Wie gut ist die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie für Nachwuchsforschende in Deutschland?

Das Statistische Bundesamt veröffentlichte kürzlich die Meldung, dass die Kinderlosigkeit in Deutschland nicht weiter gestiegen sei. Bei Akademikerinnen sinke die Kinderlosigkeit sogar; zu dieser Entwicklung habe nicht zuletzt die Verbesserung der Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beigetragen, hieß es. Aber gilt dies auch für die Beschäftigten im Wissenschaftssystem, insbesondere für Nachwuchsforschende?

Hierzu sagen die Daten des Statistischen Bundesamtes nichts. Auch im Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN 2017) finden sich hierzu nur relativ wenige belastbare Aussagen. Der Stifterverband und das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) führten allerdings bereits im Jahr 2015, gefördert vom BMBF, im Rahmen einer größeren Studie Erhebungen dazu durch (Krempkow u.a. 2016). Ein kürzlich in den „Beiträgen zur Hochschulforschung“ veröffentlichter Artikel legt nun erstmals eine bundesweite Bestandsaufnahme der Maßnahmen und Angebote zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie aus der Perspektive sowohl von Wissenschaftseinrichtungen als auch von Nachwuchsforschenden vor. Zentrale Ergebnisse werden hier zusammenfassend vorgestellt und in Ergebnisse zur Privatwirtschaft eingeordnet. So bilden in der Privatwirtschaft Maßnahmen zur Vereinbarkeit eine der wichtigsten und erfolgreichsten Rekrutierungsstrategien (Schneider/Stenke 2015). Auch laut dem Bundesfamilienministerium (BMFSFJ 2015) haben zwei Drittel der Bevölkerung den Eindruck, dass sich in den vergangenen Jahren in deutschen Unternehmen in der Familienfreundlichkeit viel Positives getan hat. Soweit könnte sich das Statistische Bundesamt zunächst bestätigt sehen – jedenfalls für die Privatwirtschaft.

Für die Wissenschaft in Deutschland sind Daten zur Vereinbarkeitssituation recht verstreut und die Informationen nur schwer zusammenzuführen. Ein wesentliches Desiderat zu bisherigen Studien lag zudem oft darin, dass sie kaum verallgemeinerbare Aussagen für Deutschland und keine Gegenüberstellung der Anbieter- und Nutzerperspektiven ermöglichten. In den vorhandenen Quellen gab es z.T. auch unterschiedliche Sichtweisen: So sieht der Wissenschaftsrat (2014) „strukturell familienunfreundliche Rahmenbedingungen im Wissenschaftsbetrieb“ und Kunadt u. a. (2014) das Ziel, familienfreundlich zu sein, als „in der Praxis an den Hochschulen noch nicht erreicht“. Andere sehen dagegen Indizien dafür, dass die wissenschaftliche Arbeit im Vergleich mit anderen Tätigkeiten außerhalb der akademischen Wissenschaft für die Befragten gut mit der familiären Sorgeleistung vereinbar sei (Briedis u. a. 2014). Zwar besteht Einigkeit darüber, dass beim wissenschaftlichen Nachwuchs ein deutlich verzögertes generatives Verhalten und eine insgesamt vergleichsweise hohe Kinderlosigkeit festzustellen sind (vgl. Überblicke in Krempkow 2014, Kunadt u. a. 2014), jedoch wurden oft keine Ansatzpunkte für mögliche Maßnahmen herausgearbeitet.

Mithilfe von zwei repräsentativ angelegten Teilstudien wurden diese Desiderata nun bearbeitet. Datengrundlagen für nachfolgend vorgestellte Ergebnisse sind einerseits die Online-Befragung von 150 Wissenschaftseinrichtungen. Zum anderen ist es die Onlinebefragung von 3.396 Nachwuchsforschenden (vgl. ausführlich Krempkow u. a. 2016). Im Einzelnen wurde dabei thematisiert, welche Angebote an Wissenschaftseinrichtungen nach Auskunft der Personalverantwortlichen vorhanden sind und inwieweit sie dem wissenschaftlichen Nachwuchs bekannt sind bzw. genutzt werden.

Unsere Auswertung zeigt insbesondere, dass Schwierigkeiten mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie bei den Nachwuchsforschenden eine deutlich stärkere Rolle für einen angestrebten Wechsel in andere Berufsbereiche außerhalb der akademischen Wissenschaft spielen als drei Jahre zuvor. Mit zehn Prozentpunkten Differenz hat dieser Aspekt den stärksten Bedeutungszuwachs als Wechselgrund (siehe Tabelle). Nur die höhere Beschäftigungssicherheit außerhalb der Wissenschaft hatte mit neun Prozentpunkten einen ähnlich großen Bedeutungszuwachs.

