Welche Chancen haben Nichtakademikerkinder im deutschen Hochschulsystem?

Für Bildungsforscher gehören Analysen zur Chancengerechtigkeit im Schulsystem zum Standard. Für das Hochschulsystem in Deutschland gilt dies bislang nicht.[1] Dabei gäbe es durchaus Anlass, die Bildungschancen insbesondere von Nichtakademiker-Kindern auch im Hochschulsystem zu beleuchten, wie die inzwischen zahlreicheren Initiativen dazu an den Hochschulen zeigen. In einem Artikel der Wochenzeitung DIE ZEIT wird heute über eine Analyse berichtet, die ich mit Kollegen in den letzten Monaten erarbeitete und die wir im Herbst im Rahmen des jährlichen Hochschul-Bildungs-Report von Stifterverband und McKinsey veröffentlichen werden.

Die Analyse erfolgte nach dem Konzept der „Leaky  Pipeline“ aus der sozialen Ungleichheitsforschung und wendet es auf die Bildungsherkunft an. Mit dem Begriff ‚Leaky Pipeline‘ wird in der Wissenschaft der absinkende Anteil einer Personengruppe auf den verschiedenen Qualifizierungsstufen bezeichnet, der auf eine fortbestehende strukturelle Ungleichheit hinweist. Hierbei kann man sich die erfolgreichen Übergänge zwischen den Qualifizierungsstufen bildlich als die vorstellen, die am Ende der „Rohrleitung“ noch herauskommen, während abgehende Anteile die „Leckage“ an Verbindungsstellen oder Zapfstellen sind. Dies heißt nicht, dass unbedingt alle studieren oder promovieren sollten. Aber die Chancen dafür sollten unabhängig von der Herkunft sein. Von uns werden zur Veranschaulichung die Bildungschancen für je 100 Nicht-Akademiker-Kinder und Akademiker-Kinder verglichen. Dies erfolgt anhand der Daten zu den Studierenden-Jahrgängen, die kürzlich ihre Hochschulabschlüsse erwarben.

Einige zentrale Ergebnisse möchte ich hier herausgreifen:

  • Von hundert Akademiker-Kindern, die mindestens einen studierten Elternteil haben, beginnen 74 ein Studium, von denen wiederum 63 einen Bachelor-Abschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und schließlich zehn eine Promotion absolvieren.
  • Von hundert Nichtakademiker-Kindern, deren Eltern keine Hochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, verlassen 15 die Hochschule mit einem Bachelor, 8 mit einem Master – und nur eine einzige Person erlangt den Doktorgrad.

Zwar schaffen schon es schon von der Grundschule bis zur Hochschule nur etwa halb so viele Nichtakademiker-Kinder wie Akademiker-Kinder (vgl.  20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks sowie Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2016). Wie unsere Analyse zeigt, hört aber danach die soziale Selektivität keineswegs auf: Bis zum Master verändert sich die Relation der beiden Herkunftsgruppen weiter, und zwar auf knapp 1:6. Das heißt, auch innerhalb des Hochschulsystems sind die Chancen bis zum Masterabschluss für Nichtakademiker-Kinder nicht besser. Die Chancen an den Hochschulen sind vielmehr bis zum Master sogar nur rund ein Drittel so hoch wie für Akademiker-Kinder und damit insgesamt geringer als im Schulsystem. Erst für die (wenigen) Nichtakademiker-Kinder, die es bis zum Masterabschluss geschafft haben, ist danach die soziale Selektivität bis zum Doktortitel etwas weniger stark: Ihre Bildungschancen halbieren sich bis zum Dr. im Vergleich zu den Akademiker-Kindern “nur” noch einmal, so dass die Relation der beiden Herkunftsgruppen schließlich 1:10 beträgt. So kommt es, dass letztlich von 100 Nichtakademiker-Kindern eines den Doktortitel erhält, von 100 Akademiker-Kindern dagegen zehn.[2]

