Anthropozän – Keine Epoche für die Menschheit?

Stellungnahme der Anthropocene Working Group der SQS 

(sowie kleine Medienauswahl und weitere Statements in den Nachträgen) 

Derzeit gehen Meldungen und Berichte zur formalen Ablehnung des Anthropozäns durch die Subcommission on Quaternary Stratigraphy durch die Medien. Der Anthropozäniker wird hier demnächst näheres erläutern. Aus Zeitgründen aber nun erst einmal
zwei Links:

Des weiteren nachfolgend die Original-Stellungsnahme der mit der Untersuchung und dem Definitionsvorschlag von der SQS beauftragten Anthropocene Working Group (zu der der Anthropozäniker auch gehört) zum Beschluss dieser SQS (Subcommission on Quaternary Stratigraphy), in der Version von heute, 6.3.2024 (auf Englisch, darunter auch eine Übersetzung ins Deutsche). 
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AWG Press Release (Version 6 March, 2024, 1000 GMT)

The results of voting on the Anthropocene within SQS were announced 05 March 2024 without the authorization of the Chair of the SQS or overall authorization of its executive. Issues remain that question the validity of the vote and the circumstances surrounding it, in part concerning relevant information just received today from the President, International Union of Geological Sciences. When these are resolved and clarified, we hope shortly, we will be positioned to comment further, but are unable to talk directly on this matter at present.

Irrespective of the vote, the AWG stands fully behind its proposal, which demonstrated beyond reasonable doubt the following:

·     The Earth System now clearly lies outside of the relatively stable interglacial conditions that characterized the Holocene Epoch beginning ~11,700 years ago.

·     The Earth System changes that mark the Anthropocene are collectively irreversible, meaning that a return to the stable conditions of the Holocene is no longer possible.   

·     Anthropocene strata are distinct from Holocene strata. They can be characterized and traced using >100 durable sedimentary signals including anthropogenic radionuclides, microplastics, fly ash and pesticide residues, most of which show sharp increases in the mid-20th century, concurrent with the “Great Acceleration” of population, industrialization and globalization. 

·     The base of the Anthropocene is clearly identified in the proposed stratotype section at Crawford Lake, Canada, by a sharp upturn in plutonium concentrations in annually laminated sediments deposited in 1952 CE, coincident with the beginning of thermonuclear bomb testing. This marker level has been traced with great precision in strata around the world including at the three proposed Standard Auxiliary Boundary Stratotypes (SABS) and other reference sections. 

All these lines of evidence indicate that the Anthropocene, though currently brief, is – we emphasize – of sufficient scale and importance to be represented on the Geological Time Scale and terminating the Holocene.

We, as a group of many eminent researchers in our field of expertise, wish to carry on, in an informal capacity if necessary, and will continue to argue the case that the evidence for the Anthropocene as an epoch should be formalised, as consistent with the scientific data presented in the submission. If the above vote is confirmed by ICS then the current proposal cannot progress. Given significant issues with the procedure and circumstances of the vote, though, currently being pursued, we cannot confirm that the vote will be upheld.


Deutsche Übersetzung (aus Zeitgründen via automatischem Translator): 

AWG-Pressemitteilung (Version vom 6. März 2024, 1000 GMT)

Die Ergebnisse der Abstimmung über das Anthropozän innerhalb der SQS wurden am 05. März 2024 ohne die Genehmigung des Vorsitzenden der SQS oder die allgemeine Genehmigung ihres Vorstands bekannt gegeben. Es bleiben Fragen offen, die die Gültigkeit der Abstimmung und die Begleitumstände in Frage stellen, zum Teil in Bezug auf relevante Informationen, die erst heute vom Präsidenten der International Union of Geological Sciences erhalten wurden. Wenn diese Fragen geklärt sind, was hoffentlich in Kürze der Fall sein wird, werden wir in der Lage sein, uns weiter zu äußern, sind aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht in der Lage, direkt über diese Angelegenheit zu sprechen.

Ungeachtet des Abstimmungsergebnisses steht die AWG voll und ganz hinter ihrem Vorschlag, mit dem sie zweifelsfrei Folgendes nachgewiesen hat:

– Das Erdsystem befindet sich jetzt eindeutig außerhalb der relativ stabilen interglazialen Bedingungen, die die Holozän-Epoche, die vor etwa 11.700 Jahren begann, charakterisierten.

– Die Veränderungen des Erdsystems, die das Anthropozän kennzeichnen, sind insgesamt irreversibel, was bedeutet, dass eine Rückkehr zu den stabilen Bedingungen des Holozäns nicht mehr möglich ist.   

– Anthropozäne Schichten unterscheiden sich von holozänen Schichten. Sie lassen sich anhand von mehr als 100 langlebigen Sedimentsignalen charakterisieren und zurückverfolgen, darunter anthropogene Radionuklide, Mikroplastik, Flugasche und Pestizidrückstände, von denen die meisten in der Mitte des 20. Jahrhunderts, zeitgleich mit der “Großen Beschleunigung” von Bevölkerung, Industrialisierung und Globalisierung, stark ansteigen. 

– Die Basis des Anthropozäns ist in dem vorgeschlagenen Stratotyp-Abschnitt am Crawford Lake, Kanada, durch einen starken Anstieg der Plutoniumkonzentration in den jährlich laminierten Sedimenten, die 1952 u. Z. abgelagert wurden und mit dem Beginn der thermonuklearen Bombentests zusammenfielen, klar erkennbar. Dieses Markerniveau wurde mit großer Genauigkeit in Schichten auf der ganzen Welt verfolgt, auch in den drei vorgeschlagenen Standard Auxiliary Boundary Stratotypes (SABS) und anderen Referenzabschnitten. 

All diese Belege deuten darauf hin, dass das Anthropozän, auch wenn es derzeit nur kurz ist, eine ausreichende Größe und Bedeutung hat, um auf der geologischen Zeitskala dargestellt zu werden und das Holozän zu beenden.

Wir, eine Gruppe von vielen herausragenden Forschern in unserem Fachgebiet, möchten, wenn nötig, in informeller Funktion weitermachen und werden weiterhin dafür plädieren, dass die Beweise für das Anthropozän als Epoche formalisiert werden sollten, da sie mit den in der Vorlage präsentierten wissenschaftlichen Daten übereinstimmen. Sollte das oben genannte Votum von der ICS bestätigt werden, kann der aktuelle Vorschlag nicht weiter verfolgt werden. Angesichts erheblicher Probleme mit dem Verfahren und den Umständen der Abstimmung, die derzeit verfolgt werden, können wir jedoch nicht bestätigen, dass die Abstimmung aufrechterhalten wird.

Anthropocene Working Group (http://quaternary.stratigraphy.org/working-groups/anthropocene/) 

Chair: Colin Waters,  cw398@leicester.ac.uk

Secretary: Simon Turner,  simon.turner@ucl.ac.uk 


Nachträge:

 

 


Zum Vorschaubild: Quelle dieses Beitrags aus: https://scilogs.spektrum.de/der-anthropozaeniker/die-zaehmung-der-zeit-ein-goldener-nagel-fuer-das-anthropozaen/

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Reinhold Leinfelder ist Geologe, Geobiologe und Paläontologe. Er ist Professor an der Freien Universität zu Berlin (Arbeitsgruppe Geobiologie und Anthropozänforschung) sowie (seit Okt 2018) zusätzlich Senior Lecturer am Institut Futur der FU. Seit April 2022 ist er formal im Ruhestand. Seit 2012 ist er Mitglied der Anthropocene Working Group der International Stratigraphic Commission. Von 2006-2010 war er Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin, von 2008-2013 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), von 2011-2014 Research Fellow und affiliate Carson Professor am Rachel Carson Center an der LMU, München, von 2012-2018 Principal Investigator am Exzellenzcluster "Bild-Wissen-Gestaltung" der Humboldt-Universität zu Berlin, von 1. Sept. 2014 bis 15. Sept. 2016 Gründungsdirektor der Futurium gGmbH in Berlin. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte liegen beim Anthropozän, Korallenriffen, neuen Methoden und Herausforderungen des Wissenstransfers und Museologie | Homepage des Autors | blog in english, via google translate

8 Kommentare

  1. Wenn solche Kriterien wie oben anwendet werden, dann beginnt das Anthropozän meiner Meinung nach nicht erst Mitte des 20. Jahrhunderts, wie es vorgeschlagen wird, sondern mit dem Städtebau der Antike vor tausenden von Jahren, der bis heute bleibende Änderungen an der zuvor vorherrschenden Natur verursachte und dann durch die massiven Abholzungen der Wälder erst in Italien und Spanien durch die Römer und später durch die Mitteleuropäer, die zu einer “künstlichen” Natur führten, eben auch bleibenden Schäden am ursprünglichen Ökosystem. In Asien fand das vielleicht nicht so ausgeprägt statt, und in Amerika begann die Vernichtung des ursprünglichen Ökosystems wohl im 16. bis 17. Jahrhundert. Man findet die Spuren dieser Umwälzungen in geologischen Schichten incl. solchen im und unter den Meeresküsten.
    Eine geologische Schicht mit nachweisbaren massiven menschlichen Eingriffen seit der Mitte des 20. Jahrhundert wird meiner Meinung nach erst in einigen Jahrtausenden oder Jahrzehntausenden wirklich nachweisbar sein, wenn in diesen Schichten anthropogene Radionuklide, Mikroplastik, Flugasche und Pestizidrückstände (s. oben) noch nachweisbar sind. Heute kann man wohl kaum beurteilen, wie diese Schicht sich bilden wird, sie liegt ja noch weitestgehend an der Oberfläche.

  2. Ich poste hier einfach mal, was ich schon als Mail zu dem Leitartikel zum Thema geschickt habe:

    „Anthropozän“ ist ein Name wie „Wursttheke“ – ob Miss Piggy sich dadurch geehrt fühlt oder Schweinchen Babe ihn aus Bescheidenheit ablehnt, die Nabelschau erklärt im Wesentlichen, warum sie auf der Wursttheke landen.

    Leute, wir sind nur ein Katalysator – von der Sorte, die die Natur schnell erzeugt und schnell abbaut, weil sie nur dazu da sind, in kürzester Zeit sehr viele Veränderungen herbeizuführen. Dass uns unser Eintagsfliegen-Leben lang vorkommt und die Verweildauer unserer Spezies auf Erden noch viel, viel länger, liegt an üblicher Wald- und Wiesen-Zeitdilatation: Zeitgeschwindigkeit hängt von der Reaktionsgeschwindigkeit ab, und weil so ein Katalysator extrem viele Ereignisse in extrem kurzer Zeit auslösen muss, packt er auch sehr viele Jahrhunderte in die paar Sekunden seiner Existenz.

    Zeitgeschwindigkeit lässt sich mit dem Thermometer messen, denn Temperatur bezeichnet die Ereignisdichte. Die ganze Existenzdauer der Menschheit beinhaltet also die paar Sekunden zwischen dem Moment, wo dem Planeten der Oscar überreicht wird, und dem wo er, zwischen Piggys Eitelkeit und Babes Bescheidenheit schwankend, errötet.

    Es kann recht schwer sein, zwischen einem unbelebten System zu unterscheiden, das nur von der Physik geregelt wird, und einem belebten, das bereits eigene, zielgerichtete Regulierungsmechanismen aufgebaut und stabilisiert hat, weil Ersteres im Allgemeinen macht, was Letzteres im Besonderen verfeinert, und beides stets zusammenspielt. Anders gesagt, die Biosphäre der Erde muss kein Organismus sein, um Hormone, Enzyme, Katalysatoren, whatever, auszuscheiden, sondern Zufall und natürliche Auslese bilden Dinge, die sich prima als Hormone, Enzyme, Katalysatoren eignen, und die können von der Evolution in Organismen verbaut werden. Ich kann also sagen, was wir sind, aber nicht, wieso wir es sind. Reiner Zufall oder Selbstregulierung eines Organismus? Mir egal, und hat auch nix mit dem Thema zu tun. Der Zufall ist zielgerichtet und treibt die Evolution an, macht sich aber auch gern über uns lustig. Dass sich irgendwelche Fünf-Sekunden-Pampe für die Krone der Schöpfung hält, gehört wohl auch dazu.

  3. Anstatt Anthropozän könnte Post-Holozän New Eemian heissen
    Vorschlag: Anstatt nach Spuren menschlicher Aktivität in den geologischen Strata zu suchen, könnte man einfach den zu erwartenden globalen Klimaumschlag zum Namen der nächsten erdgeschichtlichen Periode machen. Weil das zu erwartende Klima dem der Eem-Warmzeit — von116,000 zu 129,000 vor heute – ähnelt, wäre ein guter Name vielleicht Neue Eem-Warmzeit. Der Startpunkt der Neuen Eem-Warmzeit könnte definiert sein durch ein mehrjähriges vollkommenes Abschmelzen der Arktis oder durch bestimmte Veränderungen in Grönland.

    • Lieber Dr. Webbaer, danke für die Blumen (und pardon für die späte Freigabe). Zum verlinkten Artikel sage ich jetzt mal lieber nichts, sondern verweise ggf. auf meine aktuellen Nachträge oben (sowie weiteres demnächst).

  4. Der AWG-Vorschlag war doch ganz einfach, im Kern:

    i) laufende qualitative Änderung der Dynamik des Erdsystems;
    ii) ausgelöst durch kumuliert quantitative Änderungen (‘Great Acceleration’) des gesellschaftlichen Stoffwechsels;
    iii) einfaches isochrones globales Signal (‘fall out’ Atombombentest) als Bezugspunkt.

    Alleine, die ‘dahinterstehende Nachricht’ stört: Der Verursacher ist die globale Konsumgesellschaft westlicher Prägung.

    Oder in Worten Erle Ellis: “positive feedback loop of ‘runaway sociocultural niche construction’” (https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rstb.2022.0255), dies als Event bezeichnen möchte.

    Es ist amüsant, das die Explosion einer A-Bombe eine ‘runaway nuclear reaction’ ist. Womit wir, metaphorisch, wieder bei der Epoche Anthropozän sind.

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