Das False-Balance-Problem der deutsch-evangelischen Friedensethik

Für viele Menschen, die nicht oder nicht mehr Mitglied einer christlichen Kirche sind, stellt sich der historische Sachverhalt so dar: Es fanden sich immer zahlreiche Priester und Pastoren, die Waffen und Eroberungszüge von Tyrannen bis hin zu den “Deutschen Christen” um Adolf Hitler gesegnet haben. Wenn es aber um den Schutz von Verfolgten und Demokratien wie in Israel oder aktuell in der Ukraine ging, dann gaben sich die gleichen Kirchen gerne besonders “kritisch” und “friedensethisch”.

Angesichts einer agressiv dualistischen Russisch-Orthodoxen Kirche in Moskau, angesichts einer trotz sexualisierter Gewalt & Implosion vor Reformen zurückschreckenden römisch-katholischen Kirche und angesichts einer Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), deren “friedensbeauftragter” Bischof sich wieder dem Tyrannen Wladimir Putin andiente und der Ukraine Solidarität, das Recht auf Selbstverteidigung und Waffenlieferungen absprach, habe auch ich als als Christ den Frust über die kirchliche Tyrannophilie heute morgen deutlich formuliert. Ich twitterte an dem Jahrestag, an dem der tatsächlich mutige, nicht-relativistische und demokratische Baptisten-Pastor Martin Luther King jr. ermordet wurde:

“Leide gerade sehr am organisierten Christentum. Patriarch Kyrill I. von Moskau legitimiert Genozid, der Papst wagt kaum Reformen und “meine” EKD macht auf Kosten der Ukraine mal wieder den Bückling vor Diktatoren, heute Putin. Soll das Kirche sein?”

 

 

Tweet vom 04.04.2022, Screenshot: Michael Blume

Dabei spielte auch meine frisch gebloggte Sorge eine große Rolle, dass die Amtskirchen – wie so oft nicht nur in der deutschen Geschichte – erneut die Errungenschaften der liberalen Demokratien verwerfen würden, sobald sie sich wieder einem Tyrannen unterordnen dürften. Denn die Demografie von Bevölkerungsimplosionen und Abwanderung macht es demokratischen Oppositionsbewegungen auch mitten in Europa zunehmend schwer. Und zu allen Grausamkeiten und Massakern des Putin-Regimes kommt ja auch noch die absehbare, durch die Klimakrise verschärfte Hungerkatastrophe, die noch in diesem Jahr unzählige Tote unter den Ärmsten der Welt verursachen wird. Wie konnten christliche Kirchen also dazu ernsthaft schweigen? War bzw. ist das nicht zynischer Relativismus pur?

Das False-Balance-Problem auch der Kirchen

Twitter-typisch diskutierte ich das Thema u.a. mit christlichen Theolog:innen und Medienprofis. Und dabei wurde mir dann klar, dass die Kirchen offensichtlich das gleiche False-Balance-Problem entwickelt haben wie der Journalismus – inzwischen ein Klassiker der Medienethik!

Das bedeutet: Weil Medien nur in Demokratien gehalten waren, “kritisch” zu berichten, entstand ein antiwestlicher und antiwissenschaftlicher Relativismus. So wurden beispielsweise Klimakrise- oder Covid19-Leugner anfangs auf die gleiche Stufte gestellt wie ernsthafte Wissenschaftler:innen. Krasse Außenseiter-Positionen etwa von Esoteriker:innen wurden mit Aufmerksamkeit “belohnt” und bekannt gemacht, wogegen der wissenschaftliche Konsens nur noch als “Meinung unter vielen” erschien. Erst in jüngster Zeit haben seriöse Journalist:innen die “False-Balance” als Problem erkannt und beispielsweise Wissenschaftskommunikation und Faktenchecker gestärkt

Ebenso scheint mir der antidemokratische Drall der Kirchen ein Ergebnis des Paradoxes zu sein, dass sie nur in Demokratien überhaupt eine kritische Friedensethik entwickeln konnten! So konnten sich gerade auch die evangelischen Kirchen erst nach dem NS-Regime in einer Weise gegen die Parlamentsarmee der Bundeswehr und gegen die NATO positionieren, wie sie es sich niemals gegen die Wehrmacht oder gegen die Sowjetunion hätten erlauben können. Auch viele Theolog:innen verfielen also in eine False Balance, in der die Parlamentsarmee einer Demokratie auf eine Stufe mit der Eroberungsarmee eines Tyrannen gestellt wurde! Immer wieder erlebte ich die verstörende Gleichsetzung der israelischen Demokratie und Armee mit dem antisemitischen Terrorregime der Hamas im Gazastreifen. Auch das Amt des EKD-Friedensbeauftragten wurde als “Gegengewicht” (!) gegen die Bundeswehrseelsorger:innen geschaffen – ein institutionalisiertes Misstrauen auch gegen die eigenen Kirchenmitglieder in Uniform, wie es eben nur Demokratien erlauben.

Zitat-Kachel von der Podcast-Folge 184 bei Hossa-Talk. Screenshot mfG: Michael Blume

Mein vorsichtiger Optimismus lautet also, dass wenigstens einige Kirchen in den verbleibenden “Arche”-Demokratien diese binnenkirchlich-theologische “False Balance” ebenso erkennen und aufarbeiten können wie einige Medien – und inzwischen auch der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD). Vielleicht wird sich also mein Traum auch von Kirchen noch erfüllen, die sich im Angesicht von Tyrannen nicht mehr in Relativismus und Tyrannophilie flüchten – sondern tatsächlich für eine Friedensethik der Selbstverteidigung, des Zusammenlebens, der Menschenwürde und Wissenschaften – also für Wahrheit – eintreten. Diese Hoffnung hatte ja schon Karl Popper gemeinsam mit seiner Frau im demokratisch-wissenschaftlichen Grundlagenwerk der “Offenen Gesellschaft” auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Neuseeland formuliert. Und es überraschend mit einer starken Metaphorik des Kreuzes versehen…

 

 

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

64 Kommentare

  1. Viel Lob für Ihren Beitrag, aber das ist falsch:

    Ebenso scheint mir der antidemokratische Drall der Kirchen ein Ergebnis des Paradoxes zu sein, dass sie nur in Demokratien überhaupt eine kritische Friedensethik entwickeln konnten!

    Die evangelische Kirche in der DDR hatte friedenspolitisch eine viel kritischere Haltung zu ihrer Obrigkeit als die in der Bundesregierung. So anerkannten beide Kirchen, daß sowohl Wehr- wie auch Wehrersatz-(Zivil-)Dienst Zeichen für den Frieden sein können. Die Kirche in der DDR aber nannte den Wehrersatzdienst ein weit deutlicheres Zeichen.

    So konnten sich gerade auch die evangelischen Kirchen erst nach dem NS-Regime in einer Weise gegen die Parlamentsarmee der Bundeswehr und gegen die NATO positionieren, wie sie es sich niemals gegen die Wehrmacht oder gegen die Sowjetunion hätten erlauben können.

    Ich schreibe aus einer Stadt, in der es eine Barmer Bekenntnissynode gab, deren Glaubensbekenntnis noch heute in den Evangelischen Kirchengesangbüchern hinten neben den anderen großen Bekenntnissen zu finden ist, und in der Pfarrer Martin Niemöller eine staatsunabhängige (und nicht anerkannte) Kirchliche Hochschule gegründet hat.

    • Klar, @Alubehüteter – gerade diese gegen Diktaturen gerichteten, oft oppositionellen Entwürfe wurden und werden dann in Demokratien öffentlich aufgegriffen. Martin Niemöller haben Sie selbst genannt, die Nachkriegs-Popularität von Dietrich Bonhoeffer und der Weißen Rose wären weitere Beispiele.

      Und gerade diese mutigen Stimmen sprechen doch dafür, die Unterschiede zwischen Demokratien und Tyranneien nicht länger zu verwischen. Mein Vater hat Stasi-Haft selbst erlebt, meine Mutter wurde im Polizeiauto zum „Wahllokal“ gebracht…

      Die leider oft erfolgende Gleichsetzung einer völlig berechtigten Kritik z.B. an der NVA mit der Parlamentsarmee der Bundeswehr ist die „False Balance“, von der wir hier sprechen…

  2. Friedensethik als ´False Balance´ lächerlich zu machen ist eine fragwürdige Haltung. Denn gerade im aktuellen Ukraine-Konflikt sollte man die Sichtweisen beider(!) Seiten und die Ursache des Krieges betrachten:

    Die Militäranlagen auf der Krim sind für Russland strategisch so wichtig, dass immer klar war, dass man alles tun wird, um ihren Bestand zu sichern.
    Die Osterweiterung der Nato und die Absicht der Ukraine in die Nato eintreten zu wollen – waren daher gezielt als eine eindeutige militärische Aggression gegen Russland gedacht und sind auch genau so verstanden worden. Wie rücksichtslos Russland reagieren wird, war spätestens mit der Annektion der Krim deutlich erkennbar. Und der aktuelle Krieg ist auch eine Reaktion, die auch zu erwarten war – weil weder Nato noch Ukraine die Pläne der Osterweiterung zurückgenommen haben.

    Dass jetzt so viele Menschen im Krieg sterben oder später verhungern werden – wenn die Nahrungsmittel der Ukraine nicht angebaut werden und in den weltweiten Handel kommen – dann ist dies ganz klar eine Folge sowohl des brutalen Krieges der Russen, aber auch der Osterweiterungs-Stratgegie von Nato/Ukraine.

    Um das Grauen des Ukraine-Kriegs und einer möglichen Hungersnot zu beenden – müssten die Pläne zur Nato-Osterweiterung zurückgenommen werden. Denn die Russen werden mit dem Krieg sonst nicht aufhören – weil ihnen die Militäranlagen auf der Krim zu wichtig sind.

    Wer über die Brutalität Russlands oder Putins entsetzt ist – sollte daher nie vergessen, dass die Nato-Osterweiterung als militärische Provokation eine der Ursachen dafür ist.

    Um den Krieg in der Ukraine braucht es nur ein bisschen Tinte – mit der die Osterweiterung der Nato per Vertrag gestoppt wird. Denn Konflikt zu polarisieren indem man die ´Friedensethik´ abwertet, ist auch nicht hilfreich.

    Am aktuellen Krieg sind alle beteiligten Parteien mit schuld!

    Ich schreibe diese Zeilen, weil ich darüber entsetzt bin, dass wir immer noch nichts besseres zu tun haben, als sinnlose militärische Konflikte anzuheizen.

    Denn es gibt aktuell nichts wichtigeres, als dass alle Länder auf der Erde alles tun sollten, um die Folgen der Klimaveränderung zu vermindern oder zu stoppen. DAS IST UNSER WICHTIGSTES PROBLEM!

    • Nein, @KRichard – ich mache Friedensethik nicht „lächerlich“, sondern fordere sie ein.

      Sie haben die noch immer verbreitete Gleichsetzung von liberalen Demokratien mit Tyranneien gerade selbst demonstriert, indem Sie Beitritte zum Selbstverteidigungsbündnis der NATO als „militärische Provokation“ bezeichnet haben. Auch haben Sie bei Ihrem Plädoyer für „beide Seiten“ (!) das Selbstbestimmungsrecht ganzer Völker wie der baltischen, polnischen, ukrainischen Menschen vom Tisch gewischt. Das ist genau die „False Balance“, die jede ernsthafte Friedensethik überwinden muss. Übrigens auch, wenn sie die Erkenntnisse zum „demokratischen Frieden“ ernstnimmt. Tyranneien führen Eroberungskriege, zwischen Demokratien etabliert sich Frieden…

      • @Blume
        Für die Umsetzung der Kyoto-/Pariser-Klimaverträge fehlte immer Geld.
        Für Waffen/Rüstung stehen jetzt fast unbegrenzte Mittel zur Verfügung.

        Für mich sind alle Parteien am aktuellen Krieg schuld.

        Aber das wirkliche Problem ist:
        Die aktuellen Dürren, Orkane und Starkregenereignisse sind nur relative harmlose Vorboten von dem was kommt, wenn wir auf der Erde nicht gemeinsam versuchen die Klimaveränderung abzumildern.
        Der gestern veröffentlichte Bericht des Weltklimarates lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: “Die Zeit läuft ab.”

      • Auch haben Sie bei Ihrem Plädoyer für „beide Seiten“ (!) das Selbstbestimmungsrecht ganzer Völker wie der baltischen, polnischen, ukrainischen Menschen vom Tisch gewischt.

        Das fand ich immer schon ein ganz seltsames Argument, vielleicht können Sie es mir erklären.

        Selbstverständlich hatte das Baltikum, hat die Ukraine das Recht, der NATO beizutreten. Aber wie leitet sich daraus eine Pflicht ab für die NATO, diese auch aufzunehmen? Wieso sollte sich nicht die NATO im Rahmen einer übergeordneten, gesamteuropäischen, russischen Sicherheitsinteressen einbeziehenden Abkommens auch verpflichten, niemals NATO-Truppen in der Ukraine zu stellen, oder NATO-Militärstützpunkte (Flughäfen, Abwehrraketen) dort einzurichten?

        Selbstverständlich hat die Türkei das Recht, der EU beizutreten. Aber die hustet denen was.

