Leise Stimmen jenseits der Klischees. Die Flüchtlings- als Glaubenskrise unter (vielen) Muslimen

“Dr. Blume, wie reagieren eigentlich die Muslime auf die Morde im Namen ihres Glaubens?”, so werde ich in diesen Tagen und Wochen sehr häufig gefragt. Einfache Antworten darauf gibt es nicht, weil es “die Muslime” als einheitlich-geschlossene Gruppe schlichtweg nicht gibt. Je nach Herkunft, Bildungsschicht, Persönlichkeit und nicht zuletzt Konfession (wie sunnitisch, schiitisch, alevitisch bzw. alawitisch) fallen die Wahrnehmungen und Deutungen oft sehr unterschiedlich aus. Doch insbesondere im deutschsprachigen Islam wird intensiv debattiert – wobei die Laut-Eindeutigen die vielen leiseren Stimmen leider oft übertönen. Und an empirisch abrufbaren Zahlen – wie vergleichbar den kirchlichen Aus- und Eintritten – fehlt es leider fast völlig.

Aus Daten und Gesprächen zeigt sich jedoch klar, dass „die Muslime“ auf die brutale Gewalt im Namen ihres Glaubens, vom „Islamischen Staat“ (Irak & Syrien) und „Boko Haram“ (Nigeria) bis zum Konfessionskrieg im Jemen, keineswegs einheitlich reagieren. In vielen Gesprächen im In- und Ausland erlebe ich zum Beispiel: Immer mehr Musliminnen und Muslime ringen angesichts der Geschehnisse mit Verzweiflung und Scham, mit Fragen und Zweifeln zu ihrem Glauben – doch fürchten sie oft (noch), darüber zu sprechen, niemanden zu finden, der sie versteht. Die „alten“ Abwehrargumente – alleine der Westen sei schuld, es sei alles eine Verschwörung der Israelis – Amerikaner – Russen – Türken – Kurden – Briten – Missionare – Ahmaddiya usw. – überzeugt immer weniger. Ein erfundenes (!) Zitat, das Angela Merkel zugeschrieben wird, flutet durch die sozialen Medien der islamischen Welt und bringt das empfundene Versagen der herrschenden, „islamischen Eliten“ auf den Punkt:

„Morgen werden wir unseren Kindern sagen, dass die syrischen Flüchtlinge zu uns gekommen sind – obwohl Mekka, das Herz des Islams, doch viel näher liegen.“

Dass die Ölmonarchien verzweifelte Flüchtlinge mit oft menschenverachtenden Untertönen abweisen und sich die greisen Würdenträger aus (mehrheitlich sunnitischen) Saudi-Arabien und dem (mehrheitlich schiitischen) Iran selbst angesichts von vielen Hundert Massenpanik-Toten bei der gemeinsamen Hadsch-Wallfahrt doch nur wieder gegenseitig beschuldigen, passt in dieses Bild. Viele „einfache Muslime“ fragen sich, ob und was den Zynikern überhaupt noch heilig sei – und einige tun es inzwischen sogar öffentlich.

Der Zweifel von Schiiten nach der Terrorherrschaft der „Islamischen Republik“ des Iran

Völlig neu ist dieses Phänomen dabei nicht. Schon nachdem die iranischen Revolutionäre 1979 den diktatorischen (und mit dem Westen verbündeten!) Schah gestürzt und eine „Islamische Republik“ ausgerufen hatten, kehrte schnell Ernüchterung, ja Entsetzen ein. Demokratische Kräfte und friedfertige Geistliche wurden von ihren extremeren und korrupteren „Brüdern“ schnell abgedrängt, Folter, Morde und die Verfolgung religiöser Minderheiten wie der Bahai griffen um sich. Viele Schiiten erreichten westliche Länder wie Deutschland als desillusionierte Flüchtlinge vor dem „islamischen“ Regime. Und so ergab eine empirische Befragung 2009 den Befund, dass knapp jeder Dritte schiitische Muslim angab, „nie“ zu beten – mehr als jene, die bekundeten, dies „täglich“ zu tun! Und dies wohlgemerkt unter der Gesamtheit nur jener Befragten, die sich selbst überhaupt noch in der freiwilligen Befragung als schiitische Muslime bekannten!

