Was der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs zu Berufungschancen sagt, und was nicht

In jüngster Zeit gab es in verschiedenen Medien und Blogs eine lebhafte Diskussion zu den dauerhaften Verbleibschancen von Promovierten im Wissenschaftssystem. Diese steht im Zusammenhang mit der kürzlichen Veröffentlichung des Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (www.buwin.de). Dabei wurden neben der im Berichtszeitraum auf 93% gestiegenen Befristungsquote des wiss. Nachwuchs v.a. die Zahlen zu Berufungschancen für Promovierte thematisiert. Die Berufungschancen schwanken in der Diskussion von 1:300, wie sie FU-Berlin-Präsident Peter André Alt nannte, bis zu 1:1,4 (also fast 1:1, allerdings eingeschränkt für „Berufungsqualifizierte“) vom ehem. Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft und BuWiN-Beiratsvorsitzenden, Karl Ulrich Mayer). In den weiteren Diskussionen ging und geht es u.a. darum, inwiefern die Zahlen aus dem BuWiN eine Orientierung zu Berufungschancen geben können und inwieweit eine bessere Orientierung dazu sowie fächerspezifische Berechnungen im BuWiN möglich sind.

Auch Mayer forderte zu weiteren Alternativrechnungen und -simulationen auf. Denn, so Mayer: “Das potenzielle Problem ist nicht nur für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler viel zu wichtig, um Ad-Hoc-Spekulationen überlassen zu bleiben.” Dem ist zweifellos zuzustimmen. Daher folgt hier ein Vorschlag, der das diskutierte Problem der Berechnung von Berufungschancen aufgreift, auch mit Beispielen unter Berücksichtigung der Fächerspezifik:

Denn im BuWIN (2017, S. 194) finden sich lediglich einige fächerunspezifische Zahlen zu Berufungschancen aus einer GWK-Analyse (auf die auch Mayer hinweist). Diese zeigen für 2014 eine Relation von insgesamt 45.378 Bewerbungen zu insgesamt 2.007 erfolgreichen Berufungen, wonach rein statistisch durchschnittlich jede 24. Bewerbung (oder 4% aller Bewerbungen) auf eine Professur erfolgreich war. Allerdings wurden dort Neuberufungen und Weg-Berufungen (von Professur-Inhabern) sowie Juniorprofessuren (bislang fast immer ohne echten Tenure Track) zusammengefasst. Neuberufungen auf Dauerstellen waren laut BuWiN (2017, S. 191) im Jahr 2014 aber nur 872, d.h.: Durchschnittlich nur jede 52. Bewerbung (oder 2% aller Bewerbungen) war zuletzt erfolgreich im Sinne eines dauerhaften Verbleibs in der Wissenschaft. Ein Problem bei diesen Zahlen zu Berufungschancen ist aber (neben deren mangelnder Fächerspezifik), dass sie aus der Vergangenheit direkt auf die Zukunft schließen, ohne die voraussichtlich tatsächlich frei werdenden Professuren zu berücksichtigen.

Eine Näherung zu Berufungschancen auf Basis der voraussichtlich tatsächlich frei werdenden Professuren wäre m.E. allerdings möglich, wenngleich nur grob: Dies ginge als Relation der entsprechend Vorqualifizierten (eigentlich Postdocs, hilfsweise hier Promovierte 2007-2014 aus dem BuWiN (2017, S. 94) zu altersbedingt ausscheidenden Professoren 2017-2024 im BuWiN (2017, S. 195). Eingrenzen könnte man die Schätzung noch, wenn man nur den Anteil derjenigen Promovierten einbezieht, die 2015 angaben, eine Professur anzustreben, z.B. aus einer Stifterverbands/DZHW-Studie (2016, S. 32, siehe auch scilogs-Blogbeitrag).

Hier einige Rechenbeispiele zu Berufungschancen (Formel: Promovierte * Anteil die eine Professur anstreben / ausscheidende Professoren):

Ingenieurwiss.: 21.688 * 0,22 / 952 = 5,0.
D.h., grob geschätzt etwa jede/r 5. (oder 20%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.

Sprach- und Kulturwiss.: 22.326 * 0,60 / 1735 = 7,7.
D.h., grob geschätzt etwa jede/r 8. (oder 13%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.

Mathematik/Naturwiss.: 65.942 * 0,36 / 1865 = 12,7.
D.h., grob geschätzt etwa jede/r 13. (oder 7%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.