    • @KRichard (Zitat):“

      Wer über die Brutalität Russlands oder Putins entsetzt ist – sollte daher nie vergessen, dass die Nato-Osterweiterung als militärische Provokation eine der Ursachen dafür ist.„

      Antwort: Es stimmt einfach nicht, dass beim Georgienkonflikt oder jetzt im Ukraine-Krieg letztlich die USA (vertreten durch die NATO) gegen Russland antritt. Ja, Russlands Putin will, dass das so gesehen wird, deshalb wollte Putin mit den USA verhandeln, nicht mit Europa, denn Putins Absicht ist, die NATO-Osterweiterung als Ausdehnung der US-Machtsphäre darzustellen.

      Dabei geht vollkommen vergessen, dass die baltischen Staaten, Polen, die Tschechei und Slowakei, Rumänien und Ungarn und weitere Länder Osteuropas Jahrzehnte russischer und sowjetischer Unterdrückung hinter sich haben und dass es diese Staaten selbst waren, die darauf gedrängt haben in die NATO aufgenommen zu werden, weil in diesen Staaten dass Bewusstsein über den imperialen Charakter Russlands viel grösser war und ist als hier im Westen. Nur wenige hier im Westen sind sich überhaupt bewusst, dass Russland durch und durch ein imperiales Gebilde ist, welches die von ihm beherrschten Staaten regelmässig erniedrigte und sie mittels Terror unterdrückte.

      Nur wenige hier im Westen haben sich überhaupt je mit den osteuropäischen Ländern näher befasst und in Deutschland ist es weit verbreitet von Russland und seinen rechtmässigen Anliegen zu sprechen, nicht aber von den rechtmässigen Anliegen all der Länder, die unter russischer und sowjetischer Besatzung litten.
      Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte kürzlich zurecht: »Die Warnungen von unseren osteuropäischen Partnern hätten wir ernster nehmen müssen«

      Jedem, der etwas über das Leben unter der früheren Sowjetbesatzung wissen will empfehle ich etwa Sofi Oksanen‘s Artikelsammlung (Zitat Wikipedia) Kaiken takana oli pelko (wörtlich: Hinter alledem stand Angst), die die estnische Geschichte während der sowjetischen Okkupation beschreibt. In der Einleitung des Buches begründet Oksanen die Herausgabe damit, dass das kommunistische Gesellschaftssystem eines der verderbenbringendsten der Weltgeschichte ist, im Gegensatz zum Nationalsozialismus bislang jedoch nicht oft thematisiert worden ist.

      Auch das Werk Herta Müllers legt beredtes Zeugnis vom Leben in einer Diktatur ab.

      Fazit: Den berechtigten Interessen Russlands stehen die berechtigten Interessen von Lettland, Estland, Litauen, Polen, Rumänien, Ungarn, der Tschechei, der Slowakei, der Moldau, der Ex-Jogoslawischen Länder, der Ukraine und Bulgariens gegenüber.

      Frage: Sollte Deutschland eher die Machterhaltungs-Interessen des Nachfolgerstaates der Sowjetunion achten oder eher die Interessen der vielen Länder, die von der Sowjetunion jahrzehntelang unterjocht wurden?

      • @Holzherr
        Mir ging es nur darum, Kriegsursachen anzusprechen – aber nicht darum das Verhalten von dabei beteiligten Parteien zu rechtfertigen.

  3. Es wäre schon viel gewonnen, wenn alle Amtskirchen aller Religionen und Konfessionen Angriffskriege generell verurteilen würden und wenn sie Selbstverteidigung gutheissen würden.

    Ferner könnte ich mir auch vorstellen, dass alle Amtskirchen Kolonialismus und Imperialismus verurteilen. Aktuell bedeutet die Verurteilung von Imperialismus, dass Russlands Ansprüche auf die Beherrschung anderer Länder illegitim sind und dass die Bevölkerung der angegriffenen Länder alles Recht hat sich zu verteidigen und sich Hilfe gegen einen Angriff zu holen.

    Kirchen sollten sich mehr an Rechtsgrundsätzen orientieren als an der Absicherung ihrer institutionellen Stellung innerhalb einer bestimmten Gesellschaft.

    • Danke, @Martin Holzherr – (auch) da stimme ich Ihnen zu. Aber wir sehen ja, wie schwer es auch vielen Christ:innen noch fällt, ein demokratisches Selbstbestimmungsrecht auch für osteuropäische Völker zu denken. Timothy Snyder (u.a. „Bloodlands“) kritisiert, nah bei Ihnen, das abgründige „Westsplaining“.

  4. Negative Wahrnehmung von Religion in Japan
    Gemäss dem Video How Japanese People Came to Hate Religions wird in Japan Religion häufig mit Geschäftsinteressen in Verbindung gebracht. Es wird also vermutet, wer von Religion spreche, wolle damit Menschen in ihrem Sinne binden und letztlich damit Loyalität und Geld verdienen.

    Im Artikel RELIGIOUS FREEDOM PROBLEMS IN JAPAN: BACKGROUND AND CURRENT PROSPECTS wird aufgezeigt, dass Religion und Staat in der Geschichte Japans immer wieder aufs engste verbunden waren und dass Religion damit eine staatliche Funktion hatte (Zitat):

    Die Religionsgeschichte in Japan ist durch eine Vielzahl von Formen der Verbindung mit der Regierung gekennzeichnet, die traditionell religiöse Körperschaften einsetzt, um die Interessen des Staates voranzutreiben. Wie Kawawata (1996, 199) es ausdrückt: „Von 701, als das Gesetz des Landes zum ersten Mal kodifiziert wurde, bis 1945 [und] dem Ende des Zweiten Weltkriegs bestand das Grundprinzip der staatlichen Religionspolitik darin, religiöse Organisationen im Interesse des Staates zu überwachen.”

    Interessanterweise geht diese enge Verbindung von Religion und staatlichen Interessen auch mit einem Defizit in Bezug zu unveränderlichen moralischen Prinzipien und Menschenrechten einher. Dazu liest man im verlinkten Artikel:

    Tatsächlich bleibt das Verständnis des Konzepts der Menschenrechte in Japan oberflächlich. Die Meiji-Verfassung bezog sich auf die Rechte der Menschen als die von „Untertanen“ – was implizierte, dass Rechte eine vom Kaiser oder dem Staat gewährte Leistung waren und nicht als unverletzliches und natürliches Erbe jedes Einzelnen. Wie Kawakami (1964, 190) feststellt, waren die individuellen Rechte in Japan immer „Instrumente des Staates, die nicht für das Ziel des Einzelnen verwendet werden dürfen“. Tatsächlich „ist die Achtung individueller Rechte und individueller Identität … für die Japaner undenkbar“ (Kawakami 1964, 190). Noch heute, bemerkt Nakaya, sind jüngere Generationen „weitgehend gleichgültig gegenüber Menschenrechtsansprüchen und anderweitig beschäftigt“ (O’Brien 1976, 143). Wie Noda (1976, 159) treffend bemerkt hat: „Für den durchschnittlichen Japaner beschwört dieses Wort [„Rechte“] etwas herauf, das mit Egoismus zusammenhängt.“

    Fazit: Japan als Beispiel einer kollektivistischen Gesellschaft (der Einzelne zählt wenig gegenüber der Gemeinschaft) zeigt deutlich, dass Religion eine Funktion als geistige Stütze einer Regierung/ eines Staates einnehmen kann. In Japan nahm dies extreme Formen an, doch auch in Europa gibt es dieses Phänomen, dass beispielsweise Religion Menschen moralisch entlastet, damit sie für den Staat alle inneren Skrupel überwinden und Feinde mitleidlos vernichten.

  5. @Michael 05.04. 08:08

    „Aber wir sehen ja, wie schwer es auch vielen Christ:innen noch fällt, ein demokratisches Selbstbestimmungsrecht auch für osteuropäische Völker zu denken.“

    Das Selbstbestimmungsrecht der russischen Bevölkerung könnte auch Unterstützung gebrauchen. Dummerweise sitzt Putin noch fest im Sattel, und die Realität von 6500 Atomsprengköpfen machen die Lage kompliziert.

    Angesichts der Realität der autokratischen Führung in Russland und ihrer Bewaffnung sind unsere Optionen eben begrenzt. Wie viel Krieg wir haben wollen, ist auch unsere freie Entscheidung. Ich stimme dem derzeitige Kurs zu, nur Waffen zu liefern und Sanktionen nur soweit gehen zu lassen, dass wir nicht selber frieren müssen. Mehr wäre eben der 3. Weltkrieg.

    Darf ich mal spekulieren? Hätte Russland keine Atomwaffen, wäre die Nato inclusive der Bundeswehr längst vor Moskau und dabei, Russland von der Diktatur zu befreien.

    Aber Russland hat die Atomwaffen. Und ich keine Lust auf einen 3. Weltkrieg, nur um einer Ukraine zu helfen, mit der wir vertraglich eigentlich nichts zu tun haben. Ich schätze auch mal, dass wir mit der Ukraine in der EU noch mehr Probleme als mit Polen und Ungarn hätten. Ganz unabhängig von diesem Krieg.

    Die Option, dauerhaft 5 Millionen Urkrainern in der EU eine neue Heimat zu ermöglichen, die finde ich richtig gut. Wir brauchen die Arbeitskräfte, und angesichts der ukrainischen Korruptionskultur würde auch ein EU-Beitritt genau dazu führen, dass eben genau diese 5 Millionen Menschen hierherkommen, um hier ihr Geld zu verdienen. Das läuft jetzt eben auf diese Weise. Ist doch gut, wir haben als Zuwanderer Ukrainer offenbar viel lieber als Muslime, aus Gründen, die zumindest in Teilen nachvollziehbar sind.

    Wenn der Krieg in einer Teilung der Ukraine endet, dann wäre das immerhin ein gewisses Ergebnis. Die Bevölkerung in den östlichen Landesteilen will wohl tatsächlich lieber zu Russland gehören, alles westliche davon definitiv zur EU. Der Umgang mit Seperatisten ist generell schwierig. Wir hatten auch in der EU mit den Basken, Nordirland und zuletzt Katalonien auch schon schwierige Situationen.

    Auch der Jugoslawienkrieg hatte ein definitives Ergebnis, und eine Festlegung von Grenzen, die inzwischen respektiert werden.

    Der Brexit war eigentlich auch nicht so vorgesehen. Und Ungarn könnte man auch einfach aus der EU rausschmeißen, das wäre zumindest eine Option. Eine Befreiung Russlands jedenfalls ist einfach keine Option.

    • Tatsächlich hatte auch die Ukraine Atomwaffen, @Tobias Jeckenburger. Sie verzichtete darauf, weil ihr u.a. Russland im Budapester Memorandum von 1994 Sicherheit vertraglich zusagte:

      https://de.m.wikipedia.org/wiki/Budapester_Memorandum

      Die historische Erfahrung zeigt also auch hier: Wer sich vor Tyrannen fürchtet und ihren Zusagen vertraut, macht sie immer stärker. Die Ukraine 🇺🇦 verteidigt auch unsere Freiheit – und Sicherheit. Wenn Sie – berechtigte – Sorge vor einem Atomkrieg haben, dann sollten auch Sie keine weitere Schwäche gegenüber Putin zeigen. Das hat ihn nur immer weiter radikalisiert.

  6. Das False Balance Problem geht einher mit der Krise des Zeitungswesens.
    Sensationsbefriedigung geht einher mit der Relativierung von Wahrheiten.

    Negative Berichterstattung ist gewinnbringender als Seriosität.
    Die Kirchen selbst sind in diesen Strudel hineingerissen, weil sie selbst für Schlagzeilen sorgen mit Kindesmissbrauch und der Unfähigkeit sich zu reformieren.

    Zusätzlich , und was noch viel mehr wiegt, ist das Verhältnis der Kirche zu Staat und kriegerischen Auseinandersetzungen. Soll sich die Kirche solidarisch zeigen gegenüber dem Staat, der sie alimentiert oder soll sie eine eigene Position beziehen.

    Die Kirchen haben sich positioniert indem sie aufrufen Flüchtlinge aufzunehmen. Zum Thema Waffenlieferungen an Ukraine hat sie keine Stellung bezogen. Und dabei ziehen sich gerade in dieser Richtung die schwarzen Wolken zusammen. Und…..wieweit ist Kirche für konkrete Politik zuständig ?
    Friedenspolitik mit dem Schwert in der Hand ?
    Du sollst nicht töten, dies als Mahnung für alle.

    • Danke, @hwied. Ich erwarte von Kirchen gerade nicht, dass sie Tagespolitik betreiben. Vielmehr sollten sie religiös wie auch wissenschaftlich glaubwürdige Grundsätze formulieren & vertreten. Da ist noch – buchstäblich – „Luft nach oben“…

  7. @Ohne Atomwaffen

    Gäbe es die Atomwaffen nicht, würden sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. Zunächst kann man Russland komplett befreien. Als nächstes können wir aus Konsequenz aus dem Ressourcenfluch doch einfach die ganze Golfregion besetzen, und uns das Öl heraus holen, ganz ohne zu bezahlen. Mit dem gesparten Geld dann können wir noch mal ausgiebig Aufrüsten, und uns als nächstes China vornehmen.

    Der Sieg der Freiheit wäre in Sicht. Ich hab aber irgendwie das Gefühl, dass das doch gar nicht so schlecht ist mit den Atomwaffen. Es erzwingt einen gewissen Respekt, der nicht unbedingt ungut ist. Was wäre, wenn die freien Länder dieser Welt dann mangels äußerer Feinde dann doch wieder untereinander auf einander losgehen? Und wenn nur, weil die Waffenlobby doch noch maßgeblicher ist, als die Freiheit der Menschen.

