Wir sind Fische, die nicht wissen, dass sie im Wasser schwimmen – Gedenkrede für Gerda Taro

BLOG: Natur des Glaubens

Evolutionsgeschichte der Religion(en)
Natur des Glaubens

Diesen Satz legte ich mir zurecht, als ich am 29. April 2021 zu einer Gedenkrede für die Stuttgarter Jüdin und inzwischen weltweit bekannte Fotografin Gerda Taro (1910 – 1937) ans Mikrofon trat. Denn ich wollte die Medienarbeiterin würdigen, die den Blick nicht nur auf den Spanischen Bürgerkrieg, sondern – zumindest für mit-denkende und mit-fühlende Menschen – auch auf uns selbst verändert hat. Sie hatte die “Macht der Medien” über unser Fühlen und Denken nicht nur erkannt, sondern führt sie uns durch ihre Fotografien – auch noch Jahrzehnte nach ihrem Tode – vor. Noch etwas genauer versuchte ich daher zu formulieren: “Die meiste Zeit gleichen wir Fischen, die nicht wissen, dass sie im Wasser schwimmen.”

Mit einem Fotoapparat war die junge Gerda Taro – in Stuttgart als Gerta Pohorylle geboren – an die Seite der spanischen Republik im verzweifelten Abwehrkampf gegen spanische Putschisten und der sie entscheidend unterstützenden, deutsch-nationalsozialistischen „Legion Condor“ geeilt. Doch lange wurde sie nur als Partnerin von Robert Capa / Endre Friedmann (1913 – 1954) wahrgenommen.

Gerda Taro (oben) & Robert Capa auf einer anonymen Fotografie von 1937. Wikimedia, gemeinfrei

Taros Fotografien und ihre Lebensgeschichte wirkten bis heute antifaschistisch und wohl auch deshalb hatten mutmaßlich antisemitische Täter das Denkmal für sie am Stuttgarter Olgaeck mit Hakenkreuzen verschmiert. Angesichts breiter, demokratischer Empörung über diese Niedertracht hatte mich die engagierte Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle gebeten, zu einer spontanen Solidaritätsdemonstration zu sprechen. Das Denkmal an die so jung während eines Angriffs verunglückte Medienschaffende war nun gereinigt, doch der oder die Täter noch nicht überführt.

Vor mir standen – mit Masken und gebührenden Abständen wegen der Covid19-Pandemie – zahlreiche erwartungsvolle Bürgerinnen und Bürger in der Stuttgarter Buntheit: Christinnen, Humanisten, Musliminnen, Juden, Menschen unterschiedlichsten Alters, verschiedenster Herkünfte, Kleidungsstile, Farben. Ich war der letzte Redner, die Anwesenden hatten aufgrund der Covid19-Regeln in Abständen zueinander stehen müssen, die Aufmerksamkeit vieler war bereits entsprechend erschöpft.

Da waren die durchaus erwartungsvollen Blicke der baden-württembergische Landtagspräsidentin Muhterem Arras und zweier Vorstände der jüdischen Landesgemeinde, Susanne Jakubowski und Michail Kashi. Hinter mir befand sich die israelisch-arabisch-deutsch-internationale Musikgruppe Asamblea Mediterranea mit ihrem Leiter Alon Wallace, die gerade mit einfühlsamen Liedern in Hebräisch, Arabisch und Deutsch die Demonstrierenden – auch mich – tief berührt hatte. Die Taro-Biografin und Gedenkstätten-Mitgestalterin Irme Schaber hatte gerade gesprochen. Dass nun auch noch der sprachgewaltige Stuttgarter Joe Bauer, der das Gedenken an Taro in Stuttgart miterkämpft hatte, meinen Auftritt als „Hauptredner“ ankündigte, trug auch nicht zu meiner inneren Entspannung bei. Und ich hatte auch hier bewusst auf ein schriftliches Skript verzichtet, weil ich versuche, jedes Medium für sich wirken zu lassen.

Urmedium Sprache

Denn Sprache ist nicht „irgendein“ Medium, sondern gemeinsam mit den sie begleitenden Gesten die Grundlage aller späteren. Sie zählt als primäres Medium, weil Sprache weder auf Seite der Absendenden, noch auf der der Empfangenden Technologie benötigt (vgl. Anlage A). Stattdessen wird sie – neurobiologisch längst tief in uns verankert – von Kindern geradezu aufgesogen und in jeder Generation weiterentwickelt.

