Sym-badische Erkenntnis. Identität wird nicht mehr konstruiert, sondern inszeniert

Obwohl ich manchmal noch Erinnerungsschmerz an die schöne Lehrzeit in Jena habe (und wer das nicht versteht, möge “Fabelhafte Rebellen” von Andrea Wulf lesen), war es wohl die richtige Entscheidung, den letzten jährlich möglichen Lehrauftrag am KIT in Karlsruhe zu halten und zu verteidigen. Die Fächerstadt des Rechts, aber eben auch der Medientechnologie bietet Kleinode wie die “Badische Backstub'”, die sich das e dialekttreu erspart und sich crossmedial mit dem Mönchs-Symbol der Brezel und Bücherecken als “Genussbibliothek” am Kronenplatz präsentiert.

Ein Ort, der mit Glücksgefühlen krönt, weil er nicht protzt: Die “Badische Backstub'” als “Genussbibliothek” am Kronenplatz Karlsruhe. Foto: Michael Blume

Der meiste Kaffee, den wir im Medien- und Berufsethik-Blockseminar “Die Macht der Namen” übers Wochenende konsumieren, stammt von hier.

Und das Koffeingetränk – bei einigen auch Tee – wird gebraucht, denn Mitarbeit nicht nur am Mythos ist angesagt: Ich lerne von den Studierenden je mindestens so viel wie umgekehrt. Aus einer Diskussion heute nehme ich zum Beispiel eine bleibende Begriffsänderung für mich mit: Hatte ich in unzähligen Texten einschließlich der Doktorarbeit darüber geschrieben, wie Identität “konstruiert” wird, so sprechen die jungen Medienwissenschaftler:innen hier davon, Identität würde stets “inszeniert”.

Das Sprachbild der Konstruktion entstammt dabei der Baukunst und betont den Emergenz-Effekt: Die einzelnen Neuronen des Gehirns oder die einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft schließen sich zu Systemen mit neuen Eigenschaften wie Bewusstsein oder Wir-Gefühl zusammen. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht also der jeweilige Auf-Bau.

Aus der Perspektive der Emergenztheorien steht die Auf-Bau-Leistung im Mittelpunkt, hier eine Darstellung der Wissenschaften von “harten”, grundlegenden zu darauf aufbauenden, emergenten und also “weichen” Wissenschaften. Grafik: Michael Blume  

Der Begriff der Inszenierung aus dem Theater, aber auch der religiösen Liturgie (und im Theater steckt die Schau des Göttlichen, des Theos, noch immer) stellt dem die medienwissenschaftliche, also zwischenmenschliche Perspektive entgegen: Wir “konstruieren” personale wie auch soziale Identitäten immer als Reaktion auf das Gesehen-Werden. Die gleiche Person wird sich in einem Date anders inszenieren als in einem Bewerbungsgespräch. Das ist eine Konstruktionsleistung, die aber immer auch auf die jeweils anderen Personen hin geleistet, eben inszeniert wird. Und von hier aus lässt sich dann zum Beispiel erkunden, warum Deutsche das berufsbezogene Bewerbungsverfahren in der eigenen Sprache darstellen, das liebesbezogene Werbungsverfahren aber früher in Französisch (Rendezvous) und heute in Englisch (Date) rahmen.

Was wird im Internet aus der Nation?

Grundlage der Debatte um die Inszenierung von Identitäten war dabei eine Reihe faszinierender Vorträge zu Personen- und Städtenamen. Wir diskutierten dann im Seminar, welche Rolle Städte, Stämme und Regionen für zukünftige Identitätsinszenierungen (bis heute hätte ich Identitätskonstruktionen geschrieben) haben. Der häufig zu hörenden These, die Nationalstaaten würden zugunsten einer europäischen oder kosmopolitischen Identität verschwinden, setzte ich dabei das r/placeDE-Phänomen entgegen. Einen politischen Bedeutungsverlust der Nationalstaaten halte ich für möglich, aber da sich Internetforen regelmäßig auf Basis von Sprachen organisieren, entstehen hier neue, auch reflektierte und spielerisch ironisierte Nationalstaats-Inszenierungen.

Siegreich sei, wer gemocht wird – was den evolutionären Bedingungen von Zigtausenden Generationen vor uns recht genau entspricht.

Die ganze r/place-Diskussion hier noch einmal anzuführen, würde zu weit führen – es müsste auf das Logo der KIT Karlsruhe für das seltene Beispiel regionaler Identitätsbehauptung und das buddhistische Mandala als spirituelle Übung auch des digitalen, weißen Endes eingegangen werden.

Doch RvNxMango hat das digitale Kunstprojekt für alle Nachwelt – inszeniert.

Viel Freude beim Schauen und Staunen! 🙂

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Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

26 Kommentare

  1. @Hauptartikel

    „..,entstehen hier neue, auch reflektierte und spielerisch ironisierte Nationalstaats-Inszenierungen.“

    In der Tat sieht man die nationale Perspektive nicht mehr so ernst. Ich meine dann auch, dass eine globale Identität dabei ist, sich auszubilden. Identität als Inzenierung ist ja auch immer eigentlich vielschichtig, man sieht sich gleichzeitig als Europäer, Deutscher, Kohlenpottkumpel und ist Fan vom BVB.

    Es sieht auch so aus, dass die neuen Möglichkeiten, Text zu übersetzen, den internationalen Austausch über das Internet beflügeln könnte. Wenn man hier im Blog Dänen, Franzosen und Syrer hätte, die munter mitdiskutieren können, weil der Verlag hier eine automatische Übersetzungsfunktion in diesen Blog einbaut, dann wäre wohl auf die Dauer der Weg frei für eine nachhaltige Stärkung einer globalen Identität.

    Jeder kann dann in seiner Sprache Beiträge verfassen, und jeder kann sich aussuchen, in welcher Sprache er den ganzen Blog lesen will. Die Übersetzungs-KI muss nur gut genug sein, dann läuft das alles automatisch.

