Religionsforschung und Schlagzeilen – Soziale Kognition zwischen geizigen Religiösen, psychopathischen Atheisten und religiös geborenen Frauen

In den letzten Jahren hat die Evolutions- und Kognitionsforschung zur Religiosität einen enormen Aufschwung erlebt – entsprechend erscheinen inzwischen nahezu wöchentlich neue, auch bemerkenswerte Studien. Im Kampf um das knappe Gut der Aufmerksamkeit greifen Medien – und manchmal auch die Forschenden selbst – gerne auf “Zuspitzungen” zurück. Binnen Stunden erreichen mich diese dann immer wieder via Twitter und Facebook, verbunden mit der Frage, was “davon zu halten” wäre. Macht “Religion Kinder geizig” wie Telepolis im November – unter dem Jubel von Religionskritikern – titelte? Oder ist nun bewiesen, “Was Atheisten mit Psychopathen gemeinsam haben”, wie FOCUS Online am 25.03. textete, gefolgt von einer Beschwerde beim Deutschen Presserat durch die Humanistische Alternative Bodensee (HABO)?

AtheistenPsychopathenFOCUS2016Digitale Hinweise auf die neuesten “Zuspitzungen”. Screenshot vom Facebook-Profil

Sobald es die Zeit erlaubt, schaue ich mir die verlinkten Presseartikel und Studien dann natürlich auch gerne an – wobei sich regelmäßig herausstellt, dass die eigentlichen Ergebnisse sehr viel feiner, vorläufiger und auch interessanter sind als die um Aufmerksamkeit heischenden Schlagzeilen. Aber so ist nun mal das mediale Leben – und immerhin können wir mittels Wissenschaftsblogs ja auch diejenigen informieren, die gerne “etwas tiefer” schauen und sich nicht nur je nach Vorurteil freuen oder aufregen wollen. Also – was ist hier los? Sind Religiöse nun generell “geiziger”, Atheisten grundsätzlich “psychopathologischer” und Frauen irgendwie religiöser?

Die klare Antwort darauf ist: Nein, so einfach sind die Zusammenhänge selbstverständlich nicht. Vielmehr stehen alle genannten Schlagzeilen im Kontext spezieller Fragestellungen der Evolutions- und Kognitionsforschungen zur Religiosität (dem Glauben an höhere Wesenheiten), bestehen doch kaum noch begründete Zweifel daran, dass sich auch religiöse und spirituelle Fähigkeiten in der Evolutionsgeschichte des Menschen herausgebildet haben (vgl. “Homo religiosus”). Entsprechend gibt es eine große Vielzahl von interdisziplinären Forschungen dazu. Dabei hat sich bereits ein zunehmend fester Konsens herausgebildet: Religiosität baut auf den “sozialen Kognitionen” (Wahrnehmungen) des menschlichen Gehirns auf.

Sie kann also gut beschrieben werden als Nebenprodukt-Bündel “normaler” kognitiver Fähigkeiten aus dem (“sozialen”) Umgang mit anderen Lebewesen, die dann eigene, adaptive Formen und Funktionen übernommen hat (also eine so genannte Exaptation bildet). Konkret fördern gemeinsame, religiöse Überzeugungen empirisch beobachtbar Zusammenhalt und (potentiell) auch den Kinderreichtum in religiösen Gemeinschaften – allerdings nicht selten auch auf Kosten einer scharfen, intoleranten Abgrenzung zu Anders- und Nichtglaubenden. Hier bei Interesse eine kurze, filmische Einführung in das Forschungsfeld durch Quarks & Co.:

So weit, so klar. Nur ist es gerade in den Wissenschaften selbstverständlich immer so, dass hinter jeder Antwort gleich wieder neue Fragen auftauchen. Und so wird zunehmend intensiv diskutiert und erforscht, was genau “soziale Kognition” denn eigentlich sei (hier ein deutschsprachiger Sammelband dazu). Ganz offensichtlich ist sie “multidimensional” und gerade im Hinlick auf die Religion(en) lässt sich also fragen: Geht es vor allem um die Wahrnehmung von Wesenhaftigkeit und dessen Motiven (HAD & TOM, zusammen die sog. “Mentalisierung”)? Oder geht es darüber hinaus um das Mitfühlen (“Empathy”, “Moral Concern”)? Und erklärt die durchschnittlich etwas stärkere Ausprägung von sozialen Kognitionen bei Frauen auch deren durchschnittlich etwas stärkere Ausprägung von Religiosität?