Sprache ist nicht nur die Ur- sondern die Schöpfungsmacht des Menschen: Über sie erst haben sich unsere Vorfahrinnen zu Homo sapiens entwickelt. An Millionen von gemeinsamen Mahlzeiten und abendlichen Lagerfeuern setzten sich unsere Ureltern gegenüber brutaleren und oft stärkeren Grunzern durch. Denn auch mehrere Schwächere konnten sich nun durch das Medium der Sprache gegen herrische Grobiane verbünden und diese ausstoßen oder – was sicherer war – gleich ganz töten.[i] Und wer sich in den letzten Jahrhunderttausenden nicht sprachlich zu verbinden vermochte, wer sich „um den guten Ruf“ (!) oder gar „um Kopf und Kragen“ redete, konnte auch die eigenen Gene seltener weitergeben. Einige Forschende sprechen und schreiben daher auch davon, der Mensch habe sich durch das Medium der Sprache „selbst domestiziert“ – die jeweilige Sprachgruppe entschied über den Fortpflanzungserfolg mit.[ii]

Bis heute werden in allen, ausnahmslos allen Gesprächen durch Worte und Gesten auch Fragen der Macht und Zugehörigkeit verhandelt. Wer wann spricht, wer wie zuhört, wer wann lacht, schnaubt, widerspricht oder gar unterbricht drückt sehr viel mehr aus als nur den Austausch von Informationen. Das Missverständnis gerade auch autoritärer Persönlichkeiten, Meinungsfreiheit bestünde darin, von niemandem Widerspruch zu erfahren, verleugnet nicht weniger als die Natur der menschlichen Sprache. Wer Meinungen oder gar Lügen verkündet, übernimmt damit auch Verantwortung und wer dazu keinen Widerspruch duldet, fällt in Tyrannei. Gutes Sprechen stärkt das Miteinander seit Jahrhunderttausenden. So weisen noch heute in den letzten beobachtbaren Wildbeuterkulturen begabte Erzählerinnen und Erzähler spannender Mythen durchschnittlich mehr Nachkommen auf, während ihre Gruppen von einem stärkeren Zusammenhalt profitieren. Sprache begründet Gemeinschaften, die ein- und damit aber auch ausschließen.[iii]

Realitätsverlust durch Überkonsum von Medien?

Während in den frühen Wildbeuter-Kulturen der Menschheit begabte Erzählerinnen und Erzähler abends die eine oder andere Stunde die eigene Gruppe in eine andere Welt entführt haben, verbringen wir Heutigen acht, zehn, nicht selten vierzehn Stunden am Tag in Medienwelten. Wenn ich daran denke, dass manche unserer Eltern um „Realitätsverlust“ fürchteten, weil wir als rollenspielende Jugendliche mit Büchern, Stiften und Würfeln wenige Stunden die Woche in Fantasy-Welten abgetaucht waren, muss ich schmunzeln. Heute bieten Computer und Streaming-Dienste nicht nur meinen Kindern dagegen täglich fantastische Weltfluchten in einer Menge, multimedialen Qualität und mit Gemeinschaftsoptionen an, wie sie noch vor zwei Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. Das bedeutet nicht, dass wir als Menschen den Zugang zur Realität verlieren müssen – aber doch, dass es noch nie so leicht war, sich völlig in „alternativen“ Medienwelten zu verlieren.[iv]

Dabei ist es nicht nur so, dass wir mehr denn je Medienprodukte konsumieren würden. Die elektronischen („tertiären“) Medien waren meist noch Massenmedien mit wenigen Sendern und vielen Empfängerinnen. Doch digitale („quartäre“) Medien produzieren wir auch selbst, werden immer mehr zu „Prosumenten“.[v] Wir bestücken Portale wie Facebook und Instagram mit unseren eigenen Inhalten – und unsere damit gewonnene Aufmerksamkeit wird wiederum an Werbekunden verkauft.

