Lesung im Bunten Bücherladen Filderstadt & 2021-Debatte auf der Buchmesse Leipzig

Als Vorschul-Kind erkrankte ich schwer und verbrachte lange Wochen im Krankenhaus, musste danach wieder vieles lernen. Doch in diesen Zeiten voller Infusionen und Schmerzen brachte ich mir mit Asterix-Heften auch das Lesen bei und entdeckte die unendlich weite und tiefe Welt des Alphabetes. Aus kaum 30 Zeichen ließen sich alle Arten von Welten bereisen!

Meine Mutter arbeitete als Krankenschwester, mein Vater als Zeitungsausträger, Fabrikarbeiter und später Büroangestellter. Obwohl – und weil – wir eine Arbeiterfamilie bildeten, lasen sie und ermutigten mich immer darin, auch selbst viel zu lesen. Bücherwünsche wurden wenn immer möglich via erfüllt, schon in der Grundschule hatte ich einen Bibliotheksausweis und sobald ich selbst als jugendlicher Zeitungsausträger Geld verdiente, wurde ich endlich Stammkunde beim “Bunten Bücherladen” in Filderstadt-Bernhausen. Ehrensache, dass ich “Ja” sagte, als mich der BuBü-Eigner Uli Straub bat, 2018 gemeinsam mit der VHS und Stadtbibliothek mein “Islam in der Krise” vorzustellen und zu signieren.

Auch “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” und “Verschwörungsmythen” hätte ich gerne in diesem Rahmen präsentiert, doch die Covid19-Pandemie verhagelte uns immer wieder Termine. Hatte ich bisher gerne auf Lesungen Bücher signiert, so konnten wir nun immerhin organisieren, dass signierte Exemplare über den “Bunten Bücherladen” deutschlandweit versandt werden konnten.

Anfang des Jahres entschlossen wir uns dann, ein neues Format auszuprobieren – eine digitale Lesung “in” der Buchhandlung, mit auch etwas persönlichem Charakter. Statt eines Honorars bat ich um Spenden an die Beratungsstelle Zebra, Freiburg – denn bei Walulis in SWR3 hatte ich zuletzt erläutert, warum ich derzeit für Verschwörungsgläubige und ihre Angehörige eine besonders schwere Zeit sehe. Über 60 Interessierte hatten sich angemeldet und nach der halbstündigen Vorstellung diskutierten wir eine weitere halbe Stunde (aus Datenschutzgründen aber nicht aufgezeichnet). Sorry für die kleinen Kamera-Probleme am Anfang. 🙂

Heute morgen ging es dann auch gleich weiter: Zur Leipziger Buchmesse diskutierte ich mit Lena Gorelik (“Wer wir sind”) und Sylvia Löhrmann (Generalsekretärin des Vereins „321-2021: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“) über jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus bei #leipzigstreamt.

Generell habe ich die Hoffnung, dass die Digitalisierung das Bücherlesen nicht ersetzen wird, sondern dass sich gegenseitige Wechselwirkungen ergeben werden: Aus Büchern gewinnen wir neue, tiefere Inhalte für die digitale Welt, die über shiny Oberflächen hinausweisen. Und in digitalen Welten können wir wiederum Bücher und auch die Autorinnen und Autoren dahinter entdecken – ebenso übrigens wie einander als Leserinnen und Leser, etwa über Rezensionen und Diskussionen. Als Positivbeispiel schließe ich mit “Melanie” vom YouTube-Kanal “Bücherliebe”, deren Rezension zu “Islam in der Krise” auch mich als Autor berührt und bewegt hat.

In das übliche “Oh, die Welt geht unter, die Deutschen lesen nicht mehr und die Neudeutschen schon gar nicht!” möchte ich in dieser pauschalen Form also nicht einstimmen. Ich habe die Hoffnung, dass wir als Deutsche – welcher Religion, Weltanschauung, Herkunft und Hautfarbe auch immer –  in Zukunft die Vielfalt der Medien sogar eher mehr als weniger schätzen werden – und dass Bücher intensiv dazugehören werden. Und den kleinen Teil, den ich dazu beitragen möchte, den möchte ich als Autor, auf Buchmessen & Lesungen und im “Bunten Bücherladen” meiner Kindheit auch gerne weiter leisten.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

18 Kommentare

  1. Generell habe ich die Hoffnung, dass die Digitalisierung das Bücherlesen nicht ersetzen wird, sondern dass sich gegenseitige Wechselwirkungen ergeben werden

    Mich gruselt es eher davor.

