Verschwörungsdenken in Zeiten des Coronavirus – Jetzt durch Wissen schützen

Schon im Januar warnte ich hier vor digitalen Verschwörungsmythen im Kontext des Coronavirus. Und leider ist es nicht nur das Netz: Während die große Mehrheit der Bevölkerungen und auch Regierungen bisher besonnen reagieren, streuen staatsnahe Medien unter anderem des Iran, der Türkei und Chinas inzwischen gezielt Verschwörungserzählungen, die Covid19 auf US-amerikanische oder jüdische bzw. zionistische Entwickler zurückführen. In deutscher Sprache verbreiten u.a. Digitalmedien des Schweizer Sektenführers Ivo Sasek (“Organische Christus-Generation”) Angst, Antisemitismus und Hass. Er behauptet in seinen Predigten, v.a. jüdische Weltverschwörer würden eine Reduzierung der Weltbevölkerung auf 500 Millionen, also einen milliardenfachen Massenmord vorbereiten. Vgl. hier, Minuten 4 bis 7:

Und inzwischen behauptet die Gruppe auch in einem antisemitischen Flugblatt, das v.a. über Mails und WhatsApp, aber auch in Facebook-Gruppen etc. geteilt wird, es handele sich bei SARS-CoV-2 um eine “Biowaffe”, hinter der der in den USA lebende, jüdische Holocaust-Überlebende George Soros stecke…

Antisemitische Verschwörungsmythen aus einem pdf-Flugblatt von “Klagemauer.tv” des Schweizer Sektengründers Ivo Sasek. Warnung vor digitalem Antisemitismus! Screenshots: Michael Blume

Zumal wir mit längeren Einschränkungen und der Verbreitung weiterer Fake-News zu rechnen haben, plädiere ich auch im Radio dafür, den digitalen Hass und Antisemitismus nicht länger auf die leichte Schulter zu nehmen. Selbstverständlich habe ich deutsche Sicherheitsbehörden längst informiert. Und u.a. in einem Interview mit Ulrich Fricker vom Südkurier rief ich auch die Kolleginnen und Kollegen der Schweizer Regierung und Sicherheitsbehörden zum Dialog und Handeln auf. Denn hier werden schließlich jeweils gesamte Sprachräume antisemitisch “bedient”.

Was kann jede/r einzelne tun?

Derzeit bemühe ich mich, mit meinem Team und weiter funktionsfähigen Verbündeten von Staat(en), Zivilgesellschaft und Medien die digitale und mediale Resilienz zu stärken: Also die Erfassung und öffentliche Aufklärung von Verschwörungsmythen zu verstärken. So werde ich auch eine für morgen um 18 Uhr in Heidelberg geplante Rede über “Hass im Netz” im Rahmen der “Internationalen Woche gegen Rassismus” nicht absagen, sondern via Twitter streamen (hoffentlich klappt alles).

Was Sie persönlich und alle Menschen guten Willens tun können: Informieren Sie sich bitte jetzt über die Medien und Psychologie des digitalen Antisemitismus; denn wer die Prozesse einmal durchschaut hat, wird selbst immun dagegen. Hier zum Beispiel ist ein m.E. herausragender Vortrag der beiden Hoaxilla-Podcaster Alexa und Alexander Waschkau (mit denen ich hier auch schon sprach), der u.a. auch erklärt, warum wir es nicht mit Verschwörungstheorien, sondern mit Verschwörungsmythen zu tun haben.