Und noch nie waren so viele Menschen auch beruflich in der Medienproduktion tätig, etwa als Verlegerinnen oder Schauspieler, als Priester oder Künstlerinnen, als Buchhalter oder Journalistinnen, als Wissenschaftlerinnen oder Politiker, als Juristinnen oder Filmemacher, als Fachleute für Marketing, Public Relations (PR) und Social Media Content. Enorme Fortschritte in der Produktivität führen zu einer globalen Überproduktion von Gütern wie Fleisch, Industriezucker und Plastik, die sich nur noch durch milliardenschwere Werbung verkaufen lassen.[vi] Wir sind ständig und so intensiv von Medienprodukten umgeben, dass wir alltäglich ausblenden (müssen), dass etwa Staaten und Wissenschaften, Religionen und Wirtschaftsunternehmen, Eigentumsverhältnisse und Beziehungen nur insofern „existieren“, als sie immer wieder medial hergestellt und verändert werden. Medien – vom Lateinischen: das Mittlere, Vermittelnde – sind keinesfalls der dünne Film auf einer harten Realität, sondern unsere tägliche Umwelt, in der wir sozial bestehen oder untergehen.

Medien sind mächtig, aber nicht allmächtig

Daneben stand mir jedoch die ebenso große wie tragische Rede „This is Water / Das ist Wasser“ von David Foster Wallace (1962 – 2008) vor Augen. Wallace hatte sie 2005 vor Absolventen des Kenyon College in Ohio, USA, gehalten und darin das Bild von den Fischen, die ihre Wasser-Umwelt reflektieren, unsterblich gemacht. Doch so fein und motivierend groß diese Rede auch war, so sehr sie auch in gedruckter Form gefeiert wurde und wird: Wallace erhängte sich drei Jahre später unter dem Einfluss schwerer Depressionen. Jedes Medium hat seine einzigartige Macht, doch auch diese stoßen an Grenzen unserer äußeren und inneren Welt.

Wir sind wie Fische, die meistens vergessen, dass sie im Wasser leben.“ Gerda Taro hatte die Macht der Medien begriffen und ihr Leben dafür eingesetzt. Sie hatte erkannt, dass Fotografieren keinesfalls ein belangloses Abbilden toter Wirklichkeit war – sondern ein machtvolles Auswählen und Entdecken von Motiven und Perspektiven, aus dessen Medienprodukten in unseren Köpfen Geschichten und Fragen entstehen. Sogar einzelne Buchstaben nahm sie bei der Änderung ihres Namens sehr ernst. Was Pablo Picasso (1881 – 1973) im Medium des Gemäldes „Guernica“ über den Bombenterror der „Legion Condor“ im Jahr ihres Todes (1937) gelungen war, gelang dieser jungen Stuttgarter Jüdin wiederum im Medium der Fotografie: Mediale Unsterblichkeit.

[ii] Nesse, Randolph (2010): Social Selection and the Origins of Culture. In: Norenzayan, Ara et al. (Hsg.): Evolution, Culture, and the Human Mind. Psychology Press, S. 137 – 150

[iv] Kleiner, Markus (2020): Streamland. Wie Netflix, Amazon Prime & Co. unsere Demokratie bedrohen. Droemer

[v] Dazu gab ich 2017 ein Seminar in Berufs- und Medienethik am KIT Karlsruhe. Skript, Einführungsvortrag und Kernthesen hier: https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/seminar-fuer-medien-und-berufsethik-am-kit-karlsruher-institut-fuer-technologie/

[vi] Ein drastisches Beispiel habe ich auf Instagram hinterlegt: https://t.co/ZTglfivPVy

[vii] Blume, Michael (2021): „Corona und Bargeldabschaffung sind zwei Seiten einer Medaille.“ Die libertäre Verschwörungsmythologie des Geldes. In: Kleffner, Heike & Meisner, Matthias (Hrsg.): Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde. Herder, S. 126 – 134

[viii] Bartz, Tim et al. (2021): Super-Interruptus. SPIEGEL 17 / 24.04.2021, S. 94 – 95

[ix] Wallace, David Foster (2005 / 2012): Das hier ist Wasser / This is Water. KiWi, Übersetzung durch Ulrich Blumenbach

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft & promovierte über Religion in der Hirn- und Evolutionsforschung. Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger & christlich-islamischer Familienvater, Buchautor, u.a. "Islam in der Krise" (2017), "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht" (2019) & "Verschwörungsmythen". Hat auch in Krisenregionen manches erlebt und überlebt, Beauftragter der Landesregierung BW gg. Antisemitismus. Auf "Natur des Glaubens" bloggt er seit vielen Jahren wöchentlich, um Religionswissenschaft zugänglich und diskutierbar zu machen.

9 Kommentare

  1. Ergänzend habe ich hier einen Artikel, vor allem ein Foto gefunden, das einen weiteren Eindruck von der Veranstaltung verschafft.

