DLF-Interview zu den Gefahren des Verschwörungsglaubens – und warum es zu kurz springt, nur von Verschwörungstheorien zu sprechen

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Evolutionsgeschichte der Religion(en)
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Gibt es ein Merkmal, dass alle gewaltbereiten Gruppen – linker, rechter oder religiöser Art – verbindet? Ja, das gibt es: Es ist der Glaube an eine weltumspannende Superverschwörung, gegen die sich die Radikalen meinen auch mit Gewalt “verteidigen” zu müssen. Und Populisten wie Donald Trump, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan verstehen es meisterhaft, solche Verschwörungsmythen aufzugreifen und damit zu signalisieren: Die liberalen Ideen von Freiheit, Grund- und Menschenrechten können in dieser von bösen Verschwörern  beherrschten Welt überhaupt nicht funktionieren. Stattdessen gelte es, sich – mindestens zeitweise – vorbehaltlos einem echten Anführer (türkisch “büyük lider”) zu unterwerfen, der “aufräumen” und “säubern” werde. Und als ich dieses Interview am Freitagmorgen gab, hatte Donald Trump Recep Tayyip Erdogan noch nicht einmal gelobt

Zum Deutschlandfunk-Interview auch als Audio geht es hier:
MichaelBlumeDeutschlandfunkVerschwoerungsglauben0716Ein herzlicher Dank geht an Andreas Main und Benedikt Schulz, die – was leider angesichts des Beschleunigungsdrucks auch in den Medien selten geworden ist – nicht nur über das sciebook “Verschwörungsglauben” allgemein sprechen wollten, sondern auch wirklich darin gelesen hatten. Dem Gespräch hat das m.E. sehr gut getan.

VerschwoerungsglaubensciebookskleinDas Cover meines neuesten sciebooks “Verschwörungsglauben. Der Reiz dunkler Mythen für Psyche und Medien”, sciebooks 2016

Das Interview in voller Länge (Audio beim Deutschlandfunk):

Benedikt Schulz: Die aktuellen Ereignisse in der Türkei versetzen viele Beobachter in Sorge. Die großangelegten Säuberungen in Verbindung mit dem inzwischen erklärten Ausnahmezustand, das alles lässt nichts Gutes erahnen. Und es kam ziemlich schnell die Theorie auf, Erdoğan selbst stecke hinter dem Putschversuch vom vergangenen Freitag. Der wiederum bezichtigte das geistige Oberhaupt der Gülen-Bewegung, Fethullah Gülen, hinter diesem Putsch zustecken. Und Anhänger des Präsidenten mutmaßen im Netz, Gülen sei eigentlich eine Marionette der amerikanischen oder wahlweise der zionistischen Weltverschwörung: klassische Verschwörungstheorien in einer politisch unruhigen Zeit für die Türkei. Aber auch andernorts grassieren derzeit wieder vermehrt Verschwörungstheorien. Und an eine Verschwörung böser Mächte zu glauben, ist dabei nicht das Privileg der Ungebildeten, auch Menschen mit hohem Bildungsniveau erliegen oft dem Charme dieser Theorien. Michael Blume ist Religionswissenschaftler und beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema und hat zuletzt ein Buch dazu veröffentlicht: “Verschwörungsglauben. Der Reiz dunkler Mythen für Psyche und Medien”. Mit ihm bin ich verbunden: Hallo Herr Blume.

Michael Blume: Hallo Herr Schulz, guten Morgen.

Schulz: Welche Mechanismen, Herr Blume, von Verschwörungstheorien greifen Ihrer Meinung nach in der aktuellen Situation in der Türkei?

Blume: Grundsätzlich ist ja das Problem, dass Verschwörungstheorien widerlegbar wären, also, eine Theorie kann man überprüfen und widerlegen. Womit wir es hier zu tun haben sind Verschwörungsmythen. Das heißt, die Leute glauben das, auch wenn es gar keine Belege dafür gibt, und dann wird es tatsächlich ein Problem. Denn dann kann man es nicht widerlegen. Also, wenn jemand behauptet: Eine Hexe hat mein Feld vernichtet oder die Juden machen eine Weltverschwörung, dann lässt sich das einfach nicht mehr überprüfen, nicht mehr widerlegen – und die Leute steigern sich dann in ein Glaubenssystem hinein, in einen Verschwörungsglauben. Und das ist gerade das Problem in der Türkei.

Schulz: Konkret, was verläuft denn da gerade prototypisch aus Ihrer Sicht oder was verläuft anders?

Blume: Es ist grundsätzlich schon seit einer längeren Zeit in der Türkei so, aber wir haben das weltweit, auch in Deutschland, auch in den USA, Philippinen, Japan, dass mehr und mehr Menschen glauben, die Welt werde von bösen Verschwörungen bestimmt und Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, das würde gar nicht mehr funktionieren, das sei nur eine Lüge oder das sei bestenfalls naiv. Und wenn Sie das erst einmal glauben, dann ist das für Sie natürlich auch klar, dass es zum Beispiel völlig okay ist, Leute zu verhaften, Leute zu foltern, Leuten Dinge zu unterstellen, Richter zu feuern. Also das heißt, man nimmt dann keine Rücksicht mehr auf die demokratischen Regeln, man hält die für schwach oder sogar selbst für einen Teil der Verschwörung. Und dann wird es natürlich richtig radikal und gefährlich.

Schulz: Also würden Sie sagen, dass Präsident Erdoğan derzeit ganz konkret mit solchen Verschwörungsmythen arbeitet?

Blume: Also, es war schon sehr erkennbar, dass er das genutzt hat, diesen Putsch, die Listen mit den riesigen Zahlen von Leuten, die jetzt verhaftet und entlassen worden sind. Das streitet selbst die türkische Regierung nicht mehr ab, dass diese Listen schon vorbereitet waren. Und was eben auch die westliche Öffentlichkeit erst langsam versteht, ist, dass er das gezielt in Richtung USA gesteuert hat. Also, im Internet, auch auf meinem Blog, können Sie zum Beispiel so einen Facebook-Meme sehen, wo dann gezeigt wird, wie der Erdoğan den Obama knufft und ihm quasi zeigt: ‘Ha, die Türkei ist nicht Ägypten, wir haben es Euch gezeigt, wir haben Euch Verschwörer zurückgeschlagen.’ Also, es richtet sich der Verschwörungsvorwurf einmal gegen die Gülen-Bewegung, aber letztlich gegen die gesamte westliche Welt, vor allem die USA.

Schulz: Kommen wir kurz auf die Gülen-Bewegung zu sprechen. Vielleicht müssen wir kurz klären: Was ist das? Wer steckt da genau hinter und hinter dem Oberhaupt?

Blume: Genau. Fethullah Gülen ist ein islamischer Gelehrter, der eine große Bildungsbewegung aufgebaut hat in der Türkei, im laizistischen Staat, durchaus mit Strukturen, die sich lange verborgen gehalten haben, und er war sehr lange ein Verbündeter von Erdoğan. Und die haben sich dann überworfen, auch im Zuge dieser Korruptionsermittlungen gegen Erdoğan und sein Umfeld. (D)er hat ihm vorgeworfen, dass er sich gegen ihn gestellt habe. Und seitdem werden Gülen-Anhänger, die Hizmet-Bewegung, in der Türkei sehr brutal verfolgt und Oppositionelle werden beschuldigt, der Terrororganisation Gülen anzugehören.

Fethullah Gülen selber lebt in den USA. Und das ist natürlich, wie gesagt, aus der Sicht von Erdoğan ganz spannend, weil so kann er den Leuten deutlich machen: Hinter der Verschwörung, hinter dem Putsch steckt eigentlich der Westen, die EU und die USA. Und damit peitscht er sozusagen den Verschwörungsglauben in der Türkei gegen den Westen auf.

Schulz: Herr Blume, Sie entwickeln in Ihrem Buch über Verschwörungsglauben die These, dass es sich eben dabei genau darum handelt, um Glauben, dass es sich – so schreiben Sie – “um ein religiöses Problem handelt”. Was hat der Glaube an das Böse oder an eine bösartig geleitet Superverschwörung zu tun mit dem, was wir Glauben an Gott oder an Götter nennen?

