Umvolkungsangst und Hooton-Plan – Ein rassistischer Verschwörungsmythos wird digital wiederbelebt

In einem Blogpost vom Januar hatte ich bereits die Aussage des Politikwissenschaftlers Ivan Krastev zustimmend zitiert, nach der die “Angst vor dem Verschwinden” als “das entscheidende psychologische Moment” rechtspopulistischer Bewegungen gelten dürfte. Und in einem Radiointerview mit dem SWR vor einem Monat (02.05.2018) hatte ich dazu erklärt:

Was mich auch als Religionswissenschaftler überrascht hat, ist wie eng Judenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit miteinander verbunden sind. Es ist dann tatsächlich so, dass die Leute den Juden vorwerfen, sie hätten den Orient zerstört und würden die Muslime hierher treiben um auch Europa zu zerstören – die sogenannte “Umvolkungsthese”. Ich merke also: Der Antisemitismus richtet sich immer auch, aber niemals nur gegen Juden. Und da werden auch gerne Juden und Muslime gegeneinander ausgespielt.

Auf die Spur gebracht hatte mich nicht zuletzt die Auswertung der antisemitischen Schriften des baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Dr. Wolfgang Gedeon (AfD), in der dieser die angebliche “Islamisierung” als Teil der “zionistisch-freimaurerischen Weltverschwörung” gedeutet hatte.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, das zuletzt ein “alter”, rassistischer Verschwörungsmythos aus den 1940er Jahren wieder eine digitale Renaissance in rechtspopulistischen Medienblasen erfährt: Der sog. “Hooton-Plan”.

Eines von vielen Selfmade-YouTube-Videos, in denen der mythische “Hooton-Plan” in einen aktuellen, rechtspopulistischen Verschwörungsglauben eingebaut wird. Screenshot: Michael Blume

Namensgeber ist der US-amerikanische Anthropologe Earnest Hooton (1887 – 1954), der sich als “biologischer Anthropologe” vor allem in den 1930er Jahren mit eugenischen, sozialdarwinistischen und rassistischen Thesen “hervortat”. Wissenschaftlich ist all dies längst völlig überholt – aber gerade “weil” Hooton eine ähnliche Denke und Sprache wie auch damalige, europäische Rassisten vertrat, erscheinen seine “Thesen” heutigen Rechtspopulisten, Rassistinnen und Verschwörungsgläubigen als sehr glaubwürdig.

So hatte Hooton 1943 in einem (1948 eingestellten) Boulevardmagazin neben Albert Einstein und anderen einen Textbeitrag zur Frage geliefert, was “wir mit den Deutschen nach dem Krieg tun sollten”. Im nationalistischen Ton des laufenden Weltkrieges hatte das Magazin unter anderem gefragt, ob die Deutschen “getötet oder gerettet” werden sollten.

Der Eugeniker und Rassist Hooton antwortete auf diese Frage – wenig überraschend – rassistisch und eugenisch mit dem später sog. Hooton-Plan: Die deutsche Führung und das Offizierskorps sollten dauerhaft, auch einfache Soldaten auf Jahre hinaus interniert und deportiert werden. Gleichzeitig sollten US-Besatzungssoldaten ermutigt werden, sich mit deutschen Frauen zu verheiraten. Das Ziel sollte eine “Senkung der Geburtenrate “reiner” Deutscher und eine Herauszüchtung der deutschen Aggressivität sowie eine Entnationalisierung der indoktrinierten Individuen” sein. Hooton deutete auch Rassismus und Gewaltbereitschaft als genetische “Züchtungs”-Probleme!

Earnest Hooton im American Journal of Physical Anthropology, 1954. Quelle: Wikimedia, fair-use

Zwar wurde dieser sog. “Hooton-Plan” nie Teil der offiziellen US-Politik, doch eignete (und eignet!) er sich perfekt als antiamerikanischer und antisemitischer Verschwörungsmythos nach dem die “amerikanisch-zionistische Verschwörung gegen Deutschland” auf die “Umvolkung” Deutschlands durch “Multikulti” und “Rassenvermischung” ziele. Neuere Verschwörungsverkünder führen dabei aus, dass in UN-Dokumenten angesichts des Sterbeüberschusses in Deutschland die Möglichkeiten von “replacement by migration” – Ersatz durch Einwanderung – thematisiert werden. Dies “belegt” innerhalb des Verschwörungsglaubens die Umsetzung des Hooton-Planes durch die heutigen Vereinten Nationen im verschwörerischen Bündnis mit der Regierung Merkel!

Gerne wird zudem auch antisemitisch behauptet, dass Hooton selbst Jude – also Superverschwörer – gewesen wäre – und dabei unterschlagen, dass Hooton vier Jahre “vor” dem Hooton-Plan empfohlen hatte, auch das “Judenproblem” durch “Vermischung” zu lösen. Dies würde – so Hooton 1939 – auch die genetische, jüdische Intelligenz über die Menschheit verteilen. (Ja, auch das hat sich Thilo Sarrazin (SPD) nicht alleine ausgedacht…) Bevor Sie auflachen: Für Rassisten und Antisemitinnen fühlt sich das alles sehr “stimmig” und “wissenschaftlich” an… :-/

Wie sehr sich Umvolkungs-Verschwörungsmythen im Netz bereits wieder ausgebreitet haben, musste zuletzt das deutsche Paar Philipp Awounou und Regina Lahm erfahren, als es auf einem DAK-Werbeplakat abgebildet wurde. Da die beiden aus Baden-Württemberg stammen, habe ich sie im beruflichen Kontext eingeladen und mich mit ihnen darüber ausgetauscht, wie Rassismus und Verschwörungsglauben im Netz funktioniert und bekämpft werden sollten. Die beiden haben mich mit ihrer ebenso reflektierenden wie couragiert-klaren Haltung beeindruckt und ermutigt.

Bericht über das Gespräch mit Regina Lahm und Philipp Awounou im Staatsministerium Baden-Württemberg. Foto: Staatsministerium BW

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Blume:

    Neuere Verschwörungsverkünder führen dabei aus, dass in UN-Dokumenten angesichts des Sterbeüberschusses in Deutschland die Möglichkeiten von “replacement by migration” – Ersatz durch Einwanderung – thematisiert werden.

    Von diesen Überlegungen habe ich auch gelesen. Es stimmt insoweit, dass es Szenarien für die Stabilisierung des Rentensystem gab. Aber daraus eine Aussage übe die aktuelle Politik zu treffen ist wohl falsch.

    • @Rudi Knoth

      Es hat halt vor allem überhaupt keinen rassistischen, sondern einen v.a. volkswirtschaftlichen Hintergrund. Und wer – wie ich – höhere Geburtenraten durchaus auch im Sinne der Integration begrüßen würde, kann sich für eine bessere Familienpolitik einsetzen oder einfach selbst die Familie vergrößern. Eine „Umvolkungsverschwörung“ gibt es einfach nicht…

    • @Markweger

      Klar – manche interessieren halt Falten weniger als „gefühlte Wahrheiten“.

      Weder gibt es eine geplante „Umvolkung“, noch sind Zuwanderer an unseren seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenraten schuld. Diese basieren auf unseren eigenen Entscheidungen.

  2. Zwischen radikalen Multikulturalisten (MK) und Anhängern der Umvolkungsthese gibt es erstaunliche Parallelen in der Denkweise.
    Radikale MK gehen von einer Gesellschaft aus, die in ihrer großen Mehrheit rassistisch ist, und nicht, wie es tatsächlich der Fall ist, in einer breiteren Minderheit.
    Die radikalen MK haben, wenn auch verdeckt, ganz ähnliche Begründungen wie Hooton dafür. Auch sie gehen davon aus, daß das eben im deutschen Wesen verankert sei und halten es für dem Deutschen quasi naturgegeben, ohne dabei allerdings explizit von Genen oder Rassen zu sprechen.

    Die Lösung sieht dieser radikale Teil tatsächlich darin, daß alles Nichtdeutsche irgendwie besser sein müsse, wobei es aber keinen durchdachten Plan zur “Umvolkung” gibt, sondern eher eine von “positiven” Vorurteilen getragene Grundhaltung, die alles Deutsche unter Generalverdacht stellt und alles Migrantische durch die rosarote Brille sieht.

    Die Kritiker der angeblichen Umvolkung machen aber genau denselben Fehler.
    Sie verwechseln die Minderheit der radikalen MK mit der Mehrheit und unterstellen der Politik, sie würde dieser eingebildeten Mehrheit folgen.
    So wird aus einer These, die für das Denken mancher zumindest nicht vollkommen falsch ist, eine glatte Verschwörungstheorie.

    Ergänzung: Man darf diejenigen, die alles Deutsche generell ablehnen, nicht verwechseln mit denen, die gezielt den häßlichen Teil der Deutschen ablehnen. Beides sind grundverschiedene Ansätze, die aber nicht selten die gleichen Begriffe verwenden.

    • Ja, @DH, dass sich Extremisten verschiedener Lager schließlich wieder treffen, ist ja kein seltenes Phänomen. Wer dazu tendiert, Menschen als biologisch abgegrenzte Gruppen aufzufassen, kommt bei ganz vergleichbaren Feindbildern und Argumentationen heraus.

      • Na ja, verschiedene Ethnien gibt es ja auch und die dürfen gerne auch alle existieren und man sollte sie auch respektieren.
        Das heißt ja nicht gleich dass man deren Existenz völlig verleugnen muss oder deren Existenz beenden muss.
        Wer glaubt dass das einseitig sei der braucht nur einmal nach Südafrika schauen.
        Nicht irgend etwas davon in den Medien.

        • @Markweger

          Und wieder unterstellen Sie, jemand (wer genau?) wolle „die Existenz von Ethnien beenden“.

          Dabei sind Ethnien einfach keine feste Größe: Beendet die Ehe zwischen einer Sächsin und einem Franken irgendwelche Ethnien? Die zwischen einem Bremer und einer Frau aus Johannesburg? Was ist Ihr Problem?

          Menschen sind vielfältig, ja – und diese Vielfalt darf und soll man schätzen, aber nicht gegen #Individualrechte ausspielen. Auch im Namen des #Ethnopluralismus hat niemand das Recht, Ihnen vorzuschreiben, wen Sie lieben und wer Sie liebt. Und wer Ihre Familiengründung als Teil einer #Weltverschwörung bezeichnen will, soll entweder gute Belege parat haben, oder schweigen.

          Menschenrechte sind auch Ihre Rechte, @Markweger.

  3. Die Erkenntnisse Krastevs sind bahnbrechend, denn sie belegen, dass das Rechtspopulismusproblem noch viel größer ist als gedacht. Die Zahl der Menschen, die “Angst vor dem Verschwinden” haben und sich Gedanken darüber machen, was von ihnen bleibt und in welchem Zustand sie die Welt hinterlassen, dürfte alleine in Deutschland in die Millionen gehen.
    Um dieser gefährlichen Tendenz zu begegnen, ist allerdings noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Leider hat noch niemand eine Lösung dafür, wie man den Menschen die erforderliche totale Gleichgültigkeit vermitteln kann, die erforderlich ist, damit sie die von Krastev entlarvten Ängste ablegen.
    Ihr Ansatz, der entsprechende Sorgen mit Verschwörungstheorien verknüpft und damit in den Bereich der Psychopathologien rückt, ist aber schonmal ein guter Anfang. In den USA geht man mit einem ähnlichen Ansatz ja auch gegen die irrationale grüne Angst vor dem Klimawandel recht erfolgreich vor.

    • Lieber @Thomas,

      hätten Sie den m.E. zentralen Unterschied zwischen Verschwörungstheorien und Verschwörungsmythen auch nur ansatzweise begriffen, so hätte ich hoffen können, es ginge Ihnen um die Sache. Dann hätten wir auch zum Beispiel diskutieren können, ob denn Fremdenfeindlichkeit die richtige Reaktion auf die “Angst vor dem Verschwinden” darstellt, oder ob nicht zum Beispiel eine bessere Familienpolitik viel überzeugender und lebensdienlicher wäre. Persönlich würde ich sogar behaupten, dass dies auch die Integration fördern würde! Aber da Sie sich gar nicht ernsthaft mit dem Thema “Verschwörungsmythen” befasst haben, muss ich wohl annehmen, Sie wollten sich einfach mal pro Hooton-Plan-Mythos äußern, aber nicht wirklich drüber nachdenken.

      Schade, vielleicht klappt es ja ein andermal.

      Ihnen eine gute Nacht!

  4. Herr Blume
    die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnt eine Masseneinwanderung ab?

    Was macht sie so sicher dass das was Sie von sich geben richtig ist ?
    Haben Sie intimere Informationen ?
    Letzt endlich sind Sie trotz sicherem Beamtenposten, auch nur eine kleine Nummer im Machtgefüge !

    Gruß
    Mein Freund

    • Hallo @MeinFreund,

      nun bin ich ja nicht nur ein Zeitungsleser, sondern habe auch viel international gearbeitet – unter anderem in verschiedenen Ländern Europas, im Irak, in den USA und auch bei der UNO. Ganz ehrlich: Wenn es einen grandiosen “Hooton-Plan” gäbe, so wüsste ich davon. 🙂

      Aber, klar: Aus Ihrer Sicht ist jede/r, der dem Verschwörungsmythos widerspricht, entweder naiv oder selbst Teil der vermeintlichen Superverschwörung. Sie haben sich da in eine ziemlich finstere und angstbesetzte Glaubenswelt begeben – und das tut mir für Sie ehrlich Leid, lieber @Mein Freund…

  5. Hallo Herr Blume,
    die entscheidende Frage ist doch: Wieviel Einfluss hat dieses UN-Papier auf die aktuelle Politik? Ich mache mir da schon Sorgen, denn die Aussagen dort degradieren die Menschen zu Arbeitstieren, die man nach Belieben hin- und herschiebt. Und das alles, damit ein paar Reiche noch reicher werden – “der Markt” muss halt “zufriedengestellt” werden.
    Die von Ihnen angesprochene bessere Familienpolitik hört sich schön an, passt aber nicht “in den Markt”, denn sie kostet (viel) Geld. Da ist es wohl einfacher, mal ein paar “frische Arbeitskräfte” über Tausende von Kilometern durch die Gegend zu schicken. Das kann es ja wohl auch nicht sein!!!
    Man sollte die Sorgen der Leute hier ernst nehmen – und genau dies tun nach wie vor zu wenige der “Entscheider” (und damit meine ich nicht Politiker).
    Wahrscheinlich klingt das für Sie alles sehr naiv, aber ich mache mir schon Gedanken um die Zukunft meines Landes – und die ist mir zunächst mal wichtiger als irgendwelche globalen Interessen.
    Grüße von Igeli

    • Liebe/r @Igeli,

      nein, Ihre Position finde ich ganz und gar nicht „naiv“, sondern bin da bei Ihnen: Volkswirtschaftlich gesehen lassen sich Menschenströme einfach verschieben, aber kulturell und emotional suchen wir (oder genauer: viele von uns) eben auch Heimat, Wurzeln, Gemeinschaft, Sinn.

      Eine höhere Geburtenrate im Inland würde dabei m.E. übrigens auch die Integration von Zugewanderten fördern.

      Freilich sehe ich da weniger die UNO als Problem – die verbietet uns ja gar nichts -: Höhere Ausgaben für Familien und Bildung wären im Inland durchzusetzen. Und da hapert es eben, zumal die Wählergruppe der Eltern immer kleiner wird.

      Stattdessen streiten alle über die Rente – die AfD bekommt bislang nicht einmal ein Rentenkonzept hin -, denn die Älteren entscheiden die Wahlen. Und ohne deren breite Unterstützung – die ich derzeit leider noch nicht sehe – bleibt eine aktivere Familienpolitik ein Wunschtraum…

      Danke für Ihren Kommentar, der zeigt, dass mitgelesen und mitgedacht wird!

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