    Jetzt brauchen wir nur noch vernünftige Plattformen, die Facebook, Twitter und ähnliches ersetzen können. Und die Afrikaner brauchen mehr Strom und Datenrate, um auf Augenhöhe mitzumachen.

    • „Es sieht auch so aus, dass die neuen Möglichkeiten, Text zu übersetzen, den internationalen Austausch über das Internet beflügeln könnte.“

      Naja, aber ob das so eine gute Idee ist?

      Im Netz, und gerade auf Twitter gibt es ja gerade wieder einmal aus gegebenem Anlaß eine Grundsatzdebatte. Zu den nachdenklicheren, nicht so lauten und nachdenkenswerteren Stimmen gehört meines Erachtens Frank Rieger (Sprecher CCC). Er plädiert gerade für eine Entnetzung, für eine Rückkehr zu kleineren Bubbles wie etwa Mastodon, wie noch kleiner Foren und – so klein denkt auch er nicht mehr – etwa diese kleine Leserkommentarcommunity.

      In naher Zukunft gibt es einen gern übersehenen Treiber, der die Ungemütlichkeit der großen werbeoptimierten Plattformen wie Twitter weiter beschleunigen wird: Automatisierte Übersetzungen. In dem Moment, wo Übersetzungen immer und überall automatisch passieren – beim Lesen, beim Suchen, beim Schreiben – tritt der Babelfisch-Effekt ein.

      “Der praktische Nutzeffekt der Sache ist, dass man mit einem Babelfisch im Ohr augenblicklich alles versteht, was einem in irgendeiner Sprache gesagt wird. (…) Mittlerweile hat der arme Babelfisch dadurch, daß er alle Verständigungsbarrieren zwischen den verschiedenen Völkern und Kulturen niederriss, mehr und blutigere Kriege auf dem Gewissen als sonst jemand in der ganzen Geschichte der Schöpfung.”

      (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis)

      Bisher stellen die Sprachbarrieren noch eine relativ effektive Segmentierung der globalen Plattformen in Kulturräume mit ihren Gepflogenheiten, Sprichwörtern und lokalen Themen sicher. Es ist absehbar, dass dies nicht mehr lange der Fall ist. Schon jetzt folgen meine englischsprachigen Freunde meinem primär deutschsprachigen Account mit automatischer Übersetzung per Click. Wenn demnächst globale Suche über alle Sprachen hinweg funktioniert und die ausgewählte Sprache des Feeds unabhängig von der Ausgangssprache automatisch realisiert wird, haben wir einerseits mehr Austausch mit netten Menschen überall auf dem Planeten. Andererseits haben wir dann auch US-Trumpisten-Horden die, auch noch befeuert durch Übersetzungsfehler, über deutsche LBQT*-Twitterer herfallen.

      Blog, leichter, weniger komplex und lebendiger im Podcast

      Wir erfahren in Deutschland doch seit rund anderthalb Jahrzehnten eine Verrohung zuerst im Netz durch den Kulturimport amerikanischer rechtspopulistischer Debatten. Ich hatte sie zum ersten Mal wahrgenommen mit PI-News, es wird Vorläufer gegeben haben.

  2. Inszenieren und Konstruieren sind Teile desselben Prozesses – Inszenieren ist, wie Konstruieren aussieht, wenn man genau hinschaut, oder wenn alle plötzlich so intensiv zu konstruieren beginnen, dass man’s gar nicht mehr übersehen kann. Grundlage ist die gleiche Physik, wie bei allem anderen auch: Die Welt wird mit Informationen geflutet, alle Teilchen haben einen Gencode, der die für sie relevanten herausfiltert, und wie intensiv der Gencode reagiert, bestimmt, wie viel Energie auf es einzuwirken scheint. Sie beschäftigen sich ja viel mit der Macht der Schrift – auch ein Gencode, oder vielmehr ein Werkzeug, Gencodes festzuhalten. Ein Gencode, der einmal festgehalten wurde, wird zur Dauerschleife, Mantra, Gehirnwäsche, denn er wird immer dann wiederholt, wenn er gelesen wird. Und, ist er überall, wird er immer wieder gelesen, und als Wirklichkeit empfunden. Im Grunde scheint alle Welt nur aus blödem Geschwafel zu bestehen, das sich ständig gegenseitig liest, und nur dadurch irgendwie zusammenhält, weil die grundlegenden Codes, die alle zwangsläufig mitlesen müssen, alle gleich und aufeinander abgestimmt sind. Diese Codes können Sie bei Mathe und Physik studieren, oder im Zeichenunterricht – denn schließlich sind Teilchen auch nur Pünktchen, die sich zu Linien, Flächen, Formen, Buchstaben, neuen Gencodes zusammenfügen. Sieht man ja auch in Ihrer Hierarchie der Emergenzebenen und Evolutionen, jeder Gencode bildet neue, doch der alte bleibt der Boss, dem all seine Nachkommen dienen müssen.

    Einfacher gesagt, Macht wirkt wie ein Magnet, unsere Köpfe richten sich darauf aus. Allein schon Größe, eine beträchtliche, sichtbare Oberfläche, hat enorm viel Strom drauf, deswegen gibt’s all die Kathedralen, Paläste und die große Show, die die Religionen, Staaten, Herrscher veranstalten. Man muss echt das System verlassen, um zu merken, wie gewaltig die Hypnose der Macht uns bestimmt. Natürlich ist Show nicht alles, Materie ist Gott – der Kapitalismus kann mich mit gigantischen Profiten und den schönsten Märchen von boomender Wirtschaft berieseln, wenn ich im Supermarkt sehe, dass die Produkte immer schlechter werden, wenn ich immer ärmer werde, glaube ich eher Verschwörungstheorien von QAnon und AfD, weil die meine Lebenswirklichkeit besser erklären, als das offizielle Narrativ. Ein Putin kann versuchen, sich die Welt mit Gewalt gefügig zu machen, aber dazu müsste er alle Kontakte der Russen nach Außen auslöschen, damit die Leute nicht wissen, dass leere Regale, Krieg und Terror das Beste sind, was die Welt zu bieten hat – oder eben die Welt so beschissen machen wie Russland ist (Adolf-Prinzip: Wenn du der Beste sein willst, aber total scheiße bist, musst du alle zerstören, die besser sind als du). Materie ist Gott, der Diktator will es nur werden, doch den Machtkampf Licht aller Bildschirme gegen fehlende Kalorien aller Brötchen verliert er frei nach E=mc2. Eine Lüge, die oft genug wiederholt wird, wird zur Wahrheit – na dann wiederhol mal, Putinchen, wiederhol mal, so schnell und viel, dass dich die Reibungshitze in Flammen aufgehen lässt, lange, bevor du auch nur den Fuß des Olymp erreicht hast.

