Parteien, die keine Regierungen mehr bilden. Hat das Demokratieversagen durch neue Medien nun auch Deutschland erreicht?

Wir Menschen sind beim Analysieren Anderer oft schneller und besser als bei der Selbstbetrachtung. Und so haben wir auch in Deutschland rauf und runter analysiert, wie durch die digitalen Medien neue, sich radikalisierende Politikblasen entstanden sind – von der US-republikanischen Tea Party über die US-demokratische Sanders-Kampagne bis hin zum Twitter-siegreichen Donald Trump. Und was wurde bei uns gelacht, als Google vermeldete, dass in Großbritannien erst am Tag “nach” der Brexit-Abstimmung nach Informationen über die EU gesucht wurde! Das angelsächsische Mehrheitswahlrecht galt als ein Hintergrund für eine “zunehmende Polarisierung” der politischen Kultur, wenn nicht gar gleich der “Culture Wars”.

Nun wird – so behaupte ich – aber auch bei uns der gleiche, medial getriebene Prozess sichtbar: Mit der AfD hat nicht nur – wie inzwischen in praktisch allen Demokratien – eine rechtspopulistische Partei Einzug in den Bundestag gehalten; vor allem auch durch das Schaffen ihrer eigenen, nationalistisch-rassistischen Online-Blase. Dass diese zur Übernahme von Regierungsverantwortung weder bereit noch in der Lage ist, überrascht nicht einmal die eigene Funktionärs- und Anhängerschaft.

Inzwischen aberhat dieses Phänomen darüber hinaus bereits fast die gesamte politische Landschaft der Bundesrepublik erreicht. Vier von den sechs Parteien, die die Wählerinnen und Wähler am 24. September 2017 in den deutschen Bundestag gewählt haben, verweigern sich inzwischen der mühsamen Suche nach Kompromissen für eine Regierungskoalition. Und sie alle werden in ihren jeweiligen Onlineblasen von den eigenen Anhängerinnen und Anhängern dafür auch noch überwiegend gefeiert und angefeuert. In meinem – bewusst bunten – Facebook-Freundeskreis bestätigen sich Funktionäre und Anhänger von FDP, Linken, SPD und AfD gegenseitig darin, dass es “endlich” einmal Zeit sei, “keine Kompromisse mehr” einzugehen, sondern einander “Kante zu zeigen”, “nicht mehr alles mitzumachen” und diese oder jene Koalition “zu verhindern”. Schon wenige Minuten nach Wahlausgang hatte die bis dahin mitregierende SPD erklärt, für keine Bundesregierung mehr zur Verfügung zu stehen (aber parallel etwa in Niedersachsen durchaus neue Große Koalitionen geschmiedet). Und dann stieg eben auch die FDP aus den #Jamaika-Gesprächen aus – die zuvor in Schleswig-Holstein noch erfolgreich verlaufen waren. Die Verweigerung von Verantwortung, die anderen stets gerne vorgeworfen wurde, wurde – und wird – nun in den Funktionärs- und Anhängerblasen auch demokratischer Parteien gefeiert und zelebriert.

Mit “Nichtstun ist Machtmissbrauch. Es geht um unser Land” hatte die FDP noch im Wahlkampf geworben – und sich nach der Wahl dann auch selbst gegen eine Bundes-Regierungsbeteiligung entschieden. Foto: Michael Blume

Für diese Deutung spricht meines Erachtens auch, dass die FDP zur Erklärung ihres Verhandlungsabbruchs eine Internetkampagne samt Kacheln und Twitter-Hashtags fertig vorbereitet hatte – und bis heute ehrlich überrascht ist, dass die Mehrheit der Nicht-FDPler das “überinszeniert” findet. Denn, klar, innerhalb der eigenen Blase hatte es für kernige Botschaften doch immer den meisten Zuspruch gegeben!

Zu den meistgeteilten Beiträgen auf Facebook gehörte die Kritik von Gerald Hensel an der “Überinszenierung” der FDP-Ausstiegskampagne. Screenshot: Michael Blume

Und so kann ich auch die Verärgerung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sehr gut nachvollziehen, der ja früher einmal selbst SPD-Kanzlerkandidat war. Parteien, die nur noch ihre eigenen Blasen sehen und bedienen, sind zu Kompromissen und Koalitionen immer weniger fähig. Damit aber droht dem gesamten politischen System der Bundesrepublik samt seinem Verhältniswahlrecht die gleiche digital-polarisierte Dauerkrise, in der die politischen Systeme der USA, von Großbritannien, Polen, Ungarn, den Philippinen, der Türkei usw. sich bereits befinden…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt…

42 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Dass 4 nicht wollen halte ich für eine falsche Zählung. Die FDP hat es wenigstens versucht. Die SPD sind Totalverweigerer, für mich nicht mehr wählbar. Die Linke würde gerne, aber keiner will mit ihr. Mit der AfD will sowieso keiner, die würden evtl. ohne Merkel doch wollen. Nur Union und Grüne haben sich verantwortungsvoll gezeigt.

  2. Als Mitglied der CDU haben Sie keine CDU-Funktionäre und -Anhänger im Facebook-Freundeskreis? 😉
    Oder haben die sich einfach nur nicht so geäußert?

    Es ist fast egal, wie es (irgendwann) ausgeht; die Kommentatoren reichweitenstarker Medien werden sich einig sein:
    Es ist falsch. Das war schon immer so. Wo kämen wir denn da auch hin? 🙂
    Die große Koalition war falsch. Keine „Kante zeigen“ war falsch, im Wahlkampf sowieso. Kante zeigen im Sondierungen (nicht mal Koalitionsgesprächen) war falsch, weil keine Kompromissbereitschaft. Kompromissbereitschaft war falsch, vor allem bei den Grünen und Gelben. Bei der CDU ist es egal, bei ihr ging es ja prinzipienlos immer nur um Machterhalt. Was natürlich auch falsch ist. Das Verhalten der SPD war und ist immer falsch, egal was sie wann wie tut.

    Wenn sich ungeschliffen geäußert wird, ist es falsch. Wenn sich medienprofiartig (nicht)geäußert wird, ist es auch falsch, da bürgerfern. Wenn keine Soziale-Medien- Inszenierung stattfindet, ist es nicht zeitgemäß, also falsch; wenn sie stattfindet ist es #falsch.

    Ich habe jetzt fast alle stereotypischen Narrative des in der Selbstwahrnehmung kritischen Journalismus* aufgezählt, die so oder so ähnlich immer wieder auftauchen.
    Die Blasen existieren nicht nur in den Sozialen Medien, auch in den Klassischen.

    Was ich bisher vermisst habe, wäre eine Reihe darüber, wie Politik im Hinblick auf ihre Inszenierung funktioniert – am Kammerspiel der Sondierungen hätte man mal konkrete Punkte des Theaters und ihrer medialer Rezeption abarbeiten können. Damit könnte man m.E. Blasen teilweise durchbrechen, weil diese Mechanismen keine Parteizugehörigkeit besitzen.
    Wird und wurde aber nicht. (Kleine Ausnahme: Provokationspolitik der AfD)
    Über die Gründe kann man nur spekulieren; gerade in den politischen Redaktionen dürften genug Leute sitzen, die kompetent sowas mal aufbereiten können.
    Vielleicht ist die Befürchtung, dass dann der Reiz (und damit Klicks und Einnahmen) an politischer Berichterstattung zurückgeht!?

    Worauf ich hinaus will: Blasen gab es schon immer, auch vor sozialen Medien. Nun sind sie und ihre Auswirkungen in Echtzeit auch für jeweils Außenstehende sichtbar. Vorher waren sie in politischen Clubs, Zeitungsabonnements und Stammtischen versteckt, in denen es auch viel um Selbstbestätigung ging.

    Insofern einzig und allein den „Neuen Medien“ die Schuld zu geben, halte ich mindestens für unvollständig.
    Der Klick- und Meinungsjournalismus der „Alten Medien“ bzw. deren mangelnder Wille/Fähigkeit zum Ausfüllen dessen, was sie besser könnten als „Neue Medien“, spielt mindestens genauso mit rein.
    Das Demokratieversagen (wenn man diesen Begriff unbedingt nutzen möchte; ich teile ihn nicht) ist auch ein Teil Kommunikations- und Medienversagen.

    *der sich als „meinungsstark“ inszeniert und denkt, es wäre ein Qualitätsprädikat. Eigentlich ist aber nur ein Eingeständnis, dass Meinungen im Klickjournalismus billiger zu produzieren sind als Recherchen, die so lang sind, dass sie eh keiner lesen möchte. Und dass einzelne Publikationen politischen Richtungen zugeneigt sind, ist auch kein Geheimnis. Das wird allerdings als „zielgruppengerechter“ Journalismus euphemistisch umschrieben. 🙂

    • Doch, @Name – selbstverständlich habe ich auch Christdemokratinnen und Christdemokraten in meiner Netz- und Facebookblase! Aber diese haben sich nicht zum Scheitern der Regierungsbildung gratuliert… 🙂

      Wobei auch dies einmal vorgekommen ist: Ein christdemokratischer Funktionär freute sich, dass die Jamaika-Koalition geplatzt ist, weil er keinesfalls mit den Grünen koalieren wollte. Ich vermute daher, dass innerhalb der Union die gleichen Prozesse am Laufen sind und beispielsweise nach einer Oppositionsphase die gleiche “Kompromissunwilligkeit” obsiegen könnte. Ich beobachte weiterhin, dass deutliche Unterschiede zwischen den Ebenen gemacht werden: Auf kommunaler Ebene und Landesebene werden noch Koalitionen und Kompromisse recht unaufgeregt hingenommen, die auf Bundesebene bereits überaus emotionalisiert sind.

      Ihre Beobachtungen, dass auch früher schon Medienblasen gab, teile ich ausdrücklich und habe auch schon vor zwei Jahren dazu geschrieben:
      http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/BlumeefMedienblasen0415.pdf

      Schon lange hatten zum Beispiel politische und weltanschauliche Milieus jeweils “ihre” Medien von Zeitungen bis Fernsehsendern. Ich vermute daher “nur”, dass sich diese Phänomene durch das Internet verstärken und dass sie durch die erfahrene, soziale Zustimmung in der je eigenen Netzblase auch zusätzlich emotionalisiert werden. So befinden sich auch die Anhängerinnen und Anhänger kleinerer Parteien innerhalb ihrer Blasen in “gefühlten” Mehrheitssituationen, samt der Ausblendung oder gar Verhöhnung Andersdenkender. Ich denke, diese Effekte betreffen uns alle – auch mich selbst, obgleich ich versuche, dagegen zu steuern.

  3. Christian Lindner hat nun wirklich nicht nichts getan hat. Er hat die Koalitionsverhandlungen platzen lassen. Das ist durch einiges.

    Parteien, die nur noch ihre eigenen Blasen sehen und bedienen, sind zu Kompromissen und Koalitionen immer weniger fähig.

    Das würde ich nicht so negativ sehen. Was wir überall im Westen (und teilweise darüber hinaus) in Wirklichkeit beobachten, ist der Niedergang des Nationalstaats. Menschen sind überall immer weniger bereit, gemeinsame politische Entscheidungen in großen geographischen Einheiten mitzutragen. Das ist eine gute Entwicklung. Vieles wird ja ohnehin schon supranational bestimmt, und künftig wird es in manchen Bereichen eben wieder eine Regionalisierung, vielleicht auch eine Lokalisierung geben. Auf dieser Ebene sind Kompromisslösungen weiterhin viel einfacher möglich, selbst in den USA.

    Das Problem sind die Leute, die weiterhin für die Relevanz des großen Nationalstaats kämpfen. Wenn wir sie gewähren lassen, droht wirklich die große Gefahr der dauerhaften politischen Polarisierung.

    • Vielen Dank für den durchdachten Einwurf, @Tim!

      Dies würde – wenn ich Sie richtig verstehe – bedeuten, dass sich unter dem Druck gerade auch der neuen Medien die politischen Systeme verändern müssten. Dabei erleben wir aber doch eher Tendenzen gegen supraregionale Institutionen (wie “Brüssel”, “Washington” bzw. die UN in New York oder auch die Sezessionsbestrebungen in Spanien, dem Irak usw.).

      Hätten Sie schon eine Idee, wie oder wohin sich politische Systeme verändern sollten, um mit den gesellschaftlichen Dynamiken neuer Medien besser zurecht zu kommen?

      • Die Menschen wenden sich doch nur dann gegen supraregionale Institutionen, wenn diese Entscheidungsbefugnisse in Bereichen beanspruchen, die die betroffenen Menschen lieber regional regeln würden.

        Beispiel Brexit: Hätte die EU die Personenfreizügigkeit nicht zur heiligen Kuh erklärt, wäre es niemals zur Austrittsdebatte gekommen (oder doch jedenfalls nicht in dieser Virulenz).

        Ein Problem besteht immer dann, wenn Menschen über andere Menschen bestimmen wollen. Um das zu entschärfen, wäre in den USA und in der EU mehr Subsidiarität angebracht.

  4. Name,
    was du schreibst , stimmt alles, aber sollen wir betroffen sein?
    Hoffentlich nicht. Manchmal denke ich, die Leute hätten ihren König behalten sollen, wenn sie so harmoniesüchtig sind.
    Jetzt beginnt die Demokratie.Es hat lange gedauert. Und wenn jetzt die SPD wieder einknickt, dann haben die die Demokratie nicht verdient.
    Sarah Wagenknecht hat als Einzige etwas Konstruktives gesagt. Erst wenn die Poitfiguren an den Spitzen ausgetauscht werden, dann sind die Parteien wieder zu Kompromissen und Veränderungen fähig.

    Michael Blume,
    ….Demokratieversagen? Jetzt beginnt die Demokratie.

    • Der Austausch von “Politikfiguren an den Spitzen” ist eine dieser einfachen Antworten, die gern von den Rändern des pol. Spektrums geäußert werden.
      Außerdem entmenschlicht es die Akteure (Sprachbild der “Figuren”, was von linker Seite ja häufig der Rethorik der pol. Rechten vorgeworfen wird.)

      Parteien sind wesentlich komplexere Organisationen, mit komplexen Macht- und Abhängigkeitsverhältnissen (Flügeln, Kreise, Jugendorganisationen, Regionalproporz, etc.), nicht zuletzt durch Spenden, immer auf der Suche nach mehrheitsfähigen Positionen.

      Interessanterweise ist öffentliches Austragen von Macht- und Positionsbestimmungen “unprofessionell” und damit “beschädigend”, nichtöffentliches Austragen “intransparent” und damit ebenfalls “beschädigend”. (#allesfalsch 😉 )

      Warum ist unsere mediale Rezeption solcher Vorgänge immer so negativ konnotiert, egal ob in Alten oder Neuen Medien? Das ist m.E. eine zentralere Frage als das Blasenproblem.

      • Vielen Dank, @Name.

        Warum ist unsere mediale Rezeption solcher Vorgänge immer so negativ konnotiert, egal ob in Alten oder Neuen Medien? – das halte ich auch für eine ganz zentrale Frage! Hat jemand dazu gute Ideen und Beobachtungen?

        • Ganz kurze These: Wenn man mit etwas nicht einverstanden ist, hat man (oft) mehr emotionale Energie, einen Text darüber zu schreiben, als wenn man ohnehin konform geht. Eine Veröffentlichung über ein Thema soll oft die Welt verbessern; wer subjektiv empfundene Missstände beheben will, ist häufig schreiberisch engagierter.

    • Was ich tatsächlich zugestehe, @Robert: Die digitale Vernetzung und Emotionalisierung befördert die politische Partizipation bis hin zu den Wahlbeteiligungen. Aber unsere bestehenden Regeln, Strukturen und Eliten scheinen auf diese Dynamik nicht vorbereitet zu sein – Crashgefahr inklusive…

  5. Michael Blume,
    Deutschland ist ein Land ohne Streitkultur. Uns fehlt die Lockerheit wie in Frankreich. Allein, dass sich die Parteien nicht einigen konnten, gilt schon als Katastrophe oder Demokratieversagen. Und die Medien schlagen in die gleiche Kerbe. Keiner wagt es die augenblickliche Entwicklung als positiv zu sehen. Wenn sich Frau Merkel wieder durchsetzt können wir auch gleich über eine Monarchie nachdenken.
    Anmerkung: Ich vertrete die Haltung von Frau Merkel , bei den Flüchtlingen hat sie Rückrat gezeigt. Für die Demokratie ist sie eher kontraproduktiv.

    • Lieber @Robert,

      lieben Dank – nur rückte doch gerade auch in Frankreich der Front National mit Parolen gegen „die Eliten“ nach vorne, hat zuletzt Macron die etablierten Parteien faktisch weggefegt. Auch gewalthaltige Demonstrationen scheinen mir in unserem wunderbaren Nachbarland eher noch häufiger zu sein. Worauf stützen Sie Ihre Beobachtung einer überlegenen, französischen Streitkultur oder politischen Systems?

  6. Viele interessante Denkansätze im Beitrag und den Kommentaren. Zunächst zum Beitrag: Ich halte das Scheitern der Koalitionsgespräche keinesfalls für ein Demokratieversagen, eher für das Gegenteil. Die Parteien haben immer ein Problem mit dem Unterschied zwischen Sachfragen und Machtfragen. Dabei hat nach meiner Ansicht die Machtfrage verständlicherweise die Priorität. Insofern ist das Scheitern der Sondierungsgespräche vielleicht sogar ein Sieg der Sachfragen über die Machtfragen. Die inhaltlichen Differenzen waren größer als das Streben nach gemeinsamer Macht. Dies würde sich meiner Meinung nach in einer Minderheitsregierung fortsetzen.

    Und noch eine Anmerkung zum Thema “Bad News” von @Name: Das Medienprinzip “Bad news are good news” ist so alt wie die Medien, ich habe aber auch noch keine für mich nachvollziehbare Begründung gefunden, warum dies so ist. Muss wohl irgendwo in der Psyche des Menschen versteckt sein. Ähnlich verhält es sich ja in der Politik mit der Fragestellung “Ängste oder Visionen”. Mit Visionen lassen sich die Deutschen nicht begeistern, aber das Schüren von Ängsten und das Versprechen von Schutz vor diesen Bedrohungen war schon immer ein erfolgreichen Ziel, um politische Macht zu erhalten. Und aktuell funktioniert das quer durch alle Parteien besser als je zuvor:
    Angst vor Terror, Armut, Klimawandel, Ausländern, der EU, den USA, vor Chemie im Essen, vor der Pharmaindustrie, die Liste der in der Politik als Begründung für Aktionen benutzten Ängste lässt sich endlos fortsetzen.

    • Dafür gibt es tatsächlich bereits Erklärungsansätze, @JoeSachse. Evolutionspsychologisch haben Bedrohungssignale eine hohe Relevanz für Überleben und Fortpflanzungserfolg: Es ist erfolgreicher, viele Male einen Busch für einen Bären zu halten als ein einziges Mal einen Bären für einen Busch.

      Medien scheinen diese Effekte einerseits anzusprechen und dadurch zugleich zu verstärken: Obwohl unsere durchschnittliche Lebenserwartung objektiv steigt, wetteifern Medienabgebote mit Bedrohungsanzeigen.

      Man kann solche Modelle unglaublich komplex ausbauen, z.B. hier:
      https://elib.uni-stuttgart.de/handle/11682/7238

  7. Die Vorstellungen der etablierten Parteien sind sich heute so ähnlich wie nie und trotzdem keine Einigung. Oder gerade deshalb, Kämpfe zwischen Kräften, die verschiedene, angrenzende Bereiche besetzen, sind moderater als der erbitterte Kampf um dasselbe Revier.
    Dieses Drängen zur vermeintlichen Mitte, das gleichzeitig die Mittigkeit des Denkens erodieren läßt, führt zu einer selbstreferenziellen Erstarrung und dann zu Verhaltensweisen wie der Lindners, aber auch der Sozialdemokraten. Und auch Merkel ist nicht freizusprechen, ist doch klar erkennbar, daß sie ihre Partner in schöner Regelmäßigkeit aussaugt.
    Das Reden von einer grundsätzlicheren Krise ist berechtigt, wir haben es hier durchaus mit einem Stück Weimar, frühe 30er Jahre, zu tun. Dieses Betteln der Etablierten, endlich hinweggefegt zu werden, ist genau dasselbe.
    Wir haben Glück, daß wir es heute mit einer Sparversion, man könnte sagen, einer Austeritäts-Ausgabe der 30er zu tun haben, alles brennt auf deutlich kleinerer Flamme und es gibt ein paar wesentliche Unterschiede. Die Rutschbahn abwärts dürfte dennoch erstmal schwer aufzuhalten sein.

  8. Ja, die FDP hat Jamaika platzen lassen, um sich selber zu profilieren – und hat damit Erfolg gehabt, wie der SPON-Artikel FDP legt zu – Union unter 30 Prozent zeigt. Erstaunlich viele politisch Interesserierte finden eine solche Kompromisslosigkeit im Namen einer politischen Strategie als gerissen oder gar klug. In meinen Augen sind Leute, die so denken aber in einem Grundirrtum gefangen: sie glauben politische Ziele und Ideen seien wichtiger als als das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft. Sie glauben, es lohne sich etwas zu riskieren und es darauf ankommen zu lassen, um bestimmte Ziele zu erreichen. Doch das stimmt in meinen Augen nicht. Politik ist nicht einmal die Hälfte des Lebens und das Denken in politischen Gewinnern und Verlieren hilft der Gesamtgesellschaft in keiner Weise, denn den meisten Bürgern, Firmen und Gruppen geht es nicht um politische Ideen, sondern darum, im Leben zu bestehen und weiter zu kommen. Kompromisse sind in dieser Sicht immer besser als Blockierungen und Polarisierungen, denn am nächsten Tag muss das Leben ja irgendwie weitergehen. Länder in denen politische Haltungen und Ideen wichtig sind und die an den Primat der Politik glauben schneiden im Vergleich zu pragmatischen Ländern schlechter ab.

    • @ Martin Holzherr

      sie glauben politische Ziele und Ideen seien wichtiger als als das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft.

      Das Funktionieren der Gesellschaft hängt allerdings nur sehr wenig vom Funktionieren der Regierung ab. Durch die lange gepflegte Konsensdemokratie ist in Deutschland für meinen Geschmack immer viel zu viel regiert und erlassen worden. Wenn man ständig eingetrichtert bekommt, dass der Staat alles regeln muss, verlernt man über die Zeit zivilgesellschaftliche Lösungsfindung.

      Eine schwache Regierung wäre eine Chance für unser Land, lasst es uns ausprobieren.

    • sie glauben politische Ziele und Ideen seien wichtiger als als das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft.

      Das kann man vielleicht den Grünen vorwerfen (inwieweit das Funktionieren der Gesellschaft von stabilen Stromnetzen abhängt oder von Lieferketten, in denen zumindest auf der “letzten Meile” auch Diesel-LKW gehören, scheint so manchem egal zu sein) aber weder den anderen drei Jamaica-Sondierern: die Ziele der CSU als der letzten konservativen Partei (wenn man nicht wagt, die AfD als solche mitzuzählen) liegen gerade in der Erhaltung von dem, was noch funktioniert, die der FDP in der Wiederherstellung von Dingen, die mal funktioniert haben (z.B. Bildungssystem) und Frau Merkel hat weder Ziele noch Ideen, außer, daß sie Kanzlerin auf Lebenszeit bleiben will.

      Nach dem , was in der letzten Sondierungswoche an “Kompromißvorschlägen” von interessierter Seite durchgesickert wurde, hätte ich nicht anders handeln können als Herr Lindner. Es mag ja eine Mehrheit dafür geben, dieses schöne Land zugrundezurichten, aber man muß sich nicht auf Teufel komm heraus daran beteiligen. Das Fazit “lieber nicht regieren als falsch regieren” trifft es ganz gut.

  9. Das Wetteifern der Medien ist aber nur die eine Seite der Medaille, die Ausnutzung der Angst als Mittel zum Erreichen politischer Macht ist aus meiner Sicht aber die weitaus gefährlichere Seite, auch wenn beide untrennbar miteinander verbunden sind.
    Wenn die Angst benutzt wird, dann haben die Politiker natürlich kein Interesse mehr daran, sachlich aufzuklären und vielleicht damit Angst zu relativieren.
    Und um zum Thema zurückzukommen: Die in den Medien geschürte Angst vor dem Scheitern der Sondierungsgespräche macht die FDP und Lindner jetzt zum Buhmann, obwohl sich inzwischen immer mehr Insider dazu äußern und bestätigen, dass die Widersprüche zwischen den Interessen der potentiellen Koalitionspartner unüberbrückbar waren.

  10. Dass die SPD nicht wollte, hatte anfangs durchaus seine Begründung:
    1. die große Koalition wurde von vielen Wählern abgewählt, diese Interpretation des Wahlergebnisses scheint mir nicht falsch zu sein.
    2. Wenn es wieder zu einer GroKo kommt, wird die AfD die größte Oppositionspartei.

    Grundsätzlich stime ich habe zu, so wie es auch Steinmeier sagt, die Parteien haben sich mit der Wahl um die Regierungsverantwortung beworben. Sich wählen zu lassen, um Opposition zu machen, ist keine verantwortungsvolle Option.

  11. Michael Blume,
    ….Streitkultur,
    Wenn bei einer Demonstration von Links und gleichzeitig von Rechts mehr Polizei präsent ist als Demonstranten, dann scheint die Angst vor der “Unordnung” größer zu sein , als eine sachliche Abwägung.
    Frankreich hat eine “Tradition im zivilen Ungehorsam”, begründet auf der Französischen Revolution.
    Das fehlt in Deutschland. Ich erinnere an die Zeit von Charles de Gaulle, als der den Algerienkrieg nicht beenden wollte, da sind die Leute auf die straße gegangen und de Gaulle hat nachgegeben. Res Publica wird in Frankreich wörtlich genommen.
    Bei Stuttgart 21 hat man den Wähler ausgetrixt, indem man landesweit über eine lokale Sache hat abstimmen lassen.
    Beim jetzigen “Gejammer” vergisst man wieder, dass nicht die Parteien das letzte Wort haben dürfen, sondern der Wähler hat das letzte Wort. Demos cratia heißt Sache des Vokes.
    Es geht um die Sachfragen , wie es JoeSachse so treffend differenziert hat. Wenn die nicht gelöst sind, dann tut man der Demokratie keinen guten Gefallen.

    Joe Sachse,
    gute Analyse. Leider widmet sich die Presse mehr den Parteien als dem Willen des Volkes. Die “Zeitungsverdrossenheit” hängt auch damit zusammen.

    Paul Stefan,
    endlich hat die SPD sich darauf besonnen an die zu denken, die sie gewählt haben. Und jetzt opfern Sie den Willen des Volkes der Staatsraison.
    Warum haben Sie Bedenken gegen Neuwahlen? Hier sollte man Gesetze schaffen, die das Prozedere beschleunigen. Das wär im Sinne von Demokratie. große Koalition ist Verrat an der Demokratie.

    • @Robert

      Bitte verzichten Sie auf diesem Blog auf die Verherrlichung von Gewalt sowie auf nur noch halbverständliche Darlegungen. Es muss auch im Netz noch ein paar Ecken geben, in denen mit Niveau in Inhalt und Form diskutiert werden kann. Dieser letzte Kommentar war schon grenzwertig…

  12. Michael Blume,
    Sie haben selbst nach einer Begründung gefragt.
    Wenn meine Begründung als Verherrlichung von Gewalt “herüberkam”, dann war das von mir nicht beabsichtigt und ich entschuldige mich auch dafür.
    Mir geht es darum , das die freie Willensäußerung der Bürger nicht als Gewalt abqualifiziert wird. Sie wird erst zur Gewalt, wenn sie der Staat selbst in diese Ecke schiebt. Gewalt erzeugt Gegengewalt.
    Was ich will, ist genau das Gegenteil. Man darf politisch Andersdenkende nicht kriminalisieren oder sonstwie stigmatisieren. Aber, zugegebermaßen, das ist eine Gratwanderung. Und ein Staat, der sie beherrscht,erspart sich gewalttätige Auseinandersetzungen.

  13. Hm. Also ich finde in diesem Fall nicht, daß Filterblasen eine wesentliche Rolle spielen dabei, daß wir gegenwärtig Probleme haben, eine Regierung zu finden. Es ist ja nicht so, daß sich unversöhnlich fundamentalistische Parteien beinahe bürgerkriegsartig feindlich gegenüberständen.

    Nur geht es bei der SPD schon beinahe, bei der FDP auf jeden Fall um ihre bloße Existenz. Die ordnen sie selbstverständlich der Staatsraison über, weil ihnen der Erhalt ihrer Parteien zur Zeit oberste Staatsraison ist. Die meinen, es sollte auch in acht oder zwölf Jahren noch eine FDP bzw. SPD geben, weil das gut sei für die Bundesrepublik. Das, und nicht irgendwelche social-media-Blasen, erklärt meiner Meinung nach viel besser ihren vielgescholtenen Egoismus.

    Die SPD hat das Problem: Mehr in einer GroKo aushandeln, als das letzte Mal Siegmar Gabriel geschafft hat, geht eigentlich nicht. Die haben sogar den Mindestlohn durchgesetzt, für die CDU ein absolutes no go! Trotzdem ist ihnen das nicht bekommen: Nach zwei Jahren waren die Verhandlungserfolge der SPD abgearbeitet, und im Alltag überstrahlte eine Angela Merkel alles, die mit ruhiger Hand das Deutschlandschiff in gefühlt stürmischer See steuerte und sogar die Flüchtlingsherausforderung passabel meisterte. (Aus Sicht der SPD-Wähler zumindest.) Damit fuhr die SPD ein historisch schlechtes Wahlergebnis ein.

    Die FDP wäre natürlich lieber von Anfang an in eine Opposition gegangen zur GroKo. Um sich dort wieder zu etablieren, zu stabilisieren, überhaupt erst zu konsolidieren: Sie hat gerade einen Generationswechsel hinter sich. Die neuen Abgeordneten sind meistenteils Newbies, die müssen überhaupt erst Geschäftsordnung, Ausschußsitzungen, das ganze Handwerkzeug lernen. Dazu kommt, daß ihnen die letzte schwarz-gelbe Koalition gar nicht bekommen war; wie sollte das bei schwarz-gelb-grün besser sein? Insofern halte ich Lindners Darstellung für plausibel: Die CDU hat zu sehr gesetzt auf „die FDP macht eh mit“, insofern Lindner nicht genügend beachtet, bemuttit. Mag auch ein Ego-Problem Lindners sein. Allerdings hat er die FDP nahezu im Alleingang wie Phoenix aus der Asche wiedererstehen lassen, da hat er also auch nicht Unrecht.

    Ich kann mir die gegenwärtige Situation ganz gut erklären auch ohne Facebook.

    *

    Und wie kommen wir wieder raus aus der Nummer?

    Ich sehe nur eine Möglichkeit: GroKo ohne Merkel. Merkel wirkt ohnehin nicht so, als würde sie über diese Legislaturperiode hinaus eine weitere Amtszeit anstreben. Die eleganteste Lösung wäre das israelische Modell: Noch weitere zwei Jahre GroKo unter Merkel, dann übernimmt Schulz (oder wer auch immer). Die SPD hat dann den Kanzlerbonus, die CDU könnte einen Merkel-Nachfolger als Aussenminister Profilieren. Win-win. Und Merkel hätte die CDU besser hinterlassen, als sie sie vorgefunden hat.

    • @Alubehüteter

      Oh ja – selbstverständlich lassen sich für alle politischen Prozesse in allen Nationen immer auch nationale Ad Hoc-Erklärungen finden.

      Doch die grundlegende Frage ist natürlich: Warum gibt es quer durch fast alle Demokratien ein erstarken von populistischen Bewegungen? Warum werden diese auch innerhalb etablierter Parteien (z.B. Reps und Dems, Tories und Labour etc.) immer stärker und gelingt es auch SPD und FDP nicht mehr so einfach, Verhandlungserfolge auch an die eigene Basis zu kommunizieren? Warum werden stattdessen jene “von der Basis” gefeiert, die sich möglichst hart (um nicht zu schreiben: populistisch) geben?

      Im obigen Blogpost stand noch die FDP im Fokus. Sehr spannend ist nun auch die innere Spannung in der SPD. Der bislang harte Nein-Kurs “dürfte, so mutmaßen Mitglieder der Fraktion, auch damit zu tun haben, dass die Mitglieder der Parteispitze auf den derzeit laufenden Regionalkonferenzen zur Neuausrichtung der SPD von den Parteimitgliedern für den Gang in die Opposition regelrecht gefeiert werden.” Doch unter den Abgeordneten gibt es gegen diesen Kurs wachsenden Widerstand.
      http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.spd-nach-dem-scheitern-von-jamaika-alarmstufe-rot-bei-den-roten.5a069255-e1aa-4a65-a3c2-6879426d46e4.html

      Politik wird immer medial vermittelt – und auch unsere Diskussion hier findet auf dem Boden neuer, medialer Grundlagen statt. Und selbst der Name “Alubehüteter” lässt sich kaum ohne Wissen über die neuen, digitalen Medien und deren Diskurse entschlüsseln. 😉

      Daher plädiere ich dafür, den Zusammenhängen nachzugehen und zu schauen, wie weit sie empirisch tragen.

  14. Michael Blume,
    ….Zusammenhänge erkennen, das Trennende benennen.
    Beginnen sollte man beim Sprachgebrauch. Das Wort populistisch wird ja bei uns im Gegensatz zu “gut bürgerlich” verwendet. Wenn nun aber sich ein Großteil der Bürger als abgeschoben und nicht mehr beachtet empfindet, dann sind die Bürger von früher die Populisten von heute. Man beachte den Zulauf bei der AfD.
    Spätestens jetzt muss man Farbe bekennen. Oder die Linken, die einzige Partei die moralische Forderungen erhebt. Die wird ausgegrenzt und als nicht regierungsfähig hingestellt. Ist das richtig?
    Vielleicht hat auch deshalb Manuel Macron diesen Zulauf, weil er gemerkt hat, dass mit den etablierten Parteien und deren scheinbaren Gegensätzen keine vernünftige Politik mehr möglich ist.
    In Deutschland ist das ähnlich. Die Parteien mit dem C im Namen handeln eher im Interesse der Staatsraison als im Interesse ihrer Wähler. Was ich damit sagen will.
    Die Bürger empfinden immer mehr eine Kluft zwischen ihnen und den Parteien , die sie gewählt haben. Die Parteien gehen ihren eigenen Weg und sich nicht fähig sich zu einigen.

    • Das Wort „populistisch“ wird von jedem unterschiedlich verstanden und benutzt, abhängig von politischer Selbstverortung und eigener Vorstellung. Gern auch als Kampfbegriff zur Abqualifizierung jeglicher Äußerung des pol. Gegners.
      Jede Vereinfachung komplexer Zusammenhänge und daraus abgeleitete politische Forderungen zur Mehrheitsfindung und Kommunikation u.a. mit Wählern ist inhärent populistisch, jeder der dies so betreibt ein Populist.
      Letztlich sind wir alle in irgendeiner Weise Populisten, sobald wir politisch diskutieren und Forderungen aufstellen, bei denen wir mangels nur begrenztem Zugang zu Wissen über die Komplexität der Problematik und den (z.B. juristischen) Konsequenzen zwangsläufig vereinfachen. 🙂

      Ein gutes Beispiel ist das „Nein heißt Nein“-Gesetz, diskutiert von Thomas Fischer seinerzeit online bei der Zeit. Die Forderung war sozusagen auch populistisch; mit guter Idee und Intention, aber an der Komplexität der Praxis zum Scheitern verurteilt.

      Die Konnotation von „gutbürgerlich“ ist m.E. mindestens zweifelhaft.
      Stellen sie sich ein Restaurant vor, das heutzutage mit „gutbürgerlicher“ Küche wirbt. Möchten Sie Politik in derselben Qualitätsanmutung? 😉 Obwohl, vielleicht ist dieses Bild näher an der Realität, als gedacht. Nicht ungenießbar und Nährstoff-spendend, damit zweckerfüllend, aber in keinster Weise ein Genuss und Grund zur Freude.* 🙂

      Ich nehme „gutbürgerlich“ als Terminus der moralische Selbstvergewisserung („gut“) des Bürgertums wahr, bei völliger Ausblendung der dahinter gähnenden tiefen moralischen Abgründe (sowohl im Einzelnen als auch im Kollektiv), die schon seit langer Zeit u.a. literarisch dokumentiert werden.

      *Kann man pol. Konstellationen als Gericht assoziieren?
      Eine große Koalition als schwerer, dunkler und etwas zäher Braten mit Blaukraut und einer großen Portion Pommes rot-weiß. 🙂

    • Mich wundert ja immer wieder aufs Neue, dass die gleichen Leute, die unsere erfolgreichen Parteien als „Volksverräter“, „System-“ und „Altparteien“ verhöhnen, sofort in #mimimi ausbrechen, wenn sie selbst als Populisten und Extremisten entlarvt werden.

      Und nach meiner Erfahrung können diese autoritären Charaktere auch mit freundlich-verständnisvollem Dialog gar nicht umgehen – die können und verstehen nur laut.

      Nach meiner Empfindung ist es ein großer Fehler der demokratischen Parteien, dass sie oft zu nett sind. Wer Populisten wählt, bekommt dann eben destruktive Abkassierer ins Parlament, die Verantwortung weder wollen noch können. Und wer Nazis wählt, bekommt halt wieder Nazis.

      Ich finde, wir sollten die Leute auch dann ernstnehmen, wenn sie Blödsinn und Bosheit reden oder wählen. Es sind schließlich Erwachsene, die meistens selber gerne austeilen – und dann eben auch einstecken müssen. Dialog gibt es nicht zum Nulltarif.

  15. Name,
    Braten mit Sauerkraut ist ein gutes Beispiel. Damit verbinde ich ein Stück Heimat, ein Stück Altbackenes aber Bewährtes, auf jeden Fall vertrauenswürdig.
    Das ist bei gut bürgerlich gemeint.
    Die Linken vergrätzen viele Wähler, weil sie einen “seltsamen” Wortschatz pflegen, obwohl sie genau so spießbürgerlich sind, wie ihre Artgenossen von rechts.
    Also , was tut Not?
    Es fehlt an neuen Begriffen, die die neue politische Situation beschreibt. Da sind die Medien aufgerufen. Die kämpfen immer noch mit “Rechts” und “Links”, “Establishment” und “Arbeiterklasse”, “Kapitalisten”, “Unterschicht”, usw. usw.
    Das ist das Vokabular des letzten Jahrhunderts.
    Keine der bestehenden Parteien kann genau präzessieren, was sie will. Die FDP mit dem Soli schießt dabei den Vogel ab. Das ist doch kein Wahlprogramm, mit dem man ein Land regieren kann.
    Frau Merkel hat das mit weiblicher Intuition erkannt und sitzt die Probleme aus, weil sie selbst nicht benennen kann, was sie will. Ich nenne das Restauration.

  16. Populismus hat keine offiziell gültige Definition, aber man kann schon ungefähr sagen, wie der Begriff sinnvoll angewendet werden kann.
    Daß der Begriff abgeschliffen ist, ist die Schuld weiter Teile von Wirtschaft und Medien, die ihn jahrelang mißbraucht haben, um unliebsame Positionen zu diskreditieren, die aber keinesfalls populistisch waren.
    Diese Verantwortungslosigkeit hat dazu geführt, daß der Begriff massiv an Glaubwürdigkeit verloren hat, was wiederum dazu führt, daß sich tatsächliche Populisten als Opfer darstellen können.

    @Robert
    Beim Begriff “Establishment” wäre ich vorsichtig, das ist eine versteckte positive Entwicklung, seit etwa zwei bis drei Jahren wird viel häufiger vom Establishment gesprochen als von den “Eliten”.
    Positiv, weil der Begriff der Eliten oft von Leuten verwendet wird, die einen grundsätzlichen Haß auf den “Hader” der Demokratie haben. Dahinter steckt nicht immer, aber oft nicht die Kritik am aktuellen Zustand der Politik, sondern eine antipolitische Grundhaltung.
    Establishment hingegen sagt erstmal nur, daß jemand zu selbigem gehört und läßt Differenzierungen zu, scharfe Kritik inklusive.

  17. Diese selbstgefällige Art ist genau das was Euch auszeichnet. Mehr nicht, ihr seid gepamperte, lebensunerfahrene Spinner, denen bisher jeder Blick aus dem für Euch geschaffenen Häuschen des Wohlfühlens verwehrt blieb, deswegen auch keine objektive Betrachtung des gesellschaftlichen Irrsinns ermöglicht wurde. Diese Trueman-Show-Barbyhaus Atmosphäre wird hoffentlich bald von der Realität eingeholt werden, wenn es auch Euch betriff, eure Rente, eure Kinder, eurer Lebensumfeld, euren Supermarkt, eurer Fest.Mann Blume wo lebst du? irgendwann wirst du froh sein, das die von dir titulierten “Nazis” (Nicht An Zuwanderung Interessiert) es zumindest versucht haben.

    • @Rudi

      Normalerweise schalte ich keine hass- und angsterfüllten Kommentare auf diesem Blog frei – doch Ihren fand ich einfach zu interessant.

      Okay, Sie haben also eine Wut auf Menschen, die anders denken und denen es im Leben nicht sehr schlecht geht in “dem für Euch geschaffenen Häuschen des Wohlfühlens”. (Meine Eltern waren übrigens Nichtakademiker aus einfachen Verhältnissen – dennoch scheinen Sie auch uns oder zumindest mich für ein Kind einer abgehobenen Elite zu halten.)

      Für sich selbst erheben Sie dagegen den Anspruch, eine “objektive Betrachtung des gesellschaftlichen Irrsinns” leisten zu können – und Sie hoffen, dass wir Anderen “bald von der Realität eingeholt werden, wenn es auch Euch betriff, eure Rente, eure Kinder, eurer Lebensumfeld, euren Supermarkt, eurer Fest.” Konkret meinen Sie auch mich: “Mann[,] Blume wo lebst du?” Und dann, wenn “die Realität” eingebrochen sei, werde ich also verstanden haben, “das[s] die von dir titulierten “Nazis” (Nicht An Zuwanderung Interessiert) es zumindest versucht haben.”

      Und – ja – tatsächlich (“objektiv”!) scheinen sich unsere Wahrnehmungen von der Realität zu unterscheiden. So ist zum Beispiel meine Frau ein Kind von türkischstämmigen Zuwanderern – und zumindest in den ersten 20 Jahren unserer Ehe kann ich von Glück sprechen.
      https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/interreligioese-ehe-theorie-praxis-zehra/

      Auch ganz konkret “die Rente” hängt von kommenden Einzahlern ab – und umso wohlhabender wir Deutschen wurden, umso weniger Kinder (“eure Kinder”) hatten und haben wir. (Wir Blumes haben übrigens drei, gelten damit unter gebildeten Säkularen aber schon als etwas seltsam.) Und wenn wir von “Lebensumfeld”, “Supermarkt” und “Fest” sprechen, dann will ich doch mal ganz deutlich fragen, wer denn bei uns in Deutschland zum Beispiel die Straßen sauberhält, die älteren Menschen pflegt, die Supermärkte bestückt, die Festzelte aufstellt? Saufende und grölende “Nazis” ganz sicher nicht – und selbst in den neuen Bundesländern funktioniert die Alten- und Krankenpflege nur noch durch das Einstellen ausländischer Frauen. Schon jetzt haben wir gerade auch hier in Süddeutschland massiven Arbeitskräftemangel und ohne die Zuwanderer und deren Kinder bräche hier nicht nur die Wirtschaft zusammen! Sie können nicht die Vorteile der Globalisierung für sich selbst in Anspruch nehmen, dann aber alle Ihnen “fremden” Menschen mit Hass überziehen. Denn dann haben Sie selbst sich eine “Trueman-Show-Barbyhaus Atmosphäre” geschaffen, in der weiße Arier selbst für ausreichend Kinder sorgen und all die Arbeiten übernehmen, für die sie sich heute zu schade sind.

      Lassen Sie mich Ihnen ganz realistisch sagen: Diese fremdenfreie Traumwelt gab es nie und wird es auch nie geben. Menschen sind schon immer migriert – und wir Deutschen werden nicht zuletzt in vielen Sprachen auf die “Allemannen” zurückgeführt, weil auch wir selbst einst aus der Mischung verschiedenster Stämme und Zuwanderer hervorgingen. Vielleicht haben ja auch Sie selbst manchmal Gelegenheit, Ihre Betrachtung der Realität zu überprüfen?

      • @Blume

        Wie Denkmechanismen funktionieren, sieht man an den Begriffen (und ihrer Konnotation und Assoziation) “Wirtschaftsflüchtling”, mittlerweile gefühlt häufiger “Arbeitsmigrant” für Menschen, die, oft aus dem globalen Süden, in den westlich, europäischen Kulturkreis* kommen (egal, ob dauerhaft oder nur vorrübergehend).

        Dem gegenüber steht der “Expat”, kurz “Expatriate”, für Menschen aus ebenjenem unserem Kulturkreis, die (nicht selten) in den globalen Süden gehen, (egal, ob dauerhaft oder nur vorrübergehend), weil sie entsendet werden oder freiwillig gehen, aber immer im wirtschaftlichen, beruflichen Kontext.

        Man könnte denken, das die institutionelle Entsendung den begrifflichen Unterschied mache.
        Nur, nicht selten sammeln Familien Geld für Schlepper für ein (männl.) Familienmitglied, was im seltenen Erfolgsfall einen Zahlungsrückfluss für diese Familie ergibt – diese werden de facto auch entsendet. Nur eben von der “Institution” Familie (ein Sprachbild, was. v.a. wiederum Konservative sehr pflegen). Diese Zahlungsrückflüsse machen in manchen Ländern einen enormen Teil (zweistellige Prozentsätze) der Wirtschaftsleistung aus.

        *Auch das wieder ein Begriff, unter dem sich jeder etwas anderes vorstellt

  18. Ich gehe davon aus, dass die ganzen rechten Tendenzen in den EU Staaten einfach daher kommen, weil die Pokitiker zu sehr ans große Ganze denken ohne auf persönliches Empfinden der Menschen Rücksicht zu nehmen.

    Ich spreche der AfD jegliche Kompetenz zum Regieren ab und wähle sie daher nicht aber wenn ich Dinge aufzähle, die mich emotional fürchterlich aufregen (auch wenn ich sie rational durchaus verstehen kann):
    – Wir zahlen in Österreich Maut, werden aber verklagt wenn wir welche erheben -> sollen die draußen bleiben
    – Die Syrer, die sie in der Klasse meiner Tochter untergebracht haben, haben keinen Respekt vor Mädchen und Lehrerinnen und nennen die “deutsche Schlampen” -> Einknasten, Rauswerfen, …
    – Sozialleistungen für andere EU Bürger? Die müssen nicht her kommen -> raus damit
    – Eine europäische Entscheidung womit die Bauern Pflanzen schützen? -> nix da
    – Für die Schulden anderer EU Länder aufkommen? -> Ich zahle meinen Nachbarn auch nicht ihre Schulden

    Im Moment gibt es keine wählbare “Anti EU” Partei, die nicht im gesamten zu extrem ist aber wenn sie ne Mischpartei auf CDU und AfD bildet, ist das meine Wahl

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar, @Hauke!

      Ja, eine starke Theorie besagt, dass gerade auch durch die digitalen Medien die Gefühle von Menschen sichtbar, vernetzt und verstärkt worden sind, die sich früher weniger äußern konnten. Das würde zu Ihrer Beobachtung passen, “dass die ganzen rechten Tendenzen in den EU Staaten einfach daher kommen, weil die Pokitiker zu sehr ans große Ganze denken ohne auf persönliches Empfinden der Menschen Rücksicht zu nehmen.”

      Die Politik stünde damit tatsächlich vor dem Problem, dass sie einerseits überregionale Zusammenschlüsse organisieren soll – denken wir an die gemeinsame Verteidigung, den Freihandel, die Wirtschafts- und Währungsunion, die Verteilung von Flüchtlingen, Reisefreiheit innerhalb der EU usw. – aber andererseits genau darüber Wut entsteht. So lebt Deutschland maßgeblich von seinen Exporten in andere Länder (worauf nicht nur Trump sauer ist) – aber die gefühlte Verteilung von Vor- und Nachteilen geht halt nicht immer auf…

      Nochmal vielen Dank für Ihren denk-anstoßenden Kommentar!

    • EU und Euro-Gruppe sind verschiedene Dinge; den Nichtnotwendigkeit des Euro-Umtausches und eventuelle Preisgefälle beim Reisen nehmen Sie bestimmt gern mit.
      Und Firmen die Vorzüge des Binnenmarkts erst recht. Wirtschaftsstandort Deutschland stärken – doch bestimmt in Ihrem Interesse. Mglw. auf Kosten anderer? Ach, Egal.
      Es geht um Schulden der Euro-Gruppen-Mitglieder; die Konstruktion des Euro ist nun mal vertrackt und leider auch mit Geburtsfehlern behaftet.

      Ich vermute, Sie finden es auch ganz gut, wenn die billigen Tomaten aus Spanien oder Italien “nur” mit Pestiziden behandelt werden, die auch in Deutschland zugelassen wären – nicht das da (Achtung Klischee) die “südeuropäische Mentalität” niedrigere Standards ansetzen würde, um die Landwirtschaft vor Ort zu halten und die Preise niedrig und den Absatz hochzuhalten.
      Wobei die Preise ebenjener Tomaten auch auf extremer Ausbeutung von Migranten mit ungeklärtem Migrationssatus beruht – wir profitieren perfiderweise davon direkt an der Kasse vom Discounter.

      Wollen Sie die “Biodeutschen”, die in den großen und kleinen Machtpositionen des Alltags ebenfalls keinen Respekt vor Mädchen und Frauen haben (#MeeToo, anyone?) ebenfalls rauswerfen und einknasten oder möchten Sie da gern eine differenzierte Sichtweise einfordern und niemanden unter Generalverdacht stellen?

  19. Ich finde das diese Entwicklung hin zu weniger Kompromissen im Zusammenhang mit stehen: Wenn meine Online – Erfahrungen überwiegend meine Komfortzone bedienen und mich mit dem verbinden was mich und meine Ansichten bestätigt, dann stellt das einen krassen Kontrast zur Offline – Welt dar: Hier begegne ich vielen unterschiedlichen Menschen und Kulturen, politischen und persönlichen Ansichten, die sich nicht mit meiner eigenen Decken. Diese Diskrepanz zwischen ‘digitaler Reinheit’ und ‘realem Chaos’ ist eine direkte Folge der Recommender – Algorithmen. Ich denke das darin auch möglicherweise ein Ansatzpunkt für die neue rechtsextreme Agitation liegt, zeichnet diese sich doch ebenfalls durch ein ‘Ende des Kompromisses’ bzw. die ‘neue ethnische Sortierung’ aus – ebenfalls eine Reflektion des Themas ‘Recommender sortieren, um mir zu entsprechen/mich vor dem Komprommitieren zu bewahren’.

    • Dieser Analyse stimme ich zu, @Michael Wahser. In Begriffen wie „Filterblase“ und „Echokammer“ werden die Prozesse auch zunehmend diskutiert und erforscht. Aber sie entfalten eben auch längst ihre Wirkungen…

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