Religionswissenschaft und digitale Medien – Thematisch natürlich-kultürliche Partner

In dieser Woche kam das Digitalthema knüppeldick. Vom KIT Karlsruhe kam die Anfrage, ob ich auch im kommenden Wintersemester wieder lehren würde. Und das Breitbandbüro des Bundes fragte um ein Interview zur Natur & Kultur digitaler Medien an. Anlass dafür war die Technologie- und IT-Messe fibit17 in Fulda, die ich am Donnerstagabend (11.05.2017) mit einem Keynote-Vortrag zur „sozialen Macht der neuen Medien“ eröffnen durfte. Weit über 100 interessierte Teilnehmende der verschiedensten IT-, Technologie- und Bildungsbereiche waren ein besonderes Publikum und auch der Fuldaer MdB Michael Brand nahm sich extra Zeit – vielen Dank! Ihn hatte ich als Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe sowie als menschenrechtspolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion bereits kennen und schätzen gelernt.

Digitalthemen sind relevant, nicht nur für die Wirtschaft – sondern letztlich auch für das gesamte politische und soziale Gefüge unserer Gesellschaft und bis hinein in unsere „innersten“ Welt- und Selbstwahrnehmungen. (Und auch die Wortherkunft der IT- und Technologie“messe“ legt bereits historische Bezüge frei.) Aber oft werde ich gefragt: Was kann denn ausgerechnet Religionswissenschaft zu digitalen Medien sagen?

Foto von der fibit-Keynote in Fulda: BBB / Nils Mischorr

Die Antwort ist: Die Religionswissenschaft kann zur Erforschung digitaler Medien sehr, sehr viel beitragen – denn „Medien“ sind ihr Urthema!

Es gibt schlicht keine „Religionen“ ohne Medien wie Sprache und Mythen, Symbole und Rituale, Kunstwerke und Heilige Schriften. Und wenn der Begriff „Medien“ mit Bezug auf Menschen gebraucht wird, dann grundsätzlich für jene, die von sich behaupten, mit überempirschen Akteuren (wie Verstorbenen, Aliens, Gottheiten usw.) in Verbindung zu stehen. Mehr noch: Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler erforschen seit Entstehen des Faches, wie Menschen ihre jeweiligen Weltanschauungen medial und sozial konstruieren, sich austauschen und abgrenzen, einander bekehren, bekriegen, behandeln und beschreiben. Medien sind dabei zentrale Faktoren – so finden beispielsweise Debatten zwischen Kreationisten und Vertretern der Evolutionsforschung wie auch die Etablierung zunehmend abgeschotteter Filterblasen inzwischen vor allem online statt (so die These meines folgenden Kurzvortrags)…

Entsprechend sind auch Forschungen rund um digitale Medien in der Religionswissenschaft fest etabliert – hier auf dem Blog war beispielsweise der Workshop zur „Digital Religion“ 2016 an der Universität Mainz Thema, ebenso das Grundlagenwerk „Die mediale Religion“ von Oliver Krüger.

Auch international geht Religionswissenschaft in Forschungsnetzwerken „digital“. Foto: Michael Blume

Besonders hervorheben möchte ich zudem den Sonderforschungsbereich „Ritualdynamik“ an der Universität Heidelberg, dessen Teilprojekt C2 „Zwischen Online-Religion und Religion-Online: Konstellationen für Ritualtransfer im Medium Internet“ vom Religionswissenschaftler Prof. Dr. Gregor Ahn geleitet und von Simone Heidbrink aktiv mitgestaltet wird. Die Dissertation der früheren Projektmitarbeiterin Nadja Miczek zu „Biographie, Ritual und Medien“ (!) gehört ebenfalls in diesen Kontext wie auch das einzigartige Online-(klar!)-Heidelberg Journal of Religions on the Internet. Beispielhaft für die Forschungsbreite zitiere ich einfach einmal die Zusammenfassung der Ausgabe 11 (2016):

The articles again cover a wide range of subjects and themes, starting with a case study of conflicts on Facebooks (Mona Abdel-Fadil), general considerations on researching religion in digital games (Frank G. Bosman), the importance of Web 2.0 for female jihadists (Claudia Carvalho), the use of Facebook in the context of a prophetic church in Botswana (Gabriel Faimau & Camden Behrens), a best-practice study of the augmented reality app „Aurasma“ for religious education (Polykarpos Karamouzis & Michalis Keffalas), the use of religious terms on Wikipedia (Emad Mohamed), religious attitudes of travel bloggers (Tom van Nuenen & Suzanne van der Beek), religion as factor in age rating video games in Iran (Stefan Piasecki & Setareh Malekpour), Catholic online communication (Moisés Sbardelotto) and Catholic confessional apps (Sasha A.Q. Scott).