    Ich habe auch in der Parlamentsarmee gedient. Der Umgang dort war wesentlich ziviler als etwa in der NVA. Und doch hatte ich nie den Eindruck, dass diese Streitkräfte sich nicht eignen, auch Angriffskriege durchzuführen. Man kennt das ja schon: Ab 5 Uhr 30 wird zurückgeschossen. Die US-Parlamentsarmee hat nun auch schon eine ganze Reihe von Angriffskriegen geführt. Vietnam, Irak und Afghanistan etwa. War alles theoretisch gut begründet, wenn auch auf Lügen, hatte aber nirgends die Freiheit der Menschen zur Folge.

    Putin als Diktator, Aggressor und Kriegsverbrecher ist da voll im westlichen Beuteschema. Hat aber Atomwaffen, und davon sogar genug, um die ganze Welt mehrfach zu vernichten. Ich kann schwer nachvollziehen, dass mancher meint, dass man das nicht respektieren sollte. Das Faustrecht auf der Weltbühne ist und bleibt Realität. Gut finde ich das auch nicht. Eine UN, die vernünftiges Recht spricht, und dieses auch durchsetzen kann, wäre mir auch lieber. Aber das gibt es so eben nicht.

    • Kleiner Einspruch bei allem Respekt und aller Kameraderie, @Tobias Jeckenburger. Oberbefehlshaber der US-Armee ist nicht der Kongress, sondern der Präsident. Der Kongress hat im 20. Jahrhundert sogar immer weitere Kontroll-Vollmachten abgegeben, während der Bundestag seine stärkte.

    • Tatsächlich höre ich auch in der Presse nur den Friedensbeauftragten der EKD und dass finde ich auch kaum auszuhalten. Ich musste erst suchen, ein Statement der Ratsvorsitzenden und der Bischöfe der Landeslirchen zu finden, das jedenfalls anders klingt. Wenn man ihnen auch vorwerfen kann, dass sie sich zu Bonhoeffer ” flüchten”.

      • Ja, @Markus Eckert, so erlebe ich es auch. Und diese „False Balance“ gegenüber Tyrannei und Genozid ist nicht nur ein moralisches Versagen der EKD (wenn sie auch kaum noch jemand beachtet), sondern auch ein Schlag ins Gesicht aller evangelischen Christ:innen, die ihrer Demokratie in Uniform dienten und dienen. Als ob Jesus – der sich u.a. auf den fehlbaren Krieger David berief – für einen kalten Relativismus das Kreuz getragen hätte…

  8. @hwied

    Du sollst nicht töten, dies als Mahnung für alle.

    In der Bibel steht eher “du sollst nicht morden.” und das ist nicht dasselbe.

    • ‘Du sollst nicht töten’ steht in der Luther-Bibel, möglicherweise liegt eine Falsch-Übersetzung vor.

      Blöde ist halt, dass im Krieg nicht immer genau unterschieden werden kann, nicht immer klar ist, ob Selbstverteidigung vorliegt.

      Insofern wären christliche Kirchen, die sich für Waffenlieferungen in Kriegsgebiete aussprechen, womöglich auch eine größere Involvierung von Militärbündnissen meinend (vorsichtig zwar), irritierend, nicht wahr?
      (Vgl. auch mit Statement der bundesdeutschen Katholischen Kirche seinerzeit zum NATO-Nachrüstungsbeschluss vor ca. 40 Jahren und mit der Rede von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg beim dritten Ökumenischen Kirchentag.)

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

          • Den beiden Herren vielen Dank, so in etwa hatte es auch der Schreiber dieser Zeilen in Erinnerung, das obige Zitat meinend.
            Da entwickelt sich etwas sehr übel, zu hoffen bleibt, dass die Verhandlungen möglichst zeitnah Früchte tragen.
            Mit freundlichen Grüßen
            Dr. Webbaer

  9. einer
    Juristisch betrachtet sind Mord und Totschlag unterschiedlich ,bleiben trotzdem Tötungen.
    Die Notwehr ist davon unberührt auch das Recht auf Verteidigung.

    Wie das AT das betrachtet, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Manche betrachten den gewaltlosen Widerstand als einzig erlaubte Reaktion auf einen Angriff, andere sehen Verteidigungskriege als erlaubt an. Was dann ein Präventivschlag ist, das bleibt unbeantwortet.

  10. Die False Balance hat Vladimir Putin bestens erkannt und Fake News verboten. Ähnliche Tendenzen sehen Sie überall auf der Welt – die allgemeine Faschisierung der Welt ist keine Option, sie folgt aus Sachzwängen, die wir uns geschaffen haben. Jedes Land steht vor den gleichen Problemen, sucht sich eigene Varianten der Lösung, doch die Lösung wird vom Problem vorgegeben, deswegen sehen auch die Lösungen ähnlich aus.

    Wahrnehmung folgt Nutzen – was wahr ist, entscheiden Zuckerbrot und Peitsche, die uns die Wirklichkeit zuteilt. Sie können glauben, dass Sie fliegen können, indem Sie mit den Armen flattern, aber nur, bis Sie einer vom Hochhaus schubst. Bis das passiert, können Sie so tun, als wäre Gravitation optional. Wenn Sie mehr Geld haben als Newton, wenn Sie Leuten Zuckerbrot geben, glauben die Ihnen und nicht ihm, denn sie spüren die Peitsche – wenn sie ihm folgen, sind sie schlechter dran. Wir nehmen die Umwelt als Einheit wahr, Physik, Wirtschaft, Soziologie verschmelzen zu einer Realität. Und wenn verschiedene Ebenen widersprüchliches Feedback geben, vermischen sich Zuckerbrot und Peitsche in unterschiedlichen Dosierungen, aus unterschiedlichen Quellen, zu persönlichen Realitäten, die wiederum verschiedene Weltbilder erzeugen.

    False Balance gibt’s nicht nur durch zu wenige Filter, sondern auch durch die falschen Filter. Zum einen ist Glaubensfreiheit kostenintensiv. Was Sie glauben, bestimmen weder Ihr Gott noch Ihre Heiligen Schriften, das bestimmen die Verwalter: Die Schriftgelehrten, Experten, Rabbis, Verfassungsrichter, Mullahs, Päpste. Und die folgen stets dem Einzig Wahren Glauben: Wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Wenn ein Staat nur eine Religion hat, muss er weniger Klerus schmieren, damit der ihm nach dem Mund redet – für dreißig Gläubige reicht ein Pfarrer, warum soll ich da noch Rabbi und Pastor durchfüttern, die ihre Schäfchen auch noch ständig gegeneinander aufhetzen, weil ein Priester mit dreißig Silberlingen happier ist, als drei Priester mit je zehn Silberlingen? Deswegen gönnt sich auch das reiche Amerika viele Fernsehprediger, das arme Polen nur den Rydzyk, den Medienzuhälter der Jungfrau Maria, die Heiligste Nationalschande diesseits und jenseits des Bible Belt: Man kann sich die christliche Vielgötterei halt nicht leisten, dafür führt die Monopolisierung und Ressourcenbündelung als kathofaschistisches Staatspäpstchen dazu, dass er an schmierigem Glanz jeden Einzelnen dort überstrahlt. Vermutlich ist das mit ein Grund, warum die Ägypter und Römer sich irgendwann Synkretismus gönnten. Sparsamkeit ist aber ein Sachzwang, der mit anderen Sachzwängen Hand in Hand geht, die auch selektive Wahrnehmung, Filterung und Bündelung erzwingen.

    Wirtschaft schwächelt, plötzlich zweifeln alle am System. Während das Unten bereits die Symptome erkennt, geht’s dem Oben noch gut, deswegen missversteht es das Problem und macht aus einer Wirtschaftskrise eine Glaubenskrise, die durch irgendwelche Aufwiegler und falsche Propheten erzeugt wird, nicht durch wachsende Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit – haben wir gesehen, als es immer mehr Kritik am System hagelte, schoben die Etablierten alle, berechtigt oder nicht, bequem in die rechte Populistenecke. Weil die Wirtschaft aber immer kaputter wurde, ist auch die Zahl der Zweifler angewachsen – die Aasblumenkinder des Populismus, wie die Hippies oder Lutheraner, ein bunter Haufen aller möglichen Provenienz, mit allen möglichen Zielen und Weltbildern, die sie in wenige Slogans fließen lassen, die, wie Horoskope, Kreuze und sonstige Fetische, sehr nichtssagend sein müssen, damit jeder die Bedeutung hineininterpretieren kann, die ihm in den Kram passt.

    Wer Wirtschaftskrisen zuerst spürt, sind die Schwachen, das ist nicht unbedingt die intellektuelle Elite des Landes – jeder ist Experte für sein eigenes Leben, eine Sinneszelle, deren Stärke im Spüren, nicht Analysieren liegt. Ich spüre, dass die Hoffnung auf ein besseres Leben durch die Hoffnung auf kein schlechteres Leben verdrängt wird, die auch noch von Tag zu Tag aufs Neue enttäuscht wird. Ich merke, es wird härter, ich sehe, dass der Staat verfällt und die Produkte in den Regalen immer miesere Qualität aufweisen, doch kann es mir nicht erklären. Ich will es mir nicht mal erklären, ich will ein braver Bürger sein, meinen Job tun und dafür respektiert werden, ein guter Fußsoldat, der von seinem General für blinden Gehorsam belohnt wird. Ich will das ZDF für das Wort Gottes halten und den Fürsten und Hohepriestern nach dem Mund reden. Aber ich kann es nicht mehr. Der Widerspruch zwischen Realität und Weltbild erzeugt eine kognitive Dissonanz, das Weltbild zerbricht in kleine Stücke, einzelne Meme, ein brodelnder Bottich voller Urozean, der Ungeheuer gebiert: Es blühen Hexenglaube, Echsenglaube, Verschwörungsmythen. Und weil alle, auf die man sich verlässt, das Gleiche glauben, wird es zur Schein-Wahrheit. Einer Wahrheit, die so lange bestehen bleibt, wie die echte, physikalische Wahrheit es toleriert.

    Das gilt aber auch für die Schein-Wahrheit der Etablierten. Derjenigen, die noch ans sterbende System glauben, weil sie den Niedergang noch nicht spüren.

    Wir haben also einen Populisten-Etablierte-Konflikt auf dem geistigen Niveau von: „Ich bin hungrig“ – „Nein, bist du nicht, denn ich bin satt“. Während die Populisten Verschwörungsmythen erzeugen, weil sie zu doof sind, sich die Wahrheit zu erklären, die ihnen die Realität mit dem Holzhammer einprügelt, schaffen sich die Etablierten eigene, weil sie eben nicht doof sind uns sich gerade deswegen sehr doof fühlen würden, würden sie den Status Quo mit Verstand und Fakten verteidigen müssen.

    Wir haben im Grunde zwei Seiten der gleichen Medaille: Die Welt ist nicht mehr so, wie sie gefälligst zu sein hat. Die alten Dogmen funktionieren nicht mehr. Doch die Dogmen haben sich bewährt, sie haben die Welt aufgebaut und mächtig gemacht, die sie heute töten. Darin kann kein Fehler sein, also malen wir einander den Teufel ins Gesicht, um die Dogmen zu schützen.

    Wenn beide debattieren, erinnert das an die alten Gottesurteile, bei dem ein Ritter in voller Rüstung gegen einen Bauern kämpfte, der bis zur Taille eingegraben war und nur einen Stock hatte. In unserer Gesellschaft sind die Intellektuellen, Wissenschaftler, Experten die Ritter, Hohepriester und Propheten, wir haben Auguren, die aus Statistik-Eingeweiden lesen und Prognosen-Horoskope erstellen. Bei all denen fällt vor allem auf: Sie machen das als Job. Irgend jemand bezahlt sie. Irgend jemandem, der Geld hat, gefällt ihre Arbeit. Irgend jemand hat Schulen gebaut und ihre Karrieren gefördert und bezahlt sie für ihre Expertisen, immer und immer wieder. Dass Sie vom System korrumpiert wurden, erkennen Sie nicht an Zweifeln und Schuldgefühlen, Sie erkennen es daran, dass Sie nicht auf der Parkbank schlafen müssen.

    Auf der anderen Seite finden sich einfache Leute und lauter Bauernfänger: Ein verwirrter, doch tatkräftiger Mob ist eine wertvolle Ressource für alle möglichen Ziele. Da gibt es Isnoguds, die Kalif werden wollen anstelle des Kalifen, Fürsten, die ihre Macht ausbauen wollen, all die Trumps und Putins, Zwinglis, Müntzers, Krämers und Savonarolas. Und die Bauern scharen sich um Rädelsführer, die Stärksten, die gerade zufällig zur Hand sind. Dementsprechend wirkt die AfD eher wie ein Aufstand des Kleinadels als der Bauern. Und ein solcher Mob will sich ja auch kein blaues Auge holen, wenn er plündert, dann zunächst die Schwächsten. Sein ganzer Aufruhr ist ein Friedensangebot an die Mächtigen: Führt uns zum Beutezug, lasst uns die Schwächeren fressen, die Außenseiter, die Bettler, die Fremden, wenn wir satt sind, sind wir wieder brave, tumbe Sklaven. Doch wenn wir die Pappkartons unter den Brücken, die Synagogen und Moscheen und armen Länder nicht kriegen, wagen wir uns an die Paläste. Und die Mächtigen hören und sind nicht abgeneigt, also suchen sie nach Wegen, den Isnoguds auszuschließen und die Bauernaufstände zu kapern. Wieder ein Sachzwang: Eine Demokratie voller Möchtegern-Räuber wählt Möchtegern-Räuberhauptleute, und wer nicht abgewählt werden will, muss zum Möchtegern-Räuberhauptmann mutieren.

    Auf der politischen und medialen Bühne haben wir also die Bauer-Ritter-Gottesurteile, bei der ein Bauchgefühl, das eine objektive Wahrheit vermittelt, mit lauter wirren Halbwahrheiten und Lügen gerechtfertigt wird. Auf der anderen Seite Experten, die den Holzhammer, der sich von unten zu ihnen hocharbeitet, mit Statistiken, Zahlen, Theorien und Fakten widerlegen wollen, die sich zu immer wirreren Theorien verbinden, warum der Holzhammer nur ein Hirngespinst ist. Gefühl gegen Verstand, Traum gegen Rationalisierung – kommt in den besten Köpfen vor. Doch nach unseren Wertvorstellungen, nach unseren Maßstäben, sind die Intellektuellen die Ritter, die Hohepriester, die Schriftdeuter und Auguren, die die Schlacht bestimmen.

    Oder Poser, die sich für Intellektuelle halten. Ich wurde schon so oft mit einem verwechselt, hat man da Töne? Manchmal nenne ich mich selbst so, denn es ist einfacher, in eine zugewiesene Rolle zu schlüpfen, als mit den Leuten eine neue auszuhandeln, was auch völlig überflüssig ist. Ich und meine Rolle sind bedeutungslos, die interessante Frage ist nur, wie viel Wahrheit in dem steckt, was ich so von mir gebe, und das kann nur durch einen Abgleich mit dem geschehen, was Andere wahr- und annehmen.

    Blöderweise gibt’s auch Intellektuelle, die die Seiten wechseln. Wenn jetzt nicht nur die Katholiken, sondern auch die Lutheraner Karrierechancen anbieten, ist ja egal, für welche Seite man Märchen erfindet. Und dabei unterscheidet man nicht zwischen Wahrheit und Lüge – für die Ursuppe im Bottich gibt es nur Meme, die DNA der Geister, die nur in unseren Köpfen leben kann. Jeder sucht eine billige Ausrede, um das tun zu können, was ihm gerade in den Kram passt, was ihm nützt und Schaden auf Andere abwälzt und die Geisteswelten, Weltbilder, formen sich um Interessengruppen.

    Man sieht’s auch im Netz: Wenn man den Bauern zuhören will, findet man schnell raus, dass es gar nicht geht, weil sie hirnloses, pöbelndes Pack sind, das seine Probleme durch Kneipenschlägereien auszudiskutieren pflegt. Also werden die Zugbrücken hochgeklappt, jedes Forum wird zum Salon der feinen Gesellschaft mit Moderatoren-Zerberus und Ausweiskontrolle. Der Pöbel darf auf den Straßen bellen, die Intelligenzija verzieht sich auf die Bäume und faucht voller Verachtung. Doch dadurch verarmen auch die Debatten der Eliten, wer auch nur Verständnis für die Bauernaufstände zeigt, läuft Gefahr, mit dem Pöbel gleichgesetzt zu werden, sodass ihm keiner zuhört. Eine für beide Seiten genauso bequeme wie dumme Lösung – beide dürfen sich eigene Autisten-Milieus schaffen, in denen nur ihre Wahrheit gilt, und sie dann durch Mem-Inzucht und Realitätsverlust ins Extreme und Radikale treiben, in den Sektenwahn hinein.

    Früher hatten wir Deutschland einig Fressmaschine, wir füllten unsere Mägen durch Kooperation, die soziale Marktwirtschaft hatte genug zum Umverteilen, dass selbst die Ärmsten durchgefüttert und so gewaltfrei ruhiggestellt werden konnten. Wir konnten alle die gleichen Lügen und Halbwahrheiten glauben, für die gleichen Wahrheiten sehenden Auges blind sein, wir bestätigten uns alle gegenseitig in ein und demselben Verschwörungsmythos, waren Teil ein und derselben weltfremden Sekte, die sich der Wirklichkeit nur so weit unterordnete, dass die sie duldete, ohne sie wie eine Kakerlake zu zerquetschen, was uns den Irrglauben bescherte, unser Sektenwahn wäre die einzige, allein seligmachende Wahrheit. Heute funktioniert das nicht mehr, es entflammen Verteilungskämpfe. Es formen sich neue Lager, jedes mit einem Weltbild, das zu seinen Interessen passt. Gleichzeitig versucht jedes, die ganze Fressmaschine zu kapern. Es brodelt in der Ursuppe, jeder tanzt auf jeder Hochzeit und reitet jeden Zaun, den er nicht selbst errichten kann. Nur die Dogmen sind uns alle heilig, nur an die wagen wir uns nicht heran. Ähnlich wie weder Katholiken noch Lutheraner die Bibel anzweifelten, zweifeln wir das Wirtschaftssystem an.

    Naja, bis auf ein paar Sekten, die selbst kaum glauben, was sie da unken und deswegen selten radikal genug unken oder auch nur einen brauchbaren Gedanken produzieren, was Lösungen angeht, weil sie nicht mal im Traum auf die Idee kämen, jemand könnte ihr Unken ernst nehmen. Ein paar Satanisten und Okkultisten schafft jede Religion, sie werden entweder assimiliert und korrumpiert oder marginalisiert.

    Wir haben also den Sachzwang, Verteilungskämpfe zu überleben. Den daraus resultierenden Sachzwang, die dazu nötigen Fressmaschinen zu schaffen. Was wiederum ein gemeinsames Weltbild erfordert, ein Betriebssystem, bei dem genug Daten als Dogmen festgeschrieben sind, dass man ihm nur die Richtung vorzugeben glaubt, damit alle Zahnrädchen an ihre Stelle flutschen und sich das Ganze in Bewegung setzt, als ein einziger, kollektiver Organismus, der andere Organismen frisst, der alle in seinem Innern satt macht, statt dass sie sich gegenseitig auffressen, jeder mit einem eigenen Magen und den dafür maßgeschneiderten Dogmen – ein solcher Organismus wird durch Hardware- und Software-Konflikte gelähmt, die Kraft erschöpft sich im Innern, statt kanalisiert und nach Außen gelenkt zu werden. Wir waren richtig gute Pflanzenfresser, die Wiese ist abgegrast, jetzt müssen wir richtig gute Kannibalen werden. In der Gesellschaft geht es heiß her, ist bei jeder Mutation so: Etwas schmilzt und verflüssigt sich, dann wird es in eine neue Form gegossen. Im Organismus gibt es vorgegebene Formen, Dogmen und Dinge, die der Hitze widerstehen und das Geschmolzene lenken können, doch für den Organismus als Ganzes bildet die Umwelt die Form.

    Jede Seele, die sich im Bottich Fleisch und Knochen anfressen will, steht unter dem Sachzwang, die Konkurrenz auszuschalten. Ob Demokratie, Diktatur, Religion, ist egal – wer eine Armee will, muss Gleichschritt schaffen. Das ist bei uns nicht anders als in China oder Russland. Wir alle berufen uns auf den Allmächtigen, der unsere Existenz bestimmt, die Realität, doch wir selektieren die Fakten und fügen sie zu Mythen und Legenden zusammen, die dem Allmächtigen hervorragend in den Kram passen: Alles muss sterben, sobald es fertig ist, jeder Babelturm muss einstürzen, sobald er den Himmel berührt, weil er neuen Bauvorhaben und neuen Himmeln im Wege steht, und der innere Konflikt ist ein hervorragender Selbstzerstörungsmechanismus. Wenn wir nicht mehr die Power haben, weiterzubauen, umzubauen, uns anzupassen, hat die Evolution nur noch für unser Aas Verwendung. Um unsere Funktion zu erfüllen, müssen wir in Killer-Gangs zerfallen, Zombie-Horden, die alle ums Überleben kämpfen, um die Chance auf eine neue Welt, gemästet an der Leiche der alten, die sich den Siegern bietet. Dabei ist es egal, wer Recht hat, es geht ja um Vernichtung, nicht ums Aufbauen. Die Sieger werden ja genug Ressourcen haben, die Trümmer der Zivilisation, um sich durch Versuch und Irrtum ein neues Weltbild, ein neues Betriebssystem, zu entwickeln. Wer überlebt, darf wieder leben, bis dahin sind wir eine untote Putzkolonne, verblendet durch Gier, Hass, Verzweiflung, das Irrlicht der Einzigen Wahrheit, das den Fanatiker blendet, sodass er jedem Tal die Finsternis bringt.

    Wir erschaffen, der Erfolg macht uns arrogant, Arroganz macht blöd, wir hören auf zu erschaffen und mehren nur noch. Mehren Erfolge, denen irgendwann die Ressourcen ausgehen und Fehler, die an den Ressourcen groß und mächtig wachsen, immer mehr Ressourcen verschlingen, sie zu unterdrücken und dann groß und mächtig sind, wenn die Ressourcen alle sind. Dann heißt es Tabula Rasa, R.I.P. und da capo. Evolution as usual, auf Erden nichts Neues. Pass dich an, lass dich anpassen oder stirb.

    Wir können uns die Meinungsvielfalt, die alles Dafürhalten, egal wie blöd und weltfremd es ist, gleichermaßen ignoriert, nur leisten, wenn wir die Meute durchfüttern können – ob’s geschieht, weil wir in derselben Fressmaschine am gleichen Strang ziehen, weil wir die gleiche Wirtschaftsreligion umsetzen, und deswegen mehr Ressourcen nützen können, oder weil einfach so viele Ressourcen da sind, dass viele Fressmaschinen satt werden, ist egal. Wenn das Futter ausbleibt, heißt es auch für die Glauben, fressen und gefressen werden. Wir werfen die alten Religionen über Bord, suchen uns neue Führer, die uns neue Wege zeigen, und der Magen entscheidet dann, welcher Weg der Richtige war. Der kürzeste Weg führt halt stets zum Nachbarskühlschrank, doch wer die Kühlrschränke geleert und die Nachbarn verschlungen hat, wird größere Horden brauchen, um die Horden zu verschlingen, die ihre Nachbarn verschlungen haben. Dafür braucht man einen Zombie King, einen Führer, der stark genug ist, die Hungrigen davon abzuhalten, die eigene Horde aufzuessen. Im Innern ist dann Ordnung, Friedhofsruhe und gemeinsamer, zielgerichteter Hunger, der gestillt werden muss, wenn Ordnung, Friedhofsruhe und Führer überleben wollen. Und so eskalieren Nachbarschaftsstreitigkeiten zwischen Besserwissern zu Weltkriegen.

    Mit den beiden Extremen der False Balance – Gleichberechtigung ohne Filterung und Faktencheck einerseits, Filterung und Faktencheck an den Mächtigen genehmen Dogmen statt an Fakten andererseits – müssen wir leben. Die Wahrheit zu finden, bleibt eine Suche – ein aktiver, mühsamer Prozess, bei dem die Hürden so schnell entstehen, wie sie überwunden werden. Die Lösung besteht darin, auf eine Lösung zu verzichten und immer und immer wieder weiter zu suchen. Es gibt keine Systeme, die uns das ersparen könnten, alles, was wir zur Vereinfachung erschaffen, wird blitzschnell korrumpiert – auch unbewusst von uns selbst. Da können auch Religionen nur Motels sein auf einem unendlich langen Highway – man braucht sie, um Sicherheit und Ruhe zu finden, doch sobald man es sich dort zu bequem macht, hat man das Ziel verpasst. Wir klettern durchs Scheitern und fallen durch Erfolg, der kann nur eine Sprosse sein, auf der man übernachtet.

    Zehnten-Countdown predigt Leibern, jedem seinen eig’nen Glaub’n
    Herrgott heiligt noch’s Knecht-Fressen, Knechtgott stärkt schon Speis’ aus Staub
    Kontostandes Dünkelweise les’n im Zinssatz: Pöbel irrt:
    Wirre lock’n vom Wahren Wege, der grad’ ins Herrenmaul führt

    … Und so weiter. Apocalypse as usual. Was ist schon Besonderes am Tod? Interessant wäre nur, ihn zu überleben. Und Überleben hat zurzeit mehr mit Erben zu tun als mit Atmen. Wie erkenne ich einen Embryo, wenn sich jeder Tumor für einen Embryo hält? Wie bewahre ich den Lebenskeim im Toben des faulen Fleisches? Am Ende aller Zeiten schließen sich Menschen in Sekten ein, manche vergraben und verbarrikadieren sich, andere plündern und morden. Aber das war noch vor dem Internet, das die Sekten der ganzen Welt verbinden konnte, auch wenn sie sich rein körperlich verstecken mussten. Dieser Weltuntergang ist größer als alle anderen zuvor, aber auch die Regeln sind nicht ganz die gleichen. Ein paar der Strukturen, die aus dem Chaos biologische Organismen schaffen, haben inzwischen auch die kollektiven und globalen wiederentdeckt. Ob wir sie diesmal sinnvoll nützen, oder erst beim nächsten Weltuntergang, ist der Evolution egal. Die Lektion wird wiederholt, bis sie gelernt wurde. Die Wahrheit sucht uns. Wir verlernen nur langsam, uns vor ihr zu verstecken.

    • Danke, @Paul S. Einer Problematisierung von False Balance mit dem langen Mansplaining nur der eigenen, vermeintlich enthüllenden Wahrheit zu „begegnen“ – das ist unbezahlbare Performance des Themas. Sie bereichern diesen Blog, fürwahr.

      Umso mehr ich weiß, umso weniger glaube ich, dass sich Wahrheit verkünden lässt. Sie lässt sich nur ertasten.

