Das Thema Chancengerechtigkeit und die Rolle von Hochschulen

In den letzten Wochen ging es in gleich drei kurz hintereinander veröffentlichten Berichten und Studien um das Thema Chancengerechtigkeit und die Rolle der Hochschulen. So wurde erst vor wenigen Tagen auf einer Pressekonferenz im BMBF die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (DSW) vorgestellt, davor eine Studie zur Chancengerechtigkeit (ich berichtete hier bereits), und davor die Studienabbruchstudie des DZHW. Da sich die Studien in ihren Aussagen teilweise sehr gut ergänzen, möchte ich hier einmal eine Zusammenschau zentraler Ergebnisse vorstellen:

21. Sozialerhebung des DSW zeigt Herausforderungen für Hochschulen und die Hochschulpolitik

Der Anteil der erwerbstätigen Studierenden ist seit 2012 um sechs Prozentpunkte auf 68 Prozent gestiegen, gleichzeitig sank der Zeitaufwand für das Studium. Dies zeigt der vom BMBF veröffentlichte Bericht zur 21. Sozialerhebung des DSW. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka sieht die Hochschulen angesichts vielfältiger Studierendenschaft und unterschiedlicher Bedürfnisse im Studium „vor der großen Aufgabe, ihre Studienformen noch flexibler zu gestalten“. DSW-Präsident Dieter Timmermann wies darauf hin, dass 28 Prozent der Studierenden mit bis zu 700€ auskommen müssen, die Lebenshaltungskosten in vielen Hochschulstädten liegen deutlich darüber. Dabei nahm die Finanzierungssicherheit für die untere Herkunftsgruppe ab, für die obere blieb sie stabil. Der „Bildungstrichter“, der bislang die Chancen von Nichtakademikerkindern beim Hochschulzugang aufzeigte, ist nicht mehr Bestandteil des Berichtes. Als Grund wurde genannt, dass er auch Daten jenseits der Sozialerhebung nutzte und der Bericht zu lang gewesen sei. Das DZHW kündigte auf Nachfrage dazu eine Sonderveröffentlichung an, konnte aber noch keinen Termin nennen. Dies war teilweise Gegenstand deutlicher Kritik in der Presse (siehe z.B. Artikel im Tagesspiegel, im Blog von Wiarda, in der taz, DUZ, Der Freitag (nicht online), usw.).

Welche Chancen haben Nichtakademikerkinder im deutschen Hochschulsystem?

Inwieweit über die Bildungschancen an den Hochschulen immer noch die familiäre Herkunft entscheidet, das zeigen vorab in der ZEIT veröffentlichte Ergebnisse einer Analyse im Rahmen des jährlichen Hochschul-Bildungs-Report von Stifterverband und McKinsey, der im Herbst erscheinen wird. Demnach beginnen von 100 Kindern mit mindestens einem studierten Elternteil 74 ein Studium, von denen 63 einen Bachelor- Abschluss machen, 45 noch einen Master dranhängen und zehn eine Promotion absolvieren. Von 100 Kindern, deren Eltern keine Universität oder Fachhochschule besucht haben, beginnen nur 21 ein Studium, schaffen 15 einen Bachelor, absolvieren acht einen Master – und nur eine Person erlangt den Doktorgrad. So kommt es, dass letztlich von 100 Akademiker-Kindern zehn den Doktortitel erhalten, von 100 Nichtakademiker-Kindern dagegen nur eines. Mein Blog hierzu vertritt die These, dass das Augenmerk in Deutschland bislang offenbar zu sehr auf der Schwelle zum Hochschulzugang lag.

Studienabbruchstudie: Unis und FH nähern sich an

Ein zentrales Ergebnis der DZHW-Studie zu Abbruchquoten ist, dass sich Unis und FH annähern: An Unis ist die Quote innerhalb von vier Jahren von 35 auf 32 Prozent gesunken, an FH von 19 auf 27 Prozent gestiegen. Die Hauptursachen unterscheiden sich deutlich nach Bildungsherkunft: Von den Studienabbrechern, die ihr Studium vor allem aufgrund beruflicher Alternativen und persönlicher Gründe aufgegeben haben, kommt die Hälfte aus Akademikerfamilien. Das Abbruchmotiv der finanziellen Situation ist dagegen durch Studienabbrecher ohne Akademikereltern geprägt: 72 Prozent der Studienabbrecher aus diesem Grund haben keinen akademischen Hintergrund. Unter den Abbrechern sind mit insgesamt über der Hälfte überproportional viele Nichtakademikerkinder. Eine zusätzliche Teilstudie der Mercator–Stiftung ergab, dass auch die Studienabbruchquote von Bildungsinländern mit 43 Prozent im Bachelorstudium überdurchschnittlich ist und sich auch hier die Ursachen unterscheiden. Die Merkator-Studie gibt außerdem Handlungsempfehlungen zur Prävention von Studienabbruch. Zudem könnten – wie ich in diesem Forum bereits genauer ausführte – auch Anreizsysteme hierzu beitragen.