    Natürlich wirken wir alle aufeinander ähnlich wie Kraftquellen, Magneten. Da sehen Sie an Mode und anderen Erscheinungen regelrecht, wie wir einander eichen, anstecken, Impulse pflanzen sich in Wellen fort, mutieren, vermischen sich mit anderen. Und wenn Sie, sagen wir mal, einen komischen Hut bei vielen Leuten sehen, wird auch er zum Machtsymbol – ist ja auch eine große Oberfläche. Also orientieren sich die Leute nach dem Hut. Und damit meine ich alles – Persönlichkeit, Bewusstsein, Denken, Gefühle, Verhalten.

    Bart ist nach 9/11 wieder Mode geworden, seitdem sind Hipster Litfaßsäulen des Terrors, und damit sind die Terroristen überall. Ohne dass es den Hipstern bewusst wäre, auch wenn auch sie, in Sachen Selbstoptimierungs-Konsum-Weichei, radikale Taliban sind. Ähnlicher Mechanismus, wie 9/11 dazu geführt hat, dass in den USA rechte Spiegelbilder der Taliban Zulauf erhalten – der Impuls ist übersprungen, der Gencode „Radikal, Extrem, Mehr Identität, mehr Inszenierung, mehr Dominanz, mehr Abgrenzung, mehr Selbstschutz“ glüht überall und speist das, was auch immer die Leute lokal unter „Identität“ verstehen. Weil aber jeder nur begrenzte Aufmerksamkeit und andere Ressourcen zur Verfügung hat, bedeutet mehr Bezug auf eigene Identität mehr Blindheit für alles andere – die Ich-Gesellschaft bleibt bestehen, nur die Ichs werden größer, verschmelzen die Köpfe erfolgreicher zu einem gemeinsamen Egoisten. Die Machtvorstellung der Taliban, die schwache Antwort der Demokratie, die wiederum nur im absoluten, alles verschlingenden, selbstherrlichen Egoismus von Dubbya und seiner Öl-Kumpels bestand, zeigte klar, wer der Sieger ist: Das narzisstische Psychopathen-Ego kleiner Gruppen, die sich einen feuchten Dreck um den Rest der Welt scheren. Danach gab’s kein halten mehr. An 9/11 starben alle Illusionen, die die alte Welt gerade noch zusammenhielten, seitdem ist alles Apokalypse, der Zerfall eines größeren Egos in kleinere, den Sie auch in jeder anderen Leiche sehen.

    Das, was wir für vernünftig, gesund, normal halten, was uns verrückt, krank, pervers erscheint, wird von den Hüten bestimmt, die wir anbeten. Auch wenn die Hüte verkommen würden, wenn sie sich nicht wenigstens oberflächlich an die Realität halten würden, denn auch sie können ihr Dafürhalten nur mit Wahrheiten speisen, die ihnen der wahre Gott der Materie gönnt. Wir können’s nicht unterscheiden – der Materie ist das egal. So kommen so lustige Situationen zustande, wie dass Demokratiegläubige per Volksabstimmung übers Wetter entscheiden, oder Kapitalismusgläubige Wirtschaft durch Geld drucken und Schulden machen ersetzen, und die Dreistigkeit besitzen, das „Materialismus“ zu nennen. Nun, Ketzerei gegen Materie kommt mit Inquisition inklusive, denn wer mit den Armen flatternd vom Hochhaus springt und sich ums Fliegen bemüht, den kann nur ein Fallschirm erlösen, aber nicht sein immaterieller Glaube. Die Macht des Wortes ist im Fleisch, das es bewegt – Gencodes zerfallen ohne einen materiellen Träger und die Materie der Teilchen, in welchen sie sich spiegeln können, verleiht ihnen Masse und Macht.

    Allerdings ändert sich das Zusammenspiel der Kräfte je nach Situation. Dadurch mutieren wir auch immer wieder zu einer anderen Person – die Anderen sind Glühbirnen, die uns mit Information berieseln, unsere inneren Filter reagieren auf das Licht und lösen die passende Reaktion aus. Natürlich setzt das voraus, das wir die passenden Filter und die passende Reaktion bereits vorinstalliert haben. Das läuft seit der Kindheit, und zwar nach dem gleichen Muster, wie alles andere auch: Muskeltraining. Die Information, die ständig wiederholt wird, verfestigt sich, weil sich Teilchen zu ihr hinwenden, an sie anlagern, Sedimente bilden, ihr Masse verleihen. Diejenige, die keine Follower findet, bleibt instabil und verschwindet, ebenso wie diejenige, die zunächst Follower findet, aber vernichtet wird, sobald ihr eine mächtigere Wahrheit in die Quere kommt – Darwinismus halt, die Teilchen der Maus werden von der Wahrheit der Katze bekehrt, ein Gott fällt, damit der andere leben kann. Unsterblichkeit ist nichts für Organismen, die das Paradies nur vorlügen können, während überall im Supermarkt die Produktqualität runter geht, da zieht man als Teilchen lieber in einen munteren, jungen Geier oder eine fesche Made um. Oder eben, beim Zusammenbruch aller globalen innermäusischen Lieferwege und Netzwerke, in eine Katze.