  11. @Michael Blume

    Ich muss das mal loswerden: stellvertretend für ihre ‘Branche’,Hut ab für ihr standing und ihre Beiträge!
    Ich komme nicht aus Ihrer Ecke,verstehe dank Ihnen aber gesellschaftliche Prozesse immer besser!
    Go in!

    • Vielen Dank, @Mussi – diese Rückmeldung ermutigt mich sehr!

      Auch eine Pfarrerin, die diesen Blogpost zunächst für „übertrieben“ hielt, hat ihn heute empfohlen. Argumente sind nicht so stark, wie wir hofften, aber offensichtlich auch nicht völlig wirkungslos.

  12. Kommentar vom 07.04.2022 00:47
    https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/das-false-balance-problem-der-deutsch-evangelischen-friedensethik/

    @Michael 06.04. 00:36

    „Sie verzichtete darauf, weil ihr u.a. Russland im Budapester Memorandum von 1994 Sicherheit vertraglich zusagte“

    Die Geschehnisse von 2014 waren ja nun tatsächlich ein Aufstand gegen einen vernünftig gewählten Präsidenten, auch wenn der nach Osten hin orientiert war. Und erst nachdem der so zur Macht gekommene westlich orientierte Präsident Russisch als 2. Amtssprache abgeschafft hatte, war wohl bei Putin das Maß voll.

    „Wer sich vor Tyrannen fürchtet und ihren Zusagen vertraut, macht sie immer stärker.“

    Das Budapester Memorandum wurde auch nicht von Putin gemacht, und ist nebenbei inzwischen 28 Jahre alt. Insofern haben Sie natürlich recht, dass ein Versprechen eines Despoten erfahrungsgemäß nicht viel wert ist. Aber auch Demokratien können ihre Meinung ändern, und Vereinbarungen für hinfällig erklären.

    „Wenn Sie – berechtigte – Sorge vor einem Atomkrieg haben, dann sollten auch Sie keine weitere Schwäche gegenüber Putin zeigen.“

    Ich glaube das Wichtigste hierbei ist Berechenbarkeit. Wenn wir entschlossen sind, unser Nato-Vertragsgebiet zunächst mit allen konventionellen Mitteln zu verteidigen, und einen Atomwaffeneinsatz mit gleicher Münze zurückzahlen, dann wird sich auch Putin davor vorsehen. Aber wenn wir doch noch militärisch in diesen Konflikt eingreifen wollten, dann hätten wir das vorher auch so androhen müssen. So eine Wende wäre eine Eskalation, die darauf schließen lässt, dass wir genau solch eine Eskalation von Anfang an gesucht haben.

    Es ist schon schwierig genug, wenn Putin unberechenbar ist. Wenn wir das auch noch sind, wird alles noch viel schwieriger. Und wir sind auch eigentlich ganz deutlich in einer Position der Stärke, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch. Wir müssen keine Risiken eingehen, und können uns problemlos verteidigen, ob jetzt im Baltikum, in Rumänien oder der Türkei.

    Und wenn wir entschlossen ankündigen, dass wir Finnland auch wie ein Natomitglied verteidigen würden, dann wird das wohl genügen, dass Putin dort nichts versucht. Und wenn doch, dann wird er gegen unserem Widerstand dort auch nicht viel ausrichten können. Und wenn er 5 taktische Atomwaffen einsetzt, dann kommen von uns 5 zurück. Und wenn das nicht reicht, dann geht es eben nicht.

    Dass Selenskyj fast täglich einen 3. Weltkrieg fordert, spricht nicht für ihn. Seit 2014 waren 7 Jahre Zeit für einen Beitritt zur Nato, das ist nicht passiert, warum auch immer. Und so ist die Nato eben definitiv nicht verpflichtet, hier Kriegspartei zu werden.

    • @Tobias Jeckenburger (Zitat): „ Aber wenn wir doch noch militärisch in diesen Konflikt eingreifen wollten, dann hätten wir das vorher auch so androhen müssen.
      Das will doch weder die Nato noch Joe Biden. Etwas aber will sogar die deutsche Regierung: Verhindern, dass Russland den Krieg in der Ukraine gewinnt. Darum werden Waffen geliefert und zunehmend offensivere und schwerere Waffen. Warum darf Russland nicht gewinnen?
      1) wegen dem Schicksal, das den Ukrainern nach der Besetzung durch Russland droht, nämlich die Auslöschung als Nation und eine fortgesetzte Unterdrückung.
      2) Weil Russland nach einem Sieg in der Ukraine gefährlich bliebe für weitere osteuropäische Staaten.

  13. @Tobias im Prinzip sind wir doch schon im 3. Weltkrieg, nur dass dieser bisher asymmetrisch geführt wird. “Der Westen” versucht halt den heissen Krieg von Putin mit einem Handelskrieg zu begegnen, um noch schlimmeres zu vermeiden.

    Selenskyj will vor allem seine Bevölkerung schützen und sieht ein Flugverbot etc. für sein Land dafür als hilfreich an. Ob Putin in diesem Fall seine kriegerischen Aktionen wirklich auf ganz Europa ausdehnen und ggf. auch Atomwafen einsetzen würde ist vor alllem erstmal eine Sorge und alles andere als sicher. Diese Sorge beruht vor allem auf der Angst vor einem (scheinbar?) unberechenbaren Putin.
    Das kann genauso eine Fehleinschätzung sein, wie unser “Freund im Osten” in den Jahrzehnten davor.

    So gesehen fordert Selenskyi keinen 3. (heissen) Weltkrieg, auch nicht wenn das wiederholt behauptet wird.
    Die Ukraine hat heute natürlich weniger zu verlieren als Deutschland und Verbündete, daher haben Nato Staaten eine andere Sicht als er und verweigern bisher entsprechende Massnahmen.

    Aber Selenskyi zu unterstellen, er wolle den 3. Weltkrieg, halte ich für unredlich. Angenommen Putin vernichtet die Ukraine, woher wissen wir, dass er dann aufhört? Falls er Erfolg hat, d.h. nicht gestoppt wird, kommt der der 3. Weltkrieg u.U. früher oder später und das liegt nicht an der Ukraine oder ihrem Präsidenten, sondern an der Aggression von Putin und vielleicht auch am Zögern der Nato oder Europas.

  14. Das springt ins Auge :

    Das bedeutet: Weil Medien nur in Demokratien gehalten waren, “kritisch” zu berichten, entstand ein antiwestlicher und antiwissenschaftlicher Relativismus. [Artikeltext]

    Dr. Webbaer erinnert sich wenig gerne auch an die “Kirche im Sozialismus”, an den ‘Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR’, die Katholische Kirche hat so nicht mitgemacht, vergleiche :
    -> https://de.wikipedia.org/wiki/Christen_und_Kirchen_in_der_DDR#Katholische_Kirche

    Zudem hielt sich längere Zeit auch noch die Theorie vom “gerechten Krieg”, zur Katholischen Kirche kann auch so zitiert werden :

    Die westdeutsche katholische Bischofskonferenz rechtfertigte erneut das atomare Gleichgewicht, ohne Strategien des begrenzten Atomkriegs zu berücksichtigen, und verurteilte die Pazifisten als die, die diese Sicherheit aus ideologischen Motiven gefährdeten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer (der als Humanist abär keine militärischen Einsätze mag, auch beim “Schwarz-Weiß-Denken” sehr vorsichtig ist, es muss abär nicht immer falsch sein, wenn bspw. auf den “Führer” geschaut wird, dies nur ein Beispiel)

    • Kleines ps noch :

      Dr. Webbaer macht sich allmählich ernsthafte Sorgen, dass dieser Krieg eskalieren könnte, nicht lokal begrenzt bleibt, will natürlich nicht zu jammern, zu jaulen gar anfangen, sorgt sich aber fast täglich mehr; er steht so nicht alleine da, oder?
      Eine zeitnahe Verhandlungslösung scheint möglich?

  15. @Paul S 06.04. 14:18

    „Ob wir sie diesmal sinnvoll nützen, oder erst beim nächsten Weltuntergang, ist der Evolution egal. Die Lektion wird wiederholt, bis sie gelernt wurde. Die Wahrheit sucht uns. Wir verlernen nur langsam, uns vor ihr zu verstecken.“

    Wer ist denn die Evolution? Das ist offenbar kein Akteur. Geisteswelten könnten hingegen auch Mitakteure sein. Und in ihrem Sinne auch in der Evolution der Kultur sinnvoll mitmischen. Die biologische Evolution im engeren Sinne findet sowieso kaum statt, biologisch sind wir längst ausgewachsen, und hier feilt die Evolution nur noch an gesundheitlichen Details, und wohl auch an der Lust, Kinder zu haben.

    Die Evolution der Kultur ist keine biologische. Hier besteht das Spannungsfeld wohl eher zwischen wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe auf der einen Seite und den wirklichen Überzeugungen auf der anderen Seite. Wie sich hier inmitten einer digital beschleunigten Kommunikation die Dinge entwickeln, darauf kommt es wirklich an.

    Hier sind vielfältige Meme durchaus im Zusammenspiel mit persönlichen Geisteswelten dabei, sich zu entwickeln. Unguten Einfluss haben immerhin digitale Konzerne, und in einigen Ländern auch autokratische Regierungen. Der Rest ist allerdings tatsächlich auch ein freies Spiel wahrhaftiger Auseinandersetzungen.

    Es geht uns auch nicht das Fressen aus. Wir sind sogar in der Tat dabei, dass sich immer mehr Menschen vernünftig ernähren können. Die derzeit kurzfristig erhöhten Weltmarktpreise werden auch zügig dazu beitragen, dass sich die Weltproduktion erhöht. Nicht nur durch keine Nutzung von Erträgen als Energiepflanzen, auch gibt es noch reichlich Flächen vor allem in Afrika, an denen ein intensiverer Anbau möglich ist. Und es kann sehr viel weniger weggeworfen werden. Und wenn weniger Fleisch ein Trend bleibt, wird das auch dazu beitragen, dass es genug zu essen gibt. Insektenzucht und Bakterienkulturen sind zusätzliches Potential für mehr Produktion.

    Dass es so viele Menschen gibt, die hungern, liegt nicht an einem nicht ausreichendem Potential für landwirtschaftliche Erträge, das hat rein finanzielle Ursachen.

    Und genau hier liegen die eigentlichen Probleme. Hier steht meistens ein mangelnder Gemeinsinn einer aus dem Ruder gelaufene Leistungsorientierung gegenüber. Der Kapitalismus kann weiter produktiv sein, wenn er mittelfristig in noch armen Ländern investiert, und er kann entschärft werden, wenn Vermögens- und Erbschaftsteuern es ermöglichen, dass die Weltwirtschaft langfristig nicht mehr wachsen muss.

    Das führt dann nur zu einem gewissen Mangel an erforderlicher Arbeitszeit. Hier kommt dann das Unwesen einer überschießenden Leistungsorientierung zum Tragen. Und ich denke, dass es den Menschen letztlich sogar entgegen kommt, wenn sie nur noch 30 Stunden die Woche arbeiten müssen, und auch alles an Wohlstand haben, das Sinn macht. Man hätte dann sogar wieder Zeit, normal Kinder zu bekommen.

    Nur die Gier nach immer mehr Umsatz und Besitz muss aufgegeben werden. Ein gegenseitiges Auffressen ist wohl nicht zwingend erforderlich.

    Einer zu erwartenden Erhöhung des Lebensstandards in vielen armen Ländern steht ein nicht unerhebliches Potential für ein Aufgeben von Verschwendung bei uns entgegen. Zusammengenommen werden dann auch die Rohstoffressourcen ausreichen, um eine durchgreifenden Energiewende in maximal 30 bis 40 Jahren hinzubekommen.

    Wenn wir wie die Verrückten anfangen, um die militärische Vorherrschaft zu kämpfen, dann wird es länger dauern. Aber gerade Angesichts der Realität von Atomwaffen in Russland und China wird das atomare Patt weiterbestehen, es wäre vollkommen nutzlos, noch mehr in Rüstung zu investieren. Hier wäre sogar weniger Rüstung drin, nicht bei uns, aber in den USA. Wir müssen Russland und China respektieren, das Atomwaffenpotential bleibt, egal wie viel wir für unser Militär ausgeben. Wenn wir uns gegen konventionelle Angriffe hinreichend verteidigen können, haben wir schon alles erreicht, was überhaupt sinnvoll möglich ist. Das atomare Patt schützt uns ja auch.

    Auf eine zivile und geistige Auseinandersetzung dagegen wird es wohl eher ankommen. Erfolgreich gelebte Vernunft dürfte ansteckend sein, hoffe ich zumindest.

  16. Lieber Michael Blume, meinen herzlichsten Dank für Ihren aktuellen Beitrag über “Das False-Balance-Problem der deutsch-evangelischen Friedensethik”. Ihre Zeilen habe ich heute nur durch reinen Zufall (?) gefunden und mit großem Interesse gelesen. Ihren Ausführungen kann ich voll und ganz zustimmen. Sie haben mir quasi aus dem Herzen gesprochen. Insbesondere zum Verhalten des Moskauer Patriarchen Kyrill I. haben Sie alles so geschrieben, wie es nunmal ist. Und Wahrheit muss doch Wahrheit bleiben! Dann endeckte ich noch Ihre Zitat-Kachel # 184: “Wenn wir mit der Wahrheit konfrontiert werden, dann . . . . – Und DAS ist das Trages des Kreuzes – das zu ertragen. . . . ! Ja, es ist ja sooo wahr: “Denn Wahrheiten zu ertragen bedeutet, den Schmerz zu ertragen!”
    Lieber Herr Blume, bitte machen Sie weiter so! Ich werde ab jetzt öfter mal bei Ihnen “reingucken”. Es tut gut und ermutigt wenn man sieht, dass es doch (noch) Christen gibt, die sich nicht scheuen vor klaren Worten, die keine Angst davor haben, die Wahrheit hochzuhalten, und den Schmerz ertragen. Alle Ehre und Dank dafür sei Gott allein!

