Wissenschaftsrat fordert stärkere Vernetzung von Expertise für die Lehre

Das angekündigte Wissenschaftsratspapier „Strategien für die Lehre“ wurde nun veröffentlicht. Darin wird – neben dem Vorschlag einer Deutschen Lehr-Gemeinschaft – auch die stärkere Vernetzung der vorhandenen Expertise gefordert. Nachfolgend stelle ich kurz Passagen vor, die für das in meinem letzten Blogbeitrag angesprochene Thema Transfer der Ergebnisse erfolgreicher Projekte in den Hochschulalltag m. E. zentral sind.

So heißt es im Wissenschaftsratspapier (S. 15): „In Zukunft wird es nun verstärkt darum gehen, Lehre als Gemeinschaftsaufgabe aller beteiligten Akteure zu betrachten, Expertise zu vernetzen und zu verstetigen sowie mit geeigneten Anreizsystemen strukturell zu unterstützen.“ Die Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Martina Brockmayer, sagte hierzu in einem Interview mit dem Deutschlandfunk, „dass es ja schon ganz viele interessante und wichtige Konzepte in der Lehre gibt, die aber vielleicht gar nicht so bekannt sind, und irgendwo müssen die auch bekannt gemacht werden“. Der Wissenschaftsrat macht aber auch auf Probleme aufmerksam (S. 13): „Zum einen werden die Strukturen und Instrumente zur Förderung der Lehre von den meisten Hochschulen nicht systematisch erfasst bzw. für Dritte zugänglich gemacht und es sind bisher selten entsprechende Monitoring-Systeme vorhanden. Auch die statistischen Ämter erheben zu solchen spezifischen Fragen keine Daten. Die Hochschulforschung liefert bislang erst wenige umfassende und systematische Analysen zur Verbreitung und  Wirkung der Strukturen und Instrumente.“  Dies liegt nicht nur daran, dass Daten teilweise nicht für Dritte (z.B. Hochschulforschende) zugänglich sind. Teilweise wurde auch versäumt, entsprechende Daten vorzusehen (S. 14): „Nicht alle Förderprogramme waren vom Auswahlverfahren an systematisch mit einer Evaluation konzipiert, so dass aufgrund fehlender Baseline-Daten methodisch belastbare Wirkungsanalysen häufig erschwert sind. Die Begleitforschungsprojekte zu den Programmen liefern zum Teil interessante Hinweise auf mögliche Effekte; einige der Studien sind jedoch noch nicht abgeschlossen. Die Auswertungen orientieren sich zudem meist an den jeweiligen Schwerpunkten und Programmzielen, die stark divergieren und häufig auf besondere Lehrformate und Standortbedingungen bezogen sind.“ „Erhebungsverfahren zum Studienerfolg und deren einheitliche Anwendung sind aus Sicht des Wissenschaftsrates eines wesentliche Aufgabe für die Zukunft, für deren Bewältigung auch die Expertise der Hochschul- und Bildungsforschung herangezogen werden sollte.“ (S. 27).

Wissenschaftsrat: Daueraufgaben für die Lehre nicht durch Projektmittel finanzieren

Zum Thema Projektförmigkeit und Befristungen hatte sich der Wissenschaftsrat zuletzt 2014 geäußert, hier bekräftigt er dies noch in Bezug auf die (Verbesserung der) Lehre (S. 34): „In den vergangenen Jahren wurden viele Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung der Lehre an den Hochschulen mit temporären Fördermitteln finanziert. Oftmals handelte es sich dabei eigentlich um Daueraufgaben (etwa didaktische Qualifizierung der Lehrenden oder Qualitätsmanagementsysteme für die Lehre). Der Wissenschaftsrat bekräftigt seine Position, dass Daueraufgaben in der Lehre nicht durch Projektmittel finanziert werden sollten. Nur auf diese Weise wird eine stabile und nachhaltige Verbesserung der Lehrqualität gewährleistet. Temporär begrenzte Projekte, etwa zur Entwicklung eines neuen Lehrformats oder zur Erprobung neuer Methoden und Technologien, können dagegen sinnvoll auch mit einer begrenzten Laufzeit gefördert werden. Die Hochschulen müssen jedoch für Strukturen, die nachweislich wirksam die Qualität der Lehre verbessern, eine dauerhafte Finanzierung bereitstellen. Sie können dies in vielen Fällen nicht allein durch Umschichtungen eigener Mittel leisten, sondern benötigen eine angemessene Grundausstattung und finanzielle Entscheidungsspielräume.“