Wer sich über den generellen Zusammenhang von Verschwörungsmythen und Medienrevolutionen (Buchdruck, elektronische Medien wie Radio und Film, jetzt Internet) informieren möchte, der- oder demjenigen kann ich hier einen Vortrag anbieten, den ich auf Einladung von Prof. Isolde Karle am 10.12.2019 an der Ruhr-Universität Bochum gehalten habe:

Wenn Sie sich selbst ausreichend informiert haben und also “immun” gegen diesen Hass geworden sind, so möchte ich Sie bitten, auch andere zu informieren und wo möglich der Verbreitung von Hass, Verschwörungsmythen und Fake-News entgegen zu wirken. Bitte zögern Sie auch nicht, eigene Netzfunde zu digitalem Verschwörungswahn der Meldestelle Antisemitismus des Demokratiezentrums Baden-Württemberg zu melden. Sorgen bereiten mir u.a. YouTuber wie Mazdak, die mit ihren Verschwörungserzählungen innerhalb kürzester Zeit Zehntausende erreichen.

Es wird in den kommenden Tagen und Wochen auch am Verhalten der vernünftigen Mehrheiten liegen, ob und wieviel digitalen Raum die Antisemiten, Rassistinnen und generell Hassprediger besetzen werden. Und so werden auch unsere Entscheidungen – oder Nicht-Entscheidungen – Auswirkungen auf das Ausmaß von Vernunft oder Hass im realen Leben haben.

Ich bitte Euch daher: Gebt Antisemitismus und generell Verschwörungsmythen keine Chance! Schützt zunächst Euch selbst davor und schützt dann andere.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

44 Kommentare

  1. Ich halte es auch für falsch, wenn die armseligen Ergüsse zweifelhafter Charaktere sogar in der ARD-Jugendwelle “Funk“ weiterverbreitet werden, weil man damit die Jugend ködern will. In Wahrheit ist das aber lediglich Futter für die vielen Trolle und Hater, die sich im Netz tummeln. Neustes Beispiel ist der „Satiriker“ Schlecky Silberstein, der die vermeintlich positiven Effekte des Virus hervorhebt und die Meinung vertritt: „Corona rafft die Alten dahin. Das ist nur gerecht“
    Näheres dazu hier: https://www.welt.de/kultur/article206548759/ARD-Satire-Coronavirus-rafft-die-Alten-dahin-Das-ist-nur-gerecht.html

    • Leider Zustimmung, liebe @Mona. Es hat mich sehr geärgert, dass gerade auch in angespannten Zeiten öffentlich-rechtliche Medien eine üble sog. “Satire” verbreiten, die geeignet ist, nicht nur ältere Menschen vor den Kopf zu stoßen und zu verängstigen.

      Auf Twitter schrieb ich dazu schon am 14.03.:
      “In praktisch jedem Vortrag verteidige ich die öffentlich-rechtlichen Medien und (als Schwabe!) auch die Gebühren dafür. Und dann wird neben vielen guten Sendungen doch wieder so ein Mist ausgestrahlt, der mitten in einer Krise Menschen verängstigt und spaltet. Was? Soll! Das?!”
      https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1238929901224431621

      Auch auf Instagram laufen gerade üble Sachen ab – wie jene Influencerin mit 740 Tsd.+ Followern, die Mutmaßungen über eine Coronavirus-Weltverschwörung mit Werbung für einen Teekocher von Vorwerk verbindet. Das tut schon fast körperlich weh – und die Dame erreicht Abertausende vor allem junger Leute… :-/
      https://twitter.com/BlumeEvolution/status/1239784836031754241

      Auf jeden Fall bin ich für sachdienliche Hinweise auch hier immer dankbar!

      • Lieber Herr Blume ,

        ich möchte in diesem Zusammenhang auf die Seite transinformation.net aufmerksam machen. Dort werden unter dem Deckmantel von Liebe, Licht und Frieden und Massenmeditationen leider übelste Verschwörungstheorien verbreitet. Das Ganze macht bereits den Eindruck einer Sekte , wobei viele Menschen weltweit über diese Seite auf die Weisungen eines Herrn ‘Cobra’ (Pseudonym)hören.

        Ich finde dies ebenfalls sehr bedenklich.
        Liebe Grüße und danke für Ihre wertvolle Arbeit !