    • Zur evangelischen Friedensethik
      1. Ich darf auf Luthers Schrift verweisen: “Ob Kriegsleute auch seligen Standes sein können”. Da aber die Zwei-Reiche_Lehre nicht mehr Mode ist, wurde sie vernachlässigt
      2. Zum Begriff “Wahrheit”: Was ist Wahrheit? a) die Unverborgenheit ἀλήθεια der Antike oder b) die Wahrheit ist die Übereinstimmung von erkennendem Verstand und Sache (Korrespondenztheorie) weitere Defintionen hier https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheit?msclkid=715c013bb6ab11ecb5db1cde3ca590f4( Von einer Psychiaterin hörte ich einmal die Aussage, wer die antike Auffassung verträte, sei schon psychisch krank)
      3. Die Friedensethik der Täufer (Mennoniten, Amishe ect.) wurde hier noch gar nicht angesprochen. So viel in Kürze .

  17. @einer 07.04. 08:34

    „im Prinzip sind wir doch schon im 3. Weltkrieg, nur dass dieser bisher asymmetrisch geführt wird.“

    Das Ausmaß der Gewalttätigkeiten ist kein Weltkrieg, und unsere Sanktionsmaßnahmen sind auch nicht die Welt. Indien und China stehen als Ersatzhandelspartner zur Verfügung. Wir verlieren mit Recht die Lust, mit Russland Handel zu treiben, das würde ich nicht mal Krieg nennen.

    „Aber Selenskyi zu unterstellen, er wolle den 3. Weltkrieg, halte ich für unredlich.“

    Mir kommt seine Forderung nach einer Flugverbotszone nach einem Auftakt für den tatsächlichen Weltkrieg vor.

    „Angenommen Putin vernichtet die Ukraine, woher wissen wir, dass er dann aufhört?“

    Ja wie stark ist Putins Militär denn tatsächlich? Wenn er nicht mal die ganze Ukraine schafft, dann brauchen wir uns hier in der Tat überhaupt keine weiteren Sorgen machen. Wenn er bei einem theoretischem Angriff auf Nato-Territorium auf die ganz Streitmacht der Nato trifft, wird er wohl keinen Meter weit kommen. Da mach ich mir jetzt überhaupt keine Sorgen. Wenn er wahnsinnig wäre, und versucht mit taktischen Atomwaffen vorwärts zu kommen, wäre das ein Problem. Aber wahnsinnig ist er wohl nicht, und wenn doch, dann hilft hier sowieso nichts.

    Wir sind in jedem Fall in der komfortablen Lage abzuwarten, ob Putin tatsächlich noch die Nato angreifen will. Wir sind eben sowieso entsprechend gerüstet. Es wäre eventuell auch eine Option gewesen, die Ukraine noch vor dieser Invasion unter Nato-Schutz zu stellen. Die Gelegenheit ist aber abgelaufen. Wir haben ganz klar signalisiert, dass wir nicht mit eigenen Kräften eingreifen werden, und dabei sollten wir nun auch bleiben. Wenn wir uns auch noch als völlig unberechenbar erweisen, dann gewinnen wir damit keine Sicherheit.

    @Holzherr 07.04. 05:56

    „wegen dem Schicksal, das den Ukrainern nach der Besetzung durch Russland droht, nämlich die Auslöschung als Nation und eine fortgesetzte Unterdrückung.“

    Optimal wäre sicherlich, wenn Russland seine Ziele gar nicht erreicht. Aber nicht zu jedem Preis. Eine Eskalation bis zum 3.Weltkrieg zu verhindern geht wirklich vor. Es wird den Ukrainern vermutlich nicht viel anders ergehen wie den Weißrussen, den Kasachen wie den Russen selbst. In Freiheit leben die alle nicht.

    Immerhin haben wir die Deutsche Einheit bekommen, und das Baltikum, Polen, Rumänien und Bulgarien in Sicherheit gebracht. Und das ohne einen Schuss abzugeben. Das geht auch auf das Konto der ehemalige Sowjetunion, die ihren Zusammenbruch ohne jede Schießerei hinbekommen hat. Das rechne ich denen immer noch hoch an.

    • Einmal scheiternde Verhandlungen, vgl. bspw. hiermit :
      -> https://www.n-tv.de/politik/Selenskyj-warnt-vor-drittem-Weltkrieg-article23210157.html (‘Aber leider schützt unsere Würde kein Leben. Deshalb denke ich, dass wir jedes Format, jede Gelegenheit für Verhandlungen, für Gespräche mit Putin nutzen müssen. Aber wenn diese Versuche scheitern, dann würde das bedeuten, dass dies ein dritter Weltkrieg ist.’)
      … dürfen keinen sog. Weltkrieg bedeuten.
      Auch bei mehrfach scheiternden Verhandlungsversuchen zwischen der Ukraine und Russland hätte es Dr. Webbaer lieber, wenn so kein Dritter Weltkrieg entstünde.
      Sicher, es mag da Gerede, Propaganda vorliegen, vgl. vielleicht an dieser Stelle auch mit dem Gerede von Fidel Castro seinerzeit, der in der Kubakrise 1962 (es gab auch die vergleichbare Berlin-Krise 1958) anbot Kuba zu opfern, gemeint war angreifenden Nuklearwaffen preis zu geben, um sog. Weltrevolution zu schützen bzw. weiter auszubauen.

      Weltkriegsgerede finden einige schon extra uncool.
      Die Einrichtung sog. Flugverbotszonen über der Ukraine sollte aus diesseitiger Sicht wegen ihrer Konsequenzen nicht weiter gedacht werden.

      Ansonsten, Kommentatorenfreund Tobias Jeckenburger, bleibt natürlich ganz zuvörderst die Verhandlungslösung im Visier zu behalten.

      Mit freundlichen Grüßen
      Dr. Webbaer

      PS:
      Gewisse ‘Schießereien” sind jedenfalls in Rumänien vorgekommen, die SU hatte sich in Russland zurückzuverwandeln, mehr war nicht los.
      Sie war auch 1989 schön schwach sozusagen, sie hat wohl heute in (sozusagen erneuter) Russland-Form an Stärke hinzugewonnen, auch dank Energie-Politik und Leutz wie Gerhard Schröder, denkbarerweise hätte auch Angela hier ein wenig weiser sein können, doch gilt es stets realpolitisch der liberalen Demokratie gegnerische Mächte einzuhegen, wie einige finden, am besten : wenig konfrontativ, dem Interventionismus, das Fachwort an dieser Stelle, abhold.

  18. Tobias Jeckenburger
    über die Entschlossenheit der NATO

    Die NATO, das ist die USA. Vergessen wir nicht, Biden ist 80 Jahre alt und DD steht in den Startlöchern.
    Und wie/ob sich DD mit Putin einigen wird, das ist vollkommen offen.

    Das Geschrei wird noch weiter gehen. Schon mal aufgefallen, die täglichen Nachrichten beginnen nicht mehr mit dem Ukraine -Krieg. Sollte einem zu denken geben.

    Wir können nur auf die Volksweisheit vertrauen; Nicht wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

  19. Jetzt einmal ausführlicher
    Die EKD hat sich – übrigens gegen den Rat von Jürgen Moltmann – unter dem Einfluss von Kässmann (“Nichts ist gut in Afghanistan”) für einen blinden Pazifismus entschieden, den sie mit der Begrpredigt begründet haben will.
    Deshalb lehnte sie auch die Lehre vom “Gerechten Krieg”, eine sehr praxistaugliche Kasuistik (Darstellung hier https://de.wikipedia.org/wiki/Gerechter_Krieg) ab, aber auch die Deutung von F. Crüsemann “Frieden durch Recht”. Crüsemann sieht die Bergpredigt an den Rechtsstaat gebunden. Gibt es keinen Rechtsstaat (mehr) gilt auch die Bergpredigt nicht mehr. Anders sieht es z.B. Luz. https://www.bibelwerk.ch/upload/20191029120007.pdf
    Man muss nun verstehen, dass ein großer Teil der Verantwortlichen in der EKD aus der Friedensbewegung (in Ost- und Westdeutschland) stammt. Sie glauben, den Frieden nur mit Gebeten bewirken zu können. Dafür sprach bislang die Erfahrung der friedlichen Revolution in der DDR. Gegen diese Positionen hat sich der frühere Bundeskanzler Schmidt ausgesprochen, wenn er sagte, dass man mit der Bergpredigt keine Politik machen könne.
    Die differenzierteren Positionen, die sich auch auf Bonhoeffer bezogen, konnten sich nicht durchsetzen. (Wobei Bonhoeffer – das ist aber nicht seine Schuld – schwierig zu interpretieren ist).
    Ausserdem sollte man die beißende Kritik Nietzsches an der evangelischen Kirche Ernst nehmen. Ich habe ja den Verdacht, dass Nietzsche oft, wenn er “Juden” sagt, eigentlich Protestanten meint, die sich i.S. einer Ablösungstheologie als “wahres Israel”, “wahres Judentum” verstehen. (Müsste man einmal prüfen)
    Als letztes muss man auch sehen, die Russlanddeutschen sind treue Kirchgänger, die man sich nicht verprellen will, und die auch nicht zu solchen Predigern wie Tscharntke in Riedlingen abwandern sollen. (Zur Dokumentation hier der link https://www.youtube.com/watch?v=nBPmJF_ma6o)

  20. Joachim Fischer,
    unter Wölfen, so ließe sich die Situation in Europa beschreiben. Und wenn man die Städte anschaut, die meisten haben /hatten eine Stadtmauer.
    Mit dem Vertrauen auf Gewaltlosigkeit konnte man im Mittelalter keine Politik machen.
    Heute ist die Situation ähnlich, wir drohen mit der NATO. Das ist unsere “Stadtmauer”.

    Die Kirche steckt in einem Dilemma, wenn sie die christliche Botschaft ernst nehmen würde. Sie tat es nicht und sie tut es nicht.

    Man kann ihr keinen Vorwurf machen, Christen sind keine besseren Menschen.

  21. Einer schrieb am
    06.04.2022, 07:36 Uhr
    @hwied
    Du sollst nicht töten, dies als Mahnung für alle.
    In der Bibel steht eher “du sollst nicht morden.” und das ist nicht dasselbe.
    Kommentar:
    Diese Formulierung finde ich in der konkordanten Übersetzung (Konkordanter Verlag).
    In der gleichen Bibel steht auch: Und Kain erschlug seinen Bruder Abel.
    Ein Stück weiter:
    Mose schaute um sich, ob jemand es sehen würde, und erschlug den Ägypter.
    Kain sollte bei Totschlag 7-fach gerächt werden und Mose führte 40 Jahre das Volk Israel
    (Juden) durch die Wüste in das dem Abraham verheißene Land.
    Misst der Schöpfer mit zweierlei Maß?
    Man beachte den Übergang von AT zu NT, das eine erklärt das andere.
    Noch lebt die Menschheit in den Zeiträumen: Gewissen- Gesetz- Gnaden-,
    ergänzt mit dem Zusatz: -losigkeit.
    Herr Blume bemüht sich verdient um die Reduzierung des Antisemitismus – zu Recht,
    ist aber enttäuscht über das Verhalten der inzwischen degenerierten Volkskirchen.
    Die Institutionen sind z. Teil verstrickt im Gender-Wahn, segnen von Waffen und Trauen
    von Gleichgeschlechtlichen – nicht mit dem NT vereinbar.
    Selbst einige Theologen halten die Bibel für ein Märchenbuch, kein Wunder, wenn
    Kinder und Jugendliche keine Beziehung zur Bibel haben.
    Zum Glück gibt es noch s. g. dumme Schafe, die ihrem Hirten „Jesus Christus“ folgen.
    Diese halten sich an Seine Weisungen:
    „Du sollst Gott (deinen Schöpfer) lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten,
    wie dich selbst.“ Sie gehören auch zu denen, die wie die Bibel sagt:
    Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! (Jesus)
    Das bedeutet, dass Jesus Christus schon sehr bald die Weltherrschaft (nach dem Antichristen)
    übernehmen wird. So steht es in der Bibel.
    Materiell Gesinnte wehren sich dagegen, morden und töten weiter, artikulieren sich
    teils unbewusst antisemitisch, weil der Mensch Jesus „Sohn Gottes“ aus dem Stamm Juda
    (Jude) kommt.
    Aus dem gleichen Grunde möchte der Iran den Staat Israel von der Landkarte löschen.
    Vermutlich wird es schon sehr bald eine atomare Attacke geben.
    M. f. G.