    Sie können es sich vereinfacht so vorstellen, dass Sie viele verschiedene Leute im Kopf haben, die je nach Situation an- und ausgeknipst werden, und sich Ich nennen dürfen. Es kommt Ihnen nicht komisch vor, weil’s Ihnen nicht komisch vorkommt, es ist zu selbstverständlich, um es zu bemerken, zu unwichtig, um Ihre Aufmerksamkeit zu erregen – wahre Götter werden unsichtbar, wenn sie Götter werden, wir dienen ihnen, weil es keine andere Möglichkeit gibt, eine Entscheidung ist nicht mehr erforderlich, also belästigt uns auch unser Hirn nicht damit. Wie oft haben Leute Gott vergeblich in der Bibel gesucht, während sie ein papiernes Pfund von ihm in der Hand gehalten haben?

    Das Gehirn ist ein Netzwerk, Sie müssen die Dinger nicht in verschiedenen Köpfen verteilen. Sehen Sie auch am Internet – es können Leute im selben Haus isolierter sein als Erdlinge und Marsianer, weil sie sich nicht miteinander vernetzen, sondern mit Leuten quer übern Globus. Allerdings sind und bleiben ihre Körper lokal vernetzt, also sollte man die Bedeutung der reinen Geisternetzwerke nicht überschätzen – die Brötchen kommen nicht über die Datenleitung, ihr Hintern hockt auf einem Stuhl aus dem gleichen IKEA, und wenn das Haus brennt, brauchen alle die gleiche Feuerwehr. Solange der Nationalstaat als Verwaltungseinheit Futter verteilt, bleibt er uns erhalten – sein Pendant in den USA sind die Kirchen: Der Glaube ist stärker als bei uns, weil sie dort viele Funktionen übernehmen, die bei uns der Staat inne hat. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe – Seelen werden gekauft, nicht überzeugt.

    Nationen und Identitäten werden also aufgrund der Gencodes, Netzwerke und Hüte gebildet, die den meisten Strom drauf haben – der Glühbirnen, die alle anderen überstrahlen. Weil wir, aus praktischen Gründen, immer größere bilden müssen, gibt’s zwei Optionen – eine Nation frisst alle anderen auf, die bevorzugen so Leute namens Adolf oder Vladimir. Oder wir graben tiefer, suchen einen allgemeineren Code, den mehr Leute gemein haben, und lenken die Energie darauf. Wir sind alle Europäer, Weiße, Menschen, Hessen, Akademiker, Cthulhu-Anbeter, Linkshänder, Hackfressen, Schlipsträger, Säugetiere, intelligentes Leben, überhaupt Leben, Materie, was auch immer Sie gerade brauchen, um einen Stamm der benötigten Größe zu bilden und zu einer gemeinsamen Glühbirne zusammenzuschweißen – einem gemeinsamen Ich, das alle anderen dominiert. Identitäten sind hierarchisch organisiert: Es wohnen viele Seelen in Ihrer Brust, aber Ihr Name zum Beispiel herrscht über sie alle.

    Die tolerante Variante erfordert bessere Filter – schließlich muss man eine größere Datenvielfalt verarbeiten, um die relevanten herauszufinden, als wenn alle im Gleichschritt in grauen Burkas herumlaufen und man nur auf Rangabzeichen und Befehl achten muss. Dennoch beruhen beide Systeme auf dem gleichen Prinzip: Einem gemeinsamen Gencode, einem Regelwerk, das es einfach macht, miteinander auszukommen, weil alle es schon kennen, sich daran halten, und ihm deswegen durch ihr Verhalten genauso sichtbare, überall präsente Schein-Allmacht verleihen, wie durch bestimmte Hüte.

    Ein tolerantes System muss auch mit einer größeren Fülle an Möchtegern-Luzifers leben: Schließlich möchte jeder Gencode in der Hierarchie aufsteigen, wir sind Symbionten, wenn wir müssen und Parasiten, wenn wir können. Jeder der Gencodes, die sich dem Gott der Toleranz fügen müssen, ist allen Ernstes überzeugt, dass das richtig so ist, und ewig bleiben muss – bis Sie zu viel Strom drauf geben, und er zum Rebellen wird. Oder bis der Strom des amtierenden Gottes versiegt, ist halt alles relativ. Wahrnehmung folgt Nutzen – glauben Sie ja nicht, Ihr Dafürhalten, Ihre Überzeugungen, Ihr fester Glaube, hätten in Ihrem Kopf mehr zu melden, als Physik. Ihr Glaube ist fest, weil viel Strom drauf ist, weil neurale Stränge ihre Anhänger durchfüttern und deswegen viele um sich scharen können.

    Schätze mal, selbst die Materie scheint fest, ewig und allmächtig, bis einer den Stecker zieht. Dann zerfällt alles zu Staub. Haben Magnetfelder so an sich.

  3. Karlsruhe kennt Dr. Webbaer selbstverständlich ebenfalls, hat’s oft besucht und sogar einmal dort den Langlauf besucht, die Veranstalung war wohl organisiert.

    Sicherlich kann Identität, Selbstigkeit, die aber doch einen Gruppenbezug (niemand existiert alleine, jedenfalls kein wie hier gemeintes Gruppenwesen) hat, als ‘inszeniert’ betrachtet werden, weil es aber doch ‘Identität’ gibt bzw. sie aus diesseitiger Sicht so sinnhaft konstruiert ist, macht derartige feinsinnige bis vielleicht auch modische Unterscheidung (“Inszenierung”) aus konstruktivistischer Sicht – der Schreibär dieser Zeilen ist philosophischer Konstruktivist – “den Braten nicht fett”.