Blume: Ja, das ist tatsächlich so, in einem Glauben, wie wir ihn uns vorstellen, glauben die Menschen ja an die Herrschaft des Guten. Sie glauben, es gibt zum Beispiel einen guten Gott und der regiert die Welt – natürlich gibt es auch Böses oder Herausforderungen, aber insgesamt kann ich der Welt vertrauen. In einem Verschwörungsglauben dreht sich das um. Verschwörungsgläubige gehen davon aus, dass böse Mächte die Welt beherrschen, also Zionisten, Amerikaner, die Moslembrüderschaft, Außerirdische – da gibt es ganz Unterschiedliche, wen man da quasi einsetzt –, Freimaurer, Illuminaten. Und diesen Menschen glauben dann nicht mehr, dass gute Mächte die Welt regieren, sondern dass eigentlich die ganze Welt von Verschwörern regiert wird, von einer Gruppe von Superverschwörern. Und sie selber würden das erkennen und würden verzweifelt gegen dieser Superverschwörung ankämpfen.

Alle radikalen Gruppen, ob links, rechts oder religiös, berufen sich auf Verschwörungen, gegen die sich angeblich nur verteidigen. Und deswegen kommt es dann, dass diese Leute Gewalt anwenden und dann aber doch erklären: ‘Ja, aber wir haben uns doch nur verteidigt, wir mussten das tun – die Flüchtlingsheime angreifen oder den Terroranschlag ausführen –, weil wir verteidigen uns doch nur!’. In ihrem Selbstbild sind sie diejenigen, die durch die Verschwörer angegriffen werden.

Schulz: Würden Sie denn sagen, dass die Parallele zwischen religiösem Glauben und Verschwörungsglauben darin liegt, dass sie sich auf eine ähnliche Art und Weise der Überprüfbarkeit oder vielleicht sogar der Vernunft entziehen?

Blume: Ganz genau. Also, schon Charles Darwin hat darauf hingewiesen – der war übrigens studierter Theologe –, dass er bei seinen Reisen nicht gefunden hat, dass die Leute automatisch an Gutes glauben, er fand häufig den Glauben an böse verschwörerische Mächte. Wir haben zum Beispiel den Glauben an Hexerei, den haben wir bis heute noch. In Afrika oder Indonesien werden jedes Jahr Abertausende, vor allem Frauen und Kinder, getötet und vertrieben unter dem Vorwurf, Hexen zu sein. Und in der westlichen Welt haben wir das so ein bisschen zurückgedrängt, weil wir das in Deutschland ja auch hatten, den Antisemitismus, den Hass gegen Juden, die Protokolle der Weisen von Zion, diese Fälschung aus dem 19. Jahrhundert.

Wir haben in Baden-Württemberg jetzt sogar wieder einen Landtagsabgeordneten, der an die Echtheit glaubt von diesen Dingern. Und das ist zum Beispiel ein Arzt, das ist also kein dummer Mensch, der ist über die AfD in den Landtag gekommen und der hat über Jahre hinweg ein geschlossenes Weltbild entwickelt, in dem an allem die Juden beziehungsweise die Zionisten schuld seien und wo sozusagen alles Sinn macht, weil er meint, er hat das Böse erkannt. Und mit so jemandem können Sie dann natürlich kaum noch diskutieren.

Schulz: Der klassische religiöse Verschwörungsglaube ist die Gnosis, also diese Idee, dass da eine kleine Gruppe von Wissenden existiert, die über geheime Kenntnisse verfügt und die über diesen bösen Gegengott, den sogenannten Demiurgen Bescheid weiß. Ist das sozusagen in der Struktur die Blaupause für Verschwörungstheorien bis in unsere Gegenwart?

Blume: Exakt, so ist es. Also, in der Populärkultur ist das auch schon lang so angekommen. Denken Sie an “Akte X” oder denken Sie an “Matrix”, wo sozusagen der kleinbürgerliche Hacker entdeckt, dass die ganze Realität eine Verschwörung ist, [etwas] was gar nicht so ist, sondern da stecken in dem Fall Maschinen dahinter, künstliche Intelligenzen und natürlich Staatsagenten, der Mr. Smith, das sind quasi die Protagonisten der Verschwörung, und er muss das aufdecken. Und in diesen Modus tauchen immer mehr Leute ein. Und beispielweise benutzen auch die Salafisten, also radikale Muslime, Auszüge aus dem Film Matrix, um ihrerseits die Leute anzulocken. Wir hatten jetzt im Januar ja ein Verfahren gegen einen IS-Anhänger, gegen einen Deutschen, ein ehemaliger Drogenabhängiger, der zum IS konvertiert ist, zum Islamischen Staat, und der sagte: Nein, an Gott habe er nicht glauben können, aber dann diese YouTube-Videos über die Illuminaten, da habe er gesehen, es gibt einen Teufel – ja – und dann müsste es wohl auch einen Gott geben. Also, da steht das Böse im Vordergrund. Es ist nicht mehr der Glaube an das Gute, sondern die Leute glauben an die Macht des Bösen.

Schulz: Jetzt haben Sie schon selbst einen Griff in die Populärkultur getan. Diese Narrative von Verschwörungstheorien, die üben ja – jetzt ungeachtet jetzt ihres Inhaltes – eine Art von sinnlichem Reiz auf uns Menschen aus. Anders lässt sich ja auch so ein Dan-Brown-Roman und dessen Erfolg nicht erklären, der ja letztlich nur alte Theorien recycelt. Woran liegt dieser sinnliche Reiz für uns Menschen darin?

Blume: Perfekt, sehr gut! Das ist tatsächlich ein Aspekt. Im ersten Moment ist es natürlich sehr spannend. Wenn Sie sich vorstellen, Sie haben das Gefühl, Sie entdecken jetzt die große Verschwörung, plötzlich macht alles Sinn – warum sie Streit in der Familie haben, warum sie Schwierigkeiten am Arbeitsplatz haben, an allem ist jemand anderes schuld –, plötzlich hat Ihr Leben einen Sinn, sie haben einen klaren Gegner. Das ist erstmal aufregend.

Die Leute fühlen sich am Anfang wie in einem Film, sie sehen sich als Helden, die aufklären. Auf Dauer spinnen sie sich natürlich in ein Weltsystem ein, in dem alle anderen böse sind, in dem sie sich immer mehr isolieren, in dem es immer nur eine kleine Gruppe aus Wissenden gibt und der ganze Rest der Welt böse ist – und das ist dann eben die Radikalisierung. Und in diese Falle tappen derzeit Deutsche, Türken, Araber, aber auch zum Beispiel Anhänger von Trump in den USA. Das ist die Gefahr unserer Zeit – und sie wird durch das Internet sehr, sehr verstärkt.

Schulz: Ja, das Internet … Soziale Netzwerke sind ja – haben Sie ja gesagt – ein Ort, wo Verschwörungstheorien offenbar ideale Wachstumsbedingungen vorfinden. Es gibt ja ein ähnliches Phänomen, als der Buchdruck erfunden wurde. Gehen Fortschritte in der Verbreitung von Wissen auch immer mit einem Boom von der Verbreitung von Lügen einher?

Blume: Genau so ist es. Wir denken heute bei Buchdruck: ‘Ja, super, da kamen die ganzen weisen Werke und die Lutherbibel und die 95 Thesen’. Tatsache ist, dass zunächst einmal im Buchdruck ganz furchtbare Werke erschienen sind: Zum Beispiel “Der Hexenhammer”, der erschien 1486, da war Luther gerade mal drei Jahre alt und es wurden Menschen als Hexen verfolgt. Im Buchdruck kam erst einmal Sex and Crime and Violence dran – und auch bei Luther selber haben wir dann Schriften gegen die Juden, gegen die Katholiken, die sehr verschwörungsgläubig sind.

So haben wir das heute wieder. Mit drei Klicks kann sich heute jeder Verschwörungsgläubige mit anderen zusammenschließen. Und das machen die auch und die putschen sich dann gegenseitig im Internet hoch und versichern sich, dass die Gruppe an allem schuld sei – und da merken wir eine deutliche Radikalisierung sowohl auf rechter, linker, wie auch religiöser Seite, weil die Leute dann eben einfach glauben, jetzt hätten sie die Wahrheit – und auch die Nachrichten nur noch gefiltert wahrnehmen, nur noch die Nachrichten wahrnehmen, die in ihre Weltbild passen. Ich denke schon, dass momentan die freiheitlichen Demokratien unter Druck sind und dass wir gucken müssen, dass dieser Verschwörungsglaube nicht unserer Rechtsstaatlichkeit, unsere Demokratie zerstört, wie es gerade in der Türkei geschieht.

Schulz: Letzte Frage. Wir sprechen über Verschwörungsmythen, aber es gibt ja Verschwörungen durchaus, man kann das ja gar nicht immer leugnen. Ist das Wort Verschwörungstheorie oder Verschwörungsglaube nicht unter Umständen auch ganz schnell ein Kampfbegriff, um berechtige Zweifel sofort abzubügeln?

Blume: Genau deswegen empfehle ich dringend zwischen Verschwörungstheorie und -mythen zu unterscheiden – eine Theorie ist überprüfbar. Also, wenn wir dem Nils D. vorwerfen, er ist Mitglied im Islamischen Staat, dann wird das in einem Rechtsstaat ordentlich geprüft. Er hat ein Recht auf eine Verteidigung, es werden Beweise vorgelegt, es gibt Plädoyers – und am Schluss kann er auch freigesprochen werden.

Also, Verschwörungen gibt es ja, zum Beispiel Kartellbehörden, die dann feststellen, dass sich Unternehmen untereinander absprechen für höhere Preise, das gibt es ja. Der Punkt ist nicht zu sagen, es gibt keine Verschwörungen. Sondern der Punkt ist zu fragen: Ist das, was ihr da behauptet, überhaupt noch überprüfbar? Oder erfüllt das schon eine religiöse Funktion? Überprüfbarkeit, dafür gibt es bei uns Gerichte, dafür gibt es Journalisten, dafür gibt es Untersuchungsausschüsse in den Parlamenten, die kann man aufklären. Aber einen Verschwörungsmythos, den kann eben kein Mensch mehr überprüfen – und dann wird es wirklich gefährlich.

Schulz: Über Verschwörungsmythen in der Türkei und andernorts als religiöses Problem habe ich gesprochen mit dem Religionswissenschaftler Michael Blume. Ganz herzlichen Dank.

Blume: Vielen Dank. Alles Gute.

Nachtrag & Schluss: Wer noch etwas tiefer einsteigen mag und das Buch noch nicht gelesen hat, hier eine Audioblog-Folge:

 

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

10 Kommentare

  1. Wie so oft Herr Blume: ich stimme Ihnen in Vielem, was Sie sagten gerne zu.
    Aber…..jede mir bekannte Religion fußt auf einem Verschwörungsmythos oder auf mehreren Verschwörungsmythen, die sich durch nichts belegen aber eben auch nicht widerlegen lassen. Es hilft aus meiner Sicht auch nicht wirklich, den Mythos mit dem Wort “Offenbarung” zu veredeln.
    Wieso sollte man einem Verschwörungsmythos dann doch unter bestimmten Umständen Vertrauen entgegenbringen, was religiöse Menschen ja offensichtlich tun?
    Und nein, ich möchte Sie nicht piesacken. Die Frage treibt mich wirklich seit langer Zeit um.

    • Liebe(r) @Alisier,

      mir ist nicht ganz klar, woher Sie die Annahme beziehen, ich (oder sonst jemand?) würde “den Mythos mit dem Begriff “Offenbarung” veredeln”. Offenbarung ist ein theologischer, nicht aber religionswissenschaftlicher Begriff.

      Stattdessen schlage ich vor, zwischen lebensbejahenden Mythen einerseits und Verschwörungsmythen andererseits zu unterscheiden. Im HerKorr-Artikel “Angstgetrieben” unterscheide ich:

      Mythen dienen eben nicht der empirisch überprüfbaren Erklärung von Phänomenen, sondern der für Menschen unverzichtbaren Stiftung von Sinn und Gemeinschaft. Lebensbejahende Mythen verkünden etwa: „Jeder Mensch hat Menschenrechte“, „Liebe ist wertvoller als Hass“ oder „Gott liebt Dich“ – was sich jeweils nicht wissenschaftlich überprüfen, aber doch mit guten Gründen glauben lässt.

      Aus Verschwörungsmythen gehen jedoch Ängste und Hass gegen andere Menschen hervor. „Eine Hexe hat das Getreide vernichtet!“, „Die Juden sind unser Unglück!“ oder „Die gesamte Politik wird durch die Illuminaten gesteuert!“ bieten nicht mehr widerlegbare Schein-Erklärungen für Widerfahrnisse an. Der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks bezeichnete in seinem Buch „Not in God’s Name“ (2015) zu den Gefahren des religiös begründeten Extremismus den entsprechend entstehenden Verschwörungsglauben als „pathologischen Dualismus“: Dem scheinbar schwachen Guten werde ein scheinbar starkes Böse gegenübergestellt – und dieses auf konkrete, schließlich zu bekämpfende Menschengruppen bezogen.

      Dass alle gewachsenen Religionen auf Verschwörungsmythen “fußten”, kann ich daher nicht erkennen – m.E. enthalten sie überwiegend und in manchen Interpretationen auch ausschließlich lebensbejahende Mythen.

      Den ganzen Artikel finden Sie hier: https://www.herder-korrespondenz.de/heftarchiv/70-jahrgang-2016/heft-7-2016/warum-verschwoerungstheorien-heute-so-populaer-sind-angstgetrieben

      Vielen Dank für Ihr Interesse!

      • Lieber Herr Blume,
        ich hatte Sie schon mal auf Youtube erinnert, dass Sie den Begriff “Mythos”
        völlig eigenwillig verwenden.
        Da Sie als Religionswissenschaftler argumentieren, ist das mE nicht in Ordnung:
        “So wie Sie den Begriff “Mythos” in Gebrauch nehmen, müssen wir eigentlich auf “Irrtum” oder “Lüge” korrigieren. Tatsächlich ist Mythologie eine Technik und Weise der religiösen mündlichen Tradition. Mit Beginn der Christianisierung wurde aber die mündliche Tradition in Nordeuropa ersetzt durch schriftliche. Von christlicher Seite und Dogmatik aus, war aber alle hiesige Mythologie diskriminiert und so selbstverständlich Irrlehre von Anfang an. In diesem Diktat verliert der Begriff “Mythos” oder auch “die Mär” in der Geschichte langsam seine Grundbedeutungen, und man schließt auf: “Vorstellungen, die sich als falsch herausstellen”. Sie aber sind als Christ nicht der wissenschaftliche Beobachter dieses Prozess, sondern ein Mitgefangener des christlichen “Bekenntnis” (vgl Nachfolge Treueschwur → Verschwörungsreligionen vgl Islam “) – Dabei kann es für Christen einfach sein, aus dieser Geschichte heraus zu kommen, denn natürlich sind viele Erzählungen und Bruchstücke in Ihrer heiligen Schrift älter als die Schriftkultur, davon als Mythen übernommen, aufgeschrieben: “In der Mitte des Gartens steht der Baum des Lebens” (Bibel), aber! “es steht da kein Haus auf Hühnerbeinen” (Babajaga, die Hexe). Da ist Religion Religion begegnet, und wir sind damit noch nicht am Ende, haben noch nicht einmal angefangen, zu ergründen. Wenn Sie heute aber Babajaga googlen,…und ….Abraham, – dann bemerken Sie eine Religion und Mythologie, die Religion und Schrift so es notwendig ist überdauert – Viele Grüße”

        Im Folgenden habe ich Ihnen nachgewiesen, dass man einen Mythos sehr wohl wissenschaftlich untersuchen kann, dass Wissenschaft seinen Sinn findet und schätzen lernt

        • Lieber Herr Hellwich,

          schade, dass Sie gerade zum Troll mutieren und persönlich ausfällig werden. Habe ich aus Ihrer Sicht den Verschwörungsvideos, die Sie mir v.a. über Twitter zukommen ließen, etwa zu wenig Beachtung geschenkt?

          Letztlich unterstellen Sie mir, ich könne – da Christ – gar nicht wissenschaftlich argumentieren, sondern sei durch den “Nachfolge Treueschwur” (?) Bestandteil einer “Verschwörungsreligion” wie dem “Islam”. Ich habe Ihren grob unsachlichen Kommentar einzig aus dem Grund freigeschaltet, um anderen zu zeigen, in welche Abgründe Verschwörungsglauben führt. Hoffentlich finden Sie aus dieser Wahnwelt heraus.

          Inhaltlich sind Ihre Aussagen natürlich überhaupt nicht haltbar. Ich definiere sowohl Theorien wie Mythen als Erzählungen, wobei Theorien empirisch überprüfbar sind, Mythen nicht. Alle Religionen und Weltanschauungen bauen auch auf Mythen auf: Denken wir an Aussagen wie “Der Mensch ist etwas Besonderes (Humanismus)”, “Wissenschaft macht Sinn”, “Gott liebt Dich” oder “Es gibt Menschenrechte”, die jeweils nicht empirisch überprüfbar sind, aber für Menschen ganz unterschiedlicher Weltanschauungen große, auch normative Bedeutung haben können.

          Meine verwendeten Definitionen decken sich dabei völlig mit den allgemeinen Begriffen von Mythen, wie sie in einschlägigen Referenzwerken und auch auf Wikipedia zu finden sind.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Mythos

          Da ich keine Lust und Zeit habe, Trolle zu füttern, wird dies unser letzter Online-Austausch sein – außer, Sie finden wieder auf eine faire und sachliche Diskussionsebene zurück. Wenn Sie mich weiterhin für einen – diesmal christlichen – Verschwörer halten und auf diesem Wege um Aufmerksamkeit ersuchen wollen, kann ich Ihnen auch nicht helfen und werde Sie konsequent ignorieren. In diesem Falle bliebe mir nur der Verweis auf ein Lied:
          https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/trollkunde-sockenpuppen-cranks-und-hater/

          Ihnen alles Gute, mit freundlichen Grüßen!

  2. Vielen Dank für Ihre Antwort, Herr Blume!
    Wir reden, denke ich, mal wieder recht konsequent aneinander vorbei und ich wollte den thread auch wirklich nicht durch zu viele off-topic Sprünge sprengen.
    Nur soviel: dass es sich bei Religionen um lebensbejahende Mythen handelt höre ich natürlich öfters. Ich konnte dies bis jetzt nicht erkennen.
    Viele Grüße, Alisier (männlich)

    • Lieben Dank, @El Dorado, für den Hinweis – wobei ich das Ihrerseits benannte “Problem” jetzt nicht genau eingrenzen konnte.

      Tatsächlich gibt es ja apokalyptische Szenarien immer wieder und quer durch die Religionen und Weltanschauungen. Dass diese hier als einen wesentlichen Lösungsweg die Nächstenliebe vorschlägt, erscheint mir da durchaus sympathisch.

      Und insofern die Schwäche der christlichen Kirchen und der europäische Geburtenmangel angesprochen sind, sehe ich es ganz klar so, dass dies ja eigentlich Anfragen an uns selber sind. Als engagiertes Kirchenmitglied und als Vater von drei Kindern erscheint es mir immer wieder seltsam, wenn Leute anderen (z.B. Muslimen) vorhalten, was engagiert zu verbessern doch ihre eigene Sache wäre. Für die niedrigen Geburtenraten, die noch immer wenig effiziente Familienpolitik (inklusive der absurd hohen Kindergartengebühren) und den Vorrang von Rentengeschenken im Hinblick auf Wahlen sind m.E. Zuwanderer nicht verantwortlich zu machen, das sind unsere innereuropäischen und innerdeutschen Baustellen…

    • In der Tat, @El Dorado. Auch hier werden die demokratisch gewählten Politiker als “Marionetten” globaler Superverschwörer (“internationaler Vampire”) präsentiert, dagegen das autoritäre “Modell Putin-Trump” zur Rettung der weißen (! nur dieser?) Arbeiterklasse gelobt. Dass der “Wirtschaftsaufschwung” Putins v.a. den höheren Öl- und Gaspreisen zu verdanken war, wird dabei gezielt unterschlagen. Längst hat die Mischung aus wieder gesunkenen Energiepreisen, expandierenden Militärausgaben und Handelskonflikten mit dem Westen zu einer veritablen Wirtschafts- und Finanzkrise in Russland geführt – hinzu kommen anhaltend niedrige Geburtenrate und die Auswanderung kluger Köpfe. Russland ist vom Scheitern bedroht (und die Türkei eifert diesem “Modell” derzeit nach…)
      http://www.focus.de/finanzen/news/neue-zahlen-belegen-schlimmes-finanzschock-fuer-putin-russlands-wirtschaft-geht-den-bach-runter_id_5717269.html

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