Das Schrumpfen der Freiheit & Poppers Kreuz der Wahrheit im Hossa Talk 184

Ja, die Meinungsfreiheit schrumpft: Vor 100 Jahren konnte man(n) noch weitgehend unwidersprochen behaupten, dass Männer grundsätzlich klüger wären als Frauen, dass Europäer Afrikanerinnen genetisch überlegen und die antisemitischen “Protokolle der Weisen von Zion” keine Fälschung wären. Auch konnte man(n) glauben, dass die Evolutionstheorie nicht ausreichend belegt, die physikalischen Relativitätstheorien des Ulmers Albert Einstein verschwörerische “jüdische Physik” und das Ermorden von Menschen mit Behinderungen durch „Euthanasie“ (wörtlich: schöner Tod) im Rahmen von „Eugenik“ (schöne Lebenserzeugung) gerechtfertigt wäre…

Für alle diese und unzählige weitere “Meinungen” und “Glaubenssätze” darf heute im gleichen Europa niemand mehr auf Verständnis hoffen – denn die Wissenschaft zeigt täglich, dass mit solchen Aussagen Fakten bestritten, also schlicht gelogen wird.

Und heute? Wird im Namen der Wissenschaft verlangt, dass Menschen – und gerade auch Männer – die Bedrohung durch Viren und Klimakrise anerkennen, Impfungen akzeptieren, ihren Fleischverbrauch reduzieren und ihre Wirtschaftsweise, sogar ihr Selbstverständnis überdenken.

Ganz ehrlich: Ich kann alle verstehen, denen all das manchmal zu viel wird. Mir geht es durchaus auch selbst oft so. Den Schmerz beim Korrigieren eigener Überzeugungen – die sogenannte “kognitive Dissonanz” – kenne ich sehr gut, auch nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit.

Umso überraschter war ich, ausgerechnet bei Sir Karl Popper – dem Entdecker des Falsifikationsprinzips und Begründer des weltanschaulichen Fallibilismus – eine Meditation des Kreuzes (!) zu finden. Und dies inmitten seines Hauptwerkes “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde”, dem Grundlagenwerk des Liberalismus, das unter anderem auch die Verabschiedung des Platonismus, das Toleranzparadoxon und vieles mehr enthält! Poppers Eltern waren vom Judentum ins evangelische Christentum konvertiert, aber seine tiefe Religionsphilosophie war seltsamerweise bislang kaum beachtet worden.

“Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir Menschen sind.”, schrieb Popper unter anderem: Und betonte, dass das “Tragen des Kreuzes” im Akzeptieren unliebsamer Wahrheiten, im Mit-Leiden mit gequälten Kreaturen und in deren Beistand bestehen müsse. Ein Christentum, das wie Platon oder der Nationalsozialismus zur “Unterdrückung von Vernunft und Wahrheit” schreite und die “Rückkehr in einen harmonischen Naturzustand” vorgaukele, würde dazu führen, dass wir “wieder zu Raubtieren werden”. Positiv formuliert: Karl Popper lehrte eine Spiritualität des Kreuzes auf Basis der Akzeptanz von Wissenschaft, der Empathie und helfenden Tat.

Entsprechend hätte es ihn auch nicht geschreckt, dass das Christentum in Deutschland gerade zu einer Minderheitenreligion wird – zumindest, was die Mitgliedschaft in Kirchen angeht. Denn er hatte bereits ebenfalls darüber geschrieben, dass die “Anbetung des Erfolgs” unchristlich sei und die Kirchen oft ihre besten Zeiten erlebt hatten, wenn sie sich nicht auf riesige Macht- und Geldmittel stützen konnten. Wer würde ihm angesichts der aktuellen Krise gerade auch der römisch-katholischen Kirche im Umgang mit einer veralteten Sexualmoral, der Diskriminierung von Frauen und sexueller Gewalt gegen Kinder widersprechen? “Wir sehen ein kaputtes System unserer Kirche, das fassungslos macht.”, äußerte heute der Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes.

Über die Krise der Kirchen und Poppers verblüffende Antwort also schrieb ich im ersten Kapitel “Das Kreuz mit der Wahrheit” in “Rückzug oder Kreuzzug? Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus. Darüber sowie über den gravierenden Unterschied zwischen dem sozialpsychologischen Dualismus und Monismus sprach ich mit Jay & Gofi vom Podcast Hossa Talk:

Und mehr noch: Aus zwei Zitaten zur Kreuzes-Lehre von Popper bastelten die beiden Hossa-Talk-Instagram-Kacheln, die ich im folgenden ebenfalls zur Kenntnis geben darf.

Instagram-Kachel aus dem Podcast-Gespräch zu “Rückzug oder Kreuzzug?”. Grafik: Hossa Talk, MfG

Die beiden zitierten mich darin: “Wenn wir mit der Wahrheit konfrontiert werden, gerade auch mit der wissenschaftlichen Wahrheit, dann schmerzt uns das. Uns schmerzen diese Ungewissheiten, dass sie [die Wissenschaft] uns nie genau sagen kann, was die Zukunft bringt, wie es mit Corona weitergeht oder der Klimakrise. Oder aber die schmerzhaften Erkenntnisse über unsere Wirtschaftsweise oder den Umgang mit dem Gesundheitssystem, dass wir da so viel überprüfen müssen. Und DAS ist das Tragen des Kreuzes – das zu ertragen, diese Wahrheiten zu ertragen. Denn Wahrheit zu ertragen bedeutet, den Schmerz zu ertragen.

Popper stellt das dem Rückzug gegenüber, dass man sagt: “Ist mir egal, was Ihr sagt, ich habe es satt mit der Wissenschaft und der Vielfalt. Ich ziehe mich zurück in eine geschlossene Gesellschaft, wo wieder alles klar ist, und ziehe die Grenzen. Ich will von der Welt nichts mehr wissen, was da nicht reinpasst.” Wahres Christentum b(i)etet nicht den Erfolg an, sondern das Kreuz, ist das Zeichen des Mitleids mit dem, der leidet, und es ist das Ertragen von Wahrheit.”

2. Instagram-Kachel aus dem Podcast-Gespräch zu “Rückzug oder Kreuzzug?”. Grafik: Hossa Talk, MfG

Nun wissen Sie, warum ich in einem Interview beim Buchmarkt dieses positive Podcast-Erlebnis rühmte: “Ich habe mich gerade riesig über einen längeren Hossa-Talk zu Rückzug oder Kreuzzug? gefreut. Mindestens einer der beiden hatte das Buch richtig durchgearbeitet und es entstand ein unglaublich intensives Podcast-Gespräch. Zu erleben, wie das eigene Buch Menschen berührt und bewegt – für solche Glücksmomente schreibe ich.”

Und ganz ohne Hoffnung brauchen wir auch nicht zu sein: Als ich in meiner – sicher nicht repräsentativen, aber doch recht großen – Twitter-Bubble fragte, ob und auf was die Befragten denn bereit zu verzichten wären, verwiesen bereits über 70 Prozent auf den Verzicht von Fleisch und also Energie-verschwendender, klimaschädlicher Massentierhaltung.

Eigene Twitter-Umfrage vom 23.01.2022 mit 1579 Abstimmenden innerhalb von nur drei Tagen. Screenshot: Michael Blume, @BlumeEvolution

Dazu auch von aktiven Christ:innen zu hören und zu lesen, dass Popper Recht hatte, dass er relevant auch für die Zukunft des Christentums, ja der Menschheit und unseres Planeten ist – das entschädigt für sehr viel kognitive Dissonanz! Wenn sich Wissenschaft und Spiritualität aufgeklärt verbinden ließen – dann haben wir vielleicht doch noch Chancen, uns individuell und gemeinschaftlich vom Abgrund in eine bessere Zukunft umzuwenden.

Daher von Herzen ein Dank, lieber Gofi, lieber Jay! Und ein herzliches Hossa – Hossa – Hossa! 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) u.v.m. Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren als „teilnehmender Beobachter“, um Digitalisierung zu erforschen, Religionswissenschaft leichter zugänglich und niedrigschwelliger diskutierbar zu machen.

37 Kommentare

  1. Wenn heute gilt: “Wir sehen ein kaputtes System unserer Kirche, das fassungslos macht.“, dann bedeutet das nur, dass wir heute sehen, was schon gestern und schon sehr lange so war.

    Zudem gilt wohl, dass in der Kirche eben all das passiert, was auch ausserhalb der Kirche passiert. Der einzige Unterschied ist der, dass die Kirche sich wenn immer möglich dem weltlichen Recht entzieht und alles unter der Decke halten will.

    Die Lösung wäre auch relativ einfach. Leute der Kirche sollten aufhören sich gegenseitig zu schützen und sich den gleichen Regeln unterwerfen, die im zivilen Leben schon lange gelten.

