Facebook-Studiengruppe zu den Vorträgen und Büchern von Lord Rabbi Jonathan Sacks

Meines Erachtens nach zählt der frühere Oberrabbiner von Großbritannien, Lord Rabbi Jonathan Sacks, zu den bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit. Mehr als 30 Bücher und zahlreiche Vorträge (mehr & mehr auf YouTube) vor allem zu Themen des Glaubens und Zweifelns, des Verhältnisses der Religionen und zu Religion(en) & Wissenschaft(en) finden wachsenden Zuspruch. Erinnert sei auch an seine Diskussionen bei der BBC mit Richard Dawkins, die in der englischsprachigen Welt viel Aufmerksamkeit fanden.

(Und, ja, dass Lord Sacks verschiedentlich meine Arbeiten zu Religion & Demographie zitiert hat, freut mich natürlich auch. 😉 )

Hier finden Sie den neuesten, streitbaren Vortrag von Rabbi Sacks zur Säkularisierungstheorie, “Cultural Climate Change”:

Oder hier seine wohl berühmteste, innerjüdische Rede “To Heal a Fractured World”:

Falls Sie auf Facebook aktiv sind und ebenfalls Lust haben, sich über die Vorträge und Bücher von Lord Rabbi Sacks zu informieren und auszutauschen, dann darf ich Sie herzlich in die ganz neu gegründete FB-Gruppe “Fans of Lord Rabbi Jonathan Sacks” einladen.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

13 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Zitat Blume:
    (Und, ja, dass Lord Sacks verschiedentlich meine Arbeiten zu Religion & Demographie zitiert hat, freut mich natürlich auch . .
    =
    Sehr geehrter Herr Blume,
    verzeihen Sie mir bitte, wenn ich mich an dieser Stelle noch einmal melde.
    Den oben zitierten Artikel habe ich mit Interesse gelesen und wundere mich,
    wie aufgewühlt die Diskussion über die verschiedenen Religionen inzwischen
    verläuft.
    Zu Ihrem Buch „Islam in der Krise“ habe ich mich ja schon mal im Artikel
    „Same des Friedens“ geäußert und mit 2 Links bereichert.
    Meine Feststellung:
    Es gibt enorm viele Anzeichen (weltweit) dafür, dass die Menschheit auf eine
    > vorübergehende < , biblisch angesagte Katastrophe zusteuert.
    Mir ist nicht bekannt, dass irgendeine Weltanschauung (inklusive Religion)
    darauf konkret hinweist, sonst würde doch mehr nach den Ursachen geforscht.
    Was mich noch wundert:
    Auf einem Gebiet der Naturwissenschaften (gehört ja auch zu den
    Geisteswissenschaften wie die Religionswissenschaft), wird jede Menge
    Geld und Zeit ausgegeben um festzustellen, wie das Universum entstanden ist,
    einschließlich „Dunkle Materie“ / „Dunkle Energie“ – bisher ohne Erfolg.
    Jedenfalls ist es etwas, wonach konkret geforscht wird.
    Diesen Forschungstrieb vermisse ich bei den Religionswissenschaften.
    Man stellt zwar immer wieder neue Veränderungen und Befindlichkeiten
    bei den einzelnen Gruppen fest und diskutiert ellenlang darüber.
    Jemand hat mal gesagt: Die Schafe wären sich schon einig, nur die
    Schafsköpfe nicht. Da ist schon etwas dran, denn sobald jemand das Sagen
    hat, mutiert er bald zum King mit dem im Laufe der Zeit (un)bewussten, aber
    beobachtbaren Anspruch: „ICH“ bin der Boss, ihr sollt keine anderen Götter
    neben mir haben.
    Wie wäre es, wenn die Religionswissenschaft parallel zu der Naturwissenschaft
    (Forschungsgebiet: Ursprung des Universums)
    mal nach dem Ursprung des Lebens forschen würde? Gemeint sind nicht
    physikalische, chemische Reaktionen.
    Die Religion, die das herausfindet, könnte man ja mal mit 5 Sternen belohnen.
    Mir hat dabei die Bibel geholfen.
    M. f. G.
    W. B.

