Der Jesuswahn von Heinz-Werner Kubitza

Was haben Heinz-Werner Kubitza, Blognachbar Hermann Aichele und die Bestsellerautorin Margot Käßmann gemeinsam? Alle drei studierten an deutschen Universitäten evangelische Theologie, Kubitza und Käßmann promovierten auch darin. Sie unterscheiden sich aber grundlegend in den Schlüssen, die sie aus dem Erkundeten ziehen. Einer wurde Pfarrer, eine Bischöfin, aus Heinz-Werner Kubitza aber wurde der Gründer des Tectum-Wissenschaftsverlages und ein Religionskritiker, der in "Der Jesuswahn" begründet, warum er zum Atheisten wurde.

 

Auch wenn der Titel an "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins angelehnt ist, so ergeben sich zwei maßgebliche Unterschiede: 1. Kubitza schaut auf Religion (leider noch) nicht aus evolutionärer Perspektive. 2. Aber dafür weiß Kubitza im Gegensatz zu Dawkins, wovon er spricht – er kennt die christliche Religion aus Studium und Promotion sowie aus dem (früheren) ehrenamtlichen Engagement in einer Gemeinde. Und er kommt dabei zu ebenso provokanten wie anregenden Gedanken und zu einem Niveau an Religionskritik, wie es bislang im deutschsprachigen Raum selten anzutreffen ist.

Christen – oft besser als die Bibel?

Und um eine Befürchtung gleich abzuräumen: Hier schreibt keiner, der wegen einer fehlgeschlagenen Karriere verbittert wäre und es den Kolleginnen und Kollegen nun "heimzahlen" wollte. Im Gegenteil: Kubitza erkennt ausdrücklich an, was (auch) Christinnen und Christen, einschließlich Pfarrerinnen und Pfarrer, an Engagement und Gutem leisten. Sein Vorwurf ist intellektueller Natur: Er findet, dass ein Mensch, der die wissenschaftlichen Befunde gerade auch der aktuellen Theologie(n) kennt, jeden religiösen Glauben aufgeben sollte. "Der Jesuswahn" wendet sich dabei besonders gegen die auch unter Nichtchristen verbreitete Annahme, bei der Bibel und den Lehren Jesu handele es sich um moralisch wertvolle Lektüre. Dagegen stellt Kubitza Auswahlen von Schriftstellen, in denen Gott zum Völkermord aufruft (Jos 6,16-24), sich die Tochter des Jephtach opfern lässt (übrigens nach dem Opferstop bei Abraham, Ri 11, 28-40) und jene frühen Stellen, in denen sich der Herr als Krieg führender "Herr der Heerscharen" bekundet (Jes 13, 4-18). Sodann führt er bibelwissenschaftliche Erkenntnisse an, die sowohl Schilderungen wie Datierungen des Alten Testaments (der hebräischen Bibel, des Tenach) ins Zwielicht rücken oder widerlegen. Aus Kubitzas Sicht erklärt sich die Entstehung der Bibel nicht aus einer göttlichen Offenbarung, sondern einem religionshistorischen Prozess, in dem der Kult eines Wetter- und Kriegsgottes verschiedene andere Stämme und Gottesbilder auf sich zog und so zum Zentralgott der Juden und schließlich zum Weltgott der Christen wurde. So schreibt er:

Das ethische Niveau der in den Kirchen Tätigen übersteigt das ethische Niveau des alttestamentlichen Gottes bei Weitem. Wohl kein Pfarrer predigt heute noch im Geiste oder besser im Ungeiste des Alten Testaments. […]  Das Christentum lebt auch davon, dass seine Amtsträger ein besseres ethisches Fundament besitzen, als das Alte Testament es bietet, und dass ein Gott verkündet wird, der sich eben nicht an einem Gott orientiert, der sich wie ein unbeherrschter Choleriker aufführt. (S. 30)

Das Christentum – Ein wenig verbesserter Aufguss

Haben wir es hier mit alten, antijüdischen Stereotypen zu tun? Nein, denn nach seiner Abrechnung mit dem AT wendet sich Kubitza dem Schrifftum der Christenheit und hier besonders Jesus zu (daher der Buchtitel). Und, ja, Kubitza erkennt durchaus an, dass von Jesus viele schöne und gute Dinge überliefert seien. Nur: Er habe auch sehr schroffe Fluch-, Droh- und Abgrenzungsworte gefunden, die der Autor reichlich zitiert. Und viele der schönen Sätze habe er gar nicht selbst gesagt, sie seien ihm erst nachträglich zugeschrieben worden. Neu sei seine Lehre auch nicht gewesen, sondern innerhalb des ethisch bereits fortgeschrittenen Judentums in der Antike:

