Religionsforschung im Lichte der Evolution – Eine Wissensexplosion

Kommenden Freitag spreche ich vor dem Gesprächskreis “Kirche und Wissenschaft” in der katholischen Akademie in München endlich einmal wieder über mein Ur-Forschungsthema “Evolution und Religion”. Bei der Vorbereitung darauf bin ich freilich aus dem Staunen kaum herausgekommen – so viel ist dazu alleine in den letzten Monaten erschienen. Wir befinden uns gerade mitten in einer Wissensexplosion, die kaum noch zu überblicken ist! Gerne will ich versuchen, auf Basis von vier Publikationen dazu einen kurzen Überblick zu geben.

Aktuelle Schriften aus der Evolutionsforschung zur Religion. Foto: Michael Blume

Oben links: Die aktuelle Ausgabe (Vol. 7/4, 2017) von “Religion, Brain & Behavior

Schon seit 2011 erscheint mit RBB vierteljährlich ein spezielles Fachjournal zur Evolutions- und Hirnforschung rund um Religion (bzw. Religiosität). Streng empirisch orientierte Forschungsartikel werden dort präsentiert und interdisziplinär kommentiert. Die aktuelle Ausgabe präsentiert sogar 17 (aus 30 vorgeschlagenen) “Hilbert-Problemen” der Evolutionsforschung zur Religion samt kurzer, ebenfalls wettbewerblich ausgewählter Antwortartikel. Beispiele umfassen Antworten auf die “Hilbert-Fragen”, ob Religion für Moral notwendig sei, wie sich der durchschnittlich höhere Fortpflanzungserfolg religiös aktiver Menschen erkläre oder wie das Nervensystem von Säugetieren Prosozialität (und damit: soziale Kognitionen) entwickelt habe. Praktisch alle Fragen können auf Basis von Arbeiten der letzten Jahre teil-beantwortet werden!

Oben rechts: “Im Lichte der Evolution” von Gerhard Vollmer

Frisch in 2017 erschienen ist ein Grundlagenwerk des Alt- und Großmeisters der evolutionären Erkenntnistheorie, Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer. In “ILdE” präsentiert er nicht weniger als eine Übersicht über alle größeren Wissenschaftsbereiche, in denen längst auf evolutionärer Basis geforscht wird. Und obwohl Vollmer einem strengen Naturalismus verpflichtet war und bleibt, gehören die Kapitel über “Evolutionäre Religionswissenschaft” (B37, S. 276 – 287) – herausragend – und – etwas weniger gelungen – “Evolutionäre Theologie” (B43, S. 312 – 318) zu den ausführlichsten und intensivsten Ausarbeitungen.

Unten links: “Gott, Gene und Gehirn” von Rüdiger Vaas und mir

Beide vorgenannten Schriften zitieren auch Arbeiten von mir zu Religion & Demografie, wie sie dann auch in das gemeinsam mit dem Biologen Rüdiger Vaas verfasste “GGG” eingeflossen sind. Obwohl dessen vorerst letzte Ausgabe bereits 2012 erschienen ist, werden Studien und Buch bis heute rezipiert – was ja ebenfalls unterstreicht, wie lebendig der Forschungsbereich weiterhin (und zunehmend!) ist!

Unten rechts: “Die Macht des Heiligen” von Hans Joas

Dass sogar die traditionell idealistischen – und also den Naturwissenschaften mißtrauenden – Geisteswissenschaften des deutschen Sprachraums inzwischen von der Evolutionsforschung erreicht werden, belegt das wuchtig-schwere Neuwerk von Hans Joas. In “DMdH” bohrt der Soziologe die Säkularisierungs- und Entzauberungstheorien von Max Weber bis in die Zahnwurzeln auf und saniert das wissenschaftliche Gebiss mit einer Sakralisierungstheorie, aufbauend auf William James pragmatischer Religionspsychologie und Robert Bellahs “Religion in Human Evolution” (2011). Ein atemberaubendes Werk – schwer verständlich, tiefgründig und genial, wie es sich für deutsche Geisteswissenschaftler immer noch gehört!

Fazit: Zurück zu den Wurzeln!

Während ich mich in den letzten Jahren auf Themen vergleichender Religionsforschung und zuletzt den “Islam in der Krise” konzentriert habe, hat sich die Evolutionsforschung zur Religion weiter dynamisiert; sie ist geradezu explodiert! Die große Herausforderung der kommenden Jahre dürfte darin bestehen, überhaupt noch zu überblicken und zu verstehen, was alles erforscht wurde und wird – und die Unmengen von Daten und Erkenntnissen in verständige Ordnungen zu bringen. (Evolutionäre) Religionswissenschaft macht Freude – findet nicht nur David Sloan Wilson!

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt…

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Das ist ein gutes Video als Einstieg. Die Religiosität wird dabei in den Genen verortet. Das deckt sich mit meinen Erfahrungen, dass geistige Fähigkeiten zum Teil angeboren sind. Musikalität, Rhytmusgefühl, Feinmotorik, Gewissen, Gutgläubigkeit und das Gegenteil als Mangel empfunden wird. Mißtrauen, Gewissenlosigkeit, Grobmotorik , fehlende Feinsinnigkeit.
    Was zu kurz kommt, ist die Frage, woran glauben Menschen? An Ideale, die in Gott ihre Projektion finden? Oder ist es umgekehrt, dass uns Gott die Ideale geschenkt hat, wie es im AT beschrieben wird?

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