  2. Aufgrund mangelnder Englischkenntnisse beziehe ich mich auf den Vortrag “Wie wir der Zukunft gemeinsam furchtlos begegnen” von Sacks, da dieser mit deutschen Untertiteln versehen ist.
    https://www.ted.com/talks/rabbi_lord_jonathan_sacks_how_we_can_face_the_future_without_fear_together?language=de

    Kernthema von Sacks in diesem Vortrag ist der Übergang von der „’Ich’-Politik zur gemeinsamen ‚Wir’-Politik“. Sacks predigt in alter religiöser Tradition seit mindestens 2000 Jahren das von einem übernatürlichen Wesen gebotene gute Verhalten, konkret hier als Appell an den Fremden: „Komm und nimm an unserem Leben teil, nimm an unseren Geschichten, unseren Wünschen und Träumen teil. Das ist das ‚Wir’ der Identität.“

    Dabei versucht Sacks die illusionäre, vereinfachende und darin weltfremde Scheinlösung zu vermitteln, dass bei Befolgung dieses göttlichen Gebotes die Extreme in der Gesellschaft verschwinden werden. Er nennt hier konkret die extreme Rechte, die extreme Linke, die extrem Religiösen und die extrem Anti-Religiösen. Doch hier wird die Natur des Menschen ignoriert, denn die Pluralität und die unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale der Menschen sind eine erfolgreiche Strategie der Evolution und nicht erst eine Folge der Nichtbeachtung bestimmter religiöser Gebote. Sie sind in jedem Volk vorhanden, da angeboren. (Der Biologe Edward O. Wilson identifiziert diese unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmale mit den sogenannten „Big five“ der Psychologie.)

    Wie sich eine solche Ignorierung der Natur des Menschen bemerkbar macht, dafür ist der Zölibat ein gutes Beispiel. Es funktioniert einfach nicht, die Sexualität bei Priestern einfach zu verbieten, denn sie sucht sich dann andere Wege, wie besonders in dem massenhaften Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

    Genausowenig funktioniert der übernatürlich begründete Appell an die Menschen, gut zu sein, da dann alle Probleme gelöst würden. Ich sage nicht, dass diese Appelle überhaupt keine Wirkung haben, bzw. dass der religiöse Glaube in der Evolution etwas vollkommen Sinnloses gewesen ist. Doch insbesondere in der heutigen globalisierten, technisierten und „aufgeklärten“ Gesellschaften funktioniert dieses einfache Weltbild nicht mehr. Im sogenannten „Heiligen Land“ der drei Weltreligionen ist das konkret zu beobachten, d.h. es ist kein Land des Friedens, sondern im Gegenteil ein Land des Hasses und der Gewalt.

    Statt dieser heute nicht mehr sehr sinnvollen Appelle sollten gerade die abrahamitischen Religionen besser ihre Theologien kritisch hinterfragen. Wie kann es etwa sein, dass sich ein Gott ein Volk auserwählt, dieses aber seinen Sohn, den er diesem auserwählten Volk schickt, nicht als Gottessohn anerkennt, sondern ihn vielmehr verachtet und hinrichtet, und dass in einer erneuten Offenbarung dieses Gottes von seinem Sohn wiederum nicht mehr die Rede ist?
    Ein in sich stimmiges und einheitliches Gottesbild ist doch das Mindeste, was man erwarten kann und muss. Doch auf diese wirklichen Probleme geht Sacks leider nicht ein. Ein solcher Vortrag wie der hier behandelte kann wohl zum weiteren Zusammenhalt einer bestimmten religiösen Gruppe dienen, aber zur Lösung der Probleme der modernen Gesellschaften ist er nicht geeignet.

