Shadowrun, die Maya und die Zukunft

Natur des Glaubens

Am Ende des 20. Jahrhunderts gab es eine Zeit, in der fantastische Welten nicht über den Bildschirm aufgesogen, sondern in den Köpfen geboren wurden. Pen-&-Paper-Rollenspiele entführten eine Generation kleiner Spielergruppen (Parties) in imaginäre Welten epischer Fantasy, die meist an fantastischen “Mittelaltern” (und vor allem Mittelerden…) angelehnt waren, aber bisweilen auch in Raumschiffen oder “nahen Zukünften” spielten.

Das im 21. Jahrhundert und also nächster Zukunft angesiedelte Shadowrun begann 1990 seinen Überraschungserfolg mit einer spaßigen Mischung aus den dunklen Fantasien des Cyberpunk (einer von Technik und großen Konzernen regierten Dystopie) und wilder, tolkienscher Fantasy (samt Elfen, Orks, Trollen usw.).

Kultur- wie auch religionswissenschaftlich spannend war und ist Shadowrun aus einer ganzen Reihe von Gründen. So stellt es eine Mischung aus dystopischen (übersteigert-negativen) wie auch utopischen (übersteigert-positiven) Zukunftsbildern dar. Damit lief es sowohl finsteren Post-Apokalypse-Konkurrenten wie auch schneidigen Wir-erobern-den-Weltraum-Wettbewerbern locker den Rang ab. Als Entscheidungsdatum für den Einbruch des Neuen wählte bereits Shadowrun den neuen Zyklus des Maya-Kalenders um 2010 – 2014, der jedoch nicht als Untergang, sondern als Übergang interpretiert wurde. Und es griff eine ganze Reihe von wissenschaftlichen wie gesellschaftlichen Themen auf und verband sie spielerisch.

1. Eine magisch-religiöse Wiederverzauberung der Zukunft

Während sich gesellschaftlich der endgültige Durchbruch eines zunehmend ökonomisch, technisch und wissenschaftlich rationalisierten Weltbildes abzuzeichnen schien, wurde in Shadowrun eine buchstäblich “ver-rückte” Gegenwelt aufgezogen: Neben der uniformierten Welt der vermassten Konzernangestellten (“Salarymen”) und Konsumsklaven wurde eine anarchische Gegenwelt beschworen, in der munter prophezeit, geglaubt, gezaubert und gebetet wurde. Alte Naturreligionen traten wieder ins Leben und Geistertänze eroberten die Lebensräume und Kulturen amerikanischer Indianer zurück. Neben die Natur- traten aber auch Stadtschamanen, die sich mit tierischen Totemgeistern verbanden. Und neben die alten Religionen traten neue Heilsversprechen, die nicht selten von Konzernen oder anderen, finsteren Mächten gesteuert wurden. Drachen und Elementargeister wurden beschworen und bekämpft. Und auch die überlebenden Kirchen reagierten: An theologischen Fakultäten wurden Hermetiker ausgebildet, die in alte und neue Geheimnisse des Arkanen einzudringen vermochten. Was unser Chronologs-Theologe Hermann Aichele da wohl mit uns hätte anstellen können!? 😉

Klar: Viele Spielerinnen und Spieler sahen in den Geistlichen der Neuen Zeit einfach bessere Heiler mit coolen Effekten. Aber insbesondere an den zunehmend erfolgreichen Shadowrun-Romanen wurde auch die Tendenz deutlich, dass in dieser zugleich chromblitzenden und verzauberten Welt Menschen die Fragen nach Gott, Sinn, Gut und Böse auf neue und freche Weise thematisierten. Etwa ein Drittel der Romane hat ausdrücklich mythologisch-religiöse Titel und in fast allen wird mit diesen Themen gespielt.

Und habe ich eigentlich schon erwähnt, wie die Erfolgspunkte der Shadowrun-Parties hießen? Karma.

2. Globalisierung und Regionalisierung

Auch eine weitere, moderne Entwicklung wurde aufgegriffen und übersteigernd vorweg genommen: Die Gleichzeitigkeit von ökonomischer Globalisierung und lebensweltlicher Regionalisierung. Die beliebtesten Lieferanten wie auch Gegner der Shadowrunner waren multinationale Konzerne, die Globalisierung vor allem als Chance sahen, Menschen dort auszubeuten, wo sie billig zu haben waren und die produzierten Waren dort zu verkaufen, wo Menschen bezahlen konnten. Doch zugleich, oha, zeichnete sich Shadowrun durch die Liebe zur Region aus: Als erster Spielort etablierte sich Seattle und bald kamen immer mehr Beschreibungen und Romane zu Regionen nicht nur der USA, sondern auch Europas dazu. Dabei wurden regionale Eigenheiten der Gegenwart – Dialekte, kulturelle und religiöse Schwerpunkte, Wirtschaftsstrukturen etc. – aufgegriffen und fantastisch vergrößert. Shadowrunner waren Weltbürger, die sich nur in ihrem jeweiligen Kiez wirklich “daheim” fühlten.

3. Was macht die Technik mit uns?

Debatten um die Chancen und Gefahren virtueller Realitäten und Netzkulturen, Neuroenhancement etwa durch technisch verbesserte Gehirne und Augen sowie generell des Transhumanismus (als Vision der Verschmelzung von Mensch und Technologie) wurden in Shadowrun bereits zelebriert. Wie hieß doch ein schöner Werbespruch zu künstlichen Augen? “Gott war ganz gut, aber Zeiss ist besser.”

In der virtuellen Welt des Shadowrun-Internet (“Matrix”) konnten Menschen bereits leben und sterben. Und eher Suchtmittel als Unterhaltung waren die BTL (Better-Than-Life-Chips) mit denen sich die Konsumenten die großartigsten Erlebnisse direkt “erlebend” ins Hirn injizieren konnten. Rigger konnten mit ihren Fahrzeugen verschmelzen. Doch mit jeder technischen “Verbesserung”, die sich Shadowrunner einbauen ließen, gaben sie auch “Essenz” auf. Sie wurden ein Stück weniger Mensch und verloren den Zugang zu ihren Gefühlen und den (auch) magisch-religiösen Wurzeln ihres Seins.

Der Markt erobert die Fantasie…

Selbstverständlich konnte auch die blühende Fantasie des Shadowrun-Überraschungserfolges der Aufmerksamkeit der Spiele- und Filmindustrie nicht entgehen. Computer- und Konsolenspiele verwandelten die Welt in bunte Schießstände, in denen die Story als Lieferant für coole Killer und bunte Oberschurken mit Spezialfertigkeiten dient. Ob dagegen die widerständisch gepflegten “Kopfkinos” und Romane auf Dauer eine Chance haben werden steht noch in den Sternen.

Aber andererseits – die Zukunft war und ist doch immer wieder für Überraschungen gut. Das musste einfach mal gespielt werden.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

11 Kommentare

  1. Guter Artikel – fast volle Zustimmung

    “Shadowrun” ist tatsächlich eine sehr gelungene Verbindung aus Cyberpunk und Urban Fantasy. Sie sind ganz offensichtlich ein Kenner und Liebhaber dieses Szenarios.
    Grundsätzlich bin ich der selben Ansicht wie Sie, aber es gibt doch einige Kleinigkeiten, die ich vielleicht etwas anders sehe.
    Erst einmal störe ich mich ein wenig an der Vergangenheitsform. Auch wenn die ganz große Zeit der “Pen & Paper”-Rollenspiele vorbei ist, wird immer noch “Shadowrun” gespielt und das “Shadowrun”-Universum weiter aktualisiert und erweitert.
    Auch nicht ganz einverstanden bin ich damit, die dystopischen “Cyberpunk”-Elemente als “übersteigert-negativ” anzusehen. Sie erscheinen heute weitaus realistischer, als sie 1989 waren – wir leben heute in einer Welt, die, wäre sie damals als “fiktiver Text” beschrieben worden, ohne Zweifel als “Cyberpunk” klassifiziert worden wäre. “Shadowrun” ist selbstverständlich reine Fiktion, allerdings eine für Rollenspiel- und Roman-Verhältnisse ungewöhnlich gut durchdachte. Wenn auch die in “Shadowrun” “vorhergesagten” Ereignisse bisher nicht eintraten – zumindest nicht “termingerecht” – ist es keineswegs unplausibel, dass die nahe Zukunft ähnlich aussehen wird, wie sie vor allem in den Romanen beschrieben wird.
    Interessant sind auch die Urban Fantasy-Elemente. Die Szenarien zum “Erwachen der Magie” meiner Ansicht nach weniger phantastisch, als es auf den ersten Blick scheint. Zwar sind nicht Ende letzten Jahres die ersten Drachen erwachte, und ich rechne nicht ernsthaft damit, dass sich Menschen in Zwerge, Orks, Trolle oder Elfen verwandeln werden, aber so, wie Cyberpunk schon teilweise Realität ist, gibt es Aspekte in meinem Lebend, die mir vor über 20 Jahren wie Urban Fantasy vorgekommen wären.