Zum Vorschlag einer Deutschen Lehr-Gemeinschaft

Zum Vorschlag einer Deutschen Lehr-Gemeinschaft heißt es im Wissenschaftsratspapier (S. 34): Eine weitere Herausforderung bestehe „in der Verbreitung des Wissens und der Lerneffekte aus den bisher oft isolierten Förderprojekten und deren Bewertung hinsichtlich einer möglichen Übertragung erfolgreicher Konzepte in andere ähnliche Studiengänge, Fächer oder institutionelle Kontexte. Dafür müsste es eine öffentliche Instanz geben, welche die Akteure vernetzt und die Ergebnisse ihres Erfahrungsaustauschs systematisch und im Dialog mit der Lehr-Lern-Forschung verarbeitet. Eine solche Vernetzung trägt zur Professionalisierung der Lehre bei und befördert die Entwicklung von validen Bewertungskriterien und -verfahren. Um dauerhafte Fördermöglichkeiten für Innovationen in der Lehre zu schaffen und um die Akteure und ihr Wissen zu vernetzen, empfiehlt der Wissenschaftsrat, die Einrichtung einer eigenständigen Organisation zu prüfen. Diese Organisation soll in ihrer ersten Funktion lehrbezogene Vorhaben fördern. Dazu zählen:

(a) Vorhaben zur Entwicklung innovativer Lehrformate und neuer Methoden. Außerdem sollten

(b) übergeordnete Programme gefördert werden, etwa fächerübergreifende Strukturen (z. B. zur Gestaltung der Studieneingangsphase). Weiterhin sollte

(c) auch eine Fördermöglichkeit für den evidenzbasierten Transfer bzw. die Verbreitung erfolgreicher Projekte bestehen. Die Organisation muss für die Projektförderung wissenschaftsgeleitete Verfahren und Bewertungskriterien entwickeln, mit denen auch geprüft wird, ob die Projekte jeweils mit aussagekräftigen Erfolgskontrollen konzipiert sind. Es wäre zudem

(d) wichtig, die institutionelle Strategiefähigkeit der Hochschulen im Bereich der Lehre über die einzelnen Projekte und Programme hinaus zu stärken, indem für die Mittelvergabe auch die Integration eines Projekts in eine hochschulische Gesamtstrategie für die Lehre und deren Plausibilität bzw. Funktionalität geprüft wird.

Durch gezielte Ausschreibungen könnte die Organisation auch eine Initiativfunktion erfüllen, indem sie bestimmte Schwerpunkte für einen Teil der Förderung setzt, z. B. für aktuelle Herausforderungen in der Lehre durch die zunehmende Heterogenität der Studierenden.

Die zweite wichtige Funktion der Organisation wäre die systematische Vernetzung der Akteure und Erfahrungen aus den Lehrprojekten. Dafür sollten geeignete Austauschformate geboten werden wie gemeinsame Tagungen und Arbeitsgruppen von Lehrenden, Expertinnen und Experten aus dem Hochschulmanagement sowie Vertreterinnen und Vertretern der Lehr-Lern-Forschung.“

Insgesamt stellt das Positionspapier – neben der langfristigen strukturellen Entwicklung der Lehre – weitere zentrale Handlungsfelder dar, die vordringlich ausgestaltet werden sollten: Die Zielbestimmung und Zielorientierung der Lehre, die Professionalisierung der Lehre, sowie die Bewertung und Steuerung von Lehre. Weitere Informationen hierzu siehe Positionspapier des Wissenschaftsrates „Strategien für die Lehre“.

