Bücher aus Liebe (zur Wissenschaft) – Lydia Benecke (Psychologie) und Roland de Beauclair (Archäologie)

An diesem Wochenende fand also der #MarchforScience – ein weltweiter Demonstrationszug für die Wissenschaften – statt. Bei spektrum.de findet sich ein beeindruckend-nachdenklicher Bericht von Robert Gast zum #MarchforScience in Deutschland. Doch wie traurig ist es eigentlich, dass solche Demonstrationen inzwischen nötig sind? Und was bedeutet es, wenn Kommentatoren auch auf diesem Blog ihren Glauben an eine superverschwörerische „Agenda der NEUEN WELTORDNUNG“ verkünden oder mal eben behaupten: „Zum anderen gibt es psychische Krankheiten gar nicht, bzw. sie Existieren nur in der Phantasie von angeblichen Experten der Psychiatrie und ihren gläubigen Anhängern.“ Kann sich Wissenschaft gegen den grassierenden Verschwörungsglauben durchsetzen?

Genau darüber diskutierte ich neulich mit Adrian Gillmann, Michael Butter und Lydia Benecke beim DAI in Heidelberg. Dabei fiel mir (u.a.) sehr positiv auf, dass Lydia Benecke nicht nur einen sehr praktischen und interdisziplinören Zugang zur Psychologie pflegte – sondern es auch hervorragend „rüberbringen“ konnte. Entsprechend bestellte ich mir gleich am folgenden Tag ihr Buch „Auf dünnem Eis. Die Psychologie des Bösen“. Und stellte fest: Lydia schreibt mindestens so hervorragend, wie sie spricht! In diesem atemlos spannenden Buch erläutert sie allgemeinverständlich, wie Psychopathen „ticken“, wie und wozu Therapien im Strafvollzug funktionieren, warum die meisten Psychopathen nicht kriminell werden – und warum wir alle mehr oder weniger starke Anlagen „zum Bösen“ in uns tragen. Aus diesem gnadenlos-analytischen Blick nimmt sie auch ihre eigene Biografie und Faszination für „die Psychologie des Bösen“ nicht aus, sondern schildert ihren Weg aus schwierigen Verhältnissen in die therapeutische Arbeit mit Straftätern. Philosophisch-theologische Fragen etwa nach „dem Bösen“ stellen sich dabei praktisch ganz von alleine. Und ohne jeden erhobenen Zeigefinger macht die Autorin dabei auch noch deutlich, was die psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte bereits entdeckt hat – und warum wir dringend mehr davon bräuchten! Großartig!

Zwei Beispiele für gute Wissenschaft mitten in Deutschland: Lydia Benecke vermittelt Psychologie spannend in die Öffentlichkeit, Roland de Beauclair leistet archäologische Grundlagenforschung. Foto: Michael Blume

An ein Fachpublikum wendet sich dagegen ein Freund und Arbeitskollege von mir, der Archäologe Roland de Beauclair mit seiner (online frei verfügbaren) Promotion: „Kultureller Wandel und die Grabsitte im Frühneolithikum des Mittelmeerraumes“. Die Rede ist also von Kulturen der Jungsteinzeit vor etwa 7.700 Jahren, die die Archäologie klassisch an den Formen der – vergleichsweise „leicht“ zu findenden – Keramik festmacht. Auf der empirisch beeindruckend breiten Basis von wissenschaftlich beschriebenen 472 Bestatteten an 56 archäologischen Fundplätzen kann de Beauclair zeigen: Unterschiedliche Bestattungssitten verbreiteten sich nicht in gleicher Weise wie unterschiedliche Keramikstile. Schon in der Jungsteinzeit hatten wir es also nicht mit „abgeschotteten“ Kulturen zu tun, sondern mit einem komplexen Fluss aus Innovationen, Austausch- und Abgrenzungsprozessen. Aus den Beobachtungen beispielsweise bei heutigen Yeziden, die ihre Religion und Kultur bis in die jüngste Zeit ausschließlich mündlich tradierten, kann ich diesen wertvollen und weitreichenden Befund nur bestätigen. Und wünsche mir sehr, dass diese hervorragende Grundlagenarbeit noch vielfach aufgegriffen wird, habe mir das auch selbst vorgenommen. Denn für die Evolutionsforschung zu Religiosität und Religionen sind archäologische Studien gerade auch zu Bestattungen wiederum sehr relevant!

