Sind digitale News der neue Industriezucker? Zum KIT-Seminar Medienethik

In seinem Buch “Eine Blume für Zehra” beschreibt Andreas Malessa auf den S. 105 – 106 eine Schlüsselszene meines Lebens: Nach erfolgreicher Banklehre traf ich an der Universität Tübingen im VWL-Studium auf das Menschenbild des “Homo oeconomicus”. Dieser kalkuliere “informiert und rational” vor jedem weiteren Konsum (im damaligen Beispiel “Kuchen und Eis”) den “abnehmenden Grenznutzen”.

Damals äußerte ich gegenüber Professor Starbatty – einem späteren AfD-Mitbegründer – Zweifel und bekam den Rat, dann doch besser das Studium zu wechseln. Und hatte Jahre später die Gelegenheit, mich als Redner einer Hauptversammlung bei ihm persönlich dafür zu bedanken, dass ich statt zu einem unglücklichen Banker zu einem glücklichen Religionswissenschaftler geworden bin.

Denn das Menschenbild des “Homo oeconomicus” ist nicht nur wissenschaftlich gesehen schlichtweg falsch, es ist auch marktradikal eingefärbter, gefährlicher Schwachsinn. So sind wir von der Evolution her auf einen Tageskonsum von 25 bis 50 Gramm Zucker angelegt, den unsere Vorfahrinnen und Vorfahren daher auch in Früchten und Honig gerne suchten und verzehrten.

Doch seit der Erfindung des aus Rüben gewonnenen Industriezuckers im 19. Jahrhundert ist unser durchschnittlicher Tagesverbrauch in Deutschland auf über 100 Gramm / Tag angewachsen – mit nicht nur wirtschaftlichen und ökologischen, sondern auch gesundheitlichen Folgen. Denn unser Gehirn kennt keine “rationale und informierte Kalkulation” eines “abnehmenden Grenznutzens”, sondern reagiert auf gezielte Zuckerzugaben in Fertigprodukten, Süßigkeiten, Getränken usw. mit Belohnungssignalen. Die Überproduktion nutzt nicht immer weniger – sie schadet. Und wir alle müssen nun aktiv lernen, öfter “Nein” zu sagen sowie auf bessere Bildung und Gesetze hinwirken, die auch Schwächere vor Überzucker bewahren.

Gemeinsam mit immer mehr Kolleginnen und Kollegen meine ich, dass es bei der Mediennutzung nicht anders ist: Selbstverständlich reagiert unser Gehirn positiv auf Neuigkeiten über Gefahren, Skandale und Sex. Das war für Abertausende Generationen unserer Vorfahrinnen und Vorfahren wichtiges Orientierungswissen! Aber heutige werbefinanzierte digitale Medien verkaufen unsere Aufmerksamkeit direkt an Werbekunden – wir sind nicht ihre zahlenden Kunden, wir sind das Produkt.

Und wie erzeugt man möglichst häufige und lange Aufmerksamkeit? Durch möglichst viele “Aufreger”, also auf Emotionalisierung setzende, mediale “News”! So wird unsere Welt- und Selbstwahrnehmung durch mediale Überversorgung ins Negative verzerrt, werden Gefühle von Wut und Hilflosigkeit geweckt – und dazu auch noch Konsumwünsche erzeugt, die wir ohne Werbung gar nicht hätten.

Eine von vielen Meldungen, als ich wegen Kritik am werbefinanzierten Geschäftsmodell der sog. “sozialen Medien” austrat. Screenshot vom Smartphone: Michael Blume

Aber stimmen diese Annahmen überhaupt? Und wenn ja, was sollte daraus folgen? Weil ertragreiche Wissenschaft – einschließlich von Philosophie und Ethik – immer auch Ergebnis von Zusammenarbeiten ist, diskutiere ich diese Fragestellung mit meinen Studierenden in einem Seminar in Medienethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Und ich bin schon wirklich gespannt, was diese je in ihren Kleingruppen oder Einzelarbeiten herausfinden und was wir diskutieren – und dadurch lernen – werden.