Weitere Forschungsfelder befassen sich mit Utopien und Dystopien beispielsweise des Transhumanismus, der eine Ab- oder Auflösung des Menschen in Technologien vorhersagt. Dass auch Yual Noah Harari sein neues, transhumanistisches Werk „Homo deus“ nannte, sei hierzu erwähnt.

Religionswissenschaft als Forschungspartner, um die digitale Transformation zu verstehen

Zwar wurde die o.g. Keynote nicht aufgezeichnet, doch der KIT-Studienbrief steht online und vielleicht ergibt sich ja in Zukunft noch einmal eine Gelegenheit, das Thema vorzustellen. Mir war es einfach wichtig, deutlich zu machen, dass sehr viele engagierte Religionswissenschaftlerinnen und Religionswissenschaftler im Bereich Digitales forschen, dabei auf historische, medienbezogene und anthropologische Kenntnisse zurückgreifen und daher gerade auch interdisziplinär anregende Beiträge leisten können.

Petra Koch, Simon Weber und Bernhard Krönung von Zeitsprung IT-Forum Fulda e.V. danke ich herzlich, dass sie eine religionswissenschaftliche Keynote bei der fibit17 gewagt hatten! Ich würde mich sehr freuen, wenn auch viele weitere Kolleginnen und Kollegen solche wunderbaren Chancen erhielten – die Religionswissenschaft ist eine Disziplin, die gerade auch zu klassischen und neuen Medien viel zu sagen hat. 🙂

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. So ein „Kofferthema“ erlaubt alles zu sagen und erklären, was man immer schon sagen wollte.
    Wenn man sich einmal klarmacht, wieviele Schritte notwendig sind, um von einem Gefühl über die Gedanken, vom Gedanken zur Sprache, von der Sprache zu den Begriffen und von den Begriffen zum Sinn zu kommen, und diesen Sinn dann wieder zu kodieren, damit andere Menschen an diesem Sinn teilhaben können, dann wird klar, dass man darüber sprechen muss.
    Viel Erfolg dabei!

    • Vielen Dank, @Bote17! Und Sie haben völlig Recht: Solche großen (Koffer-)Themen erfordern sehr viel Vorbereitung und sind auch in der Ausführung anstrengend – dafür machen sie dann aber idealerweise auch Freude und Sinn. 🙂

    • Vielen Dank, @Karl Bednarik! Die besprochene Studie sieht tatsächlich sehr spannend aus – und zitiert auch meine Arbeiten. Sehr gerne schaue ich sie mir genauer an, danke für den Hinweis! 🙂

  2. Karl Bednarik,
    …….sind religiöse Menschen wirklich dümmer?
    ich nehme an, Sie haben sich bei diesem Link nichts gedacht.
    Lassen Sie sich nicht auf dieses Niveau herab. Irgendwann fragt jemand, sind Christen verantwortungsvoller als Muslime?
    Menschen einzuteilen und zu klassifizieren ist ein Kapitalfehler.

    • Ich habe mir bei diesem Link schon etwas gedacht.
      Ich habe zu diesem Link keine Wertungen über seinen Inhalt abgegeben.
      Das Spektrum der Wissenschaft gilt allgemein als seriös.

  3. Karl Bedanrik,

    ……keine Wertung,
    wenn ich Ihnen bei meiner Formulierung auf die Füße getreten bin, dann bitte ich um Entschuldigung.
    Das habe ich auch nicht angenommen, dass hier jemand ernsthaft der Meinung sein kann, dass……
    Aber……..Statistiker nehmen Umfrageergebnisse und Tests ernst und folgern daraus.

    Und wenn man diesen Weg beschreitet, dann ist es nicht mehr weit zur Rassenlehre, zur Euthanasie, zur Einteilung der Menschen in Klassen.
    Unser Grundgesetz spricht ausdrücklich von der Würde des Menschen und von der Gleichheit der Menschen.
    das thema Religion und Intelligenz impliziert so eine Ungleichheit und stellt deshalb einen Tabubruch dar.

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