  2. Ich sehe zumindest bei den AfD-nahen Rechten eher Ratlosigkeit. Die wissen die Corona-Krise nicht recht einzuschätzen, nicht zu nutzen. Ab und an mal eine Nachricht über einen Virus, der in einem Flüchtlingsheim ausbricht. Forderungen nach Grenzschließung natürlich. Aber auf pi-News etwa geben sie offen zu, daß sie auch nur rumstochern, nicht wirklich wüßten, was jetzt zu tun wäre. Und nicht einmal Merkel ist, wie sonst immer, schuld. Und nicht mal Silberstein bringt die auf die Palme, wird eher pflichtschuldig vermeldet, irgendwie ist Corona zu wichtig, um sich jetzt groß über die gewohnt „links-rot-grün-versifften Mainstreammedien“ zu ärgern.

    Immerhin schlossen sie sich nicht den anfänglichen Thesen Trumps und Johnsons an, da wäre nichts, Grippe tötet auch Menschen usw.

      • Hallo Herr Blume,

        bin auf einen einschlägigen Blog gestoßen, den von Freeman, um mich noch einmal zu vergewissern, daß nicht einmal dem was zum Coronavirus einfällt.

        Doch. Tag heute ist dem doch was eingefallen. Und wie so oft bei dem, dann wirklich sehr gut überlegtes Übles. Womit ich meine: Mein Immunsystem funktioniert, aber bei Freeman braucht man ein wirklich gutes, um nicht ins Grübeln zu kommen. (Zumal er manchmal ja sogar Recht hat.) Wird Ihnen bestimmt jetzt öfter begegnen.

        Gut, den werden Ihre Leute ohnehin auf dem Schirm haben, aber wo könnte ich in anderen Fällen so etwas melden? Die von Ihnen verlinkte Meldestelle zielt ja eher ab auf Facebook-Posts (Screenshot ist Pflicht usw.).

        • (Ich beziehe mich vor allem auf das Ende seines Posts. Der Vorlauf mit dem dänischen Parlament ist ja eher das Übliche.)

          • Bitte dennoch mit Screenshot melden, die Meldestelle geht nicht nur FB nach. Inzwischen sind YouTube und WhatsApp bei Hassnachrichten ganz vorne mit dabei… :-/

      • Was Meuthens Post angeht, das ist ja aber noch politisch völlig legitime Meinungsäußerung. Merkels Wirtschaftspolitik habe die Wirtschaft so angeschlagen – Energiewende, Autoindustrie –, daß diese Corona jedenfalls nicht überleben werde. Ist nicht meine Meinung, kann man aber so sagen.

        • Klar „kann man das so sagen“, @Alubehüteter. Und man kann es ebenso unverantwortlich und widerlich finden. Eine gute Gelegenheit, nochmal zu (er-)klären: Meinungsfreiheit heißt umgekehrt nicht, für Meinungsäußerungen nicht kritisiert zu werden; ganz und gar nicht.

          • Ja klar, finde ich widerlich. Sage ich auch so.

            Aber „die-Juden-haben-den-Coronavirus-entwickelt-und-freigesetzt“ ist ja noch eine ganz andere Hausnummer.

          • Ja, @Alubehüteter: Verschwörungsmythen antisemitischer und rassistischer Art sind eben nicht einfach nur widerlich, sondern darüber hinaus gefährlich. Denn die Menschen, die daran glauben, wähnen sich dann tatsächlich bedroht und rechtfertigen Hass und Gewalt als vermeintliche „Notwehr“.

            Die bislang übelste Entgleisung des bisherigen Monats stammt von dem AFD-Flügel-Politiker und ehemaligen Geschichtslehrer aus Hessen, Björn Höcke, der in Sachsen-Anhalt allen Ernstes forderte, man müsse politische, sogar parteiinterne (!) Gegner „ausschwitzen“ – und der dafür von den Anwesenden mit „Höcke, Höcke“-Rufen gefeiert wurde… 🤬
            https://www.n-tv.de/mediathek/videos/politik/Hoecke-will-Kritiker-ausschwitzen-article21644154.html

  3. Dass die Theorien besonders in der Tuerkei verbreitet sind ist doch kein Wunder. Das gesamte oeffentliche Leben dort besteht seit 100 Jahren aus Verschwoerungstheorien.