GebetshaeufigkeitMuslimeSunnitenSchiitenDIK2009Von leisen Zweifeln und lauten Absagen

Kritische Debatten über Glaubensfragen waren und sind in vielen traditionell geprägten Familien jedoch (noch) nicht vorgesehen – und die islamische Landschaft bleibt auf freiwillige Selbstorganisation und also ein Übergewicht der frommen bis fundamentalistischen Engagierten angewiesen. So bleiben Fragen und Zweifel oft „Privatsache“, die – wenn überhaupt – nur mit wenigen Freundinnen und Freunden flüsternd ausgetauscht werden können. Berichte über Übertritte zu anderen Religionen wie dem Christentum, den Bahai oder auch die „Wiederentdeckung“ des Zoroastrismus in Kurdistan-Irak häufen sich zwar, doch reduzieren die meisten zweifelnden Muslime einfach still und leise ihr religiöses Engagement (was ihre gesellschaftliche und innerislamische Unsichtbarkeit weiter verstärkt).

Offenere Worte finden sich allenfalls in jenen sozialen Medien, in denen die Akteure anonym bleiben können. So konstatierte auch der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zur Präsentation seines – islamwissenschaftlich umstrittenen – Buches „Mohammed – Eine Abrechnung“ überrascht:

„Die wesentlichen Thesen des Buches habe ich in mehreren Internetvorlesungen auf Video aufgenommen und bei YouTube eingestellt. Allein in den vergangenen drei Monaten haben 1,1 Millionen Menschen in der arabischen Welt das angesehen. Beschimpfungen und Bedrohungen bin ich gewohnt. Aber ich war überrascht, wieviel Zuspruch ich bekam. Es gibt einen Diskurs, und das ist ein Zeichen dafür, dass die Muslime in der arabischen Welt bereit sind für eine offene Auseinandersetzung über ihre Religion und ihren Propheten.“
(Hamed Abdel-Samad im WELT-Interview, 27.09.2015)

Die Sprachlosigkeit der Mitte

Ist also ein Zerfall der islamischen Welt zu erwarten: In jene, die ihre jeweilige Auslegung fundamentalistisch vertreten und kritische Anfragen mit Verschwörungstheorien abwehren einerseits und jene, die leise oder laut mit dem Islam „abrechnen“ und brechen, andererseits?

Tatsächlich fehlen islamischen Geistlichen, aber auch Künstlerinnen, Buchautoren, Politikerinnen, Journalisten und Wissenschaftlerinnen in den meisten islamisch geprägten Staaten noch die Freiräume, um einerseits Kritik an den krisenhaften Zuständen zu üben, dabei aber auch neue Glaubenswege zu erkunden. Während es etwa auf das kritische Zitat von Papst Benedikt XVI. zu Mohammed kluge, gemeinsame Gelehrten-Briefe gab (jenen von 2006 habe ich z.B. hier auch übersetzt), dominiert angesichts der derzeitigen, sunnitisch-schiitischen Gewaltexzesse und Terroranschläge eine fast schmerzhafte Sprachlosigkeit. Ob mutige, muslimische Intellektuelle im Westen – im deutschsprachigen Raum denke ich beispielsweise an Mouhanad Khorchide, Lamya Kaddor und Ahmad Mansour – Vorboten eines künftigen, „mittleren Weges“ sein können oder ob solche Ansätze schließlich doch zwischen religiösen Fundamentalisten einerseits und enttäuschten Ex-Muslimen andererseits zerrieben werden, ist noch nicht abzusehen.

DamenrundeTuebingen2015

Es gibt immer weniger “die Muslime”. Ein angstfreier, muslimisch-christlicher Austausch nach einer Podiumsdiskussion an der Universität Tübingen. Foto: Michael Blume

Die Angebote der Menschenfänger

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass derzeit die Stunde sowohl der salafistischen wie der islamfeindlichen Scharfmacher schlägt, die versuchen, die Zweifelnden unter Einheimischen und Flüchtlingen durch Lautstärke auf ihre Seite zu ziehen und ihnen dazu jeweils versprechen, alle Identitätskonflikte widerspruchslos aufzulösen. Doch wer sich wirklich für die Menschen und unsere gemeinsame Zukunft interessiert, sollte lernen, auch die leiseren Stimmen zu hören, die nach Antworten jenseits der alten Schablonen suchen und tasten. Auch künftige Studien dürften die Vereinfacher aller Seiten mit dem Befund überraschen, dass es „die Muslime“ als einheitliche Masse nie gab – und immer weniger gibt…

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger, Landesbeamter und christlich-islamischer Familienvater. Letzte Bücher "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch manches erlebt und überlebt...

