Eine kleine Rückschau auf zentrale Diskussionen zum Wissenschaftsystem 2017

Das Jahr 2017 ist nun bereits einige Tage Vergangenheit. Aber der Betrieb ist diese Woche an vielen Wissenschaftseinrichtungen noch nicht wieder so richtig losgegangen. Ein guter Zeitpunkt also, eine kleine Rückschau auf zentrale Diskussionen des letzten Jahres zum Wissenschaftsystem in meinem Blog zu halten, und über einige aktuelle Entwicklungen sowie Ausblicke für 2018 zu schreiben.

Das vergangene Jahr war für mich wissenschaftlich u.a. durch das Thema wissenschaftlicher Nachwuchs geprägt, auch aufgrund des 2017 veröffentlichten Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN, erscheint seit 2008 etwa alle drei Jahre). Eine der damit zusammenhängenden Diskussionen war die zu Berufungschancen auf Professuren in Deutschland, die ich im März in meinem Blog thematisierte. Einige Zeit danach veröffentlichte Karl Ulrich Mayer, ehemaliger Leibniz-Präsident und derzeitiger BuWiN-Konsortialvorsitzender, einen Beitrag zu diesem Thema in der Zeitschrift “Forschung” (Nr. 1/2017), in dem er nochmals ähnliche Zahlen wie zuvor in seinem Blogbeitrag nannte. Daraufhin hatte ich dann im Oktober die intensive Diskussion zu den von ihm genannten Berufungschancen, an der sich mehrere Hochschul- und Wissenschaftsforscher beteiligten, als Replik in der nachfolgenden Ausgabe der Zeitschrift (Nr. 2/2017) zusammengefasst. In deren Ergebnis kamen verschiedene Beitragende übereinstimmend auf eine mehrfach höhere Relation von Berufungsqualifizierten zu freiwerdenden Professuren als Mayer. In der Dezemberausgabe der “Forschung und Lehre” wurde nun noch eine ebenfalls sehr interessante Aufbereitung von Daten aus dem Auschreibungsdienst des DHV veröffentlicht, die mit ihrer Relation der potentiellen Bewerber zu Berufungen von 1:7 den von mir veröffentlichten verschiedenen Berechnungen sehr nahe kommt (siehe S. 67/68 in der Replik).[1]

Die Berufungschancen sind nicht nur für eine möglichst realitätsnahe Information der Nachwuchswissenschaftler, der Wissenschaftspolitik und der Öffentlichtkeit relevant. Vielmehr ist es zugleich Voraussetzung für eine verfassungsmäßig gebotene “Bestenauswahl” bei Berufungen auf Professuren, dass für das Wissenschaftssystem in seinen fachlichen Untergliederungen genug Berufungsqualifizierte zur Verfügung stehen. Und dies gilt nicht nur angesichts des anlaufenden Tenure-Track-Professuren-Programmes von Bund und Ländern (das auch Konzepte für die bereits 2016 hier thematisierte Personalentwicklung in der Wissenschaft fordert), sondern auch für die Realisierbarkeit der vom Wissenschaftsrat (2014) vorgeschlagenen 7.500 zusätzlichen Professuren. Es gilt erst recht für das von der Jungen Akademie (2017, 2013) vorgeschlagene Department-Modell anstelle von Lehrstühlen, mit der im Vergleich zum derzeitigen Stand mehrfach höheren Anzahl an neuen unbefristeten Professuren (zulasten der bislang meist befristeten Haushalts-Mittelbaustellen). Dass mit Mayer ausgerechnet der Konsortialvorsitzende zum Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs die Realisierbarkeit aller vorgenannten Vorschläge indirekt in Frage stellte, indem er Zahlen veröffentlichte, wo ihm zufolge nur ca. 1300 Berufungsqualifizierte auf ca. 900 freiwerdende Professuren kämen, hatte über das Jahr 2017 noch bei mehreren Anlässen für entsprechende Diskussionen gesorgt.

