Gefühlte Wahrheiten. Das Internet zwischen säkularen Heilsversprechen und Apokalypse. Zur Religions- und Medienforschung

Natur des Glaubens

Wer Religionen (besser) verstehen will, muss etwas von Medien verstehen: Man denke nur beispielhaft daran, wie die Verschriftung religiöser Überlieferungen zu “Heiligen Schriften” die “Weltreligionen” formte (vgl. auch die Linkesche These!) oder wie die Übersetzungen der Bibel die europäische Religions-, Sprach- und Geistesgeschichten umpflügten. Der Satz gilt aber auch umgekehrt: Wer die Auswirkungen neuer Medien verstehen will, sollte etwas von Religion(en) verstehen. So wurde auch das Internet von Anfang an als utopisch-säkulare Heilserzählung präsentiert und politische Cyber-Bewegungen wie “die Piraten” verhöhnten nicht zufällig die gewachsenen Religionen als “überholt” (bevor sie sich selbst zerlegten). Inzwischen gibt es entsprechend auch eigene Cyber-Dystopien wie David Eggers “The Circle”, in dem “das Netz” zu einer totalitären, quasi-göttlichen Kontrollinstanz auswuchert.

Nachdem ich vor einigen Jahren schon verschiedentlich zum Thema “Religionswissenschaft & Netzkultur” gearbeitet und auf Basis eines Uni-Seminars auch das sciebook “Psyche & Fantasie des Menschen” veröffentlicht hatte, entfachte das dicke und schwere, aber überaus lohnenswerte Grundlagenwerk “Die mediale Religion. Probleme und Perspektiven der religionswissenschaftlichen und wissenssoziologischen Medienforschung” von Oliver Krüger meine Begeisterung für das Thema noch einmal neu.

DiemedialeReligionOliverKrueger

Aus der Befassung mit diesem Schnittpunkt von Religions- und Medienforschung sind bislang zwei kleinere Artikel und eine Audioblog-Folge entstanden, mit denen ich Teile der deutschen Netzöffentlichkeit zum Mitdenken und -forschen einladen wollte: Beim deutsch-islamischen Nachrichtenportal islamiq ging es um die Frage, ob und wie “böse Medien” seien. Und im deutsch-libertären Magazin eigentümlich frei habe ich gerade einen Artikel zur Frage veröffentlicht, ob das Internet Freiheiten eher fördert oder bedroht. Zum kostenlosen Download als pdf hier:

* Blume, M. (2015): Gefühlte Wahrheiten. Leben zwischen Realität und Medienblasen. eigentümlich frei April 2015, S. 29 – 31

Auch in der Audioblog-Folge über ein anti-evolutionäres Rekrutierungsvideo islamischer Fundamentalisten spielten die durch Krüger bei mir ausgelösten Reflektionen eine große Rolle.

An sich möchte ich an dem Thema gerne dranbleiben und habe mir schon weiteren, religions- und medienwissenschaftlichen “Lesestoff” eingekauft und bereitgelegt. Selbstverständlich interessiert mich aber auch Ihre Meinung – schließlich ermöglichen die neuen Medien eben auch den Dialog.

 

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

11 Kommentare

  1. Das Thema ist “heiß” und beschäftigt mich seit ich denken kann.

    Medien wirken “an sich” zunächst nur eines: bewusstseinsverändernd.

    Die bewusstseinsverändernde Wirkung entwicklungsbedingter Erfindungen und Einführung von (insbesonders neuen) Medien (von Sprache über Schrift zur Digitalisierung/Automatisierung) wird sowohl als “neugierig-reizvoll”, als auch befremdend als Beschämung mit fortlaufender Differenzierung wahrgenommen.

    Zuschreibungen wie “böse” beruhen m.E. auf der Untrennbarkeit der Art der Medien mit ihrem Inhalt. So gipfelt für mich die “Magie” von “Medien” in die verdichtete Formulierung jenes Buchtitels Marshall McLuhans: “Das Medium ist die Botschaft”, bzw. (aufgrund eines Druckfehlers bei Drucklegung:) in: “Das Medium ist die Massage”.

