Warum ich Game of Thrones lieb(t)e – Soziologie rahmt Psychologie

Anfang Februar flog ich durch den spontanen Besuch einer engagierten Freundin auf. Die saarländische Yezidin Adoula Dado gehörte zum Sonderkontingent-Team Kurdistan-Irak, hat das Hilfswerk Malak.help gegründet und wollte sich ein Exemplar von “Islam in der Krise” signieren lassen. Und so erfuhr die digitale Öffentlichkeit ein Detail meiner Freizeitkleidung… 😉

Signatur und Bild für eine engagierte Freundin, Adoula Dado. Foto: Zehra Blume

Auf noch kein Bild und keinen Schriftzug wurde ich seitdem so oft angesprochen wie auf diesen – oft positiv (“Auch ich bin ein Fan von Game of Thrones! Für welches Haus bist du?”), nicht selten negativ (“Was kann ein promovierter Akademiker an so einer Drachen-Zombie-Nummer finden?”) und auch fragend (“Was meinst du, warum spricht die Serie so viele an?”).

Nun endlich finde ich die Zeit, einmal auch zu bloggen, warum ich die Game of Thrones-Serie von George R. R. Martin (wie zuvor nur The Wire von David Simmons) für einen wichtigen Fortschritt im Erzählen von Geschichten halte. Meine Analyse deckt sich dabei wesentlich mit jener der Sciencebloggerin Zeynep Tufekci, geht jedoch in einigen Aspekten auch noch darüber hinaus.

Nach meiner Auffassung entwickelte sich die europäische Fantastik aus Ich-Erzählungen: Helden – wie zum Beispiel Sir Parcival – luden uns zur Identifikation ein, indem sie Abenteuer erlebten. Die dabei durchreiste Welt funktionierte jedoch vor allem als Kulisse, im Mittelpunkt stand die Psychologie der später so genannten “Heldenreise”.

Mit J.R.R. Tolkien und dessen Mittelerde (Schauplatz nicht nur von Herr der Ringe) erfolgte eine enorme Vertiefung und Erweiterung des Genres: Tolkien verstand den Menschen als Gottes Geschöpf und nach dessen Ebenbild also zugleich Unter-Schöpfer. Wir sollten also nicht nur fantastische Charaktere, sondern Welten erschaffen – komplett mit Landschaften, komplexen Geschichten und Mythen (wie Tolkiens Silmarillion). Dennoch blieb die Erzählperspektive psychologisch: Gemeinsam mit Frodo reisten wir bis nach Mordor, um Sauron zu bezwingen. Nebencharaktere blieben dabei auf der Strecke, aber die Haupthelden – die Identifikationsfiguren – trugen die Story.

Seit Tolkien ist das Erschaffen fantastischer Welten immer weiter ausgebaut worden, nicht zuletzt durch Millionen Teilnehmende an Fantasy-Rollenspielen. Einzelne Welten wie die “Vergessenen Reiche” (Forgotten Realms) in Dungeons & Dragons und die Cyberpunk-Zukunft von Shadowrun haben nicht nur Spiele und Filme inspiriert, sondern ganze Bücherregale gefüllt. Und dennoch blieben einzelne Helden – denken wir zum Beispiel an den unsterblichen Drizzt Do’Urden auf bzw. unter Faerun bei R.A. Salvatore oder die Helden der Drachenlanze auf Krynn bei Margaret Weis & Tracy Hickman – psychologische Identifikationsfiguren.

Einen selbst zum Mythos gewordenen Höhepunkt, der inzwischen aber auch bis zum Überdruss getrieben wurde, bildete schließlich George Lukas’ Star Wars-Serie, die die Heldenreise nach Joseph Campbell als Monomythos wieder und wieder erzählt(e) – und schließlich überdehnte. Irgendwann sich alles wiederholt.