Den Einführungsvortrag mit Vorstellung der These finden Sie – wie schon in den vergangenen Jahren – wieder hier:

Neben einer eigenständigen Präsentation etwa eines Buches sowie der Mitarbeit im Seminar zählt schließlich auch eine Klausur, die aus Multiple-Choice-Wissensfragen sowie kurzen Essayfragen besteht. Da Interesse bekundet wurde, finden Sie eine frühere Klausur – damals zum Thema “Medienrevolutionen” – zur Ansicht hier:

KITBeispielklausurMichaelBlumeMedienethik.pdf

Statt des obligatorischen Pflicht-Buches oder Readers habe ich mich dabei diesmal für die beiden Hauptvorträge über Antisemitismus im Netz bei der Schwäbischen Zeitung in Ravensburg entschieden. Jenen von Sascha Lobo finden Sie gleich hier, den von mir zudem in diesem Blogpost.

Und selbstverständlich interessiert mich auch wieder Ihre – nein, nicht nur “Meinung”, sondern das Ergebnis Ihres Mitdenkens. Sind unsere menschlichen Gehirne anfällig für nicht nur materielle, sondern auch mediale Überangebote? Wie weit reicht der Vergleich von Industriezucker und werbefinanzierten “News”? Betrifft der Schaden aus dieser Überversorgung jeweils nur Einzelne, oder uns alle? Und wie könnten wir uns besser schützen – liegt die Verantwortung dafür nur bei den konsumierenden Individuen, oder bräuchte es auch bessere Gesetze?

  • Allen Leserinnen und Lesern von “Natur des Glaubens” danke für das in 2019 weiter gestiegene Interesse und wünsche Ihnen allen einen guten Rosch und ein frohes, neues und gerne auch wieder gemeinsames Jahr 2020! – Herzlichst, Ihr Dr. Michael Blume
Einladung zum Mitdenken, gerne auch zum Jahreswechsel. Screenshot: Michael Blume
Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

26 Kommentare

  1. Auch ein Drogensüchtiger beginnt eines Tages sich vor seiner Abhängigkeit zu ekeln. Medienkonsum befriedigt die Phantasie. aber es kommt die Zeit, wo auch das letzte Neue gedacht und gesagt worden ist. Dann folgt die Abkehr vom Oberflächlichen hin zum Wesentlichen.

    Der Zuckerkonsum ist ein treffender Vergleich. Aber irgendwann ist man auch des Zuckers überdrüssig und wendet sich der anderen Seite unseres Seins zu , dem Geistigen.

    In dem englischen Roman und Film “Brideshead revisited” von Evelyn Waugh wird der Kampf von Genuss und Überdruss dargestellt. Und der Genuss bleibt auf der Strecke.

    Das sollte uns langfristig optimistisch stimmen.

    Und aus den News werden die Unnews.

    Der Überdruss der Gesellschaft beruht auch auf der Überfülle an Materiellem.

    • Vielen Dank für Ihre Beobachtungen und weiterführenden Hinweise, @bote.

      Ich stimme Ihnen zu.

      Auch aus einem Buch, das ich gerade lese, kann ich Ihre Beobachtungen unterstreichen. In “The Souls of China. The Return of Religion after Mao” beschreibt Ian Johnson in präzisen Miniaturen die Wiederkehr von Daoismus, Buddhismus und Christentum in die chinesische Kultur und Politik, bis hinein in die Führungsebenen der kommunistischen Partei. Maos Kulturrevolution hat ein Trauma und ein inneres Vakuum hinterlassen, das durch den brutalen Materialismus und die Korruption der folgenden Jahrzehnte immer mehr Menschen bewusst geworden ist. In der nominell noch immer “atheistischen” Kommunistischen Partei Chinas spielt Religionspolitik – differenziert nach Religionen – inzwischen eine massive Rolle.

