Das Wissenschaftssystem vom Kopf auf die Füße stellen

Die Junge Akademie hat heute ein Diskussionspapier veröffentlicht, welches das Potential hätte, das Wissenschaftssystem vom Kopf auf die Füße zu stellen. Darin geht es unter dem Titel “Departments statt Lehrstühle: Moderne Personalstruktur für eine zukunftsfähige Wissenschaft” um den Vorschlag, die Anzahl der Professuren in etwa zu verdreifachen, und dafür den wissenschaftlichen Mittelbau quasi abzuschaffen. Damit würde die international ungewöhnlich geringe und in den letzten Jahren noch deutlich kleiner gewordene Relation selbstständig Forschender und Lehrender – sprich: i.W. der Professorenschaft – zum (haushaltsfinanzierten) wissenschaftlichen Personal insgesamt langfristig in etwa umgekehrt werden können.

Anna-Lena Scholz schreibt hierzu in der ZEIT, demnach “gibt es anstatt einiger weniger Institutskönige eine Vielzahl an Professoren und Professorinnen, die keine Hoheit mehr über einen eigenen Mitarbeiterstab haben. Sekretariats- und Managementaufgaben lägen zentral beim Institut. Solche Departments sind an britischen und US-amerikanischen Unis üblich; 2014 wurden sie hierzulande bereits vom Wissenschaftsrat empfohlen. Wie stellt sich die Junge Akademie den Umbau vor? Die Anzahl der Professuren würde durch eine allmähliche Umwidmung der Grundfinanzierung erhöht. In einer Übergangsphase müssten die Unis die Gelder auslaufender Mittelbaustellen bündeln und damit Professuren finanzieren. Das würde eine intensivere Betreuung in der Lehre ermöglichen, weil die Studierenden näher an den Professoren wären und seltener von kurzzeitig befristeten Mitarbeitern unterrichtet würden. Und es erlaubte den Rektoraten eine dynamischere Personalpolitik, weil sie junge oder ausländische Forscher direkt für spezifische Arbeitsschwerpunkte einwerben könnten, statt sie in aufgeblähte Lehrstuhlstrukturen zu integrieren.” 

Hierarchiegefälle abflachen

Dass das im deutschen Wissenschaftssystem extrem steile Hierarchiegefälle bei Umsetzung des Vorschlags deutlich flacher würde, und die Entscheidung über den Verbleib in der Academia deutlich vorverlagert würde, liegt auf der Hand und wird von vielen als sehr wünschenswert angesehen, so in den meisten der dem Papier angefügten Kommentaren von Hochschul- und Wissenschaftsforschern sowie Wissenschaftspolitikern, sowie auch von mir. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass für das deutsche Wissenschaftssystem genug Berufungsqualifizierte zur Verfügung stehen (gilt auch für das demnächst anlaufende Tenure-Track-Professuren-Programm von Bund und Ländern). Dies wurde – wenngleich indirekt – ausgerechnet von Karl Ulrich Mayer als Konsortialvorsitzendem zum Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs in Frage gestellt, indem er Zahlen veröffentlichte, wo ihm zufolge nur ca. 1300 Berufungsqualifizierte auf ca. 900 freiwerdende Professuren kämen. Daraufhin hatte sich allerdings eine intensive Diskussion zu den von ihm genannten Berufungschancen entzündet, an der sich auch mehrere Hochschul- und Wissenschaftsforscher beteiligten. Im Ergebnis kamen verschiedene Beitragende übereinstimmend auf eine mehrfach höhere Relation von Berufungsqualifizierten zu freiwerdenden Professuren als Mayer. Eine diese Diskussion zusammenfassende Replik auf den einschlägigen Beitrag von Mayer findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift “Forschung” Nr. 2/2017 (S. 66-70).