Zu Strukturen im Wissenschaftssystem fand ich – neben dem im April veröffentlichten Wissenschaftsratspapier “Strategien für die Lehre”[2] und Diskussionen zur Hochschulautonomie[3] – den im Oktober veröffentlichten bereits erwähnten Vorschlag der Jungen Akademie zum Department-Modell anstelle von Lehrstühlen am bemerkenswertesten. Daher hatte ich diesen in meinem Blog vorgestellt und ausführlicher kommentiert. Ich merkte dabei auch kritisch an, dass m.E. eine ersatzlose Abschaffung von entfristeten Stellen neben der Professur nicht zielführend wäre, und brachte Tenure-Track-ähnliche Verfahren auch für zusätzliche Entfristungen solcher Stellen in die Diskussion ein. Hierzu entgegnete Jule Specht (eine der Autorinnen des Papiers) mir, man sollte sich bei jedem entfristeten WiMi die Frage stellen, ob dieser exzellente, selbstständig arbeitende Mitarbeiter nicht eigentlich auch eine Professur haben könnte. Denn letztendlich würde mit der Departmentstruktur, so wie sie sie vorschlugen, ja die Rolle des Professors/der Professorin neu gedacht werden. Diese Argumentation erscheint mir durchaus in sich schlüssig, allerdings benötigt dies geraume Zeit und würde eine (nahezu) vollständige Umsetzung ihres Modells voraussetzen. Im Zusammenhang mit einer kritischen Reflektion der Karriere- und Rekrutierungswege im deutschen Wissenschaftssystem ergaben sich auch noch weitere Diskussionen über mögliche Maßnahmen und Strategien, die hier wiederzugeben aber zu weit führen würde. Außerdem ergab sich in Diskussionen über Perspektiven in Wissenschaftsmanagement und Forschungsförderung beim Career Day der TU Dresden dann noch der Austausch mit dem Blogger Johannes Baumgart, der u.a. die von mir bereits in einem früheren Blogbeitrag angesprochene Anzahl der Postdocs thematisierte und m.E. weitere inspirierende Ideen zu Karrierewegen im Wissenschaftssystem formulierte.

Zu Fragen der Diversität in der Wissenschaft bzw. Wissenschaftlern gab es ebenfalls einige mich wissenschaftlich sehr beschäftigende und m.E. interessante, aber in ihrer Deutlichkeit mich zugleich auch bedrückende Ergebnisse: So betrifft dies die außerordentlich ungleichen Chancen von Nichtakademikerkindern im deutschen Hochschulsystem, und zwar nicht nur beim Hochschulzugang (worüber bis 2013 das HIS – jetzt DZHW – mit dem “Bildungstrichter” regelmäßig anschaulich berichtete, ausgerechnet im Wahljahr 2017 aber leider nicht mehr): Vielmehr sind die Chancen von Nichtakademikerkindern auch bei weiteren Übergängen im Hochschulsystem bis hin zur Promotion (und auch bis zur Professur) außerordentlich ungleich verteilt. Dies zeigten nun Stifterverband und McKinsey im Jahresbericht 2017/18 des Hochschul-Bildungs-Reportes; darüber, über abgeleitete Empfehlungen für die Wissenschaftspolitik und über weitere Ergebnisse zur Chancengleichheit im Hochschulsystem berichtete ich daher im Mai, Juni und schließlich November ausführlicher. Im Dezember wurde noch eine vertiefende exemplarisch für eine Hochschule durchgeführte Analyse der Übergänge nach dem Bachelor publiziert, die einen Schwerpunkt auf mögliche Maßnahmen legt. Eine mir vorliegende kürzlich erfolgreich verteidigte Dissertation, die einen Schwerpunkt auf Analysen der Chancengerechtigkeit ebenfalls mit dem Ziel einer Weiterentwicklung von konkreten Maßnahmen legt, soll in den nächsten Monaten veröffentlicht werden. Ich werde bei passender Gelegenheit dann gern mit darauf verweisen, denn ich plane mich 2018 weiter mit diesem Thema zu befassen.

Zum Thema Diversität der Lebensentwürfe in der Wissenschaft fand 2017 m.E. die Situation derjenigen, die sich für den Lebensentwurf Wissenschaft mit Elternschaft entschieden, in meiner Wahrnehmung deutlich mehr Beachtung als in früheren Jahren – zumal es “nur” eine kleine Minderheit unter den von dieser Entscheidung besonders betroffenen Nachwuchsforschenden ist. Zwar wurde ich von einer Hochschule, die mich ursprünglich für eine Diskussionsveranstaltung einladen wollte, dann (offenbar nach genauerer Kenntnisnahme der Ergebnisse und/oder der aus der Empirie abgeleiteten Schlussfolgerungen) allerdings auch quasi wieder ausgeladen. Ansonsten waren die Reaktionen im Nachgang zur Veröffentlichung der entsprechenden bundesweiten Bestandsaufnahme zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie jedoch erfreulich positiv und ich wurde sowohl von bundesweiten als auch von Landeseinrichtungen und Hochschulen für Vorträge und Diskussionen über konkrete Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation eingeladen.

