Antoinette Brown Blackwell als Starke Frau entdeckt

Seit vielen Jahren kämpfe ich mit Texten und Worten relativ erfolglos darum, Antoinette Brown Blackwell (1825 – 1921) dem Vergessen zu entreißen. Sie fehlte in praktisch keinem meiner Bücher, “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” war ihr gemeinsam mit Meinhard Tenne (1923 – 2015) sogar gewidmet. Doch erst als ich in der Hoaxilla-Folge “Verschwörungsmythen” mit einiger Emotion über ABB gesprochen hatte, kam Bewegung in die Sache.

Auf erfreuliche Nachfragen stellte ich mein altes, längst aus dem Handel genommenes eBook “Antoinette Brown Blackwell – Die erste Evolutionsforscherin” kostenfrei als pdf zur Verfügung – hiermit auch gerne & aus Überzeugung auf dem scilog. Greift gerne – Klick! – zu und baut bitte darauf auf!

Genau das haben die wundervollen Podcasterinnen Cathrin Jacob und Kim Seidler in “Starke Frauen” gemacht. Eine bessere Digital-Umgebung als genau diesen Podcast hätte ich mir für die Wiederentdeckung von ABB auch als Vorbild z.B. für meine Kinder nicht erträumen können. Danke!

Starker Podcast, Spitzen-Folge: Antoinette Brown Blackwell in “Starke Frauen” von Cathrin Jacob und Kim Seidler. Screenshot: Michael Blume

Inhaltlich habe ich an dieser gelungenen Podcast-Folge null auszusetzen und nichts hinzuzufügen. Gleichwohl möchte ich die Frage der beiden Podcasterinnen gerne aufgreifen: Warum ist mir diese Person der Geschichte auch emotional so wichtig?

Das hat – soweit ich mich selbst verstehen kann – drei Gründe:

  1. Antoinette Brown Blackwell steht für mich als eine nicht fehlerlose, aber genau deswegen vorbildliche Kämpferin für Gerechtigkeit: Sie kämpfte als “Suffragette” für das Wahlrecht auch der Frauen, als “Temperantialistin” gegen Alkoholismus und Gewalt in Familien, als “Abolitionisten” für die Abschaffung der Sklaverei und schließlich als Pastorin und Wissenschaftlerin für die Öffnung der Religion zur Gleichberechtigung und zur empirischen Wissenschaft, konkret der Evolutionstheorie. Ich behaupte: Wenn nicht eine Ehefrau und mehrfache Mutter, sondern irgendein Mann auch nur die Hälfte dieser Kämpfe erfolgreich gefochten hätte, wären ihm Statuen errichtet und Filme gewidmet worden. Dass ABB dagegen weitgehend in Vergessenheit geriet, empfinde ich als zutiefst ungerecht.
  2. Antoinette Brown Blackwell steht für mich damit auch für die verzerrten Wahrnehmungen zwischen Deutschland und den USA. Viele US-AmerikanerInnen kennen vom Deutschland des 19. Jahrhunderts wenig mehr als ein Pickelhauben-Kaiserreich und Friedrich Nietzsche. Und umgekehrt kennen viele Deutsche von den USA des 19. Jahrhunderts wenig mehr als den Bürgerkrieg und den KuKluxKlan. Wie großartig wäre es, wenn wir gegenseitig auch unsere besseren Traditionen kennenlernen und einander darin bestärken würden? Deutschland hat eine Bundeskanzlerin, die USA endlich die erste Vizepräsidentin. Wann, wenn nicht jetzt? Warum sollten wir nicht jetzt unsere Kenntnisse und Zivilreligionen im Dialog miteinander weiterentwickeln?
  3. ABB steht für mich zudem dafür, dass empirische Wissenschaften völlig unabhängig von Geschlechtern, Hautfarben und Regierungen funktionieren. Sie war keine “Widersacherin Darwins” in dem Sinne, dass sie die Evolutionstheorie abgelehnt hätte, im Gegenteil: Antoinette Brown Blackwell entdeckte einen Fehler in Darwins Argumentationen zur sexuellen Selektion beim Menschen, der bis heute nachwirkende Folgen hatte. Wieviel besser wäre auch die Geschichte der Wissenschaften verlaufen, wenn Darwin und andere ihr “The Sexes throughout Nature” gelesen und ernstgenommen hätten? Oder andersherum formuliert: Die Frauenfeindlichkeit gegenüber ihrer beeindruckenden Arbeit erwies – und erweist – sich auch als Wissensfeindlichkeit. Diskriminierung zwischen Menschen schadet der Erkenntnis, die wir als Menschheit (wohl zu langsam) gewinnen.