Chancengerechte Karrierewege ermöglichen

Auch eine größere Diversität des wissenschaftlichen Personals und vor allem der Professorenschaft mit mehr ausländischen Forschern wäre angesichts im europäischen Vergleich geringer Diversität sehr wünschenswert. Dies gilt im übrigen nach wie vor auch z.B. bezüglich des Frauenanteils und des Nichtakademikeranteils, wie die letzten verfügbaren Zahlen zur Diversität bei Nachwuchsforschenden und Professuren zeigen. Chancengerechte Karrierewege sind daher ein wichtiges Ziel, das das Autorenteam Jule Specht, Christian Hof, Julia Tjus, Wolfram Pernice und Ulrike Endesfelder dankenswerterweise explizit anspricht. Allerdings wird dies nach den bisherigen Erfahrungen nicht allein durch mehr Professuren geschehen (wenngleich es durchaus förderlich sein kann). Vielmehr bedarf es deutlich transparenteren und leistungsgerechteren Personalauswahlverfahren als bisher – z.B. einschließlich einer prinzipiellen Berücksichtigung des wiss. Alters (d.h. biologisches Alter u.a. abzüglich Kindererziehungs- und Pflegezeiten usw.). Zu einem einschlägigen Buch “Personalauswahl in der Wissenschaft” habe ich auch gerade eine Rezension geschrieben, dast m.E. geeignete konkrete Vorschläge und Erfahrungen für die weitere Diskussion hierzu beisteuert (Rezension leider nicht online verfügbar).

Ersatzlose Abschaffung von entfristeten Stellen neben der Professur?

Wenngleich ich der Stoßrichtung des Vorschlages der Jungen Akademie zustimme und ebenfalls meine, dass die Relation Professorenschaft zum Mittelbau vollkommen aus dem Ruder gelaufen ist und dringend mehr (enfristete bzw. Tenure-Track-) Professuren anstelle befristeter Mittelbaustellen geschaffen werden sollten, so habe ich doch noch eine weitere kritische Anmerkung: So hielte ich eine ersatzlose Abschaffung von entfristeten Stellen neben der Professur nicht für zielführend (wenngleich die Radikalität des Vorschlages sympathisch ist). Das deutsche Wissenschaftssystem benötigt m.E. – ebenso wie in anderen entwickelte Staaten – attraktive Karrierewege auch neben der Professur und keine ausschließliche Ausrichtung auf die Professur, zumal auch inzwischen gut die Hälfte derjenigen, die überhaupt in der Academia bleiben wollen, keine Professur (mehr) anstreben. Allerdings sollte es auch für diese Gruppe eine deutlich transparente(re) und systematische(re) Leistungsauswahl unabhängig von Herkunft, Geschlecht usw. geben als dies in Wissenschaftseinrichtungen bisher oft geschieht. M.E. wäre auch noch eine Berechnungsvariante, in der nicht alle, sondern z.B. “nur” 60% oder 80% der (haushaltsfinanzierten) Mittelbaustellen in Professuren umgewandelt würden und der Rest in “Senior Scientists”, “Senior Science Manager” o.ä. mit Entfristungsvereinbarungen analog Tenure Track wünschenswert. Dies würde zugleich auch der Gefahr vorbeugen helfen, dass die an etlichen Universitäten begonnene und teilweise bereits umgesetzte stärkere Öffnung der Qualifikationsprogramme für Promovierende auch für berufliche Tätigkeiten jenseits der Professur in Wirtschaft und Gesellschaft sowie für Wissenschaftsmanagement-Tätigkeiten stagniert oder gar wieder zurückgedreht wird.

Kostenneutralität der Umstellung?

Ein letzter mir sehr wichtiger Punkt für die weitere Diskussion ist: Die mit der Berechnung der Möglichkeit einer kosten- und lehrdeputats-neutralen Umstellung (S. 11 im Diskussionspapier) suggerierte Kostenneutralität der Umstellung (die für die Bewertung der finanzpolitischen Machbarkeit an sich klug argumentiert ist) wird vermutlich wissenschaftspolitisch so nicht komplett umsetzbar sein, da es Anreize (vermutlich auch finanzielle) braucht, um dies Modell in den Hochschulen und Fakultäten tatsächlich umsetzen zu können. Anreize könnten allerdings durchaus mit (befristeten) Förderprogrammen gesetzt werden, welche ggf. auch durch den Bund oder auch nur einzelne Bundesländer allein gestaltet werden können, sollten bestimmte Bundesländer sich möglicherweise zunächst nicht für eine Förderung eines solchen Departmentmodells entschließen können. Aber es ist dem Modell im Interesse der Leistungsfähigkeit unseres Wissenschaftssystems zu wünschen, dass es möglichst breit bezüglich seiner Umsetzbarkeit diskutiert wird.

 

 

Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er zunächst im Bereich Lehrevaluation und Absolventenstudien an der Technischen Universität Dresden und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin das Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und arbeitet im in anderen Bereichen des QM zur Forschung und wiss. Nachwuchsförderung mit. Daneben berät er bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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