    Im übrigen galt natürlich auch schon bevor es die naturwissenschaftliche Methode gab, dass es keine absoluten Gewissheiten gibt. Man kann sogar sagen, die Kirche und Religion wusste das sehr wohl und sah es gerade darum als ihre Aufgabe den Gläubigen eine Gewissheit und Sicherheit vorzugaukeln, die die Gläubigen im wirklichen Leben nicht fanden. Die Religion also als Anker an den man sich im so ungewissen Leben festhalten kann. Doch wenn sich dann das Bild der Kirche als feste Burg als Illusion entpuppt, dann entpuppt sich eben alles, was die Kirche verkündet als Illusion.

    • Danke für den Kommentar, @Martin Holzherr. Interessanterweise präsentierte Popper ein durchaus differenziertes Bild von Kirche(n), obwohl er als Protestant jüdischer Herkunft ja auch antikatholische Ressentiments hätte bedienen können. Mit Zölibat, der Verweigerung der Weihe von Frauen und schwachen Laien-Vertretungen nehme ich schon deutliche Unterschiede zwischen römisch-katholischen im Gegenüber zu orthodoxen und vor allem reformierten Kirchen. Der heute beschlossene Synodale Weg in Frankfurt plädiert ja auch für tiefgreifende Reformen.

  2. Meinungsfreiheit ist, wenn alle den Boss loben, weil sie einen Grund dazu haben. Zensur ist, wenn alle den Boss loben, obwohl sie keinen Grund dazu haben. Wenn keiner den Boss lobt, ist es ein kurzlebiger Übergangszustand. Normales Meckern fällt nicht unter Meinungsfreiheit, denn es dient dazu, dass sich der Meckernde Luft machen und wichtig vorkommen kann. Schafe, die empört meckern dürfen, fühlen sich sicher und lassen sich brav zur Schur treiben.

    An physikalischen Wahrheiten scheint es nur eine zu geben, deswegen werden auch alle Wege der Erkenntnis, die mit ehrlichen Absichten gegangen werden, dort zusammenlaufen. Auch der übers Kreuz. Es ist ein Symbol, zwei Striche übereinander – wenn wir es zum Symbol der Wahrheit erklären und diese Wahrheit finden, finden wir auch eine Möglichkeit, sie hineinzuinterpretieren. Und das Kreuz wäre nie ein so populäres Symbol geworden, wenn das Leid darin nicht bereits sehr viel mit Wahrheit und Erleuchtung zu tun hätte. Das ist das Gute und Schlechte an Religionen – jeder kann hineininterpretieren, was ihm gerade in den Kram passt. Das macht jede heilige Schrift zum Spiegel der Seele – zeig mir deinen Gott und ich sage dir, wer du bist. Weswegen es auch nie Sinn macht, sich feige hinter Gottes Willen zu verstecken – du trägst immer die Verantwortung für das, was du herausliest. Das Wort „heilig“, die Erwartungshaltung, versetzen einen in einen bestimmten geistigen Zustand, man hört sehr genau zu – doch man hört auch nur den Gott, dessen Telefonnummer man gewählt hat. Manchmal hat der halt zwei Hörner und einen Pferdefuß und kennt sich irgendwie sehr detailreich in der Hölle aus, während er vom Himmel kaum die Postleitzahl zusammen kriegt. Mal sehen, ob ich die vom Thema zusammen kriege, um dorthin zurückzufinden.

    Wenn ich über die Welt logisch nachdenke, sehe ich ein Meisterwerk des Bösen, eine raffinierte, bis ins Detail perfekt ausgetüftelte Maschine, die uns alles vorenthält, wonach wir uns sehnen, die alles Gute verlacht, missbraucht und parodiert, voller Paradiese, die von Höllen gespeist werden – Fressen und Gefressen werden ist nur die sichtbarste Variante davon. Jeder Bauch ein Teufelsaltar, auf dem wir jeden Tag für unser Glück Unschuldige als Opfer darbringen. Sie können dieses Meisterwerk mit dem eiskalten Verstand erforschen, doch wenn Sie mit Mitgefühl herangehen, wird Ihre Seele verbrennen. Eiskalter Verstand ist eine Lüge, er verleugnet das, was den Dingen Wert und Bedeutung verleiht – die Emotionen.

    Die einzige Möglichkeit, diese Welt zu ertragen, ist die Lüge: Sie flüchten sich in eines dieser Paradiese, schließen die Augen und versuchen, nicht daran zu denken, was Ihre Hände da tun. Andererseits, wenn Sie zu tief in die Heile-Welt-Hypothese hineintauchen, wenn Sie sich die Wirklichkeit zu sehr schönreden, werden Sie grausam und skrupellos, denn in einer schönen, heilen Welt darf es kein Leid geben, das schwerer wöge als das Glück – vor allem nicht, als Ihr Glück. Wir haben die Verantwortung, wenigstens so viel Leid zu verhindern, wie wir verhindern können, also müssen wir uns dann doch aus unseren Plato-Paradiesen voller verzerrter, zurechtgebogener Abbilder und Schatten nach draußen, in die Wirklichkeit wagen, ins gleißende Höllenfeuer – ans Licht der Wahrheit. So lange wir es ertragen.

    Erinnert Sie das auch an alte Darstellungen Gottes, nach denen er Sie verbrennt, wenn Sie ihm zu nahe kommen, oder wenn er Sie anschaut? Natürlich kannten auch die Schöpfer unserer Religionen die Sonne, das Feuer und den zornigen Blick des Bosses, der einen bei irgendeiner Missetat erwischte. Und Gottes Lieblingssöhne und Filialleiter tragen beide den Beinamen Lichtbringer, weil wir hier von etwas reden, das sich halt wie Licht a n f ü h l t, wenn es in einem aufsteigt – und dem es egal ist, was es anrichtet. Energie will verändern, ob damit Erschaffen oder Zerstören gemeint ist, müssen Koch und Hühnchen noch klären. Anders gesagt, ob Sie dem göttlichen Licht gefolgt oder vom Teufel verführt wurden, entscheidet der, der das Resultat bewertet.

    Klingt geschwollen, doch irgendwo hier ist die Schnittmenge zwischen Ethik, Religion und Physik. Das Licht bringt immer die Wahrheit, sonst hätten wir keinen Bedarf nach Glühbirnen. Licht besteht aus Daten, die die Interaktion ermöglichen, verursachen, wenn ich mir Datenaustausch in großen Mengen ansehe, sehe ich das Gleiche, wie wenn Energie einen Stoff erhitzt – durch Kommunikation und Interaktion regt sich was, es entstehen neue Verbindungen, andere, instabile lösen sich auf, ich kann mir den Zerfall der Welt in Sekten und Filterblasen mit Thermodynamik erklären, und Thermodynamik mit Psychologie: Auch menschliche Psyche hat ihre Belastungsgrenzen, wenn Sie sie mit einer Datenflut überlasten, zerkocht sie oder macht dicht. Manche Menschen im Internet sind zu Neuronen in einem riesigen Computer-Hirn degeneriert, sie verarbeiten Information nur noch minimal, bevor sie sie weiterleiten. Andere fliehen halt aus dem überhitzten Paradies in kühlere, simplere, Marke Eigenbau. Und weil sie die Daten unterschiedlich filtern und neu kombinieren, ist das Ergebnis, je nach Umständen, die wunderbare Vielfalt des Lebens, oder ein Gemetzel Einziger Wahrheiten, die durch je vier Wände und eine dicke Tür wahr gehalten werden.

    Die Positionierung zwischen Wahrheit und Lüge erinnert damit an das, was jeder Planet und jedes Elektron getan hat: Die Positionierung in einem persönlichen Orbit, in einer persönlichen Goldlöckchenzone zwischen Hitze und Kälte, Sonne und Finsternis, einer Wahrheit und tausend Träumen. Ohne Energie folgt ja der Zerfall einer Realität in viele auf dem Fuße, sehen wir ja gerade – es äußert sich halt in einer Glaubenskrise, die Futterquelle versiegt, die Lichtquelle erlöscht, wenn der Körper nicht genährt wird, gehen auch der geistigen Nahrung die Kalorien flöten; erst Geist, dann Körper, gehen auf Wanderschaft. QAnon und andere Verschwörungstheorien erinnern an einen Albtraum und lassen sich frei nach Freud als kollektiver Traum großer Menschengruppen deuten – ein verzerrtes, verdrehtes Abbild der Wahrheit, das selbst nicht weiß, was es uns sagen will, das sich aus märchenhaften Symbolen für Gefühle, die durch eine handfeste Realität erzeugt werden, eine virtuelle Welt zusammenpuzzelt, die wiederum auf die wirkliche Welt einwirkt – nicht so sehr weit von dem entfernt, was wir als „volles Bewusstsein“, „Wachsein“ oder „klarer Kopf“ bezeichnen, wie man glauben mag. Denn auch bei vollem Bewusstsein ist unser Weltbild ein Konstrukt, das auf sehr ähnliche Weise mit der Realität interagiert. Nur die Bilder sind weniger abstrahiert. Nehme ich mal an, ich kann ja nicht wissen, ob mein Hirn nicht bei uns allen hier einen Tentakel, da einen dritten Kopf herausfiltert, weil es das für überflüssige Daten hält. Vielleicht versagen bei bestimmten Halluzinationen und Psychosen einfach genetische Wahrnehmungsfilter? Vielleicht sieht jeder Irre was Anderes, weil es so viele Filter gibt? Vielleicht sollte ich mir solche Spekulationen für Sci-Fi sparen.