SozialeKognitionFolieEin Schaubild zu den aktuellen Stichworten und Studien rund um Religiosität und ihre Grundlagen, die sozialen Kognitionen. Erstellt: Michael Blume

Die oben zitierten Studien stehen im Kontext dieser Forschungsdiskussion. So schrieben die Macher der Geizige-Kinder-Studie sogar selbst, dass “die stärkere In-Group-Kooperation von religiösen Menschen bekannt und belegt” (known fact) sei – und legten dann ihre Studienfragen gezielt so an (Kooperation mit Nichtverwandten der gleichen ethnischen, aber nicht religiösen Gruppe), dass religiöse Kinder “geiziger” abschneiden würden. Entsprechend stellte sich das gewünschte Ergebnis empirisch ein – und zu ein paar schnellen Schlagzeilen vor allem in religionskritischen Medien reichte es auch. Wir alle lieben es, unsere Vorurteile bestätigt zu finden… (Auch diese kognitive Präferenz hat einen Namen – Confirmation Bias, deutsch: Bestätigungsfehler.)

Dabei hätten sich die Studienergebnisse bei genauerer Betrachtung auch viel weitreichender lesen lassen: Soziale Kognitionen sind eben nicht einfach “altruistisch” oder gar “gut”, sondern kontextabhängig. Sie konstruieren “Nahbereiche” – Familie, Verwandte, Freunde, Glaubens- und Stammesgeschwister usw. -, mit denen wir mitfühlen und “Fernbereiche”, die uns kälter lassen. Der Tod eines nahen Verwandten (z.B. eines Vaters) trifft uns beispielsweise emotional intensiver als der Tod von sehr vielen Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel. In den sozialen Medien um Terror und Trauer sowie die inzwischen so genannte “Trauerkritik” werden diese Effekte daher auch überaus deutlich: Es macht für unsere jeweiligen sozialen Kognitionen eben erhebliche Unterschiede, wo und gegen wen sich Terrorattentate richten.

JesuisTerrorTrauerSchmerzliche Erkenntnisse zu unseren sozialen Kognitionen: Wir Menschen fühlen uns je nach Ort und Gruppenzugehörigkeiten der Terroropfer unterschiedlich betroffen. Schaubild zur “Trauerkritik”.

Ist das menschlich? Ja, unsere sozialen Kognitionen – lange evolviert in kleinen Gruppen – funktionieren nun einmal so. Ist das gerecht? Nein, und genau aus “diesem” Grund wird die Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, auch regelmäßig mit verbundenen Augen dargestellt: Sie soll die Beschuldigten eben “nicht” mit der sozialen Kognition, sondern unparteiisch-analytisch betrachten. Ebenso handelt ein Politiker, der Verwandte und Freunde regelwidrig bevorzugt, eben nicht “gut”, sondern korrupt. Deswegen greift jede Gleichsetzung von sozialer Kognition = gut entschieden zu kurz!

Die Macher der Atheisten-Psychopathie-Studie forderten dagegen mit ihrer Studie die bislang dominierende Lesart – etwa nach Ara Norenzayan und Jesse Bering – heraus, wonach Religiosität vor allem ein Produkt der Mentalisierung sei – der Wahrnehmung von Wesenhaftigkeit nicht nur in anderen Menschen, sondern auch in Tieren, Wolken, Felsen, Sternen und schließlich dem gesamten Universum. Ein starkes Argument für diese Verbindung und auch eine genetisch-hormonelle Komponente dabei spielten Befunde zum Autismus, der mit einer Störung der Mentalisierung verbunden sei – und massiv häufiger bei Männern auftritt und mit religiösem Nichtglauben einhergeht.

