Trauer um Meinhard Mordechai Tenne (26.05.1923 – 29.09.2015)

Heute wäre ich gerne in Deutschland, auf dem Friedhof Stuttgart-Steinhaldenfeld. Denn heute nehmen Angehörige, Freunde und Bekannte Abschied von einem ganz besonderen Menschen, von dem ich sagen kann, dass er auch mein Leben tief berührte: Von Meinhard Mordechai Tenne, der gestern verstarb.

Meinhard war ein besonderer Mensch – ein Überlebender der Schoah aus einer Berliner jüdischen Familie, der Mutter und Schwester an die NS-Verbrecher verlor, dann ein israelischer Offizier, der zuerst aus Pflicht und dann aus Zuneigung nach Deutschland heimkehrte, ein Unternehmer und schließlich Vorstand und Ehrenvorstand der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs K.d.ö.R., der dann auch noch bedeutende Beiträge zum jüdisch-christlich-islamischen Trialog der abrahamitischen Religionen leistete.

Letztes Jahr hatte ich hier zur Veröffentlichung seiner Biografie im vom ihm mitgegründeten Stuttgarter Lehrhaus gebloggt – ein Buch, das ich nach wie vor allen empfehlen möchte, die einen Helden der Versöhnung kennen und verstehen lernen wollen.

  MeinhardTenneLesung2014

Zwei Dinge, die ich von Meinhard lernen durfte

Die Freundschaft mit Meinhard begann an dem Tag, an dem wir uns kennenlernten – vor knapp zwei Jahrzehnten (und auch jene Begegnung nahm er in seine Biographie auf). Damals leitete ich als Jungspund gemeinsam mit dem Muslim Murat Aslanoglu die Christlich-Islamische Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e.V. Doch unter einigen Mitgliedern gab es Bestrebungen, diesen Dialog im Sinne einer christlich-muslimischen Allianz gegen Juden auszurichten, wie sich auch umgekehrt in einigen christlich-jüdischen Dialogkreisen Vorbehalte gegen Muslime sammelten. Also wandten sich Murat und ich mit dem Wunsch an die Stuttgarter jüdische Gemeinde, “mit jemandem darüber zu sprechen, ob sich der Dialog nicht in einen Trialog öffnen ließe”.

Empfangen wurden wir von einem fröhlich strahlenden Vorsitzenden mit weißem Haar und lachenden Augen und den Worten: “Auf Euch habe ich gewartet!”

Noch wussten wir gar nichts über Meinhards dramatisches Leben und den tragischen Verlust engster Angehöriger, seinen Neuanfang in Deutschland und sein oft hartes Ehrenamt in der Israelitischen Religionsgemeinschaft. Denn er freute sich einfach riesig, dass “endlich jemand aus der jungen Generation aktiv wird, denen es um die gemeinsame Zukunft geht – nicht um die Vergangenheit”.

Und so saßen wir in der Bibliothek der jüdischen Gemeinde und wurden Freunde, die wir seitdem geblieben sind. Wir richteten nicht nur viele gemeinsame Veranstaltungen aus – in deren Verlauf Meinhard zum jüdischen Ehrenmitglied der CIG Region Stuttgart wurde -, sondern trafen uns auch immer wieder zum “abrahamitischen Stammtisch”: Treffen sich ein Jude, ein Christ und ein Muslim in einem schwäbischen Lokal…

In Erinnerung blieb mir die enorme Wirkung Meinhards nicht nur auf uns, sondern auf viele junge Menschen – gerade auch mit Migrationshintergrund – die oft zum ersten Mal wirklich mit einem Juden zu tun hatten. Unvergessen auch die Aahs und Oohs, als wir einen Besuch eines islamischen Gemeindevorstands in der Synagoge organisiert hatten – und Angehörige beider Seiten bei der Besichtigung und dem gemeinsamen Essen entdeckten, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich haben! Ich lernte (im wohltuenden Kontrast zum Studium der Religions- und Politikwissenschaften): Gegen Vorurteile helfen weniger theoretische Argumente, sondern eher echte Begegnungen!

Und ich lernte von Meinhard, dass diese Vorurteile niemandem von uns ausgehen. Als ich meinen ersten eBook-Versuch “Religionen der Menschheit” veröffentlichte, widmete ich diesen – klar – Meinhard und Murat. Vor unserem nächsten Telefonat hatte ich mir also bereits eine Erklärung zurecht gelegt, um einem fast 90jährigen das Konzept des eBooks zu erläutern. Doch ich hatte meinen ersten Satz kaum beendet, als er fröhlich unterbrach: “Tolle Sache, Michael – schick mir doch einfach gleich den Link! Ich lade es gleich auf mein Kindle! EBooks sind klasse, weil, mit einem dicken Wälzer zum Arzt – das geht ja nun gar nicht!”

So war er, der Meinhard. Und so wird er weiterleben, auch in unseren Erinnerungen: denen seiner lieben Frau, seiner Kinder und Enkel, seiner Verwandten, Freunde und Bekannten.

Und wir teilen ja eine Hoffnung – dass unser aller Wege zum Einen führen mögen. Ich hoffe (und glaube), dass wir uns irgendwann wiedersehen dürfen. Murat und ich werden hoffentlich ein Lokal betreten dürfen und an unserem runden Stammtisch einen strahlenden, weisen Herren antreffen. Er wird aufstehen, schmunzeln und sagen: “Ich habe schon wieder auf Euch gewartet!”

Und dann werden wir weinen und lachen.

Sei gesegnet, lieber Meinhard Mordechai!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Du hast mich mit deinem Nachruf bereits jetzt zum Weinen und Lachen gebracht, lieber Michael. Auch ich wäre jetzt viel lieber in Stuttgart als gerade in Singapur. Um dir, lieber Meinhhard, die letzte Ehre zu erweisen. Mein Mitgefühl ist mit deiner lieben Frau und Familie. Du hast immer wieder mein Herz berührt. Es war mir jedes Mal eine Freude, dich bei unseren Treffen freuen und lächeln zu sehen. Ich danke dir für unsere Freundschaft und Verbundenheit, für die Zeit und Raum unbedeutend sind. Möge deine Seele in der Präsenz unseres Schöpfers wahre Schönheit und ewigen Frieden erleben. Ich bitte Ihn um einen ganz besonderen Ort und Tisch für unser Wiedersehen im jenseitigen Leben. Und sehe dich lächelnd uns empfangen.

    • Vielen Dank, @Stefanie! Ja, der lustige “Zufall” mit den drei M ist uns natürlich auch aufgefallen. Unsere Eltern kannten sich aber natürlich nicht, insofern war es Zufall – oder Schicksal! 😉

  2. Michael und Murat, ein herzliches Dankeschön für die warmen Worte der Zuneigung und Respekt. Papa hat mir, leider zu selten über eure Begenungen erzählt, es ging dabei immer um eure Persönlichkeit die er sehr schätzte. Um eure Generation die was bewegen will. Dafür hatte er sehr grossen Respekt. Mir und meinem Bruder Jan würde es sehr freuen an einem zukünftigen Treffen teil zunehmen.

    Danke für eure Anteilnahme.

    Jaakov Tenné

    Danke

    • Lieber Jaakov,
      lieber Jan,

      vielen lieben Dank für die liebe und bewegende Rückmeldung. Umgekehrt war es übrigens ebenso: Er hat stets voller Liebe (und mit weisem Vaterstolz) von Euch gesprochen und uns ja auch einander vorgestellt.

      Also wird der “abrahamitische Stammtisch” noch einmal zusammenkommen, mit uns vieren zu Ehren Eures Vaters. Das hätte ihn sehr gefreut bzw. freut ihn.

      Euch und der ganzen Familie G’ttes Segen und viel Kraft in diesen Tagen des Abschieds von einem besonderen Menschen.

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