Der Genozid an den Eziden ist nicht vorbei

Vor fünf Jahren – in der Nacht vom 2. auf den 3.8.2014 – überfielen Truppen der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) die südkurdischen Regionen des Shingal, wo das alte Volk der Eziden seit Jahrhunderten in eigenen Dörfern und kleinen Städten lebt(e). Hunderttausende wurden vertrieben, Abertausende ermordet, weitere Tausende verschleppt, zwangskonvertiert, versklavt, auch sexuell missbraucht.

Für das Schicksal der Ezidinnen und Eziden hatte sich Andreas Malessa bereits bei den Recherchen für “Eine Blume für Zehra” interessiert – und nun dankenswerterweise eine bewegende Podcast-Folge für hr2 produziert, die gegen das Vergessen informiert:

Hörenswerter hr2-Podcast über das Schicksal der Ezidinnen und Eziden. “Weil jedes Leben zählt”, von Andreas Malessa. Screenshot: Michael Blume

In Stuttgart erinnerte der Zentralrat der Eziden in einer Gedenkfeier an das Geschehen (siehe Video-Text-Bericht des SWR). Dabei erhielten Staatsministerin Theresa Schopper und ich als Leiter des Sonderkontingents vom Zentralrats-Vorsitzenden Dr. Irfan Ortac und der hervorragenden, deutsch-ezidischen Laudatorin Peyman Ali stellvertretend für unser Land den “Ehrenpreis des ZED für Verdienste am Ezidentum”. Doch man sieht mich auf den Bildern nicht lächeln. Denn so dankbar ich selbstverständlich für die Anerkennung bin – der Leidensweg der Eziden ist nicht vorbei.

Daran erinnerte auch die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, die sowohl in Stuttgart wie zuvor in der Washington Post eindringlich für eine Rückkehr der Vertriebenen nach Shingal warb. Wenn dies weiterhin nicht möglich sei, so werde der Völkermord “möglicherweise obsiegen.”

 

Nadia Murad bei ihrer Gedenkrede in Stuttgart, 03.08.2019. Foto: Michael Blume

Und ich fürchte, Nadia hat Recht:

  1. Das Ezidentum ist bislang eine mündlich tradierte Religion. Es konnte sich in einer oft feindlichen Umgebung durch Kinderreichtum, ein Kastensystem aus Muriden (“Schülern”), Pirs (“Priestern”) und Scheichs (“Lehrern”) erhalten. Doch in den irakischen und syrischen Flüchtlingslagern harrt heute mit rund 300.000 Menschen fast die Hälfte entwurzelt, in Not und Abhängigkeit aus. Wenn eine Rückkehr in die Heimatsiedlungen nicht gelingt, werden die tradierten Sozialformen zerstört und die Menschen Armut und Zwangs-Assimilation ausgeliefert.
  2. Immer mehr Ezidinnen und Eziden leben in Städten des Nahen und Mittleren Ostens, aber auch in Europa und Nordamerika. Auch hier brechen die alten Sozialformen und Lehren zusammen, doch gibt es wenigstens die Chance, sich selbst in Freiheit neu zu organiseren. Nicht zufällig hat der Zentralrat der religiösen Gruppe in Deutschland die älteren Bezeichnungen Jesiden (a la Karl May) und auch Yeziden (nach dem Englischen Yazidi) eingetauscht in: Eziden, nach Ezda, dem nach ezidischem Glauben Einem und Einzigen Gott. Immer mehr vor allem jüngerer Ezidinnen und Eziden drängen auf religiöse Reformen, wie sie das historisch eng verbundene Alevitentum bereits durchlaufen hat – v.a. die stärkere Anerkennung von Bildung auch in religiösen Fragen, die Akzeptanz interreligiöser Ehen und Kindern aus gemischten Familien und die Stärkung von Frauenrechten.
  3. Besonders schlimm ist die Lage für ezidische Frauen, die in IS-Gefangenschaft Kinder geboren haben. Sowohl nach irakischem Recht wie auch nach ezidischem Brauch gelten diese Kinder als “Muslime” und können nicht wirklich Teil der ezidischen Gemeinschaft werden. Für solche völlig verzweifelten Überlebenden der IS-Hölle haben Annalena Baerbock (Grüne), Volker Kauder (CDU) und Thomas Oppermann (SPD) nun nach baden-württembergischen Vorbild ein Bundes-Sonderkontingent gefordert.

Dass mehr und mehr Gerichtsurteile Ezidinnen und Eziden in Deutschland kein Asyl mehr zusprechen, verschärft die Verzweiflung der verfolgten Volksgruppe weiter. Zwar fallen über Sonderkontingente Aufgenommene nicht unter das Asylrecht. Doch wäre es eine Katastrophe, wenn jetzt auch gut integrierte und nicht straffällige Ezidinnen und Eziden in den Irak oder gar nach Syrien zurückkehren müssten.

So danke ich also dem Zentralrat von Herzen für die ehrenvolle Auszeichnung. Und bin zugleich in Trauer um die immer noch täglichen Opfer und in Sorge darüber, wie es den ezidischen Menschen und dem Ezidentum im 21. Jahrhundert ergehen wird. Und ich kann es nicht oft und laut genug sagen: Solange auch wir Deutschen durch Öl- und Gasimporte die autoritären Regime und Terrrogruppen der Region indirekt mitfinanzieren und ihnen dann auch noch Waffen verkaufen, sind wir leider Teil des verbrecherischen Geschehens. Es bleibt so viel zu tun – und jedes Leben zählt...