    Ich ging in meinem Blogbeitrag vom 26. Januar 2009 Was passiert am 21.Dezember 2012? auf “Shadorun” ein.

    Freundliche Grüße,
    MartinM

  2. @MartinM

    Danke für die Rückmeldung! Obwohl es leider nicht so wahnsinnig viele Zugriffe und Kommentare dazu gibt, pflege ich die kleine “Fantasy”-Ecke auf Natur des Glaubens einfach gerne und werde sicher auch in Zukunft hin und wieder etwas dazu posten. Und kann nur hoffen, dass Sie mit Ihrem Optimismus bezüglich Pen & Paper Recht behalten, mit dem Pessimismus in Sachen Dystopie aber hoffentlich falsch liegen… 😉

    Ernsthaft: Die Zukunft wird sicher bunt, und wie bunt, liegt ja auch an uns (allen).

  3. In die Zukunft gedacht

    Ich muss auch sagen, dass die Autoren von Shadowrun erstaunlich gute “Prognosen” über die zukünftigen technischen Entwicklungen gegeben haben, wobei es dann auch immer “süß” zu lesen ist, wenn von “hybermodernen Taschensekretären mit eingebautem Funkmodem und Zugriff auf die Matrix”(Schattenläufer) die Rede ist. Nein aber generell wurde der technologische Trend erkannt, gut, Neuroenhancement steckt noch in den Kinderschuhen, wird aber auch kommen (haben ja Zeit bis ungefähr 2050).

  4. Was ich an Shadowrun bemerkenswert finde

    ist die Art, wie das System den fast völligen Zusammenbruch der Ordung ausnutzt, um verschiedene Utopien und Dystopien durchzuspielen. Das wird ja anhand von “Deutschland in den Schatten” besonders schön durchexerziert.

    Ich vermute auch, dass der weltanschauliche Aspekt bei Shadowrun, den du beschreibst, in gewisser Weise eine deutsche Spezialität ist – die englischsprachige Shadowrun-Kultur ist IMO stärker am “klassischen” Cyberpunk ausgerichtet.

    Tragisch ist natürlich, dass das Spielsystem Powergaming und Regeldebatten so sehr begünstigt. Das hat mir den Spaß an SR vor allem am Anfang ein Bisschen verleidet. Systeme wie Earthdawn sind zwar von den Möglichkeiten der Welt her viel weniger vielseitig als Shadowrun, aber insgesamt einfach deutlich besser zu spielen.

  5. @Sparkplug

    Ja, m.E. steckt das Geheimnis in der Kombination aus kollektiver und spielerischer Fantasie: Kein einzelner Autor, keine Autorin könnten so vielseitige Ideen aufbringen. Aber es sind ja ganze Teams und zusätzlich gibt es ständige Rückmeldungen von Spielparties (und auch die meisten Autorinnen und Autoren spielen ja). Die Folge ist ein kollektiv gewachsenes Imaginations- und Spieluniversum, dem ich durchaus auch visionären und künstlerischen Wert zusprechen würde.

  6. Du auch! 🙂

    Freut mich, dass wir noch eine Jugenderinnerung gemeinsam haben. 🙂 Ja, ich fand vor allem die frühen SR-Regelsysteme teilweise zu komplex und vor allem würfelwütig. Wir haben sie dann einfach geändert.

    Spannend finde ich den Hinweis auf die regionalen Unterschiede. Ist ja ohnehin ein noch wenig erforschtes Feld. Es gibt leider bislang erst ganz wenige empirische Untersuchungen zu Rollenspielen, aber ich werd mal schauen, ob sich da was zum Bloggen eignet.

  7. Die Maja – und die Jugend?

    Eine Ablenkung: “Shadowrun eine buchstäblich “ver-rückte” Gegenwelt” – wo gegen?
    Schließlich muss das Geschäft blühen: “Und neben die alten Religionen traten neue Heilsversprechen, die nicht selten von Konzernen oder anderen, finsteren Mächten gesteuert wurden. Drachen und Elementargeister wurden beschworen und bekämpft.”
    „Etwa ein Drittel der Romane hat ausdrücklich mythologisch-religiöse Titel und in fast allen wird mit diesen Themen gespielt.“ Und so sind sie im Interesse der kapitalistischen Gesellschaft gut beschäftigt; aber es wird auch aufgezeigt, wo das hinführen kann: „Doch mit jeder technischen “Verbesserung”, die sich Shadowrunner einbauen ließen, gaben sie auch “Essenz” auf. Sie wurden ein Stück weniger Mensch und verloren den Zugang zu ihren Gefühlen und den (auch) magisch-religiösen Wurzeln ihres Seins.”
    Gespielt habe ich auch – mit eigenen und organisiert mit hochbegabten Kinder zu Themen wie Konstruktion, Grundstromkreis, Vakuum, Druckluft.

