Revolutionsrede zum Struwwelputsch am 21.9.1848 in Lörrach – Die Revolution trägt Deinen Namen!

Seit 2015 feiert Lörrach jährlich einen “Tag der Demokratie” im Gedenken an die ebenso tapfere wie kurzlebige Republik, die Gustav Struve während der badischen Revolution von 1848 am 21. September ausrief. Es war mir eine große Ehre und Freude, als Landes-Beauftragter gegen Antisemitismus zur “Revolutionsrede” 2021 geladen zu sein (ein Bericht mit Fotos hinter dem Link).

Revolutionsrede Dr. Michael Blume am Alten Rathaus Lörrach, 21.9.2021. Foto: Staatsministerium BW, MfG

Nachdem Paul Jürgens und Martin Schade in historischen Gewändern unter Revolutionsrufen ein Schwarz-Rot-Goldenes Banner nach dem Struve-Motto: “Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!” aufzogen, begrüßte Oberbürgermeister Jörg Lutz die zahlreichen Bürgerinnen und Bürger allen Alters, die sich eingefunden hatten. Da es nach meiner Rede Nachfragen nach dem Text gab, stelle ich ihn hier gerne online. Ich habe die geschriebene Rede in leicht gekürzter Form – da auch Kinder da waren und standen – vorgetragen.

Revolutionsrede 2021: “Die Revolution trägt Deinen Namen!”

Bürgerinnen und Bürger von Lörrach!

Es ist mir eine große Ehre, heute im Beisein Ihres Oberbürgermeisters Jörg Lutz zu sprechen, den Sie in freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt haben! Ich grüße auch Ihre gewählten Abgeordneten und Stadträtinnen sowie Ihren mutigen Kulturamtsleiter Lars Frick! Danke für Euer demokratisches Engagement!

In wenigen Tagen werden wir, als Deutsche, das tun, wovon Gustav und Amalie Struve träumten, wofür sie kämpften: Wir werden einen neuen, den 20. Bundestag für unsere Bundesrepublik wählen!

Wir werden unsere Stimmen abgeben – oder haben es per Briefwahl schon getan – im Bewusstsein der Werte, die hier 1848 verkündet wurden und deren lebendige Wiederaufführung wir gerade erleben durften: „Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!“*

Die bundesrepublikanischen Farben und die Kernforderungen von Amalie und Gustav Struve: Wohlstand, Bildung und Freiheit. Foto: Staatsministerium BW, MfG

Haben also Gustav und Amalie Struve nachträglich dennoch gesiegt? Oder stimmt doch, was bis heute in den meisten Geschichtsbüchern steht – waren sie mit der badischen Revolution von 1848 „gescheitert“?

Ich habe nun einige Bücher über und von den Struves lesen dürfen – und empfehle allen das großartige „Gustav Struve. Turner, Demokrat, Emigrant“, herausgegeben von Annette Hofmann und Clemens Rehm. Doch besonders fasziniert hat mich Gustav Struves eigenes Buch über die „Pflanzenkost“, die vegetarische Ernährung.

Bürgerinnen und Bürger von Lörrach, vor 164 Jahren konnten die Struves noch nichts wissen von unserer heutigen Klimakrise, von Hungersnöten durch Dürren und Wassermangel entlang des gesamten eurasischen Gürtels von Nordafrika bis China, von Hitzemorden an religiösen Minderheiten wie den Eziden im Irak und an Gewalt gegen mutige Frauen in Afghanistan!

Und doch ahnten sie bereits, dass sich nicht nur andere, sondern auch sich jeder und jede ändern mussten. Sie erkannten, dass wir Menschen ins Unglück stürzen, wenn wir voller Gier für jedes Kilo Fleisch unsere Mitgeschöpfe quälen und mehrere Kilo Futtermittel, literweise Wasser und Unmengen an Energie verschwenden. „Revolution“ war für die Struves nicht nur Aufgabe der anderen, sondern ihre eigene bürgerschaftliche, religiöse und sittliche Pflicht!