Der Ehrenpreis des ZED 2019, angenommen mit Dankbarkeit, Trauer & Sorge. Foto: Michael Blume
Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

6 Kommentare

  1. Nun ja. Präsident Trump ist unterrichtet. Nicht.

    https://www.stern.de/politik/ausland/donald-trump–friedensnobelpreis-fuer-jesidin-murad—wofuer—8806868.html

    Könnte man drüber lachen. Aber Trump hat in den nächsten Wochen darüber zu entscheiden, ob er die Türkei in das Grenzgebiet Syriens einmarschieren läßt, um einen Sicherheitspuffer zu schaffen zwischen der Türkei und den durch die YPG verteidigten Kurdengebieten. Gleichzeitig sollen dort, wie schon in Afrin, syrische Flüchtlinge aus der Türkei angesiedelt werden, die in der Türkei immer mehr zur Belastung werden (ein Vielfaches von dem, was in Deutschland angekommen ist, und die Wirtschaft in der Türkei schrumpft.) Gemeint sind Arabisch-Sprachige. Es geht also auch darum, die demografischen/ethnischen Strukturen dauerhaft/tiefgreifend zu verändern, sprich: die Kurden „auszudünnen“.

    Ergänzt sei, daß die Kurden behaupten (seriöse Informationen gibt es von keiner Seite), in Afrin unterstütze die Türkei islamistische Milizen, die vor Ort die Scharia umsetzen (Vollverschleierung der Frauen).

    Erdogan hat der PKK den unbedingten Krieg erklärt. In seiner Präsidentschaft aber hat sich mit der YPG in Syrien eine weitere Front gebildet. Er steht enorm unter Druck. Die Amerikaner wiederum wollen unbedingt raus aus Syrien, sind sich aber unschlüssig, ob sie die YPG oder die Türkei als ihre Vertreter dort implementieren wollen. Die YPG waren ihre bisherigen Verbündeten, mit der Türkei aber gibt es ein ganzes Bündel an Spannungen, und man will sie nicht an Rußland verlieren.

  2. Mir scheint, das physische Überleben ist für die Yesiden/Etziden wichtiger als das Überleben als Religionsgruppe. Un dieses physische Überleben ist im Nahen/Mittleren Osten nicht garantiert.

    Vor kurzem las ich die Einschätzung eines Iran- und NahOst-Experten, der arabische Raum sei in einer ähnlichen Situation wie Europa unmittelbar vor dem 1. Weltkrieg. Wie damals sei die frühere Machtbalance auseinandergebrochen. Nun aber nicht im europäischen, sondern im arabischen Raum, in dem es nach dem arabischen Frühling und den chaotischen Verhältnissen in Syrien, Lybien und dem Irak ein Machtvakuum gebe. Saudi-Arabien und Iran wollen dieses Machtvakuum ausfüllen und der Versuch das zu tun kann zu langdauernden kriegerischen Auseinandersetzungen führen. In einer solchen Situation aber sind Minderheiten besonders gefährdet – also auch die Etziden.
    Die Etziden sollten sich also vor allem um ihre eigene Sicherheit kümmern.

  3. @ Martin Holzherr
    05.08.2019, 15:07 Uhr

    Mir scheint, das physische Überleben ist für die Yesiden/Etziden wichtiger als das Überleben als Religionsgruppe. Un dieses physische Überleben ist im Nahen/Mittleren Osten nicht garantiert.

    Ich hoffe, daß Herr Blume noch was dazu sagt. – Mir scheint dem nicht so. Die Eziden wollen zurück in ihre Heimat, um ihre Kultur und Religion weiterhin zu praktizieren. Das physische Überleben ist ihnen im Exil ja sicher, aber hier sind sie zu zerstreut.

    • @Martin Holzherr & @Alubehüteter

      Die Antwort ist wirklich einfach: Es gibt „die Eziden“ ebensowenig wie irgendeine gewachsene Religionsgemeinschaft je völlig homogen wäre.

      So gab es Ezidinnen und Eziden, die unter Zwang zum Islam konvertierten – und andere, die den Tod der Konversion vorzogen. Es gab und gibt Eziden (und ebenso z.B. Turkmenen), die die Belange der Kollektive über das Schicksal der Einzelnen stellten und z.B. zwangskonvertierten und zwangsverheirateten Frauen die Rückkehr in die Gemeinschaft verweigern wollten. Es gab und gibt andere – darunter hochrangige Würdenträger -, die anders entschieden. Und es gab und gibt selbstverständlich sowohl religiöse wie auch nichtreligiöse Ezidinnen und Eziden.

      Innerhalb des Ezidentums finden gerade auch derzeit heftigste Debatten um die Zukunft statt – nicht selten mitten durch die Familien. Dass es keine kanonischen Schriften gibt, macht die Unterscheidung von nur traditionellen Bräuchen und tatsächlich „ewigen“ Lehren sowie die Rekonstruktion von religiöser Identität in der Diaspora dabei nicht einfacher.

  4. Die Geschichte von Nadia Murad ist wirklich fürchterlich. Gott sei Dank, dass die Welt Ihre Geschichte gehört hat. Meiner Meinung nach sollte es mehr Initiativen für solche Ethnien wie Etziden geben, da diese um Existenz kämpfen.

  5. Ist eigentlich was geworden aus dem überparteilichen Vorstoß von Baerbock, Kauder und Oppermann? Irgendwas in der Mache?

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