    Maja-Kalender am 21.12.12 als Übergang ist eine gute Darstellung. Einen Evolutionssprung wie ihn Dieter Broers nennt – halte ich nicht für realistisch!

  8. @Klaus Deistung

    Leider hatten die Shadowrun-Anbieter oft eher das Problem, dass “das Geschäft” nicht so Recht blühte – denn um es zu spielen, braucht es relativ wenig, die Stories entwickeln sich in der kreativen Interaktion der Spielenden selbst.

    Und es stand auch kein großer Medienkonzern o.ä. hinter dem Ansatz. Shadowrun war eine verspielte Idee, die überraschend zündete und dabei – wie Lars Fischer richtig anmerkte – auch regional durchaus unterschiedliche Varianten ausprägte.

  9. Völker

    @ Michael Blume
    Das hört sich doch schon wesentlich moderater an. Da ich das Shadowrun so nicht kannte, habe ich wohl Ihre Informationen zu stark gesehen.
    Das manche Idee sich etabliert – ohne zum großen Renner zu werden – war gestern auch im FS erläutert worden als es bei „Markus Lanz“ u. a. um das „Dsungelcamp“ ging, das sich wohl wegen der kleinen Reibereien und Auseinandersetzungen einen ausreichenden Zuschauerstamm gesichert hat.

    Das Volk, die Völker haben manchmal weltweit Entwicklungen genommen, die den Herrschenden die Macht nahmen; 2011 war ein gutes Beispiel. Manchmal finden sich auch Parallelen im Religions- und Kulturbereich, denen ihre offizielle Anerkennung zeitweilig verweigert wird.

    @ MartinM
    Seit 2003 machen Katastrophen-Autoren schon auf die Katastrophe aufmerksam: Planet X. Er sollte jedes Jahr kommen, aber bestimmt 2012! Sie haben mal gehört davon, sich aber nicht damit beschäftigt, denn sonst müsste für sie die Katastrophe ausfallen, da er noch mindestens 400 Jahre braucht. Ein Autorenteam sieht ihn sogar als 2. Sonne und mit Polwende! Meine Rezension zum Buch: http://www.amazon.de/…qid=1326233069&sr=1-11

    F. Freistetter stellt eine gut Frage: „Aber wenn das alles Unsinn ist, warum reden alle darüber?“ – und gibt auch eine klare Antwort: „Weil man mit der Angst vor dem Weltuntergang wunderbar Geld verdienen kann. Und das nutzen viele aus…“

    Sie stellen die Frage: „…was geschah eigentlich bei der letzten Zeitenwende, dem Beginn der “Langen Zählung” des Maya-Kalenders, am 11. August 3114 v.u.Z?“ Quetzalcoatl (Thot) traf in Mittelamerika ein (ich laß auch 13.08.3113 b.C.) um eine neue Kultur aufzubauen.

    Das berechtigt „uns“ nicht, eine Ankunft von Gott/Göttern 2012… voraus zu berechnen. Dazu gibt es eindeutige Aussagen der Bibel: Jesaja „Es sollen hervortreten und dir helfen die Meister des Himmelslaufes und die Sterngucker, die an jedem Neumond (Monatsanfang) kundtun, was über dich kommen werde! Siehe, sie sind wie die Stoppeln, die das Feuer verbrennt. Sie können ihr Leben nicht erretten…”. Die babylonischen Sterndeuter konnten nicht einmal ihren eigenen Untergang voraussagen.
    Ironie der Geschichte – die spanischen Eroberer kamen zu einem vorausberechneten Zeitpunkt nach Mittelamerika – sie präsentierten sich aber als das Gegenteil von Göttern.

    • Hmmm, interessanter Gedanke… Für viele wäre es sicher beängstigend, für andere aufregend. Könnten Sie ggf. noch ein wenig erläutern, was Sie dabei als “schön” empfinden würden? (Das ist eine ehrlich neugierige Frage, ich bin Wissenschaftler! 😉 )

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