Und sie behaupteten dabei überhaupt nicht, dass durch einen einzelnen Aufruf, einen einzelnen Sieg alles zu gewinnen wäre. Gustav schrieb wenig optimistisch über den „Alltagsmenschen“ und meinte, es könne „Jahrhunderte“ und „Generationen“ dauern, falsche Gewohnheiten zu ändern.

Heute werden etwa 77 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche unserer Erde für die Erzeugung von Viehfutter genutzt.* Nur noch ein winziger und weiter schrumpfender Bruchteil der Tiere auf unseren Kontinenten lebt und überlebt in Freiheit. Der uns anvertraute, kostbare Planet erhitzt sich und nach Schätzungen der Weltbank ist mit über 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050 zu rechnen.

Von den derzeit beinahe acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten leidet noch immer jeder Zehnte – rund 800 Millionen – an Hunger. Gleichzeitig ringt etwa jeder vierte Mensch, etwa zwei Milliarden, mit einer Ernährung aus zuviel Fett und Fleisch.* Auch ich selbst kann mich da nicht ausnehmen und habe erst 2019, zwei Jahrhunderte nach Gustav Struve, den Fleischverzicht geschafft.

Sind Gustav und Amalie Struve also auch in dieser Frage gescheitert? Sind wir Menschen vielleicht unfähig, auf dieser Welt zu bestehen oder wenigstens das Internet so zu benutzen, dass wir nicht immer mehr verrohen?

Ich glaube, dass Gustav und Amalie Struve uns viel zu sagen haben, wenn wir begreifen, dass es ihnen nicht um einen einmaligen Sieg ging. Sie sahen die badische Revolution nicht als gescheitert an und blieben auch nicht bei ihrem zunehmend verbitterten Zeitgenossen und nur theoretischem Revolutionär Karl Marx in London. Sondern sie schrieben und kämpften als deutsche „48ers“ im Bürgerkrieg der USA an der Seite von Abraham Lincoln gegen Sklaverei und Rassismus und für die Sache von Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle!

Von Gustav und Amalie Struve ist nicht zu lernen, dass der Kampf für die Freiheit in einer einzigen Weltrevolution gelingt – und dann wären wir im Paradies. Von ihnen ist vielmehr zu lernen, dass Freiheit in jeder Generation neu errungen und verteidigt werden muss, dass jede Entscheidung, jeder Kampf, jede Wahl von Bedeutung ist!

Amalie und Gustav Struve hätten nicht davon geredet, dass unsere Bundeswehr als Parlamentsarmee in Afghanistan eine Niederlage erlitten hätte. Sie hätten anerkannt, dass unsere Männer und Frauen in Uniform viel geleistet haben, um Wohlstand, Bildung und Freiheit für zwei Jahrzehnte und damit Hunderttausende Mädchen und Frauen zu fördern! Und sie hätten insbesondere von den Afghanen selbst und vom benachbarten Pakistan erwartet, nun endlich selbst Verantwortung zu übernehmen, statt sich von korrupten Nationalisten und radikalen Fundamentalisten beherrschen zu lassen.

Auch ich habe noch gedient und möchte unseren Soldatinnen und Soldaten für ihren Dienst danken, der Samen der Freiheit gepflanzt hat und nicht umsonst war! Denn auch in Afghanistan gilt: Die Gedanken sind frei!

Es gibt neben dem Christentum noch eine große, religiöse Tradition auch hier in Lörrach, die ein ganz ähnliches Verständnis von Freiheit lehrt wie Amalie und Gustav Struve. Die beiden kannten das Judentum gut, da sie an christlich-jüdischen „Montagskreisen“ teilnahmen und es auch hier in Lörrach zu ihrer Zeit eine Synagoge gab. Auch in seinem „Pflanzenkost“-Buch staunt Struve darüber, dass die Menschen laut der Thora im Paradies kein Fleisch gegessen hätten und er rühmt die – Zitat – „weisen Gesetze des Moses“, die einen schonenden Umgang mit Tieren und Natur nahelegen würden.