      • „Sie habe keine Zeit für solchen Kram wie diese Fotografin“ 😳

        Und aber Sie ankündigen als Hauptredner. Großen Respekt für Herrn Bauer.

        Ich war der von ihm nicht namentlich genannten Person ja vor einiger Weile hier ja auch einmal scharf angegangen in ganz anderer, aufgestiegener Position als die Frau, die uns auffiel in Nordrhein-Westfalen, weil ihr Name als Hashtag auf Twitter im beinahe Wochentakt wechselte mit der ihrer Kollegin hierzulande. Wo wir uns hier nach einiger Zeit trösteten, daß man Corona-Politik im Ländle tatsächlich noch wissenschaftsfeindlicher gestalten kann als bei uns. (Was nicht parteipolitisch gemünzt ist. Den Vogel schoß in meiner Wahrnehmung immer noch der Hamburger Schulsenator eines ganz anderen politischen Lagers ab, der ein wissenschaftliches Gutachten erst in Auftrag gab und dann, als die Ergebnisse nicht seiner politischen Wunschbildung entsprachen, dann unterdrückte. Und wie sehr gesundheitspolitische Expertise hierzulande in der SPD geschätzt wird, sieht man darin, daß Karl Lauterbach zur Bundestagswahl auf einen unsicheren Listenplatz gesetzt wird. Das Direktmandat wird hoffentlich seine bessere Gegenkandidatin erringen.) Ich mußte mich dann zu Recht von Ihnen ausbremsen lassen mit dem Hinweis, daß bei Ihnen Landtagswahlen anstanden, was Ihnen als politischer Beamter auch eine gewisse Neutralität auferlege – was mir wiederum nicht so bewußt war (hatte mich ja auch dann umgehend zurückgenommen).

        Jetzt weiß ich noch einmal ganz anders einzuschätzen, was Ihr Beruf einerseits an Mut und durchaus auch Meinungsfreude, andererseits aber auch an Zurückhaltung verlangt.

        • seine bessere Gegenkandidatin

          Korrigiere: In meinen Augen nur selbstverständlich. Sie hat jüngst eine ganz herausragende Öffentlichkeitsarbeit gemacht in Sachen Corona-Übertragungen und Migration, wo wir zuvor von Frau Steinbach und später von Wieler/Spahn ganz andere Töne gehört hatten; Sie haben das ja auch mitverfolgt. Von Frau Güler werden wir hoffentlich noch hören.

        • Danke, @Alubehüteter.

          Ja, meine Aufgabe als Beauftragter gegen Antisemitismus ist in der Exekutive verortet. Das hat Vorteile – wie schnelle Reaktionsfähigkeit und direkten Zugang zu Regierungsstellen -, aber es setzt auch Respekt vor der Gewaltenteilung voraus: Meine Aufgabe kann nicht darin bestehen, Pauschalurteile über Parteien, Medien, Gerichte u.ä. auszustellen. Ich kann durchaus einzelne Aussagen kritisch thematisieren, habe aber das letzte Urteil immer auch den Wählerinnen und Kunden, Parlament und Justiz zu überlassen. Sechs Monate vor einer Wahl (wie jetzt der Landtags- und der kommenden Bundestagswahl) unterliege ich zu Recht einer Karenzpflicht und darf keine öffentlichen Veranstaltungen mit einzelnen Kandidierenden und Parteien mehr absolvieren. Und da ich die Gewaltenteilung für das liberale Herzstück jeder Demokratie halte, achte ich diese Einschränkungen nicht nur aus Überlegung, sondern auch aus Überzeugung.

          Ehrlichen Dank für Ihr Verständnis.

  2. Sympathische kleine Ansprache. In der Tat sind wir oft Fische, die nicht wissen, dass sie im Wasser schwimmen. Und vor allem, in welchem Wasser. Das gilt auch für die Geschichten, die unser Selbstverständnis bestimmen. Wir müssen sie erzählen, uns darüber unterhalten, und wenn nötig, sie freundlicher machen.

  3. Als Musikliebhaber ein Hinweis: SWR 2 klassische Musik brachte heute (am 5.6. 21) jüdische Musik; d.h. eine Menge verschiedener Musik jüdischer Musiker bzw. Musik mit Bezug zum Judentum.
    Schade, dass diese anregende Sendung eingestellt werden soll!

Schreibe einen Kommentar