Soziale Kognition als Grundlage von Religiosität in der Interdisziplinären Anthropologie

Anfang des Jahres 2013 schlug ein Blitz über einer europäischen Stadt in einen Blitzableiter eines hohen Gebäudes ein. Obwohl nichts und niemand zu Schaden kam, reisten Bilder und Berichte über die elektrische Entladung in Windeseile über neue und alte Medien um die Welt und auch die Hamburger Morgenpost fragte bang: „Eine Reaktion des Himmels?“

Den Hintergrund für die weltweite Aufmerksamkeit und den vielfachen Deutungen des Geschehens bildete mit Ort und Zeitpunkt der spezifische Kontext der elektrischen Entladung: Der Blitz traf das Kreuz auf dem vatikanischen Petersdom in Rom und dies nur wenige Stunden, nachdem Benedikt XVI. – als zweiter Papst der Kirchengeschichte – seinen freiwilligen Rücktritt erklärt hatte. Im Zentrum der (nicht nur von katholischen Christen und Christinnen) geführten Diskussionen stand entsprechend weniger das Ereignis des Blitzeinschlags als solches, sondern die Frage, ob „jemand“ – Gott – damit eine Reaktion, vielleicht sogar eine Botschaft ausgedrückt habe.

So beginnt mein (hier als Leseprobe herunterladbarer) Beitrag zum Jahrbuch 01/2013 der “Interdisziplinären Anthropologie”, herausgegeben von Prof. Gerald Hartung und Dr. Matthias Herrgen von der Universität Wuppertal, die gerade auch Gastgeber einer hervorragenden, internationalen Tagung zum Thema Anthropologie & Religiosität gewesen sind.

Die Anthropologie als “Wissenschaft vom Menschen” blühte noch Anfang des 20. Jahrhunderts als notwendig interdisziplinäres Forschungs- und Diskussionsfeld gerade auch in Deutschland. Doch gerade auch nachdem sich viele Wissenschaftler fast aller Fakultäten vom NS-Regime hatten einspannen lassen, verschwand die deutschsprachige Anthropologie leider für Jahrzehnte weitgehend aus der Wissenslandschaft und öffentlichen Wahrnehmung – von wenigen mutigen Stimmen wie Christoph Antweiler abgesehen. Dass sowohl Hartung wie Herrgen (auch) studierte Philosophen sind, zeigt dabei die erneuerte Richtung an, in der eben keine nur auf Naturwissenschaften oder gar nur Biologie beschränkte Perspektive mehr besteht, sondern Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaften miteinander arbeiten.

In den vergangenen Jahren ist zudem wieder ein neues Interesse und ein erfreuliches Wachstum dieser Forschungsrichtung zu verzeichnen – so gibt es ihn in Freiburg neu als betont interdisziplinäres Studienfach.

Gerade auch auf evolutionärer sowie kognitionspsychologischer Grundlage können Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler hier viel lernen und einbringen – in Wuppertal waren Dr. des. Anna-Konstanze Schröder und ich daher auch zu zweit eingeladen.

AnthropolieReligionWuppertal2014

Die Forschungen zum Homo sapiens – der unter anderem eben auch ein Homo religiosus ist – gewinnen auch im deutschsprachigen Raum erfreulicherweise wieder an Fahrt. Höchste Zeit also, allen zu danken, die an diesem gerade auch evolutionären Wiederaufschwung mitwirken!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Lieber Herr Blume,
    vielen Dank für diesen Eintrag. Zu dieser Thematik fällt mir Helmuth Plessner ein, der in Verbindung mit dieser Thematik Anfang dieses Jahrhunderts wiederentdeckt worden ist.
    Möge dieser, aus meiner Sicht “gesunde”, philosophische Ansatz eine weitere Verbreitung erfahren. Gerade weil er integrierend ist.
    Ich wünsche Ihnen noch viel Erfolg mit Ihrem wahrlich aufklärerischen Blog.
    Beste Grüße
    André Heitmann

  2. Lieber Herr Heitmann,

    herzlichen Dank für Ihren Kommentar und Hinweis!

    Ja, von H. Plessner war auf der Tagung immer mal wieder die Rede gewesen, ohne dass er mir schon näher bekannt gewesen wäre. Denn ich muss zugeben, dass angesichts der deutschsprachigen Hemmungen inzwischen angelsächsische Stimmen auch die Evolutionsforschung zur Religion dominieren – uns Deutschsprachige kann man da bislang an einer Hand abzählen.

    Auch Dank Ihrer Anregung werde ich mir das Werk Plessners gerne einmal genauer ansehen und ggf. nach Anknüpfungspunkten suchen.

    Mit Dank und herzlichen Grüßen

    Michael Blume

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