Und trotz aller Verbrechen und Morde der Nationalsozialisten auch hier in Lörrach, wo am 9. November 1938 die Synagoge von einem antisemitischen Mob niedergemacht wurde und der Nationalsozialist Reinhard Boos ein menschenverachtendes Schreckensregiment führte: Es gibt wieder jüdisches Leben hier in Lörrach – das Leben war stärker als der Hass! Und auch heute sind Freundinnen und Freunde der jüdischen Gemeinde bei und unter uns!

Ich werde den Tag nie vergessen, als hier in Lörrach die neue Synagoge eröffnet wurde und ich als deutlich jüngerer Referent unseren damaligen Ministerpräsidenten Oettinger vorbereiten und begleiten durfte. Dies geschah auf den Tag genau 70 Jahre nach der Zerstörung der Vorgänger-Synagoge in der Reichspogromnacht vom 9. November 1938!

2008 also wurde unter Jubel und Tanz eine Thorarolle mit 304.805 handgeschriebenen Alphabet-Buchstaben durch die Stadt getragen und in die neu erbaute Synagoge eingebracht. Ich kann hier und heute bezeugen, dass Lörrach auch den Schwaben Günther Oettinger zum Staunen und Mit-Tanzen gebracht hat!

Seitdem durfte ich viele Male in Ihrer wundervollen Stadt zu Gast sein und mit echten Lörrachern wie Rabbi Moshe Flomenmann Freundschaft schließen.

Ja, liebe Bürgerinnen und Bürger von Stadt und Umland – Sie haben hier nicht nur den jüngsten Landesrabbiner der badischen Geschichte, sondern einen der beiden ersten Polizeirabbiner in der gesamten Europäischen Union!

Gemeinsam mit seinem Kollegen Shneur Trebnik von Ulm stellt sich Rabbi Flomenmann hinter unsere Frauen und Männer der Polizei, unterstützt ihre Ausbildung und beantwortet ihre Fragen. Es war mir ein Anliegen, Dir, lieber Moshe, hier und heute im Namen von uns allen Danke zu sagen für Deinen Dienst als Rabbiner für Juden und Nichtjuden in Lörrach und weit über Lörrach hinaus!

Wir dürfen sicher sein, dass sich Amalie und Gustav Struve, die bei aller Kritik an den Kirchen ihrer Zeit doch niemals vom Glauben ließen, über diesen gemeinsamen Erfolg gefreut hätten!

Und warum werden Moshe Flomenmann und andere heute Abend wieder zur Synagoge eilen? Weil heute passend zum Revolutionstag in Lörrach auch Sukkot ist, das Laubhüttenfest! Sieben Tag lang wird das Leben und Speisen in Laubhütten verlegt, die an den Auszug der Israeliten aus Ägypten und ihre 40jährige Wüstenwanderung erinnern.

Warum so lange, fragten die Weisen dazu – und erkannten dann: Weil Wohlstand, Bildung und Freiheit gelernt werden müssen! Weil die Zeit der Sklaverei den Menschen noch in den Knochen steckte, sie oft von der Rückkehr an die sprichwörtlich gewordenen „Fleischtöpfe“ der Knechtschaft träumten und sie Jahrzehnte brauchten, um sich an ein Leben in Freiheit und damit auch Verantwortung zu gewöhnen.

Freiheit, so lautet die große Botschaft dieses Mythos, muss errungen und gelernt werden. Und wenn sie einmal errungen und gelernt wurde, so muss sie in jeder Generation neu erinnert und gelebt werden. Deswegen feiern jüdische Gemeinden jedes Jahr Sukkot und laden auch nichtjüdische Freundinnen und Freunden in ihre Laubhütten ein.

In diesen Tagen geht es also gemeinsam um Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle!

Bürgerinnen und Bürger von Lörrach, heute feiern wir aber nicht nur den Revolutionstag und das Laubhüttenfest, sondern auch 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland! Und es gibt wenige deutsche Städte, an denen sich daran so trefflich erinnern ließe, wie hier am Fuße der Alpen.

Als Arnold Zweig auf der Flucht vor den Nazis im heute israelischen Haifa sein sehnsüchtiges Buch „Dialektik der Alpen“ schrieb, da nannte er dieses prachtvolle Bergmassiv das „Rückgrat Europas“. Denn er erkannte zu Recht, dass die weitere Alpenregion durch eine besondere Tradition gekennzeichnet war: Hier bestimmten nicht große Zentren wie Rom, Berlin, Paris, London und Moskau die Geschicke. Sondern die Menschen verwalteten sich zwischen Bergen und Flüssen meist selbst und schufen mit der Schweiz eine der ältesten Demokratien der Erde, mit Österreich ein großes Vielvölkerreich, mit der süddeutschen Ratsverfassung das Amt des direkt, gleich und frei gewählten Oberbürgermeisters. Es ist überhaupt kein Zufall, dass die Revolution von 1848 vor allem in Baden und hier in Lörrach Anhängerschaft fand – und dass wir bis heute skeptisch auf manche Arroganz der Berliner Blase schauen.

Mit dem Ulmer Albert Einstein, der in der Schweiz die Physik revolutionierte und mit dem Wiener Karl Popper, der die liberale Erkenntnistheorie schuf, brachte diese Region gleich zwei der bedeutendsten Forscher eines ganzen Jahrhunderts hervor. Auch die Wiedergründung des vor Jahrtausenden erloschenen Staates Israel als einer Demokratie begann hier in Basel. Dem berühmten Rabbiner Samson Raphael Hirsch wird sogar der Ausspruch zugeschrieben, G’tt werde alle Menschen dereinst auch fragen: „Hast du meine Alpen gesehen?“

Das Judentum nördlich dieser hellen Berge selbst sprach lange, bevor es den Begriff „Deutschland“ überhaupt gab, von Aschkenas – einem Urenkel des Noah und einem Enkel des Japhet. Unsere Regionen und unsere Sprache wurden mit einem biblischen Namen verbunden, der Nichtjuden ebenso wie Jüdinnen einzuschließen vermochte. Wie traurig, dass Aschkenas, dass Deutschland diese Ehre oft so brutal von sich stieß – und es auch heute noch oft nicht versteht!

Denn gerade auch für uns Menschen im Alpenraum galt und gilt leider auch: Überzogene Skepsis und Obrigkeitskritik schlug und schlägt auch immer wieder in Esoterik und Verschwörungsmythen um, wie wir im späteren Leben von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche sowie auch noch beim Begründer der Anthroposophie, bei Rudolf Steiner, sehen können. Ich bitte alle, die sie weiterhin lesen, dabei nur um eines: Lest sie wachsam und kritisch!

Denn es ist leider kein Zufall, dass auch die verschwörungsmythologische und zunehmend gefährliche Querdenken-Bewegung in Süddeutschland, in Stuttgart ihren Ausgang genommen hat. Wo immer berechtigt kritische Nachfragen an Politik, Medien und Wissenschaften in bösartige Verschwörungsmythen umschlagen, schaden sich die Menschen am Ende selbst! Schon im 19. Jahrhundert gab es hier starke Widerstände gegen die Impfgesetze aus dem fernen Berlin – und leider ist der Verschwörungsglauben auch bei uns in Baden-Württemberg noch immer lebendig.

Amalie Gustav starb bei der Geburt ihres dritten Kindes. Sie und Gustav wären sicher fassungslos gewesen zu hören, dass es heute noch Menschen in Deutschland gibt, die modernen Entdeckungen der Medizin misstrauen, ja diese sogar angreifen. Ich möchte daher auch den heutigen Tag im Gedenken an Amalie und Gustav Struve nutzen, um auszurufen: Wer sich gesundheitlich impfen lassen kann, sollte sich impfen lassen! Wir übernehmen damit Verantwortung nicht nur für uns, sondern auch für andere! Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle können nur dort gedeihen, wo wir Gefühle als Ergänzung, nicht als Ersatz für Vernunft begreifen!

Dass der Hass im Netz nicht im Netz bleibt, führte gerade zu einem schrecklichen Mord an einem 20jährigen in Idar-Oberstein. Und statt Besinnung erleben wir in Telegram-Hassgruppen und bei Antisemiten wie Attila Hildmann weiter Leugnung, teilweise sogar Jubel. Menschenverachtung gab es immer, doch heute kann sie digital vernetzt und verstärkt werden. Die digitale Verrohung unserer Gesellschaft ist eine reale Gefahr und es wird höchste Zeit, endlich Betrug, Lügen und Radikalisierungen in Querdenken- und QAnon-Gruppen zu stoppen!

Bürgerinnen und Bürger von Lörrach, Sie haben mich eingeladen als Beauftragter unserer Landesregierung gegen Antisemitismus zu Ihnen zu sprechen. Denn Sie wissen genau wie ich: Hier im alpinen, süddeutschen Sprachraum, in Österreich, Nürnberg und München, sammelten sich eben auch die furchtbarsten und schließlich mörderischsten Bewegungen des Antisemitismus. Von hier aus löste eine breite Bewegung um Adolf Hitler einen Weltkrieg und das Menschheitsverbrechen der Schoah aus. Ausgerechnet aus Baden, aus der Herzkammer des deutschen Liberalismus, erfolgte die erste Massendeportation jüdischer Bürgerinnen und Bürger nach Gurs als einer zynischen „Generalprobe“ zum dann folgenden Genozid, an Millionen Jüdinnen und Juden und auch an Hunderttausenden Roma und Sinti.

Sie, liebe Bürgerinnen und Bürger von Lörrach, tragen als Angehörige nachfolgender Generationen keine persönliche Schuld mehr an den Verbrechen der Nationalsozialisten. Weder ich noch Rabbi Flomenmann noch sonstwer möchte Ihnen Schuldgefühle einreden. Wir betreiben keinen „Schuldkult“, wie es Antisemiten auch heute noch gerne behaupten.

Wir erwarten vielmehr voneinander, von uns allen, vor allem das Lernen aus der Geschichte und die Übernahme von Verantwortung. Wir können den Kampf von Lörrach für Freiheit und Rechtsstaat nicht mehr nachträglich gewinnen – aber wir können auf alle Zeit von ihm lernen. Genau deswegen ist Ihr Revolutionstag so wertvoll!

Lassen Sie uns, jeder und jede von uns, das Gute in unseren Traditionen so hoch achten, dass wir auch das Schlechte und Üble erkennen und dieses hinter uns lassen können. Ich sage das nicht, weil es leicht wäre – sondern weil Amalie und Gustav Struve uns auch hier gezeigt haben, dass es möglich ist!

Im Anti-Sem-itismus steckt der Name von Sem, hebräisch „Schem“, einem Bruder des Japheth. Im Hebräischen heißt Schem „Name“ – und verweist damit auf die große Bedeutung jedes einzelnen Namens. Um den Namen G’ttes vor Missbrauch zu schützen, nennen ihn Jüdinnen und Juden daher oft einfach „HaSchem“ – der Name. Und auch die Gedenkstätte für die Ermordeten des Holocaust bei Jerusalem heißt nicht zufällig Yad va Schem: Denkmal und Name.

Schem gilt im Judentum gerade nicht als Begründer einer angeblichen Sprachgruppe oder „Rasse“ – es gibt im Judentum genau so wenig Menschenrassen wie in der modernen Wissenschaft. Die jüdische Tradition erinnert Schem als den ersten Begründer einer Schule in Alphabetschrift. Der für Amalie und Gustav Struve so unendlich wichtige Begriff der „Bildung“ entstammt direkt dem ersten Buch Mose und kam über Maimonides und Meister Eckhart in unsere Sprache: Der Mensch sei „im Bilde G’ttes geschaffen“ worden – und daher sei es die Pflicht nicht nur der Eltern, sondern der ganzen Gemeinschaft, jedes Kind zu bilden. Wenn in der Synagoge zu Lörrach eine Bar Mitzwa für Jungs und eine Bat Mizwa für Mädchen begangen werden, so feiert die ganze Gemeinde das Lesen und Schreiben!

Das also ist das ganze Geheimnis hinter wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Erfolgen! Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle – im Judentum wurden sie vor Jahrtausenden miteinander verknüpft!

Liebe Bürgerinnen und Bürger von Lörrach, wir wissen, dass Antisemiten und Extremisten noch jeden Namen der Geschichte aufs Schlimmste missbraucht und beschmutzt haben: Den Namen G’ttes, die Namen der Religionen, die Namen der Wissenschaft, der Vernunft, der Demokratie, der Arbeiterbewegung, des Vegetarismus und sogar der Revolution und Freiheit selbst. Auch mit den Namen der Struves wird Missbrauch betrieben, wenn Amalie ebenso gezielt unterschlagen wird wie der Umstand, dass der große Demokrat und Republikaner Struve bewusst auf seineen Adelstitel verzichtete.

Ich bitte Sie: Lassen Sie uns die guten Namen verteidigen! Erst letzte Woche haben Juden und Nichtjüdinnen in Stuttgart gemeinsam den Namen von Joseph Süß Oppenheimer durch die gemeinsame Verleihung von zwei Medaillen an eine Jüdin und an einen Christen geehrt. Und auch Sie, die Theaterleute, der Oberbürgermeister, Sie alle – tragen durch Ihre Teilnahme am heutigen Revolutionstag zum wieder guten Namen von Lörrach bei!

Normalerweise würde ich eine Revolutionsrede mit einem Ausruf und Aufruf beschließen, würden wir den Feinden vor den Toren unseren Willen entgegenschreien. Aber da sind keine Feinde mehr – G’tt sei Dank -, sondern die eigentliche Verantwortung der Freiheit liegt nun an uns selbst.

Und so möchte ich meine Rede nicht laut und schreiend beenden, sondern leise und voller Respekt vor der Wahrheit, die oft nur flüstert. Ich lese für Lörrach und die Revolution, für Amalie und Gustav Struve abschließend das Gedicht „Was ist ein Name?“ von Ana Luisa Amaral:

 

„Ich frage: Was ist ein Name?

 

Welche Dichte besitzt er, wenn man auf ihn hört

welche Kriege beschützen ihn

gleichzeitig?

 

Abstammung, unterwürfiger Boden

Von wenigen Silben gebändigte Generationen,

Grundfesten der Geschichte, deren Gesetze

auf Feuer und Flamme geschmiedet sind?

 

Ist der Name verlöscht, bleibt die Liebe,

bleiben du und ich – selbst im Tod,

und sei es auch nur als Mythos

 

Und selbst der Mythos (hör zu!),

unsere kurze Geschichte,

die manche als leblose Materie lesen,

wird für die menschliche Ewigkeit bleiben

 

Und andere

Werden stets darauf zurückgreifen,

wenn ihr Jahrhundert es braucht

 

Und wir, meine Liebe, meine höhere Gewalt,

werden für sie wie die Rose sein –

 

Nein, wie ihr Duft:

 

Unbändig        frei“

 

 

> Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

Datenquelle:

* Brunsch, Reiner: „Der notwendige Beitrag der Verbraucher. Das Ernährungsverhalten muss sich ändern.“ Zur Debatte 03/2021, Kath. Akademie in Bayern, S. 6 – 7

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

12 Kommentare

  1. 😏“Denn auch in Afghanistan gilt: Die Gedanken sind frei!”

    Tja, in Afghanistan wären die “Gedanken” vor dem Einmarsch der Sowjets besser in den kranken Köpfen des Westens geblieben!?
    👋😎
    “Wo immer berechtigt kritische Nachfragen an Politik, Medien und Wissenschaften in bösartige Verschwörungsmythen umschlagen, schaden sich die Menschen am Ende selbst!”👊🤨

    Und die Politik hat die “besten” Verschwörungen zum Mythos gemacht!?🤥👈🤮

    • Ja, @hto – die kommunistische, imperialistische & militaristische Sowjetunion hat Afghanistan nicht „befreit“, sondern eine Kette von Terror und Stellvertreterkriegen eröffnet, die bis heute nicht beendet sind (vgl. Pakistan).

      • Pakistan?🤔🤭😊

        China und die Uiguren wäre doch wohl der bessere Hinweis, denn die haben offensichtlich keinen Bock auf den gleichen inszenierten Stress wie damals in Afghanistan!?👋😎

        • Oh ja, die Unterdrückung von Tibetaner:innen und Uighur:innen durch das marxistisch-nationalistische China 🇨🇳 wäre natürlich auch zu betrachten. Derzeit sehen wir auch schon die wirtschaftlichen Vorboten der demografischen Implosion der chinesischen Bevölkerung:
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/gold-markt-china-vor-demografischen-turbulenzen/

          Die Unterstützung der Taliban in den vergangenen Jahren erfolgte jedoch primär aus Pakistan, auch aus Rivalität zu Indien. Leider denken jedoch noch immer sehr viele Menschen eurozentrisch und können eigene, politische Manöver nichtwestlicher Mächte kaum wahr- und ernstnehmen.

  2. @hto 25.09. 08:32

    „Und die Politik hat die “besten” Verschwörungen zum Mythos gemacht!?“

    Kann ich das so verstehen, dass auch aktive Regierungen mit selbstkonstruierten Verschwörungsmythen arbeiten?

    Dafür gäbe es in der Tat eine Menge Beispiele. So haben sich im Kalten Krieg beide Seiten gegenseitig vorgeworfen, man wolle den Anderen militärisch angreifen und besiegen. Nicht nur die Diktatur im Osten, auch die Demokratie im Westen hat damit gearbeitet. Fakt war jedenfalls, dass der Westen den Osten tatsächlich zu immer höhere Rüstungsausgaben gedrängt hat, bis dass der Osten zum Schluss wirtschaftlich am Ende war.

    Das war angesichts der immensen Menge an Atomwaffen zumindest ein sehr gefährliches Spiel, dass auch ganz anders hätte ausgehen können. Und rein ethisch gesehen, finde ich auch nicht, dass das so in Ordnung war. Wenn das kommunistische System wirklich so ungeeignet war, dann hätte man auch noch 20 Jahre länger warten können, bis es sich von selbst zerlegt.

    Man muss hier auch bedenken, dass der Sowjetkommunismus nicht aus einer zerstörten Demokratie heraus entstanden ist, sondern überwiegend aus einem Feudalsystem hervorging, dass noch nicht mal richtig industrialisiert war.

    Das selbe gilt für den chinesischen Kommunismus, der aber inzwischen rein wirtschaftlich offenbar doch die Kurve gekriegt hat, und so viele wirtschaftliche Freiheiten lässt, dass die Geschäfte florieren, und sich Wohlstand breit macht. China ist keine Demokratie, und will es wohl auch nicht unbedingt werden. Aber denen jetzt vorzuwerfen, gegen Demokratie allgemein vorzugehen, scheint mir doch relativ unbegründet, wenn nicht verschwörungsmythologisch.

    Natürlich täte es auch China wohl gut, wenn hier mehr politische Freiheit möglich wäre. Aber in Vergleich zu anderen ehemaligen 3. Weltländern läuft es in China nun doch 3 mal besser. Woanders, etwa im arabischem Raum oder in Afrika, gibt es überwiegend weder politische Freiheit, noch eine funktionierende Wirtschaft. Und dort führen auch Demokratieversuche meistens nicht zum Ziel, neben in Korruption versinkender Vetternwirtschaft kommt es auch dort regelmäßig zu neuen Bürgerkriegen.

    Die wir im Westen eher noch fördern.

    • @Jeckenburger

      Man spielt lieber weiter “Monopoly”, “Poker” und wenn der Kulminationspunkt erreicht ist wieder “Mensch ärgere dich nicht”, anstatt wirklich-wahrhaftig mit den “Gegnern” zu kommunizieren / zu WERDEN!!!

      • @Blume: “Derzeit sehen wir auch schon die wirtschaftlichen Vorboten der demografischen Implosion der chinesischen Bevölkerung: …”

        Dieses atomar gerüstete Land mit in eine nächste Runde “Mensch ärgere dich nicht” zu ziehen, anstatt nun vernünftige Kommunikation …, das ist ziemlich dumm!?

        Die letzte Rede des chinesischen Präsidenten, wo er erklärte das China sich nun lieber wieder mehr nationalistisch konzentrieren will, das war sicher nicht nur Ausdruck der Enttäuschung gegenüber der Weltwirtschaft, das war bestimmt auch Warnung!?

        Aber beeindruckend war, dass unsere Medien den unterstützenden Zuspruch der chinesischen Unternehmen öffentlich gemacht haben, wo gezeigt wurde welche Milliarden-Summen die einzelnen Firmen-Gruppen freiwillig in die chinesische Wirtschaft zurückfließen lassen, um so dem propagierten Ziel – die entstandene Schere zwischen arm und reich zu schließen – vernünftig und verantwortungsbewusst gerecht zu werden!?

        • Nun ja, @hto – chinesische Unternehmen geben nicht „freiwillig“ Geld an korrupte Partei-Kader und öffentliche Stellen, sondern unter Zwang: Die chinesische KP dreht derzeit auch die wirtschaftliche Liberalisierung der vergangenen Jahrzehnte zurück, bedroht, verhaftet und enteignet auch Reiche und errichtet eine digitale, neo-maoistische Autokratie. Hatte bereits länger davor gewarnt…

          https://www.theologie-naturwissenschaften.de/startseite/leitartikelarchiv/digitale-tyrannophilie

          & sehe eine Beschleunigung dieser durchaus gefährlichen Regression durch die schnelle Alterung dieser riesigen Bevölkerung (inklusive der Angst vor religiösen & kulturellen Minderheiten).

  3. Das Schlimmste was Revolutionären geschehen könnte: „Struwelputsch“ , denn genau dann könnte geschehen woran Oma auch gescheitert scheint: alles noch etwas besser ins Verderben zu treiben ohne es zu wollen.

  4. Wenn man für die evangelische oder katholische Kirche schreibt, dann muss man deutlich machen was Gott wirklich-wahrhaftig bedeutet, nämlich Vernunft des Geistes, der keine Person ist. Ansonsten ist man im populistischen Gleichklang mit einer heuchlerisch-verlogenen Institution die stets behauptet: “Gottes Wege sind unergründlich”, was ganz klar falsch ist, denn “wie im Himmel all so auf Erden” bedeutet Vernunftbegabung zu Gemeinschaftseigentum, was schon Moses vor Jesus versucht hat zu vermitteln!👋😃

    • Tatsächlich gehen genau hier unsere Beobachtungen klar auseinander, @hto: Wie auch die Befunde der Hirnforschung zeigen, wird “Gott” von religiösen Menschen als “Person” wahrgenommen und die entsprechenden, religiösen Erfahrungen werden sozial-kognitiv verarbeitet und gedeutet. Die Verschmelzung der Gottheit mit Ihrer Deutung von “Vernunft” als einem apersonalen Prinzip würde dagegen “die Wahrheit / Vernunft Wissende” zu absoluten Richter:innen über Andersdenkende und Andersglaubende machen. Daher auch Ihr starres und zum Dialog fast unfähiges Kommunikationsverhalten mit den immergleichen Satzbausteinen. Während wir anderen – einschließlich der Revolutionäre Amalie und Gustav Struve schon im 19. Jahrhundert – uns auf der Suche nach und der Annäherung an Wahrheit befinden, glauben (!) Sie, diese bereits gefunden zu haben. Und sind entsprechend aufgebracht darüber, dass Ihnen darin kaum jemand folgen möchte. Solange Sie auch Ihre eigenen Wahrheitsansprüche nicht selbst hinterfragen, haben Sie sich auch selbst darin eingesperrt…

    • Wenn man für die evangelische oder katholische Kirche schreibt, dann muss man deutlich machen was Gott wirklich-wahrhaftig bedeutet, nämlich Vernunft des Geistes, der keine Person ist.

      Für einen Christen doch sogar drei?

      Ansonsten ist man im populistischen Gleichklang mit einer heuchlerisch-verlogenen Institution die stets behauptet: “Gottes Wege sind unergründlich”.

      Eine Variante davon „Gott schreibt gerade, auch auf krummen Linien“, oder populärer: „Wer weiß, wofür das gut war.“ Diese These aber, Gott sei letztlich der Herr der Geschichte, ist auch für die Theologie nach Auschwitz nicht mehr haltbar.

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