    Geben Sie einer dieser durch Zerfall entstandenen Welten neue Energie hinzu, kann daraus durchaus eine völlig neue Welt wachsen. Und so was in der Art sehen wir auch: Welten, die in der einen großen verbaut waren, die Rassisten-Welt, die Islamisten-Welt, die Faschisten-Welt, die sich bislang dem Kollektiv fügen mussten, wenn sie nicht völlig den Strom gekappt haben wollten, nützen den Zerfall, um sich über Schwächere her zu machen und zu Zellkernen, Gottvätern neuer Welten zu wachsen, die nach ihrem ideologischen Ebenbild geformt sind.

    Das Wichtige ist – ich kann nicht erwarten, dass jeder die gleiche Belastungsgrenze hat. Die Belastungsgrenze meiner Oma wurde schon von Hitler, Stalin und Bandera arg strapaziert und ihre kleine, einfache Glaubenswelt hat ihr immer Schutz geboten. Heute rennt sie ständig zur Kirche und plappert Radio HatSchnauze nach (Polnisch: Radio MaRyja), ohne die Hälfte von dem Unsinn, den sie da hört, zu verstehen – damit dürfte sie zwar mehr davon verstanden haben, als die Leutchen, die ihn von sich geben, aber ich muss mir trotzdem öfter blöde Kommentare verkneifen (versuche ich auch bei Ihnen, also können Sie sich vorstellen, dass es mir alles andere als einfach fällt. Das ist so ungefähr der dritte nach dem absolut letzten, den ich posten wollte). Es gibt halt sehr viele Menschen, die schnell überfordert sind, die einfach gesagt haben wollen, was das Richtige sei. Und? Ist das schlimm? Ist man dumm oder böse, weil man sich nicht anmaßt, zu handeln, als wäre man allwissend? Soll ich meine Oma auf dem Scheiterhaufen der Wahrheit verbrennen? Das würde nur bedeuten, dass ich selbst ein paar Wahrheiten verkannt habe.

    Irgendwie scheinen wir heute alle Verantwortung auf das Individuum abzuwälzen. Demokratie heißt, nach acht Stunden Schufterei im Büro oder auf der Baustelle müssen wir noch sechsunddreißig Stunden am Tag damit verbringen, uns über die aktuelle Weltlage zu informieren, einen Doktor in Wirtschaft und Soziologie machen, spieltheoretisch haltbare Lösungsvorschläge für komplexe Probleme entwickeln und all das in ein Kreuzchen alle vier Jahre oder so hineinfließen lassen, denn wenn wir einfach den Leuten vertrauen, die wir dafür bezahlen, und sie uns deswegen verlachen und unsere Dummheit zur billigen Ausrede verbraten, uns zu verachten und abzuzocken, sind wir selber schuld. Bei Ethik müssen wir komplette Traumtänzer sein, die niemanden diskriminieren, andererseits paranoid darauf achten, dass wir die Intoleranten diskriminieren, aber dann so, dass wir sie nicht diskriminieren, denn das wäre ja intolerant, und wir müssten uns selbst diskriminieren; in der Theorie kann man prächtig darüber debattieren, in der Praxis ist es einfach sabbernder Bullshit, da heucheln wir uns durch, wie’s gerade passt. Wir müssen alle Medizin studiert haben, um den richtigen vom falschen Experten zu unterscheiden, denn mit dem Wissen, das ein Laie hat, klingen beide glaubwürdig, mit viel Latein und innerer Logik, die ohne größeren Kontext nicht angreifbar ist und so. Natürlich gucken alle Experten, die uns vor die Nase gesetzt werden, gleich ernst und klug, tragen Wichtige-Leute-Klamotten, Wichtige-Leute-Titel, verhalten sich wie Autoritäten, doch Bauern sind schon eine Weile auf dem Planeten und wissen aus Erfahrung, dass sich Fürsten und Priester immer so verhalten, und irgendwie immer herauskommt, dass aus dem Zehnten der Neunte wird, der auf großen Wunsch des Volkes auf den Achten herabgesenkt werden kann, falls man zu wenig Steine auf die Fürstenkutsche wirft. Und trotzdem hört der Countdown nie auf, denn die Fürsten werden immer gieriger, und die Futterquellen sind irgendwann leer oder einfach überstrapaziert, und für den Staat bleibt nichts mehr übrig, und dann sind es ganz bestimmt nicht die Fürsten, die den Gürtel enger schnallen müssen, es sei denn, um den Hals derer, die Steine auf Kutschen werfen.

    Wir alle wurden dazu erzogen, selbständig zu denken. Das sieht in etwa so aus – überall hören wir: „Glaube nicht, was alle Anderen sagen, denk nach, bilde dir deine eigene Meinung, und diese Meinung lautet…“ Wir spielten mit, glaubten ehrlich, all das w ä r e selbständiges Denken und unsere eigene Meinung – bis das Futter knapp wurde. Was tatsächlich rauskommt, wenn die Masse selbständig denkt, zeigen Trump und QAnon und Querdenker. Das ist für die Etablierten, die bislang die Meinungshoheit hatten, halt ein Problem, doch nicht, weil die Ketzer intellektuell und ethisch massiv unterbelichtet rüberkommen, sondern, weil die schlecht fürs Geschäft sind. Erst schoben sie einfach alle Unzufriedenen in die rechte Ecke, ohne ihnen zuzuhören, und ganz gewiss rührten sie keinen Finger, um die Ursachen der Unzufriedenheit zu beheben. Dadurch ist die rechte Ecke sehr mächtig geworden. Berechtigter Protest, wohl begründete, doch schlecht artikulierte Unzufriedenheit, vermischte sich mit brauner Jauche. Jetzt müssen wir die Suppe auslöffeln, wie sie ist. Katholiken und Lutheraner – Katholiken waren die Etablierten und Gierigen, Lutheraner die Irren, die wirres Zeug taten und predigten, mit Gefolge, das nix von dem Ganzen verstand, außer, dass es irgendwie um die Gerechtigkeit für den kleinen Mann ging, man plündern durfte und sogar die Fürsten erschlagen. Katholiken, Lutheraner und Orthodoxe wissen selber nicht, weshalb sie sich zoffen, nix von dem, worum sie sich streiten, war dem lieben Gott wichtig genug, um ein Wort darüber in die Bibel zu klatschen – heilige Schriften offenbaren halt auch Wahrheiten über Religion, Macht und Geld, an schmerzhaft blutigen Fallbeispielen. Heute wird das Futter wieder knapp. Und wir verhalten uns nach Schema F wie Früher – oder Führer, aber der fiel auch ins Schema Bauernfänger im Hungerland.

    Die meisten Menschen versuchen einfach nur, ihr Leben zu leben. Es ist schwer genug, Sofie rumzukriegen oder später die Kinder mit dem Job zu vereinbaren, wir sind dazu verdammt, entweder das Bisschen Zeit und Rechenpower auszuquetschen, das übrig bleibt, um beim selbständig Nachdenken kläglich zu versagen, oder Leuten zu vertrauen, die dazu tendieren, uns zu sagen, was wir hören wollen, um mit unserer Hilfe an Macht und Geld zu kommen. Die große Masse muss sehr vieles glauben, was ihr gesagt wird, und die einzige Kontollgröße, die sie hat, ist ihr Magen – natürlich wissen wir, wenn nicht bewusst, dann instinktiv, dass wir Bauernfängern aufsitzen, doch wir achten darauf, dass diese Bauernfänger uns genug zu futtern geben, dann kaufen wir ihnen alles ab und leben nach der Moral, die sie predigen – jeder Staat lebt von dem, was die Mächtigen übrig lassen, nachdem sie sich vollgefressen haben, dass er funktioniert, zeigt uns, dass die Moral, der Glaube, ihn zu einer effektiven Fressmaschine zusammenschweißen. Wir wissen nicht, wie sie funktioniert, wir wissen nur, solange wir unsere Funktion darin erfüllen, tragen wir zu ihrem Funktionieren bei und füllen unseren Magen.

