Promovierte nach der Wissenschaft – eine Buchrezension

Falls man als Promovierte(r) die Zeit zwischen den Feiertagen für eine (Neu-)Orientierung nutzen möchte; oder falls man für jemanden mit diesem Ziel noch eine Weihnachtslektüre sucht, dann könnte sich das hier vorgestellte Buch “Karrieren nach der Wissenschaft” dafür anbieten. Aber natürlich wird dies Thema auch im neuen Jahr nicht inaktuell werden.

In diesem Buch geht es nicht um Seniorprofessuren oder um lukrative Beratertätigkeiten für Emeritierte, wie man anhand des Buchtitels zunächst vermuten könnte. Konzipiert ist das Buch vielmehr als „praktische Anleitung für die Suche nach einer beruflichen Tätigkeit in Wirtschaft, Verwaltung, Bildung und Kultur“ (S. 12), v.a. für Geistes- und Sozialwissenschaftler nach der Promotion. Darüber hinaus ist es das Ziel der Autorin, die seit vielen Jahren als Personalentwicklerin und als Wissenschaftscoach tätig ist, ihre Erfahrungen „einem größeren Kreis an Nachwuchs­wissen­schaftlerInnen weiterzugeben“ (ebd.).

Hierfür stellt Müller in fünf Kapiteln ihre „Praktische Anleitung“ vor und illustriert in einem größeren sechsten Kapitel anhand von 13 Porträts die individuellen Berufswege von promovierten Geistes- und Sozialwissenschaft­lern, die heute außerhalb der Wissenschaft „in unterschiedlichen Bereichen beruflich erfolgreich tätig sind“ (S. 13). Im siebten Kapitel empfiehlt sie – gleichsam als Schlusswort – beruflichen Alternativen nachzugehen und herauszufinden, ob sie den eigenen Erwartungen standhalten. Außerdem solle man prüfen, ob die nötigen Qualifikationen vorhanden sind und wie die Chancen auf dem entsprechenden Arbeitsmarkt aussehen (S. 206). Der Anhang enthält schließlich weiterführende Informationen, die die Recherche zu beruflichen Tätigkeiten jenseits des Wissenschaftsbetriebs unterstützen sollen.

Im ersten Kapitel konstatiert Müller zunächst, dass „das deutsche Wissenschaftssystem weitgehend eine ein­dimensionale Karriereperspektive“ mit dem Karriereziel Professur vermittle (S. 10). Entsprechend seien die Qualifikationen ausschließlich auf die (Universitäts-)Profes­sur ausgerichtet und andere Optionen für eine dauerhafte wissenschaftliche Beschäftigung derzeit kaum vorgesehen.[1] Anschließend beschreibt sie die Chancen von Promovierten innerhalb und außerhalb der Wissenschaft[2], wobei sie prägnant zentrale Ergebnisse des Bundesberichtes Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN 2013) zusammenfasst. Einige Ergebnisse wären wohl noch deutlicher ausgefallen, hätte bei Drucklegung des Buches bereits der aktuelle BuWiN (2017) zur Verfügung gestanden.

Im Abschnitt „Praktische Anleitung“ geht es Müller darum, dass die Leserin oder der Leser herausfindet, was sie dem Arbeitsmarkt außerhalb der Wissenschaft zu bieten haben und was dieser Arbeitsmarkt ihr oder ihm zu bieten hat – und beides letztlich zusammenzubringen. Sie empfiehlt, sich für die Reflektion und die berufliche (Neu-)Orientierung einen Zeitraum – etwa ein oder zwei Jahre – zu setzen. In ihrem zweiten Kapitel schreibt Müller dazu: „Bei aller Besonderheit des Einzelfalls lassen sich meiner Erfahrung nach fünf Typen von ‚Ausstieger­Innen‘ beobachten“, für die es unterschiedliche Motivationen und Rahmenbedingungen und damit auch verschiedene Strategien gebe. Hierbei sei es nicht ausgeschlossen, dass man sich in mehreren dieser Typen wiederfinde (S. 16). Dies ist zunächst eine hilfreiche Heuristik. Interessant wäre hier eine ergänzende Einordnung in die Ergebnisse empirischer Studien gewesen. Zu denken wäre hier etwa an die von Kahlert (2012) herausgearbeiteten drei Karrieretypen, die auch in weiteren Studien aufgegriffen wurden (z.B. Briedis u.a. 2014): Dies wären erstens Personen, die nach der Promotion in der Wissenschaft bleiben möchten, zweitens Personen, die eine Tätigkeit außerhalb der Wissenschaft anstreben, und drittens Personen, die noch offen hinsichtlich ihrer Karriereziele sind. Der erstgenannte Typ ist für die Bearbeitung des Themas Karrieren nach der Wissenschaft nicht relevant, aber die beiden letztgenannten entsprechen dem „Geplanter Ausstieg“-Typ bzw. dem „Plan B“-Typ bei Müller. Für viele Leser wäre es sicherlich hilfreich gewesen zu wissen, dass die letztgenannten beiden Typen – inhaltlich den Typen von Kahlert entsprechend aufgefasst – von Briedis u.a. (2014) quantifiziert wurden. Damit könnte empirisch gezeigt werden, dass dies sehr viele Personen betrifft und der Karriereweg zur Professur jedenfalls auf der Seite der Nachwuchsforschenden nicht der Normalfall ist (vgl. auch Hauss u.a. 2012, Krempkow u.a. 2016, Johann/Neufeld 2016). Zudem wurden in Briedis u.a. (2014) die Karrieretypen auch mit ihren spezifischen beruflichen Erfolgsfaktoren beschrieben. Welche Aspekte für welche Gruppierung wichtig sind bzw. sein können, hätte einen weiteren Nutzwert für die Leser.

In Ansätzen kommen bestimmte Erfolgsfaktoren auch in den 13 Porträts zum Vorschein. Müller teilt hierbei die individuellen Berufswege in fünf „alternative Berufsfelder“ ein: FH-Professur; Wissenschaftsmanagement; Politik und Verwaltung; Kultur, Medien, Bildung; Wirtschaft und Beratung. Abgesehen von der – sicherlich diskussionswürdigen – Einordnung der FH-Professur als „Alternative zur Wissenschaft“, überzeugen die Porträts mit dichten, anschaulichen Beschreibungen. Sie dürften aufgrund ihrer Vielfalt eine Bereicherung selbst für diejenigen (Geistes- und Sozial‑)Wissenschaftler darstellen, die bereits einzelne Berufsfelder durch Praktika, Nebenjobs o.ä. kennengelernt haben.

Insgesamt liest sich das Buch sehr gut und bietet eine Fülle an Denk- und Diskussions­anregungen für Karrieren von Promovierten außerhalb der Wissenschaft. Die fünf Typen von „AusstiegerInnen“ wirken allerdings aufgrund der allein auf der Erfahrung der Autorin basierenden Grundlage etwas zufällig gewählt. Doch vielleicht irritiert hier lediglich den empirisch arbeitenden Sozialwissenschaftler der bereits besetzte Begriff „Typen“. Die 13 Porträts decken eine erfreulich große Breite ab, lassen aber zugleich den Wunsch nach einer kurzen quantitativen Einordnung (z.B. neben durchschnitt­lichen Einkommen auch zur Größe der jeweiligen Berufs­felder und Arbeitsmarkt­chancen) sowie „weichen“ Berufserfolgsmaßstäben wie beruflicher Zufriedenheit usw. aufkommen. Eine breitere ergänzende Aufbereitung der vorhandenen (Promovierten-)Studien zu diesem Thema – etwa in Form von Infokästchen – wäre eine noch größere Hilfe für die Leser. Wünschenswert wäre es zudem, bei einer weiteren Auflage die weiterführenden Hinweise als Fußnoten statt als Endnoten zu setzen. Dies würde es auch als Arbeitshilfe für all diejenigen noch besser handhabbar machen, die in der Beratung von Nachwuchswissenschaftlern oder in der Konzeptentwicklung für Angebote tätig sind.

Fazit: Das Buch schließt mit seiner Fokussierung auf alternative Berufsfelder für Promovierte eine große Lücke und löst seine Ziele großenteils bravourös ein. Lediglich in den ersten Kapiteln gäbe es im Hinblick auf eine weitere Informationsaufbereitung noch etwas Luft nach oben.

Mirjam Müller: Karriere nach der Wissenschaft. Alternative Berufswege für Promovierte. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2017, EAN 9783593507163, 227 Seiten, € 24,95. (Diese Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift “Die Hochschule” Nr. 1/2017, S. 176-179.)

 

Anmerkungen:

[1] Dass die Qualifikationen ausschließlich auf die (Universitäts-)Profes­sur ausgerichtet sind, gilt zumindest für einen Teil der Hochschulen so nicht mehr (siehe Krempkow u.a. 2016, S. 73-75). Und dass andere Optionen für eine dauerhafte wissenschaftliche Beschäftigung kaum vorgesehen sind, beginnt sich zumindest an einigen Hochschulen mit Karrierewege-Modellen und Entfristungskonzepten auch für Stellen neben der Professur seit kurzem zu ändern (für ein öffentlich zugängliches Beispiel vgl. das der RWTH Aachen).

[2] Für eine ergänzend zum BuWiN (2013) erstellte Bestandsaufnahme der beruflichen Chancen von Promovierten innerhalb und außerhalb der Wissenschaft siehe den Blogbeitrag zu Krempkow u.a. (2014).

Literatur:

Briedis, K./Jaksztat, S./Preßler, N./Schürmann, R./Schwarzer, A. (2014): Berufswunsch Wissenschaft? Laufbahn­entscheid­ungen für oder gegen eine wissenschaftliche Karriere. DZHW: Forum Hochschule 8|2014.

BuWiN (2017): Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs. Statistische Daten und Forschungsbefunde zu Promovierenden und Promovierten in Deutschland. Bielefeld.

Hauss, K./Kaulisch, M./Zinnbauer, M./Tesch, J./Fräßdorf, A./Hinze, S./ Hornbostel, S. (2012): Promovierende im Profil: Wege, Strukturen und Rahmenbedingungen von Promotionen in Deutschland. iFQ-Working Paper Nr. 13.

Johann, D./Neufeld, J. (2016). Nachwuchsprobleme. Situation und Berufsziele des wissenschaftlichen Nachwuchses. In: Forschung & Lehre 9/2016, 790-791.

Kahlert, H. (2012): Was kommt nach der Promotion? Karriereorientierung und -pläne des wissenschaftlichen Nachwuchses im Fächer- und Geschlechtervergleich. In: Beaufays, S./Engels, A./Kahlert, H. (Hg.): Einfach Spitze? Neue Geschlechterperspektiven auf Karrieren in der Wissenschaft. Frankfurt am Main. 57-86.

Krempkow, R./Huber, N./Winkelhage, J. (2014): Warum verlassen Promovierte die Wissenschaft oder bleiben? Ein Überblick zum (gewünschten)beruflichen Verbleib nach der Promotion. In: Qualität in der Wissenschaft 4/2014, 96-106.

Krempkow, R./Sembritzki, T./Schürmann, R./Winde, M. (2016): Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs 2016. Bedarf, Angebote und Perspektiven – eine empirische Bestandsaufnahme im Zeitvergleich. Berlin: Stifterverband (Hg.).

Dr. René Krempkow bloggte zunächst seit 2010 bei den academics-blogs, nach deren Einstellung zog er zu Scilogs um. Er studierte Soziologie, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Technischen Universität Dresden und der Universidad de Salamanca. Nach dem Studium baute er zunächst am Institut für Soziologie, dann im Kompetenzzentrum Bildungs- und Hochschulplanung an der TU Dresden u.a. eine der ersten hochschulweiten Absolventenstudien in Deutschland auf und erarbeitete den ersten Landes-Hochschulbericht Sachsen. Nach seiner Promotion 2005 zum Themenbereich Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen arbeitete er am Institut für Hochschulforschung Wittenberg am ersten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs (BuWiN) mit. Danach war er im Rektorat der Universität Freiburg in der Abteilung Qualitätssicherung tätig, wo er die Absolventen- und Studierendenbefragungen leitete und eines der ersten Quality Audits an einer deutschen Hochschule mit konzipierte. Von 2009 bis 2013 leitete er am iFQ Bonn/Berlin (jetzt Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung - DZHW) ein bundesweites Projekt zur Analyse der Wirkungen von Governance-Instrumenten (v.a. Leistungsorientierte Mittelvergabe an Hochschulen) und arbeitete im Themenbereich wiss. Nachwuchs und Karrieren mit. Anschließend koordinierte er im Hauptstadtbüro des Stifterverbandes u.a. das Projekt zur Personalentwicklung für den wissenschaftlichen Nachwuchs und den Gründungsradar. Derzeit ist er an der Humboldt-Universität zu Berlin in der Stabsstelle Qualitätsmanagement tätig, wo er u.a. die hochschulweiten Absolventenstudien leitet. Er berät bereits seit über 15 Jahren Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Ministerien. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Leistungs- und Qualitätsbewertung an Hochschulen; Akademische Karrieren und Nachwuchsförderung; Indikatorenentwicklung, Evaluationsforschung; Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung.

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