    Ich weiss auch nicht, warum die Leute in Panik verfallen. Krisen sind Glanzzeiten. Das erste mal in Jahren sind Aktien wieder gut bewertet. Die besten amerikanischen Konzerne notieren jetzt teilweise bei 10% dividend yield.

    • Ja, @Lars, in der Türkei sind und werden antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen derart weit verbreitet, dass demokratische Diskurse kaum funktionieren können. Sogar dem Gründer der türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, wird in staatsnahen Medien vorgeworfen, ein „Dönme“ (heimlicher Jude, Anhänger des Ex-Messias Schabbatai Zwi) zu sein. Darüber werde ich mal extra bloggen.

      Die Schorndorfer Nachrichten haben heute eine Veranstaltung mit mir mit dem Titel versehen: „Antisemitismus macht doof und unglücklich“.
      https://www.zvw.de/inhalt.schorndorf-antisemitismus-macht-doof-und-ungluecklich.2c8bb249-350f-4b30-a0c5-b8595d43bf30._amp.html

      Und das stimmt m.E. global und über alle Kulturen, Religionen und Weltanschauungen hinweg.

      • Die Gedankenwelt dieser Kreise ist sehr “beeindruckend”. Und die Parallelen zwischen Erdogan und Hitler sind auch keineswegs uebertrieben, wie manche behaupten. Man kann von Glueck reden, dass die heutige Tuerkei, im Gegensatz zum Dritten Reich, keine wirtschaftliche und wissenschaftlich-technologische Grossmacht ist und daher keine wirkliche Gefahr fuer die Welt. Traurig fuer die Tuerken ist allerdings, dass Erdogans Regierung das Land wirtschaftlich komplett an die Wand faehrt, was sich in Zukunft auch weiterhin der tuerkischen Lira spiegeln wird.

          • Ich muesste luegen, wenn ich Hoecke gar keine Naehe in diese Richtung unterstellen wuerde. Mein Fall ist er nicht. Aber das hat weniger mit seinen Begrifflichkeiten wie “ausschwitzen” zu tun, sondern viel mehr damit, dass er ein peinlicher National- und Sozialromantiker ist, der wie alle Etatisten den Staat als den Heiland ansieht. Er ist genau wie andere Parteien zutiefst anti-liberal, anti-kapitalistisch und anti-individualistisch eingestellt. Ich bezweifle, dass der Mann je von Mises oder Hayek gehoert hat.

          • Hier habe ich tatsächlich die Krise des Liberalismus in Hayek-Foren miterlebt, @Lars. Wer „den Staat“ und „die Parteien“ an sich für eine Art Räuber-Verschwörung hält, wird damit auch leichter empfänglich für weitere Verschwörungsmythen. Vgl. nicht nur die Entwicklung der AfD und von „eigentümlich frei“, sondern auch von Orban und der polnischen PiS. Die digitale Verrohung schwächt derzeit nicht nur den Diskurs, sondern befällt ganz konkret das liberale und libertäre Denken. Und das finde ich als langjähriger, bürgerrechtlich-liberaler Hayek-Schüler bedrückend und besorgniserregend… 😔

        • @ Lars
          17.03.2020, 20:34 Uhr

          Die Parallelen zwischen Erdogan und Hitler sind auch keineswegs uebertrieben, wie manche behaupten.

          Aber hallo! Unter Hitler geht es nicht!