    Amazons Swindle trackt längst unser Leseverhalten. Wann legen wir ein Buch zwischenzeitig weg, wann brechen wir die Lektüre ganz ab, wann lesen wir hektisch eine Seite nach der anderen. KI wird längst trainiert, uns Beethovens 10. Sinfonie zu komponieren. Dem Vernehmen nach können selbst Fachleute Klavierstücke eines KI-Chopin kaum mehr unterscheiden von solchen des echten. Werden künftig KI-Romane Menschen so einspinnen können wie uns der Herr der Ringe oder die Harry Potter-Romane?

    Ja, ich weiß Jugendbücher wurden einst verunglimpft – Das abschreckende Bild des blassen Stubenhockers. Comics galten einest als Schundhefte, heute sind sie anerkannte Kunst. Gegenwärtig ziehen viele noch über Computerspiele her, die längst den Umsatz Hollywoods übertreffen. Aber diese Entwicklung hat dann doch auch für mich vorläufig etwas Frankensteinhaftes.

    • Danke, @Alubehüteter. Sie haben aber schon bemerkt, dass ich meine Lesungen honorarfrei bewusst bei einem lokalen Buchladen & gerade nicht bei einem multinationalen Konzern gegeben habe? 💁‍♂️📚🇩🇪🇪🇺

      • War mir auch aufgefallen, finde ich ja löblich 😊

        Aber behagt Ihnen der Gedanke, daß in 30 Jahren die Amazon Cloud Ihre Bücher schreibt? – Ich weiß noch, wie ich meiner Mutter vor 15 Jahren erklärt habe, daß Übersetzungsprogramme niemals werden zufriedenstellend übersetzen können, weil sie grundsätzlich keinen Sinn verstehen und in einer anderen Sprache werden wiedergeben können. Namentlich englische Seiten übersetzt der Chrome-Browser mir heute oft so flüssig, daß man ihnen wirklich nicht mehr anmerkt, daß sie nicht ursprünglich auf deutsch verfaßt sind. Türkisch, russisch zufriedenstellend; es stolpert zwar, ist aber verständlich.

    • Die genannten Tracking-Probleme kann man ja nach wie vor umgehen, indem man Bücher aus bedrucktem Papier liest 🙂

      Und wenn und falls ein KI-Roman sich tatsächlich dem Vergleich mit den genannten Reihen stellen kann, dann empfinde ich das als Gewinn, weil ich dann eben einen weiteren fesselnden Roman lesen kann. Wieso es ein Problem sein soll, das dieser von einer KI verfasst wurde, ist mir nicht klar (außer dass atmende Autoren möglicherweise durch zu gute KI-Konkurrenz unter Druck gesetzt werden könnten, aber das sehe ich wenn dann doch eher in fernerer Zukunft).

      All die anderen genannten Erzählformen (Jugendbücher, Comics und Computerspiele) schätzte ich schon immer und immer noch. Vielleicht macht mir ein KI-Roman auch deshalb keine Angst? Ich teile auch die gelegentlich geäußerte Auffassung (z.B. hier: https://www.zeit.de/kultur/2020-05/videospiele-gaming-coronavirus-pc-spiele-konsole-erzaehlungen?utm_referrer=https%3A%2F%2Fstartpage.com%2F), dass die großen Epen unserer Zeit – neben Kinofilmen und Serien – auch im Bereich der Computerspiele zu finden sind.

      Eine andere Sache ist der Vertriebsweg – die Gretchenfrage der Buchhandlung: Klein und lokal oder riesig und digital? Tatsächlich empfinde ich die Internetriesen aufgrund einiger ganz klarer Vorteile (allein schon die gigantische Auswahl, von der man sonst nie erfahren würde) durchaus als Bereicherung – ihre Datensammelwut hingegen weniger. Zudem hat auch die lokale Buchhandlung einige Stärken, die der Internetriese nicht haben kann (z.B. den “Algoritmus” namens Buchhändler, mit all seiner Erfahrung und seinem menschlichen Einfühlungsvermögen – man kann hier Beratungserfahungen machen, die dem Internetriesen bei all seinen Algoritmen völlig abgehen). Deshalb möchte ich beides nicht mehr missen.

  2. @Überwachung und Kommerz

    Immerhin kann man Bücherlesen nicht tracken, und auch Blogs wie dieser und eigene Webseiten werden weniger getrackt als E-Books von Amazon. Auch fördert die fehlende Paywall den kulturellen Austausch.

  3. Feedback zum audiovisuellen Dokument “Lesung im bunten Bücherladen” :

    Das Format scheint mir OK zu sein, das Ambiente ebenfalls, ein freundlich wirkender Herr sitzt vor einem freundlich wirkenden Hintergrund, gut anzuschauen, ca. 30 Minuten überlasten nicht und zudem scheint mir auch die Sprachlichkeit iO gewesen zu sein.
    Es ist tatsächlich wichtich (mittelniederdeutsch) zu schreiben, um Gedanken ordnen zu können.
    Nickelig nachhaken in Einzelpunkten werde ich nicht, vielen Dank für die wie oben gemeinte öffentliche Bereitstellung.

    Mit freundlichen Grüßen und weiterhin viel Erfolg, auch in Ihrem Amt, Herr Dr. Michael Blume, auch privat und so
    Dr. Webbaer

  4. Ich stimme Ihnen @Michael Blume vollkommen zu; weniger kann mehr sein oder aber mehr eben mehr.

    Seien Sie dabei gewiss, dass auch hier klar ist, wozu intendierte Interdisziplinarität in einem Wissenschaftsblog führen könnte.

    Fragte ich: “worin eigtl bestehen Unterschiede zwischen einer Menora und Armleuchtern” – aber das tue ich ja nicht.

    Wir sehen: Mehr kann durchaus als Weniger wirken.

    Und: bunte Bücherstände müssen nicht unbedingt weniger im Sinne eines Mehr sein.

    Eigtl kann man nicht nur heutzutage froh sein, sich nicht vorschnell verschubladed zu sehn, finde ich.

    Mit besten Grüssen für Sie und Ihre von mir unerschütterlich für exzellent erachtete Arbeit, auch wenn meine Bemerkungen den Anforderungen eines seriösen Wissenschaftsblogs nicht zu entsprechen vermögen könnten.

  5. um auch das zu erläutern:
    mein Nickname donald mueller in Ihrem Blog resultierte damals, 2017 aus
    der Veröffentlichung von „Islam in der Krise“.

    Nichtzuletzt, um einer damals imao absehbare Heiligung des Vulgären in Form der politischen Figur des 45sten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika (aka USA) ua auch Rechnung zu tragen.

    Ich finde den Ansatz zu einem „Islam in der Krise“ nachwievor für erörternswert: nicht nur btw weil er auch auf eine krisensbehaftet wirkende Lage des Christentums aufmerksam macht, sondern weil er „religio-bedingt“ auf komplette Unklarheit darüber aufmerksam macht, wie sich Religion zu technischer Intelligenz künftig zu positionieren zu beabsichtigen wirken möchte: nämlich technische Intelligenz, als „Teufelswerk“ verunglimpft. als Ticket in so etwas wie voraufkläerisch intendiert wirkende Gesellschaftentwürfe benutzen zu wollen -> …

  6. “Lassen Sie uns einmal allein sein, ohne Bücher, und wir werden sofort in Verwirrung geraten und ratlos sein und nicht wissen, wo wir uns anschließen und was wir festhalten sollen, was wir lieben und was wir hassen, verehren und verachten sollen.” (F.M. Dostojewski, Aufzeichnungen aus dem Untergrund, Leipzig 1976, S. 192)
    Schöner und pointierter kann man den Wert guter Bücher wohl kaum beschreiben. 📚

  7. … wobei sich ein Meer von Büchern angesichts sich zusehends abzeichnender Sprachlosigkeit ggf auch nicht gerade als lucky strike erweisen könnte…

    • Das stimmt, @donald müller. Deswegen kommuniziere ich seit Jahren und nach Kräften auch via Blog, Twitter, Radio, Zeitungen, Podcasts…

      Dennoch halte ich das Buch als Medium für besonders wichtig und wertvoll.

      • Das geschriebene Wort @Michael Blume wirkt auch auf mich als eine der wesentlichsten Errungenschaften nicht nur uns heutiger Menschen.

    • @donald mueller (Bücher nicht pro, sondern contra Sprachlosigkeit)

      “…das Gefühl der Kraft und Verbissenheit bei der Verfolgung eines Ziels … diese Eigenschaft verdanke ich den heiligen Schriften des menschlichen Geistes – den Büchern, die die großen Qualen und Martern der wachsenden menschlichen Seele widerspiegeln, der Wissenschaft – der Poesie der Vernunft, der Kunst – der Poesie der Gefühle. …
      Die Bücher beflügelten meinen Verstand und mein Herz, sie halfen mir, mich über den fauligen Sumpf zu erheben, in dem ich ohne sie versunken und in Dummheit und Gemeinheit erstickt wäre. …
      Liebt das Buch – die Quelle des Wissens. …
      Liebt das Buch, es wird euch das Leben erleichtern, auch als guter Freund helfen, sich in dem bunten und stürmischen Durcheinander der Gedanken, Gefühle und Ereignisse zurechtzufinden, es wird euch lehren, den Menschen und euch selbst zu achten, es wird euren Verstand und euer Herz beflügeln durch das Gefühl der Liebe zur Welt und zum Menschen.” (Maxim Gorki, Über Kinder und Kinderliteratur, Wie ich lernte, Berlin 1968, S. 29 ff. 29, 31).

      Es sind doch gerade die Bücher, welche Themen der Kommunikation schaffen – besonders in Zeiten der Isolation wie diesen, in denen man mangels der Möglichkeit unmittelbarer Kontakte auf das Telefon oder – wie hier – die digitale Verständigung angewiesen ist.
      Ihren Einwand, Bücher schafften Sprachlosigkeit, kann ich daher nicht nachvollziehen. Dies gilt natürlich nur für Bücher, die einen gewissen Anspruch erheben und dadurch Stärke v.a. in der Argumentation zu vermitteln fähig sind.
      In diesem Sinne hilft mir – auch wenn ich eigentlich Belletristik bevorzuge und ich mich gerade in meinem zunehmendem Engagement gegen Antisemitismus von Büchern wie Robert Menasse`s “Die Vertreibung aus der Hölle” oder (in meiner Jugend) Jurek Beckers “Jakob der Lügner” inspiriert sah und sehe – auch ausnahmsweise mal das eine oder andere Sachbuch, so z.B. “Warum der Antisemitismus uns alle bedroht” von Michael Blume, sehr weiter.
      Natürlich kann man einen triefend-kitschigen Groschenroman mit derartiger Literatur nicht vergleichen – ebenso wenig wie frau ein Katzenbildnis Adolf Hitlers bspw. mit einem “Sämann vor untergehender Sonne” von Vincent van Gogh nicht auf einem Level (an)sehen kann – ebenso wenig wie es unmöglich ist, einen – sowohl hinsichtlich Komposition und Lyrik – billigen gefühlsduseligen deutschen Schlager nicht mit bspw. dem Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie auf eine Stufe zu heben.
      Für mich also, sind es gerade Bücher und andere schöne Kunstwerke, die zu Kommunikation anregen.

      • „Die Bücher“ @Sandy?

        Physikalisch betrachtet jdnfls bestehn Bücher aus Holz und Lumpen und erst ein Text vermag zu vermitteln – na was?

      • Natürlich nicht im letzten, sondern im vorletzten Satz. Beobachte bei mir zunehmend die Problematik, die Negation an falscher Stelle zu platzieren; aber ich arbeite daran. 😉 🙁 In jedem Falle helfen gute Bücher bei der Erreichung dieses Ziels.

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