir fehlt da ein Teil, und zwar der Weg von dem Versuch mit den Kindern, die glauben, dass von der Maus ein Teil weiter besteht, nachdem sie gefressen wurde, bis hin zu dem Glauben an eine höhere Wesenheit.
    Gibt es Versuche, die diese Lücke füllen?

    Falls das relevant ist: ich bin Agnostikerin und sehe gute und schlechte Seiten an religiösen, spirituellen, agnostischen und allen anderen Menschen.

    Viele Grüße
    M. Zimmermann

  7. Das klingt interessant, Herr Blume.

    Was ich nicht ganz verstehe: “Das dessen DuMont-Verlag uns keine Freigabe zur Verwendung von Originalzitaten erteilte, lässt mich auf inhaltlich wie auch literarisch spannende Debatten hoffen…”

    Waren die Zitate seitenlang? Ansonsten ist zitieren doch nicht verboten, schon gar nicht in der Wissenschaft.

    • Lieber @Paul Stefan,

      unter den deutschen Verlagen gibt es den Komment, ab ganzen Sätzen gegenseitig die Zustimmung abzufragen. Dabei geht es wohl auch um Rechtssicherheit – Gerichtsverfahren und das Einstampfen ganzer Auflagen sollen vermieden werden.

      Auch ich selbst erhalte als Autor immer wieder Anfragen und habe bisher immer und ohne Ausnahme bejaht.

      Die nicht erteilte Zusage von DuMont hat mich überrascht und ich habe die entsprechenden Passagen in indirekte Rede umgeschrieben, ohne freilich Inhalte aufzugeben. Ärgerlich, aber auch eine Erfahrung…

      Beste Grüße!

  8. ‘Der Islam in der Krise’ oder der Islam in der Kritik und kritisch zu betrachten, etymologisch gehört’s zusammen, insbesondere : für Außenstehende, und insofern heutzutage Die Herausforderung für moderne, aufklärerische Gesellschaften.
    Hier wird es an Beispiel-Material ganz absehbarerweise auch demnächst nicht mangeln.
    Auf Ihre auch diesbezüglichen Thesen gespannt bleibend und mit freundlichen Grüßen,
    Dr. Webbaer

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