    Mit freundlichen Grüßen und schon mal eine schöne Kalenderwoche 3 wünschend
    Dr. Webbaer

    • Danke, @Webbaer – der philosophische Konstruktivismus war ja auch Grundlage meiner Doktorarbeit. Am medienwissenschaftlichen (!) Begriff der Inszenierung sagt mir jedoch zu, dass er die Konstruktionsleistung nicht negiert, sondern auch bereits die Adressierten mitbedenkt. Sowohl individuelle wie kollektive Identitäten werden stets auch zur Wahrnehmung durch andere konstruiert, also inszeniert. Und das kann harte Arbeit umfassen, mehr oder weniger gelingen.

      • Ganz genau, lieber Herr Dr. Michael Blume (‘[…] der philosophische Konstruktivismus war ja auch Grundlage meiner Doktorarbeit.’ – Nett!), Ihre Aussage ist konkret, vergleiche vielleicht auch so :

        -> https://www.etymonline.com/search?q=scene

        Der Konstruktivist meint aber nicht anders, er hat sozusagen stets an die Rezipiens zu denken.


        Kleine Anmerkung zu den Nationalstaaten vielleicht noch :
        Eine wie auch immer konstruierte, teils auch den Wettbewerb und die Distinktion suchende Bündelung darf, muss es vielleicht geben.
        Der Herrgott sozusagen, Dr. W ist bekanntlich Humanist, die Welt sozusagen, kann kaum anders vorgesehen haben ?! [1]


        Generell zu dieser Aussage (‘Viel Freude beim Schauen und Staunen!’) vielleicht noch :
        Die Welt soll, wie nicht wenige meinen, ca. zehn Milliarden Jahre alt sein, dieser Planet ist seit vielleicht drei Milliarden sozusagen bewohnbar, von den hier gemeinten erkennenden Subjekten, die u.a. auch Homo Sapiens Sapiens genannt werden, ein wenig böse formuliert auch ‘Apes’ (Terry Pratchett), aber lange, längere Zeit unentstanden, wie kann es sein, dass sich erst seit vielleicht 6.000 Jahren so hervor gehoben, erhoben wird ?!

        Mit freundlichen Grüßen und – wie immer – beste Wünsche für Ihre Arbeit und Ihr Fortkommen
        Dr. Webbaer

        [1]
        Diese Frage mit impliziter Einschätzung ist sozusagen tautologisch, Dr. Webbaer weiß es.

  4. Bei meinem kürzlichen Besuch in Karlsruhe war ich als erstes ebenfalls in der Badische ‚Backstub’.

    Und nun zur Zukunft der Nationen (Zitat):
    Einen politischen Bedeutungsverlust der Nationalstaaten halte ich für möglich.
    Vieles spricht dagegen, dass Nationen bedeutungslos werden. Etwa die Tatsache, dass die UNO-Mitglieder (vor allem) Nationen sind. Selbst der Eurovision Song Contest ist ein Wettbewerb zwischen Nationen.
    Nationen sind heute das, was ein politisches System gegen andere politische Systeme behauptet. Dadurch werden Nationen aber auch problematisch. Allerdings vor allem grosse Nationen. Denn grosse Nationen wie Deutschland, Japan, und jetzt Russland haben andere, kleinere Nationen immer wieder platt gemacht oder haben anderen Nationen sogar das Existenzrecht aberkannt wie das jetzt Russland gegenüber der Ukraine tut. Ich sage darum: Entmachtet die Grossnationen! Oder hegt sie mindestens ein. Wenn es ein Grossgebilde geben muss, dann am ehesten etwas wie die UNO. Hier halte ich es mit Peter Sloterdjik, der im Interview folgendes sagt:

    Interviewer: Im Ukraine-Krieg hat sich Europa schnell zu einer klaren Parteinahme durchgerungen. Sie sind kein Freund grosser Einheiten und halten kleine staatliche Gebilde für zukunftsträchtiger. Zeigt der Krieg nicht gerade, dass grosse Verbünde zentral sind und der Einzelstaat relativ ohnmächtig ist?

    Sloterdjik: Im Gegenteil: Wenn Sie die Hypothese von der höheren Zukunftstüchtigkeit der kleineren Einheiten konsequent durchführen könnten, dann gäbe es ja dieses übergrosse Geo-Monstrum namens Russland nicht. Stattdessen existierten, sagen wir, acht oder zehn kleinere politische Einheiten, keine von ihnen wäre angriffskriegsfähig, jede aber ausreichend wehrhaft. Wir hätten einen Flickenteppich aus hübschen, kleinen, lebenswerten Kleinstaaten. Montesquieu hat schon betont, in einer kleinen Republik stehe jedem Bürger das Gemeinwohl viel deutlicher vor Augen als in den grossen Gebilden, in denen Parasitismus und Privatismus gedeihen.

    Leider geht aber die Tendenz immer noch zu Grossgebilden auf Kosten von Kleinstaaten. Für mich sind die heutigen Grossgebilde wie China, die USA, Russland, Indien und einige mehr vor allem fleischgewordene Demonstrationen von Macht über Menschen und über Nachbarn. Demonstrationen bedrohlicher und nicht friedlicher Macht. Bedrohliche Macht sollte in der Zukunft nur noch ein Gebilde haben: die UNO nämlich. Und diese Macht sollte die UNO vor allem dazu aufwenden, Kriege zu verhindern oder zu beenden. Denn Kriege lohnen sich aus der Sicht von Bürgern praktisch nie. In einer Welt in der jederzeit ein Krieg möglich ist, muss zudem sehr viel Geld für das Militär ausgegeben werden. Und das ist aufs Ganze gesehen rundum eine Fehlinvestition.

    Leider sehen das nur Wenige ein. In einem früheren Kommentar in dem ich ebenfalls zur Verkleinerung von Staaten aufrief, waren die meisten Kommentatoren hier entsetzt und zeigten sich froh, dass Deutschland so gross ist. So gross, dass es den Ton in Europa angeben kann.
    Leider ist es faktisch so, dass Grösse das Potenzial hat zu noch mehr Grösse. Chinas Staatsgebiet etwa ist heute deutlich grösser als vor 100 Jahren. Und diese Vergrösserung geschah nicht freiwillig.

