Religionskritik, die verstanden hat – Religion als Zeitbombe? von Franz Wuketits und Anton Grabner-Haider

Herzliche Grüße aus dem ICE nach Hamburg, wo ich morgen früh aus dem (zeitweise als Taschenbuch ausverkauften) sciebook „Öl- und Glaubenskriege“ lesen darf. Für die Zugfahrt hatte ich mir die Rezension eines religionskritischen und interdisziplinären Buch mitgenommen: Das im Alibri-Verlag erschienene „Religion als Zeitbombe?“ des Biologen Franz M. Wuketits und des einstigen Priesters und heutigen, kritischen Religionsphilosophen Anton Grabner-Haider.

„Religion als Zeitbombe?“ von Wuketits & Grabner-Haider, EUR 12 beim Alibri-Verlag

Da ich bereits wusste, dass Prof. Wuketits schon länger mit den Befunden der Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen ringt, war ich sehr gespannt auf das Buch. Würden die Autoren auf dem Stand der polemischen Religionskritik des 20. Jahrhunderts stehenbleiben, die sich damit begnügte, Religion(en) zu verhöhnen, statt wissenschaftlich zu verstehen? Würden sie – wie es andere leider noch immer versuchen – die empirischen Befunde zu den kooperativen und reproduktiven Potentialen von Religiosität verschweigen oder verleugnen? Oder würden sie sich damit auseinandersetzen und damit die Religionskritik zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch wissenschaftlich weiterentwickeln?

Die Antwort ist: Sie haben es geschafft! Endlich gibt es auch im deutschen Sprachraum ein erklärt religionskritisches Buch, das aber dennoch ernst nimmt, was die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen seit dem studierten Theologen Charles Darwin herausgefunden hat!

Tatsächlich bietet das Buch eine durchaus gelungene Einführung in die Fragen der interdisziplinären Evolutionsforschung, die auch Fragen wie Sinn, Trost und die (ambivalenten) Auswirkungen religiöser Inhalte etwa auf Gewaltbereitschaft thematisiert. Wuketits und Grabner-Haider machen dabei deutlich, dass man gegenüber den Wahrheitsansprüchen von Religion(en) neutral oder auch ablehnend bleiben kann, jedoch die empirisch gesicherten Erkenntnisse zu ihren Potentialen auch nicht länger ignorieren dürfe, S. 32:

Religionen zeigen daher auch eine Tendenz zur Expansion, was heutzutage vor allem auf den Islam zutrifft. Damit einher geht der in der Literatur häufig diskutierte Umstand, dass religiöse Menschen in der Regel reproduktionsfreudiger sind als nicht religiöse. Hier könnte man dann sagen, dass religiöser Glauben sogar einen unmittelbaren biologischen Nutzen, also Überlebensvorteile, mit sich bringt, die umgekehrt wiederum ihm selbst dienen. ‚Religion überlebt‘, meint Hayek, ‚weil sie Kinder zeugt, nicht weil sie wahr ist.‘

Nach einer intensiven Vorstellung und Diskussion nicht nur der biologisch veranlagten Religiosität, sondern auch der konkreten, kulturellen Ausprägung in diversen Weltreligionen können Wuketits und Grabner-Haider sowohl konstruktive wie destruktive Seiten der Religion(en) überblickend zusammenfassen, S. 126:

Grundsätzlich erkennen wir in allen Religionen zwei gegenläufige Bewegungen und Dynamiken. Zum einen tragen Religionen nachweislich zur Stabilisierung von Gesellschaften, zur Sinngebung des Lebens, zur Orientierung im Dasein, zum moralischen Lernen und zur Erhaltung des Friedens bei. Doch auf der anderen Seite können alle Religionen intensive Motivationen sein zum Kampf gegen Andersdenkende, zum Krieg gegen Gottesfeinde, zum Hass auf Mitmenschen, zu Intoleranz, Zerstörung und Verfolgung. Dieses ambivalente Gesicht erkennen wir in jeder Religion.

Doch durch die Prozesse der Zivilisation und der rationalen Aufklärung sind viele Religionen von ihren kriegerischen und zerstörerischen Potentialen abgerückt. Es haben tiefgreifende kulturelle, moralische und religiöse Lernprozesse stattgefunden.