    Dadurch wird die doppelte Wirkung “Stellvertretung” und “Suchtcharakter” deutlich. Die Spannung und Paradoxie wird im “Bilderverbot” – “Du sollst Dir kein Bildnis von Gott machen, bete es nicht an” und der Bilderflut an tradierten “Offenbarungen Gottes” in Form von Geschichten, Interpretationen, Erzählungen ebenfalls deutlich.

    Das erste und wichtigste Medium ist für mich unser Körper. Er wird in Zeiten moderner, medialer, omnipräsenter, Informationsüberflutung nicht etwa an Bedeutung verlieren, sondern immer wichtiger als erholsamer Rückzugsort und Identitätsanker, ermöglicht er uns doch in der Begegnung miteinander, den “heißesten” Dialog und größtmögliche Verbundenheit, gegenüber möglicher virtueller Verstrickungen im medialen Netz bzw. Dschungel.

  2. Nur auf Meta-Ebene kurz ergänzt und nicht die Diskussion hierzu suchen wollend:
    -> http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BlumeefMedienblasen0415.pdf

    ‘Hass’ und ‘Troll’ kamen im Artikel nicht vor, auch die Suche nach ‘rechts’ und ‘liberal’ ergab ad hoc nichts Typisches (also standardisiert erscheinendes Dulles, wie es sich in den Standardmedien heutzutage regelmäßig ergibt), also muss oder könnte der Aufsatz schon ganz OK bis gut gewesen sein.

    Bei diesem Jokus ‘Wer Religionen (besser) verstehen will, muss etwas von Medien verstehen (…) Der Satz gilt aber auch umgekehrt: Wer die Auswirkungen neuer Medien verstehen will, sollte etwas von Religion(en) verstehen.’ will der Schreiber dieser Zeilen auch nicht gegenrednerisch werden, auch weil er heutzutage stimmt, lol.

    MFG
    Dr. W

    • PS:
      Sie sind nicht vielleicht heimlich sozusagen zuletzt wieder besser [1] geworden, Herr Dr. Blume?

      [1]
      Es gab ja mal eine Zeit vor vielen Jahren, in der der Schreiber dieser Zeilen das meiste Geschriebene ganz gut fand; Ältere erinnern sich vielleicht.

    • Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass Wissenschaft zum Nachdenken anregt. So empören Sie, lieber @Webbaer, sich über häufige Begriffsverschraubungen in den “Standardmedien”. Ggf. kann Ihnen jedoch auffallen, dass auch Sie selbst in einer selbgstgebauten Medienblase surfen, in der z.B. Begriffe wie “Islam” und “Ausländer” fest mit “Gefahr”, “Gewalt” und “kriminell” verschraubt sind, ebenso wie “Andersdenkende” dort “Gutmenschen” heißen. Es ist der gleiche Prozess, über den Nachzudenken ich Wilfried, Webbaer und Wazir sowie Waltraud, Wonderwoman und Wanda gleichermaßen einlade. 🙂

      • Ihr Kommentatorenfreund regt an, Herr Dr. Blume, den Islam oder die Unterwerfung, wie sich die Veranstaltung richtigerweise nennt, es wird ja im arabisch-sprachlichen nicht konvertiert, sondern sich unterworfen, als theozentrischen wie jenseits gewandten Kollektivismus, vielleicht sogar als Ur-Kollektivismus (wir vergleichen an dieser Stelle mit den beiden bekannten Kollektivismen des letzten Jahrhunderts) zu verstehen.


        Klar, es gibt, zunehmend und auch hoffentlich: zunehmend, Teilnehmer jener Veranstaltung, die ganz OK zu sein scheinen, Herr Hamdan könnte vielleicht dbzgl, zugeordnet werden, einige Bekannte des Schreibers dieser Zeilen sowieso, das islamische Spektrum (!, ein Spektrum liegt vor, auch wenn das Wesen der Veranstaltung generell kritisiert werden darf) ist nicht zwingend zu verallgemeinern.

        Die Veranstaltung an sich wird aber absehrbarerweise eine besondere Herausforderung bedeuten in diesem Jahrhundert, finden Sie nicht?

        MFG
        Dr. W (der, auch mit einer gewissen Faszination, Bipolares festzustellen hat)

        • Doch, @Webbaer – die Herausforderung sehe ich ganz ähnlich! Gerade deswegen verweise ich darauf, dass es kontraproduktiv ist, den Extremisten die Deutungshoheit über “den Islam” zuzusprechen und die mutigen, liberalen Stimmen zu marginalisieren, ja zu verspotten. Auch z.B. christliche Kirchen hatten und haben unterschiedliche Flügel und z.B. katholische Demokratinnen und Demokraten hatten lange zu kämpfen bis zum II. Vatikanischen Konzil und dem “Agiornamento”. Auch damals gab es prominente Stimmen – sogar Päpste-, die eine Unvereinbarkeit von Christentum und Menschenrechten verkündeten oder Wissenschaftler, die es für unmöglich erklärten, dass das hinduistische Indien demokratisch bleiben könne.

          Die Herausforderung ist da – lassen Sie uns also die richtigen Verbündeten in allen Kulturen und Religionen finden und stärken…

  3. HALT, STOP!!! EINSPRUCH.

    Von den Utopien des Internets bis zu den Piraten und ihren Ideen ist es ein weiter Weg, das sollte man nicht einfach so in einen Topf werden, gut umrühren und den Leser so darreichen!

    Zunächst einmal sollte man sich klarmachen, was denn die Utopien waren, denen sich die ersten Internauten und Computerfraeks hingaben. Oft waren diese nämlich tatsächlich sehr unterschiedlich. Siehe als Stichwort zum Suchen: “California Ideologie”.

    Es waren auch völlig unterschiedliche Leute: Soweit ich weiß gab es in Kalifornien eine Gruppen von Personen, die sich selbst “Hacker” nannte (das Wort bedeutet übrigens NICHT das, was wir heute darunter verstehen) und die bemüht waren, durch Zusammenarbeit, freie Software usw. eine Art Informationsutopie zu schaffen. Das war aber weniger eine verschriftliche Utopie als einfach ein praktisches Handeln.
    Dann gab es wiederum in den USA eher elitäre Gruppen, die sich gerne von den gewöhnlichen Leuten abgrenzten.
    Viele dieser Leute waren in erster Linie auch keine Utopisten, sondern einfach Leute, die sehr früh den Wert elektronischer Datenverarbeitungssysteme erkannt haben, während für die meisten Leute der Gipfel der Fahnenstange schon mit den Flipperautomaten und den Taschenrechner erreicht war. 😉

    Zum anderen gibt es natürlich Leute, deren Ideen eher an einen Science Fiction-Roman erinnern (und tatsächlich kommen diese Gedanken oft genau daher) wie Transhumanisten usw.
    Dann gab es solche Bewegungen wie den Krypto-Anarchismus usw.usf.

    Alles im Allem haben schon früh unterschiedliche Leute unterschiedliche Ideen mit dem Internet verbunden.

    • @Anonym

      Einspruch abgewiesen! 😉

      Nein, ernsthaft: Selbstverständlich haben Sie völlig Recht, dass jede größere, geistige und damit auch utopische Strömung immer in einer Vielzahl von Varianten auftritt. Genau aber dies macht utopische Narrative auch so anschlussfähig – es stehen je nach Gusto schnell verschiedenste Variationen zur Verfügung.

      Religionswissenschaftlich ist es z.B. völlig richtig, festzustellen, dass viele religiöse Traditionen “Paradiesvorstellungen” (Utopien!) lehren. Damit wird ausdrücklich nicht behauptet, es gäbe nur eine Variante davon – unter dem Begriff subsumieren sich sehr unterschiedliche – z.B. vergeistigte bis erotisierte – Vorstellungen.

      Eine Rückfrage: Würden Sie umgekehrt auch eine vergleichbare Vielfalt an Dystopien in den frühen Netzkulturen wahrnehmen? Oder blieben diese zurück bzw. kamen “von außen” in die Debatte(n)?

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