  5. @Holzherr 16.01. 09:39

    „In einem früheren Kommentar in dem ich ebenfalls zur Verkleinerung von Staaten aufrief, waren die meisten Kommentatoren hier entsetzt und zeigten sich froh, dass Deutschland so gross ist.“

    Keine so schlechte Idee. Ich dachte auch schon mal, dass unsere Bundesländer auch einzeln EU-Mitglieder sein könnten. Auch Katalonien, Baskenland, Nordirland, Norditalien könnten auch Einzelstaaten unter einem EU-Dach werden. Das hätte ganz konkret schon mal den Vorteil, dass man in ein anderes Bundesland ziehen kann, wenn einem die Politischen Verhältnisse dort mehr zusagen.

    Ein Umzug in andere EU-Länder ist dagegen mit Sprachbarrieren verbunden. Und genau die Sprachbarrieren behindern wohl eine stärkere Europäische Identität, und gerade in Deutschland können eben alle Bundesländer gemeinsame Medien machen, und die bauen auch an der Nationalidentität wesentlich mit.

    Was allerdings die Zukunft betrifft: die aktuellen Übersetzungsprogramme könnten nachhaltig alle Sprachbarrieren aufheben. Und den Weg frei machen für eine Europäische und eine Globale Identität. Jeder könnte auf allen sozialen Plattformen sich mit jedem persönlich verständigen, man könnte beliebig die Nachrichten in Dänemark oder Frankreich auch mal gucken, und alle Bücher und Zeitungen der Welt in seiner eigenen Sprache lesen.

    Wenn man übers Darknet auch in Diktaturen halbwegs frei in alle Richtungen kommunizieren kann, ohne jede Sprachbarrieren, dann werden so womöglich sogar Kriege verhindert. Wenn lange im Vorfeld von militärischen Konflikten die Menschen der beteiligten Länder frei und ausgiebig ihr Problem diskutieren könnten, dann könnte man die Kriege womöglich so sogar vermeiden.

    Bei dem drohenden Konflikt zwischen den USA und China etwa könnte eine ausgiebige direkte Diskussion eventuell auf beiden Seiten mehr Verständnis für die jeweilige Position des anderen bringen. Und dann dazu führen, dass man Kompromisse findet. Insbesondere nicht kurzfristig, sondern über Jahrzehnte gesehen.

    Dann erscheint mir sogar eine UNO denkbar, die weltweit nicht nur Deutschland überflüssig macht, sondern auch die EU selbst, die USA, China und Indien. Dass sich hier die vielen kleine Regionen eben effektiv zu einer Weltregierung zusammentun, dessen Basis die Aufhebung aller Sprachbarrieren sein könnte. Und der damit möglichen Globalisierung sämtlicher Kulturprozesse.

    Ich denke auch ganz aktuell, dass der EU vor allem die gemeinsame Sprache fehlt, und deswegen die Distanz zwischen der Organisation und den Bürgern größer ist, als sie es sein könnte.

    Wenn die Übersetzungsprogramme erstmal automatisch geschriebenes Übersetzen können, dann geht das auch mit Audio und Video, praktisch für alles, was im Netz kursiert. Irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass man sich ständig international bewegt.

  6. @Alubehüteter 17.01. 11:56

    „Wir erfahren in Deutschland doch seit rund anderthalb Jahrzehnten eine Verrohung zuerst im Netz durch den Kulturimport amerikanischer rechtspopulistischer Debatten.“

    Ja weil die Plattformen nichts taugen. Werbeoptimierte Newsfeeds einerseits und keine Strafverfolgung bei Verleumdung, Beleidigung und Bedrohung andererseits lässt ja erst die Diskussionen abstürzen. Nebenbei werden wir auch noch alle ausspioniert.

    Wir brauchen dringend vernünftige Plattformen, die die Diskussionen vor diesen Auswüchsen schützen kann. Ich meine, dass das dann was werden kann. Bei Wikipedia oder hier auf Scilogs funktioniert es ja auch.

    Eine Aufhebung der Sprachbarrieren ist sicher auf jeden Fall eine Herausforderung. Hier prallen dann Welten aufeinander. Ich bin gespannt drauf. Noch wird der internationale Austausch durch Journalisten vermittelt und damit auch gefiltert. Das fällt mit einer allseitigen automatischen Übersetzung unaufhaltsam weg.

    • Das Problem sind aber doch nicht erst die Plattformen, wo es dann diesen Clash of bubbles gibt. Das Problem sind doch schon zuvor Homepages und Blogcommunities. Ich bezog mich auf PI-News, die lange ein tonangebendes „Alternativmedium“ waren und jede Menge Diskurse aus Amerika importierten, die dann dort zu Trump führten.

  7. Da sind sie wieder, die Fremdworte wie Kritik, Kommentar, inszenieren, konstruieren,
    die “Gebildeten” verwenden Fremdworte lateinisch/griechischen Ursprunges.
    Die Faulen übernehmen die Schlagworte englischen Ursprunges,
    Die Romantiker sprechen französisch,

    Was sagt uns das, hier spiegelt sich ein Minderwertigkeitskomplex.
    Sollten die Frauen auf dem Gemüsemarkt die einzig “Normalen” geblieben sein, weil sie in einem verständlichen Deutsch reden.

    Hier im web hat sich auch schon eine Zweitsprache eingeschlichen. Wer die nicht beherrscht, der versteht einiges falsch.

    Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich in Gebildete und Ungebildete, die schreitet fort. Die Werbewirtschaft glänzt mit sinnentleerten Worten, die nur noch auf Wirkung aus ist, das Fernsehen ist fest im Griff der Werbeindustrie.

    Ich ende, ohne Verwendung von Fremdworten fällt es mir schwer.