    • @W. Bülten
      Bitte definieren Sie “gender-Wahn” und degenerierte Kirchen ? Ist das nicht seit der Existenz des Christentums (wenn nicht schon vorher) immer das Problem, dass das “Volk Gottes” nicht mehr als Nomaden in der Wüste lebt. (Auch Putin behauptet, die Dekadenz des Westens überwinden zu wollen und Europa zur Aufgabe des Nominalismus bewegen zu wollen- ich glaube ihm das allerdings nicht)
      Warum können Sie nicht zugeben, dass in der Bibel verschiedene Sichtweisen nebeneinandergestellt sind zur kritischen Diskussion?
      Im Hintergrund steht bei Ihnen- habe ich den Eindruck- Augustins verquere Erbsündenlehre: “Durch den Biss in den Apfel haben wir uns einen Gendefekt zugezogen, der uns immer zwingt zu sündigen, für den wir aber voll zurechnungsfähig sind.”
      Zum Märchenbuch: natürlich bedient sich die Bibel der Märchenform, Bsp. Gen 3 die sprechende Schlange . Kinder nehmen alle Geschichten wie Märchen wahr. Märchen drücken – wie die besten Erzählungen (von denen sehr viele in der Bibel stehen!) – grundlegende menschliche Erfahrungen aus.
      Noch etwas – ganz biblizistisch formuliert. Nirgendwo in der Bibel steht: “dies ist mein liebes Buch, das sollt ihr glauben.” Das Wort Gottes (gr. Logos; hebr/ arab. amar) ist alleine Jesus Christus nach dem NT.
      Und zum Unterschied AT /NT: wie viele konservative Christen hängen Sie anscheinend- ohne es zu ahnen- der marcionitischen Ketzerei an: der böse Gott des AT und der gute des NT.
      Zur Homosexualität: haben Sie einmal bei S. Zimmer nachgeschaut https://www.youtube.com/watch?v=VLf-umCdAkg (Um Mißverständnisse auszuschließen – ich bin übrigens heterosexuell. Das muß man ja leider bei solchen Diskussionen dazu sagen:)

      • Sehr geehrter Herr Fischer, vielen Dank für Ihre umfangreiche Antwort.
        Der Grund meines Kommentars war vorwiegend eine Reaktion auf ein Twitter-Zitat von Herrn Blume:
        “Leide gerade sehr am organisierten Christentum. Patriarch Kyrill I. von Moskau legitimiert Genozid, der Papst wagt kaum Reformen und “meine” EKD macht auf Kosten der Ukraine mal wieder den Bückling vor Diktatoren, heute Putin. Soll das Kirche sein?”
        =
        Bei den genannten Erscheinungen handelt es sich doch wohl um bekannte Fakten, die nicht näher durch überflüssige Diskussionen erklärt werden müssen. Frage, wie kommt es, dass die Volkskirchen nicht glaubwürdig auftreten können?
        a) Der säkuläre Staat erhebt für die Kirchen die Kirchensteuer, damit ist eine gewisse Abhängigkeit verbunden.
        b) Als Säugling besprenkelt bzw. getauft wird man automatisch Mitglied einer kirchlichen Institution und damit automatisch Christ.
        Wenn Jesus Christus (Mitschöpfer) als Mensch sagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater“, dann meint er den über der materillen Welt stehenden Schöpfer-Gott, der möchte, dass der Mensch (zum eigenen Schutz) wieder zu Ihm kommt, eine Kehrtwendung (Sinnesänderung) vollzieht.
        Diese Tatsache wird von den Volkskirchen nur selten vermittelt, es geht vielmehr um materielles Wohlergehen, humanitäre Bedürfnisse u. a.
        Offensichtlich ist der Schöpfer nicht damit einverstanden und lässt den Dingen seinen Lauf.
        Was dabei herauskommt kann man im Matthäus-Evangelium, Kap. 24 nachlesen.
        Ihnen alles Gute – W. B.

        • Sehr geehrter Herr Bülten,

          in den USA gibt es keine Kirchensteuer und keinen staatlichen Religionsunterricht. Und wer könnte behaupten, dies führe zu einem besseren Zustand des Christentums?

          Und gerade auch die russisch-orthodoxe Kirche wird ja dafür kritisiert, dass sie sich zu wenig “um materielles Wohlergehen, humanitäre Bedürfnisse u.a.” schere. Darüber besonders leicht spotten kann selbstverständlich jede/r, der selbst in wohlhabenden und sicheren Verhältnissen lebt.

          Für sich selbst höhere Erkenntnisse zu beanspruchen und zu verlangen, dass sich andere doch daran halten mögen, ist ein beliebtes Stilmittel. Es hat nur mit ernsthaft vergleichender Religionswissenschaft nichts mehr zu tun. Ob Sie ein ehrliches Interesse aufbringen, auch mal über den eigenen Tellerrand & die eigenen Annahmen hinaus zu sehen, bleibt allein Ihre Entscheidung.

          Mit freundlichen Grüßen, Ihnen frohe Ostern!

          • Sehr geehrter Herr Bülten,
            steuerechtlich ist es ein wenig anders:
            der Staat erhebt die Kirchensteuer als Dienstleistung für die Kirchen und erwirtschaftet (über die 2% der Summe, die er einbehält) einen Deckungsbeitrag, der über seine Kosten hinaus geht. Für die Kirchen wäre es wesentlich teurer, eine eigene Kirchensteuerverwaltung aufzubauen. Somit ist das ein System zum gegenseitigen Nutzen.
            Dies ist die bessere Alternative zum System der Stolgebühren, bei der die Kirche für jede Dienstleistung bezahlt wird. Ich habe das in der orthodoxen Kirche Rumäniens gesehen: eine kirchliche Beerdigung kostet 4-5 Monatseinkommen. Für viele kaum bezahlbar und eine Ursache der Verschuldung.
            Zu “über der materiellen Welt stehend” Sie tragen hier platonisches bzw. neuplatonisches Gedankengut in die hebräische und griechische Bibel ein. Mit der körperbetonten Theologie der Bibel hat das nichts zu tun. Warum gibt es zehn Gebote? Weil wir zehn Finger haben! Gottes Erbarmen (Hebr./ arab rächäm) ist seine Gebärmutter. Paulus kann die Gottesbeziehung als körperliche sexuelle Beziehung beschreiben.
            Zum materiellen Wohlergehen: es geht hier um “social gospel” , urchristlich im Abendmahl verwirklicht und bei der freikirchlichen Heilsarmee “Suppe, Seife, Seelenheil” https://amen-magazin.ch/suppe-seife-seelenheil/
            Nicht zuletzt: Jesus ist leiblich gestorben und leiblich auferstanden
            Ihnen frohe Ostern
            Ihnen frohe Ostern

          • Herzlichen Dank Herr Blume für Ihre freundliche Rückmeldung,
            Zitat:
            Für sich selbst höhere Erkenntnisse zu beanspruchen und zu verlangen, dass sich andere doch daran halten mögen, ist ein beliebtes Stilmittel. Es hat nur mit ernsthaft vergleichender Religionswissenschaft nichts mehr zu tun. Ob Sie ein ehrliches Interesse aufbringen, auch mal über den eigenen Tellerrand & die eigenen Annahmen hinaus zu sehen, bleibt allein Ihre Entscheidung
            =
            Kommentar:
            a) Vor vielen Jahren habe ich mich entschieden, Jesus Christus als meinen persönlichen Herrn und Erlöser anzunehmen. Das war eine freiwillige Entscheidung und so, wie ich meinen Herrn und Schöpfer kennengelernt habe, zwingt er niemanden zur Nachfolge.
            Derjenige, der sich auf dieses Angebot einlässt, lernt Demut und erhebt sich nicht über andere.
            b) Sie sind ein anerkannter Religionsforscher, vergleichen und ziehen daraus bekannte und neue Schlüsse.
            Wenn man die Evangelien liest, geht es Jesus nicht um irgendeine Religion bzw. Weltanschauung, seine Botschaft war u. a. die Ankündigung der künftigen, sichtbaren Weltherrschaft des Schöpfers durch den Sohn Jesus Christus, sowie die Einladung zu einer persönlichen Nachfolge.
            Anhand der Bibel kann man erkennen, dass der Schöpfer für Seine Schöpfung einen konkreten Plan hat. Einzelheiten hierzu habe ich unter: http://www.4-e-inigkeit.info/4-einigkeit/4-e-ues-.htm
            Im Internet veröffentlicht. Inzwischen werden Artikel lt. dem Homepage-Center auf allen Kontinenten gelesen.
            Ihnen und Ihrer Familie wünsche ich ein gesegnetes Auferstehungsfest.

          • Danke, @W. Bülten. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich mich selbst als junger Erwachsener für die Nachfolge Jesu und also die (evangelisch-landeskirchliche) Taufe entschieden.

            Nach meiner Erfahrung und Beobachtung besteht jedoch eine große Gefahr darin, sich Jesus nach den eigenen, subjektiven Erwartungen zu formen und beispielsweise seine Verwurzelung im Judentum zu negieren. Jehoschua war kein Zauberer, sondern ein Rabbiner, der also – auch von Frauen – ernsthaftes Lernen, ja Studium verlangte. Ein nicht-aufgeklärter Fundamentalismus macht aus dem Menschensohn einen weißen Götzen. Davor kann ich sowohl religionsgeschichtlich wie auch christlich nur warnen…

          • Sehr geehrter Herr Bülten,
            Sie verweisen auf pfingstkirchliche Gemeinden.
            Zum pfingstkirchlichen Verhältnis von Staat und Kirche (und damit auch zur Frage von Krieg und Frieden) gibt es das ausgezeichnete Buch eine pentecostalen Theologen : Amos Yong https://en.wikipedia.org/wiki/Amos_Yong In the days of cezar. Empfehlung!
            Zu Ihrer Lesart des NT vergleichen Sie doch einmal damit Das Neue Testament jüdisch erklärt
            Hg.: Amy-Jill Levine, Marc Zvi Brettler, Wolfgang Kraus, Michael Tilly und Axel Töllner
            Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2021

  22. W.Bülten,
    “„Du sollst Gott (deinen Schöpfer) lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten,wie dich selbst.“
    Zugabe: Alles andere ist diesem untertan.

    Würden sich die Menschen daran halten, bräuchten wir keine Konfessionen und keine Kirchen.

    Es geht ja hier um die Friedensethik. Der evangelischen Kirche zur Ehre muss man sagen,dass die Friedensgebete in der DDR gewirkt haben.
    Für Fatalismus besteht kein Anlass solange nur ein Mensch an das Wirken Gottes glaubt.

  23. Michael Blume
    15.04.2022, 08:58 Uhr
    Dazu meine Antwort:
    Die Gefahr der Verselbständigung besteht durchaus auch für die Nachfolger. Zunächst muss man berücksichtigen, dass wir Erdlinge (Menschen) uns aus der Sicht des Schöpfers auf diesem Planeten, einmal krass ausgedrückt, in einer Art Erziehungsanstalt befinden. Das gilt erst recht für Nachfolger (Follower) Jesu. Es geht im Prinzip um eine Befähigung (Zurüstung) für den Fortbestand nach dem materiellen Tod. Da mangelt es oft an die dafür erforderliche Unterweisung, besonders an entsprechenden Vorbildern. Man spricht dabei auch von Väter und Mütter in Christus, das soll heißen: Eine dem Schöpfer gefällige Erziehung sollte schon in der Familie beginnen. Dieses Vorrecht hatte ich, gläubige Eltern, Großeltern und eine gläubige Frau, die mir sehr zum Segen war. Glauben zu können ist ein Geschenk Gottes, aber auch mit Glaubenskampf verbunden. Dazu die Bereitschaft, sich der Führung des Heiligen Geistes unterzuordnen, so wie es Jesus tat, als er im Hinblick auf seine Kreuzigung zu seinem überirdischen Vater sagte: . . .doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!
    Die große Mehrheit der Menschen, einschließlich Religionen, sind entweder unwissend, uninteressiert oder ablehnend und hassen zum Teil das jüdische Volk, aus dessen Mitte Jesus Christus stammt, mit teils abartigen Unterstellungen. Gerade christliche Religionen sollten wissen, wie der Gott Israels, der auch der Gott der Christen ist, bezüglich der besonderen Stellung des Volkes Israel spricht: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an, nachzulesen Im AT beim Propheten Sacharja, Kap. 2, Vers 12.
    In diesem Sinne Herr Blume: Nicht verzagen Jesus fragen.-W. Bülten.

    • Sehr geehrter Herr Bülten,
      spannend Ihre Vorstellung der “göttlichen Pädagogik”. Aus der Bibel ist sie nur aus ein bis zwei Stellen belegt, im Hiobbuch eher kritisch gewertet.
      Was verstehen Sie unter: “Eine dem Schöpfer gefällige Erziehung sollte schon in der Familie beginnen.”? Jesus war bekanntlich familienfeindlich.
      An der Stelle noch eines (was ich Ihnen aber nicht unterstelle!): in frommen Kreisen stört es mich sehr, dass Menschen, die von ausserhalb zum Christentum kommen, angefeindet werden, weil sie die kulturellen Codes des Christentums nicht kennen und deshalb viel unbefangener fragen.
      Ach ja: irdisch/überirdisch sind Kategorien des lateinischen Mittelalters vor dem Hintergrund eines geozentrischen Weltbilds. Das sollte man heute genausowenig mehr verwenden, wie man als Christ vernünftig gegen die Evolutionslehre sein kann.

      • Danke Herr Fischer für Ihr großes Interesse bezüglich des Christentums. Ehrlich gesagt, bei so viele Fragen Ihrerseits, weiß man nicht, wo man anfangen soll. Es wäre schön zu erfahren, was Sie dazu motiviert. Wollen Sie wirklich ein Nachfolger Jesu werden? Wenn ja, empfehle ich Ihnen, doch einmal im Johannes-Evangelium nachzuschauen. Besonders das Kapitel 17 ist sehr aussagekräftig und beleuchtet das große Anliegen Jesu betreff seiner Nachfolger. Viele Ihrer Fragen werden schon in den verschiedenen Artikeln beantwortet, sogar mit Angabe der entsprechenden Bibelstellen. Nehmen Sie sich etwas Zeit.
        Wenn es allerdings nur um sinnloses Diskutieren geht, bitte ich um Nachsicht, denn dafür ist mir die Zeit zu kostbar. Es wäre s e h r schade!
        Ihnen eine angenehme Nachtruhe. W. B.