 

Veröffentlicht von

Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er von 1998 bis 2006 im Bereich Lehrevaluation und Absolventenstudien an der Technischen Universität Dresden und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Darüber hinaus beriet er Hochschulen zur Leistungsbewertung und Qualitätssicherung. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er 2006-2008 am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit (v.a. Darstellung der verfügbaren empirischen Studien zum Thema und quantitative Analysen). Von 2008-2009 war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Berlin das Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen). Von 2013 bis 2015 arbeitete er am FiBS Berlin in Forschungsprojekten zur Hochschul- und Bildungsforschung und der Beratung von Hochschulen und Ministerien. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und koordiniert im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Neben seinen Projekten arbeitet er bereits seit über 15 Jahren als Berater von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Forschung zu Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsystemen an Hochschulen; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Akademische Karrieren; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich habe das verlinkte Paper „Strategien für die Lehre“ aufmerksam gelesen. Auffällig ist das völlige Fehlen von technischem Vokabular. Dinge wie Linux-Server, Gigabit-Internet, H.265 Videostreaming, SSD Festplatten, PDF Dokumentenformat und 360 Grad Video kommen nicht vor. Offenbar geht es nicht um Hardware und Softwarefragen sondern um „gute Lehre“, „Verbesserung der Anreizstrukturen“ und „Qualitätssicherung“. Aber ist das der richtige Ansatz, die Hochschule der Zukunft als eine Organisation und weniger als eine technische Infrastruktur zu definieren? Die Schwierigkeit mit einem Diskurs der technische Details als unwichtig ausblendet ist der, dass die technischen Realitäten die dann vor Ort anzutreffen sind, gerade den selbst gesteckten Zielen nicht gerecht werden. Die Hochschulen von heute sehen so aus, dass dort virenverseuchte Windows NT Installationen im Einsatz sind, dass die Studenten kein WLAN in der Bibliothek haben, dass sie ihre Diplomarbeit nicht formatiert bekommen weil Word mal wieder abgestürzt ist und dass Vorlesungen nicht aufgezeichnet werden, weil keiner weiß wie man das Mikrofon einschaltet.

    • Lieber Her Rodriguez,

      in dem Papier steht die Digitalisierung der (Hochschul-)Lehre in der Tat nicht im Vordergrund. Es wird allerdings auf die Chancen verwiesen, die die Nutzung digital gestützter Lehr-Lern-Formate habe (S. 22 im WR-Positionspapier), und für eine Übersicht zur Vielfalt der Ansätze auf das „Hochschulforum Digitalisierung“ beim Stifterverband hingewiesen (https://hochschulforumdigitalisierung.de/).

      Die von Ihnen beschriebenen technischen Zustände der IT-Infrastruktur sind dem natürlich nicht zuträglich. Diese Zustände scheinen aber – zumindest aus Sicht der Studierenden – einer jüngsten Studie zufolge kein generelles Problem an den Hochschulen zu sein: Der „Monitor digitale Bildung“ beschreibt, dass Studierende die technische Ausstattung meist gut bewerten, wenngleich sie keine digitalen Enthusiasten seien. So wünschen sich viele Studierende digitale Angebote vor allem rund um die Lehrveranstaltungen, die höchsten Zustimmungswerte uner den Lern- und Unterrichtsmitteln erhalte jedoch „die gute alte Tafel“.