„Religion als Zeitbombe?“ ist damit nicht nur ein kompaktes Überblickswerk für Religionskritiker – die auch bereit sind, unliebsame wissenschaftliche Befunde zu akzeptieren -, sondern auch für religiöse Menschen, die wiederum bereit sind, auch ihre eigenen Traditionen kritischen Beobachtungen und Fragen auszusetzen.

Wenn Religionskritik im 21. Jahrhundert auf diesem Niveau ankäme und aufbaute, dann wäre damit viel gelernt und allen Menschen geholfen. Daher spreche ich auch als (empirisch und evolutionär orientierter) Religionswissenschaftler eine klare Kauf- und Leseempfehlung für „Religion als Zeitbombe?“ aus!

Terminhinweise zu März und April 2017

Und weil ich den – unter Säkularen und Religiösen zu findenden – Verschwörungsglauben für eine der gefährlichsten Ausprägungen religiösen Glaubens halte, möchte ich nach einem erfreulich interdisziplinären Gespräch im Psychocast auch auf zwei Veranstaltungen dagegen aufzuklären versuchen.

Am 30.3. nehme ich um 20 Uhr an einer Podiumsdiskussion im Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI) Heidelberg teil. Gemeinsam mit der Kriminalpsychologin Lydia Benecke und dem Amerikanisten und „Verschwörungsforscher“ Michael Butter geht es um „Aliens, Satan, CIA? Verschwörungstheorien und ihre Wirkung„:

Veranstaltungsplakat DAI Heidelberg, mit freundlicher Genehmigung

Und am 8. April 2017 spreche ich dann abends in Saalfeld/Saale vor einem Bündnis für Demokratie und Zivilcourage über die Fälschung der sog. „Protokolle der Weisen von Zion“ und ihre Rolle sowohl für Rechtsextremisten wie Islamisten. Herzliche Einladung am 8.4.2017 um 18 Uhr ins Evangelische Gemeindehaus der Johanneskirche Saalfeld.

Veranstaltungsbanner von zumsaru.de, mit freundlicher Genehmigung

Die positiven Auswirkungen von Religion(en) hegen und pflegen und ebenso entschlossen den zerstörerischen Seiten religiösen Glaubens entgegen zu treten – das ist möglich. Am Besten mit Wissenschaft.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

25 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dr. Blume
    “ Doch auf der anderen Seite können alle Religionen intensive Motivationen sein zum Kampf gegen Andersdenkende, zum Krieg gegen Gottesfeinde, zum Hass auf Mitmenschen, zu Intoleranz, Zerstörung und Verfolgung. Dieses ambivalente Gesicht erkennen wir in jeder Religion.“

    Stimmt das so, was da behauptet wird? Kann Religion Motivation sein für einen Religionskrieg oder einen religiös motivierten Krieg?

    Das Unwort „Religionskrieg“ zeigt den gedankenlosen Umgang mit Sprache. Religionen führen keine Kriege. Das Christentum fordert sogar explizit die Feindesliebe. Wer die Kriege führt, sind die machtbesessenen Führer, die ihre Religion missbrauchen und im Namen der Religion zum Krieg aufrufen.
    Selbst „religiös motivierte Kriege“ ist ein Unwort. Wer religiös motiviert ist, führt keinen Krieg. Und wer einen Krieg plant ist machtbesessen, aber nicht religiös.

    „ambivalente Gesicht von Religion“ verrät, dass der Schreiber glaubt, die Religion habe eine schwarze Seite. Das stimmt so nicht. Das Christentum hat nur eine Seite, die der Nächstenliebe.

    Auch dem Islam wird unterstellt, dass er per se gewalttätig sei. Wenn die Mullahs zum heiligen Krieg aufrufen ist das nicht religiös, sondern gedankenlos.

    Immer wenn Religion instrumentalisiert wird, dann nur zum Eigenwohl. Die Religionen sind nicht die Ursache von Krieg, Intoleranz und Unterdrückung. Es sind die Menschen.
    Scharfe Kritik: Religion, Zeitbombe und das Bild einer Handgranate auf der Titelseite ist auch gedankenlos.

    Diese Gedanken musste ich noch loswerden vor einer längeren Abwesenheit. Allen Lesern gute Gedanken!

    • Lieber @Bote17,

      wie gerne würde ich Ihnen in dieser Frage einfach Recht geben!