        • Herr Bülten,
          ich bin Dr. theol und fühle mich daher verpflichtet, “falscher Lehre und Ärgernis” zu widersprechen. Ihr Biblizismus, wie Sie ihn hier im Forum ausdrücken, widerspricht der Bibel, weil er stillschweigende Annahmen aus dem Platonismus des 19. Jahrhunderts in Westeuropa und den USA zur göttlichen Wahrheit erhebt und der Bibel unterlegt.
          Ich verstehe mich als historisch informierter Theologe, der weiß, dass die Kommunikationsmittel der Bibel andere sind als unsere. (Wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass Paulus, Johannes, Johannes Chrysostomus und M. Luther das Medium des chats begeistert genutzt hätten. Bei Jesus bin ich mir nicht sicher. )
          Was mich vor allem am “frommen Lager” stört ist zweierlei:
          1. es wird Menschen, die von außen zur Gemeinde stoßen, sehr schwer gemacht, in den Gemeinden Fuß zu fassen. Ihre Fragen werden nicht ernst genommen, weil die Gemeinde schon im Besitz der Wahrheit ist. Ich habe unter anderem deshalb Theologie studiert, weil ich die Fragen derjenigen, die von außen kommen und mir als Christ Fragen stellen, ernsthaft beantworten will. Bei vielen Evangelikalen sind mir zu viele Worthülsen. Man zwingt anderen Menschen seine eigene Form der Frömmigkeit auf.
          2. Man gibt sich im frommen Lager damit zufrieden, die “Wahrheit” zu “besitzen”. Damit tut man dem Glauben keinen Gefallen, wenn man ihn auf einer bestimmten Entwicklungsstufe konservieren will. “Leben ist nicht fromm sein sondern fromm werden. “, hat M. Luther mit Recht festgestellt. Das Festhalten am Biblizismus ist aber oft ein Feststecken in der Stufe der frühen Adoleszenz (nach Fowler z.B. hier https://manuelaherden.com/wp-content/uploads/2020/10/Religioese-Sozialisation-und-religioese-Entwicklung.pdf) Ausserdem öffnet man damit “bullshittern” https://de.wikipedia.org/wiki/On_Bullshit wie Pontius Pilatus Tor und Tür. (Die berühmte Frage des Pilatus muss man wohl übersetzen “Was ist schon Wahrheit?” d.h. gegenüber der Macht spielt die Wahrheitsfrage gar keine Rolle, vgl. aktuell die Ukraine) .

          Dadurch, dass ich auch gute Kontakte zur orthodoxen Erweckungsbewegung hatte (https://de.wikipedia.org/wiki/Oastea_Domnului) habe ich gelernt, dass viele Axiome der evangelikalen Bewegung (z.B. Erbsündenlehre, Sühnopfertheologie) sehr relativ sind.

          Ich habe mich deshalb auch vom Biblizismus gelöst und orientiere mich an zwei bedeutenden Theologen im Umgang mit den fragenden Menschen a) G.E. Lessing (er studierte nur anfangs Theologie, hat aber bedeutendes für die Theologie geleistet) b) Padre Pino Pugliesi https://de.wikipedia.org/wiki/Giuseppe_Puglisi (einer meiner Vorgesetzten war über ihn von der Mafia weggekommen)
          Damit also ganz klar: ich halte den Biblizismus für eine falsche Lehre,wenn er isoliert ohne die anderen 4- 5 Korrektive (allein Christus, allein aus Glauben, allein aus Gnade + ohne Gewalt) auftritt, vgl. auch die 1. Barmer These. Er ist eine Irrlehre, wenn die Bibel platonisierend als überzeitliche Lehre z.B.gegen die Wissenschaft ausgespielt wird (wie in Fragen der Evolution oder der gesamten Sexualmoral) und vor allem: sie ist ein Ärgernis (und das nicht im Sinne des paulinischen Skandalons!vgl. 1Kor.1:23;). Sie stößt unbarmherzig ehrlich fragende Menschen nach draußen.
          Vielleicht mögen Sie das als sinnloses Diskutieren ansehen. Ich meine, die biblische Bezeugung dieser Position ist in allen Büchern der Bibel zu stark, als dass man es ignorieren könnte. (Schauen Sie einmal hier nach https://bibeltext.com/1_timothy/2-4.htm)

        • Guten Abend Herr Bülten,
          nun muß ich noch einmal auf Ihren Hinweis zu Joh. 17 eingehen und meine Position als historisch informierter Theologe daran erläutern.
          Zur Zeit, als das Johannesevangelium geschrieben wurde (also spätestens um 125 n.Chr. ) war der Goldstandart der Geschichtsschreibung Thukydides. Man muß davon ausgehen, dass Johannes sie kannte, denn Joh. 15, 12 nimmt ausdrücklich Bezug auf die Gefallenenrede des Perikles (Thuk. 2,42,4) Dessen Reden sind keine stenografischen Mitschriften, sondern freie Wiedergaben, wie wikipedia schreibt:” … ist durch Thukydides,[1] den Zeitgenossen und vielleicht sogar Augen- und Ohrenzeugen, weitestgehend frei gestaltet worden. Obwohl historiographische Schöpfung, soll auch diese Rede die Intention des Protagonisten bestmöglich zum Ausdruck bringen. Sie beansprucht also in einem gewissen – sozusagen dramatischen – Sinne durchaus, historisch „wahr“ zu sein. ” https://de.wikipedia.org/wiki/Gefallenenrede_des_Perikles
          Ich kann nun von den Evangelien nicht verlangen, dass sie einem höheren Standart, als dem höchsten damaligen genügen. (Höhere Standarts wurden erst von Ranke Ende des 19. Jahrhunderts n.Chr. entwickelt). Was macht diese Texte also heute noch lesenswert? Weil sie nicht “wahr” sind im Sinne eines Sachtexts sondern so wahr, wie große Kunst wahr ist: sie bringen in mir etwas zum Mitschwingen, nehmen mich mit hinein in eine Bewegung. Anders gesagt- es sind keine Fotografien, sondern Gemälde. Die Auslegungsgeschichte der Offenbarung hat gezeigt: letztendlich haben sie nur die Künstler deuten können, seien es Maler wie Dürer und elGreco oder Regisseure wie I. Bergmann oder A. Tarkovsky.
          Übrigens: Die filmische Umsetzung der Bibel@Michael Blume wäre eine eigene Diskussion wert, so viel aber vorab: ich habe gute, belegbare Gründe, warum ich “Das Leben des Brian” für viel frommer halte als “Die Passion Christi” von Mel Gibson.

  24. @W Bülten 16.04 00:40

    „Zunächst muss man berücksichtigen, dass wir Erdlinge (Menschen) uns aus der Sicht des Schöpfers auf diesem Planeten, einmal krass ausgedrückt, in einer Art Erziehungsanstalt befinden. Das gilt erst recht für Nachfolger (Follower) Jesu. Es geht im Prinzip um eine Befähigung (Zurüstung) für den Fortbestand nach dem materiellen Tod.“

    Interessant, das mal so genau zu hören. Auch wenn ich es nicht plausibel finde. Das Leben als Mensch oder anderes Getier ist sehr biologisch geprägt. Was man hier hauptsächlich lernt, ist wohl doch sehr an biologischen Erfordernissen orientiert. In reinen Geisteswelten ist das dann kaum zu gebrauchen, vermute ich mal.

    Ich stell mir aber ein Weiterleben nach dem Tod auch nur eingeschränkt vor. Ich denke, dass wir durchaus eine echte Geistesseite haben, diese stellt aber nur den psychischen Innenraum zur Verfügung. Die Inhalte des Lebens werden erst von dem lebenden Gehirn dorthinein abgebildet. Uns bekanntes Innenleben ist also ohne biologisches lebendigsein nicht möglich. Insbesondere pausiert die erlebende Existenz sogar im Schlaf bzw. im Koma. Der angesprochene Geistesraum ist allerdings auch von einer Art und Weise, die uns wohl derzeit nicht wirklich bekannt ist.

    Dennoch bin ich mir ziemlich sicher, dass unsere Geistesseite ein Teil allgemeinen Geistes ist, der dann aber nur im persönlichem Leben auf Erden wirklich persönlich ist. Nach dem Tod löst sich unserer Geistesraum im allgemeinen kosmischem Geist wieder auf, genau dahin, wo er auch hergekommen ist.

    Genau betrachtet ist mir derartige Perspektive auch viel lieber, als auf das Ende der Zeiten im Grab zu warten, dann vor Gericht zu stehen, dann noch ein Urteil anhören zu müssen, aber vor allem dann ein ewiges Weiterwurschteln auf Basis des kurzen Erdenlebens erdulden zu müssen. Ich bekomme hier eine Ahnung einer schwer beschränkten Existenz und dazugehöriger ewiger Langeweile. Das ist nicht wirklich was Gutes.

    Natürlich kann man hier nur Spekulieren und Hoffen, aber immerhin das können wir ja. Ich wäre vorsichtig mit alten Traditionen, die sollte man stets an der zur Verfügung stehendem Wissen und an der eigenen Erfahrung prüfen. So wie man das mit jeder Erkenntnis machen sollte. Nur weil das Thema gerade Religion ist, ist das kein Grund, auf gründliche kritische Prüfung zu verzichten.

    So kommt man dann auch zu mehr Toleranz gegenüber Andersgläubigen, und überhaupt zu mehr Respekt Andersdenkenden gegenüber.

  25. Tobias Jeckenburger
    17.04.2022, 00:43 Uhr
    @W Bülten 16.04 00:40
    Zitat:
    Interessant, das mal so genau zu hören. Auch wenn ich es nicht plausibel finde. Das Leben als Mensch oder anderes Getier ist sehr biologisch geprägt. Was man hier hauptsächlich lernt, ist wohl doch sehr an biologischen Erfordernissen orientiert. In reinen Geisteswelten ist das dann kaum zu gebrauchen, vermute ich mal
    = =
    Kommentar:
    Zu dieser Schlussfolgerung kommt es, wenn man, wie die meisten Wissenschaftler, die gesamte Schöpfung nur aus rein philosophischer Sicht betrachtet, nach dem Motto: Nur was man sehen und messen kann ist Wirklichkeit (Realität). Dabei gilt dann der sichtbare Mensch als Vorbild.
    In mindestens einem meiner Artikel: http://www.4-e-inigkeit.info
    habe ich geschrieben, dass der Mensch aus Sicht der Bibel und damit des Schöpfers zuerst als Geistwesen erschaffen wurde und damit Teil der Geisteswelt ist. Danach kommt er auf diesem Planeten durch Zeugung und Geburt in einem materiellen Leib zur Welt, um nach seinem Ableben wieder dahin zu gehen, woher er gekommen ist. Für meinen kleinen Verstand durchaus logisch.
    Demnach hat jeder Mensch den gleichen Schöpfer und bekommt durch das stellvertretende Opfer Jesu (Kreuzigung), wieder Zugang zu seiner Heimat, vorausgesetzt, dass der Mensch es möchte.
    Demnach ist es auch logisch, wenn Jesus sagt: Wer seinen Bruder hasst, ist ein Totschläger. Man kann auch sagen: Wer seinen Nächsten verachtet, verachtet dessen Schöpfer und damit seinen eigenen, klingt nach Selbstmord. Negative Ergebnisse gibt es nicht nur in der Ukraine.
    Ihnen alles Gute und besinnliche Stunden. W. B.

  26. @W. Bülten 17.04 16:45

    „dass der Mensch aus Sicht der Bibel und damit des Schöpfers zuerst als Geistwesen erschaffen wurde und damit Teil der Geisteswelt ist. Danach kommt er auf diesem Planeten durch Zeugung und Geburt in einem materiellen Leib zur Welt, um nach seinem Ableben wieder dahin zu gehen, woher er gekommen ist.“

    Aber was soll denn dann dieses Intermezzo auf Erden? Das ist meine ich hier eher zum reinen Vergnügen, sich hier in dieses Leben zu stürzen. Das Leben als Geisteswesen vor und nach dem Erdenleben wiederum halte ich für eher abstrakt, und auch nicht als klar zu trennende Geisteswesen, eher als eine Geisteswelt, in der man Individuen nicht mehr so recht zuordnen kann.

    Das ist ja gerade das Interessante am Erdenleben, dass jeder Individuum ist, und doch mitten unter anderen Individuen inmitten einer Welt leben darf, die auch durchaus durch und durch mit Geist bereichert ist.

    „Wer seinen Nächsten verachtet, verachtet dessen Schöpfer und damit seinen eigenen, klingt nach Selbstmord.“

    Ja, das hört sich gut an. Wir sind einfach zu seelenverwandt, als dass wir den Anderen wirklich zum Unmensch machen könnten. Und wir sollten schon gar nicht nach Vorwänden suchen, um uns gegenseitig umzubringen.

    Streit und auch eine gewisse Gewalttätigkeit gehört aber wohl dennoch zum Leben dazu. Wo es Gerichte und Polizei gibt, die als Staatsgewalt unser Zusammenleben ordnen, genügt dieses meistens. In rechtsfreien Räumen wie auch auf der internationalen Bühne müssen wir allerdings schon unsere Streitigkeiten dann letztlich auch mit eigener Gewalt regeln.

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