    Wenn Wissenschaft zur Religion wird, werden Wissenschaftler zu Priestern. Das äußert sich einerseits in nervtötender klerikaler Mentalität, bei der manch einem mehr daran gelegen ist, Dogmen zu schützen, als Erkenntnis zu gewinnen – Wissenschaft ist die Kirche des Zweifels, nicht des Wissens, sie ist zum ewigen Fragen verdammt, während sie sich aus einer Welt in die nächste hinauswühlt, denn all unsere Paradiese sind aus Paradiesen gebaut, und jedes hat so seine eigenen Gesetze, die auf einer höheren Ebene relativiert und verallgemeinert werden müssen, weil sie nur lokale Interpretationen höherer Gesetze sind. Andererseits wird sich alles, was gehört werden will, als Wissenschaft kleiden, ob wahr oder falsch – so ähnlich, wie früher alles „Gottes Wille“ war. Und natürlich gibt’s immer Tendenzen zum Lysenkoismus – am stärksten ausgeprägt wohl in der Ökonomie, wo immer irgendwie die Theorien wahr sind, die gerade den Reichen das meiste Geld einbringen. Wie gesagt – Bauern kennen das Spielchen seit vielen, vielen tausend Jahren. Diejenigen, die nicht ein paar Immunreaktionen entwickelt haben, sind per Hunger und Peitsche aus dem Genpool entfernt worden.

    Seelen werden gekauft, nicht überzeugt – weil Brot glaubwürdig ist, Worte aber Schall und Rauch, Heulen im finsteren Walde, das von allen Seiten kommt, jeder Ruf nennt die anderen Wölfe und lockt zur Sicherheit. Wenn das Brot alle ist, können nur die Kannibalen ihr Gefolge mästen – sie prassen, während alle um sie herum hungern. Populisten sind Tumore, Aasfresser am eigenen Leib – sie wittern ihre Chance, weil der Leib versagt.

    Wenn ich von Staaten oder Religionen als Lebewesen spreche, ist das völlig ernst gemeint – weil wir uns in solch großen Systemen nicht schlauer verhalten, nicht schlauer verhalten k ö n n e n, als Körperzellen. Die Evolution wiederholt sich, auf einer höheren Ebene – die Systeme, die wir schaffen, werden zu immer größeren, komplexeren Organismen, mit eigenen Überlebensstrategien. Wir zerstören uns durch Vertrauen und wir zerstören uns durch Mangel an Vertrauen, wir suchen einen Weg zwischen Extremen, wandern auf einem schmalen Grat, der sich unter unseren Füßen windet wie eine Schlange, bis wir stürzen und brennen. Es gibt ein paar Tüpfelchen auf dem i des Bösen – es hat uns so erschaffen, dass wir Perfektion bewundern und es gab uns den Verstand, seine Perfektion zu erkennen. Klingt irgendwie eitel. Aber vielleicht interpretiere ich hier nur was hinein.

    Die Menschheit ist ein hirnloser Blob, der den Planeten frisst, bestehend aus geistig unterentwickelten Amöben namens Staaten. Und im Moment wirkt die ganze Amöbenkolonie recht alt, krank und degeneriert. Wenn wir nicht ein Bisschen was an der Konstruktion schrauben, entsorgt uns die natürliche Auslese und gibt den Überlebenden eine neue Chance. Evolviere oder stirb – das ist das Kreuz, das wir tragen müssen. Ein Hirn, bessere Verdauungsorgane, stabilere Physiologie, effizientere Nahrungsverteilung – Vorlagen gibt’s genug.

    Wir haben immer die Wahl zwischen besserer Welt und grausigem Untergang, und immer wählen wir den Untergang. Erst wenn wir unendlich gelitten haben, kommen wir weiter. Doch wir lernen nie was daraus, korrumpieren die bessere Welt und da capo. Ist es nicht wunderschön? All das Grauen und die Hoffnungslosigkeit, und vor allem die Sinnlosigkeit des Ganzen, und wir können überhaupt nichts dagegen tun, denn alles, was uns als Offenbarung oder rettende Idee in unsere Schädel plumpst, ist vorprogrammiert, nur dazu da, den Untergang und das Leid herbeizuführen… Und so geht es ewig weiter, wir wiederholen das Fraktalmuster immer größer und größer, in alle Ewigkeit, ohne Grund oder Ziel, auf der Flucht vor Tod und Teufel, Kälte und Hitze, immer auf der Suche nach dem nächsten Paradies, das wir zugrunde richten können, jedes Himmelstor eine neue Hölle, und jeder Tag darin wird erkauft, indem wir Paradiese auf dem Teufelsaltar verbrennen…

    Oder doch? Keine Ahnung. Hoffnung treibt die Hölle an. Aber ohne Hoffnung treibt Verzweiflung die Hölle an. Voran geht es immer. Vielleicht sollten wir uns einfach an die Arbeit machen und gucken, was passiert. Dass ich die Pracht und Schönheit der Hölle bewundern kann, dass mir der Gegner Ehrfurcht einflößt, macht mich nicht zum Fan. Am Ende bleibt einem ja eh nur die Lüge, die man leben will.

        • Danke, @Martin Schmiedler! Tatsächlich verstehen wir m.E. Gefährdungen auch der extremen Ideologien / Identitätspolitiker:innen besser, wenn wir den Lyssenkoismus einmal verstanden haben. Die Neigung auch wissenschaftliche, aber „unliebsame“ Erkenntnisse zu negieren, erlebe ich beispielsweise immer wieder beim Thema Religionsdemografie sowie Evolution und Religionen. Dass auch Religiosität erfolgreich evolviert(e) erleben viele – was ich durchaus mitfühlen kann – als kognitiv dissonant:
          https://m.youtube.com/watch?v=Iy9J9ddelVw

          Vielen Dank für Ihr Interesse an auch nicht-leichten Erkenntnissen!

  3. Lieber Herr Blume,
    sicher meinen Sie hier

    “Eugenik” (wörtlich: schöner Tod)

    “Euthanasie”.

    Auch wenn natürlich die Krankenmorde im Rahmen des Eugenik-Programm der Nazis durchgeführt wurden.

    Generell lese ich Ihre Beiträge und Ihre Bücher wirklich gerne. Sie beleuchten immer wieder interessante Facetten des Spannungsfelds Glauben-und-Wirklichkeit. Allerdings nimmt die Lesefreude allmählich ab, da Ihr Hang zur “gendergerechten Sprache” das Lesen zum Teil schwer macht. Diese Art des Schreibens nimmt immer wieder den Focus vom eigentlichen Thema und setzt ihn kurz auf “Es gibt übrigens Männer und Frauen”. Das lenkt einfach ab und gelingt selbst Ihnen als geübtem Autor scheinbar nicht immer.

    Ganz ehrlich: Ich kann jede/n verstehen, dem all das manchmal zu viel wird.

    Es tut mir leid, dass ich jetzt hier den Fokus vom eigentlichen Thema nehme, aber ich stolpere beim Lesen regelmäßig.

    Wenn Sie den Beitrag als zu themenfremd halten, brauchen Sie ihn nicht freischalten – da hätte ich volles Verständnis. Er lenkt eben auch vom eigentlichen Thema ab.

    Bleiben Sie gesund
    Kurt Froehn

    • Vielen Dank, @Kurt Froehn – ich ergänze den Doppelbegriff.

      Sprachlich möchte ich jedoch nicht nur Männer ansprechen – ein Problem, das die englische Sprache gar nicht hat…

      Danke für die konstruktive & hilfreiche Kritik!

  4. Denkbarerweise könnte es schon so sein, dass sich Personengruppen auch i.p. Verständigkeit unterscheiden, auch dann wenn sie biologischer Maßgabe, Maßnahme folgend gebildet sind. [1]

    Anders anzunehmen, würde aus diesseitiger Sicht einen “Gleichheitismus” bewerben und wäre in vielerlei Hinsicht problematisch.

    Im (womöglich) allerbösesten Fall könnte hier auch an die anteilsweise hohe Vertretung von Juden, von männlichen Juden, bei der Vergabe von sog. Nobel-Preisen rangewollt werden.
    Mit der Idee, dass bei der Vergabestelle benevolenter Rassismus vorliegen könnte oder nur vorliegen kann, der eben doch Rassismus ist.


    Dr. Webbaer rät an sich zu bestimmten Verteilungsfragen agnostisch zu stellen, um einerseits nicht bei flachen Antworten der Art “Frauen sind doof” und “Schwarze Handlanger” zu landen – und andererseits nicht bei der Vorstellung, dass die (auch biologisch gebildete) Personengruppe X irgendwie fürchterlich unterdrückt worden sein muss, weil sie auf bestimmten Gebiet resultativ minder zu leisten scheint.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Webbaer

    PS:
    Dass der sogenannte IQ, die Intelligenz ist gemeint, vor ca. 100 Jahren erfunden, konstruiert worden ist, um bestimmte Messungen im auch psychologischen Bereich vornehmen zu können, könnte allgemein klar sein.
    Er ist, wie eigentlich allgemein bekannt, so geeicht, dass Frauen und Männer gleich, nämlich mit dem mittleren Wert 100 abschneiden, er ist (bisher) nicht so geeicht, dass in puncto Herkunft anderes biologisch Feststellbare sozusagen neutralisierend, den Wert 100 suchend, eingearbeitet werden konnte.
    Der IQ, die Vorstellung von einer Intelligenz, die grob geschrieben die Klugheit, die Schläue (auch die sog. Bauernschläue), die Verständigkkeit, die Weisheit, aber auch kulturelle Maßgabe meint, ist immerhin so tauglich, dass sie als partiell erblich erkannt worden ist und mit ihr wissenschaftlich gearbeitet werden kann, so dass sie aus Sicht einiger nicht aufgegeben werden sollte.