Beschäftigungsbezogene Gründe für einen Weggang aus der Wissenschaft

Bessere

Verdienstmöglichkeiten

Höhere

Beschäftigungssicherheit

Vereinbarkeit von

Wissenschaft u. Familie

2015 62 70 44
2012 63 61 34

Daten: Stifterverband/DZHW 2016, 2013 (Angaben in Prozent)

Dem gegenüber stehen Ergebnisse mehrerer weiterer Erhebungen, wonach nur rund die Hälfte der Promovierenden mit der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Elternschaft zufrieden ist (Jaksztat/Preßler/Briedis 2012; Schürmann/Sembritzki 2017). Nach den Ergebnissen von Kunadt u. a. (2014) ist sogar lediglich ein Viertel der Befragten mit der Familienfreundlichkeit zufrieden; zugleich gibt die Studie von Kunadt u. a. (2014) auch Hinweise darauf, dass sich Familienfreundlichkeit förderlich auf die Produktivität auswirkt. Obwohl über 80 Prozent gern Kinder hätten (BuWiN 2017, S. 235 f.) und immerhin rund die Hälfte der etwa gleichaltrigen Hochschulabsolventen welche haben, hat nur ein Viertel bis ein Drittel der Nachwuchsforschenden in Deutschland Kinder. In anderen europäischen Ländern hat im Schnitt etwa die Hälfte der Nachwuchsforschenden Kinder (Krempkow 2014). Das zeigt, dass dies keineswegs generell die Wissenschaft betrifft, sondern v.a. die deutsche .

Potenzial für eine Verbesserung der Situation liegt nach unseren Ergebnissen u.a. darin, dass die Angebote der Hochschulen zur Unterstützung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nur bedingt den Bedarfen entsprechen und beim wissenschaftlichen Nachwuchs nur teilweise bekannt sind. Ein Beispiel ist das von fast allen Hochschulen als vereinbarkeitsfördernde Maßnahme angegebene Angebot an Kinderbetreuungsplätzen, das nur drei Fünftel der Nachwuchswissenschaftler mit Kindern kennen. Ähnlich sieht es bei der Möglichkeit des flexiblen Arbeitsorts aus. Noch größere Differenzen gibt es bezüglich der Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Tagespflegepersonen sowie Unterstützung für Doppelkarriere-Paare auch unterhalb der Professur bzw. Leitungsposition. Mütter wissen dabei häufiger vom Vorhandensein der Angebote als Väter und nutzen diese oft auch häufiger.

Handlungsfelder

Die Angebote den potenziellen Nutzern bekannt zu machen, ist somit ein wichtiges Handlungsfeld. Auch nach den Ergebnissen der Befragung der Wissenschaftseinrichtungen liegen in der Kommunikation von Angeboten noch stärker auszuschöpfende Potenziale. Für eine effektive Information ist wiederum die systematische Erfassung der Promovierenden – und perspektivisch Postdocs (vgl. Krempkow 2016) – Voraussetzung, die auch das Vorhandensein von Kindern einbezieht. Damit könnten dann die Eltern beim wissenschaftlichen Nachwuchs zielgruppenspezifisch(er) informiert werden. Für eine nachhaltige Verbesserung der Vereinbarkeit wird das allein aber nicht ausreichen. Hierfür wären nach vorliegenden Ergebnissen insbesondere auch die Förderung über die bisher üblichen Angebote hinaus und eine Stärkung von durchgehenden Karrierewegen nützlich, worauf die Wissenschaftseinrichtungen durch die Schaffung von Tenure- und Entfristungsregelungen in der Phase nach der Promotion zu reagieren beginnen (vgl. Krempkow u. a. 2016). Dies verweist auch noch einmal auf die Notwendigkeit, Maßnahmen und Strategien zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie, wie sie auch im BuWiN (2017, S. 254-258) aufgeführt werden, noch stärker mit Maßnahmen und Strategien zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs zu verzahnen. Entsprechend sind die einzelnen Wissenschaftseinrichtungen aufgefordert, künftig der Ermittlung von Bedarfen aufseiten des wissenschaftlichen Nachwuchses eine größere Aufmerksamkeit zu widmen. So wurde zum Audit familiengerechte Hochschule bereits diskutiert, ob es repräsentativ angelegte Befragungen potentieller Nutzer künftig als Gold Standard vorsehen sollte.

Weiterführende Info (mit Quellenangaben): Krempkow, R./Sembritzki, T. (2017): Die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie in Deutschland – Bestandsaufnahme aus Sicht von Hochschulen und Nachwuchsforschenden. In: Beiträge zur Hochschulforschung 2/2017: 102-123, Volltext in URL: www.researchgate.net/publication/317685472.

Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er zunächst im Dezernat Akademische Angelegenheiten der TU Dresden. Danach baute er im Kompetenzzentrum-Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und arbeitet im in anderen Bereichen des QM zur Forschung und wiss. Nachwuchsförderung mit. Daneben berät er bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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