    • Danke, @lioninoil – ich sehe das etwas zuversichtlicher. Denn das Aufgreifen vermeintlich “fremder” Begriffe ist eine schöpferische Leistung, die Sprachen bereichern und vertiefen kann. Obwohl gerade ein erstaunlicher alter Fund der germanischen Futhark-Runen bei Oslo gemeldet wird, schreiben auch Sie in lateinischer Alphabetschrift!

      https://www.welt.de/geschichte/article243265997/Wikinger-Der-aelteste-Runenstein-der-Welt-und-seine-Raetsel.html

      Vielleicht hilft es, sich die Sprachen und Schriftmedien der Menschheit nicht als voneinander abzuschottende Festungen vorzustellen, sondern als lebendiges Netzwerk “einer” Weltsprache und “einer” Schrift. Dann sind die gegenseitigen Beziehungen und dynamischen Austauschprozesse nicht mehr nur Verlust, sondern gehören zum lebendigen Prozess aus Vereinheitlichung und Vervielfältigung. Und auch Sie sind dann nicht Opfer, sondern mitgestaltend. Das wäre zumindest meine Empfehlung zum Umgang mit Medien aller Art.

      • Dass wir keine Runen – weder nutzen noch verstehen, lag doch auch an der militärischen und dadurch wirtschaftlichen Überlegenheit Roms und seiner Nachfolger, die es ermöglichte diese Kultur zu verdrängen und auszurotten.

        Zuletzt hat die Sowietunion die Schamanen verfolgt.
        Da möchte ich gern noche Juri Rytcheu “Der letzte Schamane” lesen.

        Was für eine Wahn, wenn sich Russland nun auf Stalin, Christentum und Schamanismus gleichzeitig berufen will.
        Genauso eine wahnhafte Identitätsinzenierung wie das Dritte Reich, welches sich auf diese Runen bezog, aber gleichzeitig auf Rom.
        Auf dem russischen Staatswappen sehen wir einen Ritter, der einen Drachen tötet.
        Der Drache steht für die “Heiden”. Der Ritter Georg steht für die christliche Kirche, die da einen Völkermord begeht.
        Wir sehen doch gerade in der Ukraine, dass da wieder eine Sprache ausgerottet werden soll, alles begründet mit dem Glauben an Christus.
        “Die früheste bekannte Darstellung eines sibirischen Schamanen stammt von dem niederländischen Forscher Nicolaes Witsen, der 1692 eine Forschungsreise durch Russland machte; er nannte die Illustration „Priester des Teufels“

        Ich fand den Yarn von Tyson Yunkaporta in Sand Talk über die Prussen (sie handelten in Europa bis nach Asien mit Bernstein und Hanf und lebten aber vor allem vom Jagen und Fischen) sehr aufschlussreich.

        Wurden die echten Christen doch auch ausgerottet von den Römern, die Überlieferungs derer, die Jesus wirklich persönlich kannten, wo sein gesprochenes Wort wirkte und nicht was später “vom hören sagen” darüber geschrieben wurde. (Das ist wiedersprüchlich, und wirft die Frage auf, ob Jesus auch schriftliches hinterlassen hat, oder wie Sokrates allein auf Dialog setzte.)
        Das Christentum war von Anfang an nur für den Machterhalt durch die Römer übernommen worden.
        Schreiben wir daher nicht auf Hebräisch?
        Prangt nicht überall von den USA bis Russland der römische Adler auf den Staats- Wappen und nicht der Stern Davids.

        Ich höre auch immer wieder was vom Gegensatz von linearer und zyklischer Zeit, dabei vereinen sich beide in der Spirale, was doch lange bekannt ist.
        Darin ist schön visualisiert, weshalb sich Geschichte nicht wiederholen kann, sondern sie allenfalls sich reimt.
        Die Spirale wird zum Beispiel auch im AiKiDo geübt, im Namen der Göttin der Liebe Kama.

        • Das Buch “Das Rätsel der Schamanin” wollte ich auch noch lesen.
          Ich finde es erstaunlich, dass ihre Macht und Heilkraft bis heute stärker wirkt als je zuvor.
          “Alles an dem Grab schreit Gemeinschaft!”
          Da wird doch klar, wo wir herkommen, und was uns genommen.
          Ein Baum ohne Wurzeln trägt keine Früchte.

          Tyson Yunkaporta beschreibt das Zusammenleben der Aboridginal (!) als anarchisch, womit er meint: Ohne Boss.
          Das schließt aber Demokratie und demokratische Entscheidugsfindung nicht aus.
          Niemand, der meint durch seinen Glauben oder seine Identitätsinzenierung etwas besseres zu sein.

          PRINCE ALLA & THE NAZARINES – Only Love Can Conquer [1979]
          https://www.youtube.com/watch?v=kzvTuNhmaZ8

          • Ich zitiere mal Tyson Yunkaporta (Sand talk s. 138):

            “…Das romantische Bild des Ritters , der einen Drachen tötet, ist eigendlich eine verdeckte Reverenz auf den systematischen Genozid an den sogenannten Heiden. Diese europäische Propagandatradition, in der Opfer von Völkermorden als gefährliche Tiere dagestellt wurden, wurde später überaus wirkungsvoll gegen die Juden eigesetzt und sogar gegen unseren “Mob”, die Aboridgines hier in Australien, die bis vor einem halben Jahrhundert häufig noch als Tiere und nicht als Menschenbürger angesehen wurden. …”

        • Da hat sich eine Fehler “eingeschlichen”.
          So schreibt Kisshomaru Ueshiba in “Der Geist des AiKiDo” zwar von Liebe und Harmonie in Bezug auf AiKiDo.

          Doch die Göttin Kami, die göttliche Eingebung ist gemeint.
          Kama ist aus Indien bekannt, ich bitte um Verzeihung.

      • @Michael Blume

        Obwohl gerade ein erstaunlicher alter Fund der germanischen Futhark-Runen bei Oslo gemeldet wird, schreiben auch Sie in lateinischer Alphabetschrift!