      Doch so einfach scheint es mir nicht zu sein: Keine religionswissenschaftliche Analyse der Welt kann beispielsweise abstreiten, dass es zur Religion der Azteken gehörte, Menschen in großer Zahl den Göttern zu opfern:
      https://de.wikipedia.org/wiki/Opferkult_der_Azteken

      So wenig wie Sprache, Musik oder auch Wissenschaft immer „gut“ ist – sie können ebenso für Hass, Manipulation oder auch Zerstörung benutzt werden -, so wenig ist es „Religion“. Tatsächlich stehen ja die Stifter aller großen Weltreligionen wie Moses, Jesus, der Buddha, Muhammad, Guru Nanak, Baha’ullah u.v.m. immer auch für Kritik an den religiösen Zuständen ihrer Zeit. Gerade auch sie fanden nicht einfach gut, was Menschen im Namen der Religion(en) taten.

      Eine Brücke zwischen unseren Beobachtungen bildet Ihr Wort „gedankenlos“. Während ich doch der Auffassung bin, dass „rohe“ Religiosität in furchtbare Verbrechen abgleiten kann, so sehe doch auch ich in der vernünftigen (auch: theologischen) Reflektion den Weg, Religion(en) zu prüfen und (nach Darwin) zu „veredeln“. Bildlich gesprochen: Mit zwei gleich starken Flügeln – Glauben und Vernunft – können sich Religionen zum Himmel aufschwingen. M.E. sollte das Motto nicht „Religion oder Aufklärung“ heißen, sondern „aufgeklärte Religion“. Entsprechend gestehe ich Religionskritikern wie den o.g. Autoren zu, dass sie dies auch mit scharfen Bildern und Worten einfordern. Denn im Gegensatz zu so vielen dumpfen Polemikern haben sie sich auch den wissenschaftlichen Befunden gestellt, durch die auch sie selbst herausgefordert wurden. Ich denke, so – vielleicht gar: nur so – kommen vernünftige Religiöse und vernünftige Säkulare zukünftig voran.

      Ihnen nochmal Danke für Ihr waches Interesse und die konstruktiven Kommentare!

    • Von wegen Religion führt keine Kriege usw.
      Wenn die „heiligen Schriften“ einer Religion davon berichten wie Andergläubige gottgefällig abgeschlachtet werden, dann kann man durchaus davon sprechen, dass eine Religion explizit zu religiös motivierter Gewalt und Religionskriegen auffordert.
      Gerade im Alten Testament z.B. findet man da einiges und auch das Neue Testament lässt sich nicht einfach auf „habt euch alle lieb“ reduzieren.
      Das es am Ende Menschen sind, die dieses tun, ist eine unnötige Bewerkung, da die Religionen ja auch Menschgemacht sind und die „heiligen Schriften“ im Wesentlichen nichts anderes als Propaganda sind.

  2. 1) „Religionen führen keine Kriege.“

    So einen Quatsch ließt man heutige eher selten.

    2) „Das Christentum fordert sogar explizit die Feindesliebe“

    Zu größten Pest, die diesen Planeten jemals befallenen hat, empfehle ich die
    Lektüre >Kriminalgeschichte des Christentums< von Karlheinz Deschner.

    3) "Wer die Kriege führt, sind die machtbesessenen Führer, die ihre Religion missbrauchen und im Namen der Religion zum Krieg aufrufen."

    Tipp: Religionen werden nicht missbraucht, sie werden angewendet.

    Extratipp: Sie sollten sich ernsthaft näher mit der Bibel (AT) oder den Koran beschäftigen.

    • @Michael

      Nun, als „größte Pest, die diesen Planeten jemals befallen hat“ würde ich doch allgemeiner den Hass bezeichnen – an dem es dann ja dann auch die teilweise mörderischen, oft erklärt antitheistischen Ideologien des 20. Jahrhunderts nicht mangeln ließen.

      Und nur damit hier nicht der Gedanke aufkäme, auf „Natur des Glaubens“ würden die gefährlichen und problematischen Seiten der Religion geleugnet, hier: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/fundamentalismus-extremismus-die-seiten-glaubens/

      Erlauben Sie mir eine interessierte Nachfrage, @Michael? Sie identifizieren – Deschner folgend – das Christentum als „größte Pest“, verweisen dann aber zum Beweis der Gewalthaltigkeit von Religion ausdrücklich auf die hebräische Bibel („Altes Testament“) und den Koran. Wie passt dies zusammen? Und wie würden Sie beispielsweise Hinduismus und Buddhismus in Ihrem Beurteilungssystem bewerten?