    • @Bernd Ehlert (Zitat):

      Kernthema von Sacks in diesem Vortrag ist der Übergang von der „’Ich’-Politik zur gemeinsamen ‚Wir’-Politik“

      Falls Sacks mit “Vom Ich zum Wir” die Ausdehnung der ethisch/moralischen Regeln von der Gültigkeit bei Familie und Verwandten auf Kultur-/Religionsangehörige und schliesslich auf die ganze Menschheit meint, so deckt sich diese Humanisierungs-“Strategie” mit der, die Steven Pinker am Werk sieht und die zur Abnahme von Gewalt in unserer Gesellschaft geführt habe. Steven Pinker schreibt in seinem Buch “The Better Angels of Our Nature” über die entsprechenden Ansichten des Philosphen Peter Singer (Zitat):

      So wie du dich nicht selbst über jemand anderen bevorzugen kannst, wenn du Ideale wie man sich zu benehmen hat, hochhältst, so kannst du nicht Mitglieder deiner Gruppe über Mitglieder einer anderen Gruppe bevorzugen. Für Singer ist es letztlich weit mehr konsequente, “harte” Logik und Vernunft als “weiche” Empathie, die den ethischen Kreis nach außen erweitert.

    • @Bernd Ehler: habe den von Ihnen verlinkten TED-Vortrag von Rabbi Jonathan Sacks inzwischen konsumiert. Er spricht von der Selfie- und Social-Media-Generation als Bereicherung aber auch als Gefahr für die Gemeinschaft, denn Erfahrungen wie “Alone Together ” (zusammen einsam) und Echoräume/Filterblasen machen das Miteinander schwieriger. Nur der reale Kontakt und Austausch auch mit dem ganz Anderen, anders Denkenden und funktionierenden schafft echte Solidarität und die Bereitschaft Konflikte zu bewältigen. Von Religion und Glauben spricht Rabbi Sacks in diesem Vortrag direkt überhaupt nicht. Sie stellen das jedoch völlig anders dar, wohl weil sie bei einem “Gottesmann” immer eine religiös belehrende Absicht vermuten. Sie schreiben noch:“Ein solcher Vortrag wie der hier behandelte kann wohl zum weiteren Zusammenhalt einer bestimmten religiösen Gruppe dienen, aber zur Lösung der Probleme der modernen Gesellschaften ist er nicht geeignet.” Doch dieser in der Form und Länge (etwa 15 Minuten) für TED typische Vortrag richtet sich erkenntlich an alle und als Absicht hat er wie alle TED-Vorträge, eine wichtige Idee einem breiten Publikum rüber-und näherzubringen und nicht etwa (Zitat) die Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen.. Meiner Ansicht nach erfüllt Rabbi Sacks Vortrag diesen Anspruch an TED-Vorträge: er vermittelt eine wichtige Idee und regt zum Nachdenken an.

      • Zitat Martin Holzherr: “Doch dieser in der Form und Länge (etwa 15 Minuten) für TED typische Vortrag richtet sich erkenntlich an alle und als Absicht hat er wie alle TED-Vorträge, eine wichtige Idee einem breiten Publikum rüber-und näherzubringen und nicht etwa (Zitat) die Probleme der modernen Gesellschaft zu lösen.. ”

        Natürlich richtet sich dieser Vortrag an alle, das ist ja gerade das Thema als von der “Ich” zur “Wir” Politik. Doch genau deswegen will Sacks “die Probleme der modernen Gesellschaft lösen”, das sagt er ganz konkret im Bezug auf “die extreme Rechte, extreme Linke, extremen Religiösen und die extremen Anti-Religiösen”.

        Von Religion und Glauben spricht Sacks in diesem Vortrag dadurch, dass er das “Wir” am Schluss mit einem Bibelzitat in einen direkten Bezug zu seinem Gott bringt.

  3. Antwort @ Martin Holzherr:
    Was hat „zur Abnahme von Gewalt in unserer Gesellschaft geführt“? In archaischen Gesellschaften werden wie in Tier-Gesellschaften die Rangordnung und Streitfälle durch Gewalt gelöst (auf der internationalen Ebene der heutigen Staaten gilt das trotz UN oft ebenfalls noch!). Was tun wir, wenn wir heute in Deutschland von Gewalt bedroht werden? Beten wir oder rufen wir die Polizei?

    In meinem Verständnis kann man darüber streiten, ob oder wie die Religion ein Vorläufer unserer Gesetze ist. Doch außer Frage steht für mich, dass es die Gesetze sind, die für die rapide Abnahme der Gewalt verantwortlich sind. Ich führe hier dazu Schiller an, der es in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor in Jena im Zusammenhang mit unserer Zivilisierung folgendermaßen ausdrückte:
    „Hier finden wir den Menschen in seines Erwerbes friedlichem Besitz sicher unter einer Million, ihn, dem sonst ein einziger Nachbar den Schlummer raubte. Die Gleichheit, die er durch seinen Eintritt in die Gesellschaft verlor, hat er wieder gewonnen durch weise Gesetze. Von dem blinden Zwange des Zufalls und der Noth hat er sich unter die sanftere Herrschaft der Verträge geflüchtet und die Freiheit des Raubthiers hingegeben, um die edlere Freiheit des Menschen zu retten.“

    Vor unseren Gesetzen sind auch alle Religionen gleich (oder sollten es sein). Doch was macht nun Sacks in seinem Vortrag? Er präsentiert am Schluss einen „simplen Vorschlag“, der unser „Leben komplett verändern“ und uns helfen kann, „die Welt zu verändern“. Wir sollen nur das Wort „Selbst“ durch „Andere“ ersetzen. Konkret sagt er: „Statt Selbsthilfe, Hilfe für andere; statt Selbst-Achtung, Achtung anderer.“

    So weit so gut. Doch sofort im nächsten Satz schließt er seinen Vortrag mit einem alttestamentlichen Bibelzitat des Wanderns im finstren Tal, bei dem Er (dann wohl auch als Wir) bei uns ist. Warum macht Sacks hier nicht das, was er gerade erst als Heilmittel empfohlen hat? Er hätte hier mit gutem Beispiel vorangehen können und gerade nicht mit einem Zitat des „Selbst“, sondern der „Anderen“ schließen können, also etwa der Christen, des Islams, der Kommunisten, der Atheisten usw.

    Das ist das Problem der Religion. Sie sind alle für Frieden, für Wissenschaft, für Meinungsfreiheit usw., – doch letztlich stets nur unter der Maßgabe ihres „selbstischen“ übernatürlichen Gottesbildes. Das erklärt, warum ausgerechnet das sogenannte „Heilige Land“ der drei großen Weltreligionen seit Jahrtausenden von Hass und Gewalt regiert wird.

    • @Bernd Ehlert. Ja, es stimmt wohl, dass, wenn Rabbi Sacks vom Menschen spricht, er immer von einem gottbezogenen, spirituell veranlagten Menschen ausgeht.
      Insoweit könnte Rabbi Sacks aber recht haben, als dass auch nicht-religiöse, nicht-gläubige, sich mit spirituellen Fragen beschäftigen und ihre eigene Person in Beziehung zu anderen und zur Welt setzen wollen und setzen müssen. Auch ohne Glauben an einen Gott bleiben jedem Einzelnen diese Aufgaben. Für Ungläubige gab es schon mit Kant einen philosophischen Ersatz, eine Regel, die die Beziehung des Einzelnen mit den Anderen und mit der Welt, bestimmen sollte: Der moralische Imperativ. Der moralische Imperativ richtet sich an jedes einzelne Individuum und ist damit mehr und etwas anderes als das Grundgesetz und die ganze Sphäre von festgeschriebenem Recht, der Installation von Gerichten und der Strafgesetzgebung.
      Rabbi Sacks ist mit seinen Aussagen im TED-Vortrag in der gleichen Sphäre wie Immanuell Kant, der über sich selbst als Vertreter aller Menschen sagt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“
      Könnte die Welt nur mit den äusseren Gesetzen und Verträgen funktionieren – also ohne inneres Gesetz, ohne Gesetz in mir?

