Das Kochen mit Feuer in der Evolution des Menschen

Vor einigen Wochen hatte ich einen Blogpost über die Symbolik des Feuers in religiösen Traditionen eingestellt. Das Thema faszinierte mich weiterhin und so kaufte ich mir – nach einer hervorragenden Rezension durch den Soziologen Frank Ufen – das Buch „Feuer fangen“ (Catching Fire) von Richard Wrangham. Absolut hörenswert ist auch der Braincast von Arvid Leyh zum Thema. Und in der Tat: Obwohl im Detail noch vieles zu klären bleibt, verändert „Feuer fangen“ den Blick auf die Evolution des Menschen – und unseren Alltag. Im folgenden möchte ich wesentliche Aussagen des Wissenschaftsbuches für Sie zusammenfassen.

Wrangham entwirft die „Kochhypothese“ – Cooking Hypothesis, wonach die Beherrschung des Feuers als Kulturtradition tiefgreifende Auswirkungen auf die auch biologische Evolution des Frühmenschen hatte. Er knüpft dabei an Überlegungen Charles Darwins an, der in seinem „Die Abstammung des Menschen“ (Kap. 5) die evolutionäre Bedeutung des Kochens und Wärmens bereits vermutet hatte. Demnach hätten gerade die Kulturfähigkeiten den Erfolg des (Früh-)Menschen beflügelt:

Wenn er in ein kälteres Klima wandert, so benutzt er Kleider, baut sich Hütten und macht Feuer, und mit Hülfe des Feuers bereitet er sich durch Kochen Nahrung aus sonst unverdaulichen Stoffen.“

Wranghams Hypothese behandelt damit einen starken Fall biokultureller Evolution – der gegenseitigen Beeinflussung biologischer Veranlagungen (wie Verdauung, Gehirngröße) und kultureller Artefakte (wie Feuer, Kochstellen) in der Evolution des Menschen.

Biokulturelle Evolution oder Gen-Kultur-Koevolution (Schaubild, Blume 2009)

Wranghams zentrale These ist:

Wir sind an die für uns adäquate Nahrung in gekochter Form gebunden, und die Folgen dieses Faktums durchdringen unser ganzes Dasein, vom Körper bis zum Denken. Wir Menschen sind die kochenden Affen, Geschöpfe des Feuers.“ 

Und seine Hauptargumente dazu lauten:

* Gegarte und gekochte Nahrung ist sehr viel leichter, ergiebiger und schneller zu verdauen als Rohkost. Die Folge: Wer gegarte oder gekochte Nahrung zu sich nimmt, spart jeweils deutlich Kau- und Verdauungszeit und erhöht zugleich den Energieertrag aus der Nahrung.

* Zusätzlich kann Feuer wärmen und – besonders Nachts – vor Raubtieren schützen.

* Zu den Nachteilen gehört, dass Kochen selbst Zeit kostet und dass Kochstellen für andere – ggf. hungrige – Menschen weithin sichtbar sind.

Das so entworfene evolutionäre Szenario sieht dann wie folgt aus:

Vor etwa 1,8 Mio. Jahren evolvierte Homo habilis zu Homo erectus – indem unsere Vorfahren das Feuer zähmten. Dadurch sei es ihnen möglich geworden, Zeit zu sparen, den Magen-Darm-Trakt zu verkleinern und stattdessen mehr Energie für das Gehirn(wachstum) einzusetzen.

Auch sei das Fellkleid (weiter) geschwunden, was das vor Überhitzung schützende Schwitzen (etwa beim Laufen, Jagen oder Arbeiten) erleichterte. Das Problem zeitweisen (etwa: nächtlichen) Frierens sei nun durch Feuer kompensiert worden.

Auch Sozialkompetenzen und Sprachfertigkeiten seien nun ausgebaut worden, da sich diese Fähigkeiten im neuen Sozialraum „am Feuer“ evolutionär auszahlten.

Und schließlich seien auch Arbeitsteilung und Paarbindung (weiter) evolviert, da nun auch Männer auf regelmäßige, gekochte Nahrung und Frauen auf mehr Schutz vor Nahrungsdieben angewiesen waren.