      In einer breiteren Perspektive betrachtet, spricht aber auch m.E. einiges dafür, sich mit der Digitalisierung (der Lehre) der Hochschulen künftig stärker zu befassen. Dann wären aber wohl noch einige andere Dinge auch bezüglich Hochschulentwicklung zu thematisieren, wie folgende zwei Ereignisse zeigen mögen:

      1. Johanna Wanka stellte auf der CEBIT 2017 den Zukunftsmonitor des BMBF vor (eine von Kantar EMNID durchgeführte repräsentative Bevölkerungsumfrage). Nach dessen Ergebnissen befürchten über 80%, durch die Digitatlisierung beruflich abgehängt zu werden und dass die Gehaltsunterschiede zunehmen. Andererseits sieht immerhin die Hälfte auch das Potential, dass sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie dadurch verbessert; dies gilt sogar noch mehr für die berufliche Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen.

      2. Etwa im selben Zeitraum gingen Nachrichten durch die Medien, dass in Berlin 50 neue Professuren für Digitalisierung und IT geschaffen werden sollen, Ziel sind 100 (vgl. z.B. Tagesspiegel vom 3.4.). Davon soll nach aktuellem Stand der Ausschreibungen eine Professur den Schwerpunkt auf die gesellschaftlichen Herausforderungen legen.

      Hierzu wäre die Frage zu stellen, ob die Hochschulen damit gut aufgestellt sind, um auch zum Themenfeld gesellschaftliche Herausforderungen der Digitalisierung Forschung und Lehre zu betreiben.

      Beste Grüße
      René Krempkow

      • Natürlich ist mir bewusst, dass die Hochschule der Gegenwart, vorsichtig ausgedrückt, noch Vorbehalte gegen Digitalisierung mitbringt. Das hat zum einen historische Ursachen (bekanntlich waren viele Hochschulen früher mittelalterliche Klöster) ist aber auch gesellschaftlich bedingt (Überalterung der Professorenschaft). Es macht keinen Sinn gegen das bestehende System ansteuern zu wollen, sondern man sollte die Hochschulen so belassen wie sie sind. Die Notwendigkeit von einer zukunftsfähigen Digitalisierung mit ultraschnellen Breitbandanbindungen, Echtzeitübertragungen von Vorlesungen sowie Zugriff auf die letzten Forschungsergebnisse besteht natürlich trotzdem, muss aber dann außerhalb des universitären Systems bedient werden. Das ist ja der Grund, warum Firmen wie Google oder Apple gegründet wurden und nicht etwa von innerhalb der Hochschulen agieren. Ja ich würde sogar empfehlen, dass sobald sich abzeichnet dass in einer öffentlichen Hochschulen die Leute anfangen sich ernsthaft mit Technik zu beschäftigen, am besten dem kompletten Team gekündigt wird, damit sie ihr Knowhow in einem Startup außerhalb der Hochschulen weiterentwickeln. Hier die gute alte Universität wo noch mit Tafeln und Büchern gearbeitet wird, und dort das technikfreundliche Startup was aggressiv neue Technologie erprobt.

        • zu Ihrem Kommentar und zu meinem Kommentar (vom 4.5.2017) darf ich mich nun erfreulicherweise in einem Punkt korrigieren:
          Denn die Hochschulen in Berlin werden in Zukunft dank einer nun bekannt gewordenen Förderentscheidung deutlich besser aufgestellt sein, auch zum Themenfeld gesellschaftliche Herausforderungen der Digitalisierung Forschung und Lehre zu betreiben (als ich zunächst befürchtet hatte):

          Um konkret zu werden, hat der Gewinn des Deutschen Internet-Instituts das grundlegend geändert, siehe dazu die Presseinfo der HU Berlin (URL:
          http://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/pm1705/nr_170523_00) sowie den Blog von Jan-Martin Wiarda (www.jmwiarda.de/2017/05/23/da-geht-noch-was/).

          Wie es ausgesehen hätte, wenn diese Ausschreibung nicht gewonnen worden wäre, ist jetzt zum Glück nur noch theoretisch von Relevanz… ;-). 

          Beste Grüße
          René Krempkow

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