Wenn man sich diese Studien ansieht (bzw. auch erst einmal nur die Zusammenfassungen), dann kann daraus bereits ein recht differenziertes Bild der Situation bezogen auf die Chancengerechtigkeit und die Rolle der Hochschulen sowie der Hochschulpolitik in Deutschland entstehen – auch wenn aufgrund teilweise noch unveröffentlichter Analysen (bzw. Teile der Analysen) noch nicht alle Fragen restlos beantwortet werden können. Dies könnte einerseits zur Versachlichung und empirischen Fundierung mancher hochschulpolitischer Diskussion beitragen. Andererseits kann dies auch – insbesondere da wo die Studien ähnliche Aussagen treffen – Handlungsbedarfe aufzeigen. Das wäre für einen “Wettstreit der Ideen”, wie er in der “Wissensgesellschaft” der “Bildungsrepublik Deutschland” häufiger beschworen wird, eigentlich doch keine so schlechte Ausgangsbasis.

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum-Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung – DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und arbeitet in anderen Bereichen des QM u.a. zur wiss. Nachwuchsförderung mit. Daneben berät er bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke erst einmal für diese interessante wie informative Übersicht!

    Ein starkes Stück, dass der “Bildungstrichter” gestrichen wurde; aber die derzeitige Bundesregierung hat ja auch einige andere Berichte, bei denen es um soziale Ungleichheit ging, in der Endfassung kreativ “redigiert”.

    Sagen wir es doch einmal offen: Seit es diese Sozialerhebung gibt (seit den 1960er oder 1970er Jahren?) kommt jedes Mal dasselbe Ergebnis heraus: Akademikerkinder schaffen es sehr viel häufiger an die Hochschule als Arbeiterkinder.

    Koalitionen aller Couleur hätten etwas dagegen unternehmen können, taten es aber nicht (mit Ausnahme von hier und da ein bisschen mehr BAFöG).

    Meine Schlussfolgerung (übrigens als promoviertes Arbeiterkind) ist: Die Unterteilung in “oben” und “unten”, die ist in Deutschland politisch gewollt.

    • Hallo Stephan,

      Danke für Deinen Kommentar! Und allerdings wurde in den letzten Monaten intensiv auch z.B. über den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung berichtet (so in der ZEIT). In dessen offizieller Regierungsfassung sollen auch einige Passagen nicht mehr enthalten gewesen sein. Allerdings ließe sich künftig so etwas durchaus auch vermeiden, man muss sich dann wohl intensiver mit Förderformaten befassen: Denn was bei direkter Auftragsforschung für ein Ministerium (ähnlich wie teilweise für die Industrie-Auftragsforschung) mit “Endabnahme” bzw. ggf. Nachbesserungswünschen bis hin zur Entscheidung über Veröffentlichung oder nicht ggf. (rechtlich) legitimiert sein kann, sollte bei einer Förderung über Forschungs-Förderinitiativen mit entspr. Gutachtergremien nicht vorkommen. 😉

      Die Sozialerhebung gibt es übrigens schon seit 1951. (!)

      Beste Grüße
      René

    • “Die Unterteilung in “oben” und “unten”, die ist in Deutschland politisch gewollt.”

      Na das ist doch mal wieder was für den “Verschwörungstheoretiker” Blume!?

  2. Nichakademiker-Kindern fehlen die motivierenden, unterstützenden Eltern, Lehrer, Kollegen gemäss Warum Schüler türkischer Herkunft schlecht abschneiden. Und Migranten fehlt die Integration: “”Ich war immer der Türke, der Ausländer” sagt Özdemir, der es über den zweiten Bildungsweg trotzdem noch zum Abitur, zur freiberuflicher Tätigkeit und zum Autor geschafft hat. Die Lehrer und Kollegen raten Türken vom Studium ab, zuhause wird ein Mängeldeutsch gesprochen.
    Dazu kommen die Vorurteile und das Schubladendenken (Zitat):
    “Wissenschaftler der Uni Mannheim fanden heraus, dass Gymnasiallehrer in Mathe Schüler mit Migrationshintergrund schlechter benoteten als Kinder ohne Migrationshintergrund – auch bei gleicher Sprachfertigkeit, ähnlicher sozialer Herkunft und selbst dann, wenn die Kinder in standardisierten Tests gleich gut abschnitten.”

    Der oben verlinkte SPON-Artikel weckt bei mir den Eindruck/Verdacht, dass die schlechte Integration von Türken in die deutsche Gesellschaft zum Teil auch an der deutschen Gesellschaft selbst liegt und ich frage mich, ob es die anderen Nationen (die Skandinavier oder Italiener) besser machen.

    • Hallo Martin,

      Danke für Deinen Kommentar und Link. Nach den Ergebnissen z.B. der PISA-Studien machen es offenbar etliche andere Länder besser, denn Deutschland ist demnach eines der Länder, in dem die Herkunft der Schüler die stärksten Effekte hat. Für Studierende gibt es m.E. keine derartige internationale Vergleichsstudie; an einer Pilotierung einer “PISA-Studie für Studenten”, dem AHELO-Projekt, hatte sich Deutschland nicht beteiligt, wofür es allerdings auch Gründe gab (siehe z.B. die Dokumentation eines Workshops zu diesem Thema in URL: http://www.gfhf.net/wp-content/uploads/2014/09/fh-201302.pdf).

      Beste Grüße
      René Krempkow

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