Auch in meinen KIT-Seminarvortrag zu Karl Popper 2021 und unserem Zeitalter der Falsifikation hatte ich Antoinette Brown Blackwell aufgenommen. Wenn starke Frauen den Kampf nie aufgegeben haben, warum sollte ich es tun? Danke an die PodcasterInnen von Hoaxilla und Starke Frauen für die Unterstützung bei der Wiederentdeckung von ABB!

Antoinette Brown Blackwell als Beispiel im Kampf zwischen Empirismus und männlich dominierter Induktion. Aus dem Popper-Falsifikation-Vortrag am KIT 2021, Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. Jetzt muss sich doch erst einmal das wunderschöne, besonders am heutigen Gedenktag herzzerreißende Kaddish von Maurice Ravel setzen….🎼.
    Selbst aus persönlichen Gründen kein Twitter-Teilnehmer, freue ich mich doch immer auf das virtuelle morgendliche “Tässle Kaffee”, das hier am Ende des Podcasts immer eingeblendet ist, und habe schon viele, auch mich bewegende Links an Familie und Freunde weitergeleitet…., so natürlich auch diesen.
    Und jetzt: Danke an Kim und Cathrin für ihre Würdigung von Antoinette Brown Blackwell. Und besonders freue ich mich immer wieder, dass es auch viele Männer gibt, denen die Gleichberechtigung der Frauen so am Herzen liegt. Danke daher auch an Sie, Michael Blume, für Ihre wirklich glaubwürdige Anteilnahme an dieser Problematik.
    Besonders die Erfahrung, dass Frauen gerne, wenn es in maskulinistischer “Argumentation” eng wird, das Wort abgeschnitten wird, kann ich nur teilen. Ich hatte über meine Erfahrungen hiermit (ich glaube in den Kommentaren zur Burschenschaftsfolge) schon einmal berichtet. So wurde ich nach dem Studium als wissenschaftliche Assistentin gefragt, ob ich als Gleichstellungsbeauftragte für meine Fakultät kandidieren wolle. Ich wunderte mich damals, stimmte fast widerwillig zu, nicht zuletzt in der Hoffnung, es werde hier wenig zu tun sein, – so what? Wozu sollte es am Ende des 20. Jahrhunderts einer Gleichstellungsbeauftragten bedürfen? – Schnell musste ich allerdings erfahren, dass ich die “Rechnung ohne den Wirt” gemacht hatte. In einem Berufungsverfahren zu einer Professur stand der Wunschkandidat irgendwie schon fest und man versuchte mit aller Kraft, ihn durchzusetzen. Ich selbst mochte ihn auch, bestand aber (selbst gerade erst in der neuen Demokratie angekommen) auf einem fairen Verfahren, in dem alle Bewerberinnen und Bewerber die gleiche Chance bekommen sollten. Nun war ich damals noch jung und recht schüchtern, sah mich doch aber meinem Mandat als gewählte Gleichstellungsbeauftragte verpflichtet und reklamierte die Chancengleichheit in einer Fakultätsratssitzung. Immerhin hatte ich mich wirklich gefreut auf die neue Demokratie. Umso erschrockener war ich über über die Reaktionen auf meinen Einwand. Eine davon (“Halt die Klappe, Sandra!” ) und ein weiteres Erlebnis haben mich dann dazu bewogen, meine Stelle an der Uni vorzeitig hinzuschmeißen. Ich bereue dies heute, verordne mir immer wieder einen “gesunden Opportunismus”, krieg das dann aber doch nicht “gebacken” und trete zwangsläufig immer mal wieder in’s Fettnäpfchen. Und das Ding mit dem “Böckchen” zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Sicherlich musste auch schon der eine oder andere in den Kommentarspalten darunter “leiden”, sorry, falls es jemand so empfunden haben sollte, es ist niemals böse gemeint!
    Aber in einer Welt, in der mutigen Frauen wie Antoinette Brown Blackwell noch immer nicht angemessenes Gehör geschenkt wird, sucht man (frau) nach Alternativen. Und man setzt alle zur Verfügung stehenden Mittel ein. Und das “Böckchen” hat sich – man möchte es nicht glauben – sogar im Berufsleben schon häufig als sehr effizient erwiesen, wenn überzeugende Argumentation maskulinistischer Selbsherrlichkeit nicht “Herr” (Frau) wird. Schon oft habe ich diese Taktik anwenden müssen; wenn nichts mehr half, und ich habe viele Kollegen auf der gegnerischen Seite die Hände heben sehen, wenn sie – ob meiner Beharrlichkeit – über einem “zur Faust geballten” Gesicht förmlich die Hörnchen haben wachsen sehen. (Da bleibt dann tatsächlich kein Auge trocken 😉) – Ne, aber ernsthaft: Dies kann nicht die endgültige Antwort auf die Frage weiblicher Gleichstellung sein. … Schade, dass dies im 21. Jahrhundert noch immer konstatiert werden muss. 😢

    • Vielen Dank für die Rückmeldungen, @Sandy.

      Es ist tatsächlich meine tiefe Überzeugung, dass vielfältige Teams „mehr sehen“ und erfolgreicher sind als Monokulturen. Der Ausschluss von Antoinette Brown Blackwell war nicht nur ungerecht, sondern verzögerte auch wissenschaftliche Entdeckungsprozesse. Und, ja, ich fürchte, solche Vergeudungen geschehen auch heute noch wieder und wieder… 🤦‍♂️

  2. Habe inzwischen auch Ihren Beitrag von 2010 zu Antoinette Brown Blackwell gelesen und bin sehr berührt, auch von einigen Kommentaren und vermisse @Mona. Hoffentlich geht’s ihr gut und hoffentlich meldet sie sich bald mal wieder 📚🙂…
    Literarisch (hier bin ich etwas ahnungsvoller) findet Antoinette ja in ihrer weiblichen Rebellion gegen verkrustete patriarchalische Strukturen irgendwie eine Entsprechung in den Brontë-Schwestern, die ich immer wieder gerne lese (all ihren Romanen voran Charlottes “Shirley”, aber natürlich auch “Jane Eyre” und Emilys “Wuthering Heights”).
    Ihnen erneut ein Dankeschön, dass Sie meinen Horizont in vielerlei Hinsicht erweitert haben. Hätte mir bspw. jemand noch vor einem Jahr prophezeit, ich würde einmal ein Video der Konrad-Adenauer-Stiftung teilen, ich hätte ihn für vollkommen “gaga” erklärt.
    Wenn es also im Popperschen Sinne etwas immer und immer wieder zu falsifizieren lohnt, dann sind es Vorurteile!

  3. Lieber Michael, liebe Sandy,
    nicht nur sind Kim und ich gerührt von euren Worten, wir freuen uns wahnsinnig, dass unsere ABB-Folge mit dazu beiträgt, dass diese tolle Frau ein kleines Stückchen aus der Vergessenheit geholt wird.
    Wir sind immer wieder erstaunt über all diese Frauen, die uns vorgeschlagen werden, seien es Wissenschaftlerinnen, Autorinnen, Politikerinnen, Künstlerlinnen oder Aktivistinnen. Viele davon lernen wir erst in unserer Recherche besser kennen. Und wissen dann einmal mehr, warum wir diesen Podcast machen. Herzlichst, Cathrin Jacob

  4. Liebe Cathrin, liebe Kim,
    nein, umgekehrt habe ich zu danken, bin ich es, die gerührt ist, dass Ihr mich in Eure herzlichen Grüße einbezogen habt.
    Denn ich habe an diesem schönen Beitrag ja gar keinen Verdienst und freue mich, dass es immer wieder auch Männer gibt, die sich für Frauenrechte engagieren. (Nein, ich danke hier Michael Blume nicht ausdrücklich, ich glaube, das tue ich einfach schon zu oft, ich danke ihm einfach nur noch einmal in Gedanken…; nicht dass er glaubt, schon genug getan zu haben 😉 … ).

    Nein, solange in unserer Gesellschaft offensichtlich noch ein antiquierter Frauenbegriff die Runde macht – und, glaubt mir, das ist ein langjähriger, auch persönlicher Erfahrungswert – ist ein Podcast wie der Eure ganz wichtig!
    Ich zitiere einfach mal den Autor des “Don Quijote”, der mit seinem freundlichen Frauenbild eine erstaunliche Renaissance erlebt:

    “… was die Klugheit anbetrifft, so genügt es, wenn eine Frau nur nicht zu einfältig, töricht und beschränkt ist. Sie kann zufrieden sein, wenn ihre Scharfsinnigkeit nicht so scharf ist, dass sie sticht, und ihre Einfalt nicht so groß, dass sie davon Schaden hat.”
    (Cervantes Saavedra, Miguel de, Die beispielhaften Novellen, Leipzig 1978, hier: Die Macht des Blutes, S. 352 f.)

    Coole, vielsagende Aussage: Frauen sollten nicht zu dämlich sein (das könnte anstrengend werden), aber (denn dies wäre nicht nur anstrengend, sondern überdies gefährlich) auch nicht zu klug (was man ihnen aus biologistischen Gründen ohnehin nicht zutraut)… .

    Danke, dass es Euch und Euren Podcast gibt. Ihr beide beweist, dass die Cervantes-Diagnose in ihrer unterschätzten weiblichen Scharfsinnigkeit völlig neben der Sache liegt!

    Schade, dass es gestern mit der Absage des Bundesverfassungsgerichtes an eine gesetzlich normierte geschlechterparitätische Besetzung von Wahllisten schon wieder einen Rückschlag in Sachen Gleichberechtigung und passive Wahlgleichheit gab.

    Hoffentlich erreicht Euch meine Ermutigung; ich bin leider nicht auf “Twitter” unterwegs… . Alles Gute!

    • Vielen Dank, liebe Cathrin, liebe Kim, liebe Sandy für Euren Zuspruch und für die genialische Podcast-Folge! 🖖

      Versprochen, ich bleibe mit dran. Nicht obwohl, sondern „weil“ ich (durchaus gerne) Mann bin. Und feststellen muss:

      1. Diskriminierung ist ungerecht. Antoinette Brown Blackwell leistete Unglaubliches und wurde zu Unrecht (fast) vergessen.

      2. Diskriminierung schadet allen.
      Die Wissenschaft und auch die Religion(en) hätten sich schneller und besser entwickeln können, wäre ABB ernstgenommen worden. Wir verlieren alle gemeinsam, wenn wir Argumente nicht nach ihrer Qualität, sondern nach Alter, Hautfarben oder Chromosomensätzen der Äußernden beurteilen.

      3. Vielfältige Teams sehen mehr.
      Unseren Einsatz im Irak hätte kein Mono-Team geschafft. Erfolgreiche Teams sind divers, gleichen einander Schwächen und blinde Flecken aus und sehen mehr. Wer Vielfalt nicht integriert, sondern unterdrückt, ist ein/e schlechtere/r Vorgesetzte/r. ✅👩🏻‍🏫🖖

    • Ja, “La Guirlande de Julie” – das waren noch Zeiten der Wertschätzung gegenüber Frauen 😉 …
      Et oui, les salonnières: Nous ne pouvons pas les apprécier assez… .
      Sie sollten auch einmal ein eigenes Thema sein – ich denke nur an zwei starke Verfechterinnen jüdischer und weiblicher Emanzipation, wie Rahel Varnhagen oder Berta Fanta. Im Prager Salon der Letzteren war übrigens neben Albert Einstein auch (wie könnte es anders sein) Franz Kafka zu Gast 🙂

      • Und hier ein schöner Grund, die Kommentierungen zu diesem wichtigen Thema doch wenigstens zweistellig werden zu lassen: Das Highlight meines Tages 😍 heute in der Post – die Sonderausgabe der Jüdischen Allgemeinen “1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland”. Und dort (es war wohl Gedankenübertragung) S. 40 f. der Artikel “Auf einen Nachttee bei Rahel” – von Hannah Lotte Lund: “(…) Billets deuten an, was die Treffen zusammenhielt: neben Neugier und geteilten Interessen ein bewusst leicht gehaltener Ton. Witz, Ironie und Humanität überbrückten gesellschaftliche Differenzen und schufen eine kostbare, wenn auch zeitlich begrenzte Augenhöhe. Man darf die Bedeutung der Salons nicht an Namen messen. Die Brüder Humboldt, Heine und Kleist – sie alle kamen gerne zu Rahel, aber nicht als Dichter und Minister, sondern sie waren als junge Studenten unterwegs. Sie kamen als Suchende, fanden Geist und einen Freiraum zum Denken.” – Was für ein wunderschöner Traum, besonders in Zeiten des Lockdowns 😥… .

          • Ja, besonders auch die Wertschätzung für Samuel Fischer war mir sehr wichtig📚.
            Ihm und seinem Verlag haben wir den Zugang zu Dostojewskis Büchern zu verdanken, in neuerer Zeit auch die Herausgabe von Kafkas Werk wie auch Büchern so bedeutender Schriftstellerinnen wie Jane Austen, Virginia Woolf, Charlotte Brontë. Und das S.-Fischer-Verlags-Logo ist auch immer wieder ein verlässlicher Navigator auf der Suche nach guten Autorinnen und Autoren noch unbekannten Namens im Bücherdschungel der Neuzeit. So bin ich zufällig in meinem Supermarkt auf einen Teil der Quadrologie des “Friedhofs der vergessenen Bücher” von Carlos Ruiz Zafón gestoßen, ohne die ich mir das vergangene Jahr nicht mehr vorstellen möchte. Und auch die Ehrung unseres ehemaligen Gewandhauskapellmeister hat mich berührt und … überhaupt alles, auch anderweitig über die Musik Gesagte kann ich nur zu gut nachvollziehen und verstehen. 🎼🌧
            Aber jetzt ist es wohl an der Zeit, mich zurückzuziehen und die Runde für die an diesem Thema besonders interessierten und diskutierfreudigen Jungs zu eröffnen😉…

  5. Ich bin ja an sich keine Freundin der Autokommunikation (wenngleich ich natürlich das eine oder andere von mir vorgebrachte Argument nicht unsympathisch finde und daher gerne auch immer mal wieder teile 😉 ).
    Aber auf diesem Wege hoffe ich doch, den einen oder anderen offenbar doch Mitlesenden und sogar (wenn auch nicht eben üppig) Mitdiskutierenden (ich bleibe jetzt bewusst in der maskulinen grammatikalischen Form) zu motivieren, den Mut zu finden, sein eigentlich bestehendes Interesse für diese Thematik einfach mal zuzugeben.
    (Es bleibt ja letztlich anonym und “unter uns”…. 😉 )

    Neben den schriftlichen Beiträgen von Ihnen, lieber Michael Blume, höre ich auch gerne und regelmäßig Ihre verlinkten Vorträge und so sehr ich mich über eine frappierende Übereinstimmung trotz unterschiedlichster weltanschaulicher Ansätze (und letztlich wohl unüberwindbarer Grenzen) immer wieder freue, möchte ich auf einen (wahrscheinlich nur formellen, nicht inhaltlichen) Dissens hinweisen, der auch bei dem hier behandelten Thema alles andere als “off topic” sein dürfte.