Insgesamt bleibt also zu hoffen, dass sich mindestens zu einigen der 2017 diskutierten Themen 2018 etwas tun wird. Anderenfalls könnte sich allerdings auch die für mich bemerkenswerteste Tendenz vom Ende des Jahres 2016 noch verstärken, dass Nachwuchswissenschaftler immer weniger der Nachwuchs für die Wissenschaft sein wollen, und damit zugleich der Bedarf an entsprechender Beratung und Beratungsliteratur, wie ich sie in meinem letzten Beitrag für 2017 vorstellte, weiter steigen. 😉

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[1] In dem Beitrag in Forschung & Lehre 12/2017 werden neben den fachspezifischen Veränderungen der Berufungschancen anhand der DHV-Auschreibungsdaten 2015 (im Vergleich zu 2013) auch die Veränderungen der Stellen nach den Daten des Statistischen Bundesamtes für denselben Zeitraum dargestellt, die teilweise aber gerade für Fächer mit den größten Veränderungen eine entgegengesetzte Tendenz zeigen. So heißt es dort zu den DHV-Daten (S. 1064): “Besonders betroffen vom Stellenrückgang ist das Fach Psychologie (mit fast 42 Prozent) sowie die Rechtswissenschaften (– 35 Prozent) und Wirtschaftswissenschaften (– 29 Prozent). (…) Bei den Sozialwissenschaften war ein Rückgang von 27 Prozent zu verzeichnen.” In mehreren dieser Fächer ist aber zugleich in den Daten des Statistischen Bundesamtes der höchste Zuwachs an Stellen im gleichen Berichtszeitraum festzustellen, so für die Sozialwissenschaften (mit + 37 Prozent), Psychologie (+ 36 Prozent), sowie die Rechtswissenschaften (+ 17 Prozent). Zu den Wirtschaftswissenschaften liegen zwar für 2013 keine amtlichen Zahlen zu Stellen vor, im Vergleich zum letzten verfügbaren Jahr 2009 gibt es jedoch einen Anstieg um 30 Prozent. Auf Nachfrage wurde von der Autorin hierzu erklärt, dass sich die Diskrepanz zumindet zum Teil dadurch erklärt, dass bei den Professorenzahlen des Statistischen Bundesamtes nach Fächern ab 2002 die Juniorprofessuren mit enthalten sind, die sich in der Fächergruppe Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in den Jahren 2010 bis 2015 mehr als verdoppelten (2010: 272 Juniorprofessuren, 2015: 564 Juniorprofessuren), während sie in anderen Fächergruppen teilweise sogar weniger wurden. In den DHV-Daten sind die Juniorprofessuren jedoch nicht mit enthalten. Für die Berufungschancen dürfte dies  bedeuten, dass aufgrund des für Juniorprofessuren deutlich größeren potentiellen Bewerberkreises die Relation mit 1:7 m.E. immer noch unterschätzt wird. Genaueren Aufschluss könnte evtl. eine separate Analyse der DHV-Daten für Juniorprofessuren geben.

[2] Zu von mir in meinem Blogbeitrag zum Wissenschaftsratspapier erwähnten Forderungen, so z.B. zu Analysen zur Verbreitung und Wirkung der Strukturen und Instrumente zur Förderung der Lehre an den Hochschulen, gibt es einige Ende 2017 erschienene Veröffentlichungen, die hierzu für die nächsten Jahre Schritte nach vorn erwarten lassen (z.B. in den jüngsten Ausgaben der “Beiträge zur Hochschulforschung” sowie der Zeitschrift “Qualität in der Wissenschaft”. In einer von mir Ende 2017 neu übernommenen Projektevaluation werde auch ich solche Wirkungsanalysen durchführen und – diesen Ausblick kann ich bereits geben – zu geg. Zeit auf diesem Blog berichten.

[3] Mit den Entwicklungen der Hochschulautonomie in der letzten Dekade und Leistung(sbewertung)en in der Wissenschaft hatte ich mich bereits in Vorjahren intensiver befasst. Neu diesbezüglich ist für 2017 v.a. dass zunehmemde Aufgreifen eines „hybriden“ Leitungsmodells, wie jüngst auch in einem Artikel des Bremer Alt-Rektors und ehemaligen HRK-Vizes Wilfried Müller zu Systemakkreditierung/Hochschulgovernance. Auch ich habe in einer quantitativen Analyse der Zusammenhänge von Hochschulautonomie und -performanz festgestellt, dass – wie theoretisch bereits von anderen herausgearbeitet – nach ersten empirischen Ergebnissen ebenfalls eher eine Mischung von (Instrumenten) managerialer Steuerung und kollegialer Steuerung als angemessenste Form der Hochschulsteuerung anzusehen ist.

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. die hochschulweiten Absolventenstudien leitet. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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