Jesus wird heute viel stärker innerhalb der Grenzen des Judentums und der jüdischen Theologie gesehen und viel weniger als Künder einer neuen Ethik. Was heute im Bewusstsein der Gläubigen noch als revolutionär in seiner Predigt gilt, war vielfach im Judentum oder der hellenistischen Umwelt vorgeprägt. Jesus verkündete kaum Neues. Vor allem finden sich in der rabbinischen Literatur viele Parallelen zu zentralen Inhalten seiner Verkündigung, und war Jesus früher noch der machtvolle Verkündiger einer gänzlich neuen Lehre, so sieht man ihn heute als eine Stimme im Chor einer lebendigen, rabbinischen Diskussion. (S. 123 – 124)

Hinzu komme, dass sich Jesus reichlich geirrt habe – beispielsweise im Hinblick auf das nahe Weltenende und Gottesgericht, auf das Christen nun seit zwei Jahrtausenden warteten. Wahrscheinlich sei er ein Anhänger von Johannes dem Täufer gewesen, gegen dessen Anhängerschaft sich die frühe christliche Tradition durchsetzen musste. Zeitlebens habe sich Jesus nur als Lehrer innerhalb des Judentums verstanden und von einer Jungfrauengeburt – die auf einen Übersetzungsfehler zurück gehe -, von einer anzubetenden Dreieinigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – und Zölibat ebenso wenig gewusst wie von einer universellen Sendung seiner Jünger. Hier hätten die Autoren der Evangelien, vor allem aber der spätere Machtapparat der Kirche(n) die ursprünglichen Lehren erst ausgebaut, dann umgebaut und schließlich völlig entstellt: Aus dem jüdischen Glauben Jesu sei der christliche Glauben an Jesus geworden. Und dieser sei ein Mensch seiner Zeit gewesen, in Aspekten vielleicht interessant, aber aus heutiger Sicht ein allenfalls "fragwürdiges Vorbild".

Auferstehung und Exorzismen, Gottesmutter- und Sühnelehren, die Erlösungslehren des Paulus (der Jesus nie begegnet sei und wenig von ihm wusste) – all dies reihe das Christentum neben die anderen, ebenso wenig haltbaren Religionen ein, als "Ideologie", "Aberglaube" und "Esoterik".

Argumente aus der wissenschaftlichen Theologie

Gegen Kubitzas Buch ist eingewendet worden, es enthalte "wenig Neues". Und genau das gehört zu seinen Stärken! Kubitza bezieht seine Argumente nicht vom Hörensagen oder absurden Verschwörungstheoretikern, sondern aus den Arbeiten gestandener Theologen wie Rudolf Bultmann, Hans Küng und Karl Barth. Seine Pointe ist ja gerade: Wer das wisse, was die wissenschaftliche Theologie selbst heraus gefunden habe, könne nicht mehr länger Christ sein! Dass die Zitierten selber ihre Befunde durchaus mit neuen Varianten eines aufgeklärten Glaubens in Einklang zu bringen verstanden, will Kubitza nicht gelten lassen: Hier argumentiert ein erkenntnistheoretischer Monist gegen erkenntnistheoretische Pluralisten.

Wer also schon immer einmal wissen wollte, warum viele Christinnen und Christen gerade durch das Studium der Bibel und universitären Theologie(n) ihren Glauben verlieren, wer sich mit moderner, flüssig geschriebener, dabei aber (meistens) niveauvoller Religionskritik auseinander setzen möchte und wer die "skandalösesten" Befunde wissenschaftlicher Theologie in kompakter und pointierter Form lesen und erfahren will, der ist bei "Der Jesuswahn" genau richtig!

Persönlich würde ich mir sehr wünschen, dass sowohl Glaubende wie Agnostiker und Atheisten die theologisch-religionskritischen Argumente Kubitzas kennenlernen würden. Denn danach stell(t)en sich allen die gemeinsamen, durch die Evolutionsforschung zu beantwortenden, Fragen: Warum sind Menschen religiös? Warum entstehen aus oft unscheinbaren Anfängen so wirkmächtige Religionen? Warum entwickeln sich diese so vielfältig und oft weit von ihren Ursprungsansätzen weg? Warum hat es noch nie eine Zivilisation gegeben, die ohne religiöse Mythologien, Rituale und Vergemeinschaftungen auskam? Kubitza mag kein Glaubender mehr sein, doch sein Buch wird jede Leserin, jeden Leser mit überraschenden Einsichten und neuen Fragen beschenken. Empfehlenswert!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

27 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Sie sind…

    nicht nur unerträglich, sondern auch anmaßend. ich kann beim besten willen nicht verstehen, wie sie im rahmen der scilogs bloggen dürfen.

    ihre texte sind jedenfalls kein gewinn für die meist sehr hochwertigen beiträge der andere blogger in diesem netzwerk.

  2. @bruno jennrich

    Ihnen erst einmal von Herzen einen guten Morgen! 🙂

    Und, ja, Sie haben ja schon durchblicken lassen, was Sie am liebsten mit Menschen und Wissenschaftlern wie mir anstellen würden, die es sich erdreisten, die Welt und die Religionen darin anders zu sehen als Sie. Wie schrieben Sie doch in dem Ihnen eigenen Duktus so “schön”?

    wirklich, seien sie froh, dass atheisten friedliebende menschen sind keine große anstalten machen, die von ihnen oben erwähnte diktatur zu errichten. denn dann hätten menschen wie sie nicht mehr viel zu lachen…
    http://www.chronologs.de/…heit-oder-hirngespinst

    Ja, ich bin froh, dass die Zeiten des verordneten Atheismus (z.B.) der DDR vorbei sind! Wobei ich nicht den Eindruck hatte, dass das Regime freiwillig abgetreten ist – in Nordkorea, China, Kuba (etc.) sieht es ja auch nicht danach aus. Da lobe ich mir doch Freiheit und Menschenrechte!

    Denn viel lieber als mit drohenden Eiferern setze ich mich forschend, lehrend und im fairen Diskurs mit niveauvollen Religionskritikern wie Heinz-Werner Kubitza auseinander, dessen Buch ich auch Ihnen gerne sehr ans Herz legen würde. Es lebe die Freiheit, lieber @bruno jennrich! 🙂

  3. Bibellektüre

    Ich habe Anfang des Jahres im Rahmen meiner Beschäftigung mit Matthias Claudius das Experiment gemacht, die Bibel in der Lutherübersetzung von vorn bis hinten zu lesen. Ich war schon ein Ungläubiger und nach den ersten Büchern des Alten Testaments hab ich mich gefragt, wie kann man an diesen Stammesgott, der sich wie ein Kind aufführt, glauben kann, nachdem man die Geschichten mit wachem Verstand gelesen hat. Von daher denke ich, dass es der richtige Weg ist, mit der Bibel selbst zu argumentieren, so wie das Heinz-Werner Kubitza anscheinend zum Teil tut.

  4. @ hape kraus

    So schwer ist das doch gar nicht zu verstehen. Sie können ja mal den Versuch starten, mit einem Kind in der Sprache Kants zu sprechen. Als Gute-Nacht-Geschichte empfehle ich die K.d.r.V. Viel Spaß dabei. Es hat sich offenbar noch immer nicht herumgesprochen, daß der Mensch ein Gewordenes ist.

  5. Ist die Ursache für die ethische Weiterentwicklung großer Religionen bekannt? Ist es der wissenschaftliche Fortschritt? wachsender Wohlstand? das Alter?

  6. Jesus war Theologe?

    Lieber Michael,

    diese Argumentation von Dir könnte ein Bumerang werden.

    Wenn man Theologie studiert haben muss, um sich sachkundig über die Auslegung der Bibel zu unterhalten, sollte man dann nicht auch Biologie studiert haben, um sich sachkundig über die Evolution der Religiosität zu unterhalten?
    Gilt desgleichen nicht auch für (Religions-)Psychologie, (Religions-)Archäologie, (Religions-)Soziologie, (Religions-)Geschichte?
    Und warum darf dann ein Religionswissenschaftler, der sich von Glaubensinhalten und Theologie distanziert, eine Meinung zu theologischen Fragen haben? Was ist der Unterschied von Deiner Meinung und der von Richard Dawkins?

    Früher galt einmal, dass das bessere wissenschaftliche Argument zählt. Heute wird zuerst danach gefragt, ob man denn schon eine Professur habe, dass man sich den Luxus einer eigenen Meinung erlauben dürfte. Arme Wissenschaft!

    Theologen und Pfarrer distanzieren sich vom alten Testament. Jesus war gekommen, es zu erfüllen.
    Und zum Glück können Theologen und Religionswissenschaftler die Worte Jesu besser interpretieren, als ein einfacher Zimmermann. Wenn ich Theologie studiert haben muss, um die Bibel zu verstehen, dann ist Jesus (Gott) wirklich umsonst für uns gestorben. Wir haben ja neue Götter: Einen Religionswissenschaftler.

    (Ironie aus!)

  7. Innertheologische Kritik

    Ja, das pikante scheint gerade daran zu liegen, dass der Autor zwar wirksame, aber alte Argumente eines vor allem INNERtheologischen Diskurses bemüht; Argumente, die jedem Theologiestudent und hoffentlich doch auch einigen interessierten Laien bekannt sind. Nur scheint die These des Buches zu sein, dass all diese historisch-kritischen Argumente mit dem christlichen Glauben inkompatibel seien. Nun, das ist absurd. Gerade das Alter dieser Argumente zeigt doch ihre Vereinbarungsfähigkeit mit dem Christentum. Wäre das nicht der Fall, müssten dann alle Theologiestudierenden (die sich mit all diesem täglich beschäftigen) längst zu Atheisten und Religionskritikern geworden sein. Entweder müsste also Heinz-Werner Kubitza behaupten, ihm alleine sei der Stern aufgegangen, oder er liegt schlichtweg falsch.

    Falls sich jemand für Beispiele interessiert, wie sich seriöse historisch-kritische Forschung mit dem christlichen Glauben (UND dem Bejahen des historischen Jesus) vereinbaren lässt, den verweise ich auf Joahim Gnilkas einflussreiches “Jesus von Nazareth”, 2007, oder, von evangelischer Seite, auf die (frei zugänglichen) Vorlesumgen von Prof. Peter Pilhofer: http://www.neutestamentliches-repetitorium.de/…l

  8. @adenosine

    Gute Fragen! Ist die Ursache für die ethische Weiterentwicklung großer Religionen bekannt?

    Die Schwierigkeit besteht da sinnigerweise in der Frage, ob es ein “Weiter” zu einer “höheren” Ethik im absoluten Sinne überhaupt gibt. Darwin selbst ging davon aus und sprach vom “Fortschritt” in Fragen von Wissenschaft, Moral und Religion. Doch viele Heutige bestreiten das. Neutral wird man wohl sagen können, dass Religionen verschiedenste an die jeweiligen Lebensumstände angepassten Ethiken zu entwickeln vermögen.

    Ist es der wissenschaftliche Fortschritt?

    Es ist auf jeden Fall ein Faktor, der (auch) religiöse Traditionen zur Selbstreflektion und damit inneren Weiterentwicklung anregen kann. Allerdings beobachten wir ja bisweilen auch eine Polarisierung zwischen wissenschaftlichen und religiösen Lagern, z.B. zwischen evolutionär argumentierenden Antitheisten und religiösen Kreationisten. Man wird also wohl vorsichtiger sagen müssen: Wo ein Dialog zwischen Religionen und Wissenschaften gelingt, trägt dies (auch) zu einer reflektierteren Ethik bei.
    wachsender Wohlstand?

    Auch hier: Eingeschränktes “Ja”. Einerseits tendieren aufsteigende Mittelschichten zu einer Bejahung demokratischer und individueller Rechte und zu einer Abwehr extremistischer Strömungen. Allerdings können sich mitunter auch wohlhabende Schichten zur Sicherung ihrer Pfründe je mit religiösen oder antitheistischen Akteuren verbünden – denken wir nur an Saudi-Arabien oder die frühere Türkei.

    das Alter?

    Ein großer Faktor! Umso älter eine religiöse Tradition geworden ist, umso vielfältiger waren die Herausforderungen, auf die sie bereits reagieren musste, was zu einem wachsenden Angebot an Auslegungen, Frömmigkeitsformen etc. beiträgt. Auch ist ein Bestehen über Generationen hinweg ein starker Indikator dafür, dass eine Religionsgemeinschaft sowohl nach innen wie nach außen lebensfähige Antworten gefunden hat. Nicht zufällig werden neue Religionsgemeinschaften im Volksmund oft als “Sekten” bezeichnet und besonders kritisch gesehen – sie haben sich ja noch nicht über lange Zeiträume bewährt.

  9. @A.C.

    Danke für die Anfrage!

    Zunächst zwei Unterscheidungen: Zur vielfältigen Anwendung von Religiosität “im Leben” brauchen Menschen ebenso wenig ein Studium der Theologie oder Religionswissenschaft, wie Musiker unbedingt ein Studium der Musikwissenschaft benötigen. Wissenschaft als Reflektion “über” eine Tätigkeit ist von der Tätigkeit selbst zu unterscheiden.

    Und zum anderen: Wie Du weisst, bin ich ein riesiger Befürworter interdisziplinärer Zusammenarbeit! Biolog(i)en und Theolog(i)en bzw. Religionswissenschaft gewinnen m.E. durch Dialog und Zusammenarbeit enorm und wir haben die Potentiale – etwa in Fragen von Liebe, Tod, Kunst u.v.m. – noch nicht einmal annähernd ausgeschöpft.

    Was ich nur für wenig hilfreich halte, sind überzogene Ansprüche: Wenn etwa ein Biologe ohne vertiefte Kenntnisse “den” Glauben widerlegen oder ein Theologe ohne vertiefte Kenntnisse “die” Evolution widerlegen wollte. Da verheben sich beide Seiten, statt den mühsameren, aber ertragreicheren Weg von kleinen Schritten zusammen zu gehen und dabei einander auch zuzuhören. Für letzteren trete ich aus Überzeugung und Erfahrung ein. Ich denke, schon angesichts der schieren Wissensmengen, die zu bewältigen sind, kommen wir nur im respektvollen Schritt-für-Schritt-Dialog weiter.

  10. @N. Hagthorpe

    Sie schrieben: Ja, das pikante scheint gerade daran zu liegen, dass der Autor zwar wirksame, aber alte Argumente eines vor allem INNERtheologischen Diskurses bemüht; Argumente, die jedem Theologiestudent und hoffentlich doch auch einigen interessierten Laien bekannt sind.

    Ich würde sagen: Ja, so ist es. Kubitza liest die Befunde quasi gegen den theologischen Strich und bewegt die Leserin und den Leser damit dazu, auch selbst Stellung zu beziehen. Statt billiger Polemiken, die sich leicht widerlegen und ignorieren lassen, erreicht hier die Religionskritik ein hohes Niveau, auf dem dann wirklich weiterführend diskutieren werden kann (bzw. könnte, den leider wird dieses Niveau nur selten erreicht).

  11. Dichtung und Wahrheit

    Kann es nicht sein, daß der Autor nicht für Fachleute, sondern für Laien einmal die Frage begründet hat, wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung in den Überlieferungen stecken mag, wie glaubwürdig diese „Zeugnisse“ sind, mit denen die Christen sich ein Bild vom „Erlöser“ machen.
    Diese Laien kennen das Christentum nur aus seinen Erscheinungen in der Öffentlichkeit, zum Beispiel aus „Gottesdiensten“ oder gar vom Bibel-TV,
    unsere Medien sind ja sehr großzügig in religiöser Beeinflussung.
    Das Bild des Nazareners, das in den Kirchen und in den Medien gezeichnet wird, ist ein Phantasieprodukt, ein Wahn mit äußerst fragwürdigen Grundlagen, das sollen nicht nur Theologiestudenten lernen, sondern auch BILD-Leser, die jetzt bald wieder „Papst sind“.

  12. Keine Aufregung

    Die Bibel gibt die Gottesvorstellung von Menschen aus unterschiedlichen Zeiten wieder — vielleicht aus der Bronzezeit bis um die Zeitenwende. Natürlich haben diese Vorstellungen sich entsprechend der Erfahrungswelt der Menschen stark verändert. Aus heutiger Sicht erscheint manches ethisch schwer nachvollziehbar, manches — wie die Geschichte des als Erzgauner dargestellten Jakob — derart kurios, dass man sich fragt, warum sie nicht lieber verschwiegen worden ist. Offensichtlich wurden die einzelnen Geschichten aber als so wertvoll empfunden, dass sie über die Jahrtausende tradiert wurden. Fragt man einen Rabbi, erfährt man auch Erstaunliches über die Interpretation dieser Geschichten.
    Was Jesus wirklich gelehrt hat, außer vielleicht die direkte Spiritualität im Gegensatz zu religiösem Formalismus, weiß heute niemand mehr.
    Ein aufgeklärter Mensch kann daher natürlich die Tradition als verfälscht ablehnen, er kann sie aber auch als menschliche Weisheitssammlung und als kulturelles Spiegelbild menschlichen Lebens für seine Lebensführung nutzen. Er kann die tradierten Worte Jesu verwerfen, er kann aber auch aktuelle ethische Werte darin erkennen, “das Kreuz auf sich nehmen” und so einem Jesus, natürlich seiner Interpretation, folgen. Schließlich kann er Religion als Manipulation oder Hokuspokus ansehen oder berücksichtigen, dass Menschen tatsächlich religiöse Erfahrungen machen und das Gefühl haben, dass das Glauben (Beten, Meditieren, Singen, …) ihnen helfe. Warum es ihnen hilft, ist ein anderes Thema.
    Lebten wir noch in mittelalterlichem oder auch neuzeitlichem Dogmatismus, könnte ich das Aufbegehren gegen den traditionellen Glauben teilen. Unsere Welt hat sich aber gewandelt. In allen Zeiten entsprach die Vorstellung von Göttern der erlebten sozialen Ordnung (Familienclans – Ahnengeister, viele Häuptlinge – Pantheon mit den erlebten Eigenschaften der Häuptlinge, absoluter König – der Eine Gott, Adelsgesellschaft – Gemeinschaft der Heiligen). Eine freie Gesellschaft entwickelt also automatisch eine entsprechende neue Gottesvorstellung, z.B. von einem Gott „auf Augenhöhe“, der direkt zugänglich und erfahrbar ist. Damit wird die Tradition neu interpretiert oder der Suchende wendet sich einer anderen Tradition zu. Ist ja alles so einfach heute 😉

  13. @Kai Hiltmann

    Wow, was für ein Kommentar! Danke & Ja, praktisch genau so sehe ich es auch. Ergänzen würde ich, dass die Religionsgeschichte Teil der universalen Evolutionsgeschichte ist und dass Religionsfreiheit eine Beschleunigung und Verbesserung des (bio-)kulturellen Wettbewerbes bewirkt. Sinnigerweise kommt auch Kubitza dem nahe, wenn er am Schluss seines Buches humorvoll Aufstieg und Alter von Göttern bzw. Gottesbildern reflektiert.

  14. Einwurf…

    Jungfrauengeburt geht nicht auf einen Übersetzungsfehler zurück. Wenn ich so was auch von ausgebildeten Theologen lese, geht mir der Hut hoch. Jes. 7,14 war in der Septuaginta schon eine Anpassung an Geschichten über wunderbare (Jungfrauen-)Geburten griechischer Heroen; Philosophen (Plato!) ff. Mythen und Legenden entstehen nicht aus Versehen. Sie haben ein eigenes Recht und eine eigene Würde. Wenn das Kubitza nicht sieht, dann versteht er zwar vielleicht was als kriminalistischer Historiker aber nichts von Geistesgeschichte, Literaturgeschichte oder Religionsgeschichte. Und theologisches Verständnis, das über Faktenwissen hinausgeht: Fehlanzeige.
    Ja, wenn einer kein Verständnis hat, dass sich Religionen entwickeln, ständig umgeformt werden… – auch Denkzusammenhänge, Geschichten… von anderen übernehmen – dann ist sein Denkmodell ziemlich statisch. Womöglich noch fester betoniert als es konservativste Lehraussagen behaupten und immer wieder neu festschreiben müssen, weil es sich so fest nicht halten lässt…
    Kai Hiltmann hat es super begriffen.
    Auch Religionen sind doch eher mit Flüssen zu vergleichen als mit abgeschlossenen Seen. Erst so sind sie lebendig.

  15. @Aichele

    Ein interessanter Aspekt. Fließende Auslegungssache, nachdem vorher alle umgebracht wurden, die die „Wahrheit“ bezweifelt haben.

    Auch interessant: Nachdem vorher erklärt wurde, dass man Theologie studiert haben muss, um ein Mindestwissen und -verständnis von dem Thema zu haben und um sich dazu äußern zu dürfen, nun dies.

    Welche Theologie sollte man denn studieren? Evangelikale, orthodoxe, mormonische, katholische, amische oder eine Theologie der anderen 2.000 christlichen Sekten?

    Vielleicht könnten sich die Theologen und Gelehrten erst einigen, bevor sie wieder Respekt für sich und ihren Lehren einfordern;-)

    Oder man fragt am besten gleich einen jüdischen Geschichtswissenschaftler. Die sind zumindest neutral.

  16. @Hermann Aichele

    Der vermeintliche Übersetzungsfehler bei der Jungfrauengeburt scheint mir inzwischen sogar die offizielle Lehrmeinung der EKD zu sein:

    http://www.ekd.de/…ben/abc/jungfrauengeburt.html

    Mich befremdet ja immer noch der Gedanke, warum man das “jung” extra hätte erwähnen sollen, da es wohl kaum etwas Außergewöhnliches ist (schon gar nicht in der entsprechenden historischen Periode), wenn ein Kind von einer jungen Frau zur Welt gebracht wurde. Offenbar eines der Themen, in denen evangelische und katholische Lehrmeinung deutlich voneinander divergieren…

  17. @Christian

    Das Wort was bei Jesaja für die “junge Frau” steht wird an andere Stelle in der Bibel auch für eine Ehebrecherin benutzt – sicher keine “Jungfrau”, oder?

    Warum das “jung” erwähnt wurde? Warum werden woanders Attribute wie “schön” etc. verwendet?

    Auch ist es ja so, dass der Text in Jesaja ja nach der “jungen Frau” weitergeht; wenn der Sohn erwachsen seit würden die jüdischen Könige dem assyrischen Reich nichts mehr entgegenzusetzen haben. D.h. die Jesaja Stelle passt eh nicht zu einer Figur aus dem NT – da gab es das assyrische Reich schon lange nicht mehr.

  18. @A.C.: Positivbeispiel

    Um einfach mal ein Positivbeispiel zu nennen, wie der interdisziplinäre Dialog zwischen Natur-, Kultur- und Geisteswissenschaftlern auf evolutionärer Basis gelingen kann: “Judaism in Biological Perspective. Biblical Lore and Judaic Practices”, 2009:
    http://www.scilogs.eu/…spective-by-rick-goldberg

    Dazu ist es einfach notwendig, dass sich die Fachleute verschiedener Disziplinen ehrlich interessiert austauschen, statt nur je das (vermeintlich) allwissende Alpha-Männchen zu geben. Dabei wissen wir doch eigentlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt stets in mühsamen, kleinen Schritten errungen wird…

  19. Zu Kubitzas Buch…

    …fällt mir – ohne es gelesen zu haben – nur auf, dass ihn seine Studien offenbar zu einem Christusbild geführt haben, das sich von dem, welches die christlichen Großkirchen vertreten, ganz erheblich unterscheidet. Mich fasziniert ja immer wieder, welche unterschiedlichen Vorstellungen ein und der selben Person auf Basis ein und derselben Texte entstehen. Man denke nur an das Christusbild eines südamerikanischen Befreiungstheologen, der in Jesus den Anprangerer sozialer Ungerechtigkeiten und den wütenden Redner gegen die Obrigkeit sieht – und dies auch exakt aus der gleichen Schrift abzuleiten vermag, aus der der evangelische Pfarrer in Deutschland sein – gänzlich anderes – Christusbild bezieht.

    Das Problem, wie man den Gott des Alten Testaments mit dem Gott des Neuen Testaments in Einklang bringen kann, kennen sicherlich viele Christen – mich eingeschlossen. Man wischt dieses Problem in der evangelischen Kirche meines Erachtens nach oft zu voreilig mit dem Verweis auf den Neuen und den Alten Bund vom Tisch. Allein schon für eine gründlichere Betrachtung dieser Frage würde ich das Buch gerne mal lesen – es kommt also auf jeden Fall auf die Winter-Lese-Liste…

  20. @Michael

    Herzlichen Dank für den Tipp. Das Buch kannte von Rick Goldberg ich noch nicht.

    Ja, ich gebe Dir Recht, es wäre schön, wenn man sich einfach nur aus reinem Interesse am Erkenntnisgewinn austauschen könnte. Aber Alpha-Männchen – wie wir beide ja auch sind – sind nun einmal schwierig, was die Akzeptanz anderer Disziplinen angeht. Bei Gläubigen, religiösen wie wissenschaftlichen, ist es eh schwer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Und wer kann schon behaupten, den kompletten Überblick zu haben?

    Das Problem, welches ich bei Bibelauslegungen sehe, ist aber grundlegender Art. Welchen Texten kann man vertrauen? Was ist gefälscht? Was ist nachgebessert worden in den letzten Jahrtausenden? Soll ich mich auf die Plausibilität und den gesunden Menschenverstand verlassen?
    Wissenschaft hört genau da auf, wo ich keine Originalmanuskripte mehr bekommen kann. Der Rest ist glauben an die Redlichkeit der Skriptoren.

  21. Jesus im Lichte der Zeit

    Diego Fabri hat das wunderbare Theaterstück
    “Der Prozess Jesu” geschrieben. Diese Aufführung habe ich damals mit grossem Interesse wahr genommen. Seine letzte Sentenz war:

    “Ich weiss auch heute noch nicht, ob er der Sohn Gottes war oder nicht. Aber eines weiss ich: Er war richtungsweisend für die ganze Welt !

  22. @ – Michael

    Eine wirklich faire Besprechung, über die sich gewiss auch Heinz-Werner Kubitza freuen dürfte.

  23. Die vermeintliche Autorität der Heiligen Schrift

    Das einzige, was ich an den Theologen nicht verstehe, ist, weshalb sie nicht konsequent sind und einfach zugeben, dass die Bibel nicht “Das Buch der Bücher”, sondern einfach nur “Ein Buch unter vielen Büchern” ist – nicht anders als “Die Göttliche Komödie”, “Hamlet” oder “Faust”.

  24. Habe Kubitzas Werk mit Interesse gelesen. Es enthält tatsächlich nicht so viel Neues, ist aber eine sehr überzeugende Systematisierung kritischer Positionen zum Christentum (die sich teils auch ganz gut aufbereitet bei Deschner finden). Kubitzas Buch überzeugt wirklich. Man kommt u. a. um folgende Schlussfolgerungen nicht herum: Jesus wollte sich nicht zu einem Gott gemacht wissen. Er stand innerhalb jüdischer Tradition und Kritik. Er würde heutige Trinitätslehren strikt ablehnen. Er würde sich wundern, in welche paulinischen und anderen Lehren seine Taten und Worte überführt worden sind. Aber Gottergebenheit im besten liebenden und Ist-Einer-Sinne würde er bestimmt nicht verlieren.

  25. Rezension zu:
    Heinz-Werner Kubitza, Der Jesuswahn.
    Wie die Christen sich ihren Gott erschufen.
    Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung,
    Marburg 2011, 32013, 382 S.
    Das Buch enthält eine Zusammenfassung der Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese und der modernen Religionsgeschichte. Und es bringt deutliche Kritik an bestimmten Erscheinungsformen des Christentums, die in der Vergangenheit vorherrschend waren und es bis in die Gegenwart hinein (leider noch) sind. Manches wirkt wie ein „Zauberwald“ (233), erscheint museal und nicht zukunftsträchtig. Es widerspricht einem aufgeklärten, humanen Denken und Handeln. Es ist sicher ein Verdienst des Autors, in diesem Buch umfassend und unerbittlich darauf hinzuweisen.
    Allerdings: Die Art und Weise, in der er das tut, lassen den Verdacht aufkommen, dass es ihm vor allem darum geht, das Christentum als „weltgeschichtlichen Irrtum“ und „geronnenes Wunschdenken“ (228), als „Fabel“ (232); als „Ideologie und Esoterik“ (310) „auf den Schutthaufen der Geschichte“ zu werfen (9), die Bibel als „das am meisten überschätze Buch der Weltliteratur“ (10) zu entwerten, Jesus als „Neurotiker“ (211), als „religiösen Extremisten“ (216), als „Irrenden“ (230), als „fragwürdiges Vorbild“ (350), als „die am meisten überschätzte Figur der Weltgeschichte“ (217) zu brandmarken und Gott als einen einsamen alten Mann zu präsentieren, der weiß, dass es „vorbei“ ist und dass er „abzutreten“ hat ( 364).
    Zu Schluss des Buches zählt der Autor „unsere (?!) Werte“ auf – Toleranz, Gleichheitsprinzip, Meinungsfreiheit, Freiheitsbegriff, Menschenwürde – und fragt: „Woher stammen sie wirklich?“ (353-357). Seine Antwort: „Es war die Überwindung einer religiös geprägten Menschen und Weltsicht, die den Werten zum Durchbruch verhalf, auf denen unsere Gesellschaft wirklich fußt“ (357).
    Hier scheint Kubitza mit Blindheit geschlagen zu sein. Gerade die jüdisch-christliche Tradition hat, wenn auch eher unbeabsichtigt, die notwendigen Bedingungen zur Anerkennung der Menschenwürde und zur Entwicklung der Menschenrechte geschaffen. Freiheit, Gleichheit und Solidarität haben jüdisch-christliche Wurzeln (vgl. Gen 1,26; Lk 10, 25-37; Gal 3, 26–28; 2 Kor 3,17; 1Tim 2, 1–4). Jüdisch-christliches Gedankengut (nicht die Kirche! nicht das Christentum!) hat ganz entscheidend beigetragen zu Sozialgesetzge¬bung und –fürsorge („Rotes Kreuz“, Arbeitersamariterbund, §323c StGB: Unterlassene Hilfeleistung, Caritas, Diakonie u.a.), zu gerechter Weltinnen¬- und Friedenspolitik („Schwerter zu Pflugscharen“ Jes 2,2-4, Papst Johannes XXIII. Pacem in terris, Aktion Sühnezeichen, Pax Christi u.a.). Die jüdisch-christliche Glaubenstradition hat wie ein Sauerteig in gewissem Sinn sich selber aufgegeben und sich in der Masse des Mehles verloren (vgl. Mt 13,33). Sie hat sich selber mit ihren Eigenschaften und Eigentümlichkeiten an das Mehl hergegeben, das diese Eigenschaf-ten und Eigentümlichkeiten entgegennahm und sich zu Eigen machte, ohne selber Sauerteig werden zu wollen.
    „Das Christentum hat seinen Höhepunkt schon vor langer Zeit überschritten“ (357), meint Kubitza. Anders sieht es der renommierte Erfurter Soziologe Hans Joas in seinem Buch „Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums“ (185-200): Konfessionelle Milieus werden verschwinden, kirchlich gebundene Religiosität wird abnehmen. Aber stattdessen wird ein überkonfessionell christliches Milieu entstehen. In globaler Perspektive besteht kein Grund, „zweiflerisch nach den Überlebenschancen des Christentums zu fragen.“
    Norbert Scholl

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