        Herr Blume, dann müssten Sie ihrer Aussage nach dennoch auch schreiben:
        “Weil gerade ein erstaunlicher alter Fund der germanischen Futhark-Runen bei Oslo gemeldet wird, schreiben auch Sie in Buchstaben.”?

        Ich finde es erstaunlich, dass “ich und ich” also “wir zwei” mit Ihnen Herr Blume auch einen “Yarn” “gesponnen” haben, die Spirale in den Sand (Sand Talk) zeichnend, als hätte wir die Weisheit gefunden, die wir in der Schule vermissten.
        Da danke ich Ihnen Herr Blume, für die Möglichkeit, beim alphabetisieren Erfolg zu ver- Buchen! Wenn wir uns denn verstehen um so mehr!

        Yabby you – Jah love [1975]

        Die Hebräer haben demnach einen Weg gefunden dieses Buchstaben- Waldwissen in der Wüste zu bewahren. Nachdem alles durch Babylon und die Pharaonen abgeholzt wurde, der fruchtbare Boden den Bach runter gegangen war, und nur noch das nomadische Leben als Hirten substanziell nachhaltig möglich war. (Siehe David Montgomery “Dirt”, Annie France Harrar “Die letzte Chance für eine Zukunft ohne Not”)
        Sie haben den Weg (AiKi-Do) gefunden, “to bust the seal and set jah children free from boundage, slavery and captivity.”
        Das Alphabet ist auch ein Über -lebenswerkzeug, nicht nur für Buchstaben, sondern für des Menschen Lebens- Sinn.

        PRINCE ALLA – Stone [1976]

        Sie hören im Rausch, im rauschen der Blätter das Runen/Raunen der Bäume.
        So steht es im Buche.
        Die ~ 30% Chaos (Quelle? 🙂 in der Natur kommt durch das Werfen der Buchenholzstäbe zum Ausdruck, vielleicht ähnlich wie das ursprüngliche Werfen der Schafgabenstegel für das Lesen des I-Ging, wo heute Münzen genommen werden. Die Stäbe und die Stängel kommen Zufall! (zu Fall!)

        Weil zwischen den Zeilen steht mehr als ich dachte.
        So haben wir mit der Langspiel-Platte einen linerae Zeit-, und eine zyklische Zeit- Spirale monistisch in Eins.
        Erstaunlich, dass der Kiffer Carl Sagan (Mr.X laut Dr.Lester Grinspoon Havard Professor und Autor von Marihuana reconsidered, er erklärt es auch bei hash church) die Schallplatte als mittel der Konversation mit exterraristischen Lebenformen für die NASA- Mission Voyager wählte!

        ABYSSINIANS – Declaration Of Rights [1971]

  8. @Alubehüteter 20.01. 22:12

    „Das Problem sind doch schon zuvor Homepages und Blogcommunities.“

    Die inhaltliche Diskussion werden wir nicht los. Aber vernünftige Plattformen können dennoch hilfreich sein, vermute ich. Wenn Verleumdung, Beleidigungen und Bedrohungen schon mal wegfallen, und keine extreme Beiträge in Newsfeeds verbreitet werden, dann hätten wir eine Basis. Für eine umfassende Diskussion, die mit einer automatischen Übersetzung dann richtig international werden kann.

    Ich bin gespannt drauf, ob es so kommt. Dann gibts was zu diskutieren.

  9. Michael Blume,
    Als Lehrer war ich gezwungen, so zu sprechen, dass die Schüler mich verstehen können. Dabei gewöhnt man sich an, einfache, klare Sätze zu bilden und wenig Fremdwörter zu benützen . Steht kein deutsches Wort zur Verfügung, dann ist der Fremdwortgebrauch zulässig.
    Die Benützung von Muttersprache (Dialekt) erweitert Sprache indem sie auch das Gefühl zum Ausdruck bringt, das den Sprecher bewegt.

    Was ich jetzt meinte, mit Fremdworten wird das Gefühl getötet. Es soll sich ja gebildet und wissenschaftlich anhören, was manche so schwätzen.

    Ich hoffe, Sie haben verstanden was mich bewegt .
    Mich ärgert es, wenn man bei manchen Mitrednern jedes zweite Wort nachschlagen muss.

  10. Danke für diesen interessanten Beitrag. Mir gefällt es wie sich der Autor mit der Frage auseinandersetzt, wie Identität heutzutage konstruiert und inszeniert wird. Es ist eine faszinierende Diskussion, da die digitale Welt uns ermöglicht, unser Verhalten, Denken und Handeln immer mehr zu manipulieren. Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir als Gesellschaft aufpassen müssen und unserer Identität nicht allzu viel Macht geben.
    Ich muss aber auch zugeben dass die Kommentare manchmal fast so sehr interessant sind wie der eigentliche Beitrag 🙂

    • Vielen Dank, @Angela Morhardt – und, ja, ich blogge auch wegen der vielen lesenswerten Kommentare! Mit Ihrem sind es auf diesem Blog 38.982, davon “nur” 7.591 von mir. Wenn auch das Feld der Kommentierenden aus meiner Sicht gerne noch etwas diverser sein könnte, so erlebe ich diese Form des Online-Dialoges doch als unglaublich lehrreich und weiterbringend.

      Ihnen Dank für Ihr Interesse, bleiben Sie gerne dabei und mit-kommentierend aktiv! 🙂

  11. Hier muss einmal ganz offen eine Lanze für alle Teilnehmer bei scilogs gebrochen werden. Wir sitzen hier in der Ersten Reihe und wir erfahren hier Einzelheiten, die einem nur Zeitungsleser verborgen bleiben.

    • Danke, @lioninoil. Wir Sciloger:innen nehmen für unsere Blogposts auch kein Geld, mit den Werbeeinnahmen wird die Infrastruktur und Admin (teilweise?) bestritten. Unser „Lohn“ besteht wesentlich aus Ihrem Interesse und Ihren konstruktiven Kommentaren. Danke daher auch an Sie persönlich und die anderen konstruktiven Kommentierenden!

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