Anthropozän – Anatomie eines Falls

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Inhaltsverzeichnis

Intro
1. Prozedurales zur Ablehnung durch SQS/ICS und IUGS
2. Der Ablauf: Fast 15 Jahre AWG-Arbeit unter dauerhafter Abstimmung mit SQS
3. Ist eine frühere Untergrenze für das Anthropozän in “Event-Auffassung” wirklich sinnvoller?
4. Die auf den Tag genaue Bestimmung des Starts des Anthropozäns sei unglaubwürdig?
5. Fehlendes Verständnis für Zeitdynamiken
6. Fehlendes Verständnis für die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Relevanz, weitere Empfindlichkeiten
7. Fehlendes Verständnis für den Mehrwert der exakten Definition einer Anthropozän-Epoche
8. Das zukünftige Anthropozän
Schluss und Ausblick
Nachträge

Intro

Die Medien waren in den letzten Wochen voll von Berichten und Meinungsartikeln zur Entscheidung der SQS/ICS/IUGS, also der zuständigen Gremien in Sachen Formalisierung einer Anthropozän-Epoche für die erdgeschichtliche Zeit-Tabelle. Diese Gremien wollten – für viele sehr überraschend – nun doch kein neues Kapitel im Buch der Erdgeschichte aufschlagen. In Teilen berichteten die Medien auch von den Unregelmäßigkeiten bei dieser Entscheidung. Was war denn da los? Der Anthropozäniker hat sich ja zumindest hier im Blog bewusst sehr zurückgehalten, so hatte ich bisher nur das Statement unserer Anthropocene Working Group (AWG) präsentiert sowie dort Links zu einigen Medienartiken und weiteren Verlautbarungen nachgetragen.  Da am 25. März 2024 aber die gesamte Webseite der AWG (als Unterseite der SQS) gelöscht wurde (darunter die Liste der Mitglieder, das gesamte Verzeichnis unserer Publikationen sowie sämtliche Newsletter, auch der aktuelle und letzte – mehr dazu weiter unten), will ich aber nun doch eine umfassendere Erläuterung aus meiner Sicht hinzufügen.

Abb. 1: Paul Crutzen, der “Vater des Anthropozäns” (> Quelle

Fangen wir an:  Der Anthropozäniker berichtet ja schon seit 2011, wie es zum Vorschlag des Anthropozäns durch Nobelpreisträger Paul Crutzen kam (Abb. 1), welche Aufgaben die Anthropocene Working Group hat (siehe Kap. 2) und was hier an bislang kaum Vorstellbarem durch die Forschung der AWG weiter ans Licht kam. Einiges davon möchte ich in diesem “Abwahlfall” näher beleuchten. Zuallererst: Ja, die AWG ist tatsächlich „nur“ ein Beratungsgremium, wie so viele andere Arbeitsgruppen, Beiräte oder ähnliches, die eingesetzt werden, um Lösungsvorschläge zu aktuellen Themen/Vorgängen/Herausforderungen zu erarbeiten.  Dass diesen nicht gefolgt wird oder sie auch mal formal abgelehnt werden können, ist insofern vielleicht keine große Aufregung wert. Oder etwa doch? Zumindest gab bei der Ablehnung aus unserer AWG-Sicht viel Unverständliches bei der prozeduralen Vorgehensweise. Dies wurde von den Medien später zum Teil ebenfalls thematisiert. Aber es ist in diesem Kontext auch wichtig, auf kaum Beleuchtetes ebenfalls ein bisschen Licht zu werfen. Dies soll in diesem Anthropozäniker-Beitrag versucht werden.

1. Prozedurales zur Ablehnung durch SQS/ICS und IUGS

(Aufgrund unseres auch hier im Blog veröffentlichten AWG-Statements sowie von Nachfragen der Medien, kann ich dieses Kapitel einigermaßen kurz halten; ich will auch nicht den Hauptfokus darauf lenken, obwohl aus unserer Sicht etliches doch recht bedenklich erscheint:)

Also, wir sandten unseren umfassenden, gemeinsam erarbeiteten und mit großer Mehrheit von uns AWG-Mitgliedern angenommenen Vorschlag zur formalen Definition des Anthropozäns als neue erdgeschichtliche Epoche als “Proposal” am 31.10.2023 an das zuständige Gremium. Dies ist die Subkommission für Quartärstratigraphy (SQS, eine Untergruppe der Internationalen Kommission für Stratigraphie, ICS). Part 1 unseres Proposals (u.a. mit der Vorstellung der GSSP-Kandidaten) umfasste 88 Seiten, Part 2 (Vorschlag für einen GSSP sowie für Standard-Auxiliary Boundary Stratotypes, SABSs) 46 Seiten. Dazu kamen noch 44 Seiten Anhang, und ein – von uns später, am 15.3.2024 auch veröffentliches –  Executive Summary für Part 1 , dies hatte nochmals 13 Seiten. (GSSP, SABS etc. werden in Kap. 2 näher erklärt; das gesamte Proposal ist hier im Nachtrag von 13. April 2024 einzusehen. Ganz schön viel, aber wir mussten ja die Ergebnisse aus fast 15 Jahren Forschung hier nochmals zusammentragen, synthetisieren und damit dann unsere Empfehlungen begründen. Wir erwarteten danach eine umfassende Diskussion mit der SQS, sowie ein detailliertes Feedback, und ja, wir hätten ggf. auch etliches noch eingearbeitet – so wäre das normale Prozedere gewesen. Die Einschätzung der SQS, egal ob positiv oder negativ, hätte dann auf dem 37. Internationalen Geologischen Kongress (diesmal in Busan, Südkorea) im August dieses Jahres dem geologischen Weltpublikum vorgestellt und ggf. weiter diskutiert werden sollen. Bei Bedenken hätte die SQS unseren Vorschlag auch schon jetzt an uns zurückgeben können, mit dem Auftrag bzw. Wunsch ihn ggf. zu modifizieren. Ja, und sie kann ihn natürlich auch komplett ablehnen, wie es nun passiert ist, allerdings eigentlich erst nach Diskussion und umfassender Begründung. Leider ist es aber ganz anders gelaufen.

Einige von uns haben in den Medien bereits dargelegt, warum wir die SQS-Wahl als prozedural inkorrekt, und damit wohl ungültig ansahen, hierzu noch einige Erläuterungen:

  • Die SQS-Wahl erfolgte in großer Eile (normalerweise sind für solche Wahlen Wahlperioden von 4 Wochen vorgesehen, damit sich auch alle beteiligen können. Einer Wahlperiode sind normalerweise auch noch jeweils 4 Wochen Diskussionszeit vorgeschaltet; so war es übrigens auch immer bei den Wahlen innerhalb der AWG).
  • Ungültig erscheint die Wahl insbesondere auch, weil sie am Vorsitzenden und Chair der SQS vorbei stattgefunden hat, obwohl diese ihr Veto eingelegt hatten. Beide verwiesen auf die Notwendigkeit einer weiteren Diskussion vor der Wahl sowie auf die Absicht, erst in Busan alles vorzustellen. Und ja, eigentlich ist es die Aufgabe des Vorsitzenden, eine Wahl anzusetzen oder halt eben noch nicht.
  • Des weiteren haben viele SQS-Mitgliedern abgestimmt, die nach den Statuten der ICS (siehe Term 9.2) gar nicht mehr abstimmungsberechtigt gewesen wären, da sie länger als 12 Jahre in der SQS waren. Sie dürfen zwar weiterhin im Gremium dabei sein, aber nur noch als beratende Mitglieder ohne Wahlrecht. (Zur Info, auch bei der AWG dürfen längst nicht alle abstimmen, gerade weil wir eine recht interdisziplinäre Gruppe sind. Wahlberechtigt sind hier nur Mitglieder aus der Geologie und Paläontologie sowie direkt angrenzender Fächer (Geophysik, Geochemie, etc. ), derzeit insgesamt 23 von 34, die anderen 11 sind also beratend dabei).
  • Auch gab es keinerlei Begründung für das Ergebnis. Diese mussten wir den Medien entnehmen, die vorab offensichtlich Informationen direkt von der SQS bekommen hatten. So erschien am 5.3.2024 der lange Artikel der New York Times quasi zeitgleich mit der Verkündung des Wahlergebnisses der SQS, er musste also vorbereitet gewesen sein.  Die dort sowie in anderen Medien aufgeführten Gründe für die Ablehung erscheinen vielen vielleicht nachvollziehbar, aber all dies ist jahrelang erforscht und ausdiskutiert worden (siehe Kap. 2).
  • Teile unseres Proposals wurden auch einfach nicht behandelt (insb. die SABSs in Teil 2, siehe auch dazu Kap. 2).
  • Da es schon im Vorfeld etliches Bedenkliche von Seiten der SQS und der ICS gegeben hatte, war übrigens die zuständige Ethikkommission der IUCS (International Union of Geological Sciences, mit der ICS als größter Untereinheit) von uns eingeschaltet worden. Der Bericht dieser Geoethik-Kommission lag der SQS vor, wurde aber offensichtlich weder von der SQS, noch später von ICS und IUGS in irgendeiner Weise berücksichtigt. Zu all dem kann ggf. hier und hier (siehe Chair’s Column) und hier nachgelesen werden.
  • Aber inzwischen ging es ja noch weiter. So stimmten in einer scheinbar ganz kurzfristig von der ICS angesetzten Wahl dann auch noch alle anderen Subkommissionen (also zu Trias, Jura, Kreide-Zeit usw) ab. Das Wahlergebnis wurde uns in der AWG erst wieder nicht mitgeteilt, wir mussten es zuerst auf der Facebook-Seite der IUGS, dann auf der ICS-Eingangsseite finden – auf letzterer erinnert der Link zum eigentlichen Statement sogar fast an eine Todesanzeige: das gemeinsames Statement von ICS und IUGS ist schwarz eingerahmt. Also war sogar das höchste Exekutivkommitee noch ganz flink mit drüber gegangen. Die Medien wussten dann auch gleich wieder Bescheid. Und am 25. März 2024 gab’s dann eben noch den Supergau: die ohne Vorankündigung vorgenommene, eingangs bereits erwähnte Löschung des gesamten Webauftritts der Anthropocene Working Group. Die SQS-Webseite erschien ebenfalls völlig neu. Darauf war dann ein kurzer Hinweis zur Abwahl des Vorschlags der AWG angegeben (mit 66% Neinstimmen), sowie das gemeinsame Kurzstatement von IUGS und ICS dazu. In den sozialen Medien gab es Entrüstung, aber dort wurden die alten Seiten im Internet-Archiv auch wieder ausgegraben. Am 27.3.2024 entdeckte ich, dass nun die alten Seiten interessanterweise auch offiziell wieder erreichbar sind – ‘Honni soit, qui mal y pense” –  , mal sehen, wie dies weitergeht.  
    [Nachtrag vom 2. April: Inzwischen steht auf der Seite für die Anthropocene Working Group (als Unterseite der SQS-Webseite) als gemeinsame Meldung von IUGS/ICS, dass das Anthropozän-Proposal abgelehnt wurde. Die ehemalige Webseite der AWG wird darunter als “Legacy-site” der “past activities of the Anthropocene Working Group, a former working group of the SQS” bezeichnet. Nein, war kein Aprilscherz, sondern das ist wohl der erste offizielle Hinweis, dass damit die AWG (der SQS) wirklich aufgelöst ist. Hier geht’s zur Seite: http://quaternary.stratigraphy.org/working-groups/anthropocene/ (keinerlei Garantie, dass die Seite so bleibt; und noch ein Detail: laut DeepL und Linguee bedeutet Legacy-site auch “Altlasten”, aha]

 

2. Der Ablauf: Fast 15 Jahre AWG-Arbeit unter dauerhafter Abstimmung mit SQS 

Um Nachfolgenes, weniger Bekanntes zu erörtern, hier nochmals eine kurze Vorstellung der beteiligten Gremien und Institutionen (die ja oben bereits kurz genannt wurden). Die IUGS (International Union of Geological Sciences) ist so etwas wie die “UN der Geologie“ (und wird u.a. auch von der UNESCO unterstützt). Sie ist die globale Plattform so ziemlich aller geologischen Vereinigungen der Welt sowie weiterer Institutionen aus dem Geologie-Bereich. Die größte Untereinheit, die International Commission on Stratigraphy ist insbesondere für die Unterteilung der Erdgeschichte in Kapitel und Unterkapitel zuständig. Es geht darum, dass alle Geolog*innen der Welt dasselbe etwa unter der Epoche der Höheren Jurazeit verstehen, egal ob sie in Brasilien, China oder Deutschland sitzen oder arbeiten. Diese Abstimmung und damit verbunden die Definition dieser Einheiten ist durchaus ein langwieriger, aber notwendiger Prozess. So musste ich seit meiner Studienzeit bis teilweise auch noch heute immer dazu sagen/schreiben, ob ich bei den oberjurassischen Untereinheiten Oxfordium, Kimmeridgium und Tithonium z.B. das Kimmeridgium im französischen (sensu gallico) oder im britischen Sinne (sensu anglico) verstehe. Erst vor recht kurzer Zeit wurde zumindest die Untergrenze des Kimmeridgium formal definiert; das Oxfordium und Tithonium sind allerdings immer noch „unverbindlich“.  Und beim Ordovizium, also der erdgeschichtlichen Periode zwischen Kambrium und Silur dauerte es sogar 81 Jahre von der Namensgebung und Forderung der Einrichtung einer neuen erdgeschichtlichen Periode (1879) bis zu deren Ratifizierung durch den Internationalen Geologischen Kongress (1960).  

Ein Blick auf die „International Chronostratigraphic Chart” zeigt folgendes:  Formal definierte Einheiten werden mit einem Golden Spike (Goldener Nagel) als Symbol für eine ratifizierte formale GSSP-Untergrenzendefinition markiert. Eine weitere Methode, die bisher im Präkambrium angewendet wird, ist die Markierung mit einem Uhrensymbol (als Beispiel für eine GSSA-Untergrenzendefinition mit einer numerischen Zeitangabe). Näheres zu GSSP und GSSA siehe nachfolgend.  Weiterhin werden codierte Farben für die Einheiten vergeben, die auch in Geologischen Karten so verwendet werden. Beispielsweise werden die Jurazeit und ihre Sedimente  fast immer in Blautönen dargestellt, die Kreidezeit und ihre Sedimente in hellen Grüntönen. Das Präkambrium, welches bei weitem die längste Zeit der Erdgeschichte umfasst, ist in Violett-, Rot und Brauntönen kodiert (Abb. 2). 

Abb. 2: Erstellung der Chronostratigraphischen Tabelle oder Wie die Zeit von Geologen gezähmt wurde (illustriert von Maki Shimizu, aus Hamann, Leinfelder, Shimizu 2023)

Die Working Group Mitglieder der ICS-Subkommissionen werden überwiegend von außerhalb der übergeordneten ICS-Gremien benannt. Einzelne Mitglieder einer Working Group können aber auch gleichzeitig Mitglieder der übergeordneten, zu beratenden Gremien sein. So waren bei uns in der AWG seit vielen Jahren auch zwei Mitglieder der SQS, ein weiteres früheres Mitglied war sogar Generalsekretär der ICS (und ist es noch). Es mag verwundern, dass in Beratungsgremien auch die zu Beratenden sitzen; derartiges ist insbesondere in wissenschaftspolitischen Beratungsgremien unüblich. In wissenschaftlichen Working Groups, die über lange Jahre gemeinsame Forschung betreiben und viele Studien dazu erarbeiten, kann dies aber durchaus Sinn machen. Somit steht man von vorneherein im Kontakt und kann sich gut austauschen. So ist dies zwischen uns – der AWG und der SQS – tatsächlich auch geschehen. 

Der Arbeitsablauf der AWG über die Jahre war in etwa folgendermaßen: Wir beginnen hier beim “Vater des Anthropozäns”, Nobelpreisträger Paul Crutzen (s. Abb. 1) und seinen Thesen von 2000 und 2002 (siehe dazu ggf. die Anthropozäniker-Blogbeiträge hier (in unserer Graphic Novel),  hier (zum Begriff) und hier (Nachruf auf Paul)). Nach Gründung der AWG im Jahre 2009 (hervorgehend insbesondere aus einer Arbeitsgruppe der Royal Society of London zum Anthropozän) sollten als erstes seine Thesen getestet werden (als Auftrag der SQS an uns). So ging es also los (1) und dann immer weiter (2-7):

  1. Ist das Erdsystem nun deutlich unterschiedlich zu dem im Holozän und ist diese neue Zeit auch geologisch nachweisbar?  Beide Fragen konnten wir nach etlichen Studien mit ja beantworten.
  2. Der weitere Auftrag der SQS lautete dann: Wie könnte man dann ggf. eine Anthropozän-Epoche formal definieren? Da die vorherigen Studien durchaus sehr umfassend waren und entsprechend lange Zeit benötigten, sowie zudem das Medieninteresse am Anthropozän sehr groß war, ließ man uns auch wissen, dass man an einer recht raschen Einschätzung dazu interessiert wäre. Dies ließ die AWG vor allem die Frage nach der Untergrenze des möglichen neuen Zeitabschnitt diskutieren. Paul Crutzen hatte ja ursprünglich an eine Grenzziehung gegen Ende des 18. Jahrhunderts gedacht, als die industrielle Revolution so richtig durchstartete. Wir prüften aber sehr viele Geokriterien und erkannten, dass sich die “Nachlässe” (also Geosignale) des menschlichen Tuns erst mit Beginn der “Großen Beschleunigung” in Mitte des 20 Jahrhunderts plötzlich global und quasi synchron in den Sedimenten nachweisen ließen. Das sah inzwischen auch Paul Crutzen so, der seit Gründung der AWG deren Mitglied war und eben als Co-Autor auch an unserer entsprechenden Schlüsselarbeit  zum Vorschlag einer Grenzdefinition Mitte des 20. Jahrhunderts beteiligt war (publiziert Anfang 2015). Um das Definitionsverfahren ggf. zu beschleunigen, brachten wir mit dieser Arbeit auch die Möglichkeit einer sogenannten GSSA-Definition in die Diskussion ein. GSSA steht für Global Standard Stratigraphic Age) und definiert eine numerische, also kalendarische Zeit als Beginn der Einheit. Wir wählten dafür den Zeitpunkt des ersten Atombombenversuchs (Trinity Bombe, Alamo Gordo, Neu Mexiko am 16.7.1945, Teil des Manhattan Projects der USA), mit dem Wissen, dass genügend viele Geosignale vorhanden waren, um diesen Zeitraum auch global in den Sedimenten verfolgen zu können. Wir nahmen auch an, dass später durchaus eine zusätzliche GSSP-Definition nachgereicht werden könne. Aus der SQS signalisierte man uns aber dann doch, dass ein GSSA zwar eine zulässige Definitionsmöglichkeit sei, aber eben eigentlich nur dann verwendet werden sollte, wenn wegen stark metamorph überprägter Sedimente keine GSSP-Bestimmung möglich sei, so wie überwiegend im Präkambrium, wo z.B die Grenze zwischen Archaikum und Proterozoikum exakt (im Prinzip auf den Tag genau) auf das numerische Alter von 2,5 Milliarden Jahren vor 1950 festgelegt wurde.
  3. Also bitte doch lieber weiter alle Geokriterien und ihre Verteilung prüfen, um beurteilen zu können, ob man dann vielleicht doch damit eine GSSP-Grenze definieren könnte, so die SQS.  GSSP bedeutet Global Stratigraphic Section and Point und stellt ein sedimentäres Referenzprofil dar, welches aus einer Sedimentabfolge in einem Geländeaufschluss, aber auch aus einem Sedimentbohrkern bestehen kann.  Im Quartär können alternativ auch Eisbohrkerne verwendet werden. Soche Profilabschnitte werden hinsichtlich ihrer Geosignale charakterisiert und – sofern geeignet – dann eine gut erkennbare und weltweit korrelierbare Untergrenze als „Golden Spike“ markiert. Geländeprofile als GSSP müssen dauerhaft zugänglich sein; werden Sediment- oder Eisbohrkerne zur GSSP-Definition verwendet, müssen diese in einem Archiv oder einem Museum aufbewahrt und damit der Wissenschaft ebenfalls immer zugänglich sein (etwa vergleichbar mit Definitionen neuer Tier- und Pflanzenarten, den Holotypen) (zum Golden Spike siehe auch diesen Beitrag hier im Blog).  OK, sehr schön, wir in der AWG nahmen dies gerne auf, analysierten nach umfassender Literaturauswertung und vielen weiteren eigenen Studien annähernd 100 Geokritierien, darunter weltweit verbreitete „Technofossilien“ wie Mikro- und Makroplastik, Fragmente von Beton, aber auch Flugasche aus Industrieprozessen, Pestizidrückstände, jede Menge von anderen geochemischen Markern, etwa zur Klimaentwicklung, Überdüngung u.v.m. (siehe z.B. hier). Besonders prominent und weltweit nachweisbar waren v.a. auch die radioaktiven Niederschläge aus den späteren Atombombenversuchen mit den neuen Wasserstoffbomben, die 800x stärker als die Hiroshima oder Nagasaki-Atombombenexplosionen waren.
  4. Die SQS erschien uns durchaus beeindruckt, und meinte, dann untersucht mal weltweit, anhand welcher Geokriterien und ggf. an welchen Lokalitäten eine GSSP-Definition möglich wäre. Haben wir gemacht und publiziert (siehe z.B. hier).
    Abb. 3: Die 12 untersuchten GSSP-Kandidaten (Quelle https://doi.org/10.18814/epiiugs/2021/021031)


  5. Dann wieder aus der SQS: nun macht aber einen konkreten Vorschlag für einen GSSP. OK, die AWG untersucht zwölf über den ganzen Globus und verschiedenste Ablagerungsräume verteilte Lokalitäten weltweit (s. Abb. 3), – dies übrigens auch noch in Zeiten der Corona-Pandemie, – neun davon gehen ins Endrennen. Die Ergebnisse wurden alle von der AWG publiziert (siehe hier).
  6. Zwischenzeitlich gab es einen weiteren Hinweis aus den Reihen der SQS: wäre schön, wenn Ihr gleichzeitig SABSs (Standard Auxiliary Boundary Stratotypes ) mit vorschlagen könntet, also formale Vergleichsprofile. Diese sind mit den Paratypen in der Biologie vergleichbar, und sollen, wie jene, die Variabilitäten besser dokumentieren. Das kam uns sehr entgegen, weil an sich fast alle neun im Detail untersuchten GSSP-Kandidaten potenziell als GSSP geeignet waren. Wir publizierten weiter, stimmten alles in mehreren Wahlgängen ab, und zwar nach den Regeln der ICS (also jeweils  1 Monat Diskussion, dann 1 Monat Abstimmung, alles nachvollziehbar hier zu studieren, s. S.7-9) und kamen, abgestimmt mit “Supermajority” zum Schluss, dass sich ein Bohrkern im Crawford Lake von Kanada  am besten zur GSSP-Definition eignet, obwohl fast alle anderen auch grundsätzlich in Frage kämen. Crawford hat aber noch den Vorteil, dass dort auch die voranthropozäne Geschichte , also der holozäne Teil, durch archäologische Studien ebenfalls sehr gut untersucht ist und vieles zur früheren Geschichte von Homo sapiens aussagt (siehe dazu auch unten).
  7. Wunderbar, so denken wir, da müssen wir doch in geeigneter Weise unsere Freude zum Ausdruck bringen und vor allem auch der interessierten Öffentlichkeit und Studierenden aller Fächer dies alles näher bringen: Der Anthropozäniker finalisierte also die (mit einem kleinen bewährten Team sowie der Unterstützung durch einige Mitglieder der AWG) erarbeitete Science Graphic Novel “Taming Time” zu all dem obigen im Kontext der ganzen Erdgeschichte (siehe hier und hier). Die AWG präsentierte dann unseren “Winner” auf dem Strati 2023 Kongress in Lille (Frankreich) und besprach dort auch die Vorschläge zur “Event-Alternative” (siehe unten). Und vor allem schrieben wir unser (schon in Kap. 1 erwähntes, fast 200 Seiten dickes) Proposal zu unserem Vorschlag für die GSSP- und SABS-Definitionen und reichten dies Ende Oktober 2023 bei der SQS ein (hier im Nachtrag von 13. April 2024 verlinkt). Puh, geschafft, oder? Wir freuen uns auf die Diskussionen mit der SQS und die Vorstellung und Diskussionen im Sommer 2024 in Busan, Südkorea. Ätsch, nix da! Die letzten drei Wochen scheinen dies zu zeigen.

 

3. Ist eine frühere Untergrenze  für das Anthropozän in “Event-Auffassung” wirklich sinnvoller?

In den aktuellen Medien wurde und wird viel Verständnis für die Ablehnungsbegründung durch die SQS (sowie auch deren Bestätigung  durch die ICS und IUGS) geäußert – das Argument “Mensch” zieht ja immer.  Es ist allerdings keinesfalls so, dass der Vorschlag einer früheren Untergrenze nun völlig neu und nie behandelt worden wäre, ganz im Gegenteil. Wir diskutierten dies alles natürlich auch innerhalb der AWG und überlegten dann, ob diese z.T. auch innerhalb der AWG, insbesondere aber von außerhalb gemachten (und auch publizierten) Vorschläge dazu Sinn machen könnten. Darunter waren Aussagen wie:’Es sei besser, einen früheren Anthropozän-Beginn zu wählen, diesen nicht zu formalisieren, sondern möglichst informell als ‘Event’ (Ereignis) zu bezeichnen. Tatsächlich gab es solche Stimmen aus dem Kreis der ICS-Oberen schon 2014 sowie danach, und zwar nicht uns gegenüber, sondern gleich an die Medien gerichtet, sowie auch mehrere Publikationen dazu (z.B. hier). Da fragten wir uns damals natürlich schon, warum wir eigentlich alles so mühsam und aufwändig erforschen, wenn schon vorab eine derart dezidierte Meinung zumindest von manchen gegen eine formale Etablierung eines Anthropozäns vorhanden war. Ja, in den Wissenschaften gibt es immer zuerst unterschiedliche Meinungen und Thesen und da wir ja im Kontakt mit SQS-Mitglieder standen, haben wir dies eher als Stimulus empfunden, um noch genauer hinzusehen und wissenschaftlich dazu zu arbeiten, sowie Teile der Vorschläge auch aufzunehmen und einzuarbeiten. Wir schrieben mehrere wissenschaftliche Publikationen dazu, darunter auch mehrere Event-Diskussionsarbeiten, erschienen im Jahr 2022, siehe z.B. hier und hier;  auch unser Vortrag mit Abstract für Strati 2023, Lille befasste sich damit.

Unserer publiziertes Ergebnis dazu ist in Kurzform folgendes: Der Begriff „Event“ (Ereignis) wird in der Geologie bislang extrem unscharf verwendet. Sinnvollerweise sollten Events möglichst kurzfristige Ereignisse sein, wie zum Beispiel große, ganze Regionen beeinflussende Vulkanausbrüche (etwa Tambora 1815), Sturmablagerungen, Meteoriteneinschläge etc. Mit deren sedimentären Auswirkungen, also etwa regional verbreiteten Vulkanasche-Lagen (Vulkanische Tuffe) oder korrelierbaren Sturmablagerungen, (sog. Tempestite), aber ggf. auch anderen Kriterien, etwa der durch den Asteroideneinschlag an der Kreide-Paläogen-Grenze entstandenen Iridium-Lage sowie dem damit verbundenen markanten Aussterbe-Peak  können regionale, in seltenen Fällen (wie beim o.a. Asteroideneinschlag) sogar globale  Zeitgleichen (chronostratigraphische Niveaus) in den Sedimenten erkannt und diese zur chronostratigraphischen Untergliederung der sedimentären Abfolgen benutzt werden. Auch die Umschlagspunkte von Meeresspiegel-Tiefständen und Hochständen werden als “events (Maximum Flooding Surface; Sequence Boundary etc)”  für die sogenannte Sequenz-Stratigraphie im Sinne einer modellhaften Stratigraphie in der Erdgeschichte verwendet. Leider wird der Event-Begriff aber auch in ganz anderer Weise, also für viel zu lange Zeiträume angewandt. So umspannen die meisten großen Aussterbe-„Events“ (z.B. die Oberordovizische Faunenkrise) oder insbesondere der auch in den Medien nun oft herangezogene Große Sauerstoff-„Event“ (“Great Oxygenation Event”, GOE) extrem lange Zeiträume. Der GOE dauerte sogar mehrere 100 Millionen Jahre und sollte daher eher “Great Oxygenation Episode” genannt werden, so haben wir dies auch in einer Publikation vorgeschlagen.  Wie wir die Vorschläge “Event/Früherer Beginn” mit berücksichtigt, also integriert haben, wird in Kap. 7 dargelegt (siehe insb. auch Abb. 6 dazu).

Dass leider auch Paul Crutzen immer wieder als Kronzeuge für die Notwendigkeit eines früheren Beginns des Anthropozäns (entweder in definierter Form oder als nicht formalisierter Event) angeführt wird, habe ich oben schon erwähnt. Aber auch dies wird nun von manchen Medien immer wieder gerne verwendet. Da unser hochgeschätzter Paul, der bis zu seinem Tod im Jahr 2021 AWG-Mitglied war, sich später auch für einen Anthropozän-Beginn zu Mitte des 20. Jahrhunderts aussprach, wurde oben bereits geschildert; leider kann er dies nicht nun nicht mehr bekräftigen.

In diesem Zusammenhang liest oder hört man nun auch öfters, dass Homo bzw. Homo sapiens als Kriterium nicht zweimal verwendet werden könnte. Die Auswirkungen seines Agierens auf die Erde sei ja bereits ein wichtiges Zusatzkriterium für die Definition des Quartärs, und dies nun fürs Anthropozän nochmals zu verwenden, ginge einfach nicht (so z.B. ein SQS-Mitglied, hier ab min 1:58). Dies ist  in zweifacher Hinsicht falsch. Zum Ersten wäre dies bezüglich der Stärke des menschlichen Impakts auf das Erdsystems wie ein Vergleich zwischen einem Gewehrschuss und einer Atombombenexplosion. Zum Zweiten verwenden wir auch für das Anthropozän – wie auch in allen anderen Fällen –  für Definitionen gut erkennbare bzw. messbare Geosignale als formale Kriterien, deren eigentliche Ursachen für die Definition tatsächlich irrelevant sind. Zum Dritten gibt es für das Quartär auch kein formelles Definitionskriterium “Mensch”, wenn dies auch früher gerne so gesehen wurde. Tatsächlich geht es bei der Quartär-Definition um den Beginn der Vereisung der arktischen Polkappe, weshalb die früher dem Pliozän zugeordnete Stufe/Alter Gelasium nun dem Pleistozän zugefügt wurde, wodurch die Basis des Quartärs nun deutlich älter ist. Dabei wurden als Kriterium zur Definition allerdings nicht etwa Temperaturveränderungen, sondern eine sehr scharfe chronostratigraphische GSSP-Grenze definiert – die Umpolung des Erdmagnetfelds vor 2,588 Millionen Jahren (ergänzt durch weitere Geosignale).

 

4. Die auf den Tag genaue Bestimmung des Starts des Anthropozäns sei unglaubwürdig?

Mehrfach wurde gegenüber den Medien auch geäußert, dass eine auf den Tag genaue Bestimmung des Anthropozäns unglaubwürdig sei. Leider erscheint mir dies in Teilen als bewusstes Unverständnis – ich hoffe, ich irre mich. Ja, wie in Kap. 1 geschildert, haben wir zuerst informell auch einen Vorschlag für eine GSSA-Definition gemacht und dafür Datum (und sogar Uhrzeit) der Zündung des Trinity-Tests in die Diskussion eingebracht. Diese formale Grenzziehungsmethode ist dann genauso glaubwürdig oder unglaubwürdig, wie die grundsätzlich auf den Tag genaue GSSA-Definition der Untergrenze des Proterozoikums vor exakt 2,5 Milliarden Jahren – so sind eben GSSAs zu definieren. Aber wir haben dann ja, wie oben in Kap 2 geschildert, viel lieber nach einer GSSP-Definitionsmöglichkeit gesucht. Dazu haben wir die weltweit und in quasi allen Ablagerungsräumen nachweisbare Plutoniumlage zu Beginn der großen Beschleunigung als GSSP-Hauptkriterium genommen. Das Erscheinen dieses Geosignals ist erfreulicherweise sogar absolut, also in Zahlen, datierbar, was für eine GSSP-Definition aber gar nicht notwendig wäre. Das Signal lässt sich dem Ivy Mike-Test zuordnen, daraus lässt sich dann auch eine Jahreszahl ableiten (das ist damit quasi ein GSSP mit zusätzlichem GSSA-Aspekt). Der große Mehrwert dieser zusätzlichen numerischen Charakterisierung  wird in Kap 6 behandelt.  Aber auch ohne Jahreszahl und aufwändige Messungen des absoluten Alters ist die Untergrenze des Anthropozäns natürlich weltweit in den Sedimenten nachvollziehbar und grundsätzlich auch kartierbar, denn dieser erste Wasserstoff-Atombombentest namens Ivy-Mike vom 30. Okt/1. Nov 1952 (je nach verwendeter Zeitzone) war 800x stärker als die Hiroshima oder Nagasaki-Atombombenexplosionen. So wurde der Versuchsort von Ivy Mike, das pazifische Eniwetok-Atoll dabei komplett zerstört und die radioaktiven Niederschläge sind nicht nur dort, sondern weltweit nachweisbar, wie auch unsere Untersuchungen zeigen.

In den nachfolgenden Kurzkapiteln 5-8 erlaube ich mir, einige Aspekte fehlenden Verständnisses insbesondere (aber nicht nur) innerhalb einiger Teile der Geolog*innenschaft aufzuführen, in der Hoffnung, dass dies möglicherweise ein Umdenken anregen könnte.

 

5. Fehlendes Verständnis für Zeitdynamiken

Wegen des Umgangs mit der Erdgeschichte sind Geologinnen und Geologen an sehr lange Zeitskalen gewöhnt, obwohl im Detail auch eine möglichst hohe Zeitauflösung zu erreichen versucht wird. Letzteres kann etwa mit Hilfe von Jahresringen in Korallenskeletten gelingen, welche unter anderem den jährlichen Temperaturverlauf geochemisch aufzeichnen, was durch Isotopenuntersuchungen rekonstruiert werden kann. Auch mit sogenannten sedimentären Gezeitenbündeln (Tidal Bundles) in Wattablagerungen, also Zeitauflösungen im Halbmonatsbereich, in jährlichen Sommer-/Winter-Warven von Seen (so auch beim Crawford Lake), oder eben auch mit der Eventstratigraphie (der zeitlichen Korrelation von sedimentären Kleinsequenzen unterschiedlicher Ablagerungsbereiche) können hohe Zeitauflösungen erreicht werden. Wegen des vorherrschenden Langzeitfokus hört man aber leider auch heute noch von etlichen Kolleg*innen aus der Geologie, ja selbst von manchen Journalist*innen, die Geologie studiert haben, dass sich doch das Klima und die Umwelt ja schon immer geändert hätten (Abb. 4,  siehe dazu diesen Anthropozäniker-Blogbeitrag), genau dies würde doch die Erdgeschichte zeigen. Auch hätten Organismen ja schon mehrmals das Erdsystem geändert, also bitte nicht zu viel Aufregung in Sachen anthropogenen Klima- und Biodiversitätwandels. Der Generalsekretär der ICS, Phil Gibbard sprach 2022 im Blog „Geology Bites“ sogar davon, dass das Holozän eigentlich auch nur eine Zwischeneiszeit darstellen würde und der nächste Eisvorstoß trotz menschlicher Aktivitäten selbstverständlich sowieso wieder käme ( siehe hier, ab Min. 15:11).  Natürlich kamen Klima- und Biodiversitätswandel in der Erdgeschichte zwar häufig vor, und ja, auch bestimmte Organismengruppen haben schon vor uns das Erdsystem mehrfach stark beeinflusst (siehe Abb. 4)  Dass jedoch die Zeitdynamik solcher Änderungen heute eine absolut andere ist,  wird dabei leider oft ignoriert. Die fehlende Kenntnis wichtiger Arbeiten (etwa aus der Gruppe um Ganopolski, siehe z.B. hier)  aber auch von Publikationen der AWG (z.B. 2016 in der wiss. Zeitschrift Earth’s Future), die dies klar darlegen, ist manchmal frappierend.  Dass damit auch „ausgewiesene“ Klimawandelleugner die Ablehnung einer formalen Anthropozän-Definition feiern, ist dabei nicht verwunderlich (nur zwei Beispiele, in EIKE  und The New American , seien hier verlinkt).

Abb 4: Narrativ “Hall of Fame der Organismen der Erdgeschichte”: Methanbakterien haben im Archaikum das Klima stabilisiert (die Sonne strahlte damals noch nicht in voller Stärke), als Voraussetzung für die Entwicklung weiterer Lebensprozesse; Eisenbakterien pufferten die beginnende Sauerstoffentwicklung durch Cyanobakterien und fällten dadurch die Haupteisenerzvorkommen der Erde (Gebänderte Eisenerze); Cyanobakterien bewirkten den Umschwung zu sauerstoffhaltigen Meeren und sauerstoffreicher Atmosphäre, kühlten gleichzeitig dadurch die Erde stark ab. Kalkschalige Organismen, darunter insbesondere Korallenriffe und Lagunenorganismen generierten die für die Bauindustrie essenziellen Kalke; Wälder produzierten Kohlen (und steuerten das Klima); Plankton generierte zu bestimmten Zeiten Erdöl, Erdgas und alle wesentlichen Phosphatvorkommen (letztere gemeinsam mit Meerestieren, welche das Plankton fraßen). Ein besonderes Ereignis war auch die Entstehung des Grases, welches nicht nur das Klima stabilisierte (dauerhafte Bodenbefestigung, Humus), sondern eine sich ständig regenerierende nachwachsende Nahrungsressource zur Verfügung stellte, was zum Evolutionsschub von Rindern und Pferden führte und dann dem Menschen ermöglichte, sesshaft zu werden und Ackerbau und Viehzucht zu betreiben (bei der Gräser in Form von Getreiden sowie für die Rinderzucht weiterhin essenziell sind). Der Mensch hat allerdings in allerkürzerster Zeit das Erdsystem nochmals komplett umgekrempelt, indem er die von den Organismen und geologischen Prozessen der Erdgeschichte generierten Ressourcen extrem übernutzt und dabei enorm in das Erdsystem eingreift. “Superman” Mensch kann zwar reflektieren, hat allerdings nun keine einfache “Silverbullet”, um alle generierten Probleme wieder zu reparieren und wieder zur zur Nachhaltigkeit zurückzukehren. (Vorlesungsressource Leinfelder, Scribbles Leinfelder)

 

Insgesamt ist eine derart extreme, quasi exponentielle Zeitdynamik, wie die der Großen Beschleunigung  ab Mitte des 20. Jahrhunderts, die sich auch noch sedimentär nachweisen lässt, bislang fast einzigartig (Ausnahme ggf. der oben schon erwähnte Asteroideneinschlag am Ende der Kreidezeit). Diese Zeitdynamik verhindert Möglichkeiten der Anpassung oder der evolutionären Weiterentwicklung. Hier sehe ich eine große Aufgabe auch in der geologischen Ausbildung, die Zeit- und Raumskalendynamik sowie deren “Verschachtelung” deutlich besser zu lehren. Dass dies möglich ist, zeigen mir viele positive Rückmeldungen durch Studierende aus meinen Lehrveranstaltungen zur Erdgeschichte und zum Anthropozän, aber auch aus anderen Studiengängen (Herzlichen Dank für das große Interesse, liebe Studis! Dieser Dank ist mir ein großes Anliegen!)

 

6. Fehlendes Verständnis für die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Relevanz, weitere Empfindlichkeiten

Das Anthropozänkonzept als interdisziplinäres Konzept ist komplex und umfassend, daher ist es wichtig,  dabei – auch bei Kritikpunkten – jeweils die verschiedenen Ebenen (und natürlich auch ihre Wechselwirkungen) zu betrachten und ggf. auch auseinanderzuhalten (Abb 5; siehe auch hier im Blog).

Abb. 5: Das Mehrebenenkonzept des Anthropozäns

Diese Ebenen sind:

  1. Die Erdsystemare Ebene; in ihr werden – als Basis für alles weitere – die anthropogenen erdsystemaren Veränderungen und deren Wechselwirkungen im Detail untersucht. Dazu wird als neue Erdsystemsphäre auch eine Anthroposphäre eingeführt, da diese mit allen anderen äußeren Erdsphären interagiert (Atmosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre, Pedosphäre, Lithosphäre),  siehe auch hier
  2. Die Geologisch-Stratigraphische Ebene;  hier wird untersucht, ob sich auch geologische Prozesse (wie Erosion, Sedimenttransport, Flussläufe, Organismen  etc. etc.) sowie Sedimentcharakteristika geändert haben und dadurch auch für die Chronostratigraphie verwendbar sind;
  3. Eine konsequentiale Metaebene ergibt sich als Ableitung aus den analytischen Ebenen 1 und 2.  Ebene 3 ist insbesondere gesellschaftlich und politisch relevant (zur gesellschaftlichen und interdisziplinären wissenschaftlichen Relevanz auch der Ebenen 1 und 2 siehe Kap. 7). Bei der Metaebene 3 geht es also auch um den Versuch, aus wissenschaftlicher Sicht Lösungsansätze anzustoßen, zu begleiten und auf das systemische Zusammenspiel hinzuweisen. So sagte Paul Crutzen schon im Jahr 2000, dass die Politik alleine es nicht richten wird, es bräuchte dazu schon auch die Wissenschaften (Technikwissenschaften und andere). Oder wie ich es in Vorlesungen und Vorträgen gerne mit einer Metapher erklärt  habe:  Wenn wir zum Hausarzt gehen und uns mal wieder untersuchen lassen, erwarten wir nicht, dass uns der Arzt ggf. nur mitteilt: „Oh, Sie sind sehr, sehr krank. Auf Wiedersehen, viel Glück!“ Nein, wir wollen, dass er die bestmögliche Methodik für seine Diagnose-Erstellung verwendet hat, aber auch, dass er uns seine Diagnose erklärt und konkrete Vorschläge zur Behandlung macht. Sollte er uns an Spezialisten überweisen müssen, erwarten wir, dass er diesen Prozess begleitet und uns verständlich macht, was passiert und ob die Therapie anschlägt oder noch weiteres notwendig sei (siehe auch hier im Blog dazu). Ja, manchen Politikwissenschaftlern ist das Anthropozän, also insbesondere diese Ebene zu wenig politisch, anderen viel zu zu politisch, für wieder andere, darunter auch einige Journalisten und ICS-ler sind wir in der AWG sogar politische Aktivisten, und ja, denen (also der AWG) hat es nun  “die Wissenschaft” (gemeint ist die SQS) kräftig “gegeben”, so war leider auch der Tenor in etlichen Zeitungsartikeln.  Zur AWG gehör(t)en Leute wie Paul Crutzen†, Will Steffen†, Peter Haff†, Colin Waters, Colin Summerhayes, Naomi Oreskes, John McNeil, Jaia Syvitzki und viele mehr – alles keine Wissenschaftler*innen? Oft hieß es auch, “Geologen votieren gegen das Anthropozän”  – als hätten wir nicht auch jede Menge von AWG-Mitgliedern aus der Geologie!     

Ähnliches gilt für viele anderer Fächer, überall gibt es sowohl begeisterte Zustimmung („endlich mal echtes interdisziplinäres, systemisches Arbeiten, denn alles hängt ja wirklich mit allem zusammen“),  als auch vehemente Kritik, die auch aus Ängsten, ihnen könne etwas weggenommen werden resultiert, (ggf. Blogbeitrag hierzu). Und innerhalb der Geologie fürchten etliche, selbst Geofreunde aus meinem engeren Kreis, dass die ach so wichtige „Fokussierung“ der Geologie darunter leiden könnte, wenn man derart interdisziplinär – pfui – an die Dinge rangeht. Sehr gerne wird dabei allerdings vergessen, das gerade die Geologie auch eine große Bringschuld wegen der immensen, auf die Geologie zurückgehende Ressourcenausbeutung unseres Planeten hat. Auch zur Ressourcengewinnung haben wir in der AWG viel geforscht, Daten zusammengetragen und sind zu erschreckenden Zahlen gekommen. So sind etwa 77% der eisfreien festen Erde keine Urnatur mehr, wir haben 30 Billionen Tonnen Technosphären-Material geschaffen, dazu an Energie in den letzten 70 Jahren fast das eineinhalb-fache dessen verbraucht, was wir in den knapp 12.000 Jahren zuvor verbraucht haben. Die (kohlenstoff-basierte) Biomasse der Menschen und ihren Nutztieren beträgt etwa 96% der Gesamtbiomasse aller Säugetiere usw. usw (siehe auch weitere Zahlen hier, Abb. 1), einige unserer Papers dazu: hier, hier und hier.   (Weitere Blogposts im Anthropozäniker gibt es auch dazu, etwa Süchtig nach Energie, Die menschengemachte Masse – darf’s ein bisschen mehr sein?, Auch Maschinen haben Hunger, Rohstoffmanagement im Anthropozän – Das Beispiel der Phosphate usw.)

Noch vor etlichen Jahren sahen viele auch Probleme in der Namensgebung, der Name Anthropozän bedeute Gleichmacherei, nicht alle Menschen seien aber gleichermaßen an den Ursachen beteiligt, ganz im Gegenteil. Auch seien Genderaspekte nicht berücksichtigt (denn anthropos bedeutet nicht nur Mensch, sondern auch Mann), u.v.m.  Also wurden alternative Begriffe wie Kapitalozän, Pyrozän, Plastizän, Wasteozän, Homogenozän u.v.a. vorgeschlagen (siehe auch hier im Blog). Ja, alle diese Begriffe konkretisieren jeweils wichtige, unterschiedliche Punkte, lassen aber viele Aspekte einfach aus. Im Wort Anthropozän, also dem „menschengemachten Neuen” steckt dies alles mit drin (natürlich auch, dass der Lebensstil, nicht die reine Menschenzahl ausschlaggebend ist – Anthropos wird für den Terminus Anthropozän generisch verwendet). Und darüber hinaus geht es bei der Definition der Anthropozän-Einheit nur um eine Betrachtung von Geosignalen, egal, wodurch diese produziert wurden.

 

 

7. Fehlendes Verständnis für den Mehrwert der exakten Definition einer Anthropozän-Epoche

  1. Die Sedimente des Anthropozäns stellen ein nicht von Menschen eingerichtetes, daher “ungebiastes” Archiv der Spuren menschlicher Aktivitäten dar. Im Unterschied dazu sind so gut wie alle anderen historischen Archive (etwa Aufschriebe von Fischanlandungen, zahlenmäßige Dokumentation des Ressourcenabbaus etc.), ja selbst ein heutiges Monitoring mit Satelliten, eben von Menschen eingerichtet und gemanagt. Menschen entscheiden also, ob und was aufgeschrieben wird, auf welchen Bahnen und wann Satelliten fliegen, u.s.w.. Welch großer Vorteil wäre es, historische und aktuelle, sowie archäologische Archive nun auch mit dem sedimentären Anthropozän-Archiv korrelieren zu können  – dazu ist auch das Zeitdatum für die Untergrenze sehr hilfreich –  und dann gemeinsam auszuwerten! Dieser große Mehrwert einer Anthropozän-Definition sollte viel mehr hervorgehoben werden. 
  2. Zum Anthropozän zu arbeiten oder es stratigraphisch zu definieren, bedeutet überhaupt keine  Wegnahme von Themen aus anderen Bereichen ( etwa wie „Geologen machen jetzt die Archäologie überflüssig”, “Es ist doch die Geographie, die Mensch-Natur-Interaktionen behandelt, nicht die Geologie”, oder “Geolog*innen machen jetzt auf Soziolog*innen” und so weiter und so fort. Ja, all dies ist mir selbst so begegnet, und nicht gerade selten.  Nein, ich sehe dies ganz im Gegenteil: systemische Forschung im Sinne von echt interdisziplinärer und transdisziplinärer  Zusammenarbeit kann so enorm gefördert werden, was auch dringend nötig ist. Multidisziplinarität, also das Beleuchten eines Themas durch verschiedene Fächer, ohne dies alles wirklich zusammenzuführen, ist zu wenig. Starre Fachgrenzen grenzen eben systemisches Arbeiten aus. Es gilt, dass „alles mit allem zusammenhängt“ , so dass wir von einem Betrachten der Umwelt als Gegensatz zur Menschenwelt weg müssen, hin zu einer Gesamtbetrachtung, also zur “Unswelt” (was ja das Motto dieses Anthropozäniker-Blogs ist). Welch spannende Zeiten, gerade auch für die Wissenschaften, aber auch für deren Kommunikation! 
  3. Nein, die frühere Menschheitsgeschichte wird auch keinesfalls unterschlagen, ganz im Gegenteil. Der Prozess, der zum Anthropozän im stratigraphischen und ggf. auch politischen Sinne führt, wäre ohne Archäologie und historische Geographie völlig undenkbar. Wir müssen natürlich die Gesamtgeschichte der Kulturalisierung als Prozess verstehen, aber eben auch deren räumliche und zeitliche Charakteristika und Dynamiken. Umgekehrt brauchen die Archäologie, aber auch die Geologie und natürlich auch die Geschichtswissenschaften möglichst viele exakt synchrone Korrelationsmöglichkeiten, da kann nun auch geologische Stratigraphie sehr helfen. Und durch die Datierung der Untergrenzen-Eventbündels des Anthropozäns (GAEA: Great Acceleration Event Array), sowie tieferer und höherer “Events” sind diese auch mit kalendarischen Zeitskalen zusammenführbar – was für ein Gewinn für das Gesamtpaket (siehe Abb. 6)!

    Abb. 6: Konzeptuelle Visualisierung der Beziehungen zwischen chronostratigraphischen Einheiten, isochronen Ereignismarkern und der hochgradig diachronen Anthropogenic Modification Episode (AME) sowie der Late Quaternary Extinction Episode auf dem gesamten Globus (Regionen schematisch ohne Maßstab). Der Beginn der archäologischen Zeitalter (Neolithikum, Bronze- und Eisenzeit) und die Merkmale des Beginns der industriellen Revolution sind diachron und liegen innerhalb der AME. GAEA: Great Acceleration Event Array). Aus Waters et al. 2022, https://doi.org/10.1016/j.earscirev.2022.104171

    Nur der Terminus Anthropozän passt eben als Begriff für diese gesamte kulturelle Entwicklung des Homo sapiens nicht. Anthropozän ist ein typisch chronostratigraphischer Name für quartäre Untereinheiten (-zän, siehe auch weiter oben). Unser Vorschlag der AWG war ja (siehe unser Paper “Epochs, Events and Episodes: Marking the Geological Impact of Humans“), die gesamte Zeit dieses Prozesses als anthropogene Modifikationsepisode (Anthropogenic Modification Episode, AME), reichend vom jüngeren Pleistozän bis incl. Anthropozän, zu bezeichnen. Alternativ zu AME wäre eventuell auch Anthropolithikum, Technolithikum, Culturalisanse, Anthropogene Episode oder, vielleicht am geeignetsten Prä-Anthropozän-Episode oder evtl. auch Proto-Anthropozän1 (die letzten beiden jedoch ohne Inklusion des Anthropozäns im stratigraphischen Sinne; das käme dann darüber) möglich. Würde das Anthropozän jedoch nicht stratigraphisch definiert, sondern die Zeit seit Mitte des 20. Jahrhunderts verbliebe weiter im Holozän, würden wir den “Holozän-Zombieismus” dauerhaft weiterführen (siehe auch hier). Und nur – by the way – falls nicht bekannt: Obergrenzen stratigraphischer Einheiten werden in der Chronostratigraphie nie definiert, sondern von der Untergrenze der darüberfolgenden Einheit gebildet. Würde man also sagen, wie manche auch in der Geologie behaupten, dass das Holozän implizit so definiert sei, dass es das Rezente mit einschließt, also bis zum Heute gilt, würde das Holozän auch die nächsten 100 Millionen Jahre und länger bestehen bleiben, das kann wohl wirklich niemand wollen.  Dies führt uns kurz noch zu Kap. 8:

 

8. Das zukünftige Anthropozän

Vorab eine klare Zurückweisung: nein, eine formale Anthropozän-Definition wäre kein defätistisches sich damit abfinden, dass nun halt alles so bleibt, wie es ist oder gar noch schlimmer wird, wie dies etwa in einem Gastartikel der New York Times vom 22. April behauptet wird. Ganz im Gegenteil.

Wir wissen zwar, dass nicht nur die Geosignale des derzeitigen Anthropozäns, sondern auch des zukünftigen Anthropozäns dauerhaft erhalten bleiben, selbst wenn wir es schaffen sollten, auf fossile Energien zu verzichten, weniger Raubbau an der Unswelt zu betreiben, unser Wirtschaften zu ändern und vieles mehr (siehe hierzu auch Nachtrag vom 12.4.2024). Selbst bei der Einführung einer kompletten, durch erneuerbare Energien betriebenen, sich also an der Biosphäre orientierenden Kreislaufwirtschaft, würden wir aber auch weiterhin Technofossilien und andere menschengenerierte Geosignale finden, wenn auch hoffentlich deutlich weniger. Auch bei der perfekten Kreislaufwirtschaft der Biosphäre verbleiben Fossilen in den Sedimenten, sonst würde es gar keine Paläontologie geben können. In Sedimenten aus der Jura-Zeit muss ich meist sehr lange nach einem Leitfossil, etwa einem Ammoniten suchen, sie sind in der Regel recht selten. Hingegen finden wir etwa Mikroplastik als Technofossil im Anthropozän weltweit in der Regel schon bei einer Probennahme. Soviel würden wir wirklich nicht benötigen, um auch in Zukunft Stratigraphie machen zu können, also bitte nicht mit diesem Argument kommen!

Die Komplexität des Anthropozäns mit seinem klaren Befund, dass alles mit allem zusammenhängt, zeigt uns auch, dass es keine Supermann-Lösung für unsere Probleme gibt (vgl. Abb 4). Wir müssen aufhören, immer nur nach DER EINEN richtigen Lösung zu suchen, uns dabei ‘totzudiskutieren’, weil ganz verschiedene Meinungen dazu vorhanden sind, welches DIE EINE richtige Lösung sei. Und wenn wir die nicht finden (- natürlich gibt es die nicht! -), wollen viele oft einfach abwarten und darauf vertrauen, dass wir schon noch etwas Neues als Lösung entwickeln werden. Nein, wir müssen jetzt auf dem langen Zukunftsweg losgehen. Wir können und sollten dabei aber verschiedene Zukunftspfade (also ein ganzes Zukunftspfadeportfolio) gemeinsam begehen und dies ggf. immer wieder nachjustieren (etwa, wenn wirklich neue Technologien oder ähnliches funktionsfähig und verfügbar werden). Wie hier in diesem Blog mehrfach diskutiert, müssen wir weg vom “Weiter so wie bisher”, benötigen aber sowohl “Reaktive Lösungen” (etwa neue Gesetze, Verbote, Bau von Schutzmaßnahmen, wie Dämmen), als auch ein “Weniger ist mehr” (mehr regionale und saisonale Ernährung, mehr Rad, weniger Auto etc.), genauso wie einen “bioadaptiven Pfad” (Kreislaufwirtschaft, Renaturierungen von Flüssen, Energiewende etc.), sowie natürlich auch einen Hightech Pfad (etwa Energiegewinnung durch Fenster und Außenwände von Gebäuden, vielleicht doch noch irgendwann Kernfusion, falls sie funktionieren und risikofrei sein sollte, sowie die Abwärmeproblematik auch gelöst werden kann; usw.) (Abb 7, siehe dazu im Blog insb. hier und hier). Wenn wir dies auch durch das Öffnen unserer Augen für einen systemischen Blick, den das Anthropozän-Konzept ja bietet,  besser verstehen würden, wäre das Anthropozän wirklich ein Gamechanger. Auch hierzu forscht die AWG übrigens (mehr dazu mal in einem späteren Blogbeitrag). 

Abb. 7: Neben des erdsystemunverträglichen Wegs führen mehrere Pfade in eine erdsystemverträgliche Anthropozän-Zukunft. Diese Pfade können und sollten durchaus parallel begangen werden. Der allgemeine Kompass könnte eine perfekte, sich an der Biosphäre orientierende Kreislaufwirtschaft sein (siehe Inset links oben), die jedoch auch Suffizienz- und Hightechaspekte umfassen sollte sowie  reaktive Maßnahmen (Subventionen, weitere gesetzliche Regelungen etc.) beinhalten muss. Aus Leinfelder 2016, ergänzt, siehe auch hier im Blog)

 

Schluss und Ausblick

Kommt Ihnen der Titel dieses Blogbeitrags irgendwie bekannt vor? Ja, ich gebe zu, er lehnt sich an einen aktuellen Oskar-Gewinner, den Film “Anatomie eines Falls” an. Dauert es im Anthropozän auch so lang wie in diesem Film? (Den Film fand ich gut, er kam mir aber fast “ewig” vor).  Wurde in der Anthropozän-“Entscheidung” auch bewusst nebeneinander hergeredet? Wollte oder konnte man sich vielleicht einfach nicht verstehen? Hatte man Ängste hinsichtlich eines Bedeutungsverlustes? Gab es Wahnattacken? Wer ist egoistisch, wer verteidigt sich wie und warum? Also ich hab zumindest versucht, hier ein bisschen in der Anatomie des Anthropozän-Falls rumzustochern. Ob dies hilfreich für Ihre Einschätzung ist, muss jede*r selbst entscheiden. Einen Unterschied zum Oscar-gekrönten Film gibt es allerdings:  Im Anthropozän-“Fall” war es wohl weder ein Unfall, noch ein Suizid. Oder doch ein Suizid, aber wenn ja, von wem? Oder sollte das Anthropozän gar von vorne herein ‘abgemurkst ‘werden, vielleicht sogar als beauftragter Meuchelmord? Lassen wir’s gut sein und schauen wieder nach vorne. Wie könnte es weitergehen?

Das Statement der IUGS findet sich hier, einer kurze gemeinsame  IUGS/ICS-Verlautbarung gibt es auf der ICS Webseite . Dort steht nun nichts mehr davon, wie es weitergehen könnte.  Laut eines Postings der IUGS auf ihrer IUGS-Facebookseite soll jedoch im Sommer beim Internationalen Geologischen Kongress in Busan wohl ein neues ICS-Komitee eingerichtet werden und ggf. auch Statutenänderungen durchgeführt werden.

Den Fall sicher nicht lösen würde es, wenn möglicherweise eine Kategorie “Events” als weitere ‘offizielle’, aber sehr unscharfe Parallelkategorie für die chronostratigraphische Tabelle etabliert würde (Formulierungen im Ablehnungsstatement der IUGS/ICS könnten auf ein derartiges Vorhaben hindeuten).

Aber vielleicht wird ja zumindest eine Crawfordian-Stufe als oberste Einheit des Holozäns eingeführt? Dann müsste man allerdings wohl 10 Jahre warten, um diese Stufe dann doch noch einem Anthropozän zuzuordnen? Denn einmal als GSSP eingerichtet, gilt eigentlich (noch) diese 10-Jahresfrist. Bei Ablehnung eines Proposals hingegen nicht. Fragen über Fragen.

Ich habe, auch wenn ich viel in den Zukunftswissenschaften unterwegs war und bin, keine Glaskugel, das ist auch besser so. Aber Zukunftswünsche und Vorstellungen zu einer lebenswerten Zukunft sind unbedingt notwendig, denn nur wenn man sie sich vorstellen kann, erreicht man sie ggf. auch: Wenn also nach Busan ein neues IUGS-Exekutivkommitee sowie eine überarbeitete ICS-Struktur wirklich auch für einen Versuch stünden, sich insgesamt besser zu verstehen, und sich die ICS/IUGS auch für ein stratigraphisches Anthropozän nochmals öffnen würde, könnte unser Proposal jederzeit nochmals eingereicht werden.

Ansonsten würde die AWG, so sieht es aus, unabhängig von der ICS weiter als Arbeitsgruppe bestehen bleiben, und ja, der Name ist nicht geschützt. Und auch das Anthropozän geht natürlich nicht unter, sondern ist mitten in dieser Welt.

Warten wir also den Kongress in Busan ab – auch wenn ich zugegeben muss, dass es mir bis dahin sicher wie meinem Lieblingsphilosopen Karl Valentin gehen wird: “Erst wartete ich langsam, dann immer schneller…”


Fußnoten:

1 Nachtrag v. 1.5.2024: Proto-Anthropozän: Das Proto-Anthropozän (alternativ auch Prä-Anthropozän, Technolithikum o.ä.) würde die Zeit seit der Erfindung der ersten Waffen (Speerspitzen etc) durch den Menschen, das Paläolithikum, das Neolithikum (die Zeit der Niederlassung und Umstellung auf Landwirtschaft), und die Neuzeit incl. der industriellen Revolution umfassen (also die Zeit in der der Mensch ein kulturell verstärkter biologischer Faktor, sowie Neolithikum ein geographischer Faktor war) und dann ab Mitte des 20. Jahrhunderts im Zuge der Großen Beschleunigung zum globalen geologischen Faktor sowie zu einem dominanten Erdsystemfaktor wurde. Die AME (anthropogene Modifikationsepisode) würde das sich diachron entwickelnde Prä-/Protoanthropozän umfassen und von der geologischen Anthropozän-Epoche überlagert werden (s. Abb. 6 oben sowie Fig 1 unten).  Von Interesse in diesem Kontext ist vielleicht auch die Graphic Novel “30 Meilensteine auf dem Weg zum Anthropozän”, erstellt für die “Willkommen im Anthropozän”-Ausstellung des Deutschen Museums (von 2014-2016) (nun als Virtual Exhibition im Environment and Society-Portal des Rachel Carson Centers, München. https://www.environmentandsociety.org/exhibitions/welcome-anthropocene/milestones-anthropocene


Version 1a vom  28. März 2024; Version 1b bzw. 1c (nach Rechtschreib- und Stil-Korrekturen) vom 3. bzw. 17. April 2024; Nachträge von 28.3.-1.5.2024;  Vers.1e vom 1.5.2024 (nun mit Inhaltsverzeichnis und Fußnote 1); Vers. 1f vom 15.5.2024 (minimale Korrekturen u. Ergänzungen)

Als Ergänzung siehe auch Blogbeitrag vom 5. März  .

Zur “Zähmung der Zeit” durch Goldene Nägel etc., allgemein zur Gliederung der ganzen Erdgeschichte und insbesondere zum Anthropozän siehe auch den Blogbeitrag zu unser Science Graphic Novel “Taming Time. A Golden Spike for the Anthropocene” (hieraus stammt auch das Vorschaubild dieses Beitrags).


Nachträge:

28.3.2024 nachmittags: Riffreporter Audiopodcast: “Ist das Anthropozän jetzt tot, Herr Schwägerl?” (40 sehr empfehlenswerte Minuten)

1. April 2024  English version of this blogpost “Anthropocene – Anatomy of a case”, pdf, 5,2 MB (direct download

2. April 2024: Legacy-site und Ende der AWG (sensu SQS) hier nachgetragen.

10. April 2024: Zwei aktuellere Medienartikel von Mitgliedern der Anthropocene Working Group:

12. April 2024: Preprint eines im Review befindlichen neuen AWG-Papers (Summerhayes et al.): “The duration of the Anthropocene epoch: a synthesis“. Download via ResearchGate or via SSRN .

Aus dem Abstract: 

The resulting distinction between relatively stable Holocene conditions and those of the proposed Anthropocene epoch is substantial, irreversible, and likely to persist indefinitely. The still-rising trajectory of greenhouse gas emissions from the energy requirements of a growing global population is leading to yet greater and more permanent divergence of the Anthropocene from the Holocene Earth System. …. Given the magnitude and rapid rise of atmospheric carbon dioxide (CO2), its long lifetime in the atmosphere, and the present disequilibrium in Earth’s energy budget (expressed as the Earth’s Energy Imbalance, or EEI), both temperatures and sea level must continue to rise – even if carbon emissions were lowered to net zero (where CO2 emissions = CO2 removals) – until the energy budget balance is eventually restored. Even if net zero were achieved immediately, elevated global temperatures would persist for at least several tens of millennia. The expected levels of warmth have not been seen since the early Late Pliocene, and interglacial conditions are likely to persist for at least 50,000 years … Continued increases in greenhouse gas emissions are likely to extend that persistence to around 500,000 years and will likely suppress the pronounced expression of Milankovitch cyclicity typical of the Pleistocene Epoch. This major perturbation alone is sufficient to justify the Anthropocene as an epoch terminating the Holocene Epoch; the wider effects of climate change in driving further, mostly irreversible, restructuring of the biosphere amplifies this distinction.
From: Summerhayes, C.P., Zalasiewicz, J., Head, M., Syvitski, J, Barnosky, A., Cearreta, A., Fiałkowicz-Kozieł, B,Grinevald, J., Leinfelder, R., McCarthy, F.M.G., McNeill, J.R., Saito, Y, Wagreich, M., Waters, C.N., Williams,M., Zinke, J., (2024): The duration of the Anthropocene epoch: A synthesis.- Pre-review preprint, available from SSRN: https://ssrn.com/abstract=4788354 or doi.org/10.2139/ssrn.4788354 (posted 9 April 2024).

13. April 2024: Wir haben nun unser gesamtes Proposal öffentlich zugänglich gemacht:

  • Executive Summary: The Anthropocene Epoch and Crawfordian Age: proposals by the Anthropocene Working Group. https://eartharxiv.org/repository/view/6853/
  • Part 1: Anthropocene Series/Epoch: stratigraphic context and justification of rank. The Anthropocene Epoch and Crawfordian Age: proposals by the Anthropocene Working Group. https://eartharxiv.org/repository/view/6954/
  • Part 2: Descriptions of the proposed Crawford Lake GSSP and supporting SABSs. The Anthropocene Epoch and Crawfordian Age: proposals by the Anthropocene Working Group. https://eartharxiv.org/repository/view/6963/
  • Die Empfehlung des AWG-Proposals in einem Bild (aus AWG-Proposal Part 1):  (in Ergänzung zu Abb 6. oben)


18. April 2024: Artikel von Jan Zalasiewicz, Scott Wing und der Anthropocene Working Group, in Smithsonian Magazine: What Myths About the Anthropocene Get Wrong. These ten misconceptions underplay how much we have altered the global environment and undermine the new perspective we need to deal with a drastically changed world.- https://www.smithsonianmag.com/smithsonian-institution/what-myths-about-the-anthropocene-get-wrong-180984181/  (mit wichtigen Abbildungen)

19. April 2024: neuer Anthropozäniker-Blogpost zur obigen Stellungnahme im Smithsonian Magazin: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/10mythen/

20. April 2024: Weekend Essay von Elizabeth Kolbert in The New Yorker: The “Epic Row” Over a New Epoch. Scientists, journalists, and artists often say that we live in the Anthropocene, a new age in which humans shape the Earth. Why do some leading geologists reject the term? https://www.newyorker.com/news/the-weekend-essay/the-epic-row-over-a-new-epoch

30. April 2024: Christian Schwägerl: Der Kampf um das Anthropozän: Was steht auf dem Spiel? Te.Ma  – Planetare Gesundheit.- https://doi.org/10.57964/6rsz-9m53 

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

8 Kommentare

  1. Wir leben sicher in einer erdgeschichtlich neuen Epoche. Doch das Ereignis, welches den Beginn einer neuen erdgeschichtlichen Epoche einleitet, kann sich durchaus über mehr als 100 Jahre hinziehen, schliesslich dauern erdgeschichtliche Epochen ja immer mehrere Tausend Jahre.

    • Hallo Herr Holzherr, danke für Ihren Kommentar, da muss ich aber leider “gegenhalten” 😉 Epochen dauern in der Erdgeschichte sehr unterschiedlich lang, und natürlich werden die Zeitauflösungsmöglichkeiten zum Jüngeren immer besser, damit auch die Epochen kürzer. Im Archaikum dauerten Epochen 400 Millionen Jahre, im Proterozoikum ±200 Millionen Jahre, die Epoche des Unterjura dauerte knapp 30 Millionen Jahre, Im Neogen sind wir so bei etwa 2 Millionen Jahren für die meisten Epochen. Also die länge einer Epoche ist erst mal kein Definitionskriterium, und je rascher eine neue Epoche eingeleitet wird, desto besser für die Chronostratigraphie, und natürlich auch als Kriterium für die Definition einer neuen Epoche. Ein sehr gutes Beispiel ist hier wohl der Asteroideneinschlag am Ende der Kreide, wormit die Kreide/Paläogen-Grenze definiert wurde. Dabei war aufgrund der Geokriterien (Iridiumlage, massenhaftes Artenssterben) klar, dass hier nicht nur eine Epochen-Grenze, sondern auch eine Grenze der Kreide-Periode, ja sogar eine Grenze der mesozoischen Ära gezogen werden muss. Ja, das Artensterben war da wirklich gewaltig (wenn auch schon zum Teil vorlaufend), am bekanntesten natürlich das Aussterben der Dinosaurier, aber in der Erdgeschichte gab es prozentual betrachtet, tatsächlich noch Zeiten größeren Artensterbens (etwa im Oberordivizium, oder an der Perm-Trias-Grenze). Und nach einiger Zeit war auch das Klima, der Meeresspiegelstand, und mit Einschränkungen auch die Ablagerungssituation im Paläozän doch wieder mit der höheren Kreidezeit vergleichbar., immer noch sehr warm, nach den Schreibkreise und sonstigen Kalken der Kreide immer noch Kalksedimentation (etwa in der Region Limburg (Niederlande), auf der Insel Seeland (Dänemark usw), dennoch hat man diese klare chronostratigraphische Grenze gezogen. Da ist die Grenze zum Anthropozän doch absolut gleichranging, zumal sich das Erdsystem durch die ‚Große Beschleunigung‘ nicht nur extrem, sondern auch in extrem kurzer Zeit geändert hat.

  2. Ich weiß, Sie wollen nicht “spekulieren” bzw. Sie (oder andere) können das vielleicht auch gar nicht, weil für eine einigermaßen zielführende Spekulation einfach nicht genügend Datenpunkte vorhanden sind.

    Trotzdem würde mich interessieren, ob Sie irgendwelche persönlichen/zwischenmenschlichen Dissonanzen als Ursache für den doch irgendwie merkwürdigen Ablauf der Ereignisse für möglich halten.

    • So einiges hab ich da ja im Beitrag dazu angesprochen sowie auch verlinkt. Aber ich empfehle dazu auch diesen aktuellen Podcast-Beitrag (Kai Urban mit Christian Schwägerl), ist zwar lang (aber sehr hörenswert, hab ihn vorhin angehört). So ab Min 20 geht’s dann konkreter um die Entscheidung, dabei auch um entsprechende Befindlichkeiten. Dass diese auch persönlicher Natur sein können bzw. dazu werden können, kann ich schon allgemein bestätigen.

  3. @Verantwortung

    Auch ohne Anthropozän dürfen wir verantwortlich mit diesem Planeten umgehen. Wenn die Zukunft günstig weiter geht, hören wir auf fossile Energieträger auszugraben, schrumpfen wieder auf 5 Mrd Weltbevölkerung und etablieren eine sehr weitgehende Kreislaufwirtschaft.

    Wenn jetzt noch eine Abkehr von jeder Verschwendung dazu kommt, dann geht das einmal recht schnell, und anderseits brauchen wir weniger metallische Rohstoffe dafür.

    Die Naturräume können sich dann erholen, und in recht passablen Zuständen florieren. Während sich gleichzeitig die Landwirtschaft selbst zu florierenden Ökosystemen weiter entwickelt.

    Wie man sich vorstellen kann, unterscheidet sich eine Zukunft, die von Verantwortung des Menschen dominiert wird deutlich vom Raubbau der letzten 70 Jahre. Entsprechend geht hier auch ein Anthropozän, das von menschlicher Verschwendung geprägt war, gar nicht mehr viel weiter, und wird von einer verantwortungsvollen Lebensweise der Menschen abgelöst.

    Wir hätten dann einerseits ein extrem verschwenderisches Event von in etwa nur 100 Jahren Dauer, dass dann aber von einer eher gärtnerischen Lebensweise inmitten einer umfassenden Kreislaufwirtschaft dauerhaft abgelöst wird.

    Wir sind mitten auf dem Weg dahin, scheint mir. Immer mehr kümmert sich der Mensch um die Natur, schützt Arten und renaturiert Lebensräume. Und ist dabei auf Techniken umzusteigen, die keine destruktiven Nebenwirkungen haben.

    Was länger bleiben kann, das sind freilich wärmere Zustände. Aber so schlecht muss das vielleicht gar nicht sein, ein Wechsel von Kalt- und Warmzeiten ist für Mensch und Natur auch alles andere als optimal.

    Klar müssen wir erstmal die weitere Erwärmung durch unsere Treibhausgasemissionen abstellen, aber wie es die nächsten Jahrhunderte weiter geht, insbesondere ob wir uns entschließen, die Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre zu entfernen, das werden wir dann sehen, ob und wie weit das wirklich Sinn macht.

    Entsprechend dürfte es mit dem Menschen dauerhaft günstig weiter gehen, und dass wir eben lernen, unseren Planeten richtig gut zu pflegen und uns untereinander wirklich gut zu vertragen.

    • Herr Jeckenburger, danke für Ihren Optimismus, ja, der ist auf alle Fälle notwendig. Allerdings eilt es natürlich enorm. Und im Beitrag habe ich ja auch diskutiert, dass es nicht nur einen Weg dorthin gibt, sondern viele, die alle zu begehen sind. Aber selbst im allerbesten Fall wird das Erdsystem nicht wieder ein holozänes sein, dazu haben wir es viel zu sehr geändert. Und wie im Beitrag ja auch steht: selbst falls wir eine optimale Kreislaufwirtschaft erreichen würden, verblieben weiterhin auch in Zukunft Technofossilien und andere Geosignale in den Sedimenten, und auch andere Parameter des Erdsystems (etwa die Flächennutzung) wären deutlich anders. Warnen würde ich vor der Diskussion, dass wir nur 5 Mrd Menschen sein dürften. 5 Milliarden können bei nichtnachhaltiger Lebensweise das Erdsystem viel mehr schädigen, als 9 Milliarden, die nachhaltig leben. (ich erwähne dies nur, weil das oft als Strohmann-Argument verwendet wird, um selbst nichts zu tun)

  4. @Leinfelder 01.04. 18:39

    „5 Milliarden können bei nichtnachhaltiger Lebensweise das Erdsystem viel mehr schädigen, als 9 Milliarden, die nachhaltig leben.“

    Klarer Fall. 9 Milliarden aber, die so verschwenderisch leben wir hier in Deutschland, werden schon an den zur Verfügung stehenden metallischen Rohstoffen scheitern. Beim Thema Ernährung gibt es ja noch die Idee, mittels Bakterienkulturen, die direkt mit grünem Wasserstoff gefüttert werden, dann hochwertige Nahrung ganz ohne Landbedarf in beliebiger Menge herzustellen.

    Das könnte zumindest den Flächenbedarf so reduzieren, dass für wilde Natur jede Menge Platz frei würde. Den kann man dann auch mit Aufforstung nutzen und damit verbunden jede Menge Treibhausgase wieder aus der Atmosphäre heraus holen.

    Die konkrete Entwicklung stelle ich mir so vor, dass wir auf ein Maximum an Weltbevölkerung bei 9 Mrd zusteuern, während so nach und nach die jetzt noch armen Menschen zu erträglichem Wohlstand kommen, während wir hier in den reichen Ländern gleichzeitig durchaus unseren Konsum reduzieren können. Natürlich nicht ohne Nutzung von erneuerbaren Energiequellen und anderer für die Nachhaltigkeit nötigen Techniken.

    Derweil danach bei einem folgendem Rückgang auf 5 Mrd Menschen nicht nur für alle ein passabler Wohlstand sondern auch komplett angepasste Technik zum Einsatz kommt. Wir wären dann in der Lage, die bis dahin angerichteten Schäden wenigstens weitgehend nach und nach zu reparieren.

    Ein Wohlstandsniveau, wie wir es derzeit in Deutschland praktizieren, dass erscheint mir aber jetzt schon als übertrieben und überhaupt nicht notwendig. Schon ganz unabhängig von den destruktiven Nebenwirkungen ist das auch die reinste Verschwendung von Mühe und Arbeitskraft.

    Hier bleibt es zu hoffen, dass die heute noch jungen Menschen die Lage wirklich erkennen, und dann konsequent die Probleme angehen werden. Und dass die Menschen, die hier wirklich die Probleme offenbar nicht erkennen, dass die dann nach und nach aussterben.

    Die Zeit der Verschwendung fände dann ein Ende. Dass der Mensch das Erdsystem dauerhaft verändern wird ist auch klar. Aber das könnte dann in eine sehr pfleglichen Nutzung übergehen, die über Jahrtausende florierende Ökosysteme eher stabilisiert als ruiniert.

  5. @Wissenschaftserkenntnisse öffentlich in der Diskussion zeigen

    Das wird interessant wie das Procedere in diesem Fall weitergeht, da in Gesellschaft, Medien und besonders Bildung, neben den wissenschaftsnahen Forschungsbereichen nicht mehr rückgängig zu machen ist!
    Danke für die Information und die Veröffentlichung bzw auch Sicherung…da wir von vielen Wirtschaftsinteressen umgeben sind.
    Leider sehe ich nach Ausbruch von Corona in vielen Berufen und ich verstehe im Ganzen auch die Wissenschaft mit den Forschungsprojekten nicht, dass lieber intern verkompliziert wird, als so viel wie möglich als Erkenntnisse in die gemeinsame Diskussion und öffentliche Aufmerksamkeit gebracht wird, um mit Umsetzung als Nutzen gravierend voranzukommen und die eigene führende Rolle als Lösungsgeber klar einzunehmen, statt allen Mutmaßungen das Feld frei zu überlassen .
    Wie gesagt mit vielen Bereichen im Austausch und Unterstützung, ist mir das in heutiger Situation noch ein Rätsel.

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