    So halte ich Menschenrechte nicht lediglich für einen “Mythos”, der sich nicht an der Realität messen ließe und also empirisch nicht überprüfbar wäre. Dass es sich bei den Menschenrechten also nur um eine Erzählung handeln, die zwar ein Phänomen erklären solle, aber letztlich nur Spekulation bleibe, halte ich nicht nur für falsch, sondern sogar für gefährlich.
    Denn Menschenrechte wirken letztlich kraft des bloßen Menschseins; sie wirken “vorstaatlich”, quasi als “Naturrecht” als Abwehrrecht gegen Gewalt, Willkür und Ungerechtigkeit aller Art (nicht nur des Staates).
    Man mag hier streiten, ob man der sog. “Mitgifttheorie” oder der “Leistungstheorie” den Vorzug gibt oder einer Mischvariante.
    Sämtliche Menschenrechte leiten sich aus der “Menschenwürde” (bei uns Art. 1 GG) ab, sie gelten universal.
    Und diese universale Geltung als “Mythos” einzustufen, verwässert m.E. die Menschenrechte und birgt die Gefahr eines zu laschen Umgangs damit – etwa nach dem Motto: “Was ist schon ein ´Mythos`? Doch wohl nur das Gegenteil des ´Logos`?”
    Und dann fragt sich der eine oder andere Autokrat: “Wieso sollte ich mich ernsthaft an eine unbewiesene Erzählung binden? Da kann ich doch gerne auch mal aus dem UN-Menschenrechtsrat und dem einen oder anderen die Menschenrechte schützende Abkommen aussteigen… .
    Was sind schon Menschenrechte – doch nichts anderes als eine Art antiquierter, moralisierender ´Knigge`… .”

    Nein, schaut man sich die Menschenrechte an, sind sie doch die Widerspiegelung bewiesener, inzwischen sogar unwiderlegbarer Fakten und Erkenntnisse an sich.
    Nehmen wir allein den Gleichheitsgrundsatz, wonach niemand wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Ethnie, seiner Sprache, seiner Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Ansichten benachteiligt werden darf: Spätestens seit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wissen wir, dass es keine Rassen, schon gar nicht die Überlegenheit der “Weißen” und/oder “Arier” gibt, dass ein Schwulengen nicht existiert – ebenso wenig wie ein “Verbrechergen”, dass Frauen Männern gegenüber nicht minderwertig sind …. usw. usf…. .
    Es ist bewiesen, dass jeder biologistische, auch sozialdarwinistische Ansatz nichts anderes als gefährliche Demagogie bedeutet.
    Es muss doch ein zivilisatorischer Konsens sein, dass jeder Mensch das Recht hat, anders zu sein, seinen individuellen Weg zu gehen, ganz gleich aus welchen ererbten oder kulturellen Gründen und Ursprüngen.
    Freiheit darf nicht von Voraussetzungen abhängig gemacht werden (auch wenn sie spätestens dann Schranken unterliegt, wenn sie die Freiheit des/der Anderen gefährdet oder gar verletzt).
    Und somit sind die Menschenwürde und ihre weitere Präzisierung in den übrigen Menschenrechten kein Märchen, keine Erzählung, keine realiter etwa nicht beweisbare und damit nicht bestehende Größe. Sie sind kein Mythos.
    Und – deswegen komme ich bei aller Sympathie für ihn mit Popper (noch) nicht endgültig zusammen – sie sind schlichtweg auch nicht falsifizierbar. Man darf sie nicht einmal falsifizierbar halten, um sie nicht zu verwässern und zu relativieren. Nur so konnte wohl (beinahe hätte ich gesagt “Gott sei Dank”) verhindert werden, dass ein Mann, der die Vergewaltigung in der Ehe straflos stellen und den Kündigungsschutz abschaffen wollte, einer aus den Lehren schmerzhafter Vergangenheit hart errungenen Demokratie und einem Rechtsstaat wie dem unseren in Richtlinienkompetenz vorstehen wird. –

    Es ist so schwer, sich in den Kommentarspalten verständlich und vollständig ausdrücken zu können. Man möchte so gerne auch mal wieder reden, sich von Mensch zu Mensch über seine Gedanken austauschen können. 🙁

    Und noch immer – so gerade die “Eilmeldung” auf meinem Smartphone – ist kein Ende der schmerzhaften Beschränkungen grundlegender Menschenrechte und Freiheiten abzusehen. Selbst ein detaillierter und konkreter Plan hierfür wird nur vage in Aussicht gestellt.
    Ich hoffe, die Vernünftigen bleiben vernünftig, und gebe mein Bestes in der immer schwieriger werden Argumentation auch in meinem engsten Umfeld.. 🙁

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