    • Danke & Nein, lieber @Webbaer: Wir brauchen uns zum überproportionalen Anteil von jüdischen Nobelpreisträgern gar nicht “agnostisch” zu stellen und das auch nicht zu tabuisieren: Das Judentum war die erste Religion der Alphabetisierung, selbst der Begriff der “Bildung” entstammt direkt dem ersten Buch Mose, der Thora.

      Habe gerade in einer Biografie zu Martin Buber folgendes Zitat von Abraham Jehoschua Heschel gefunden:
      “Jedes jüdische Haus Osteuropas, auch das bescheidenste, ärmste, besaß ein Regal voller Bücher, auf dem majestätische Folianten herablassend neben furchtsamen kleinen Oktavbändchen standen. Und diese Bücher waren kein Trost bei Enttäuschungen und auch kein gelegentliches Mittel der Erbaulichkeit; sie waren das Zentrum der lebendigen Kraft, der immer wieder erneuerte Anlauf zu einer beständigen Arbeit des Geistes.”

      Zitiert aus: Heschel, Abraham Jehoschua (1957): Les Batisseurs du temps. Paris Minuit, S. 24

      Auch hier spreche ich mich also ganz klar gegen verschwörungsmythologische oder rassistische Mystifizierung aus, sondern empfehle, an und mit dem Judentum den Wert von Bildung und Aufklärung für alle Menschen und Kulturen zu entdecken:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/welche-bildung-hilft-gegen-antisemitismus-verschwoerungsfragen-37/

      Beste Grüße!

      • Howdy, lieber Herr Dr. Michael Blume,
        sicherlich kann wie von Ihnen gemeint kulturelle Basis für bestimmte gruppenbezogene Fähigkeit (z. B. : ‘erste Religion der Alphabetisierung, selbst der Begriff der “Bildung” entstammt direkt dem ersten Buch Mose, der Thora’) als Erklärung heran gezogen werden.
        Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg
        Dr. Webbaer
        PS:
        Die Fußnote (1) im Kommentar “Dr. Webbaer 06.02.2022, 10:17 Uhr” fehlte noch, sie wird nun nachgetragen.
        [1]
        Dr. Webbaer hat mal, vor vielen Jahren, den bekannten Publizisten Henryk M. Broder, in der BRD sozusagen weltberühmt und auch hier geschätzt und gemocht, i.p. möglicherweise besonderer vorliegender Verständigkeit von Juden vorsichtig angefragt.
        Seine Antwort, “Henk” (er darf so genannt werden, oder?) war seinerzeit noch beim “Spiegel” beschäftigt, reduzierte sich auf die Idee der Bildung, die unter Juden ganz besonders verbreitet sei, auf die Idee der Bildung, wie die Anwendung von Bildung.
        Dr. Webbaer hat ihm (“Henk”), der ja offensichtlich wenig gebildet ist, kein Wort geglaubt, aber schlauerweise schlaue Antwort notiert.

        • Nun, @Webbaer, mit seinem Auftritt bei Servus.TV hat Henryk Broder doch gerade das Klischee vom stets klugen Juden überaus gekonnt widerlegt… Gewöhnen Sie sich bitte einfach an den Gedanken, dass Jüdinnen und Juden Mit-Menschen sind – mit der wesentlich gleichen Psychologie, nicht schlechter, nicht besser als andere. Das erlaubt dann auch einen wertschätzenden, aber nicht unkritischen Blick auf das Judentum und die vielen, jüdischen Traditionen, z.B. das Judendeutsch / Jiddisch:
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/warum-jiddisch-judendeutsch-nicht-judengermanisch-und-warum-das-wichtig-ist/

          Jüdinnen und Juden sind nicht “die Anderen”, sondern Menschen, Mit-Menschen. Deswegen ist Philosemitismus auch nicht die richtige Antwort auf Antisemitismus, sondern auch charakterliche Bildung und Respekt vor der Individualität, Identität und vor allem Würde jedes Menschen.

          • Wird Ihre hier erörterte Position wie folgt skizziert, näherungsweise richtig verstanden ? :

            Biologisch unterscheidbare Gruppen könnten bis müssten in jedem Bereich, der intellektuell-kognitiv Anforderungen stellt, gar besondere, näherungsweise gleich, also ähnlich, resultativ abschneiden – wenn gleiche Bildungschancen vorliegen ?

            Mit freundlichen Grüßen
            Dr. Webbaer

          • Nicht ganz, @Webbaer. Ich bestreite schon, dass Weltreligionen „biologisch unterscheidbare Gruppen“ begründen. Judentum, Christentum, Islam und auch den Humanismus erlebe ich als außerordentlich „bunt“. 💁‍♂️

          • Danke für Ihre Reaktionen, lieber Herr Dr. Michael Blume, Dr. Webbaer mag Karl Popper sehr, nun, jedenfalls seine philosophischen Aussagen, statt ‘Wir tragen das Kreuz dafür, dass wir Menschen sind.’ würde er abär lieber bspw. sagen ‘Der Weltteilnehmer kann keine Aussage über die seine Welt treffen, die (letztlich) wahr ist, weil er nicht den Weltbetrieb bestimmt.’
            Vielleicht ist in diesem Zusammenhang auch erkenntnistheoretische Vorarbeit von David Hume zu beachten.

            ‘Weltreligionen’ stellen keine ‘biologisch unterscheidbare Gruppe’ bereit, Juden könnten dies als Volk tun, wobei Dr. Webbaer auf diese Einschätzung nicht bestehen wird.

            Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg
            Dr. Webbaer

          • Danke, @Webbaer. Popper bezieht sich in seiner Argumentation bewusst auf welt-immanente Beobachtungen und Thesen. Seine Betrachtung des Kreuzes findet in der menschlichen Geschichte & Perspektive statt. 💁‍♂️

  5. Martin Holzherr,
    „Zudem gilt wohl, dass in der Kirche eben all das passiert, was auch ausserhalb der Kirche passiert „
    Ein kluger Satz, der wohl darauf schließen lässt, dass innerhalb der Institution Kirche auch nur Menschen am Werke sind.
    Mit einer Einschränkung. Erinnern wir uns an die ersten drei Jahrhunderte des Christenums, wo das Bekenntnis zu Jesus nur unter Lebensgefahr gemacht wurde, die Christen wurden im Kolosseum den Löwen zum Fraß vorgeworfen.
    Die Symbiose von Staat und Kirche, als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, ist dem Glauben schlecht bekommen.

    Paul S.
    Du Meister der Sprache, nur dieser Satz:“Wir haben die Verantwortung, wenigstens so viel Leid zu verhindern, wie wir verhindern können, also müssen wir uns dann doch aus unseren Plato-Paradiesen voller verzerrter, zurechtgebogener Abbilder und Schatten nach draußen, in die Wirklichkeit wagen, ins gleißende Höllenfeuer – ans Licht der Wahrheit. So lange wir es ertragen. „

    Nein, so ist die Wirklichkeit nicht. Die ist viel realer und viel liebevoller, wenn auch nicht gewaltlos.
    Wenn sich eine Gruppe von Menschen zusammenfindet, dann ist das erste Bedürfnis miteinander zu sprechen. Da ist kein Höllenfeuer, selbst im „Dschungel“ ist kein Höllenfeuer, alles ganz menschlich mit Liebe, Verrat und auch Totschlag, aber kein Höllenfeuer.

  6. @Paul S 06.02. 02:32

    „Hoffnung treibt die Hölle an. Aber ohne Hoffnung treibt Verzweiflung die Hölle an. Voran geht es immer. Vielleicht sollten wir uns einfach an die Arbeit machen und gucken, was passiert.“

    Sehr gute Idee. Was sonst? Global denken, lokal handeln hab ich mal gehört. Was anderes bleibt einfach nicht.

    Überfordert sind wohl viele, aber jeder kann gucken, was er hinbekommt. Gemeinschaftliche Aufgaben sind eben zu leisten, und wem der Alltag schon so viel abverlangt, dass er sich mit Politik nicht mehr befassen kann, und auch keine öffentlich-rechtlichen Nachrichten mehr guckt, der muss bei Gewohnheiten bleiben.

    Wer zuwenig Auskommen hat, oder an der Wirtschaft kaum noch beteiligt ist, hat alles Recht, auch selber nicht mehr mitzuspielen. Insofern will man auch gekauft werden, und nicht nur überzeugt.

