Die großen Fragen der ZEIT zum Weltfrieden – Warum gibt es auch unter Gebildeten immer noch Rassismus?

Heute ab 12 Uhr diskutiere ich mit Sybille Klormann (ZEIT), Ali Arbia (scienceblog “Zoon politicon”) und Thomas Grüter (scilog “Gedankenwerkstatt”) auf einem ZEIT-Liveblog über die “Grosse Frage Weltfrieden”.Schaut doch bitte mal bei diesem spannenden, medialen Experiment vorbei!

Das Logo der ZEIT-Serie zu den grossen Fragen der Wissenschaft.

Klar möchte ich dabei religionswissenschaftliche Perspektiven einbringen, aber in diesem Blogpost auch schon mal eine Frage beantworten: Warum gibt es immer noch Rassismus, auch unter Gebildeten?

Tatsächlich hatte ich mich mit dieser Frage bereits intensiver befasst, als meine Frau Zehra und ich gefragt wurden, ob wir bereit wären, Paten für “Schule ohne Rassismus” beim Robert-Mayer-Gymnasium Heilbronn zu werden. Aber eine Schule von Homo sapiens ganz ohne Rassismus – kann es das jemals geben?

Die Antwort ist: Nein und Ja.

Nein, denn einerseits sind wir Menschen nun einmal Säugetier-Primaten – und erben von unseren Vorfahren also auch biologisch uralte Veranlagungen zur Fremdenfurcht. Insbesondere unter Primatenmännchen und Menschenmännern entstehen schnell Konkurrenzängste um Güter und Beziehungschancen. Das ehrlichste, ängstlichste und in gewissem Sinne auch traurigste aller rechtsextremen Flugblätter soo einst getextet haben:

Heute stehen sie an Deiner Maschine, morgen liegen sie bei Deiner Christine.

Gibt es dennoch Chancen, gegen Rassismus vorzugehen?

Ja, denn diese Fremdenfurcht ist ein sogenannter “Atavismus, ein heute nicht mehr funktionales Überbleibsel der urmenschlichen Vergangenheit. Über zehntausende Generationen hinweg haben unsere Vorfahrinnen und Vorfahren mehr Neugier und Kooperationsbereitschaft auch gegenüber Neuen und Fremden evolviert – nicht, weil ihnen dies “linsgrünversiffte” Oberprimaten so eingetrichtert hätten, sondern weil es auch biologisch vorteilhaft war: Gewalt und Inzucht reduzierte, Kooperations- und zunehmend auch kulturelle Lernchancen eröffnete, die Bildung größerer Gruppen, Stämme und sehr viel später Staaten und Staatenbünde ermöglichte.

Kein Schimpanse könnte einen Bus mit nichtverwandten Artgenossen besteigen, keine Gorillamama ihr Kind in eine Schule schicken, ohne dass es zu Gewalt und Blutvergießen käme! Unsere Vorfahren wurden sozialer, toleranter und intelligenter, indem sie auf Kooperation statt Konfrontation setzten!

Was der studierte Theologe Charles Darwin bereits erkannte, “Sozialdarwinisten” bis heute aber nicht erfassen oder erfassen wollen: Spieltheoretisch gesehen setzen sich im Evolutionsprozess immer wieder kooperative Strategien gegenüber feindseligen Konfrontationsstrategien durch. Es geht in der Evolution nicht nur ums Überleben, sondern auch ums “Überlieben”.

Und auch heute wenden sich vor allem jene Menschen rassistischen Argumenten und Bewegungen zu, die sich vom Globalisierungstrend wirtschaftlich, kulturell oder auch einfach psychologisch bedroht erfahren. Staaten wie Japan, Polen oder Ungarn, die sich besonders stark gegen Zuwanderung aller Art abschotten, werden dadurch jedoch keineswegs erfolgreicher, sondern weisen besonders niedrige Geburtenraten, die Abwanderung gerade auch gebildeter und weltoffener Menschen und auch geringere, wirtschaftliche Dynamik auf. Eine gute Zukunft ist eben nicht in der Vergangenheit zu finden, weder biologisch noch kulturell.

Bildung ist ein Teil der Lösung, wenn auch nicht unverwundbar

Und so schließt sich also der Kreis: Kultur und Bildung können nicht absolut vor Fremdenfurcht und Rassismus schützen. Es wird immer auch Menschen geben, die gerade auch ihre Intelligenz und Bildung einsetzen, um sich selbst und andere rassistisch zu verführen und den “Thrill” von Ausgrenzung und Konfrontation in Gruppen zu genießen.

Doch gerade auch interdisziplinär gebildete Menschen werden zu einem höheren Anteil nicht nur das Wissen, sondern auch die Erfahrungen gewinnen, dass vielfältige Gruppen seit Jahrmillionen stärker, interessanter und letztlich auch erfolgreicher sind als Abschottung und Hass. Schulen ganz ohne Rassismus wird es wohl auch in naher Zukunft nicht geben können – doch als Ideal entfalten sie ihre Kraft, fördern Liebe und Leben, Kreativität und Frieden…

“Islam in der Krise” – Die dritte Auflage ist erschienen

Abschließend möchte ich mich auch an dieser Stelle bei allen Interessierten für die große Nachfrage nach “Islam in der Krise” (Patmos) bedanken – gestern erreichten mich die ersten Exemplare der dritten Auflage, die nun auch in den Buchhandel geht…

Die dritte Auflage von “Islam in der Krise” geht in den Handel. Foto: Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich befürchte das Fremdenfeindlichkeit kein Atavismus sondern ein Rudiment ist, also nicht nur vereinzelt auftritt, wie zusätzliche Brustwarzen, sondern weitverbreitet ist, wie der Darwinhöcker am Ohr.
    Gerade dieses idiotische Wort “Umvolkung” zeigt für mich, dass es um die Angst geht, aus der eigenen Horde ausgegrenzt zu werden bzw mit der Klein-Horde aus der Super-Horde.
    Diese Ausgrenzungsangst ist auch ein Teil der Furcht vor Robotern/KI. Auch die können uns eventuell bei der Arbeit oder im Bett ersetzen. Wobei Mann wohl nur das erste fürchtet, aber hofft, daß die Sexpuppe demnächst auch die Wohnung saubermacht.

  2. Ist es rassistisch, wenn mich das Arbeiten in fremden Kulturen (Ausland) nervt?
    Ich möchte z.B. nie wieder in einem arabischen Land arbeiten müssen.
    Genauso verstehe ich, wenn Angehörige anderer Kulturen in Deutschland die Krise kriegen und Angesichts eines deutschen Volksfestes entsetzt das Weite suchen.
    Lassen wir uns doch einfach gegenseitig alle mehr in Ruhe.

    • Nein, @Wonko – ich kann in Ihren Ausführungen keinen Rassismus erkennen. Zur Freiheit gehört auch, sich von kulturellen Zusammenhängen fernzuhalten – ob Bierzelten, Buchmessen oder Beirut. Und oben sehen Sie doch auch, dass selbst bohrende Kritik nicht rassistisch sein muss, vgl. „Islam in der Krise“.

  3. Rassismus ist eine ganz dumme Sache, sie sollte durch den möglichst sinnhaft bearbeiteten Kulturalismus ersetzt werden, wenn es um andere, kulturferne sozusagen oder “anderskulturige” geht und um die Kritik an Kultur an sich.
    Kulturkritik darf dann wiederum nicht als Rassismus verunglimpft werden.

    Leider ist es so, dass Kulturkritik im politisch konservativen (“rechten”) Kreis oft noch rassistisch angehaucht ist, auch wenn dem nackten Rassismus dort dankenswerterweise abgeschwört scheint, und im politisch linken Kreis, Kollektivisten mit internationalistischem Anspruch bleiben gemeint, Kulturkritik selbst als rassistisch verunglimpft wird, teils auch mit sozusagen autorassistischer Intention.

    Hier kann nur mit präziser Unterscheidung herausgekommen werden, zuvörderst erkennend, dass Kultur keine Rassen meint.
    Vielleicht sollte der Rassenbegriff bestmöglich aus den Debatten herausgenommen werden, denn er richtet im benevolenten wie im malevolenten Sinne nur Schäden an. [1]

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1]
    Wer will, kann in diesem Sinne, gerade auch wenn er anerkanntermaßen gänzlich frei von Rassismus steht, wie der hiesige Herr Dr. Ludwig Trepl (R.I.P.), arbeiten :
    -> https://scilogs.spektrum.de/landschaft-oekologie/menschenrassen-gibt-es-doch/
    Wenn dies biologisch / ökologisch / medizinisch irgendwie von Nutzen ist, gerne dabei jegliche gesellschaftliche Relevanz ausschließen.
    Es könnte insbesondere medizinisch so sich ein Sinne und weitere Anwendung ergeben, diese Möglichkeit soll nicht per se ausgeschlossen werden.

      • Ist es eigentlich auch “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit”, wenn jemand gezielt die Autos von AfD-Mitgliedern anzündet, oder jemand anderes pauschal Sachsen als “dunkeldeutsches Pack” verunglimpft?

        • Ja, @Störk – auch das ist gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Freilich ist es natürlich ein Unterschied, ob eine Gruppe frei gewählt wurde oder nicht. So kann ich selbstverständlich die Verhaftung von Mitgliedern von Terrorgruppen wie der früheren RAF oder des so genannten “Islamischen Staates” fordern, da sich diese Gruppe gemeinschaftlich zu kriminellen Taten verabredet hat. Pauschal aber gegen alle Homosexuellen, alle Männer oder alle Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe vorzugehen wäre dagegen von den Taten und Entscheidungen der Betreffenden völlig losgelöst und also menschenverachtend.

  4. Sehr geehrter Herr Blume,
    Sie konstatieren in Ihrem Text hier,dass vor allem Bildung vor atavistischen Denken schützen könne, beantworten dannaber Ihre Eingangsfrage mit der Feststellung, dass es

    “… immer auch Menschen geben, (werde) die gerade auch ihre Intelligenz und Bildung einsetzen, um sich selbst und andere rassistisch zu verführen und den “Thrill” von Ausgrenzung und Konfrontation in Gruppen zu genießen…” (Zitatende)

    Da kämpft jetzt mein evolutionärer Konsensualismus mit meiner evolutionär- atavistischen Angriffslust und ich kann nicht umhin, Ihnen eine Gewisse Widersprüchlichkeit in Ihrer Argumentation vorzuwerfen. Was mich allerdings bei Ihrer Neigung zu theologischen Zweideutigkeiten auch nicht gerade überraschtn hat.

    Falls ich mich zum Besuch einer CDU- Vortragsveranstaltung mit Ihnen demnächst im Odenwalde überwinden kann, kann ich dort ihre argumentative Kosistenz eventuell ja sogar live bewundern. (-:

    • Sehr geehrter Herr Schaber,

      oh ja – gerade auch der von Ihnen halb-scherzhaft geschilderte „innere Kampf“ ist evolutionspsychologisch völlig zu erwarten! 🙂

      Unser Gehirn bearbeitet ständig widerstreitende Impulse und Gefühle, weswegen auch unsere Alltagssprache voll von entsprechenden Metaphern ist („sich unter Kontrolle haben“, „die Sau rauslassen“, „den inneren Schweinehund überwinden“, „sich nicht mehr im Griff haben“, „keine Panik!“, „Ausraster“ usw.) All dies beschreibt das Austragen innerer Widersprüche mit jeweils tiefen, evolutionären Wurzeln.

      Bildung stärkt für gewöhnlich die Affrktkontrolle, wirkt aber nicht unbegrenzt. So gibt es auch gebildete Kriminelle, Diktatoren, Rassisten usw. – die meist besonders ausgefeilte Rechtfertigungen für ihr Tun entwickeln.

      Bleiben Sie mutig auch im Erkennen, herzliche Grüße! 🙂

      • Na klar! Mein Drang zur Erkenntnis kann einzig und allein evolutionspsychologisch erklärt werden:
        Ich bin mutig , weil ich so evolviert wurde. Wäre ich nicht so evolviert worden, wäre ich ja nicht so mutig Denn was für einen anderen Grund für meinen Mut, als die Evolution, könnte es denn sonst geben! Ein absolut zwingender logischer Schluss, wie jeder wohl sofort einsehen muss. So einfach gelangt man in den Besitz der wahren Erkenntnis. (-:
        Ich hoffe, auch Sie bleiben weiter mutig im erkennen.
        Grüße
        L.S.

        • Ganz so einfach ist es natürlich nicht, lieber Herr Schaber: Die Evolutionstheorie bezieht ihre Vailidität nicht aus Zirkelschlüssen, sondern aus dem Umstand, dass sie Befunde ganz verschiedener Wissenschaftsdisziplinen wie Biologie, Geologie usw. so gut wie keine andere zu verbinden vermag. Und, ja, wenn wir annehmen, dass auch die Menschen Produkte der Evolution sind, so liegt nahe, dies für alle Organe und also auch das Gehirn samt seiner psychischen Funktionen anzunehmen. Dabei bleibt nicht nur die Evolutionstheorie insgesamt, sondern auch jede einzelne These darin immer wieder überprüf-, widerleg- und also auch verbesserbar.

          Morgen (22.10.) um 8:35 Uhr sendet der Deutschlandfunk übrigens ein Radiostück von mir zu Antoinette Brown Blackwell, einer Kollegin Charles Darwins, die ihm in Fragen der sexuellen Evolution von Mann und Frau widersprach und am Ende Recht behielt. Wird auch hier auf dem Blog verlinkt, klar.

  5. Ich möchte Herrn Dr. Blume meinen herzlichen Dank aussprechen für die Tatsache, dass er sich mit dem Inhalt der Schrift ( „The Sexes throughout Nature – Die Geschlechter in der Natur“, von Antoinette Brown Blackwell auseinandergesetzt hat.
    Schade, dass man das Buch nicht kaufen kann, würde gerne mehr Klarheit darüber gewinnen, inwiefern sie Darwin widerlegt hat. – Und dann, dass später , nachdem man die Autorin ins Abseits gedrängt hat und “gezielt” (?) vergessen hat, ein männlicher Autor die gleiche Entdeckung machte, welche nun anerkannt ist.
    Sie, Herr Dr. Blume, sind ein Mann, und Sie setzen sich so energisch ein für die gleichsam Wiederherstellung der Wahrheit und die Ehrung dieser Frau. Chapeau!!!
    Regina Zern

    • Vielen lieben Dank für diese Rückmeldung, liebe Frau Graf/Zern!

      Tatsächlich gehe ich normativ davon aus, dass jeder Mensch ein Recht auf die Anerkennung der eigenen Leistungen haben sollte. Mir ist völlig klar, dass sich das nicht universal durchsetzen lässt – aber das hindert doch nicht, das Mögliche zu tun, hier für Frau Brown Blackwell.

      Darüber hinaus bin ich (auch aus Erfahrung) fest davon überzeugt, dass vielfältige Teams zwar aufwändiger zu organisieren sind, aber in der Summe mehr Erkenntnisse und bessere Ergebnisse erzielen. So hat jedes Milieu seine “blinden Flecken” – und eine Wissenschaftskultur, die Frauen systematisch ausschließt, wird schlechtere, verzerrtere Ergebnisse hervorbringen als eine, in der Frauen und Männer verschiedenster Herkunft und Weltanschauung fair zusammenwirken. Wie wir am Beispiel der o.g. Diskussion um die Biologie sehen können, trifft dies ausdrücklich auch auf Naturwissenschaften zu!

      Zur Evolutionsdebatte und -forschung von Antoinette Brown Blackwell und zeitgenössischer Mitstreiterinnen ist in den USA jüngst ein neues Buch erschienen, das ich mir ebenfalls bereits vorgemerkt habe: “From Eve to Evolution” von Kimberly A. Hamlin. http://press.uchicago.edu/ucp/books/book/chicago/F/bo17934003.html

      Ihnen nochmal Danke für Ihr Interesse und Ihre freundliche Rückmeldung! Bitte helfen Sie mit, Antoinette Brown Blackwell und ihre Arbeiten etwas bekannter zu machen! 🙂

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