      Mit gespanntem Interesse!

  3. D. Blume,
    Mit Glauben und Vernunft, das soll der Weg sein, den Europa bestreiten muss. Sehr gut!
    Leider mangelt es in Frankreich an der Vernunft. Da hat man den Respekt vor Religion der Pressefreiheit geopfert. Ich denke da an die Mohammed Karrikaturen. Dass uns der Nahe Osten als Ungläubige wahrnimmt ist auch dieser Tatsache geschuldet.
    Zum Titelbild. Wieviele Leute sehen dieses Titelbild und kaufen das Buch nicht? In Erinnerung bleibt dann nur die Handgranate und das Wort Religion.

    • Oh ja, @Bote17! Nur bin ich da etwas optimistischer: Wie viele Religionshasser werden dieses Buch kaufen – und dann vielleicht doch etwas Konstruktives daraus lernen? 😉

      Und im Hinblick zum Beispiel auf die Kämpfe in Mossul gegen den sog. IS kann ich niemandem die erste Assoziation verübeln. Und doch hoffen, dass es dabei nicht bleibt…

  4. Endlich gibt es auch im deutschen Sprachraum ein erklärt religionskritisches Buch, das aber dennoch ernst nimmt, was die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen seit dem studierten Theologen Charles Darwin herausgefunden hat!

    Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, stimmt das mit dem ‚Endlich‘ im deutschen Sprachraum?

    ‚Religion als Zeitbombe?‘ ist mit einer Handgranate versehen wohl eher dem Verkauf geschuldet, wenn es insbesondere zurzeit eine „Religion“ mit Explosivkraft gibt und anderswie kaum wie gemeint explodiert wird.

    Ansonsten ist es noch so, dass jeder Bösartige beizeiten recht haben kann, Satan, der „Führer“ und andere, die hier nicht genannt werden sollen, eingeschlossen.
    Gerade bei Satan würde Dr. Webbaer davon ausgehen wollen, dass er oft recht hat, einfach auch um so das Böse besser unter die Leutz bringen zu können.
    Zudem will Satan womöglich auch, dass bestimmte an sich richtige Sicht auf ihn persönlich zurückgeführt wird, so dass sie vom Diskurs von „Gutmenschen“ bereits so ausgeschlossen wird. [1]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Üblicherweise meidet Ihr Kommentatorenfreund diese Metapher mit den „Gutmenschen“, sie dient hier nur der Verkürzung, damit schnell klar wird, wer gemeint – selbstverständlich können Gutmenschen auch einfach gut sein.

    • Lieber @Webbaer,

      möglicherweise hatten Sie einen interessanten Gedanken, ich habe ihn jedoch auch bei mehrmaligem Lesen nicht verstanden.

      Wollen Sie das mit dem Satan und „den Gutmenschen“ ggf. noch einmal verständlich formulieren?

      Beste Grüße!

      • Gut, nächster Versuch, lieber Herr Dr. Michael Blume, Bücher mit der Frontpage-Beschriftung ‚Religion als Zeitbombe?‘ versehen, wie mit einer Handgranate, sind bereits von der Frontpage her von außerordentlich sittlicher Niedrigkeit versehen, sie sind insofern satanisch.


        Stellen Sie sich vglw. eine derart auf einer Frontpage verschweinte („dehumanisierte“) andere Gruppierung vor, bspw. bundesdeutsche Union oder SPD.

        Was Sie hier, lieber Herr Dr. Michael Blume, ein wenig lockerer werden lässt, ist womöglich einzig, dass Sie dies gewohnt sind.


        Ansonsten, „Satan“, es handelt sich offensichtlich bei denjenigen Autoren, die derartiges Frontpage mitzuverantworten haben, um niedriges Volk.
        Es muss nicht dumm sein, es muss nicht ungebildet / uninformiert sein, es muss nicht bösartig sein, abär es hat es dann doch -womöglich werden Sie hier zustimmen können- im Negativen geschafft.

        Es zeigt an, bewusst oder unbewusst, an der bundesdeutschen Gesellschaft zu leiden, wie selbst nicht sittlich ordentlich aufgestellt zu sein.

        Ansonsten mag das Buch prima sein, die Autoren können es, aus Sicht einiger, nicht sein.
        Genau darum hat Dr. Webbaer Satan zitiert, der wohl auch oft recht hatte.

        MFG + schönen Sonntagabend noch,
        Dr. Webbaer (der, vorsichtshalber angemerkt, Agnostiker ist, areligiös – Sie, lieber Herr Dr. Michael Blume, wissen dies natürlich)

  5. „Würden die Autoren auf dem Stand der polemischen Religionskritik des 20. Jahrhunderts stehenbleiben, die sich damit begnügte, Religion(en) zu verhöhnen, statt wissenschaftlich zu verstehen.“

    Na, na, na! Es ist nicht die Aufgabe der Religionskritik, Religionen wissenschaftlich zu verstehen. Dafür gibt es die Religionswissenschaft. Auf Religionskritik spezialisierte Philosophen, wie etwa Bertrand Russell, John L. Mackie und Norbert Hoerster, analysieren religiöse Aussagen und prüfen sie auf ihre Logik, ihre interne und externe Konsistenz sowie auf ihre Plausibilität. Und wie die drei genannten Philosophen beweisen, kann dies durchaus ohne jede Polemik geschehen.

    • Das sehe ich tatsächlich anders, lieber @Edgar! Stell Dir nur vor, die Literatur- oder Musikkritik bliebe dabei stehen, ihre Gegenstände auf empirische Überprüfbarkeit und „Logik“ zu testen und im Übrigen zu verspotten. Das wäre fade, dümmlich und brächte nichts und niemanden weiter.

      Wenn Religionskritik relevant und hilfreich sein und bleiben sollte, dann müsste sie mindestens wissenschaftlich auf der Höhe sein. Sonst bliebe Sie intellektuelle Selbstbefriedigung verebbender Schnösel…

    • @Karl Bednarik

      Die Steinigungsstrafe findet sich nicht im Koran – aber in der Bibel (vgl. die Szene von Jesus und der Ehebrecherin). Von dort fand sie Eingang in frühe Auslegungen der Scharia, wie sie heute noch z.B. in Afghanistan praktiziert wird.

  6. Sehr geehrter Herr Blume,
    folgendes hat zwar weniger mit dem Buch zu tun, aber es spukt mir ein Gedankengang im Hirn den ich loswerden möchte. . Als selbstständiger Handelsvertreter in den 90igern, verkaufte ich nicht nur Büromöbel sondern plante mit meinen Kunden ihre Arbeitsplätze. Hierbei versuchte ich das schwedische ganzheitliche Konzept des Kombi-Büros umzusetzen. (SAS-Gebäude Stockholm, Zuckfabrik Malmö, Edding in Hamburg-Ahrensburg) Der Grundgedanke hierbei ist, nicht nur eine Firma , sondern auch die einzelnen internen Abteilungen , wie Buchhaltung, Logistik, Verkauf etc. als lebenden Organismus zu betrachten, und unter Berücksichtigung der internen Kommunikation, sowie der anfallenden Laufwege, eine dementsprechende räumliche Planung zu entwerfen.
    Von diesem Standpunkt aus gesehen, erkennt man das die Entwicklung und das Wachstum einzelner Unternehmen evolutionären Gesetzmäßigkeiten folgt. Legt man diese Btrachtungsweise auf die Verbreitung von Religion und Verschwörungsmythen um, so sehe ich, das sich diese Prozesse mathematisch in Form eines nichtlinearen Algorythmus beschreiben lassen.
    Einige Konstanten hierbei wären die Zeit, die Beschleunigung, sowie die Vermehrung. Man könnte die Fibonacci Zahlenreihe anwenden (1,1,2,3,5,7…) oder die Teilung von einer Keimzelle (1,1,2,4,8,16..) . Das Wachstum von Bäumen, oder komplizierter Geflechte wie den Lungen oder Adernsystemen waren für uns lange Zeit ein Mysterium. Diese Strukturen sind nicht kompliziert, sondern komplex und entspringen einer einfachen mathematischen Operation, wie sie sich heute mittels fraktaler Geometrie nachbilden lassen. Auch das Wachstum von Schneeflocken folgt diesen einfachen mathmatischen Formeln, welche Herr Mandelbrot entdeckt hat.
    Ich bin überzeugt, das sich die Entwicklung und Verbreitung von Religion sowie von Verschwörungsmythen sich mit selbigen Mitteln mathematisch beschreiben und visuell darstellen lassen. Was bei den Highspeed geschäften an der Börse angewandt wird, wäre interessant auf ihren Fachbereich anzuwenden. Da der Mensch in Bildern denkt, könnte man vielleicht mit dieser Methodik die dynamischen Prozesse besser verstehen und eher Strategien gegen die destruktiven Auswirkungen entwickeln. Auf jeden Fall könnte man vielleicht durch diese Methodik neue Erkenntni8sse gewinnen.
    Mit freundlichen Grüßen Kunzer

  7. Zitat: „Damit einher geht der in der Literatur häufig diskutierte Umstand, dass religiöse Menschen in der Regel reproduktionsfreudiger sind als nicht religiöse. Hier könnte man dann sagen, dass religiöser Glauben sogar einen unmittelbaren biologischen Nutzen, also Überlebensvorteile, mit sich bringt,“

    Diese Aussage halte ich nicht wohl durchdacht.

    Religiöse Menschen mit nicht-religiösen Menschen zu vergleichen, macht nur in begrenztem Umfang einen Sinn: Zum Ersten sind mir nur wenige bekennende Religionslose in historischen Dokumenten begegnet. Unter antiken Philosophen kann man einige finden und dann findet man sie gehäuft seit der Aufklärung. Es mag zwar schon immer Religionslose gegeben haben, aber als Bestandteil einer ernstzunehmenden Weltanschauung wird bewußte Religionslosigkeit erst in der Neuzeit überhaupt anerkannt. Und ob auch heute noch viele Kinder ein Überlebensvorteil sind, kann angezweifelt werden (siehe unten). Zum Zweiten gibt es sie ja nicht: „Die Religion“. Und historisch gesehen würde es mehr Sinn machen, die verschiedenen Religionen miteinander zu vergleichen, anstatt die Anhänger sämtlicher Religionen in einen Topf zu werfen und sie mit einer kaum erwähnten Minderheit zu vergleichen. Welche Religionen bieten also Überlebenvorteile? Die die überlebt haben und die anderen nicht? Es sollte bekannt sein, dass es um Größenordnungen mehr tote als lebende Religionen gibt. Zum Dritten ist, wie oben bereits angesprochen nichts so beständig wie der Wandel. Dass Kinderreichtum in Zeiten der Bevölkerungsexplosion einen Überlebensvorteil bietet, kann angezweifelt werden. Vielmehr ist er unvernünftig. Das starre Festhalten an Traditionen auch dann wenn die Vernunft etwas anderes gebietet, ist geradezu ein Merkmal aller Religionen. Ich zweifle es dann doch stark an, dass es ein Überlebensvorteil ist, wenn sich die Bevölkerung in Bangladesch alle 70 bis 80 Jahre verdoppelt, die Staatsgrenzen Bangladeschs aber nicht mitwachsen. Und wenn es ein Überlebensvorteil ist, ist es ein hochproblematischer, der fast notwendigerweise zu Konflikten führen wird.

    • Sehr geehrter Herr Hertlein,

      selbstverständlich erfasst kein einzelner Satz ein ganzes Forschungsfeld. Sollten Sie sich für den Zusammenhang von Religion & Demografie interessieren, so finden Sie z.B. hier mehr dazu:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/online-interviews-zu-religion-und-demografie/

      In aller Kürze:
      1. Ja, der Zusammenhang besteht nicht abstrakt („die Religion“), sondern konkret – z.B. die Amish, die Haredim, die Mormonen, die evangelischen Freikirche in der Schweiz usw. Die Religionsgeschichte kennt auch Religionsgemeinschaften mit wenigen oder keinen Nachkommen – z.B. die Shaker -, diese nehmen sich jedoch selbst aus dem kulturellen Evolutionsprozess.

      2. Nichtreligiöse Bewegungen kennen wir seit der griechischen und indischen Antike – sie vermochten es jedoch bisher nie und nirgends, auch nur ein Jahrhundert kinderreich (Geburtenrate über 2.1) zu erhalten. Religiöse Populationen scheitern manchmal demografisch, Nichtreligiöse immer. (Und ob sich das in Zukunft ändert, muss Zukunft zeigen – bisher gibt es keinen Fall.)

      3. Die evolutionäre Fitness bemisst sich nach der Zahl der überlebenden Enkel. Besonders kinderreiche – wie auch besonders kinderarme – Populationen mögen je Konflikte erleben, das ist aber evolutionär gesehen eher Regel als Ausnahme. Erfreulicherweise sinken die allgemeinen Geburtenraten auf der Makroebene, vgl. den wunderbaren Vortrag von Hans Rosling mit Erklärung:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/hans-rosling-ber-religion-und-babys-richtig-verstehen/

      Mit Dank für Ihr Interesse, schauen Sie sich gerne um! 🙂

  8. Dr. Blume
    …..Religionskritik und falscher Focus
    Die Religionen sind nicht die Ursache der Probleme mit afrikanischen und Nahost Flüchtlingen.
    Die Religionen waren nicht die Ursache für die Ausbeutung durch internationale Konzerne.
    Die Religionen verdienen nicht am Waffenhandel.
    Die Religionen waren nicht die Ursache für den Irakkrieg.
    Und trotzdem wird durch diesen Buchtitel suggeriert, dass die Religionen schuld sind.
    Das Fragezeichen am Ende ist dann nur noch das Feigenblatt.

  9. Der Slogan: „Religion als Zeitbombe?“ Nachgefragt: „Wessen Zeitbombe?“ – Seit Menschengedenken werden unabhängig verschiedener Kulturentwicklungen irgendwelche Gottheiten als „Gegenwärtig“ erkannt. Wieso und „Was“ steckt dahinter?
    Natürlich versichert sich jeder Mensch seiner Geistesgegenwart. Auch er beobachtet seine Umwelt, um Gefahrenquellen möglichst früh zu erkennen. Durch Zusammentragen von Erfahrungswerten entsteht eine Wissenschaft. Nicht von Ungefähr hinterfragt man folglich was tatsächlich zufällig geschieht. Ist wirklich alles „Zufall“? Jeder Zweifel an „Zufälligkeiten“ erhält neue Nahrung, wenn ein reales Ereignis zuvor in Abhängigkeit als „wenig Wahrscheinlich“ zugeordnet wurde. Solche Beobachtungen sind alltäglich und zugleich ein Phänomen, eben weil es an Erklärung deren Häufigkeit mangelt. Man redet allgemein nicht über unerklärbare Ereignisse, jeder weiß es und jeder Mitmensch lebt mit diesen Erfahrungswerten. Wissenschaftlich betrachtet können nicht alle „Unpässlichkeiten“ rein zufällig sein. Jeder kann im Selbsttest die Häufigkeit verschiedener alltägliche Unpässlichkeiten feststellen. Sie unterliegen in der Regel jeweilige „Zeitfenster“, wo „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ein Beobachter zum Zeugen wird, oder sei er selber Opfer. In böser Absicht könnte zuvor der Werdegang eines Ereignis durch logistisch geplante geringfügige „viele Unpässlichkeiten“ ein indirekten Verlauf eines ganz anderen ihm zuvor unbekannten Ereignis beeinflussen helfen. Unsere Welt läßt sich praktisch mit sehr wenig Energieaufwand, („anscheint willens vieler böse Engel“, lol) mittels Logistik praktisch durch vielseitige „zeitaufwendige Ablenkung“ entscheidend oder gezielt beeinflussen.
    Warum könnte, bzw. gibt es solche viele alltägliche „Unpässlichkeiten“? Neben der gepflegten Fassade „Zufall“, eine Antwort: „Tue dem Menschen gutes zu, er vergisst rasch. Also, tue dem Menschen schlechtes zu, dann folgt er ein Leben lang!“. Real ist „böses Tun“ ein geniales Instrument um z.B. „gutes Tun“ aus der Reserve zu locken. Zur Erinnerung: „Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen!“, bekommt wissenschaftlich eine ganz andere Qualität. Wer sich nicht beugt, wird an die Löwen verfüttert oder wird spektakulär ans Kreuz genagelt.

  10. Lieber Herr Blume,

    sie vergleichen Religion mit Musik und Literatur, aber das ist völlig unzulässig, denn weder Musik noch Literatur beanspruchen für sich von der Wahrheit zu künden geschweige denn andere davon zu überzeugen oder Zweifler zu bekriegen. Wenn Religion sich selbst tatsächlich als menschengemachte, erfundene Psycho-Wellness begriffe, hätte die Welt viele Probleme, Krisen, Kriege und Explosionen weniger zu verzeichnen.

    Auf diese Zeiten hoffe ich trotzdem.

    • Liebe Frau Hinz,

      die Hoffnung sei Ihnen unbenommen. Doch selbstverständlich werden mit (guter) Musik, Literatur und Recht auch Wahrheits- und Geltungsansprüche erhoben. Von der französischen Marseillaise bis zu Lennons „Imagine no Religion“, von Marx bis Dawkins und Schmidt-Salomon bis hin natürlich zu Gesetzestexten und Urteilen „im Namen des Volkes“ haben wir es immer wieder mit Fragen von Macht, Geltung und Wahrheit zu tun. Und ich würde die Erkenntnisse beispielsweise aus den Künsten und der Philosophie ebensowenig als „menschengemachte, erfundene Psycho-Wellness“ abtun wie die Religion(en) oder die Mathematik. Mir scheint es ratsamer zu sein, gerade dann neugierig und erkenntnisoffen zu bleiben, wenn wir uns auf die Traditionen der Aufklärung und empirischen Wissenschaften berufen.

      Ihnen einen guten Start auch in die kommende Woche!

      • Lieber Herr Blume,

        ich muss Ihnen leider wieder vehement widersprechen: es gibt im kritischen Diskurs eben keinen „absoluten Wahrheitsanspruch“, so wie es ihn eben problematischer Weise in den Religionen gibt. Und je weniger die jeweiligen Gläubigen diesen zu relativieren in der Lage sind, desto stärker besteht genau dieser Wahrheitsanspruch, der die für das „leben und leben lassen“ nötige Toleranz verunmöglicht.
        Wir Religionsfreien haben kein Problem mit toleranter Religiosität bzw. Spiritualität. Wir haben nur ein Problem mit der intoleranten Religiosität. Dummerdings ist genau das erste der 10 Gebote des Christentums der Aufruf zur Intoleranz schlechthin. Vielleicht ist dieses auch sein Erfolgsrezept. Die schnelle aber keineswegs nachhaltige Durchschlagskraft des Intoleranten.

        Aber irgendwie haben Sie ja doch Recht: Religion ist wie Musik! Schön für den, dessen Geschmack sie trifft: er kann sich trefflich daran erbauen. Aber eine Folter für jeden, dessen Geschmack sie nicht trifft zumal wenn sie ihm überall und jederzeit lautstark aufgedrängt wird! Ich danke Ihnen für diese wunderbar treffende Metapher!

  11. Dazu muss ich noch nachtragen: möglicherweise leiden wir unter demselben Problem: dass die „Musik der Religion“ einfach nur nicht gut genug ist!
    Anstatt in anspruchsvoller und den offenen Fragen des Lebens gegenüber sensibler Art kommt sie meist als Mischung von grauselig simpler Marschmusik und trällerndem Volksliedgut daher mit um sich werfenden allzu simplen und patriarchalen Antworten aus der Bronzezeit.
    Außerdem mangelt es hier auch eklatant an Vielfalt. Dass die Einfalt immer die Vielfalt übertölpeln muss, fällt gerade auf dem Gebiet patriarchaler Monotheismen so sehr ins neugierig, weibliche Auge…

    Ihnen auch eine formidable Woche!

    • Liebe Frau Hinz,

      ja, da sind wir tatsächlich beieinander. Denn tatsächlich erhebt ja auch die Aussage „Es gibt keine absolute Wahrheit“ bzw. „Es darf keinen absoluten Wahrheitsanspruch geben!“ für sich selbst auch wieder einen absoluten Wahrheits- und Geltungsanspruch. Und nicht nur im Namen religiöser Fundamentalismen, sondern auch im Namen z.B. sozialistisch-antitheistischer Heilslehren wurden und werden Menschen brutal unterdrückt und auch ermordet.

      Die Lösung sehe ich tatsächlich ganz ähnlich wie die Autoren des o.g. religionskritischen Buches: Erkennen wir gerade auch vor dem Hintergrund der Evolutionsforschung an, was Religion, Musik, Recht, Literatur usw. den Menschen gegeben haben und weiterhin geben können. Verlangen wir dafür aber von ihnen auch, dass sie dialogfähig bleiben und erkenntnistheoretisch reflektieren und also statt eines „blinden“ Glaubens einen reflektierten, aufgeklärten Glauben vertreten. Auch deswegen blogge ich. 🙂

      Ihnen herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihr „Ringen“ mit den Themen, alles Gute!

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben