Öl und Kriege – Ein Leserbrief in der Stuttgarter Zeitung

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Heute wurde ein Text von mir in einem total klassischen, unterschätzten Medium – irgendwo zwischen Telefon mit Wählscheibe und Fax – freigeschaltet bzw. gedruckt: Ein Leserbrief in der Leserbriefspalte in der Stuttgarter Zeitung! 🙂

Tatsächlich wurde das Abdrucken von Leserbriefen erstmals von Pastor Hermann Bräß (1738 – 1797) in dessen “Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer” (ab 1786) eingeführt. Es veränderte Kommunikation und Verhältnis zwischen Publizierenden und aktiven Lesenden und wurde damit auch zum (moderierten und ggf. gekürzten) Urahnen des Blog-Kommentars. Bis heute gehören für mich die Leserbriefspalten (bei der StZ edel: “Leserforum”) zu den Höhepunkten jeder Zeitungslektüre. Selten schreibe ich auch selbst und freue mich, wenn es dann sogar zur Veröffentlichung kommt.

Diesmal war Auslöser ein Artikel der Stuttgarter Zeitung zum Vergleich von Verbrennungs- und Elektroautos. Da ich seit nun bald 12 Jahren auf ein eigenes KfZ verzichte und derzeit die Anschaffung eines E-Autos für 2017 angehe, las ich den Abgas-(Emmissions-)Vergleich gerne, fand jedoch den zwischenmenschlichen “Fluch des Öls” nicht erwähnt. (Für politikwissenschaftliche Feinschmecker: Die #Rentierstaatstheorie .) Hier ist also der erschienene – leicht gekürzte – Leserbrief:

leserbriefmichaelblumestzoel1016Leserbrief in der Stuttgarter Zeitung vom 22.10.2016, S. 19

Und hier das meinerseits per Mail eingesandte Original:

Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank, dass Sie die Umweltbilanz von Verbrennungs- und Elektromotoren verglichen haben. Gerade auch aufgrund von Erfahrungen im Irak möchte ich ergänzen, dass der Verbrauch von Öl nicht nur das Klima, sondern vor allem auch die Menschheit vergiftet. In Ölstaaten entwickelt sich keine Demokratie, keine gesunde Wirtschaft, meist nicht einmal ein Steuersystem, da letztlich alle nur um die Förderquellen kämpfen und dafür ideologische und religiöse Schein-Begründungen suchen. Mit jedem Liter Öl finanzieren wir repressive Regime wie Saudi-Arabien oder Russland, Milizen und Bürgerkriege wie in Lybien, im Irak und in Nigeria, letztlich auch ölschmuggelnde Terrorgruppen wie den IS. Wenn mich Menschen fragen, was wir Europäer am Besten zur Vermeidung von Kriegen, Terror und Flüchtlingsströmen tun können, so antworte ich stets: Weniger Öl verbrauchen.
Über einen Abdruck des Leserbriefes würde ich mich freuen,
mit freundlichen Grüßen


Für Sie habe ich zum Thema auch je ein Erklärvideo (Audioblog) und ein sciebook erstellt – und freue mich natürlich stets über Hörer- bzw. Leserpost, in welcher medialen Form auch immer! 🙂



Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Ja ja, und wenn die Menschheit dann um das Wasser kämpft, dann wirst du wohl sagen: Weniger Wasser trinken, damit wir weiter unsere “Demokratie” im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um … weiterspielen können!?

    Typen wie du gehören in entsprechenden Anstalten weggesperrt.

    • Vielen Dank, @Horst. Ihren ebenso wirren wie auch aggressiven Kommentar lasse ich ausnahmsweise stehen, damit deutlicher wird, wofür Trolle wie Sie auch die digitalen Medien missbrauchen. – Wie Sie ggf. wissen, empfinde ich solche Ausfälle als ermutigende Auszeichnungen für konstruktives Engagement. Vielen Dank also! 🙂

    • Hallo Horst, was ist Ihnen denn am 24. 10. für eine Laus über die Seele gelaufen? Ich kann Ihren Kommentar so “hingerotzt” wie er dasteht überhaupt nicht verstehen. Haben Sie andere Ideen wie Kriege verhindert werden können. Auch wenn sie nicht gerade realistisch sind wie weniger Öl verbrauchen, das ist ja noch möglich. Weniger Wasser verbrauchen ist auch möglich – aber weniger Wasser trinken wohl schwer.

  2. Hallo Dr. Blume,

    kann es sein, daß die “Rentierstaaten-These” schlicht und einfach Ursache und Wirkung vertauscht? Die USA waren in den 50ern und sind jetzt wieder führend in der Förderung von Erdöl, aber sie waren nie Exporteur, weil sie bereits Demokratie, Industrie, Rechtssicherheit und eine kapitalistische Wirtschaft hatten, die geförderte Rohstoffe direkt weiterverwertet.

    Kleptokratische Regime können mit den auf bei ihnen vorhandenen Rohstoffen halt nichts anfangen, als sie zu exportieren, weil die fehlende Rechtssicherheit Investitionen in komplexere Wertschöpfungsketten zuverlässig verhindert. Deswegen verkaufen sie, was zivilisiertere Länder längst selbst verbrauchen würden bzw. in früheren Zeiten auch selbst verbraucht haben. Es ist ja nicht so, als ob es nicht sowohl in Österreich als auch in der norddeutschen Tiefebene Ölförderung stattgefunden hätte.

    Rentierstaaten sind daher schlicht Staaten, die es nicht auf die Reihe bekommen, ihre Rohstoffe wertschöpfend zu verbrauchen. Ihrem Geschäftsmodell das Wasser abgraben werden wir Bewohner von Industriestaaten nicht etwa durch Askese und Selbstbeschränkung, sondern durch die Erschließung neuer, innovativer Rohstoff- und Energiequelen, sei es z.B. durch Fracking oder durch synthetische Kraftstoffe, wie sie in Hochtemperatur-Kernreaktoren produziert werden könnten.

    Selbstbeschränkung statt Innovation ist misanthropische das Rezept des alten Malthus. Als lebensfroher Lutheraner glaube ich, daß wir als Menschheit beim Projekt “füllet die Erde und macht sie euch untertan” immer noch ziemlich am Anfang stehen und jedes Geschenk nutzen sollten, das Gott uns gemacht hat – ob es fossile Kohlenwasserstoffe sind oder Thorium.

    • Hallo @Störk,

      kein grundsätzlicher Widerspruch: Rentierstaaten sind ja per Definition Staaten, die ihre Haupteinnahmen eben aus Renten (=anstrengungslose Einkommen) erhalten. Kohle ist ein Standardbeispiel eines fossilen Rohstoffes, der zu ganzen Wertschöpfungsketten, zur Gründung von Eisenbahnen und Gewerkschaften u.v.m. führte.

      Bei Fracking und Sanden sind die Renteneinnahmen wegen der hohen Förderkosten viel geringer als z.B. in Saudi-Arabien – dennoch haben Ölmagnaten auch die US-Politik mitgeprägt (vgl. auch die Kabinette Bush und jetzt Trump, die Kochs etc.). Selbst Staaten wie die Niederlande und Norwegen hatten mit den Folgen aus Renteneinkünften zu kämpfen und fanden dafür unterschiedliche Lösungen.

      Und nein, Askese halte auch ich nicht für die Lösung – wobei ich einen effizienten Energieeinsatz und z.B. kluge Wärmedämmung, Solarzellen, Grid-Systeme u.v.m. auch nicht als Askese werten würde. Persönlich habe ich mir nach ca. 12 Jahren ÖPNV gerade wieder ein Auto bestellt, einen Renault Zoe (Elektroauto). Hoffe, dann nach Auslieferung mal berichten zu können. Kurz: Ich liebe neue und sinnvolle Technologien und will alles andere als zurück auf die Bäume. 🙂

  3. Tja, mit Elektroautos verlagert man die Umweltsauerei dorthin, wo die Batterie produziert wird und die CO2-Emission zum nächsten Kohlekraftwerk. Für Ampelrennen sind die natürlich ideal, maximales Drehmoment beim Anfahren. 😉

    Die Frage ist natürlich, wofür man es nutzt. Wenn ich einen festen Arbeitsplatz hätte, wo ich einfach nur morgens hin muß und abends wieder nach Hause, würde ich auch den ÖPNV nutzen – wir wohnen direkt am S-Bahnhof, mein Sohn fährt, seit er in der 5. Klasse ist, selbständig jeden Morgen in die Nachbarstadt. Elektroantriebe sind im Grunde überall dort überlegen, wo Oberleitungen verlegt sind, Batterien sind wegen ihres Gewichtes und der Aufladezeit eher unpraktisch. Das Problem hatten Batterieautos schon vor 100 Jahren, und seit damals sind die Fortschritte prinzipbedingt geringer ausgefallen als bei Verbrennern.