      • Zitat Martin Holzherr: „Rabbi Sacks ist mit seinen Aussagen im TED-Vortrag in der gleichen Sphäre wie Immanuell Kant, der über sich selbst als Vertreter aller Menschen sagt: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ Könnte die Welt nur mit den äusseren Gesetzen und Verträgen funktionieren – also ohne inneres Gesetz, ohne Gesetz in mir?“

        „Das moralische Gesetz in mir“ im Gegensatz zu „äusseren Gesetzen und Verträgen“ möchte ich zur Beantwortung Ihrer Frage von folgenden Kant-Zitat aus beantworten:
        „Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat, nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache, oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden, soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir dazu innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit, unter der zweckmäßigen Einheit nach Prinzipien der Vernunft, studieren, und nur sofern glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt, heilig halten, ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß wir das Weltbeste an uns und an anderen befördern. Die Moraltheologie ist also nur von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier in der Welt zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen, und nicht schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen, um ihn unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches einen transzendenten Gebrauch geben würde, aber ebenso, wie der der bloßen Spekulation, die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und vereiteln muß.“ (Kant KRV, B846-847).

        „Das moralische Gesetz in mir“ wirkt demnach dann, wenn wir „das Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt, heilig halten“. Dieses Sittengesetz ist dabei nichts anderes als die „innere praktische Notwendigkeit“. Der von Kant kritisierte Gegensatz dazu ist dann gegeben, wenn wir „schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel verlassen, um ihn unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen“.

        Doch genau das von Kant kritisierte Letztere machen die Religionen in der Regel, d.h. sie knüpfen ihre Moraltheologie „unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens“. Dieser Glaube funktioniert nach „äusseren Gesetzen und Verträgen“ bzw. nach einem Buch, in dem „die Idee des höchsten Wesens“ niedergelegt ist. Man handelt so nicht gut im Sinne einer einfachen „inneren praktische Notwendigkeit“, um „das Weltbeste an uns und an anderen befördern“, sondern knüpft das „Weltbeste“ unmittelbar an die eigene Vorstellung eines tatsächlich und real (wie ein „neuer Gegenstand“) existierenden höchsten Wesens. Der Glaube zählt hier mehr als das gute und notwendige Handeln selbst, d.h. wenn der Nachbar einen anderen Glauben besitzt, zählt das innere moralische Handeln nicht mehr und er darf und muss daher sogar letztlich gewalttätig bekämpft werden – so wie es im sogenannten Heiligen Land seit Jahrhunderten beobachtet werden kann.

        Das gemäß Kant Schwärmerische und Frevelhafte dieses Glaubens an die tatsächliche Existenz übernatürlicher Wesen liegt nicht in irgendeinem ästhetischen Gefühl, sondern in diesem Glauben selbst liegt das Unmoralische, Streitverursachende. Ich bin daher nicht der Meinung, dass Rabbi Sacks sich „in der gleichen Sphäre wie Kant“ befindet.
        Und meine Antwort Ihrer Frage: Die globalisierte Welt kann nur mit dem inneren, nicht von übernatürlichen Wesen abhängigen Gesetz funktionieren, dagegen nicht mit denjenigen (stets äußeren) Gesetzen, Verträgen und Büchern, die von angeblich tatsächlich existierenden übernatürlichen Wesen abgeleitet wurden.

        • @Bernd Ehlert. Zustimmung zu ihrer Aussage, dass es keine Religion braucht um sein Leben von moralischen Prinizipien, von einem inneren Gesetz leiten zu lassen.
          Allerdings denke ich, dass Religion und Spiritualität im weiteren Sinne nicht unbedingt an ein bestimmtes fixes Gottesbild und an religiöse Texte, an die man blind glauben muss, gebunden ist.
          Nimmt man alle ihre Kommentare zur Religion zusammen, erhält man den Eindruck, dass sie in der Religion, im Gottesglauben, ein Übel für die Menschheit und insbesondere für ihr Fortkommen sehen. So ähnlich habe ich früher auch gedacht. Doch inzwischen bin ich der Ansicht, dass sich eine explizit antireligiöse Haltung nicht lohnt und dass die Religiösen nicht ein Hindernis auf dem Weg zu einer besseren Welt sein müssen. Denn auch der religiöse Glaube kann sich wandeln und eine eigentliche Verweigerung gegenüber der modernen Welt und gar der Realität findet man nur gerade im Fundamentalismus.

  4. Lieber Martin Holzherr,
    Sie haben aus meinen Kommentaren einen falschen Schluss gezogen, ich bin nämlich religiös, nur eben im Sinne der negativen Theologie, die ich in meinen Kommentaren erwähnt habe.

    Den dogmatischen Glauben an real existierende, personale Götter, in denen der Mensch meint, das Göttliche zu besitzen und in denen es ihm seiner Vorstellung nach zu Diensten ist, indem es sein weltliches Sein “rettet” und dadurch selber vergöttlicht, das halte ich allerdings tatsächlich für ein Übel der Menschheit und ich sehe darin nicht nur für mich keinerlei Fortkommen.

    • Zitat:
      Lieber Martin Holzherr,
      Sie haben aus meinen Kommentaren einen falschen Schluss gezogen, ich bin nämlich religiös, nur eben im Sinne der negativen Theologie, die ich in meinen Kommentaren erwähnt habe.
      = = =
      Sehr geehrter Herr Ehlert,
      bei der erfolglosen Suche nach der Bezeichnung “negative Theologie“, bin ich auf ein paar
      andere Begriffe gestoßen:

      > Auszüge aus: Das moderne Lexikon – Bertelmann 1972-1974

      Band 18
      S. 316 – Theologie
      – „Wort, Rede von Gott“, im Unterschied zur Religionswissenschaft, die Voraussetzung
      – des Glaubens, die in Christus kulminierende göttl. Offenbarung genau zu erfassen und
      – geordnet darzustellen strebt.
      =
      – . . Von dieser Offenbarungs-T. . . . ist die philosoph. oder natürliche T. zu unterscheiden . . .
      =
      Band 15
      S. 333 – Religion,
      – das bewusste Verhältnis u. tätige Verhalten des Menschen zu der ihm übergeordneten
      – Macht (Numinosen, (Göttlichen), das bei allen Menschen u. Völkern in irgendeiner Form
      – vorhanden ist.
      =
      Band 14
      S. 329 – philosophisch-theologische Hochschulen,
      – haben die Aufgabe, Studierende der kath. Theologie wissenschaftlich auf den Priesterberuf
      – vorzubereiten.
      =
      Band 15
      S. 333 – Religionsedikt,
      – staatliche Anordnung über die Ausübung der Religion; das R. von Mailand (313) stellte
      – das Christentum den heidn. Kulten gleich;
      =
      S. 335 – Religionswissenschaft,
      – die historische u. systematische Wissenschaft von den geschichtlichen Religionen.
      =
      – . . . die das Werden aller Einzelreligionen zu erforschen hat, u.
      =
      Band 20
      S. 238/39 – Wissenschaft,
      – das systemat. Ganze der Erkenntnis, das der Idee nach alle Gebiete der Erkenntnis umfasst
      – als ein solches Ganzes verstand sich die Philosophie des Altertums u. Mittelalters;
      =
      Ab dem 19. Jahrhundert:
      – Diese zerfallen in die Natur- u. die Geistes-W.en; als Unterscheidungsmerkmale werden
      – angegeben: Erklären gegen Verstehen . . .
      – das Messen dem Verstehen gegenübergestellt
      | Anmerkung:
      | Bedauerlicherweise ist die Philosophie nach dem 1. Weltkrieg lehrmäßig zu einer
      | Existenz-Philosophie degeneriert, daran zu erkennen, dass gewissermaßen nur
      | die materielle Seite des Daseins kommentiert wird.
      | Hintergrund: Was nicht Sein darf kann nicht sein, oder wie jemand einmal sagte:
      | Ich glaube nur das, was ich sehe

      Band 15
      S. 334 – Religionsphilosophie,
      – derjenige Teil der Philosophie, der sich mit dem Phänomen der Religion befasst.
      =
      S. 328 – Philosophie
      – Liebe zur Weisheit, zur Wissenschaft . . .
      =
      – nach Platon ist Wissender (sophos) nur ein Gott, der Philosoph kann die reine Wissenschaft . . .
      – nicht besitzen. (Platon: 427 – 347 v. Chr.)
      =
      Möglicherweise würde Platon heute fragen: Was hat Gott (Wissender) – Schöpfer der
      sichtbaren und unsichtbaren Welt verbrochen, dass es bei so ““v i e l““ Aufklärung durch
      die christlichen Religionen zu einer “negativen Theologie“ gekommen ist?
      Wahrscheinlich handelt es sich eher um eine negative Einstellung, aus welchem Grund
      auch immer.
      Allgemeine Empfehlung, ohne Dogma:
      Einfach mal bei Google-Suche einige Artikel aus > 4-e-inigkeit.info
      unvoreingenommen und konzentriert zu Gemüte führen, wie gesagt: No Dogma!
      M. f. G.
      W. B.

  5. Lieber Herr Dr. Blume,

    ich hatte mir, nachdem ich das zweite Video größtenteils angeschaut hatte — und wegen Ihrem Hinweis dass es sich bei Herrn Sacks um einen der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit handelt (dass Juden überproportional zu den intelligentesten Menschen gehören ist ja offensichtlich) — das Buch *To heal a fractured world* bestellt und vor ein paar Tagen fertig gelesen (einige Seiten aber überblättert). Und auch bestellt, da ich mehr/genaueres über den jüdischen Glauben lernen wollte.

    Wie Sie sich ja vll. erinnern bin ich (u.a.) buddhistisch beeinflusst (aber kein 100%-iger). Da liest sich das Buch eines schöpfergottgläubigen Menschen natürlich oft befremdlich (dass es keinen Schöpfergott gibt kann ich allerdings nicht beweisen). Andererseits sind da häufig Aussagen die sich durchaus mit dem Buddhismus vereinbaren lassen – bzw. (umgekehrt) der Buddhismus sich mit dem (“orthodoxen“) Judentum vereinbaren lässt. Aber Gemeinsamkeiten gibt es ja in allen Religionen. Obwohl der Buddhismus i.S. (der Priorität) eines Schöpfergottes keine Religion ist.

    Seltsam erschien mir (im Buch) der wiederholt auftauchende Begriff des Bundes (covenant) zwischen Gott und den Juden (das sog. “auserwählte” Volk). So denn Adam und Eva von Gott geschaffen wurden, fällt es mir schwer diese als Juden (und nicht als Menschen allgemein) zu sehen.

    Jedenfalls ein interessantes Buch (wenn man sich für solche Dinge interessiert). Und: Mir ist es egal aus welchen Gründen ein Mensch sich bemüht anständig zu sein (z.B. Theist od. Atheist) – Hauptsache er bemüht sich darum. Darüber was – in der jeweils gegebenen Situation – anständig (richtig usw.) ist, bestehen allerdings unterschiedliche Ansichten … Na ja – wollte das auch nur Mal kurz sagen. Freundliche Grüße.

    • Lieber @Axel Krüger,

      vielen lieben Dank!

      Oha, “To heal a fractured world” ist natürlich ein primär innerjüdisches Werk – ich kann mir vorstellen, dass da vieles rätselhaft geblieben ist. Viel lieber hätte ich Ihnen “The Great Partnership” des gleichen Autors empfohlen, in dem es explizit um das Verhältnis von (Natur-)Wissenschaft, monotheistischer Religion und Sinnfragen geht…
      https://www.kirkusreviews.com/book-reviews/jonathan-sacks/great-partnership/

      Zur Covenant-Theologie – Sie haben Recht: Nach jüdischer Lesart stehen Adam und Eva für die gesamte Menschheit. Ebenso schließt Gott mit Noah einen Bund, der die gesamte Menschheit umfasst – auch Sie und ich können als Nichtjuden als “Kinder Noahs” Anteil an der kommenden Welt erlangen und müssen daher auch nicht zum Judentum bekehrt werden. Mit Moses liegt schließlich jener Bundesschluss vor, der sich auf das Judentum bezieht.

      Ihnen herzlichen Dank für Ihr übergreifendes Interesse und Respekt für die Anstrengung, in doch sicher auch zunächst fremd wirkende Traditionen und Denkwelten vorzustoßen!

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