Rechts-/Wirtschafts-/Sozialwiss.: 28.882 * 0,59 / 879 = 19,4.
D.h., grob geschätzt etwa jede/r 20. (oder 5%) derjenigen, die dies anstreben, hat hier durchschnittlich eine Chance auf eine Professur.

Analog könnte dies für weitere Fächergruppen berechnet werden, wobei deren Werte voraussichtlich irgendwo im Spektrum der o.g. Werte liegen werden (und damit deutlich entfernt sind von den sehr ungünstigen und den sehr günstigen eingangs erwähnten Werten).

Hierbei ist mir ist bewusst, dass die auf diese Weise berechneten Quoten etwas zu positiv geschätzt sind, weil der BuWiN 2017 nur die Promovierten der letzten 8 Jahre ausweist, die altersbedingt ausscheidenden Professuren fachspezifisch aber für 10 Jahre. Positiv die Quoten beeinflussen werden allerdings die geplanten 1.000 Tenure-Track-Professuren, so dass sich dies zumindest teilweise wieder ausgleichen dürfte. Die geplanten 1.000 Tenure-Track-Professuren können hier leider nicht berücksichtigt werden; denn deren Fächerverteilung muss sich erst noch zeigen.

Fazit: Es ist in der Tat nicht so einfach mit den Zahlen und mit den im BuWiN 2017 verfügbaren Daten können nur grob die Berufungschancen abgeschätzt werden. Aber gerade deshalb sollte für eine so weit wie möglich realistische Abschätzung der Verbleibschancen im Wissenschaftssystem das Beste aus den verfügbaren Zahlen zu machen versucht werden, und auf längere Sich sollte eine bessere Datenbasis und -aufbereitung geschaffen werden. Dies dürfte dann auch dabei helfen, Nachwuchsforschenden eine bewusste Entscheidung für oder gegen einen dauerhaften Verbleib im Wissenschaftssystem zu ermöglichen und letztlich, die Besten gewinnen zu helfen.

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Dr. René Krempkow studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium arbeitete er von 1998 bis 2006 im Bereich Lehrevaluation und Absolventenstudien an der Technischen Universität Dresden und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Darüber hinaus beriet er Hochschulen zur Leistungsbewertung und Qualitätssicherung. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsysteme an Hochschulen arbeitete er 2006-2008 am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit (v.a. Darstellung der verfügbaren empirischen Studien zum Thema und quantitative Analysen). Von 2008-2009 war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Berlin das Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen). Von 2013 bis 2015 arbeitete er am FiBS Berlin in Forschungsprojekten zur Hochschul- und Bildungsforschung und der Beratung von Hochschulen und Ministerien. Derzeit leitet er an Stabsstelle QM der Humboldt-Universität zu Berlin die Absolventenstudien und koordiniert im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Neben seinen Projekten arbeitet er bereits seit über 15 Jahren als Berater von Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Forschung zu Leistungs- und Qualitätsbewertung und Anreizsystemen an Hochschulen; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Akademische Karrieren; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. In der akademischen Laufbahn in Deutschland wird bei den angehenden Wissenschaftlern ein gewisser Hang zur Askese erwartet. Wissenschaftliche Arbeit an den Hochschulen leistungsgerecht zu entlohnen, davon sind wir noch meilenweit entfernt. Dies sind meine persönlichen Erfahrungen, nachdem meine drei Kinder ich Studien im naturwissenschaftlichen Bereich mit sehr guten Ergebnissen abgeschlossen haben und durchaus Ambitionen für eine wissenschaftliche Laufbahn haben bzw. hatten. Meine beiden ältesten Kinder machen ihre fachliche Arbeit in durchaus spannenden und anspruchsvollen Aufgabe in der Industrie. Im Vergleich zu einer 50% Doktorantenstelle an der Uni hat die Industrie meinem Sohn etwa das dreifache als Einstiegsgehalt geboten, was natürlich ein entscheidendes Argument ist, wenn man dann auch noch vor hat, eine Familie zu gründen. Mein Jüngster hat es geschafft, eine 100%- Doktorandenstelle zu bekommen, mit guten Einkommen und spannender wissenschaftlicher Arbeit. Diese Stelle gab es allerdings nicht in Deutschland, sondern an einer Uni in Schweden…
    Ich habe inzwischen große Zweifel daran, dass es in Deutschland tatsächlich gelingt, die Besten für die wissenschaftliche Laufbahn zu gewinnen.

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