    Mein neues Flüssiggas-Auto hat einen etwas kleineren Tank als das letzte, die 300km Reichweite sind an manchen Arbeitstagen knapp bemessen, aber das Nachtanken dauert nicht wesentlich länger als bei Benzin und die Dichte des LPG-Tankstellennetzes ist ausreichend. An welcher Ölförderstätte oder welcher Raffinerie man den Aufwand getrieben hat, die Begleitgase abzutrennen und zu verflüssigen, statt sie wie noch in den 80ern einfach abzufackeln, kann ich aber nicht sagen. Kann also durchaus sein, daß ich ab und zu wie der Weihnachtsmann mit Rentieren fahre. Zumindest reicht es außer für die Arbeit auch noch, um mit wenigen Zwischenstopps wahlweise an die Nordsee oder in’s Fichtelgebirge zu fahren.

    Daß in den USA manchmal Leute aus der Wirtschaft in die Politik gehen, halte ich für keine grundsätzlich schlechte Sache. Berufspolitiker neigen dazu, die Dinge recht einseitig zu betrachten.

    Zu Wärmedämmung und Solarzellen habe ich natürlich auch eine Meinung – wie albern erstere ist, merke ich jeden Winter in unserer Wohnung unter’m Dach – die Wände zur Straße und zum Garten sind gedämmt, aber die Dachschräge ist je nach Windrichtung eisig. Da verbrauchen wir einiges an russischem Erdgas, die NRW-Landesregierung ist gegen Fracking.

    Tja, und Solarzellen sind absolut genial, was das Leistungsgewicht betrifft. Sie müssen halt 24/365 im Sonnenlicht stehen. Solange sie keinen Wettereinflüssen ausgesetzt sind, sind sie weitgehend wartungsfrei. Absolut perfekt für Satelliten im Erdorbit oder für Raumsonden in Venusnähe, aber völlig unbrauchbar im Tal der Wupper. 🙂

    Mein Verweis auf das Thema “Askese” bezieht aber noch einen anderen Hintergedanken ein: wenn es nach den Propheten des drohenden Weltunterganges geht, soll die Politk ja der Gesellschaft eine “große Transformation” aufzwingen – eine “Transformation”, nach der man das Auto nicht mehr genau dann benutzt, wenn die Ehefrau Presswehen hat, und die Waschmaschine nicht genau dann, wenn das Töchterlein sein Bett vollgekotzt hat, sondern beides immer nur immer dann, wenn das “Smart Grid” Abnehmer für überschüssigen Windstrom sucht.

    Wer mag, mag sein Leben nach den Vorstellungen dieser Sekte ausrichten (die Propheten selbst tun es nicht), aber was mir Angst macht, ist der politische Einfluß der Wetteranbeter. Auch wenn ich nach allem, was ich auf “Natur des Glaubens” gelernt habe, zuversichtlich bin, daß die Klimakirche dereinst mangels lebensbejahender Narrative und daraus folgend mangels Nachwuchs verebben wird, richtet sie doch im hier und jetzt einiges an Schaden an.

    • Ja, @Störk – “die” eine Superlösung für alle Probleme gab und gibt es m.E. nicht, sondern viele kleine Schritte (samt Fehlern). Damit sind wir schon Recht weit gekommen, darauf setze ich auch weiter. Und wo genau schrieb ich etwas gegen Politiker “aus der Wirtschaft”? Ich bevorzuge nur Vielfalt auch in Parlamenten und Regierungen, da moderne Staaten zu führen eine sehr komplexe Angelegenheit ist. Aber diese Erfahrung machen Trump & Konsorten ja gerade selbst… 😉

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