    „..immer auf der Suche nach dem nächsten Paradies, das wir zugrunde richten können, jedes Himmelstor eine neue Hölle, und jeder Tag darin wird erkauft, indem wir Paradiese auf dem Teufelsaltar verbrennen…“

    Die Ökologiebewegung beruht ja gerade auf der Erkenntnis, dass wir unser Wirtschaften so nachhaltig gestalten müssen, dass die Ökosysteme auch leben können. Und selbstverständlich müssen wir dabei alle Menschen mitnehmen, dass die auch leben können. Mit kleinerer Weltbevölkerung ist das einfacher, umso mehr kommt es darauf an, dass in Afrika die Menschen aus der Armut finden, und dann eben auch nicht mehr so viel Nachwuchs bekommen.

    Wenn in Europa, China und den USA die Bevölkerung weiter sinkt, wäre immer mehr Migration aus den armen Ländern aus Afrika, Asien und Lateinamerika theoretisch eine Lösung. Dann arbeiten die dann eben alle hier. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir aber unsere heimische Produktion schon irgendwie reduzieren, und sie zu den Menschen hinbringen. Sonst gehen uns hier die Arbeitnehmer aus.

    Wir können natürlich auch wieder mehr Kinder bekommen. Allerdings machen die akut noch mehr Arbeit, und landen erst mit 20 oder 25 auf dem Arbeitsmarkt. Wie sollen wir diese Zeit denn überbrücken? Dann wird es ja noch schwieriger. Und ich habe den Eindruck, dass sehr viele Menschen hier in D schon längst mehr arbeiten, als ihnen recht ist.

    Die einen haben dabei zuwenig Geld, sehr viele aber auch mehr Geld, als sie brauchen. So oder so, entweder wir beziehen die armen Länder besser in die Wirtschaftskreisläufe ein, und gucken das jede Menge Produktion dorthin verlagert werden kann, oder wir lassen die Menschen eben hier einwandern.

    Ob KI das Problem schnell genug lösen kann, ist schwer absehbar, scheint mir.

  7. “Wenn wir mit der Wahrheit konfrontiert werden, gerade auch mit der wissenschaftlichen Wahrheit, dann schmerzt uns das. Uns schmerzen diese Ungewissheiten, dass sie [die Wissenschaft] uns nie genau sagen kann, was die Zukunft bringt, wie es mit Corona weitergeht oder der Klimakrise.”

    Ja, die Ungewissheiten der Wissenschaft schmerzen – oder vielleicht auch: es ist ein Kreuz mit den Ungewissheiten.

    Leider lassen aber die Wissenschaftler heute meist die Ungewissheiten fallen, wenn sie mit ihren Themen an die Öffentlichkeit gehen. Das ist mit Corona so und das ist mit dem Klimawandel so.
    Die Wissenschaftler und noch viel mehr die Medien lassen die Unsicherheitsbereiche der wissenschaftlichen Ergebnisse fast immer weg und kommunzieren nur den median-Wert oder auch mal gerne (beim Klimawandel) nur den worst-case-Wert und lassen alle Unsicherheiten weg, damit das Ergebnis oder die berechnete Zukunft als absolut (sicher) und alternativlos dastehen.
    Dieser Mangel an Kommunikation zu den Ungewissheiten der Wissenschaft führt nach meinen Beobachtungen bei Corona dazu, dass gesunde und nicht vorbelastete Leute eine “Heidenangst” (Kreuz, wo bist du?) vor dem Tod durch das Virus haben und deshalb so gut wie alle persönlichen Kontakte kappen. Beim Klimawandel führt die Kommunikation allein nur über das worst-case-Szenario statt über alle 4 Szenarien in den IPCC-Berichten oder über die über 1000 Szenarien in der IPCC-Datenbank im Internet zu Ängsten vor dem Weltuntergang oder zumindest dem Untergang der Zivilisation und dem baldigen Tode von Millionen Menschen, obwohl dies doch so nirgends von Wissenschaftlern geschrieben und prognostiziert wurde.
    Aus meiner Sicht ist das eine Kommunikation mit “Halb-Wahrheiten”, die man wohl deshalb gerne durchführt, da man vermutlich glaubt den Menschen mit Schreckens-Szenarien, bei Corona und Klimawandel, näher zu kommen als mit einer Kommunikation über die aktuelle “Wahrheit” mit all ihren Unsicherheiten.

    Viele Wissenschaftler und Medien möchten nicht das Kreuz mit den Unsicherheiten tragen und stellen sich dann so hin, als hätten sie eine klare, eindeutige und absolute Wahrheit zu übermitteln, als hätten Sie gar kein Kreuz zu tragen.
    Hängt diese Denkweise auch mit dem Verschwinden der Religiosität zusammen? Ich denke schon, denn früher, als die Kirche das Leben der Menschen regelrecht beherrschte, wurden ja auch die Wege in den Himmel oder in die Hölle als absolut und unausweichlich hingestellt, abhängig vom Lebenswandel.

    • Tatsächlich sehe ich die Probleme sowohl auf Seite von Sendenden wie Empfangenden, @Wolfgang Richter. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen mit anderen Medienproduzenten und auch untereinander in ständiger Konkurrenz um das knappe Gut Aufmerksamkeit.

      Früher kam auch noch die Sendezeit hinzu – diese Beschränkung entfällt zunehmend durch digitale Videos und Podcasts.

      Das bedeutet: Immer mehr Menschen können sich heute leichter denn je mit jenen Wissenschaftlerinnen oder auch Ex-und-Pseudo-Wissenschaftlern verbinden, die den eigenen Wünschen entsprechen. Ob Sie Bhakdi oder Drosten, Schiffmann oder Nguyen-Kim für glaub- und beachtenswürdig halten, ist nun mehr denn je Ihre Wahl.

      Besorgniserregend ist, dass sich einfache Verschwörungsmythen leichter verkaufen als komplexe Wissenschaft: Der erfolgreichste Sachbuchautor des 20. Jahrhunderts war der UFO-Esoteriker Erich von Däniken.

      Ermutigend ist aber, dass mit zunehmender Bildung und Aufklärung der Anteil auch der Däniken-Fans in den jüngeren Generationen sinkt, dagegen medial orientierte Archäolog:innen punkten.

      Ich sehe also hart errungenen & immer wieder von Verschwörungsunternehmern bedrohten Erkenntnisfortschritt. Und unsere Chance & Verantwortung, auch durch unsere eigene Aufmerksamkeit seriöse Wissenschaft & Wissenschaftsjournalismus zu stärken.

  8. Ob Sie Bhakdi oder Drosten, Schiffmann oder Nguyen-Kim für glaub- und beachtenswürdig halten, ist nun mehr denn je Ihre Wahl.

    Sicher nicht. Das war vor 5 Jahren noch so. heute ist das nicht mehr so. Und man kann das nur als echte Beschränkung der Freiheit erkennen, wenn heute immer mehr das Beschnitten wird, was sie einst auch lobten: diese digitale Landschaft der Informationszirkulation.

    Viele reden unentwegt davon, das seit Corona die Probleme sichtbar wurden. Dabei ist das natürlich auch nur eine perspektivische Diagnose. Wer vorher nicht genau hinsah, es jetzt tut, kommt dann natürlich auf die Erkenntnis,. das es jetzt schlimm wird. Neben dem Problem, das Hoffnung auf eine Rettung vor der Seuche nach jeden Strohhalm greift und dabei den Kardinalfehler begeht, das eigene Ego zu groß werden zu lassen.

    Das Gleiche gilt für den sogenannten Klimawandel.

    Was dann “Wahrheit2 genannt wird, ist dann letztlich auch nur die Ideologie des Siegers in der aufgebauten Konfrontation, dessen Kontext dabei vollkommen irrelevant ist, denn der Ausgang dieser oft als Sachfrage hervorgehobenen Szenerie wird an anderer Stelle entschieden. Die zustimmungen und Ablehnungen zum Thema sind dann nur Glaubensbekenntnisse, an denen man aus Sicht der Entscheider erkennt, wer wohzu gehört. Weil er glaubt oder eben nicht glaubt (an den falschen Gott glaubt).

    Und mich dünkt der Verdacht, das sie längst erkannt haben, welche Seite der Sieger ist und bekennen sich ohne Scham und ohne ethische Redlichkeit zu jeder Gelegenheit.

    Anstatt den Krieg zu ächten, der statgefunden hat und all das hervorgerufen hat, was sie kritisieren.

    Sie reden von Opfern und vom Kreuz der Wahrheit. Sagen sie mir: Ist es je auch nur von irgendeiner Relevanz gewesen, das sich Menschen zum Schicksal der Kreuzträger äußern, als wüssten sie alles besser?

    Ok, aus solchen redenden Menschen ist eine ganze Religion geworden (oder auch zwei oder drei). Aber aus diesen sind dann “Wahrheiten” entsprungen, die nicht mehr aussprechen, was diesen Kreuzträgern einst wiederfuhr. Und das dann auch noch im Duktus des antirassismus/Antisemitismus zu rpädigen, hat schon so seine Absurdität, wenn Rasse hier der einzige Faktor sei, der zur Wahrheit führt, wenn sie sich einst siegreich aus dem Krieg behaupten konnte.

    Noch schlimmer ist, das der Sieg auf einem Menschen beruht, der später geopfert werden wird, und zwar nur, weil er erwachsen wird. Das Kreuz, das sie hier als Last und Opfer beklagen, ist Teil der Strategie, die sie solche Beiträge schreiben lässt.

    Und versuchen sie mich nicht des Rassismus zu bezichtigen, denn die Wahrheit lässt sich nicht verbiegen. Sie loben den inteligenten Juden, gründen aber ihre eigenen Glaubensbekenntnisse auf einen “dummen Jungen” aus der jüdischen Familie.

    Mich würde interessieren, ob die Juden das gut heissen würden, wenn sie erführen, wie brutal und manipulativ mit ihnen gespielt wird.

    Die reale sozialethik des muslimischen Alltags-Seins dagegen scheint mir viel redlicher zu sein. Sie versucht nicht mit taktischen Ideologien am Fundament zu rütteln, sondern nur sich selbst in die Pflicht und in Schutz zu nehmen und erzeugt damit eine ganz andere Freiheit und Gerechtigkeit, als sie unter zuhilfenahme und Missbrauchs der Fundamente des Glaubens (und Wahrheit) manipulativ und eigennützig auf Kosten des Fundaments erzwungen wird.

    Lieben und ehren sie ihren Vater? Würden sie ihn vor sich selbst beschützen? Täten sie ihn gegen sich selbst auswechseln?
    Nein. Und doch tut der ewig siegende Habitus der Jesus-Anbeter genau das. Und redet sich ein, das richtige getan zu haben.

    • Nein, @Agambino – die wissenschaftliche Wahrheit wird nicht von den Siegern festgelegt, sondern die Anerkennung wissenschaftlicher Wahrheit trägt zum Gedeihen bei.

      Es gab und gibt keinen weltverschwörerischen „Krieg“ und niemand „spielt brutal und manipulativ“ mit „den Juden“.

      Sie haben sich für erlogene Verschwörungsmythen entschieden, leider. Doch diese bedeuten eben nicht, dass es keinen Ausweg und keine Wahrheit gäbe. Sie müssen sich nicht als Opfer erzählen, sondern könnten auch konstruktiv wirken.

      Es ist Ihre Entscheidung, jeden Tag neu…

      • die wissenschaftliche Wahrheit wird nicht von den Siegern festgelegt, sondern die Anerkennung wissenschaftlicher Wahrheit trägt zum Gedeihen bei.

        Das habe ich so generalisiert auch nicht gesagt. Als Religionswissenschaftler sollten sie den Komplex Glaube besser verstehen können.
        Und im Glauben ist alles Wahrheit. Und an der Stelle wird Wissenschaft selbst zur Theoplogie und Glaubenssystem, wenn die Inhalte diktiert werden.

        Und seit tausenden Jahren werden die Juden immer wieder zum Thema gemacht, obwohl man fast nie was von ihnen sieht und der Alltag für die meisten ohne sie stattfindet. Thematisierungen ohne Notwendigkeit (und das nicht falsch verstehen) hat so seine Kehrseiten.

        Ich kann allerdings auch kaum erkennen, was Lüge und Wahrheit ist, wenn diese Welt sich gar nicht mit den Komplikationen der Existenzen beschäftigt, sondern alles in schlichten Imperativen kulminieren lässt, worauf es letztlich nichts mehr zu sagen gibt. Ausser: so einfach ist das nicht.

        Ich würde ja gerne am Gedeihen mitwirken. Nichts ist fantastischer, als auf ein Werk zu schauen, an dem man beteiligt war.
        Ich befürchte aber, ich kann inzwischen wohl nichts mehr zu irgendwas beitragen. Aus gesundheitlichen Gründen.
        Und das wiederum ist Folge von undurchsichtigen Machenschaften, die an mir verbrochen wurden.

        • Nein, @Agambino, hier muss ich leider freundlich, aber klar widersprechen: Wer Glauben & Wissen nicht unterscheiden kann, kann auch keine Religionswissenschaft betreiben.

          Sollten Sie wirklich interessiert sein, warum sich Verschwörungsmythen so oft und global gegen Jüdinnen und Juden richten, so finden Sie hier eine religionswissenschaftliche Antwort als Text oder Ton:
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-folge-2-warum-immer-die-juden-warum-immer-israel-antisemitismus/

          Ihnen alles Gute, auch gesundheitlich!

          • Wer Glauben & Wissen nicht unterscheiden kann, kann auch keine Religionswissenschaft betreiben.

            Solch klar wertende Aussagen mag wohl nur derjenige in Gewissheit aussprechen können, der genau das nicht zu unterscheiden vermag.

            Kein Zweifel daran, was man zu wissen scheint, kein Zweifel daran, was man wissen kann und was nicht… beste Vorraussetzungen dafür, im Glauben zu sein.
            In dem Augenblick, indem sie Dritten glauben, sind sie Gläubiger im Sinne des Glaubens. Selbst, wenn eine hochkultivierte Wissenschaftslandschaft nach bestem Wissen und Gewissen (und Können/Know how) ihr Wissen zu generieren scheint. Alles, was sie sich “im Vertrauen” von Dritten aneignen, ist purer Glaube. Was sonst?

            Wissen ist, wenn man aus höchst eigener Erfahrung weiß, was ist und was geschieht, wenn irgendwas zueinander kommt. Und diese Erfahrung sich nie verändert.

            Und ok, das mag aufgrund der komplexität dessen, was Wissenschaft heute so alles bearbeitet, so sein können, das der Normalmensch im Glauben angeeignetes Wissen nie (oder nur seltenst) revidieren muß.
            Aber dieses Argument, das viele im Vertrauen angeeignete Gewissheiten verlässlich scheinen, zeugte dann nur davon, das man die Grundkomplikation nicht verstanden hat.

            Sie scheint zu banal zu sein, als das man ihr noch Aufmerksamkeit und Geltung zusprechen würde. Vertrauen ist gut, aber es entspricht nicht den konkreten Anforderungen an die Frage um Glaube und Wissen.

          • Lieber @Agambino,

            es ist mir nicht unsympathisch, den Glauben als Fürwahrhalten (belief) oder als Vertrauensbeziehung (faith) zu fassen. Was jedoch ins Chaos führt, ist die Vermischung beider Glaubensbegriffe. Das fühlt sich sicher sehr gelehrt an, führt nur leider zu nix. Auch im Gehirn werden Mustererkennungen und soziale Bezüge unterschiedlich bearbeitet.

            Ihnen alles Gute und eine erholsame Nacht!

  9. Und seit tausenden Jahren werden die Juden immer wieder zum Thema gemacht, obwohl man fast nie was von ihnen sieht und der Alltag für die meisten ohne sie stattfindet.

    Das ist nicht ihr ernst, oder?

    Während des 2. Reichs hatte sich die Regierung die Juden (und andere) als Feindbild ausgesucht und deren vollständige Vernichtung versucht. Das war auch duchaus sichtbar – auch im Alltag! (Spätestens, wenn der Laden nebenan brannte z.B.)

    Vor Jahrtausenden hatte das Christentum bei dem Versuch sich von seiner Ursprungsreligion zu emanzipieren die Juden als Feinde aufgebaut. Auch das ist/war deutlich sichtbar. sieh z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Antijudaismus

    uvm.

    Ganz sicher waren diese Dinge nicht gegen eine “unsichtbar” Gruppe von Menschen gerichtet. In der Regel ging es um Neid und/oder religiös motivierten Hass auf Andersgläubige.

    Und im Glauben ist alles Wahrheit.

    Was will diese Satz sagen? Auch im Glauben (egal welchen) gibt es Dinge, die für wahr gehalten werden und Dinge, die nicht für wahr gehalten werden ….
    Mit Wissen wie in Wissenschaft hat das aber nur sehr begrenzt etwas zu tun.

  10. Es ist zwar lustig, jetzt die alte protestantisch- intellektuelle Schiene zu fahren und (auch) das katholische Christentum auf den Popperianismus umpolen zu wollen.Doch wird es nie funktionieren. Denn wie aufgewecktere konservative Katholiken schon bemerkt haben, gibt es (leider) diese Theologie schon lange bei den evangelischen Entmythologisierern. Auch wenn diese dort etwas in den Hintergrund getreten sind. Da hilft auch Popper nicht viel weiter. Denn nur auf diese hat Popper sich bezogen, als er schrieb , dass er sich , wenn überhaupt (!!) nur mit Halbagnostikern wie Albert Schweitzer halbwegs arrangieren könne.