          Die Parallelen zu Hitler sind äußerst dünn. Fangen wir mal damit an: Hitler war Rassist. Erdogan ist Neo-Osmanist. Das Osmanische war ein Vielvölkerreich vergleichbar dem Hitler absolut verhaßten Österreich-Ungarn. Erdogan hat absolut nichts gegen Kurden – Solange die AKP wählen. Er hat verschiedene kurdische Minister in seinen Kabinetten; mit den nordirakischen Barsani-Kurden versteht er sich blendend (die ihm Luftangriffe auf die nordirakische PKK gestatten), mit Barsani ist er persönlich befreundet (naja, war er auch mal mit Assad).

          Erdogan läßt sich mit Putin vergleichen, historisch meinetwegen mit Mussolini. Mit Sicherheit kein Sympath. Aber Hitler ist dann doch noch eine andere Nummer.

          • Den Vergleich mit Putin meinen Sie aber hoffentlich nicht auf intellektueller Ebene. Wie schon Deniz Yuecel sagte, wurde Putin vom KGB ausgebildet, Erdogan von den Istanbuler Verkehrsbetrieben. Ich glaube, intellektuell ist Erdogan eher mit dem Busfahrer Maduro vergleichbar.

          • Putin erscheint als kühler Schachspieler, Erdogan mehr als Schulhofschläger. Kann beides erfolgreich sein. Aber für gute Sprüche von Yücel bin ich immer zu haben 🙂

          • Ein Unterschied zwischen Erdogan und Putin ist aber auch der:

            Die letzten beiden Jahrzehnte waren die Jahrzehnte der Schwellenländer. China, Indien, Brasilien, ebenso die Türkei: Zweistellige jährliche Wachstumsraten.

            Bis auf Rußland. Rußland hat jetzt das Renteneintrittsalter um zwei Jahre erhöht.

            Und Rußland steht bis zum Hals in Rohstoffen. Der einzige Rohstoff, den die Türkei in Fülle besitzt, ist die Haselnuß.

      • @ Michael Blume
        17.03.2020, 19:34 Uhr

        In der Türkei sind und werden antisemitische und rassistische Verschwörungsmythen derart weit verbreitet, dass demokratische Diskurse kaum funktionieren können.

        Dann sind wir aber doch nicht mehr weit weg von dem Gedanken, den einer haben kann, wenn er in beiden Welten beheimatet ist:

        Demokratie, schön und gut, bin ich unbedingt für, aber die Türkei ist noch nicht so weit. Sie braucht einen starken Mann, der wie ein bisweilen strenger, bisweilen großzügiger Vater regiert, und der einen Instinkt dafür hat, die Türkei nach vorne zu bringen. So jemanden muß man doch nicht gleich schon ein DANN GEH DOCH IN DIE TÜRKEI WENN SIE DIR SO GUT GEFÄLLT !!! entgegenschleudern.

        Die Demokratie ist in unserer Republik auch nicht 1945 aus dem Ei geschlüpft. Adenauer war Erdogan durchaus nicht unähnlich, viel vergleichbarer als Hitler: Erzkonservativ, von fairem Wettbewerb in der Demokratie hielt er nicht viel – er war es, der das System schwarzer Kassen in die CDU eingeführt hat; Kohl war eben auch in dieser Hinsicht der „Enkel Adenauers“ –, tiefreligiös, gleichwohl führt er einen einerseits modernen, andererseits sozial abgefederten Kapitalismus ein (Erdogan hat ein funktionierendes Krankenkassensystem eingeführt, dafür sind ihm die Menschen heute noch dankbar), und zum Schluß hatte Adenauer deutlich autoritäre Züge, strebte ebenfalls ein Präsidialsystem an. Man möchte nicht wissen, wie Adenauer reagiert hätte auf die 68er-Unruhen.

        „Ungleichzeitigkeit“ wäre das philosophische Stichwort dazu.

  4. @Wirtschaftliche Folgen

    Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Gegenmaßnahmen scheinen doch erheblich zu werden. Wer dies verfolgt, um die Welt zu destabilisieren, hätte in der Tat ein Motiv, z.B. mit CrisprCas9 dieses Virus gezüchtet zu haben um es dann in Wuhan freizusetzen. Aber glauben tue ich das nicht. Immerhin haben Experten seit Jahren vor genau so einem Virus gewarnt, teils auch vor wesentlich tödlicheren Varianten mit Sterblichkeitsraten bis zu 50 %.

    Ich erinnere mich hier an die Seehundkrankheit Ende der 80er Jahre, wo mindestens 90% der Seehunde in der Nordsee an einer neuartigen Lungenentzündung verstorben sind. Hier ist der Mensch wohl sogar anfälliger: Je mehr Individuen eine Population hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass eine neue Krankheit aufkommt.

    Ich vermute mal, dass diese Pandemie nicht im Keim erstickt werden konnte, weil einfach die Infektionstests nicht in ausreichendem Ausmaß durchgeführt werden konnten. Wenn ich mir vorstelle, dass man die gesamte Bevölkerung 2 mal pro Woche auf den Virus testen könnte, um dann allen Infizierten Hausquarantäne zu verordnen bis sie wieder Virenfrei sind, dass man damit das Virus jederzeit wieder zum Verschwinden bringen könnte. Wenn man denn diese Testkapazitäten hätte.

    Angesichts der wirtschaftlichen Folgen, die alleine in Deutschland jenseits von 50 Mrd Euro zu erwarten sind, würde ich empfehlen, darüber nachzudenken, eben diese Testkapazitäten für die nächste Pandemie aufzubauen. Selbst wenn das 20 Mrd. Euro kostet, ich vermute das wäre gut angelegtes Geld. Wenn ich mir das Ausmaß des Personenschadens und der Panik vorstelle, die ein zukünftiges Virus mit 20% Sterblichkeit verursachen würde, wird mir schwindelig.

    Also die Laborkapazitäten aufbauen und bereit halten, 200 mio Teststäbchen einlagern und warten. Wenn dann ein neues Virus identifiziert ist, an alle Haushalte mit Namen versehene Teststäbchen verteilen, und für alle, die nicht da wohnen wo sie gemeldet sind noch welche zum selber Beschriften in den Briefkasten einwerfen. Wenn dann in einer Stadt ein Infektionsverdacht aufkommt, dann jeden Auffordern sich einen Nasenschleimhautabstrich zu machen, und den dann in den nächsten Briefkasten einzuwerfen. Jeder der dann positiv ist, muss dann in strikte Hausquarantäne. Wenn man das dann mit den Kontaktpersonen täglich, sonst alle 3 Tage mit der ganzen Stadt wiederholt, müsste das Problem eigentlich in ein paar Wochen erledigt sein. Verbraucht massenhaft Teststäbchen, aber was ist die Alternative?

    Vielleicht sollte man auch darüber nachdenken, ob man solche Testkapazitäten schon für den diesjährigen Herbst realisieren könnte. Falls eine mittlere Entwicklung stattfindet, dass wir bis zum Sommer nur einige Prozent der Bevölkerung infiziert haben, der Sommer eine Pause bereitet und die richtig große Infektionswelle erst in der Wintersaison 2020/2021 aufkommt. Wir können dann doch kaum die derzeitigen Maßnahmen der allgemeinen Kontaktreduktion so lange durchhalten. Das wäre ja fast gruseliger, als wenn wir den Kampf komplett aufgeben und der Sache einfach freien Lauf lassen würden. Zumindest bei dieser Pandemie mit ihrer wohl nur recht mäßigen Sterblichkeit.

    • Ja, @Tobias Jeckenburger – Filme wie „Contagion“ und ganze Serien wie „Pandemie“ (Netflix) haben schon lange vor entsprechenden Szenarien mit sehr viel höheren Todesraten der Krankheitserreger gewarnt.

      Und ich kann mich aus einer früheren Diskussion heraus auch nur wiederholen: Die deutliche Reduzierung des menschlichen Fleischverzehrs wäre ein weiterer Weg, das zukünftige Überspringen von Krankheitserregern zu reduzieren. Massentierhaltung samt dem Einsatz von Antibiotika plus dem Verzehr von allerhand Wildfleisch ist sicher kein Zukunftsmodell…

      • „Die deutliche Reduzierung des menschlichen Fleischverzehrs wäre ein weiterer Weg, das zukünftige Überspringen von Krankheitserregern zu reduzieren.“

        Für Umwelt- oder Klimaschutz mag eine Reduzierung des menschlichen Fleischverzehrs sicher von Vorteil sein. Viele der großen Epidemien und Pandemien, wie die Pest, wurden allerdings von Tieren übertragen, die nicht auf unseren Speiseplan stehen. Empfehlenswert dazu auch das Buch „Epidemien und Pandemien in historischer Perspektive“ von Prof. Dr. phil. Jörg Vögele.

        • Nix gegen gelegentliches Besserwissen, liebe @Mona – darin sind wir Deutschsprachigen ja kulturell ganz groß! 😉 🌷🇩🇪

          Aber dass eben „viele“ Krankheiten durch den Verzehr verschiedenster Tiere übertragen wurden und dass auch die Abholzungen etc. im Rahmen der Futtermittelproduktion sowie die Klimaerwärmung die Übertragung von Krankheiten auf Menschen begünstigt haben, möchte ich jetzt echt nicht noch einmal diskutieren. Ich verbiete ja niemandem sein oder ihr geliebtes Tierfleisch, sondern lade einfach nur zum Mitdenken (und Besserwissen) ein. 👍✅🌍

    • Ganz egal, wie man die Corona-Krise “loest”, die westlichen Gesellschaften werden am Ende mit mehr Staatsverschuldung und weniger wirtschaftlichen Freiheiten dastehen. Hayeks ‘Der Weg zur Knechtschaft’ ist aktueller denn je.

      Einigen Regierungen, oder zumindest einigen Politikern, kommt Corona wie gelegen. Man kann nun die naechste Wirtschaftskrise auf ein Virus schieben, statt auf jahrelangen Geldsozialismus durch Zentralbanken und staatliche Ueberregulierung. Die Staaten und Zentralbanken koennen sich jetzt noch dreisterweise als Retter in der Not aufspielen.

  5. Wie dieses Virus in die Welt gekommen ist, ist mir im Prinzip egal. Nur die Auswirkungen sind hier in Bayern schon recht heftig. Letzten Samstag war bei LIDL richtig Hochbetrieb mit etwa 3 mal mehr Kunden als am Samstag üblich. Mal sehen, wie lange das weitergeht.

    Gruss
    Rudi Knoth

    • Nun ja, @Rudi Knoth – Ihnen mag das persönlich egal sein. Aber Sie kennen aus den einschlägigen Foren ja genug Verschwörungsgläubige. Die hatten und haben da stets eine Vermutung oder gar vermeintliche Gewissheit… 🧐

      • @Michael Blume 18.03.2020, 11:51 Uhr

        Aber Sie kennen aus den einschlägigen Foren ja genug Verschwörungsgläubige. Die hatten und haben da stets eine Vermutung oder gar vermeintliche Gewissheit… 🧐

        Nun teilweise auch in meinem persönlichen Bekanntenkreis. Sicher bietet solch eine Pandemie ein Grund für einschneidende Maßnahmen. Das berühmte “Feierabendbier” muß man hier zuhause trinken.

        Gruss
        Rudi Knoth

        • Wobei das eine Satireaufnahme sein soll. Aber wie schon an @Hans geschrieben – im Netz lassen sich Satire und Ernsthaftigkeit praktisch nicht mehr unterscheiden.

          So gibt es inzwischen einen ganzen Kranz von Verschwörungsmythen rund um das Manöver “Defender 2020”, das von QAnons als Putsch gegen Liberale ersehnt und von Antisemiten umgekehrt als Teil der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung.

          Wer auf dem Verschwörungswahn-Trip ist, kann sich seinen Mythos heute digital leicht und schnell selbst backen… :-/

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