 

So stark und überzeugend das Szenario klingt, bleiben jedoch noch eine Reihe von Problemen:

So reichen einigermaßen gesicherte, archäologische Befunde zu Feuerstellen bislang nur knapp 800.000 Jahre zurück – ob ältere Funde verbrannter Knochen (Swartkrans in Südafrika, ca. 1,5 Mio. Jahre), erhitzte Lehmbrocken (Kenia) oder möglicherweise für ein Lagerfeuer geordnetes, erhitztes Gestein (Äthiopien) tatsächlich Feuerbeherrschung signalisieren, ist noch umstritten. Auch erscheint es fraglich, ob sich kochende Frauen schützend an einzelne Männer gewandt haben müssen – sowohl der Primatenvergleich (Bonobos) wie auch die Evolutionsforschung zur Religiosität würden eher frühe Frauenbündnisse nahelegen.

Und doch lassen sich zwar Details durchaus kritisch diskutieren, die Gesamtbefunde Richard Wranghams sind aber kaum mehr von der Hand zu weisen. Es kann kein ernsthafter Zweifel mehr bestehen: Die Evolutionsgeschichte des Menschen wurde maßgeblich auch durch Feuer und Kochen geprägt.

Was ich zudem anmerken möchte – wie schon beim Thema Kinder verstehen & erziehen scheint nun auch im Bereich von Ernährung und Alltag die Evolutionsforschung einen so hohen Stand erreicht zu haben, dass sie als alltagstaugliche Ratgeber taugen und pseudowissenschaftlichen Kram zunehmend ablösen können.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

14 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Energiesparlampen

    Kaltes bläuliches Licht empfinden die meisten Menschen als unangenehm.

    Der Mensch verwendet das Feuer seit ungefähr 800.000 Jahren.

    Später kamen Kienspäne, Öllampen und Kerzen dazu, und viel später dann die Glühbirnen.

    Alle diese Lichtquellen haben eine Farbtemperatur von weit unter 3000 Kelvin.

    Bei Holzfeuern, Öllampen, Kerzen, und sogar bei den ersten Glühbirnen kam das Licht von glühendem Kohlenstoff.

    Kein Wunder, dass wir nach 800.000 Jahren das Licht von glühendem Kohlenstoff gewöhnt sind.

  2. Kochen und Älterwerden

    Auch bei unseren Vorfahren wurden die Zähne mit der Zeit schlechter. Ältere Leute hatten mit ziemlicher Sicherheit häufig Lückengebisse. Und da ist schön weichgekochtes Essen einfach besser.
    Ich kann mir vorstellen, daß die Erfindung des Kochens sehr bald lebensverlängernd wirkte.

  3. @Sebastian / all

    Ich kann Sebastian nur zustimmen!
    Aber ich muss auch unbedingt auf etwas hinweisen: In den letzten Wochen hatte ich immer als einziger mit dem Namen Sebastian geschrieben; nun scheint aber ein Namensvetter hierher gefunden zu haben und daher gebe ich jetzt meinen vollen Namen an (den gibts zwar auch noch häufig genug, aber ich hoffe mal, dass das reichen wird 😉 ). Also der Sebastian aus den letzten Wochen heißt jetzt Sebastian Voß 🙂 Und ich begrüße herzlich meinen Namensvetter!
    Außerdem ist der Beitrag von @Karl Bednarik, glaube ich, noch einmal ein schönes Beispiel für biokulturelle (Ko)Evolution!

  4. @Claudia: Überzeugend!

    Wow, ja, das ist eine geniale Querbeobachtung:
    Ältere Leute hatten mit ziemlicher Sicherheit häufig Lückengebisse. Und da ist schön weichgekochtes Essen einfach besser. Ich kann mir vorstellen, daß die Erfindung des Kochens sehr bald lebensverlängernd wirkte.

    Denn in der Tat: Die Evolutionsforschung zum gemeinschaftlichen Kinderaufzug (Cooperative Breeding) verweist ja auf die besondere Rolle der Großeltern und besonders Großmütter mütterlicherseits, deren Langlebigkeit Kindern und Enkeln zunehmend zugute kam:
    Mutter Natur verstehen – Die Evolutionsforscherin Sarah Blaffer Hrdy

    Und diese Entwicklung beflügelte wiederum die Evolution von Religiosität und religiöser Vergemeinschaftung:
    Die Rolle der Frauen in der Evolution von Religiosität und Religionen

    Danke für dieses überzeugende Verknüpfen bislang isolierter Befunde, Wrangham hatte den Zusammenhang mit Alter & Cooperative Breeding noch nicht gesehen, aber er ist m.E. überzeugend und prüfenswert.

  5. Kochen zur Lebensverlängerung

    Sehr interessant, vielen Dank!

    Ich kann mir gut vorstellen, dass gekochtes Essen eventuell generell die Überlebenschancen verbessert hat, da durch die Hitze ja auch Keime abgetötet werden.

    Vor einer Weile hab ich einen Bericht über verschollene Wissenschaftler in der Arktis gesehen, die letztendlich daran starben, dass sie Eisbären roh gegessen hatten und dadurch vergiftet worden sind.

  6. @Ariane

    Gerne geschehen! Mich fasziniert am Beispielen wie dem Kochen immer wieder, dass auch wir Wissenschaftler über Jahrzehnte hinweg Offensichtliches weitgehend übersehen konnten. Es gab ja unzählige Publikationen und Konferenzen etwa über das Jagen, den Werkzeuggebrauch, die Kriege etc. – aber die evolutionäre Bedeutung des Kochens, die doch buchstäblich täglich vor unserer Nase lag, haben wir lange übersehen… Seltsam, oder!?

  7. Pingback: Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – warum eigentlich? › Natur des Glaubens › SciLogs - Wissenschaftsblogs

  8. Hallo an Alle 🙂 auch wenn das schon eine ältere Diskussion ist, erlaube ich mir hier etwas zu posten.Ich bin Rohköstlerin, und das deshalb weil gekochte Nahrung „tote Nahrung“ ist. Mit „tot“ meine ich, dass ein Großteil der Nährstoffe durch das Kochen verlorengeht. Rohkkost macht auch glücklich, im wahrsten Sinne des Wortes. Jeder, der sich schon mal längere Zeit mit 100% Rohkost ernährt hat, kennt den Effekt hinsichtlich Verbesserungen der Stimmung und der Gehirnleistungen sowie des körperlichen Befindens. Es mag ja sein, dass es wissenschaftlich ( an Mäusen in bezug auf Fleischverkostung) erwiesen sei, dass der Energieverbracuh geringer ist bei der Aufnahme gekochter Nahrung. Gleichzeitig nimmt jedoch der Nährstoffgehalt ab. Außerdem bilden sich beim Kochen, insbesondere beim Braten und Fritieren, oft schädliche chemische Substanzen .
    Ich bin skeptisch hinsichtlich der Kochhypothese. Ich glaube, dass es einfach glückliche Zufälle waren, die dazu geführt haben, dass der Mensch sich in Richtung starker Gehirnleistung entwickelt hat. Eine zufällige Genmutation gab den Anstoß, und dann kumulierte sich der Effekt in Richtung Aufwärtsentwicklung durch kleineren Verdauungstrakt, bessere Jagdergebnisse etc

    • Vielen Dank, @Jessica! Das ist spannend! Darf ich zunächst fragen, wie lange Sie schon Rohköstlerin sind?

      Zu Ihrer Alternative „Zufall“ zur Kochhypothese erlaube ich einzuwenden, dass sich ja nicht nur das Gehirn, sondern auch z.B der Kau- und Zahnapparat verändert haben.

      Vor allem aber wäre entlang Ihrer Annahmen im Rahmen der kulturellen Evolution dann doch damit zu rechnen gewesen, dass sich eine deutlich überlegene Zubereitungsweise mindestens in vielen Kulturen erhalten, wenn nicht gar dominant durchgesetzt hätte.

    • Liebe Jessica,

      darf man fragen, was Sie überhaupt so alles verzehren? Sicher sind rohes Obst und Gemüse ein wertvoller Nahrungsbestandteil, wenn man sich den modernen Luxus leisten kann, Bananen aus Mittelamerika, Kiwis aus Neuseeland und Paprika aus Ungarn zu importieren. Wenn ich den ganzen Tag unterwegs bin von einem Kunden zum anderen, packt meine Frau mir auch immer Rohkost in die Dose – zusätzlich zu gebackenem Brot mit Butter und Käse aus Kuhmilch. Die Globalisierung beschert uns die Möglichkeit, uns so abwechslungsreich zu ernähren wie keine Generation vor uns, es gibt die verschiedensten Varianten, sich persönlich einen individuellen Ernährungsstil auszusuchen (z.B. Vegetarier, Paleo-food,…) aber es käme mir nie in den Sinn, Fleisch roh zu essen oder komplett auf Brot und Backwaren zu verzichten…?

      Im übrigen sind wir Menschen diejenige Spezies, die in Sachen „Outsourcing“ sogar die Blattschneiderameisen hinter sich gelassen hat: frisches Obst verdauen wir zwar noch selbst, aber die Verdauung von Gras überlassen wir Kühen, Schafen und Ziegen, die uns Milch und Fleisch liefern, die Verdauung von Fleisch geschieht zur Hälfte auf dem Grill oder in der Pfanne, und die Verdauung von Kohle und Erdöl überlassen wir Kraftwerken und Motoren, und um das ganze noch zu toppen, haben wir Maschinen erfunden, die Uran verdauen können und dafür Elektrizität liefern, mit der der Herd betrieben wird, auf dem die Pfanne mit dem Spiegelei steht – essen Rohkostler Eier eigentlich auch roh?

  9. Halli Hallo , ich bitte um Entschuldigung, dass ich erst so spät antworte. Das hole ich jetzt nach 😀

    @Michael Blume: ich bin Rohköstlerin seit einem halben Jahr. Allerdings gestaltete sich die Umstellung nicht ganz leicht. Man braucht eine gute Verdauung. Ich esse gern abends viel, das hat zu Schlafproblemen geführt. Ich habe jetzt meine Esszeiten geändert. Es stimmt auch, das man länger für das Kauen braucht, aber das macht mir nichts aus, da ich schon länger „Slow Food“ lebe.

    Auch wenn sich auf kollektiver Ebene ein Vorteil der Kochnahrung gezeigt haben könnte, so kann es doch im Einzelfall von Vorteil sein sich rohköstlich zu ernähren. Kochen denaturiert die Nahrung

    @Störk : Rohköstler betreiben meist weniger Outsourcing, denn sie sind oft Vegan 😀 Zudem sind viele interessiert an Selbstversorgung mit dem eigenen Garten. Nicht vegane Rohköstler essen wahrscheinlich auch die Eier roh, aber da kenne ich niemanden. Es gibt bei den Rohköstlern verschiedene Richtungen. Ich bin Veganerin und esse Obst und Gemüse (klar), gekeimtes Getreide (daraus kann man Essener Brot machen), Nüsse (vorher eingeweicht wegen der Phytinsäure). Die üblichen Zubereitungsformen bei der Rohkost sind einweichen, trocknen (unter 42 Grad), entsaften, zerkleinern (mixen, pürieren, schneiden). Es gibt Gourmet Rohköstler
    ( die essen zum Beispiel einen Salt mit naturtrübem Essig und nativem Olivenöl) während die anderen dies nicht tun (am besten direkt vom Baum in den Mund). Oft werden auch Spagetti aus Gemüse hergestellt (zB Zuchini mit Cashewsauce) oder Reis aus Blumenkohl.
    Mit Beginn der Rohkosternährung setzt eine Entgiftungsprozess ein, der mit Kopfschmerzen und Müdigkeit einhergehen kann. Die Stimmung wird bei den meisten besser und stabilisiert sich. Man muss aufpassen, das eigene Verdauungssystem nicht zu überlasten.

    Ich finde es sehr fürsorglich, dass deine Frau dich mit Rohkost versorgt 😀

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