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  1. Hamed Abdel-Samad hat gestern auch ein Interview im Deutschlandfunk zu diesem Thema, eine Abrechnung mit Mohammed, gegeben:

    http://www.deutschlandfunk.de/politologe-abdel-samad-der-islamische-staat-ist-das.886.de.html?dram:article_id=333128

    Er drückt sich da sehr stark aus:

    “Ja. Ich sehe eine unglaubliche Arbeitsteilung, die gefährlich ist – zwischen Fundamentalisten, Islamwissenschaftlern und liberalen Muslimen. Die Fundamentalisten töten im Namen Mohammed und holen sich die Gewaltpassagen aus dem Koran als Legitimation. Die Islamwissenschaftler relativieren diese Passagen, ohne wirklich dazu großartig beizutragen. Wir überlassen den Fundamentalisten das Feld, indem wir sagen: ja, wir wissen nicht ganz genau, ob Mohammed gelebt hatte oder ob er das getan hatte oder nicht. Vielen Dank. Auf Wiedersehen. Wir haben nichts gelernt. Und dann kommen die liberalen Muslime und polieren das Image von Mohammed und vom Koran auf – und Islam ist Frieden und IS hat mit dem Islam zu tun…”

    Aber auch:

    “Ich diffamiere Muslime nicht. Ich sage nicht, dass alle Muslime gewalttätig oder Terroristen sind – im Gegenteil, die meisten Muslime sind friedlich. Aber ich sage nicht, dass sie friedlich sind, weil sie Muslime sind. Sie sind Menschen und haben auch andere Quellen und andere Ziele. Und nicht alles in ihrem Leben ist vom Islam gesteuert. Aber der Islam hat den Anspruch, dass alles in ihrem Leben gesteuert werden sollte. Und die, die das machen, enden als Salafisten oder als Terroristen. Und ich unterscheide ganz klar zwischen Islam und Muslimen. Rassisten tun das nicht und wollen das nicht tun.”

  2. Wenn man sich die Argumentation dieses Beitrages anschaut, dann frag ich mich, ob die Christen dann nicht noch viel mehr an ihrem Glauben zweifeln. Bei allem Respekt, aber der Beitrag ist ,wenn man ihn mit ganz neutraler Einstellung überdenkt, einfach nur Müll!

    • Selbstverständlich, @H.B., durchlaufen auch Christinnen und Christen Glaubenskrisen – wo hätte ich dies je geleugnet!? Auf die Kirchenaustritte hatte ich doch ausdrücklich hingewiesen – zuletzt gab es Zehntausende davon nach den Luxus- und Finanzskandalen um Bischof Tebartz van-Elst:
      http://www.spiegel.de/panorama/mehr-kirchenaustritte-nach-affaere-um-tebartz-van-elst-a-932269.html

      Die meisten anderen Religionen sind nicht vergleichbar gemeindeorientiert organisiert – aus dem Islam, Judentum oder Hinduismus treten die Glaubenden seltener “aus” (außer durch Konversionen zu anderen Religionen), sie stellen jedoch mitunter ebenfalls kritische Fragen und reduzieren ihr religiöses Engagement.

      Aus Ihrem emotionalen Abschluss (“einfach nur Müll!”) schließe ich, dass Ihnen der vergleichende Blick auf Religionen mit Bezug auf den Islam eher noch schwer fällt. Das kann ich nachvollziehen, bitte jedoch umgekehrt um Verständnis, dass dieser vergleichende Blick – und die Information darüber – zu den Hauptaufgaben von Religionswissenschaft gehört.

      Manchmal wird mir dann vorgeworfen, zu (islam- oder religions-)freundlich zu sein, manchmal zu kritisch, oft sogar beides gleichzeitig. Das auszuhalten, gehört dazu! 😉

      Ihnen alles Gute!

  3. “Dr. Blume, wie reagieren eigentlich die Muslime auf die Morde im Namen ihres Glaubens?”, so werde ich in diesen Tagen und Wochen sehr häufig gefragt. Einfache Antworten darauf gibt es nicht, weil es “die Muslime” schlichtweg nicht gibt.
    […]
    Auch künftige Studien dürften die Vereinfacher aller Seiten mit dem Befund überraschen, dass es „die Muslime“ als einheitliche Masse nie gab – und immer weniger gibt…

    Nur kurz hierzu, weil diese Sache mit “Die X, der X & das X gibt es nicht!” einigen auf die Nerven
    geht.

    Die gemeinte religiöse Veranstaltung wird sinnhafterweise, bspw. wie von Guido Steinberg, so definiert, dass sie stattfindet, wenn sich auf den Koran und den “Propheten” bezogen wird und wenn sich derart Beziehende als so Unterworfene, als Moslems, betrachten.
    Genau dann liegt Unterwerfung / Islam vor und der Anthropologe darf wie gemeint ran.

    Das heißt: Es gibt den Islam und es gibt die Moslems.

    Was Sie meinen, ist die auf Gruppen bezogene Feinkörnigkeit der Betrachtung, die generell angeraten ist und auch bei Moslems zu empfehlen.
    Pauschale Betrachtungen sind sozusagen immer dumm. [1]

    Zumal Aussagen wie “Der I gehört zu D!” nicht gut zu Aussagen wie “Den I gibt es nicht!” passen.

    Ga-anz am Rande notiert, hier liegt noch ein kleiner sprachlicher Mops:

    […] dass es „die Muslime“ als einheitliche Masse nie gab – und immer weniger gibt…

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Außer dieser Betrachtung, eine beabsichtigte Rekursion liegt vor, Meta-Aussagen dürfen pauschal sein.
    >:->

    • Lieber @Webbaer,

      über die Schwierigkeiten des Essentialismus (der z.B. auch Religionen auf bestimmte Inhalte festlegen will) haben wir ja schon öfter diskutiert. Hier wird es ganz deutlich! Wenn Sie den Islam essentiell auf “Unterwerfung” (unter Gottes Weisungen) festlegen wollen, haben Sie zwar den Beifall auch von fundamentalistischen Muslimen. Aber was ist dann mit der absoluten Mehrheit von Muslimen, die selbst bei freiwilligen Befragungen (siehe oben) angeben, das 5mal tägliche Ritualgebet nicht auszuüben? Sind diese dann alle Nicht-Muslime, weil sie sich den traditionellen Geboten nicht “unterwerfen”? Dann hätten wir in Deutschland kaum eine Million “Muslime”. Oder müssen wir z.B. auch Deutungen akzeptieren, nach denen zum Beispiel gute Werke viel mehr Bedeutungen hätten als das Ritualgebet?

      Es geht hier um mehr als um “Feinkörnigkeit” – es geht um die Definitionshoheit über religiöse Identität. Ist eine Christin, die aus der Kirche austritt, noch eine Christin? Manche betonen, dass sie gerade aus Treue zu Jesus Christus nicht in “dieser Institution” bleiben wollten – andere, dass sie am liebsten auch die Taufe “loswerden” und keinerlei Verbindungen mehr zum C haben wollten.

      Jede freiheitliche Gesellschaft wird zunehmend unübersichtlich, da sich die einzelnen Menschen das Recht herausnehmen, alleine oder in (teilweise neuen) Gemeinschaften Identitätsfragen neu zu beantworten. Da Sie sich schon oft als Freund von Freiheit und Aufklärung bezeichnet haben, lade ich Sie (als selbst bekennend liberal) ein, über diesen “Preis der Freiheit” nachzusinnen…

      • @ Herr Dr. Blume :

        ‘Islam’ bedeutet als arabisches Wort ‘Unterwerfung’, da gibt’s nichts zu diskutieren.
        Die Unterwerfung kann dann begrifflich gedeutet werden, sie muss ja nicht im ‘Islamischen Staat’ enden; keine Ahnung, haben Sie die Nachricht weiter oben verstanden, Herr Dr. Blume?

        Also nochmal, vielleicht anders:
        “Ja, wir nehmen Begriffe an, auch und gerade dann, wenn sie Gruppen von Lebewesen, also bspw. Bären oder Menschen, betreffen und meinen.
        Das Differenzieren vergessen wir dabei nicht, gerade, wenn es um Bären oder Menschen geht.”

        Aber wir kommen nicht mit einem “Die X, der X & das X gibt es nicht!”, wenn der Begriff X allgemein verständlich erst einmal bereit steht, wir versuchen logisch [1] zu bleiben.

        MFG
        Dr. W (der nicht ‘lieb’ ist)

        [1]
        Die ‘Logik’ meint im übertragenden Sinne die Kohärenz einer Aussage im Sprachlichen, es ist z.B. logisch, dass, wenn es regnet, Wasser von oben auf die Straße fällt, wenn sie nicht dagegen geschützt ist, es ist z.B. folgerichtig, wenn der sich in der nach unten hin sich öffnenden Hand befindliche Stein fallen wird, aber nicht logisch (es wird einer Theorie, der Gravitationstheorie gefolgt).
        Dr. Spock hat auch gerne im falschen Moment “Logisch!” gesagt, insofern befinden Sie sich in guter Gesellschaft.

        • Selbstverständlich wird gerade auch innerislamisch kontrovers diskutiert, ob “Islam” eher als “Unterwerfung” oder als “Hingabe” zu übersetzen und verstehen ist. Prof. Mouhanad Khorchide veröffentlichte in deutscher Sprache u.a. das Buch “Islam ist Barmherzigkeit”. http://www.herder.de/buecher/details?k_tnr=30572

          Ich entnehme Ihren Kommentaren, dass Sie befürchten, ich wollte den Muslime-Begriff völlig dekonstruieren. Nein, dies will ich nicht – Muslime sind die Gesamtheit der Menschen, die sich selbst als Muslime verstehen. Religionsgemeinschaften können darüber hinaus eigene Anforderungen formulieren (z.B. Muslime seien nur, wer 5mal täglich bete, Alkohol meide, den richtigen Anführer anerkenne o.ä.). Doch religionswissenschaftlich-beschreibend steht es uns nicht zu, zwischen “richtigen” und “nicht ausreichenden” Muslimen zu unterscheiden.

          Und seien Sie doch froh – was würde dann aus den auch Ihrerseits hingebungsvoll gepflegten Islamisierungs-Ängsten, wenn nur noch ein Bruchteil der “Muslime” als “wirkliche Muslime” zählte!? 😉

          • Dann streichen Sie die (allgemein: anerkannte) Übersetzung von Islam eben, die war nicht wichtig beim Feedback, Herr Dr. Blume.

            Es kann aber, sich der Unterschiede in den einzelnen Sekten [1] bewusst, mit dem Begriff Islam gut hantiert werden, i.p. Moslems mit, wie Sie schreiben ‘Muslime sind die Gesamtheit der Menschen, die sich selbst als Muslime verstehen’, wobei Steinberg wie oben zitiert ergänzt, dass es auch um den Koran und den “Propheten” gehen muss, ebenso gut.

            MFG
            Dr. W (der es gerne dabei belassen würde, der davon ausgeht, dass Sie es bspw. mit dem Man-Wird-Nicht-Als-Frau-Geboren-Sondern-Zur-Frau-Gemacht auch nicht so haben, gar im Sinne von “Es gibt keine Frau!”)

            [1]
            im Sinne von ‘Sektion’

          • Nein, keine Angst, @Webbaer – ich bin und bleibe Empiriker und kein radikaler Konstruktivist. Angesichts einer Wirklichkeit mit fließenden Übergängen sind Definitionen m.E. immer mit Problemen verbunden (denen man(n) sich bewusst sein sollte), aber dennoch unverzichtbar.

  4. die Füchtlingskrise ist sicher auch eine politische und existenzielle Krise und vielleicht vergleichbar mit besonders gewalttätigen Phasen der europäischen Geschichte. Wenn man diese Geschichte aber als Vergleichs-Massstab nimmt (z.B. 30-jähriger Krieg), kann das Chaos noch viele Jahre anhalten.

  5. Der Islam ist mehr als nur Mohammeds “Botschaft”. Auch das historische Christentum ist nicht die authentische Lehre Jesu, zumal man in diesem Falle nicht einmal so genau weiß, was er alles gesagt hat. Historisch betrachtet hat sich der Islam weiter entwickelt und differenziert.
    Beim Christentum ist solch eine historische Sicht inzwischen eine Selbstverständlichkeit, beim Islam ist es höchste Zeit, dass sich diese historisch-kritische Sicht auf Mohammed und den Islam sowohl in breiten Kreisen als auch beim “Klerus” durchsetzt. Solch ein Denken muss man fördern, irgendwie.

    • @ Herr Stefan :

      […] beim Islam ist es höchste Zeit, dass sich diese historisch-kritische Sicht auf Mohammed und den Islam sowohl in breiten Kreisen als auch beim “Klerus” durchsetzt. Solch ein Denken muss man fördern, irgendwie.

      Es gibt u.a. bei den Aleviten, den Alawiten, einigen (witzigerweise oft: streng linken) Kurden und bei (oft: ehemaligen) pol. Führungsschichten des Sunnitentums ein wenig Hoffnung, Letztgenannte sind es oft historisch gewohnt den Glaubenseifer der Menge generell einzuschränken (damit ihre eigene Führung nicht in Gefahr gerät oder geriet).

      Was aus Sicht Ihres Kommentatorenfreundes gar nicht geht, ist den Islam generell zu entlasten, indem sozial unverträgliche Seiten in einen “Islamismus” ausgelagert werden, der nichts, aber auch gar nichts mit dem Islam zu tun hätte.
      So vorzugehen – das ist die bequeme kurzfristig gedachte Variante, die viele Politiker im “Westen” schätzen – gräbt möglichen kritisch-reformistischen Kräften innerhalb des Islam nur das Wasser ab.

      MFG
      Dr. W

  6. Das Fazit des Artikels ist für die islamische Welt eben nicht erbaulich. Die einfachste Erklärung für (Zitat)Die Sprachlosigkeit der Mitte ist nun mal die, dass es in der muslimischen Welt kaum eine Zivilgesellschaft (gesellschaftliche Selbstorganisation) gibt, die den Namen verdient. Die Umma ist offensictlich nicht das gleiche wie eine Zivilgesellschaft und kann sie nicht ersetzen. Eine Zivilgesellschaft ist Ausdruck eines demokratischen Bewusstseins. Doch Demokratien sind in der islamischen Welt selten. Nun könnte man sagen, auch China ist keine Demokratie. In China wird aber seit den 90er Jahren über eine Zivilgesellschaft diskutiert, allerdings nicht im westlichen Sinne als Teilhabe an der Macht sondern als Bewusstsein für richtiges Verhalten und verantwortlichen Umgang mit öffentlichen Gütern. Die Chinesen sind und wollen ein Kulturvolk mit einem gemeinsamen Bewusstsein und ähnlichen Einstellungen zu moralischen Fragen sein. Dabei spielt der Staat eine wichtige Rolle und die Tatsache, dass 90% der Chinesen Han-Chinesen sind, also der gleichen ethischen Gruppe angehören. In den islamischen Ländern gibt es trotz der gemeinsamen Religion eine viel grössere Vielfalt an Ethien, Kulturen und Einstellungen. Gemeinsam ist den arabischen Ländern (die den Hauptharst der islamischen Länder ausmachen) eine Vergangenheit und Gegenwart unter autokratischen Herrschern, die wichtige Rolle der (erweiterten) Familie und des Clans, patriarchalische Strukturen und geringe Bildung (70 von 240 Mio Analphabeten, Kinderarbeit verbreitet).
    Die arabischen Länder sind also noch nicht voll in der Moderne angekommen obwohl sie auch nicht als völlig unter- und unentwickelt betrachtet werden können wie viele Länder in der Subsahara. Statt dessen sind sie irgendwo steckengeblieben. Da muss man sich eigentlich nicht über Unruhen. Verunsicherung und Identitätskrisen wundern.

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    • Wenn in arabischen Ländern Andersartigkeit akzeptiert wird ist das der erste Schritt zu weniger Gewalt – weniger Gewalt im Namen des wahren Glaubens und im Namen des einzig richtig geführten Lebens. Andersartigkeit/Angersgläubigkeit zu akzeptieren bedeutet den Unglauben nicht mehr mit dem Tode zu bestrafen, es bedeutet, sich vorstellen zu können dass man Andersgläubigen – Christen, Bahais, Sunniten (für Schiiten) und Shiiten (für Sunniten) – ein grundsätzliches Recht auf ihren anderen Glauben zuerkennt und zwar ohne dass man sie auf einen niedrigere Rechtsstufe setzt, ohne dass man sie zu Dhimmis macht.
      Das Paradox ist ja, dass es in vielen arabischen Ländern eine Vielfalt von ethnischen und religiösen Gruppen gibt, dass aber unter den wahren Gläubigen (den Sunniten oder Shiiten) die Ansicht verbreitet ist, es gebe nur eine Wahrheit, die man zudem nur auf eine Art verehren könne und wo Abweichungen vom rechten Weg unterbunden und bestraft werden müssen.
      Eine inhärent pluralistische Gesellschaft akzeptiert heute den gelebten Pluralismus nicht. In der goldenen Zeit des Islam war das noch anders. Damals gab es mehr Toleranz und Pragmatismus. Dahin zurück muss die arabische Gesellschaft, sie muss der Neigung zur militanten Orthodoxie abschwören.

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