Der beste #MarchforScience – bleibt das Lesen! 🙂

Ob unsere Gesellschaften – die immer auch menschliche Mängel aufweisen werden – freiheitlich, demokratisch und wissenschaftlich-aufgeklärt bleiben werden, ist nicht ganz sicher. Gerade auch die neuen Medien erschüttern das Vertrauen in gewachsene Institutionen und Regeln und machen es uns Menschen leichter denn je, uns in multimediale Filter- und Wahrheitsblasen zurück zu ziehen. Gute, relevante Forschungen und die Bereitschaft, diese auch in die Öffentlichkeit zu vermitteln, sind daher wichtiger denn je. Deswegen bin ich dankbar, Menschen wie Lydia Benecke und Roland de Beauclair samt ihrer wertvollen Arbeiten kennengelernt zu haben. Sie und andere zu lesen halte ich für den beste Art des alltäglichen #MarchforScience, auf dem sich jede Neugierige und jeder Zukunftsorientierte befinden sollte.

Dr. Michael Blume studierte Religions- und Politikwissenschaft und spezialisierte sich auf die Hirn- und Evolutionsforschung. Buchautor, Uni-Dozent, Wissenschaftsblogger und christlich-islamischer Familienvater. Hat auch manches erlebt und überlebt...

3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Herr Blume,
    sind Sie sicher, dass es gute wissenschaftliche Gepflogenheit ist, die Arbeiten von Freunden oder Bekannten in einem populärWISSENSCHAFTLICHEN Portal über den ( grünen oder andersfarbigen ) Klee zu loben?
    Sie fragen, was es bedeutet, wenn „Superverschwörer“ hier bloggen? Welche Antwort könnte naheliegender sein: ARGUMENTIEREN Sie (wissenschaftlich) dagegen. Stimmungsmache mit Stimmungsmache zu begegnen zeugt nicht von Wissenschaftlichkeit, sondern von politischer Agenda.
    Und drittens: Ich bin keineswegs sicher, ob die neuen Medien „Filter und Wahrheitsblasen“ nur „ERZEUGEN“.
    Könnte es nicht auch sein, dass neue Medien (seit langem schon etablierte) Filter und -Wahrheitsblasen ( traditioneller „Medien“) von noch weit größerem Umfang und Mächtigkeit der breiten Masse der Bevölkerung erst vor Augen führen könnten?
    Und es ist geradezu eine banale Feststellung, dass es wahre und falsche (Verschwörungs-) Theorien gibt. Das gilt natürlich auch für den Bereich der Wissenschaft und ist historisch und soziologisch belegt.

    • Ja, @L.Schaber – selbstverständlich ist es guter Stil, gute Literatur und wissenschaftliches Engagement transparent zu loben und zu empfehlen! 🙂

      Und ja, die neuen Medien eröffnen neue Chancen – wie sie auch dieses Blogportal erschließt – und neue Untiefen, wie die leichtere Verbreitung von Verschwörungsglauben, Cybermobbing etc. Auch der Buchdruck schuf überaus Verdienstvolles und Institutionenkritisches wie die Lutherbibel und Übles wie den „Hexenhammer“ (der auch wieder Verschwörungsglauben enthielt – damals der angebliche globale „Teufelsbund“, heute die angebliche Superverschwörung der „Neuen Weltordnung“ etc.) Es liegt an uns „Prosumenten“, was wir aus den großen Möglichkeiten der digitalen Medien machen – ob wir uns hinauf- oder hinabbegeben…

  2. Bote 17,
    über Bücher zu reden hat nur einen Sinn, wenn man das Buch gelesen hat. Ein kleiner Ausschnitt, als appetizer, wäre hier hilfreich.
    Das Thema Gut und Böse ist zeitlos und von allen großen Geistern aufgegriffen worden.
    Nach Goethe ist das Böse das Kranke. Das ist idealistisch verklärt. ……………

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben