Deutsch, atheistisch, türkeistämmig – Web-Interview mit Cem Erkisi

Natur des Glaubens

Schon vor einem halben Jahr bloggte ich über die Glaubenskrise (auch) unter vielen Muslimen und zur aktuellen Ausgabe des diesseits-Magazins habe ich einen Artikel über die Krise der islamischen Traditionen und der “Islamisierungsthesen” beigesteuert: Denn so viel über die Radikalisierungen kleinerer Gruppen berichtet wird, so wenig wird bislang über die wachsende Distanz und Kritik vieler Menschen zur Religion in der “islamischen Welt” selbst berichtet. Tatsächlich gab es schon früher wie “im Westen” auch Säkularisierungsbewegungen – nun hinterfragen, wie in Europa nach dem 30jährigen Krieg, auch immer breitere Schichten immer lauter den Glauben.

Dazu interviewe ich heute einen Facebook-Diskussionspartner: Cem Diyar Erkisi, gebürtigen Duisburger, Wahlberliner & Pädagoge.

CemErkisiWebInterviewMein heutiger Web-Interviewpartner: Cem Diyar Erkisi. Foto: Selbst

Frage 1: Lieber Cem, in einer Mail an mich hast Du einmal geschrieben, in Diskussionen würdest Du „die türkische Herkunft nicht los“, also immer wieder darauf festgelegt. Wie würdest Du Deine eigene Identität beschreiben?

Ich habe es mir immer schwer gemacht mit der Identifikation mit einer Gruppe. Andere würden sicherlich mir eine Identitätskrise attestieren. Das Bild von mir, wie ich als Stift nach meinem ersten Türkeiurlaub in Düsseldorf am Flughafen aus dem Flugzeug ausstieg und den deutschen Boden küsste, umschreibt ein Moment meiner Identitätsfindung. Es dürfte im weiteren Verlauf meines Lebens dem Umstand geschuldet sein, dass in unserer Zeit niemand mehr bei genauerem Hinsehen eine klare, einheitliche und vor allem eingeengte Identität vorweisen kann, dass ich selbst mit meiner Identität zu kämpfen hatte und verschiedene Faktoren in diese einfließen. Ich identifiziere mich vor allem mit mir selbst und mit dem, was mich ausmacht. Manches habe ich mir ausgesucht. Manches habe ich so vorgefunden. Manches verändert sich. Ich habe das Gefühl, meine Identität ist ein lebenslanger Prozess. Dennoch möchte ich auf die entscheidendsten Faktoren hinweisen, die da sind deutsch, atheistisch, türkeistämmig.

Frage 2: In anonymen Befragungsdaten wie auch in persönlichen Gesprächen wird mir immer wieder deutlich, dass viele Muslime, Aleviten und auch Yeziden Glaubenskrisen durchlaufen, sich einige längst auch von ihrem jeweiligen Glauben losgesagt haben. Allerdings machen sie das nicht öffentlich, aus Rücksicht vor der Familie oder aus Angst vor Fundamentalisten. Du hast dagegen sogar angeboten, Dich unter Klarnamen interviewen zu lassen – warum?

Ich brauche zum Glück keine Angst vor meiner Familie zu haben. Sie haben mich im Gegenteil so erzogen, dass ich selbst entscheiden kann, was ich wie auslebe. Obwohl sicherlich die ein oder andere Freudenträne in den Augen meiner Eltern zu sehen wäre, wenn ich mich dann doch offensiv zum Alevitentum bekennen würde.

 

Vor Fundamentalisten habe ich keine Angst. In Deutschland nicht. In muslimisch geprägten Ländern könnte das anders aussehen. Letztens meinte meine Schwester zu mir, ich solle aus Rücksicht auf unsere Verwandten in der Türkei aufpassen mit Äußerungen, die die Verwandtschaft dort in Bedrängnis bringen könnten. Ich empfehle mich für diesen Fall als alleinigen Sünder. Niemand sollte in Sippenhaft genommen werden wegen eines Verwandten, der seine Meinung vertritt.

 

Schließlich finde ich es enorm wichtig, Gesicht zu zeigen gegen die strukturelle Diskriminierung von Nicht-Muslimen. Man macht sich so immer angreifbar, das ist mir klar. Die Apostasie ist gerade im gegenwärtigen Islam ein großes Problem und der Versuch der Einschüchterung von Menschen wie mir gelingt sehr gut durch die medial aufbereitete Drohung dessen, was passiert, wenn man vom Glauben abfällt. Und wenn es keine unmittelbare Gewalt ist, dann wird man eben als rechter Spinner und Rassist bezeichnet, wenn man sich allzu sehr gegen den Islam und seine unsympathische Seite auflehnt.

Frage 3: In Deutschland formierten sich die ersten freireligiösen und freidenkerischen Verbände, aus denen die heutigen Humanisten entstanden, im 19. Jahrhundert. Inzwischen hat sich auch in der Türkei ein atheistischer Verband gebildet, der jedoch massiven Drohungen standhalten muss. Saudi-Arabien inhaftierte und folterte den Blogger Raif Badawi und in Bangladesch wurden atheistische Blogger zuletzt sogar ermordet. Siehst Du einen weltweiten Schub an Religionskritik?

Religionskritik wird wahrnehmbarer. Menschen können natürlich mit der besseren Vernetzung auf sich aufmerksam machen. Die Grauzonen werden immer sichtbarer und die formale Einteilung der jeweiligen Länder in zu dieser und jener Religion zugehörig reichen nicht mehr aus. Die Gesellschaften waren vielschichtig. Jetzt können Individuen besser auf sich aufmerksam machen und die Pluralität der Einzelnen wird sichtbarer. Dennoch bleibt ein Phänomen bestehen, das der formalen Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft. Menschen erhoffen sich immer noch Vorteile, Möglichkeiten und Zugänge durch die Mitgliedschaft und Organisierung in konfessionellen Gemeinden. Auch wenn sie nur zu Feiertagen sich bei den wirklichen Gläubigen blicken lassen. Und heute kann ich durchaus nachvollziehen, was es einem bringt, sich einer spirituellen Gemeinschaft zu öffnen. Der Gemeinschaftssinn in den Gemeinden ist kein bloßes Narrativ, sondern gelebte Realität. Das ist so lange in Ordnung, bis die Gemeinden flexibel bleiben und ihren Mitgliedern erlauben, ehemalige Mitglieder zu werden, also auszutreten.

Frage 4: Nun gibt es in Deutschland ja wie erwähnt nichtreligiöse Weltanschauungsgemeinschaften seit langem, viele sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und erhalten staatliche Zuschüsse, betreiben Einrichtungen und Schulen. Dennoch haben sich bislang kaum ein Promille der Konfessionslosen in solchen Verbänden organisiert und auch die Geburtenraten bleiben weit unter der Bestandserhaltungsgrenze. Was ist Deine Prognose für die Zukunft des Atheismus?

Atheisten haben es nicht nötig, sich explizit als Atheisten zu organisieren. Das macht sie ja so sympathisch. Atheismus muss man nicht vererben. Wir können die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so legen, dass Atheismus attraktiv wird und Hand in Hand laufen kann mit laizistischer spiritueller Auslebung und säkularen Staatsgebilden. Das ist gewährt durch das Grundgesetz. Das gilt es zu verteidigen.Wenn die Phalanx von vererbter Religionszugehörigkeit durchschnitten wird, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.

Vielen Dank für das Web-Interview, Cem! Ich bin mir sicher, dass es auf einiges Interesse stoßen, vielleicht manche Wissenslücke und auch andere – ob religiös oder nicht – zu mehr Offenheit ermutigen wird.

https://www.youtube.com/watch?v=Uk7Otn8OSkc

Auch z.B. der populäre, ägyptische Fernsehmoderator Omer Adib übte vor einigen Wochen überaus offene Kritik an gewaltförmigen Auslegungen des Islam. Die Aussagen stießen auf große Resonanz und Adib ist weiterhin gesund und auf Sendung.

Michael Blume

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Zuletzt erschienen "Islam in der Krise" (2017) und "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019). Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt... Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

7 Kommentare

  1. Sehr erfrischend, vielen Dank für dieses Interview!
    Herr Erkisi kennt sich in der Türkei und mit Türken aus, was sicherlich für den Atheisten ein Vorteil ist, und kann mit den bekannten Vorhalten der Art ‘rechter Spinner und Rassist’ aus Sicht des Schreibers dieser Zeilen deutlich besser umgehen als sozusagen real existierende bundesdeutsche Humanisten, der HPD darf an dieser Stelle vielleicht genannt werden, die häufiger mal eine Art Dachschaden haben, wenn sie ihre Religionskritik präventiv gegen den o.g. Vorhalt meinen abschirmen zu müssen, was ihre Texte oft deterioriert.
    MFG + schönen Sonntag noch,
    Dr. Webbaer

    • PS:
      “Dr. W” sich hier auch ein wenig auskennen, auf Grund langjährigen Bekannt- und Freundseins, bevorzugt, hauptsächlich, aber nicht ausschließlich das alevetische Spektrum meinend.
      So klingt’s womöglich (noch eine Spur) lockerer…

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