Und nun also der Kriminologie-Geheimtip The Wire und das Fantasy-Epos Game of Thrones. Auch hier treffen wir auf komplett ausgearbeitete Welten, bis hin zu völlig unterschiedlichen Mythologien, Glaubens- und Wertesystemen. Vor allem aber gelingt der Durchbruch zu einer Erzählperspektive der Soziologie. Die Welt rückt in den Vordergrund und die Charaktere werden nicht mehr einfach in gute Helden einerseits und böse Schurken andererseits unterteilt, sondern treffen wie wir alle bessere oder schlechtere Entscheidungen. Und: Weil nicht mehr die psychologische Perspektive Einzelner die gesamte Handlung trägt, können jetzt auch die Helden sterben. Die schmähliche Hinrichtung des Haupthelden Eddard (“Ned”) Stark gleich in der ersten Staffel von Game of Thrones “erschütterte” nicht nur Millionen Lesende und noch mehr Zuschauende – sie unterbrach nicht nur eine gewöhnliche Heldenreise, sondern ermöglichte eine neue Art der Spannung und des Realismus. Martin selbst verdeutlichte dies in Abgrenzung zu Tolkien am Beispiel des Krieges, bei dem ja doch tatsächlich nie feststünde, wer ihn überlebe.

Sicher: Schon Tolkien hatte mit seinem Anspruch des Weltenbauens die Anforderungen an Buch- und Drehbuchschreibende enorm erhöht. Die soziologische Erzählperspektive ist noch viel anspruchsvoller und aufwändiger, braucht Platz und ist daher eher für Serien geeignet. Wenige werden diese Erzählgipfel erreichen – die achte und letzte Staffel von GoT enttäuschte auch daher streckenweise, weil faszinierende Charaktere wie Daenerys Targaryen wieder rück-psychologisiert wurden. Soziologische Erzählungen müssen ausreichend Fans finden und binden, die bereit sind, die längeren Reisen, wechselnden Haupthelden und komplexeren Handlungen mitzugehen. Und noch unklar ist, ob das Ausbreiten auch in weitere Genres und Medien – wie Computer- und Onlinespiele – gelingt.

Aber ich bin dankbar, Game of Thrones miterlebt zu haben. Und für die Radiosendung “Doppelkopf” bei hr2 mit Lothar Bauerochse am kommenden Montag, 8.7.2019 habe ich mir daher als abschließende Musik “The Night King” von Ramin Djawadi gewünscht. Dies auch als Hommage an meinen GoT-Lieblingscharakter, die sogar den Tod hinter sich ließ und zeigte, dass wieder alles möglich geworden ist – Arya Stark.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

13 Kommentare

  1. Es fehlt so vieles, selbstverständlich, aber Star Trek ist ja doch eine besondere Relaisstation. Ein missing link. Hier wurde zum ersten Mal das Tor aufgestoßen zu anderen, komplett anderen Welten innerhalb desselben, einen Universums.

    Keine Kritik, eine m.E. wichtige Ergänzung.

    • Ja, wobei eben in der #ScienceFiction, nicht #Fantasy.

      Wobei Star Trek ja interessanterweise zunächst zu floppen schien und erst später seinen Siegeszug antrat. Verdient, wie ich meine… 🖖👍🌈

  2. Ein Gedanke, der mir beim Lesen Ihres Textes durch den Kopf schoss:
    Veränderung von Aktiv zu Passiv.
    Versuch der Erklärung: Bei der “Heldenreise” sind wir aktiv, wir begleiten den Helden und erleben seine Abenteuer und meist auch den Aufstieg in die Elite.
    Bei “Game of Thrones” sind wir nur noch passiv dabei, wir haben keinen Einfluß, wir werden nie zur Elite gehören. Wir können nur staunen, was “die da oben” mit uns machen und aus welchen Gründen.
    Aber vielleicht ist auch das “Passive” unser Zeitgeist und deshalb funktioniert die Serie so gut.
    Komplizierte Worte eines einfachen Geistes.

    • Das ist spannend, @Mimbeldrohn – zumal ich es andersherum wahrgenommen habe: In der klassischen Heldenreise bin ich zur passiven Gefolgschaft an Hauptcharaktere gebunden. In der soziologischen Erzählung wird genau auch das in Frage gestellt: So stirbt in GoT der Hauptheld Ned Stark – und der „Bastard“ Jon Snow sowie der verkrüppelte Bran werden zu Königen. Anfangs verachtete Mädchen wie Arya und Daenerys steigen zu tragenden Heldinnen auf, Brienne von Tart wird zur – ggf. ersten – Ritterin geschlagen. Am Ende steht sogar die Vernichtung des Eisernen Thrones und die (Fürsten-)Wahl eines neuen Königs, wenn auch der vom alphabetisiert Schriftgelehrten vorgebrachte Vorschlag einer Demokratie noch verlacht und verworfen wird.

      Auf mich wirkt das Ganze wie eine Relativierung der klassischen, starren Regeln, in denen nun alle Akteure – begrenzte – Handlungsmacht erhalten. Ich würde hier vielleicht noch nicht von Demokratisierung, aber von Dezentralisierung sprechen.

      Dies gilt m.E. auch, wie oben angedeutet, für uns Lesende und Zuschauende, die nun für verschiedene Charaktere und Häuser „Partei ergreifen“ können…

      Was meinen Sie? 🤔📚🌈

  3. Zu meinen Lieblingscharakteren von Game of Thrones zählt Daenerys Targaryen. Ihrem Streben nach einer gerechten Welt, für die Verhältnisse von Game of Thrones eine Utopie, ordnet sie alles andere unter. Interessant ist das Daenerys Targaryen das Konzept des aus der Zeit gefallenen Anführers der gewissermaßen aus der Zukunft in die alte, verkommene Gesellschaft gefallen ist um ihr den Heilsweg zu zeigen, zum Beispiel nach Karl Metz, verkörpert. Der Anführer propagiert einen zukünftigen Menschen den er bereits verkörpert. Auch das Argument von Daenerys das die Opfer gerechtfertigt sind weil die Zahl der in der Utopie lebenden Menschen größer sein wird, da sie ewig andauern soll, ist nach Metz häufig für utopische oder millenarische Bewegungen.
    Kennen sie die Geralt-Saga von Andrzej Sapkowski, die als Spiele und bald als Netflix-Serie adaptiert wurden? Die Bücher sind meine Favoriten im Bereich Fantasy und gut in das Deutsche übersetzt, im Gegensatz zum Lied von Eis und Feuer deren deutsche Übersetzungen meistens schlecht sind. Die Bücher von Sapkowski parodieren im späteren Verlauf die Heldenreise da der Protagonist jemanden retten will von dem er nicht genau weiß wo sich die Person aufhält und sie vielleicht sogar glücklich ist, die Reise ist jedenfalls recht planlos.

  4. Fantasie als Weg zur Wirklichkeit?: Kulturhermeneutische Analyse christlicher Traditionsbestände im modernen Fantasy-Film vor dem Hintergrund religiöser Bildungsprozesse

    Das liesst sich wie der Titel einer Dissertation, also einer Doktorarbeit.
    Allerdings muss ich Herrn Blume recht geben: es klingt spannend.

  5. Mein Problem bei GoT ist, dass nahezu alle wichtigen Charaktere aus dem Hochadel kommen. Man mag einwenden, dass dies dem Realismus geschuldet sei, aber gerade die Emanzipation von Frauen ist ja auch nicht realistisch. Insofern ist es konservativer als der Herr der Ringe, in dem Hobbits, denen eine Aufgabe angetragen wird, über sich hinauswachsen. Selbst Figuren, die die Lage von unten betrachten sind alle von hoher Geburt und genau deshalb arbeiten sie sich nach oben. Die Enthüllung von Jons wahrer Herkunft war vollkommen überflüssig, nach seinen Leistungen. Ins Extrem getrieben wird dies bei Danaerys Targaryen, die ihre Erfolge immer wieder ihren Drachen und ihrer Fähigkeit, Feuer zu widerstehen, verdankt. GoT wurde wegen seiner bedeutenden Frauenrollen immer wieder gelobt, aber da gibt Figuren, die dies wesentlich glaubwürdiger tun als sie.

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