Insgesamt fällt beim Vergleich der Bildungschancen der beiden Herkunftsgruppen auf: An allen Schwellen des Bildungssystems sind für Nicht-Akademiker-Kinder die Beteiligungs­quoten niedriger. Andere Studien haben bereits gezeigt, dass dies nicht (allein) auf Leistungsunterschiede zurückzuführen ist.[3] Dies verweist nicht nur auf eine eingeschränkte Chancengerechtigkeit, sondern auch auf verschenktes intellektuelles Potenzial. Das Augenmerk in Deutschland lag bislang offenbar zu sehr auf der Schwelle zum Hochschulzugang. Oft wurde gedacht: Wer es einmal an die Uni geschafft hat, der kommt dann schon klar. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Annahme so nicht richtig ist. Der Stifterverband empfiehlt, auch über Brückenkurse, Beratungsangebote, Mentoring u.ä. hinaus, in den Curricula mit Maßnahmen in den Kernprozessen von Hochschulen anzusetzen. So könnten beispielsweise die Verbesserung der Möglichkeiten des Teilzeitstudiums und eine generell stärkere Berücksichtigung der Diversität sowie der (beruflichen) Vorerfahrungen auch in den Studienstrukturen geeignete Ansatzpunkte sein. Der Hochschul-Bildungs-Report wird hierfür auf der Basis der verfügbaren Ergebnisse konkrete Empfehlungen formulieren. Auch der Wissenschaftsrat (2017) hat kürzlich in seinem Positionspapier zu Strategien für die Hochschullehre Ansatzpunkte genannt, dabei u.a. die „Ermöglichung eines Studiums mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten”. Bisher steht dem vieles entgegen: Das Spektrum reicht von den teilweise sehr starren formalen Regelungen in Teilzeitstudiengängen bis hin zu Regelungen bei der Hochschulfinanzierung, die über ihre Indikatoren derzeit höhere Nichtakademiker- und Teilzeitstudierendenanteile oft nicht fördern, sondern potentiell eher benachteiligen, wofür es allerdings Lösungen gäbe.

Das Thema soziale Selektivität im Hochschulstudium kann aber in unserer Analyse nur in seiner Größenordnung aufgezeigt werden und ist damit noch lange nicht komplett ausgeleuchtet. So gibt es insbesondere zum Einfluss der Bildungsherkunft beim Übergang vom Bachelor zum Master bisher erst wenige Studien (siehe [3]). Ähnlich gilt dies bei Analysen zum Studienverlauf. Der Wissenschaftsrat empfahl daher für solche und weitere Analysen eine stärkere Vernetzung der Akteure, wobei auch die Expertise der Hochschul- und Bildungsforschung herangezogen werden soll.

Anmerkungen

[1] Für Übergänge im Hochschulsystem liegen bisher nur wenige Studien vor. Dies hat einerseits damit zu tun, dass es bis vor wenigen Jahren nur relativ kleine Kohorten von Master-Studierenden gab, so dass man die Frage nach der sozialen Selektion auf dieser Schwelle erst seit relativ kurzer Zeit flächendeckend und damit repräsentativ untersuchen kann. Andererseits liegt ein Grund darin, dass die Hochschulforschung im Vergleich zur Schulforschung relativ jung und wenig institutionalisiert ist (vgl. Bülow-Schramm/Krempkow 2014).

[2] Im Hochschul-Bildungs-Report werden diese Analysen dann ausführlicher vorgestellt, sowie weitere Ergebnisse zum Übergang vom Bachelor zum Master.

[3] Vgl. dazu z.B. die Analysen von Trommer u.a. 2017; Alesi u. a. 2015. Stattdessen haben ein nichtaka­demischer Bildungshintergrund und/oder andere Merkmale, die wiederum mit der sozialen Herkunft zusammenhängen, sozial selektive Effekte: So nehmen Studierende mit einer vor dem Studium abgeschlossenen Berufsausbildung sowie Teilzeitstudierende deutlich seltener ein Masterstudium auf (vgl. z.B. Krempkow 2017; Ebert/Stammen 2014).

Quellen

Alesi, Bettina/Neumeyer, Sebastian/Flöther, Choni (2015): Studium und Beruf in Nordrhein-Westfalen. Analysen der Befragung von Hochschulabsolventinnen und -absolventen des Abschlussjahrgangs 2011. Kassel: INCHER Kassel.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2016): Bildung in Deutschland 2016. Ein indikatoren­gestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Bülow-Schramm, Margret/ Krempkow, René, 2014: Ein kritischer Blick von innen. Die Zukunft der Hochschulforschung auf dem Prüfstand. In: Die Hochschule 1/2014, S. 50-63.

Ebert, Anna/Stammen, Karl-Heinz (2014): Der Übergang vom Bachelor zum Master. Eine neue Schwelle der Bildungsbenachteiligung? In: Die Hochschule 2/2014, S. 172-189.

Krempkow, René (2017): Heterogenität, Studienzufriedenheit und Studiendauer als Einflussfaktoren auf Übergänge nach dem Bachelor. Stabsstelle Qualitätsmanagement der Humboldt-Universität zu Berlin (Hrsg.), Berlin.

Middendorf, Elke u.a. (2013): Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2012. 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (Hg.): Berlin.

Trommer, Maximilian/Klüver, Sakia/Briedis, Kolja (2017): Je Herkunft, desto Master. Beitrag zur Jahrestagung der Gesellschaft für Hochschulforschung (GfHF), Hannover.

Wissenschaftsrat (2017): Strategien für die Hochschullehre. Positionspapier. Drs. 6190-17. Halle (Saale).

    Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er zunächst im Dezernat Akademische Angelegenheiten der TU Dresden. Danach baute er im Kompetenzzentrum-Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und arbeitet im in anderen Bereichen des QM zur Forschung und wiss. Nachwuchsförderung mit. Daneben berät er bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien.
    Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

    7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    1. Pingback:Chancen von Nichtakademikern im Hochschulsystem | trollheaven

      • Welche Empfehlungen aus den Ergebnissen folgen sollten, darauf werden wir im Hochschul-Bildungs-Report noch deutlich ausführlicher eingehen. Soviel kann ich jedoch schon mal vorwegnehmen: Es wird auf jeden Fall auch darum gehen, wie man digitale (Lehr- und Weiterbildungs-)Angebote nutzen und ggf. so weiterentwickeln kann, dass sie für potentielle Nachfrager auch aus Nichtakademiker-Familien attraktiv sind. Dazu müsste aber wohl noch Einiges geschehen: Zwar sind einige Einrichtungen hier schon recht weit und schaffen dies bereits, so z.B. einige private (Fern-)Hochschulen. Insgesamt besteht aber derzeit auch bei digitalen (Weiterbildungs-)Angeboten eher die Gefahr, dass sich eine vorhandene Bildungskluft noch weiter vertieft, wie Studien zeigten. Aber wie gesagt: Dazu später gern mehr, ich werde dann gern auch mit einem Blogbeitrag darüber informieren oder zumindest eine kurze Notiz zur Hochschul-Bildungs-Report-Veröffentlichung schalten.

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    3. Ja, Danke der Nachfrage! Es gibt auch tw. deutliche Geschlechterunterschiede insbesondere in den höheren Qualifikationsstufen des Hochschulsystems. Auch diese werden im Hochschul-Bildungs-Report dargestellt werden (es hätte die Veröffentlichung zur aktuellen Analyse leider überfrachtet). Für bereits veröffentlichte (etwas ältere) Zahlen kann ich die der GWK zu Geschlechterunterschieden empfehlen.

    4. Ich denke ganz banal, ein Hemmnis ein Studium aufzunehmen , ist Geld und wahrscheinlich nichts anderes. Bereits zu meiner Studienzeit vor mehr als 30 Jahren waren Unterkunft und Lebenshaltungskosten ein nicht unwesentliches Problem. Das soll wie mir junge Leute erzählten , noch schlimmer geworden sein.
      Der Staat muss Studenten (oder Studierende) großzügig ausnahmlos unterstützen, aber nur gegen Leistung .Wer feieren will, soll arbeiten. Also Geld muss fließen in die Taschen fleißiger Studenten und zwar ordentlich.

      Warum vorher so wenig Nichtakademikerkinder Gymnasien besuchen ist mir unerklärlich. An der Bereitschaft der Gymnasien liegt es nicht. Aber was ich beobachtet habe ( und demzufolge nur anektodische Qualität hat), die Bereitschaft sich für den schulischen Erfolg Ihrer Kinder zu engagieren , ist bei Akademikereltern größer ( im Durchschnitt , ich habe sehr wohl engagierte Arbeitereltern erlebt)
      Beispiel : Alle meine drei Kinder haben die Möglichkeit ein Instrument zu lernen gehabt. Nämlich Blockflöte in der Grundschule , kostete fast nichts, war in die Schulstunden als Zusatz integriert.Ich habe täglich mich hingesetzt und mit ihnen geübt. Dabei nebenher auch dieses Instrument gelernt. Bin jetzt bei Querflöte gelandet. Die Kinder spielen in einem Musikverein Querflöte.
      Ein Lehrer der Hauptschule erzählte mir: im Rahmen eines Wahlpflichtfaches 5/6 Klasse konnten die Schüler für umsonst Blasinstrumente lernen , Trompete, Saxophon usw. Anfängliche Begeisterung verebbte bald .Erwartet wurde nicht viel 2-3 /Woche 10-20 min üben. Bald waren die Fortschritte gleich null. Keiner übte und das Engagement der Eltern näherte sich gegen Null.
      Was will man machen , ein bisschen Unterstützung brauchen die Kinder. Wenn es um Geld geht , hätte ich kein Problem das SchülerBafög ab Klasse 10 ebenfalls großzügig wieder einzuführen.
      Ehrlich , ich verstehe es nicht. Bildung als Erziehungsziel kann man nicht per Dekret verordnen. Und das wir es uns nicht leisten können , das geistige Potential der unteren sozialen Schichten zu vernachlässigen, dürfte jedem klar sein. Aber was tun ?
      P.S. Ich kannte mal eine hochintelligente Russin , die sprach 5 Sprachen perfekt.Aber eben kein Englisch. Die Dame wäre an der Aufgabe 4 x…..=thirtytwo gescheitert.

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