    Ach, und weil wir gerade bei Popper sind : Es gibt auch ganz andere Popperianer. Nämlich (fast-) libertäre QUERDENKER (!!) aus der Schweiz. Siehe da bei “Milosz Matuschek” und dessen Webauftritt namens “Freischwebende Intelligenz”. Dort schreibt er das Folgende:

    Das Intellectual Dark Web ist zu dem Ort geworden, wo heute der Poppersche „Kritische Rationalismus“ am breitenwirksamsten praktiziert wird, der in etwa aussagt:

    „Ich weiß es nicht, du weißt es nicht, aber zusammen nähern wir uns vielleicht etwas, was man Wahrheit oder Erkenntnis nennen kann.“

    Erkenntnisgewinn als Reise; Protagonisten, die sich als Seilschaft bei einer intellektuellen Höhenkletterei verstehen und den Zuschauer dabei nicht bevormunden – offenbar fehlte ein solches Format in Zeiten von Proporzdenken und scripted reality und stillt eine Sehnsucht des Publikums.

    • Ja, @little louis – wie auch Liberale bzw. Libertäre ohne ein selbstkritisches Verständnis von Popper abstürzen, war ja sogar Thema einer eigenen und sehr erfolgreichen Podcast-Folge:
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/verschwoerungsfragen-35-karl-popper-und-george-soros-zwischen-liberalismus-und-verschwoerungsglauben/

      In den kommenden Tagen dürfte das Thema auch medial wieder eine größere Aufmerksamkeit finden.

      Dass sich Popper in seinen Christentum-und-Kreuz-Ausführungen in der “offenen Gesellschaft” ausdrücklich nicht auf Albert Schweitzer, sondern auf das Schicksal der römisch-katholischen Kirche bezog, gehörte zur Überraschung beim Lesen des Originalwerks (sollten Sie ggf. auch mal oder mal wieder versuchen! Lohnt sich!) – zumal Popper selbst ja evangelisch getauft war. Den massiven Reformbedarf gerade auch in der römisch-autoritären Kirche sehen nahezu alle meiner Freund:innen, die ihrer Kirche noch treu geblieben sind. Viele denken über Austritt, einige über Übertritt nach.

  11. @
    Wolfgang Richter
    07.02.2022, 19:43 Uhr

    Die aktuelle Situation “der Wissenschaft” nicht schlecht zusammengefasst. Vielleicht aber ist es schon seit Jahrzehnten so.

  12. Zum Beitrag von :
    Paul S
    06.02.2022, 02:32 Uhr

    Eine wahrhaft grandiose Analyse. Mit Ausnahme der letzten fünf Absätze, denn da ist der Spekulatius (oder auch nur die litrarische Begabung) mit ihm durchgegangen.

    Andere weiten sowas noch etwas aus und verkaufen es im “Selbstverlag” bei A.. oder finden sogar einen kleinen Alternativverlag.

    Man sieht: Ich bin beeindruckt. Besonders auch davon , wie treffend sowohl politisch – soziologische aber auch “wissenschaftliche” Sachverhalte kurz zusammengefasst wurden. Mit am besten gefällt mir auch das Folgende:

    Wenn Wissenschaft zur Religion wird, werden Wissenschaftler zu Priestern. Das äußert sich einerseits in nervtötender klerikaler Mentalität, bei der manch einem mehr daran gelegen ist, Dogmen zu schützen, als Erkenntnis zu gewinnen – Wissenschaft ist die Kirche des Zweifels, nicht des Wissens, sie ist zum ewigen Fragen verdammt, während sie sich aus einer Welt in die nächste hinauswühlt, denn all unsere Paradiese sind aus Paradiesen gebaut, und jedes hat so seine eigenen Gesetze, die auf einer höheren Ebene relativiert und verallgemeinert werden müssen, weil sie nur lokale Interpretationen höherer Gesetze sind. Andererseits wird sich alles, was gehört werden will, als Wissenschaft kleiden, ob wahr oder falsch – so ähnlich, wie früher alles „Gottes Wille“ war. Und natürlich gibt’s immer Tendenzen zum Lysenkoismus – am stärksten ausgeprägt wohl in der Ökonomie, wo immer irgendwie die Theorien wahr sind, die gerade den Reichen das meiste Geld einbringen. Wie gesagt – Bauern kennen das Spielchen seit vielen, vielen tausend Jahren. Diejenigen, die nicht ein paar Immunreaktionen entwickelt haben, sind per Hunger und Peitsche aus dem Genpool entfernt worden.

    • Tja, @little louis – es tut mir Leid, auch hier auf die Fehler Ihres Verschwörungsglaubens hinzuweisen: Es entwickelten diejenigen bleibende Antikörper gegen die Pandemien, die sie überlebt hatten. Schon die Pocken töteten und verstümmelten Abertausende, bis sie endlich durch Impfungen gestoppt und schließlich ausgemerzt wurden. Und auch gegen diese – und gegen die Pocken-Impfpflicht in Bayern 1807 – gab es erhebliche Widerstände.

      Bei Covid19 haben Genesene nicht einmal eine dauerhafte Immunität – und täglich sterben alleine in Deutschland zahlreiche Menschen, die durch eine Impfung hätten überleben können.

      Aber so “little” Sie sich auch machen wollen: Ich traue Ihnen zu, dass Sie eine verantwortungsvolle Wahl zwischen Wissenschaft und Verschwörungsmythen zu treffen vermögen. Zumal all die bösartigen Vorhersagen über Zigtausende “Impftote” etwa am 15. September grandios gescheitert sind. Wer jetzt noch immer Verschwörungsmythen verbreitet, kann sich nicht auf Unwissen berufen.

      • Bei Covid19 haben Genesene nicht einmal eine dauerhafte Immunität

        Randbemerkung: Aktuell ist der im Dezember geboosterte Prinz Charles zum zweiten Mal infiziert. Also genesen und geimpft. Allerdings trotz hohem Alters kein schwerer Verlauf.

        • Genau darum geht es, @Alubehüteter. Das Virus wird endemisch & Impfungen schützen nicht vor Ansteckungen, sondern v.a. vor schweren Verläufen und Todesfällen. Habe durchaus gesteigerte Sorgen vor Mehrfach-Erkrankungen Ungeimpfter…

  13. “….Dass sich Popper in seinen Christentum-und-Kreuz-Ausführungen in der “offenen Gesellschaft” ausdrücklich nicht auf Albert Schweitzer, sondern auf das Schicksal der römisch-katholischen Kirche bezog, gehörte zur Überraschung beim Lesen des Originalwerks (sollten Sie ggf. auch mal oder mal wieder versuchen! Lohnt sich!) – zumal Popper selbst ja evangelisch getauft war. …”

    Nun, ich habe weder abgestritten , dass Popper “evangelisch” (getauft) war, noch habe ich behauptet, dass das mit Albert Schweitzer in einer der beiden “Offenen Gesellschaften” zu finden ist.
    Ich weiß schlicht gerade nicht mehr genau, obs dort oder in einem der autobiografischen Texte steht.
    Ach übrigens, kennen Sie das Folgende aus Seite 149 in ” Ausgangspunkte”:
    (Ichzitiere ganz kurz):
    “… In der Überzeugung, dass Freiheit und volle Gleicheit nun Wirklichkeit geworden seien, entschieden sich viele Juden beruflich für die Politik und den Journalismus, was wohl verständlich, aber nicht vernünftig war. Es geschah meist in der besten Absicht; aber der Zustrom der Juden zu den Linksparteien trug zu deren Niedergang bei. Offenbar konnte ein guter Sozialist, der zufällig jüdischer Herkunft war, seiner Partei am besten dienen, indem er nicht versuchte, in ihr eine prominente Rolle zu spielen. Es ist merkwürdig, dass nur wenige an diese naheliegende Regel dachten….”
    (Zitatende, Hervorhebung im Original)

    Oder auf Seite 147:
    “.. Jeder Nationalismus oder Rassismus ist von übel, und der jüdische Nationalismus ist keine Ausnahme…” (Zitatende)

    Das werden die (vor allem israelischen) zionistischen Nationalisten, denen Sie so oft beistehen, gar nicht so gerne hören.

    Quelle: Karl Popper. Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung.Zweite Auflage 1982, Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1979. Texte von 1974 – 1982

    Es grüßt

    Little Louis

    • Merken Sie Ihre eigene Besessenheit mit allem antijüdisch Verwendbaren eigentlich noch, @little louis? Ob sich Popper entlang Ihrer Vermutung in der „Offenen Gesellschaft“ auf Schweitzer berief, ist Ihnen entfallen. Aber Textstellen, mit denen Sie gegen Zionisten sticheln können – die finden Sie im Schlaf bzw. haben Sie abgespeichert.

      Wie traurig – für Sie…

      Gute Besserung, von Herzen! 🙌

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