    • Nein, @hto – ich verkünde keine vermeintlich ewigen und unanfechtbaren Wahrheiten, sondern forsche und diskutiere gmeinsam mit Anderen – in vollem Respekt auch vor anderen Perspektiven und Beobachtungen. Vielleicht wollen Sie es ja auch einmal damit versuchen?

      Natürlich können Sie sich auch weiterhin einfach als Troll und Crackpot versuchen, wie es Blognachbar Oliver Müller neulich so eindrucksvoll beschrieben hat:
      https://scilogs.spektrum.de/prosa-der-astronomie/bin-ich-ein-crackpot/

      Die Entscheidung über Ihr weiteres Verhalten, Denken und Ihre Produktion von Kommunikation oder “Kommunikationsmüll” liegt, lieber @hto, ganz bei Ihnen…

  2. Lieber Herr Blume,

    es ist angesichts des Posts etwas OT, aber da das Thema nun mal aufkam:
    Ich halte die Bedeutung und die Interpretation des Themas Religion im Bezug auf China für nicht korrekt eingeordnet.
    Zuerst ist nicht nur für mich der Maoismus ein quasireligiöses System gewesen, das klassische, bei vielen Religionen vorhandene Muster nutzt, um Menschen zu indoktrinieren.
    Dann ist die Rückkehr des Religiösen in die chinesische Gesellschaft in einer Form passiert, die wir im Westen eher nicht kennen, und das gilt für den Buddhismus genau so wie fürs Christentum, wobei das rein Rituelle bei weitem überwiegt und religiöse Inhalte sowie Spirituelles kaum eine Rolle spielt. Religionen werden von der Bevölkerung als Wunschbox betrachtet, und über Inhalte wissen die meisten so gut wie gar nichts und darum geht es auch nicht.
    Die Interpretation der Religionen ist zum großen Teil eine rein materialistische und passt leider nur zu gut zum aktuellen System. Und da ich über die Feiertage innerfamiliär zig intensive Gespräche gerade zu dem Thema geführt habe, und mein Schwiegervater sehr viel Energie in den Wiederaufbau des dorfeigenen buddhistischen Tempels im Südosten Chinas gesteckt hat, sowie mich seit Jahren mit dem Thema beschäftige, halte ich Ian Johnson’s Interpretationen für von westlichem (Wunsch)Denken zu sehr gefärbt, und den Gegebenheiten nicht gerecht werdend.
    Das Thema ist aber zu komplex um es hier abzuhandeln, denke ich.
    Vielleicht veröffentlichen Sie irgendwann noch einen eigenen Post zu China und Religion, wobei ich den Daoismus klassischer Prägung genauso wenig als Religion bezeichnen würde wie den Konfuzianismus.
    Der chinesische Kommunismus erfüllt, wie gesagt, aus meiner Sicht eher die Voraussetzungen um als religiöse Bewegung beschrieben werden zu können.

    • Vielen Dank für Ihren engagierten Kommentar, @Alisier!

      Und tatsächlich – Koinzidenzen gibt’s! – hatte ich eigentlich vor, den letzten Blogpost in 2019 zu Chinas Religionspolitik mit diesem Video zu Ye Xiaowen zu gestalten!
      https://youtu.be/cIdG4lZ_65M

      Dann kam freilich die Übermittlung des o.g. KIT-Videos und ich verschob das China-Religion-Thema auf das Frühjahr.

      Nun aber, da Sie ja sowohl gegenüber West wie Ost sehr kundige und starke Überzeugungen zum Thema zu vertreten scheinen, würde ich gerne Ihre Meinung zu Ian Johnson und Ye Xiaowen aufgreifen und berücksichtigen. Über einige Ausführungen dazu aus Ihrer Feder (bzw. Tastatur) würde ich mich also sehr freuen und gerne darauf aufbauen!

  3. Ich denke, lieber Herr Blume, dass ich mich bereits so sehr aus dem Fenster gelehnt habe, dass ich Ihr Angebot zur Feder zu greifen wohl nicht werde ablehnen können. 🙂
    Da ich mich noch intensiver mit Ye Xiaowen beschäftigen will (und das Buch von Ian Johnson nochmals genauer lesen möchte), bitte ich lediglich um etwas Zeit. Frühling klingt gut, da ich zudem noch ein paar Gespräche mit Mitgliedern christlicher Kirchen in China vor mir habe, und meine bisherigen Eindrücke und Erfahrungen überprüfen möchte.
    Und ein schönes neues Jahr für Sie!

  4. @Alisier: Unwahrheit, im nun “freiheitlichen” Wettbewerb dieser Welt- und “Werteordnung”, ist die oberste Religion, der zeitgeistlich-reformistischen Bewusstseinsbetäubten.

  5. Emotionen/Gefühle sind der Lutscher des Bewusstsein.
    Ich weiß nicht mehr genau, wann es anfing. Ich glaube mit Frederic Vester`s Buch: Denken, Lernen, Vergessen. Es wurde postuliert, dass die Informationsverarbeitung (Sinneseindrücke) an das limbische System gekoppelt sei, man besser lernt, wenn man Freude und Spaß empfindet. Brachte erheblichen Fortschritt in Didaktik, Methodik und Pädagogik.
    Es hatte aber auch den Nachteil, dass das Marketing, die Public Relation und der Journalismus darauf gekommen sind. Übergänge in das Management, Zielgruppendenken und final zur Selbstoptimierung sind fliessend. Psychologie (Wirtschaftspsychologie) lebt da heute erstklassig von. Emotionen werden und sind heute bedeutender als die Ratio/Vernunft. Wenn ich Hunger und Durst habe, dann war das früher ein Trieb, heute eine Motivation. Aber nehme ich mehr Energie zu mir, als ich verbrauche/verarbeite, scheint das über die Zeit unvernünftig.
    Klären wir die Aufklärung wieder zurück? Manche Emotionen/Gefühle/Aufregungen in der Welt sind mir einfach zu blöde. Ich ignoriere sie. Wenn alle Welt die Emotion/ das Gefühl huldigt, sie sicher Teil der Persönlichkeit sind, würde ich mir dennoch anachronistisch wünschen, wir verstünden die Wechselwirkung zwischen Motivation und Information und Ratio/Vernunft wieder besser. Dafür ist Langeweile ein bezaubernder Zeitvertreib.
    Wer erregt ist, spürt sein/das Leben. Es dürfte mehr die Erregung sein, als die Nachricht, die Energie hinter den Emotionen, als die Meldung, das Gefühl, als die Information. Bitter für den Gedanken der Aufklärung. Insofern ist es nicht das Digitale, sondern das Hervorheben der Emotion/ des Gefühls zur Ratio/Vernunft in Botschaften und zur Reflexion der Persönlichkeit.
    Ich mag nicht der Unterdrückung von Emotionen reden, aber sie können auch des Irrtums erliegen in Folge z.B. einer Lüge oder dummen Überzeugung.
    Es ist wichtiger geworden, nicht was eine Botschaft/Information enthält, sondern wie sie vermittelt wird: Ziel, Erregung, Empörung, Aufmerksamkeit. Die Jungen haben das, glaube ich, besser verstanden, als wir Ältere: Es ist nicht mehr die Frage, welche Informationen vermittelt werden, sondern welche Emotion angesprochen werden soll. Es ist ein Wertigkeitswechsel, den wir selber betrieben haben.

    • Vielen Dank für Ihre sehr interessanten Ausführungen, @Mussi!

      Darf ich den Versuch einer Interpretation wagen?

      Wenn ich Sie richtig verstehe, machen Sie darauf aufmerksam, dass die Werbe- und Produktionsindustrien auch mithilfe der Wissenschaften und neuen Medien sehr viel “emotional kompetenter” geworden sind und uns als KonsumentInnen etc. also stärker denn je ansprechen und auch manipulieren können. Deswegen werde es immer wichtiger, dass auch wir selbst Freiheit dadurch zurückgewännen, dass wir unsere eigenen Emotionen verstehen und kontrollieren, statt uns nur treiben zu lassen.

      Habe ich damit Ihren Gedankenansatz einigermaßen getroffen?

      • @Michael Blume:
        Zumindest trifft ihr Post meinen Gedankenansatz vom vergangenen Sommer, den ich hier mitgeteilt hatte: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/der-bevoelkerungsaustausch/ (v.a. in meinem Beitrag vom 14.07.2019, 22:30 Uhr, letzter Absatz).

        Als Anhänger der guten alten Aufklärung plädiere ich ganz allgemein dafür, die eigenen Emotionen zwar jederzeit zuzulassen, aber immer auch sachlich zu betrachten und einzuordnen, anstatt ihnen die Kontrolle über das eigene Handeln vorbehaltlos und vollständig (und womöglich auch noch voreilig) zu überlassen. Die “drei Vs” also, vor denen man sich beim Thema Gefühle in Acht nehmen muss.

        Wie vor zu viel Zucker. Aber auch hier gilt: Den Zucker durch etwas anderes ersetzen hilft letztlich nicht. So wirken Süßstoffe abführend und sind möglicherweise krebserregend. Wer es wirklich süß will, wird am Ende doch lieber den ganz normalen Zucker nehmen und eben darauf achten, es nicht zu übertreiben.

        Desgleichen beim Medienkonsum – wer sich unterhalten will, liegt mit Unterhaltungsmedien schon richtig, und wer sich mal aufregen will, sollte sich mit Aufregern beschäftigen, die machen ihre Sache schon recht gut. Nur muss man eben auch da wissen, wann es genug ist und wann man den Bildschirm ausmachen sollte.

        Und genau wie beim Zucker und bei den Emotionen, die einen ja auch nicht alleine seelig machen und gut durchs Leben bringen, greift beim Medienkonsum früher oder später der von @bote im 1. Beitrag genannte Überdruss und Verzicht. Die Frage ist nur, ob “später” nicht vielleicht “zu spät” sein könnte, aber das ist individuell zu beantworten.

        Womit die Sprache auf den Bereich “Gesetze” kommt – gesetzliche Einschränkungen sind immer Einschränkungen der individuellen Freiheit und als solche nicht automatisch zu befürworten, sondern im Gegenteil ist jedes Mal von Neuem zu prüfen, ob dieses konkrete Gesetz wirklich sein muss. Eine Bevormundung lehne ich ab. Warnhinweise und Aufklärung halte ich hingegen für sinnvoll.

        Derzeit wird ja um Lebensmittel-“Ampeln” gerungen. Wer weiß, ob nicht in ein paar Jahren “Nachrichten-Ampeln” eingeführt werden, die darauf hinweisen, wie emotional oder auch spekulativ ein Beitrag ist?

  6. @Blume

    In etwa.
    Irgendwie ist ja alles Angebot und Nachfrage oder Nachfrage und Angebot.
    Sich seiner selbst und seines Nächsten bewusst zu sein, zu wissen, was Persönlichkeit ausmacht, hilft auf jeden Fall seine Wahl zu treffen oder auch nicht. Und seine Wahl zu treffen ist manchmal reflektierter, als seine Impulskontrolle zu verlieren.
    Es kann befreiend sein, ja.

    • Lieben Dank, @tranquebar & @Mussi

      Zum Thema “Freiheit” (@tranquebar) und freie “Wahl” (@Mussi) möchte ich noch auf die breit begrüßten Verbote von Werbeanrufen (“Cold Calls”) auch durch die deutschen Gesetzgeber hinweisen. Denn als das Telefonieren immer billiger wurde, wurden Bürgerinnen und Bürger von oft bedrängenden und nicht selten betrügerischen Anrufen aus Call-Centern überschwemmt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ernsthaft behauptet worden wäre, das Verbot von Cold Calls schränke die “Meinungsfreiheit” der Verkäufer ein und die Leute sollten sich eben “individuell” wehren, statt auf besseren Gesetzen zu bestehen.
      https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Sachgebiete/Telekommunikation/Verbraucher/UnerlaubteTelefonwerbung/unerlaubtetelefonwerbung-node.html

      Aus meiner Sicht spricht das sehr stark dafür, beides zu tun: 1. Die individuelle Medien- und Emotionskompetenz zu fördern und 2. mit besseren Gesetzen werbefinanzierte Geschäftsmodelle zu regulieren.
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/

      • Ich sehe doch noch einen gewissen Unterschied zu den “Cold Calls”, da diese ja von außen auf mich eindringen, ich selbst dabei also völlig passiv bleibe und nicht darum gebeten habe. Wenn ich hingegen im Internet oder sonstwo nach Informationen suche, werde ich selbst aktiv und trete an andere heran.

        Mit “Meinungsfreiheit” hat beides erst einmal nichts weiter zu tun. Der Punkt ist eher, dass man ein Recht darauf hat, von anderen in Ruhe gelassen zu werden (ähnlich kann man ja auch die Rauchergesetze begründen, z.B. bzgl. des Passivrauchens). In diesem Zusammenhang würde m.E.n. auch ein Gesetz stehen, dass sich mit dem Beantworten beruflicher Emails in der Freizeit beschäftigt. All diese Bereiche sehe ich also gewissermaßen als “verwandt” an.

        Hier steht ja aber eher im Raum, mit welcher Technik/Taktik sich Werbung, Politik, Populisten usw. die Aufmerksamkeit des Publikums sichern. Das ist doch noch ein anderer Sachverhalt, da ich ja jederzeit auf die sozialen Medien verzichten, den Fernseher ausmachen, am PC-Bildschirm auf etwas anders klicken kann. Zugegebenermaßen ist die charakterliche Reife dazu etwas, was erst entwickelt werden muss, und nicht jedem ist der dafür vorteilhafte Gleichmut gegeben, aber das sind Dinge, die man eher auf der Schiene der Schulung und der Aufklärung lösen sollte.

        Und wie erzeugt man möglichst häufige und lange Aufmerksamkeit? Durch möglichst viele “Aufreger”, also auf Emotionalisierung setzende, mediale “News”!

        Plakativ gesagt: Dagegen hilft die sich mit der Zeit ohnehin einstellende Abstumpfung, der Überdruss. Heute achten immer mehr Menschen bewusst darauf, wie zuckerhaltig ihre Ernährung ist. Es sind immer noch nicht so viele, wie es wünschenswert wäre für die “Volksgesundheit”, aber bitte. Mit dem Medienkonsum wird es sich über die Zeit ähnlich verhalten und die Entwicklung läuft ja bereits, zum Beispiel hier: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-ich-facebook-und-instagram-verlasse-gedanken-zur-medienethik/

        Diese Entwicklung ist auch nicht neu. Kürzlich las ich mit meinen Kindern das Buch “Die Brücke nach Terabithia”. Dort wird das neu ins Dorf gezogene Mädchen Leslie von den anderen Kindern ausgelacht, weil sie keinen Fernseher zu Hause hat. Ihr Freund Jess weiß als einziger, dass das nicht an Armut liegt, denn Leslies Eltern sind tatsächlich viel reicher (und auch gebildeter) als der Rest des Dorfes. Sie haben sich nur bewusst für Bücher und Kultur und gegen die billige Massenunterhaltung entschieden. Worauf ich hinaus will, wird am Erscheinungsjahr des Buches deutlich: 1977! Die Entwicklung hin zu weniger Medienkonsum, ebenso wie zu gesünderer Ernährung usw., ist also keineswegs neu.

        Immer mehr Leute haben den großen Fernsehbildschirm im Wohnzimmer nur noch für ihre Spielekonsole, und diese Entwicklung wird, nach einer Weile, die vielleicht gar mehr nicht so lange dauert, wenn man die allgemeine Beschleunigung bedenkt, auch auf Soziale Medien übergreifen.

        Bis dahin ist es allerdings notwendig, die bereits geltenden Gesetze (keine Beleidigung, keine Anstiftung zu Straftaten usw.) auch dort durchzusetzen. Rechtliche Zugangsbeschränkungen erscheinen mir hingegen nicht sinnvoll, diese Energie sollte lieber in die Stärkung der “Emotionalen Eigenkompetenz” der Leute gesteckt werden.

        Bzgl. der werbefinanzierten Geschäftsmodelle halte ich es für ausreichend, wenn eine gesetzliche Hinweispflicht umgesetzt wird, die eine einfache Einordnung auf den ersten Blick und ohne jede Vorbildung ermöglicht (ich nannte schon das Beispiel einer “Ampel”). Der entscheidende Punkt dabei ist m.E.n. die eingangs von mir dargestellte Sachlage: Die Werbung darf nicht auf mich einprasseln, ohne dass ich mich wehren kann (wie ein Telefonanruf, bei dem ich ja nicht weiß, ob es Werbung ist und den ich deshalb annehmen “muss”). Suche ich aber gezielt nach werbefinanzierten (und damit finanziell kostenlosen, weil anders, nämlich mit meinen Daten bezahlten) Angeboten, so ist das meine bewusste Entscheidung, die mir auch zusteht. Hier genügt ein deutlich sichtbarer und unmissverständlicher Hinweis, dass ich die erbrachte Leistung mit meinen Daten bezahle (ähnlich wie heute die Warnhinweise bzgl. Cookies oder die Informationen auf Zigarettenschachteln), dann liegt die Entscheidung bei mir, ob ich fortfahren möchte oder nicht. Ein Verbot derartiger Angebote würde mir zu weit gehen.

        • @tranquebar

          Ja, einen Aspekt sehe ich ähnlich: Nach einer Phase der Begeisterung beginnen immer mehr Menschen selbst zu reflektieren, was ihnen an den “neuen Medien” gut tut und was sie auch wieder reduzieren und hinter sich lassen. Bei den jüngeren Generationen nicht nur in Europa ist zum Beispiel “Facebook” längst “out” und auch immer mehr Erwachsene steigen wieder aus und gewinnen die Kontrolle über ihr Leben und ihre Daten zurück.

          Allerdings sehe ich eben auch das ständige Auftauchen “neuer Medien”, die eine Anpassung erschweren. So hat beispielsweise das Auftreten auch komplexer Serien (die auch meine Familie liebt) den Fernsehkonsum wieder enorm belebt, bis hin zu Schlafmangel und “Binge Watching”. Die höhere Qualität hat dabei auch mit Abo-Finanzierungsmodellen zu tun, die auf Werbeeinspielungen verzichten.

          Ebenso hat Facebook auf seine langsam schwindende Resonanz bereits mit dem Kauf von Instagram und WhatsApp reagiert – je mit der Verknüpfung von Daten. So werden Aufmerksamkeit, Zeit und Daten der User weiterhin als Werbekunden verkauft.

          • Nach einer Phase der Begeisterung beginnen immer mehr Menschen selbst zu reflektieren, was ihnen an den “neuen Medien” gut tut und was sie auch wieder reduzieren und hinter sich lassen.

            Wie die Schwärmerei als erste Phase einer Liebesbeziehung. Aber das ist doch immer so, es entspricht der menschlichen Natur.