Die Forschergruppe um Anthony Ian Jack (University of Cleveland, Ohio) bezweifelte diese Annahme nun und vertrat dagegen die These, dass nicht nur die Mentalisierung, sondern erst die folgende Empathie mit den Anderen (der von ihnen so genannte “Moral Concern”) zum Glauben an “Gott oder einem universellen Geist” führe. Als “Paradebeispiel” dient ihnen dabei der Psychopath: Dieser sei oft ganz hervorragend zur Mentalisierung in der Lage, nutze diese auch gerne zur Manipulation, empfinde aber keinerlei Mitgefühl und eben “Moral Concern” für die jeweils Anderen. In acht Sub-Studien an US-amerikanischen Probanden finden sie diese These bestätigt, aus der sich dann also die vereinfachten Klischeebilder vom super-analytischen, auch mentalisierenden, aber eben nicht mitfühlenden Atheismus-Psychopathen einerseits und der weniger intelligenten, aber dafür stärker mitfühlenden, meist weiblichen “Religiös-Spirituellen” andererseits ergeben.

Was ist davon zu halten? Wenig überraschend ist die “zugespitzte” Aussage ebenso fragwürdig wie bei der “Geizige-Kinder-Studie”. Denn die Atheismus-Psychopathie-Forschergruppe legt für “Religion und Spiritualität” – die in der Forschung eigentlich längst unterschieden werden – einen bestimmten Maßstab an, der sich auf den wenig spezifischen Glauben an “Gott oder einen universellen Geist” sowie die “Liebe zu allen Menschen” richtet. Als Probanden nehmen sie US-Amerikanerinnen und Amerikaner, die sie vorwiegend über das Online-Tool des Amazon Mechanical Turk rekrutiert haben. Kurz gesagt “messen” sie eine sehr spezifische Glaubensform von überwiegend christlich sozialisierten WEIRDs (White, Educated, Industrialiced, Rich, Democratic). Ahnen- oder Engelglaube, Polytheismus, oder auch den etwa “fundamentalistischen” Glauben an eine strenge, die Sünder und Ungläubigen verdammende Gottheit haben sie von vornherein gar nicht im Blick. Stattdessen konzentrieren sie sich – bewusst oder unbewusst – auf eine extrem spirituell-mitfühlende Variante von Religion, die sie dann als “den Glauben” identifizieren, dem dann wiederum ein extrem analytisch-gefühlloser Atheist gegenübersteht…

Ihre Studie ist damit nicht wertlos, sondern bestätigt durchaus, dass verschiedene Gottesbilder eben auch mit verschiedenen, sozialen Kognitionen prozessiert werden. Wahnsinnig überraschend ist dies freilich nicht – muss Wissenschaft ja auch nicht immer sein -, es erlaubt aber vor allem keine generalisierenden Aussagen über “die Religiösen” oder “die Atheisten”.

Sind Frauen zum Glauben geboren?

Und so komme ich schließlich auch zur letzten Schlagzeile von Helene Pawlitzki vom Deutschlandfunk, die mit Bezug auch auf Forschungsarbeiten von mir wiederum einen Titel zuspitzte: “Frauen – geboren um zu beten?”

Wie Sie sich sicher vorstellen können (Mentalisierung + Empathie!), habe ich auch bei dieser Schlagzeile erst einmal heftig geschluckt und Schlimmes befürchtet – doch wies dann immerhin das Fragezeichen schon mal die richtige Richtung und der Inhalt schließlich auch…

ReligioeseFrauenFacebookSchlagzeileDenn selbstverständlich sind nicht “die Frauen” religiöser, sondern Frauen weisen eben im Durchschnitt eine höhere soziale Kognition auf – was, siehe oben, sehr wahrscheinlich wie Autismus auch (nicht: nur!) genetisch-hormonelle Ursachen hat. Dies legt aber meines Erachtens nach Frauen ebensowenig auf eine religiöse Rolle fest, wie umgekehrt die durchschnittlich erhöhte Körpergröße Männer darauf festlegen würde, fortan nur körperliche Arbeiten auszuführen. Vielmehr gilt es die große Vielfalt unserer Art und die einzigartigen Begabungen jeder Person wertzuschätzen. Vor allem aber erlauben die Forschungen – auch unter Berücksichtigung der archäologischen und primatologisch-vergleichenden Befunde – einen Blick auf die lange unterschätzte Bedeutung von Frauen in der Evolution des Menschen insgesamt und insbesondere unserer kognitiven und schließlich auch religiösen Fähigkeiten. Dies wäre dann endlich auch im Sinne von Antoinette Brown-Blackwell (1825 – 1921) und heutiger, hervorragender Evolutionsforscherinnen wie z.B. Sarah Blaffer Hrdy. Aber ich verstehe schon, dass es dazu noch des Abbaus vieler, teilweise historisch gewachsener Ängste und Bedenken zwischen Natur- und GeisteswissenschaftlerInnen bedarf – einer Generationenaufgabe…

MariaJesusNazarethReligion ist immer kulturell konkret. Eine thailändische Darstellung von Maria und Jesus (Mutter & Sohn) an der Verkündigungskirche in Nazareth. Foto: Michael Blume, 2013

Denn auch hierbei gilt: Religion ist immer kulturell konkret und also nicht gleich Religion. So besuchen nach vorherrschender, christlicher Lehre sowohl Frauen wie Männer die wöchentlichen Ritualgottesdienste. In den traditionellen Strömungen zum Beispiel von Judentum und Islam ist dies dagegen nur den Männern vorgeschrieben, wogegen die Frauen ihre – auch religiösen – Pflichten in ihren Familien erfüllten. Legt man also hier unreflektiert das “christliche” Religionsverständnis an (etwa durch einen Index mit privaten und öffentlichen Gebeten), käme man zu dem überraschenden Ergebnis, dass jüdische und muslimische Frauen “weniger religiös” wären – was selbstverständlich Quatsch ist, aber dennoch gerne geschrieben wird. Auch hier versteht also nur, wer auch ein wenig Tiefe wagt.

Generell lässt sich also festhalten: Religion ist immer und in jedem Augenblick sowohl ein biologisches (Religiosität), kulturelles (religiöse Tradition) wie subjektives (religiöse Erfahrung) Phänomen – wer das menschliche Glauben wissenschaftlich ernsthaft erforschen und verstehen will, kann keine dieser drei Perspektiven ignorieren oder verabsolutieren. Schon durch geringe Verschiebungen der Begrifflichkeiten und Fragen lassen sich mitunter große Unterschiede erzielen – und sogar im Vorhinein absehen wie bei der Geizige-Kinder-Studie. Und so werden auch weiterhin Jahr für Jahr Dutzende, vielleicht Hunderte von empirischen Studien ganz unterschiedlicher Qualität erscheinen, die einerseits immer kleinteiligere Fragen erkunden – und andererseits bewusst oder unbewusst auch immer wieder für “zugespitzte” Schlagzeilen herhalten werden.

Mir bleibt nur zu hoffen, dass es neben den je religiös-fundamentalistischen und religionskritischen Scharfmachern dann auch weiterhin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geben wird, die sich diese Studien dann auch kundig und in Ruhe anschauen und seriös darüber informieren und schreiben, gerne auch bloggen. Denn dann können sich auch diejenigen eine fundierte Meinung bilden, die “hinter” die populären Vorurteile und Schlagworte schauen wollen.

Hoffen wird ja noch erlaubt sein…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt…

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Generell lässt sich also festhalten: Religion ist immer und in jedem Augenblick sowohl ein biologisches (Religiosität), kulturelles (religiöse Tradition) wie subjektives (religiöse Erfahrung) Phänomen – wer das menschliche Glauben wissenschaftlich ernsthaft erforschen und verstehen will, kann keine dieser drei Perspektiven ignorieren oder verabsolutieren”

    Ich meine, hier fehlt ein Viertes und im Grunde das Wichtigste: das intersubjektive Phänomen ( Glaubenserfahrung in einer höheren Dimension des Miteinanders mit Rückwirkung auf das Subjekt des Individuums)

    Es dürfte doch eine Illusion sein, wie heute weit verbreitet, zu meinen, nur naturwissenschaftliche Experimente und ihre Ergebnisse würden intersubjektiv vermittelbar sein.

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