            Allerdings sehe ich eben auch das ständige Auftauchen “neuer Medien”

            Ja, denn die Firmen wollen ja was verkaufen. So wie auch immer “neue” Moden auftauchen (Kleidung, Ernährung, Sportarten usw.usf.), auf die erstmal jeder begeistert aufspringt, bevor sich dann bei einigen Ernüchterung einstellt, während andere ihren Seelenfrieden gefunden haben. Ist ja in der Politik nicht anders: Jede Woche wird “eine neue Sau durchs Dorf getrieben” beim verzweifelten Versuch, oberflächlichen Modeerscheinungen nachzujagen in der irrigen Annahme, sie wären relevant. Ich erinnere mich da gerne an den Spruch, dass erst in x Jahren wieder gewählt wird und entscheidend ist, wieviel Stimmen man dann bekommt, nicht wie die Zustimmungswerte jetzt sind. Leider kann ich das nicht mehr im Original zitieren und weiß auch nicht mehr, von wem das ist.

            @Finanzierung:
            Nun ja, es gibt eben derzeit 2 große Modelle:
            Abo-Finanzierungsmodelle und Aufmerksamkeit, Zeit und Daten der User [an] Werbekunden verkauf[en]

            Ich halte das nicht per se für schlecht, sehe aber, dass die, die es sich leisten können (oder wollen), ihre Daten behalten, und die anderen nicht (wobei sie natürlich die Wahl hätten, einfach ganz zu verzichten). Auch hier läuft es letztlich auf die Frage hinaus, was mir wichtiger ist: Der Konsum oder meine Daten? Wenn man bedenkt, wie manche Leute hinsichtlich ihre Ernährung, Alkoholkonsum oder Ähnlichem mit ihrem Körper umgehen, darf man sich nicht wundern, dass es Leute gibt, die ganz klar und bei voller Erkenntnis der Tragweite sagen, dass ihnen ihre Daten egal sind. Diese Haltung unterstütze ich zwar selbst nicht, halte es aber für richtig, sie grundsätzlich zu ermöglichen. Zumindest wäre es inkonsequent, das beim Medienkonsum unterbinden zu wollen und bei anderen Dingen nicht. Wichtig ist, dass die Leute informiert werden und dass man Jugendliche aufklärt, wie man es ja beispielsweise bei Alkohol und Tabak auch tut. Dass man damit keinen flächendeckenden Erfolg hat, ist in einer freiheitlichen Gesellschaft zu akzeptieren. Gegebenenfalls ist darüber nachzudenken, den Zugang (beispielsweise zu Whatsapp usw.) für Kinder & Jugendliche zu begrenzen oder besser zu kontrollieren, ähnlich wie man das mit den Alkopops getan hat.

    • Ich würde schon die Mythen und Rituale der Wildbeuter, später auch städtische Kunst, Religion, aber auch das “panem et circenses” der alten Römer unter dem Begriff “Emotionsbewirtschaftung” umfassen, die moderne Werbung sowieso. Wir Menschen sind nun einmal emotionale Wesen und politische, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Akteure, die das nicht berücksichtigen, bleiben unter ihren Möglichkeiten. Wo dagegen “Emotionsbewirtschaftung” in Manipulation übergeht, um den Betroffenen zu schaden, würde ich das für unethisch halten, ja.

  7. @Blume
    Ja,positiv verstanden geht das Richtung Chance auf Mündigkeit des Individuums und Gesellschaften.
    Man muss die Manipulationen klar herausarbeiten und ansprechen.
    Das ist bei sich widersprechenden Glaubens- und Wissensfragen aber nicht so einfach,da jeder jedem Manipulation vorwerfen und behaupten kann.
    Der Begriff schreit gerade danach,sich wieder mit Wahrheit auseinander zu setzen.

  8. @Blume
    Danke für den Tip.
    Beispiel: Die Evangelikalen in den USA haben qua ihrer Sakramente auf das achte Gebot geschwört, du sollst nicht lügen. Und unterstützen einen Präsidenten, der zigfach am Tag lügt, verschwört.
    Wie bekommen die das auf die Kette?

  9. Danke für die links.
    Ja, schade, dass das Internet vom Bildungsinstitut zur Kampfzone wurde. Es ist schwer, dass eine vom anderen zu trennen.

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